Indiana Tribüne, Volume 27, Number 310, Indianapolis, Marion County, 22 August 1904 — Page 7
Jndlana Tribüne, 22. August IQOH.
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Von Zweien geliebt tirnnan von Alkrod Sassen 2O00COG0OOOCO0 (Fortsetzung.) Ihre Brauen schoben sich in finster verächtlichem Ausdruck über den Augen dicht zusammen. So starrte sie einen Augenblick an Walter vorüber geradeaus. Dann fuhr sie, die Worte gleichsam hervorstoßend, rasch fort: . Meine Beichte mag kurz sein. Ich beschloß, dem Vater zu helfen. Jöhalf ihm so wie Du ja weißt. Ich heirathete einen reichen, ungeliebten Mann. Der verwünschte Weg war's, den ich ging. Wenn Du mich deshalb bis heute verachtet hast " Nein, Charlotte," rief Walter ergriffen, das habe ich nicht. Unglücklich war ich, tief unglücklich. Bitter gezürnt habe ich Dir. Aber als der wilde Schmerzensausbruch vorüber war, habe ich Dich verstehen gelernt. Ich suchte Deiner Handlungsweise und dem Opfer gerecht zu werden, das Du gebracht " Dafür dank' ich Dir, Walter, jetzt noch. Willst Du meinen Dank nicht?" &ie hatte ihm die Hand hingehalten. Langsam legte er die feine hinein. ' Willst Du mich noch ein wenig anhören?" fragte sie. Er nickte nur. Gut. Also damals hab' ich mich gegen meine Liebe gewehrt. Aber es war jammervoll, wie ich dafür gestraft wurde. Jammervoll auch deshalb, weil ein anderer ein Unschuldiger mit mir leiden mußte. Der arme Anton! Ich konnte ihn ja doch nicht lieben. Es war ein stummes, qualvolles Trauerspiel zwischen uns. Den Vorhang darüber zu!- Sie richtete sich schlank auf und machte mit dem Kopf eine energische Bewegung nach dem Nacken hin. Ich will es Dir ohne Beschönigung sagen,' daß ich um den Tod meines Mannes nicht getrauert habe. E5 konnte nicht anders sein. Ich hatte auch keine Zeit dazu. An sei'ner Bahre schon kam die große, heiße Hoffnung wie süßer Wahnsinn über mich und füllte mich ganz aus. An ein Wehren dachte ich nicht mehr. Mit wildem Jauchzen warf ich mich hinein in die Wogen meiner allmächtig daherfluthenden Liebe!" Mit beiden Händen fuhr sie sich durch das aschblonde Haar. Ihre Stimme, die bisher nur gedämpft erklungen, schwoll metallisch an. Und wu hätte ich nicht jauchzen und jubeln sollen? Die äußeren VerHältnisse, die vorher unsere Liebe auf Wasser und Brod gesetzt, waren ihr nun nicht mehr so ungünstig. Schilt mich nicht, daß ick das mit so nackten Worten ausfpreche. Was hilft's? Soll die Blume der Liebe dauerhaft blühen, so muß sie schon in einem wohlgepflegten, wohlbehüteten Garten stehen. Eine kurze Weile kann vielleicht die Blüthe auf starrem, erdentblößtem Felsen ebenso glühend leuchten aber nur zu bald sinkt sie hin, knicken sie Frost und Sturm " Charlotte lachte plötzlich leise in sich hinein. Es war ein seltsames, spöttifches, aufreizendes Lachen der Selbstironie. Was ich da für Kathederweisheit auskrame! Entschuldige. So also sah's in mir aus! So loderte meine Liebe! Und Du? Ich weiß nicht recht, was in Dir vorging. Verachtet hast Du mich nicht um meiner Heirath willen, wie Du mir eben gesagt. Aber Du wichst mir aus, entzogst Dich dem starken, verzweifelten Fragen meiner Seele. Eine Liebe jedoch wie die meine, macht listig und entschlossen. Ich führte ein Wiedersehen herbei, ich stellte mich Dir damals entgegen, als Du heimfuhrst zu Deiner kranken Mutter. Der fürchterliche Abend!" Sie wandte sich ab. Ihr bräunlich blasses Gesicht sah aschfahl aus bis in die Lippen hinein. Ein Schauder rüttelte die ganze zierliche Erscheinung. Nasch aber öffnete sie die wie in im willkürlichem Krampf geschlossenen Hände wieder. Zugleich