Indiana Tribüne, Volume 27, Number 294, Indianapolis, Marion County, 3 August 1904 — Page 7
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"lllT s. r UU iveievt vl ..f , n gettebt JLL VT U .$-. f . r-z. . 44 v 1. K a p i t e l. n dein kleinen Neustadt hätte Jeder darauf geschworen, das hin terlassene Äaarvermögen des kürzlich verstorbenen Kaufmanns Hennig betrage etwa hunderttausend Mark. Vielleicht etwas wemger, vielleicht etwas mehr, aber erheblich konnte die Abweichung von der vom ganzen Städtchen festgesetzten Summe nicht sein. Und nun war das Testarnent eröffnet worden, und es hatte sich herausgestellt, daß jedem der drei Kinder des Verstorbenen ein Betrag von eine? Viertelmillion Mark zufiel. Eine Dreiviertelmillion, von der man keine Ahnung gehabt! Woher kam sie? Wie hatte sich über die bewilligten hunderttausend Mark hinaus ein soleher Geldvorrath in dem alten Kaufniannshause ansammeln können? Es mußten doch noch Wunder geschehen. Anders konnte man sich das überraschende Ereigniß nicht erklären. In dem alten Kaufmannshause selbst waren die Hinterbliebenen kaum weniger als die kopfstehenden lieben Nächsten erstaunt über den Goldregen, von dem sie sich plötzlich überrieselt sahen.. Sie vergaßen auf Augenblicke ganz, daß sie Trauernde waren, die, nachdem sie vor einer Reihe von Jahren schon die Mutter verloren, nun auch keinen Vater mehr besaßen. Adolf Hennig war in seiner Jugend von auswärts als Verkäufer in das alte, angesehene Geschäft gekommen. Schon damals hatte er sich zurückhaltend und schweigsam gezeigt, war aber aufgefallen durch seine persönlichen Vorzüge, eine ragende, biegsame Geftalt und einen gutgeformtcn Kopf mit klugem Gesicht. Bertha, das einzige Kind seines Prinzipals, war von einer tiefen Neigung zu ihm ergriffen worden, und er mit seiner Energie hatte das schöne, sanfte Mädchen, trotzdem der Vater anfänglich ziemlich heftigen Widerstand gezeigt, sehr bald schon als Frau in seinen Armen gehalten. Gleich nach der Hochzeit hatte er eine Reise nach Berlin gemacht, ohne weder seiner Frau, noch seinem Schwiegervater über, den Zweck derselben klaren Wein einzuschenken. Und als er nach einigen Tagen zurückgekehrt war, schien es, als sei er noch gewachsen an trotziger Kraft. Etwas Außerordentliches mußte ihm begegnet sein. Es hatten düstere Flammen über sein Gesicht hingespielt. In heißem Ton hatte er undeutliche Worte vor sich hingemurmelt, wenn er sich unbeobachtet geglaubt, und die Hände hatte er dazu so krampfhaft geschlossen, als wolle und müsse er etwas festhalten, etwas Kostbares, das er einem Anderen nicht gönnte. Ein Erstgeborener ließ bald sein dünnes, krähendes Sümmchen in dem alten, finsteren Hause erschallen. Es war ein schwächliches Kind, das viel weinte und nicht recht lachen konnte. Aber die rührende Sorge der Eltern und des Großvaters wachte immer rege über ihm, so daß es langsam gedieh, wenn ihm auch der Uebermuth wild strampelnder Beinchen und ungeberdig , ausgedrückter Wünsche stets fremd blieb. Als der kleine Anton Hennig etwa acht Jahre alt war, wurde ihm die verschwiegene Sehnsucht nach einem Schwesterchen erfüllt. Und dieses Schwesterchen vollbrachte, was ihm nicht gegeben gewesen. Die Kleine goß mit ihrem Dasein einen echten Schimmer von Wärme und Fröhlichkeit durch alle Räume des alten, düsteren Haufes. Sie war roth, rund, kräftig und konnte mit Mund und Augen so herzinnig lachen, daß Alle diesem Lachen wie einer Verzauberung erlagen. Mit einem Prinzeßchen, dem man auch den. Prinzessinnennamen Viktoria gab, war das alte Haus begnadet, und Alle betielten demüthig um einen Huldbeweis aus ihren kleinen, schmeichelnden Hän-, den. Noch ein drittes Kind schenkte die, stille, sanfte Bertha ihrem Gatten, einen Knaben, der leider noch schwächlicher war, als der Erstgeborene. Und die sichtbaren Zeichen der Verdammung zu einem mühseligen Erdenwallen brachte er an feinem mageren Körperchen mit sich. Er hatte ein verkürztes Bein und ein verkrümmtes Rückgrat. Ein Krüppel! Die sanfte Mutter verwand es nicht, ein Kind geboren Zu haben, in dessen Herzen einmal Bitt'"keit und Schmerz growachsen mußten. Als der verkrüppelte Ernst drei Jahre zählte, starb sie, still und sanft, Nrm'e sie gelebt. Und ihr Vater schien nur auf ihren Hingang gewartet zu haben, um ihr in aller Eile den düstexen Schritt nachzuthun. Kaum vierzehn Tage später begrub man auch ihn. Adolf Hennig heiratheie nicht wieder. Er nahm eine Haushälterin und eine Erzieherin für die beiden jüngeren Kinder in's Hus. Anton, der älteste,' machte schon einige Jahre nach dem Tod der Mutter auf dem Gymnasium
