Indiana Tribüne, Volume 28, Number 5, Indianapolis, Marion County, 29 August 1904 — Page 7
Jndiana Tribüne, 2g. August
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Von Zweien geliebt Konan von 0 Alfred gtaflfcn Z 040G4C400Q0C00043 (Fortsetzung.) Aber er hielt den Schrei zurück, er dachte daran, daß er seinen Frieden mit der Todten gemacht, daß Charlotte selbst am Abend vorher den ihrigen mit dem kleinen Hans zu machen versucht und so wandte er sich nach kurzem, innerem Kampf stille und weich zu Tante Johanna und sagte: Ja, laß es so geschehen, wie Du denkst." Und unter der Betheiligung des ganzen Städtchens und der Umgebung wurde ein großer, unter weißen Rosen völlig verschwindender Sarg hinaus auf den Friedhof getragen. Unter den Rosen ruhte Charlotte und an ihrer Brust der arme, kleine Hans. Eine seltsame Empfindung überkam Walter, als er dem in der Tiefe verschwindenden Sarge nachstarrte. Er hörte in sich eine Stimme raunen: Du hast der Todten, die Dich stets in ihrem Zauberbann gehalten, mit dem kleinen Knaben für alle Zeiten willig ein Stück Deines Herzens in die Arme gelegt! Dafür gibt sie Dich frei, die Zauberbände sind gelöst. Du bist erwacht aus einem berauschenden, schwülen Traume. Und vielleicht wirkt sie noch eine Erlösung für Dich! Sie wird für Dich Fürbitte einlegen bei Hänschens Mutter, die nun wieder mit ihrem Knaben vereint ist! Schau nur recht um Dich. Irgendwo flammt ein neues Frühroth glaube daran geh' ihm entgegen!" Und es kam wirklich mit jäher Gewalt über ihn wie ein großes, großes Aufathmen, wie ein frischzugreifendes Abwerfen der bittersten Schmerzenslast. Und er mußte gewaltsam an sich halten, daß er sich aus der gebeugten Trauerhaltung nicht plötzlich emporrichtete und beide Arme reckte. Den Augen und der Seele aber konnte er nicht gebieten, die von dem Grabe und all den schwarzgekleideten Menschen rings fortstrebten in weite Fernen. In diesen Fernen war es wie ein verheißungsvolles Winken mit hellen, seidenen Fahnen, das ihn mit neuer Kraft, mit neuer Hoffnung, mit neuem Glauben an das Leben erfüllte! Schon am nächsten Tage trat er vor Ferdinand Rebwaldt und Tante Jobanna hin und bat, sie möchten ihn acht für herzlos halten, wenn er sich jetzt schon von ihnen verabschiede. Er könne nicht anders, es dränge ihn fort, er wolle versuchen, in der Arbeit, in heißer, ehrlicher Arbeit das verlorene Gleichgewicht seiner Seele wieder zu finden. Und er ging. Den alten Vater nahm er mit. Als dann Ferdinand Rebwaldt und Tante Johanna sich so ganz allein in den stillen, verwaisten Trauerräumen des Stadtgutes gegenüber standen, fiel die Schwester dem Bruder plötzlich in iiefinnerster Bewegung um den Hals. Lange hielten sich die Beiden innig umschlungen. Die gute,' tapfere Tante Johanna faßte sich zuerst wieder und richtete sich mit einem Ruck auf. Ganz eilig und mechanisch strich sie sich das Haar zurecht, dann ergriff sie die Hand des Bruders und sagte feierlich: Wir wollen bis zum letzten Augenblick auf dem Posten, auf den wir gestellt worden sind, treulich aushalten!" Ja, liebe Johanna, meine gute Schwester, das wollen wir," erwiderte Ferdinand Rebwaldt mit erhobenem Kopf und drückte fest ihr harte treue Arbeitshand. 