fand auch der verstummte Mund die Worte, die noch gesagt werden mußten. Du hast mir vergeben," sagte sie leise, daß ich Dich an jenem Abend um eine letzte große Gnade gebracht! Du hast es doch? Oder waren's nur Worte, leere, abfertigende Worte, die Du mir geschrieben?" Weich erklang die Antwort von Walters Lippen: Nein, Charlotte, ich zürne Dir nicht mehr und auch mir selber nicht. Die Mutter ist ja doch mit einer segnenden That für mich verschieden. Ihr Tod bedeutete die Wandlung in Onkel Peters Ansichten und Gesinnungen. Von ihrem Grab fort durfte ich hinausgehen in die Welt, um das zu werden, wonach meine Seele aus ihren geheimsten Tiefen empor verlangt ein Künstler!" Mit ihrem fahlen Gesicht, in das nur langsam ein bischen Farbe zurückkehrte, stand Charlotte auf einmal dicht vor dem jungen Mann. Gramvoller Zorn funkelte ihn aus ihren Augen an. Ja, Du bist gegangen," grollte die rauhe Stimme, in Licht und Freude hinein und hast Dich nicht einmal umgewandt nach Der, die hinter Dir zusammenbrach, die Dir vergebens die Arme nachstreckte " Ach, Charlotte" murmelte Waljer unsicher, und fühlte, wie ibr Atbem.
der ihn anwehte, sein Blut in Auf-
rühr versetzte. Warum hast Du nur das gethan? So antworte doch! Ich frage Dich. Deine Liebe war nicht todt. Vorhin hast Du's selbst ausgesprochen. Oder wolltest Du sie mit Vorbedacht todten? Tödtcn, was so lebendig ist so lebendig? Ah," triumphirte sie mit einem lechzenden Lächeln um die Lippen, erwidere nichts, ich lese ja jetzt in Deinen Augen, wie lebendig! Deine Augen sind ehrlicher, als Dem Mund. Sie sagen mir, wie es um Dich sieht. W:hre ich nur! Du wehrst Dich vergebens! Weil ich Dich festhalte mit der überqroßen Macht meiner eigenen Liebe! So fest! So fest! Wohin Du auch gehst ich schicke Dir meine Liebe nacb. sie soll in Deine Gedanken, in Deine Seele, in Dein Blut eindringen! I kann Dich nicht freigeben! Ich kann es nicht! Wüßtest Tu, was ich um Dich gelitten habe! Was ich geworden mn in der Furcht, Dich zu verlieren!" Nur widerwillig, wie ein Hauch nur, aber wie ein sengender Hauch aus dem Munde eines Dämons, waren die letzten Worte über ihre Lippen geglitten. Walte? hatte ihre Bedeutung gar nicht erfaßt, nicht erfassen können. Aber um so tiefer wirkte das seltsam Geheimnißvolle, das Unergründliche, aus dem heraus die Worte geboren schienen, auf ihn ein. In jedem echten Künstlergemüth ist der bebende Drang nach dem Unergründlichen, Geheimnißvollen. Und der Zauber dieses Räthselhaften ging hier von einem Weib aus, dem feine Sinne, seit sie erwacht waren, gehörten. Und all das andere, das sie vorher gesprochen, womit sie an seiner so leichtverwahrten Seele gerüttelt! Das offene, leidenschaftliche Gestandniß ihrer niegestorbenen, unsterblichen Liebe! In diesem Ton! Mit solchen Worten! Ein Feuerstrom! . Und er sollte sich wehren? Wie denn? Gegen fein junges, heißes Blut wehren, das in diesem Augenblick überlaut nach wilden Küssen schrie? Nur danach! Nichts anderes in der Welt lockte so allmächtig wie die blassen Lippen da vor ihm! Die Welt? Wo war sie denn überHaupt? Er war ja abgeschieden von ihr, durch die hohen Mauern des Zaubergartens, in den er sich versetzt sah. Nur einen Herzschlag lang war's wie ein unruhiges Zaudern in ihm, wie ein Besinnnen auf etwas, das sich ihm aber nicht klar darstellen wollte. Nur im Vorüberstreifen glaubten seine Augen in weiter, unerreichbarer Ferne eine verschwimmende Erscheinung zu sehen zwei schlanke, rührende Hände mit weißen Blumen darin. Sie winkten wohl auch, diese Hände Und Walter riß das junge Weib in seine Arme und seine