23. Kapitel. alter nahm den Bater mit sich nach München. Er wollte sich nun nie wieder von dem guten Alten trennen. Lehxtt Böhme richtete sich voll schmerzlicher Inbrunst in dem Zimmer ein, aus dem für immer das fröhliche Lachen des verunglückten Kleinen verschwunden war. Oft suchte der Alte die ehemalige Wärterin Hänschens auf, die im Hause bleiben durfte. Die beiden Leutchen faßen dann zusammen und beschworen wieder und wieder die holde Erscheinung des armen, kleinen Kerls herauf und trösteten sich gegenseitig mit hundert hübschen Erinnerungszügen aus Klein-Hänschens Leben, nach denen sie nicht müde wurden, das Gedächtniß zu durchforschen. Indessen kämpfte Walter in seinem Atelier einen letzten Kampf gegen die bittere, traurige Vergangenheit. Er war heimgekommen mit der Absicht, sofort ein neues Werk zu beginnen. Und fast selbstverständlich war es ihm erschienen, daß er jenen Plan, den er schon längst mit sich herumgetragen, zur Ausführung bringen werde: Die Gestaltung des sch'önen'schlanken Mädchens mit den weißen Blumen in den Händen. Da aber war's, als umtöne ihn eine leise Klage von Charlottens für immer erblichenen Lippen: So rasch hast Du mich vergessen? Und er ließ die fleißige Hand sinken und durchforschte sein Inneres. Hatte der Nebensinn, der in der leisen Klage der Todten lag, wohl recht? Nein, ganz gewiß nicht. Er dachte kaum an jenes schöne Wesen, das ihm einst die Idee zu der geplanten Gestalt eingegeben. Sie war für ihn in weiter
Ferne, er sah keine Brücke 'zu ihr hin, und wäre sie dagewesen, er hätte sie nicht betreten. Nichts von heißen Wünschen, von drängender Sehnsucht nach Frauenschönheit war in ihm. , Er wollte sich in freudiger Arbeit nur das Leben von Neuem dienstbar machen, nichts sonst. Freilich konnte er keine klare Antwort darauf geben, weshalb es ihn drängte, die Gestaltung dieser Figur als Markstein eines neuen Lebens hinzusetzen. Und eines Tages wußte er doch die Antwort. Sie kam ihm mit einer plötzlichen Erkenntniß. Alles, was er bisher geschaffen, war gleichsam umzittert von einem heißen, schwülen, sinnlichen Hauch. Nun aber sollte sein Schaffen bestimmt ein anderes sein Reinheit und Klarheit würden in den neuen Linien und Gestalten wohnen. Und darum mußte er zuerst die Gepalt des schönen, schlanken Mädchens schaffen, in deren Händen gar kein anderes Symbol denkbar war, als das der Erquickung und Heilung durch weiße Blumen! Und mächtiger noch als damals in der Begräbnißstunde, an der offenen Gruft, überkam ihn das verjüngende und erlösende Gefühl, daß er nun wirklich frei sei frei zu einem neuen, schöneren, reinen Schaffen! Frei in einem Sinn, der ihm ganz ungeahnte Zukunftsbelohnung verhieß! Und in geläutertem Eifer arbeitete und schritt er dieser Zukunft voll unerschlossener Schätze entgegen. Da kam ein Zwischenfall. Auf einem Spaziergang war's, daß er an einer Plakatsäule' die Anzeige eines Konzertes las, aus der ihm der Name Ernst Hennig entgegensprang. Natürlich wußte Walter, daß sein kleiner, verkrüppelter Landsmann die Künstlerlaufbahn eingeschlagen hatte. War er's nun wirklich, der da als Pianist unter den Mitwirkenden einer großen, vornehmen Konzertveranstaltung aufgeführt war? Aber es erging Walter seltsam. Diese Frage an und für sich interessirte ihn nur ganz nebensächlich. Ueber die Schulter des Bruders 'hinweg erblickte er auf einmal ganz klar und deutlich das Gesicht der Schwester. Die schöne Tori schaute ihn an mit der unberührten Kinderreinheit ihres Blickes, wie einen warmen Hauch empfand er die holde Anmuth! Tori Hennig, der feine Eltern einstmals so viel zu danken gehabt, und mit ihnen auch er! Tori Hennig, . die inzwischen gcheirathet hatte, und von der er so gar nichts sonst wußte! Hätte er es früher wohl für möglich gehalten, daß einmal solch ein breiter Strom des Fremdseins zwischen ihnen fließen würde? Allein wenn es wirklich ihr Bruder war, der da morgen in einem Konzert mitwirkte, so konnte