Livven betbeuerren in giuycnver, zitternder Inbrunst wieder und wieder: Ich liebe Dich ja so sehr so sehr!" Noch an dem gleichen Abend wurde die Verlobung der Beiden im engen Familienkreis gefeiert. Sie blieb natürlich vorläufig ein Geheimniß. Die Trauerzeit, in der sich Walter um die todte Mutter befand, mußte erst weiter vorgeschritten sein, ehe man die Kunde von der Verlobung in die Öffentlichkeit dringen lassen konnte. Ferdinand Nebwaldt und Tante Johanne waren selig, ihren Liebling so in heißes Glück getaucht zu lehen. Auch der alte Lehrer gab sich Mühe, ein fröhliches Gesicht zu zeigen. Er sah ja doch, daß Walte? ebenso wie Charlotte von den Wogen glücklicher Empfindungen hoch emporgetragen wurde. Und trotzdem drückte eine seltsame Bangigkeit auf das Herz des Vaters, und ein verlorenes, tief wehmüthiges Sinnen glitt immer wieder über den Spiegel seiner Augen. Es half nichts, daß er'ab und zu das Kelchglas mit dem perlenden Feuerwein zu den Lippen führte. Die gehobene Stimmung wollte nicht kommen, Woran dachte der alte Mann? . 17. K a p i t e l. n dem alten, düsteren Kaufmannshaus am Markt ging ein großes, schlankes Mädchen blaß und verstört umher. Auf ihrem schönen Gesicht lag die ergreifende Klage: Ter Frühling ist gekommen und hat mir nicht Wort gehalten! Wo sind seine Verheißungen? Es geschah der armen Tori, daß sie oft mitten im Zimmer oder im Flur stehen blieb, oft mitten in einer Arbeit innehielt, um weltvergessen die Hand an die Stirn zu legen und schmerzlich zu sinnen: Wie ist das alles nur? Wie kam nur alles? Auf Wiedersehen im Frühling! So hatten einst Walters letzte Worte gelautet damals im Winter, auf der verschneiten Landstraße. Er war, durch den Unfall des Vaters herbeigerufen, schon wiedergekehrt, ehe der Frühling recht hereinbrach. Er war auch zu ihr gekommen, weil sie durch ihre dumme Erkältung zu Hause gehalten wurde. 'Aber sie hatte sich dies Wiedersehen so ganz anders gedacht. Er war nicht allein gekommen, sondern mit seinem Va'.er und mit Charlotte, deren Gast er war. Und nur gleichgiltig freundliche Worte waren gesprochen worden nicht eins, aus dem es hervorgeschimmert hätte wie ahnungsreiche, süße Frühlingsverheißung! Und dann hatte Walter ein paar Tage darauf wohl noch einmal den Weg zu ihr gefunden allein auch diesmal waren der Vater und Charlotte mit ihm gekommen. In der Dämme-
rung war' es gewesen. Und man hatte ihr gewehrt, als sie hinausgehen und Licht holen wollte. 'Man sei nur auf wenige Minuten da, hieß es, um Abschied zu nehmen. Abschied ja! Der atte Lehrer begab sich zu Onkel Peters, und Walter begleitete ihn nach Heiderbach. Von dort aus reiste er dann gleich weiter nach München, um an der Seite feines Meisters das gelobte Land der Kunst, das leuchtende Italien, kennen und lieben zu lernen. So tönten die Worte an Toris Ohr. Sie hörte sie, sie faßte auch ihren Sinn. Allein sie stand wie in einer wohltbätia.cn Erstarrung. Das Herz that ihr' nicht weh nur todt war es darin, so seltsam leer. Vater und Sohn dankten ihr, einmal und noch einmal, für ihre Aufopferung und treue Sorge, um den alten Lehrer. Sie erwiderte mechanisch einiae Worte, die nur entfernt paßten. Und dann waren die wenigen Minuten um. und die Abschiednehmenden gingen. Sie sah die Thür hinter Walters hoher Gestalt zufallen. Sie war allein in dem stillen Zimmer. Bruder Ernst war mit den Gästen herausgegangen. Sie hatte es nicht vermocht. Die Erstarrung ihres Körpers hatte sie daran gehindert. Kaum daß sie im Stande gewesen war, si? von ihrem Stuhl zu erheben. Nicht einmal bis zur Schwelle hatte sie mitgehen können. Draußen erklang die heisere Schelle der Haustbür. Hatte sie da plötzlich laut aufgeschrien? Sie wußte es nicht. Sie nahm es nur an. weil Bruder Ernst mit entsetztem Gesicht zu ihr hereingestürzt kam. Allein da war sie schon wieder ruhig, so seltsam ruhig und starr wie vorher, mit dem leeren, todten Herzen. Und sie blieb es den ganzen Abend über. Sie holte die Lampe herein und richtete den Theetisch. Und sie trank auch ihren Thee wie sonst, aß sogar, sprach ein paar Worte. Als sich dann aber Ernst, der wohl ihre beängstigende Starrheit mit den süßen, milden Tönen seiner Musik lösen wollte, an das Klavier setzte da ging sie rasch hinaus und schloß sich in ihrem Zimmer ein. Und dann kam eine Nacht voll heißen. übergroßen Elends. Eine Nacht der gerungenen Hände, des zerrauften Haares. Erst mit' dem Morgengrauen sank ein unruhiger, kurzer Schlummer auf die jungen, müden, vom Weinen verschworenen Augen. Am andern Tage suchte Tori ihrem Schicksal tapfer in das grausam kalte Antlitz zu sehen. Listig, wie es arme Verzweifelte manchmal sind, wollte sie sich selbst betrügen. Sie redete sich ein. sie müsse sich schämen, mit ihrem Schmerz vor die Weit zu treten. War jte denn eine unglückliche Verlassene, die Mitleid beanspruchen konnte? Nein. Auf Wiedersehen im Frühling! hatte Walter Böhme gesagt. Nicht eine Silbe weiter. Und sie hatte sich einen Glückstraum eingebildet, hatte gehofft, der Frühling werde ihr in niegeahnter, überreicher Fülle Blumen in den Schooß schütten, die Walters Hände gebrochen, eigens für sie gebrochen! Eine Thörin war sie, eine verliebte, blinde Närrin! Die Welt aber sollte sie nicht in ihrer haltlosen Jämmerlichkeit erkennen. Nein, nein, sie wollte tapfer sein, ruhig fcheinen wie sonst und lächeln! Und sie lächelte auch wirklich eine Weile.
Aber die verschluckten Thränen drohten sie nur zu bald zu ersticken. Es ging nicht mehr mit dem Lächeln. Noch aber kämpfte sie. Sie sagte sich immer wieder vor, daß sie Viktoria heiße daß sie Siegerin bleiben müsse! Als sie jedoch eines Abends im Garten süß und leuchtend die erste Rose erblüht fand, da war es zu Ende mit ihrer Kraft. Da war sie keine stolze, herbe Viktoria mehr da war sie nichts weiter als die tief unglückliche, arme, blasse Tori, die in ihrem grenzenlosen Herzeleid nicht wußte, was nun werden sollte. uno zu dem Schmerz der ausstchislosen Liebe gesellte sich eine neue boh rende Qual. Die Eifersucht! War Charlotte glücklicher als sie? Sie hatte nicht den geringsten Anhalt für ihre Vermuthung. Aber die Krallen des Argwohns wollten ihr armes Herz nicht wieder frei geben. War die holde Frühlingsgabe, nach der sie vergebens die bebenden Hände ausgestreckt, der glücklicheren Charlotte in den Schooß gefallen? Liebte Walter die junge Frau? Tori war eine viel zu feinfühlige und offene Natur, als daß sie versucht hätte, mit tastenden Worten ein Geheimniß , der Schwägerin herauszubringen. Und ihre schüchternen Blicke, die freilich oft genug Charlottens Gesicht suchten, leisteten ihr keinen Dienst. Die Züge der jungen Frau waren so geübt in Selbstbeherrschung, daß keine Bewegung ihres Gemüths, die sie nicht selbst offenbaren wollte, daraus zu errathen war. In der zweiten Hälfte des Sommers verreiste Charlotte .mit ihrem Vater. Sie nahmen von Niemand Abschied. Es konnte auch Niemandes recht herausbringen, wohin sie gegangen waren. Es hieß nur, nach dem Süden, Charlottens Gesundheit sei nicht die beste. Tori aber wußte, daß Charlotte gesund war, so sehr gesund! Und nach dem Süden war sie gegangen? Befand sich nicht auch Walter im Süden? Die arme Tori litt unbeschreiblich. Ihre große, schlanke Gestalt sank zusammen. Vornübergeneigt ging sie und stand sie, als ob sie in steter, athem-