er ja aus der besten und sichersten Quelle Erkundigungen einziehen. Wie ein Fingerzeig war das. Und ohne viel Ueberlegen und Erwägen, von einem unabweisbaren Ansporn getrieben, suchte er eine der auf dem Programm namhaft gemachten Verkaufsstellen auf und erstand sich ein Billet. Er hatte Glück, er bekam in einer der ersten Reihen einen Platz, der wegen Erkrankung des früheren InHabers zurückgegeben worden war. Und am nächsten Abend bewegte sich Walter unter der zahlreichen Zuhörerschaar und konnte sich überzeugen, daß er wirklich seinen kleinen, verwachsenen Landsmann Ernst Hennig als einen hochtalentirten, wenn auch noch nicht völlig ausgereiften Künstler mit einer
stark ausgeprägten melancholischen Eigenart vor sich sah. Ernst Hennig hatte beim Betreten des Podiums den dichtbesetzten Zuschauerraum nur mit einem schüchternen Blick gestreift, aber mochte es sein, daß Walter in der Erregung des Augenblicks den Kopf ein wenig emporgereckt hatte die Augen der Landsleute waren sich begegnet. Walter jedoch hatte sich dieses Erkennen ganz anders gedacht. Das ohnehin blasse Gesicht des jungen Künstlers ward noch um einen Schein bleicher, und seine Züge nahmen den Ausdruck finsterer und doch zugleich schmerzlicher Zurückweisung an. Nichts von aufflackernder Freude war in den dunklen, verträumten Augen zu finden. Betroffen saß Walter auf seinem Platz und lauschte dem Spiel des jungen Künstlers. Und in diesem Spiel schienen sich die Vorwürfe zu wiederholen, die er vorhin aus dem Gesicht, aus den Augen Ernst Hennigs herausgelesen. Eine immer mehr anwachsende Unruhe bemächtigte sich Walters. Und wieder überkam ihn die seitsame Vision: Wieder sah er über die Schulter des Bruders hinweg das Gesicht der Schwester! Und in ihren Augen, in ihren Mienen war der gleiche abweisende, tiefschmerzliche Ausdruck! Von ihren herbgeschlossenen Lippen schien die gleiche Anklage zu ertönen, die unter den Fingern des Bruders so ergreifend und erschütternd hervorquoll. Walter mußte sich ein paarmal über die Stirn und die Augen fahren, mußte ein paarmal um sich schauen nach den festlich geputzten Menschen, um sich zu überzeugen, daß er wach sei und ihm nur seine Phantasie einen Streich spiele. In der ersten Zwischenpause erhob er sich und strebte dem Ausgang zu. Er dachte nicht mehr daran, Ernst Hennig in dem Künstlerzimmer zu einer traulichen Hcimathsplauderei aufzusuchen. Es wäre ja doch nur eine frostige Begrüßung voller Unbehagen und Zwang geworden. Und vor allem
mußte er' fort aus dem geschlossenen Raume mußte den weiten Nachthimmel über sich sehen und die Wohlthat der ungchindert herzuströmenden Luft empfinden, um den Druck loszuwerden, der ihm so beklemmend bang das Herz zus ammenschnürte. Allein die weiche Luft der Hochsommernacht, der sternengestickte Himmel in feiner ganzen hehren Unendlichkeit brachten ihm nicht die ersehnte Befreiung. Das schöne Mädchengesicht
mit der stillen Klage darin war ihm aefolat heraus auf die Straße. Und cs glitt ihm zur Seite dahin, so hastig er auch vorwärtsschritt. Und als er endlich ermattet und fchweißbedeckt von dem raschen Laufen, das wie eine thorichte Flucht war, auf einem freien Platz ankam und in den spärlichen Anlagen aus ein: leere Bank sank, war das Bild noch immer da. Und auf einmal verstand er die stille Klage in den schönen Zügen. Auf einmal wußte er. daß die holde Tor: eine große Liebe für ihn im Herzen gehegt batte, an der er achtlos vorubergegangen war. Aber war er denn ein Schuldiger, daß ihn die süßen Kinderaugen so anklagend anschauen durften? Er sprang auf und schritt hin zu dem leise plätschernden Springbrunnen dort drüben, ganz nahe trat er heran, damit ihm die versprühenden Tropfen die heiße Stirn kühlen möchten. Ja, so seltsam heiß glühte ihm die Stirne, und wie im Fieber pochte es in seinen Adern. War das die Mahnung eines Schuldbewußtseins? Hatte er jemals durch sein Thun und seine Worte den Brand der Liebe in ein stilles, reines Mädchenherz geworfen? Angstvoll den Athem anhaltend, grübelte er nach. Er fand nichts, was bei näherer, ehrlicher Prüfung zu einem Vorwurf für ihn hätte anwachsen können. Aber die seltsame Unruhe gab ihn nicht frei. Und wenn er sich schließlich auch einen thörichten Träumer schalt, dem die Hochsommernacht zu schassen mache, und der darum gut thue, in seine stillen vier Wände heimzukehren die Unrast ging auch jetzt noch mit ihm und der Zwiespalt in seiner Seele blieb. Am nächsten Morgen stand er vor seiner Arbeit und wollte weitergestalten an dem Mädchenbild, das voll reiner, heiterer Seelenruhe, die weißen Vlumen in der Hand, einen besänftigenden und befreienden Zauber ausstrahlen sollte. Und da empfand er tieferschrocken, daß er diesen Zauber nicht mehr werde erreichen können. Wie sollte er reine und heitere Linien finden, wenn vor seiner Seele immer ein paar klagende Augen standen und ein sanfter schmerzverschlossener Mund? Er ließ einige Tage von der Arbeit ab, in der Hoffnung, er werde inzwischen feine Ruhe zurückgewonnen haben. Nein, es war nicht anders geworden. Seine Hand und sein Wollen blieb unsicher. Der Zwiespalt war nicht fort. Da faßte er einen raschen, trotzigen Entschluß. Er wollte Tori sehen! Er wollte sich selbst überzeugen, ob sie in den Verhältnissen, die sie sich selbst erwählt, eine fröhliche Herrin war oder eine Dulderin mit krankem Herzen. Während er die Vorbereitungen zu seiner Reise nach Weimar traf, fragte er sich mit bitterem Spottlächeln: Ja, was bin ich denn für ein Mensch? Kaum ein paar Wochen sind seit dem Tode meiner unglücklichen Frau und meines süßen kleinen Knaben verstrichen und da reißt es mich schon hinein in ein neues Wirrsal, so tief hinein, daß ich kaum noch Zeit gewinne, einen bedauernden Blick zu werfen auf das, was hinter mir liegt? Was sind das für Gewalten, die so mit uns spielen dürfen? Aber es war ihm wohl gar nicht um eine ernstliche Antwort zu thun. Denn wie sie auch ausgefallen wäre, er hätte die Reise doch unternommen. Es war wirklich, als sei er der Spielball einer unbegreiflichen, dunklen Gewalt. Er hatte in Neustadt den Namen öfters nennen hören, den Toris Gatte führte. Nun ließ ihn aber sein gutes Gedächtniß doch int Stich. Er grübelte umsonst danach. Als er jedoch in Weimar angekommen war, stand auch wie mit einem Zauberschlag der vergessene Name des fremden Mannes in seinem Gedächtniß wieder fest. Alexander Erlbeck ja, so lautete er. In den ersten Stunden schon hatte Walter die Parkvilla ausfindig gemacht, in der Tori als Herrin lebte. Aber wie er an Ort und Stelle war, brauchte er merkwürdigerweise ein paar Tage, ehe er sich entschloß, den glänzenden Klingelknopf an der Gartenthür zu ziehen. Als sei er einer der Fremden, die um Weimars selbst willen kommen, hatte er erst alles, was es Interessantes zu sehen gab, in Augenschein genommen, obwohl er nur mit halbem Seitenblick daran vorübergeschritten war. Er hatte nicht anders gekonnt und es vermieden, sich klare Rechenfchaft über sein Zaudern zu geben. Nun aber wollte er in die Villa eintreten. An einem ersten hellen Septembermittag war's. Er hatte sich Wort für Wort zurechtgelegt, wie er seinen Besuch .motiviren wollte. Es war ja übrigens gar nichts so Besonderes, daß er, der Landsmann, auf der Durchreise anklopfte, um sich nach dem Befinden der Frau vom Hause zu erkundigen. Ganz, ganz ruhig, als habe er gar kein Herz, das klopfen könne, fühlte er sich in dem Augenblick, da er die Klingel zog. Und ebenso ruhig durchschritt