loser' Erwartung sei, als 'ob sie angestrengt lausche und harre auf eine Votschaft, die ihr vollends das Herz brechen mußte! Ihr Bruder Ernst litt kaum weniger als sie selbst.' Er litt besonders deshalb, weil er so gar keine' Aussicht sah. ihr zu helfen. Selbstverständlich hatte er, ohne daß er die Schwester auch nur mit einem Wort gefragt, ihre große Liebe errathen. Seiner zartfühlenden Künstlerseele in dem leidensvollen Körper konnte sie nicht verborgen bleiben. Er hatte mit Tori gehofft und gebangt. Nun war ihm, wie ihr, des Herz voller Thränen. Was er an zarten, kleinen Aufmerksamkein, an scharfsinnigen Ablenkungen finden konnte, führte er in's Treffen, um der verwandelten Schwester zu ihrer früheren, blühenden Schönheit, ihrer unbekümmerten Fröhlichkeit Z" verbellen. Vor allem wurde er nicht müde, ibr auf seinem Klavier immer wieder die
göttliche Heiterkeit seines Liebling! Mozart zu offenbaren. Sie hatte auch für das holdtröstende Schmeicheln der süßen Töne ein dankbares Lächeln aber die Traurigkeit wollte nicht aus diesem Lächeln weichen. Es war gegen Herbstanfang. Da wollte Tori ihren Bruder nach einem Buch fragen, das sie auf dem gewohnten Platz ' vermißte, und ging zu ihm in den Laden, wo er sich gerade allein befand. Sie sah, wie er bei ihrem unerwarteten Eintreten die kleine Zeitung des Städtchens, die wohl eben gebracht worden war, zu verstecken suchte. Ebenso wenig entging ihr ein tiefschmerzlicherAusdruck in seinem schmalen, blassen Gesicht, eine auffallende Verstörtheit. Wie eine Hellseherin war der Unglücklichen in diesem Augenblick zu Muthe. Und mit den seltsam automatischen Bewegungen einer solchen trat sie todtenblaß auf den Bruder zu und streckte die Hand aus. Die Augen brannten ihr unnatürlich groß im Kopf. Ihre sonst so weiche, hellgefärbte Stimme klang tief und hohl. Gib mir die Zeitung," sagte sie langsam und schwer. Und der arme Ernst zögerte nur einen Augenblick noch, dann reichte er ihr mit gesenktem Haupt das Blatt hin. Sie ergriff es, allein sie hatte sichtlich nicht die Kraft, es zu den hervorquellenden Augen emporzuheben, schlaff sank ihr die Hand an der Seite nieder. Mit der anderen .griff sie unwillkürlich seitwärts nach der Platte des Ladentisches, wie um sich zu stützen. Ein krampfhaftes Erschauern ging durch die hohe, schlanke Gestalt. Ernst wollte in unendlichem Mitleid beruhigend und beschwichtigend den Arm um sie legen. Sie wies ihn aber mit einem Kopfschütteln zurück. Die Zähne biß sie zusammen. Dann hatte sie sich wieder so weit gefaßt, daß sie aufrecht stehen konnte. Sie richtete sich sogar ungewohnt starr und straff empor. Ich will es in meinem Zimmer lesen das," sagte sie mit der vorigen fremden, hohlen Stimme. Dabei wandte sie sich der Thür zu, die in das Innere des Hauses führte. Bleib' Du nur." wehrte sie Ernst ab, der mit ihr kommen wollte, und hab' keine Angst. Ich werd' es ertragen." Sie ertrug es aber nicht. Zwei Minuten später brach sie in ihrem Zimmer ohnmächtig zusammen. Sie hatte in dem Zeitungsblättchen die aus einer italienischen Stadt datirte Verlobung Walter Böhmes mit Charlotte gelesen. Trotz ihrer Abwehr war Ernst der Schwester nachgegangen. Mit zerrissenem Herzen hatte er an ihrer Thür gelauscht und den schweren Fall gehört. Es war ihm nicht möglich gewesen, mit den armseligen Kräften feines verkrüppelten Körpers die große, schlanke Gestalt der Hingesunkenen aufzuheben. Er hatte nach Hilfe rufen müssen. Die alte Barbara hatte dann