er die Thür, die vom Haus aus geoff-
net wurde und näherte sich der Villa. Da aber war's jäh um seine Ruhe geschehen. Dort in dem Gartensaal, dessen Thüren weit offen standen, bemerkte er eine schlanke Frauengestalt. Sie hielt sich halb abgewendet, nur ein Stück ihrer zarten Wange sah er aber wenn auch seinem Blick das ganze schöne Gesicht sich dargeboten haben würde das Gesicht wäre es im ersten Augenblick nicht gewesen, das ihn in eine so tiefe Erschütterung hineingerissen hätte! Die Frauengestalt dort, deren schlauker Leib die Linien seines erträumten und schon halb fertigen Bildwerkes auswies, hielt jedoch in ihren Händen weiße Blumen, die sie gerade in einer Vase ordnen wollte. Das Symbol! Es schimmerte ihm entgegen, grüßte ihn gleich an der Schwelle des Hauses! Das war's, was ihn aller Fassung beraubte, daß er am ganzen Körper erbebte, was ihm das Herz umwendete! Und solch ein umgewendetes Herz hat die Macht, fchlagartig in ein anderes, ihm nahes Herz die heiße Unrube hineinzutragen. Die junge Frau, die auf den Ton der Klingel und die nahenden Schritte gar nicht geachtet hatte, sah plötzlich mit ahnungsvoller Hast auf und erbleichend erkannte sie den, der da draußen stand mit stockendem Fun! Und wie eine läbmende Erstarrung überkam es sie die Blumen entfielen ihrer Hand. Im nächsten Augenblick schon kniete Walter davor auf dem Boden, seine zitternden Hände hoben das Heiligthum auf und boten es ihr dar, die mit dem Ausdruck blassen Schreckens auf ihn niederstarrte! Verwirrte Worte waren's, die sich von Walters zuckenden Lippen lösten. Dann aber nahm er alle seine Kraft zusammen. Er stanv aus und machte der jungen Zrau so etwas wie eine Verbeugung, die freilich mißglückt genug ausfiel. . Verzeihen Sie den Ueberfall," murmelte er. Und da sie noch immer regungslos blieb, in den Banden der tiefen Erstarrung fügte er bekümmert hinzu: Tori hab' ich Ihnen weh gethan?" Sie antwortete auch jetzt noch nicht. Aber sie zerdrückte die Blumen in ihren Händen. Er sah's und, meinte ihr mit einem leisen Wehlaut wehren zu müsfen. Allein er hielt ihn zurück, und die schon halb erhobene Hand sank ihm wieder nieder. Tori legte die zerdrückten Blumen neben sich auf den Tisch. Sie sind's, Walter," sagte sie endlich wie aus einer Ohnmacht erwachend. Sie sind es wirklich-" Ja, Tori ja, gnädige Frau." Sie machte eine abwehrende Veweguna. Da.'.r tastete sie plötzlich in übermächtig aufquellendem Mitleid nach feiner Rechten und stieß impulsiv hervor: Ueber Sie ist in der letzten Zeit so Schweres, so sehr Schroeres hereingebrochen " Walter wandte den Kopf ab. als könne er so verhindern, daß die junge Frau den Namen Charlotte aussprechen würde. Er wußte selbst nicht, weshalb er sich beinahe davor fürchtete, gerade jetzt den Namen der Unglückseligen hören zu müssen. Aber das Gefühl des Widerwillens war stark, fast leidenschaftlich in ihm. Er kam Tori zuvor, die vielleicht doch von Charlotte gesprochen hätte, und rief rasch und mit schwerer Betcnung: Mein armer, kleiner Junge ja, das war furchtbar entsetzlich war das " Tori hatte auch nicht einen Tropfen Blut mehr im Gesicht. Verschluckte Thränen klangen in ihrer Stimme, als sie sagte: Man schrieb es uns aus Neustadt o glauben Sie mir, Walter, wir haben tief, tief