die junge Herrin des Hauses zu Bett gebracht. Ihr überflüssiges Gejammer war ihr von Ernst streng verwiesen worden, so daß ste eingeschüchtert verstummte und nun still und umsichtlich das Nothwendige that. Ohne daß man den Rath des Arztes hatte einholen müssen, schlug die arme Tori bald wieder die Augen auf. Sie entsann sich sofort auf alles und zeigte sich gefaßter, altz Ernst erwartet hatte. Still, die Augen zur Decke emporgerichtet, lag sie in den weißen Kissen da und fand sogar ein paar beruhigende Worte für den Bruder. Sie fühle sich wieder ganz wohl nur müde sei sie, so sehr müde, sie wolle versuchen, ein wenig zu schlafen. Und sie schloß die Augen. (Fortsetzung folgt.) Viel verlangt. Michl! Hast' Di' auch in der Stadt Photographiren lassen? Wie war's denn?" Ein vertraxter Kerl der Photograph! Z'erst hat er g'sagt, i' soll ihm fünf Markl geben und nach'a hätt' i' a' freundlich's G'sicht aa' no' macha' soll'n!" Ubcrstsäjcnbc& Jchcmtittifj: Baron (nachdem er dem Studenten ein Fünftnarlstücl gegeben hat): Wie kommen 'Sie aber in aller Welt dazu, mich schon am zweiten Tag meiner Bekanntschaft anzuborgen?" Student: Nun, kann man denn wissen, ob Sie am dritten noch was baben?"
Die andere Jugend.
Nach dem Französischen von Ruth Wyßenbach Armand Jadin fünfundvierzig Jahre alt Romanschriftsteller, dramatischer Autor und Journalist. Seit einem Jahr'correspondirt er mit einer Dame, die er heute zum ersten Male sehen soll. Er ist zwar verheirathet, aber da seine Frau wohl sehr hübsch war jetzt ab am Verblühen ist, suchte er sich ein Frauenideal, das mehr seine Seele fesselte. Eine Frau, welche ihm, ohne daß er sie kannte Anregung zu seinem schriftstellerischen Schaffen gab. Heute nun sollte er sie sehen. Um drei Uhr klingelte er an der von ihr angegebenen Wohnung. Das Dienstmädchen sührt ihn in einen eleganten, mit den feinsten, seltensten Kunstgegenständen ausgestattet ten Salon. Dieser raffinirte Geschmack und der Luxus dieser kostbaren Bilder lassen auf die holde Unbekannte schließen. Endlich erscheint sie .. ihre angenehme Gestalt in ein auserlesenes &t wand gehüllt . . das Gesicht dicht verschleiert . . so daß sie absolut nicht zu erkennen ist. Jadin (sehr verwirrt): Lucine? Lucine (gibt ihm die Hand). Ja. Lucine, Ihre Lucine ... Jadin (blickt auf den Schleier): Weshalb verbergen Sie mir Ihr Ge sicht? Darf ich es nicht sehen? Lucine: Ja bald, warten wir nur noch etwas. Jaoin: Warum so umständlich? Wenn Sie wüßten, wie ich darauf brenne, Ihr Gesicht zu sehen! ... Lucine: Sie haben wohl Angst, es häßlich zu finden? Jadin: Ihre schöne Gestalt ist mir ein Beweis, daß es nicht so ist... Lucine: Doch wenn ich es wäre? Es ist also nicht das andere, was Sie verlockt nicht das andere, was Sie hergeführt? Jadin (unsicher): Doch! Gewiß! Aber der Mann ist nicht so vollkommen, daß er nur an das andere, an die Seele denkt. Tiefe Gedanken zu lieben ist sehr schön doch trotzdem. In allen Religionen und in der Liebe vor allem, braucht man da nicht das Bild? Die körperliche Vorstellung des Gegenstandes seiner. Verehrung? ... Und dann, das Gesicht, das Sie mir verbergen, Ihre Lippen, die Augen vor allem, aus denen die Seele spricht ... Ich las, was diese Seele schreiben kann .. aber ick möchte sie reden sehn! . . (drückt ihre Hand). Ich bitte Sie, ich siehe Sie an entfernen Sie diesen Schleier .. lassen Sie mich Ihr Gesicht schauen! Lucine (weicht zurück) .... Lassen wir das Geheimniß noch Geheimniß sein, spielen wir noch etwas die Unbekannten. Jadin (horcht auf): Diese Stimme es ist außerordentlich Lucine (lebhaft): Sie kennen wohl