mit Ihnen getrauert, mein Bruder und ich " Der junge Bildhauer drückte dankbar die Hand Toris und zog dann die feine zurück. Er erbebte vor einer längeren Berührung dieser weichen, zarten Frauenfinger, ihm bangte davor, daß die dunkle Gewalt in seiner Seele, die ihn so widerstandslos hierher nach Weimar getrieben, zu irgend einem Ausbruch kommen könne. In den tiefen und großen Schmerz hinein, den er zu gleicher Zeit in der Erinnerung an sein geliebtes, unglückliches Kind empfand, erklang dieser Warnungsruf, auf der Hut zu sein. In Toris Wangen war ein tiefes, aber rasch wieder verwehendes Roth geschossen, als Walter seine Hand aus der ihren zurückgezogen. Sie hatte jedoch keine Zeit, so etwas wie thörichte Scham zu empfinden die Trauer um das arme Kind, das sie freilich nie mit eigenen Augen gesehen, war zu groß und ehrlich in ihr. Und noch etwas anderes zitterte in ihrer Seele. Sie wußte nicht, ob sie auch von dem zweiten Unglück sprechen dürfe, das Walter betroffen, von dem Tod Charlottens. Instinktiv fühlte sie seine innere Abwehr heraus und war nun wie erfüllt von einem unruhigen Aufhorchen und Lauschen, weshalb das wobl so sei. Aber sprechen mußte sie, und so trat ihr noch einmal das rührende Bedauern um den Tod des Kindes auf die Lippen. (Fortsetzung folgt.) DU Frauenuniversität in Tokio, vor drei Jahren eröffnet, hielt in diesem Frühjahr zum ersten Male eine Schlußprüfung ab und entließ 120 Schülerinnen mit Divlom.
Melk Dabcrsack's Zchreibebr?et.
i 5o. ISS. Seohrter Mister Edithor! Also, ich sin glücklich in Retthatt Springs. Der Tripp duht nit zu viel emaunte, un in siwwe Stunde sin ich da gewese. Ich will treie, Jhne e Deßkrippschen von den Platz zu gewwe, so gut wie ich kann. In die Mittel von en Busch Hot das Bilding aestanne. Es war e Frehmhaus Hot zwei Stohries gehabt, un in Front von den Bilding war e Well, wo immer Schmohk eraus komme is, un wo zwei odder drei Bensches drum erum gestanne hen. Wie ich in Front von den Hotell, bikahs das is was das Bilding for war, komme sin, do sin vier Wehtersch, der Mennetscher, die Kuck un der Herr Hausknecht uff mich los gesterzt, als wann se mich ufffresse wollte. Ich muß sage, ich sin geschkehrt gewese. Ich hen off Kohrs ausgefunne, daß se mich nicks zu Leids hen duhn wolle, se hen mich blos ekkammedehte wolle un hen mich mei Sätschel un mei anneres Gelumps, wo ich mit gebracht hen, abnemme wolle. Ich hen auch noch ausgefunne, daß der Mister Mehr an die Leut geschriwwe gehabt Hot, daß ich komme debt. Well, ich hen se off Kohrs mei Bäcketsch trage losse, bikahs for warum hen ich mich denn attere solle? Der Männetscher Hot mich in mei Ruhm genomme, un ich muß sage, er is arig fein gewese, soweit wie's gange is. Es is e schönes Bett un e große Launsch drin gewese, en Rackelstuhl un en Tehbel, un an die Wahl Hot e'Jenkieduhdel -P Zckscher gehängt, un das is all. Ich Ija mich hardlie e wenig uffgewasche gehabt, do is en Schentelmann komme un Hot gesagt, er wär der Dackter un er müßt mich ecksämminne, for auszufinne, was die Mätter mit mich wär. Er Hot mitaus viel Foß zu mache e Tehpmescher eraus genomme un Hot mich gedrickt un getätschelt, als wann ich en Gaul wär, wo er kaufe wollt. Er Hot alles, was er dißkowwert Hot, an e großes Blänkschiet geschriwwe, un ich muß sage, den Weg sin ich noch nie nit ecksämmint worde. Wie er durch mit mich war, do Hot er gesagt: Well, Mister Scheriff, mit Jhne guckts ziemlich schlecht. Ihr ganzes Sißtem is in en böse Schehp, un ich kann nicks sinne, wa so ganz koscher wär. In die erschte Lein zeigt Jhne Ihr Herz en immense Fettansatz, un wann das nit gestappt wird, dann kriege Sie uff en schöne Dag das schönste Herzschlägelche, wo Se sich nor denke könne. Dann is Jhne Ihre Liwwer; sell is der reinste Fettklumpe; se is kantschestet un so lehsie wie en alter Esel. Was jetzt Ihn Ihre Kiddnies sin, da will ich liewer still sein. Bei Galle, Sie misse ja ganz schrecklich viel gedrunke hen". Well, den Weg Hot er mei ganzes Sißtcm dorchgenomme, un ich muß sage, ich hen gefühlt, als wann ich noch keine drei Dag mehr zu lewe hätt un als wann ich am Beste en Pehperrecksmann frage deht, wie viel er for mich gewwe deht. Der Dackter Hot dann gesagt, wie er genohtißt Hot, in was for en beese Hjuhmer ich gewese sin: Well, Mister Scheriff, es is kein Juhs, daß Se verzweifele; wann Sie stricktlie duhn, was ich Jhne sage, dann hen Se e gute Tschehns, daß Se Widder in so ebaut vier Woche ganz ohkeh sind". Sell hen ich ihn denn auch geprammißt, un er Hot mich e Prohgrämm gewwe, was ich alles hen duhn müsse. In die erschte Lein hen ich den ganze Dag nicks mehr esse derfe, for daß am nächste Morge mein Stommeck in e gutes Schehp for das Wasser war. Ei tell juh, ich hen en Hunger gehabt, daß ich mei Reiting -Desk un mei Sätschel hätt esse könne. Awwer, ich hätt nicks getotscht un wenn ich geftarft wär. Glücklicherweis Hot er mich meine Zickahrs nit Verbote. Das kommt awwer mehbie daher, daß er nit dran gedenkt Hot. Ich hen mich also in mei Ruhm uff die Launsch gelegt un hen eine Zickahr nach die annere geschmohkt; feinellie sin ich so dissie gewese, daß ich eingeschlofe sin, un ich hen geschlose bis Morgens um sechs Uhr. Das war die Zeit, wo ich uff hen siehn müsse. So schnell wie en Hund gauzt hen ich mich gedreßt un sin autseit, bikahs meine Order is aewese, siwwe Gläser von den heiße Wasser zu drinke. Ich h?n mich an die Well gehockt un hen erscht emol inwestigehtet. Ei tell juh, das Wasser is do beuling hatt aus den Graund komme. So ebbes hen ich noch nie nit gesehn, un ich denke,, es is auch nit nehtscherell. Ich slnMuhr, daß das Wasser in die Kitschen von die Kuck aebeult werd, un daß es dann in Peips nach die Well laufe duht. Wann in den Graund e Feuer wär, dann deht doch irgendwo en Hohl dorchbrenne; un so viel hen ich doch schon auö die Naduhrgeschicht gewißt, daß
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ner beulinghatteS Wasser nit mitauS Feuer .hawwe kann. Well, ich hen mich e GläS voll- getäckelt. Ich- hen gleich en dieseyte Schluck genomme, awwer in e Seckend hen ich Widder alles ausgespitt gehabt. Fui Deiwel, hen ich gesagt, das tehst ja wie Kästereul un Tahrsohp gemickst. Das Medche, wo an die Gäscht gewehtet Hot, Hot gesagt: Den Weg äckte alle Leut, wenn se das Wasser zum erschte Mol tehste; mache Se noch emol e Treiel un dann wird's schon besser gebn". Well, ich hen meine siwwe Gläses enunner geschlappert un do hen ich so schlapperig in mein Stommeck gefühlt, daß ich's Jhne gar nit sage kann. Ich hen dann for zwei Stunde en Wahl nemme müsse, awwer do is gar kein Gedanke dran gewese. Ich sin e halwe Stund lang sireht ehett gange, un dann hen ich denselwe Wea Widder zurück gemacht, awwer dafor hen ich noch keine fünf Minnits gebraucht. En innerer Drang Hot mich gesagt, daß ich die Stille des Hotels uffsuche müßt, un so en Drang, den kann mer nit unnerdricke. Well, for die Bällenz von den Vormittag hen ich die Stille nit verlosse könne, un wie ich den Dackter iwwer die Kandischen gefragt hen, do Hot er gesagt, das wär all, was mer von die erschte siwwe Gläses eckspeckte könnt. Ich hen so wiek