diese Stimme? Jadin: Beinahe. Ich habe mir ein Bild von meiner Unbekannten gemacht, das Ihnen beinahe entspricht. Ich dachte mir Sie so, auch die Stimme Ich bin sicher, auch das Gesicht ist so, wie ich es mir träumte. Lucine: Wir werden ja sehen. Jadin (zudringlich): Warum noch länger warten? Zeigen Sie sich mir ganz, Lucine entschleiern Sie sich. Lucine: Vielleicht wäre es besser, wir blieben uns unbekannt, nur durch unseren Geist gefesselt. Jelt haben wir den Glauben. Sie und ich. Jadin: Ah ja, sicher, ich habe ihn! Hier mein Glaubensbekenntniß: Ich glaube, daß Sie eine reizvolle, eine außergewöhnliche Frau sind, und darum sind Sie so verschieden von der anderen, welche meine Frau ist. Lucine: Ich kenne Ihre Verhältmsse gar nicht; Sie haben wohl Ihre Frau seh? geliebt? Jadin: Ja sehr ich liebte ihren edlen Charakter und ihre Schönheit. Lucine: Und jetzt lieben Sie st? nicht mehr? Jadin: Nein, nicht mehr auf diese Weise sie ist nicht mehr jung ich fühle mich noch in voller Kraft. Ich brauche eine zweite Jugend' und deshalb eine andere Frau. Wie könnten zwei Naturen in einem Körper wohnen! Lucine: Wohlan! Gerade dafür werde ich Ihnen einen Beweis liefern. Die Geschichte einer Frau, die die andere Juqend erobern will in dem Moment. als ihre erste entflieht. Vor allem will sie ihre Macht, ihren Einfluß auf den Mann, den sie liebt, erhalten ... Und dieser Wille ist stark genug, in ihr dieses Wunder einer zweiten Natur zu vollbringen, sich eine zweite Jugend zu schaffen.... Es ist dies sehr schön, nicht wahr? Jadin: Bewunderungswürdig, aber unmöglich ja, unmöglich. Im Leben existirt das nicht. ,. Lucine: Sind Sie dessen sicher? (sie bindet ihren Schleier ab.) Und doch existirt so etwas. Jadin (erkennt seine Frau): Ju liette! Juliette (schaut ihn unruhig an): Die Enttäuschung? Jadin (sehr verwirrt): Die Vetäubung oder die Verwunderung. Ich verstehe nicht! Du bist es, du bist es wirklich, die mir diese Briefe schrieb?
Juliette: Ich bin's. Jadin: Und alle diese Gedanken, diese Ideen zu den Schauspielern, womit ich so manchen Erfolg hatte die Bemerkungen, die Artikel, die Kritiken, die Rathschläge die Seelenlehre alles von dir? Juliette: Alles von mir. Jadin: Niemand hat dir je gehol fen? Juliette: Niemand. (Sehr einfach, fast unterthänig.) Verzeihe mir höre meine Beichte: Ich liebte dich zu sehr. Als ich fühlte, daß deine Liebe mir entfloh, litt ich tief und suchte das Mittel, dich auf andere Weise zu besitzen. Um dieses Mittel zu finden, studirte ich arbeitete ich, ging ich in die Vorlesungen, in die Bibliotheken zu den Professoren. Ich beobachtete, dachte, erweiterte mein Hirn das Hirn einer hübschen Frau. Ich habe mir die' zweite Natur verschaffen, ich gab mir die andere Jugend! Ein unmöglichesWunder sagst du? - Gibt es denn etwas Unmögliches für das Herz eines Weibes das liebt? Jadin (zieht sie an sich begeistert): Wie ich dich liebe wie ich dich liebe! Juliette (lächelnd): Du sagtest, du liebtest mich nicht mehr? Jadin: Ich liebte die alte, die du warst, nicht mehr aber die neue, die du bist diese neue Schöpfung mit der gewaltigen Seele, bete ich an! Und so werde ich in der neuen die alte lieben. (Er zieht sie an sich. Sie schauen sich glücklich an endlich erheben sie sich. Im Moment, als sie gehen wollen, fragt Jadin:) Wo befinden wir uns eigentlich? Juliette: Im neuen Hotel der Frau von Berz6, unserer Freundin, die du noch nicht kennst. (Etwas malitiös.) Es wäre wohl höflich, eine Karte zu hinterlassen? Jadin: Ja aber nicht eine mit Herr und Frau Jadin (schreibt auf ein Blatt Papier folgendes:) Herr und Frau Lucine.
Lohnende Gefangenschaft. Der französische General St. Pierre, welcher oft bei Hofe war, b: suchte im October 1827 einen der bedeutendsten Bakiers in Paris und theilte demselben mit: Ich war eben im Schlosse, wo man die Nachricht von einem sehr wichtigen Ereignis erhalten hat, das bis jetzt noch Niemandem be kannt ist, Abends aber wahrscheinlich ausführlich erzählt werden wird." Und welches ist dieses Ereigniß?" fragte der Bankier. Die türkische Flotte ist von den Franzosen, EnglänLern und Russen bei Navarin vollständig geschlagen worden." Wirk lich?" entgegnete der Bankier - mit gleichgültiger Miene. Verzeihen Sie, Herr General, daß ich Sie einen Augenblick allein lasse, ich bin sogleich wieder bei Ihnen." Der General blieb eine halbe Stunde allein, wunderte sich sehr über die lange Abwesenheit des Bankiers und wollte fortgehen aber die Thür war verschlossen. Er klingelte. Niemand kam; er öffnete das Fenster, rief aus allen Kräften, aber Niemand erschien. Erst nach einer mehrstündigen Haft kam der Bankier zu ihm zurück und sagte: Verzeihen Sie, Herr General, daß ich Sit etwas länger allein ließ, als es meine Absicht war." Etwas länger? Drei lange Stunden! Wollen Sie mir nicht erklären, was diese EigenMächtigkeit zu bedeuten haben soll?" Sie bedeutet, daß ich für Sie und für mich arbeitete. Ich begab mich mit Ihrer Nachricht an die Börse; um aber Gewinn zu ziehen, mußte daö Geheimniß streng bewahrt werden. Nun glaube ich. daß die Verschwiegenheit eine der gebrechlichsten Tugenden ist, deren man sich nur unter Schloß und Riegel versichern kann. Sie werden mir wegen dieses Mißtrauens nicht zürnen, das sowohl in Ihrem wie in meinem Interesse war, denn ich habe Sie bei meiner Spekulation zum Kompagnon gemacht und hier ist Ihr Antheil am Gewinn! Dabei legte der Bankier dem General fünfzig Stück Tausendfrancsbillets hin. Die Schlafzimmerei nrichtung des ermordeten serbischen Königspaares ist unlängst in Belgrad verbrannt worden. Bekanntlich wurden König Alexander und Königin Draga in ihremSchlafzimmer von den Verschwörern erschossen. Die Einrichtung. dieses Zimmers hatte bei den schrecklichen Scenen, die sich hierbei abspielten, sehr gelitten. Unter den Sachen befanden sich auch einige Kleiderstücke der Königin. Während die Königin Natalie gleich zu Anfang für die Vernichtung dieser Sachen war, legten die Schwestern Dragas durch ihren Rechtsanwalt Protest ein und verlangten, man solle ihnen die Kleidungsstücke, die die Königin am Tage des Mordes trug, übergeben. Die Regierung weigerte sich, das zu thun, da sie fürchtete, daß die Schwestern Draga's diese Kleider ausstellen und auf itt Weise Stimmung gegen das Regiment vom 29. Mai machen könnten. Die Sachen wurden also trotz desProtestes der Schwestern Lunjewitsch im Garten der Burg verbrannt. Die Vernichtung fand unter der Aufsicht des Intendanten des Königs, des Stadtpräfekten und der Rechtsanwälte der Königin Natalie und der Schweßtin Draga's statt.