gesühlt, daß ich hardlie e Penn in mei Hand hen halte könne, un for den Riesen muß ich auch jetzt zu schreiwe stoppe. Mit allerhand RiegardZ Juhrs Trulie, Meik Habersack, Holie Terrer Kauntie. Eskweier un Scherisf von Apple Jack Ein lustiger Theatcrkrlcg. Es war vor circa 80 Jahren, alö im Berliner Theaterleben ein ergötzlicher Kampf Aufsehen erregte. Der gefürchtete witzige Kritiker Saphir war von Wien nach Berlin gekommen, hatte dort die Berliner Schnellpost" gegründet und überschüttete nun mit seiner beißenden Satire die Theaterleute, die damals noch empfindlicher waren als heute. Die Schauspieler waren außer sich. Sie schlössen einen heimlichen Bund, der die Unmöglichmachung Saphir's in Berlin zum Ziel hatte. An die Spitze dieser rachebrütenden Bundesbrüder hatte sich der Possendichter und Komiker des Königstädtischen Theaters Louis Angely gestellt, der, obschon klein von Gestalt, dennoch, zur Wuth gereizt", erschrecklich, fürchterlich werden konnte. Und diese Wuth befiel Angely jedesmal, wenn einer es wagte, über seine winzige Figur zu spötteln. Hatte er doch sogar einem vierschrötigen Fischweib, vor Wuth aschfahl, an den Speckhalö springen wollen, nur deshalb, weil diese ihm wohlmeinend nachgerufen
hatte: Jungeken! Du wirst Dem Schreibbüchelchen verlieren!" Aber gerade diese Schwäche des kleinen Mannes auf's Korn zu nchmen, machte Saphir unbändigen Spaß. Unentwegt verschoß Saphir einen vergiftetenPfeil nach dem anderen in seinem Feuilleton auf seinen armen, in ohnmächtiger Wuth schnaubenden, kleinen Gegner. So schrieb er eines Tages: Gestern hat mich unser kleiner Angely in die Waden gebissen ein Glück, daß er nicht höher reichen konnte, ein Biß in's Sitzfleisch wäre mir sehr unangenehm gewesen!" Liebe Collegen", namentlich die Komiker Schmelka, Rösecke und Spitzeder, schürten den Wuthbrand in dem Angegriffenen und sorgten immer für neuen Zündstoff, um die Rakete zum Platzen zu bringen. Von dieser Seite wurde Saphir hinterbracht, daß Angely die gräßlichsten Drohungen gegen ihn ausgestoßen habe. Wenn er mir in die Tasche springt, behalte ich ihn!" entgegnete Saphir lachend. Als man brühwarm dem Kleinen diesen neuen, schnöden Hohn berichtete, verlor er alle Vesinnung. Er schickte Saphir eine Förde rung auf Pistolen. Und dieser nahm die Forderung an; aber er ließ seinen Gegner ersuchen, feinen Zorn so lange sich recht warm zu erhalten, bis 'er sich ein Mikroskop habe bauen lassen, um seinen kleinen Feind auch sehen zu können. Ganz Berlin lachte über diese drolligen Hiebe, und nur der arme Angely platzte fast vor Wuth. Es kam schließlich sogar zu Handgreiflichkeiten, so daß Angely, nachdem Saphir in einem größeren Kreise, gesagt hatte: Ich muß mir eine Fliegenklatsche kaufen, die kleine Bremse wird mich fönst noch stechen!" ihn daraufhin verklagte, daß er ihm' nach dem Leben trachte! Die Verhandlung vor Gericht war nur kurz, aber um so drastischer. Als der Richter Saphir befragte, ob er eine solche Drohung ausgestoßen habe, entgegnete der Schalk höchst entrüstet: Eine Drohung? Ich? Gegen jenen? Ja, sehe ich denn aus wie ein Kindermörder?" Ein unartikulirter Wuthschrei Angely'ö hallte durch den Saal. Die ernsten Richter selbst mußten laut auflachen. Saphir aber, der Unversöhnliche, ersann eine neue Marter für den armen Mimen: So oft Angely auf der Bühne des Königstädtischen Theaters erschien, aß der Spötter in'seiner Loge und fizirte ihn durch ein ungeheures Vergrößerungsglas. DiehohereTochter. Lehrer: Was ist eigentlich Sahne? Hö, here Tochter: Sahne ist das Erste, was von der Kuh gemolken wird.