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-I Uoman von AUfrcö Sassen TT tt w z, ,fm JZ, Zmlm JU I ? ,T.. 4? 44 4? 44- 44 44 ?? in dem benachbarten Schleiz sein Ab:turium, ein wahrhaft glänzendes Abiturium. Dann bezog er die Universität. Der Vater , hatte ihm vollständig freie Berufswahl gelassen. Nicht mit einem Wort hatte er, als er die glühende Lernneigung des ' Knaben gewahrte, versucht, sich in ihm einen, Nachfolger für das Geschäft heranzubilden. So fesselte er den kleinen, verwachsenen Ernst mit einer solchen syslematischen Gewöhnung an das Geschäft, daß dieser, aus den innersten Wünschen des Vaters heraus, sehr bald schon erklärte, er wolle zu Hause bleiben und versuchen, ein tüchtiger Kaufmann zu werden. In seinen Freistunden war Ernst freilich nichts weniger als Kaufmann. Da saß er vor dem hübschen Pianino, das ihm der Vater geschenkt hatte, und seine halblauten Phantasten trugen ihn hoch empor über alles Materielle. Er spielte keineswegs künstlerisch, die arbeitgewohntm Finger waren nicht geschmeidig genug zu perlenden Passagen und kühnen Oktavensprüngen. Aber aus den Saiten klang etwas Eigenes, schwang es sich auf wie stille, heiße Sehnsucht nach Verwirklichung eines unendlich schönen Traumes. Wenn der Vater im Nebenzimmer diesen Tönen lauschte, legten sich tiefe Schatten über sein finsteres, abweisendes Gesicht. Sein Athem ging rascher, und er fuhr sich mit der Hand unruhig über die Stirn. Er liebte sein verkrüppeltes Kind, mehr als die beiden anderen, die auf ihre eigene Kraft Pochen konnten. Anton hatte sich schon als Gelehrter einen Namen gemacht, während Viktoria mit ihrer strahlenden, stolzen Schönheit sich alle Herzen gewann. Auf den hinkenden, unscheinbaren Ernst aber achtete Niemand. Wenn nun der Vater dem armen Jungen noch das angethan, ihn in einen Beruf hineingenöthigt zu haben, dem seine Seele, trotzdem der Mund eingewilligt, immer und immer wieder entfloh, empor in die lockenden Regionen der Kunst? Der Kaufmann war manchmal nahe daran, seinen stillen, gewiß aber von einem inneren Zwiespalt gequälten Sohn und Lehrling zu einer offenen Ausspr che zu sich zu rufen. Aber wenn er oann den Jüngling im Laden beobachtete, wie er freundlich, oft mit einem sanften Scherzwort auf den Lippen, seinen Worten nachkam, so verschob er die geplante Aussprache immer wieder auf einen späteren Zeitpunkt. Bis es eines Tages zu spät war. Den Fünfzigjährigen warf ein Schlaganfall nieder. Der Körper war gelähmt, das Sprechvermögen fort. Die Denkkraft jedoch schien nicht versehrt. Aber umsomehr litt der Aermste unter der Qual, sich nicht verständlich machen zu können. Er mo,,te den Ernst seines Zustandes fühlen, und in seiner Seele stand nun etwas auf. etwas, das er all' die Jahre niedergehalten hatte, das aber jetzt, ehe er den Schritt in das dunkle, unbekannte Land thun sollte, gebieterisch sein Recht forderte. Daran, sich mit dem verwachsenen Sohn wegen dessen wirklicher Zukunftsbestimmung auszusprechen.dachte er wohl nicht meh. Die kleinere Sorge sah sich verdrängt von einer größeren. Eine ganz große mußte es sein, den angstvollen Blicken nach, mit denen der Unglückliche im Antlitz des Arztes forschte, ob der ihm mit einem Trostwort noch Zeit und Gelegenheit gebe, sich zu entlasten. Als der Arzt sich für eine kurze Zeit entfernt hatte, weil .die Nothwendigkeit ihn zu einem anderen Schwerkranken rief, winkte der Gelähmte den Sohn mit den Augen zu sich heran und sah ihn so verzweifelt bedeutungsvoll an, daß der Jüngling vor allem erst die schluchzende Haushälterin aus dem Zimmer schickte, um mit dem Vater allein zu sein. Unklar dämmerte es in seinem erschauernden Herzen, daß in dem zerrütteten Körper da auf dem Ruhebett eine zerrüttete Seele nach Befreiung von einer schweren Last schrie. Der furchtbare Augenblick ließ den Knaben zu einem Erwachsenen reifen. Sein todtbleiches Gesicht neigte sich dicht zu den fahlen, verzerrten Zügen des Vaters nieder. Aber der Unglückliche versuchte umsonst, die inwärts gekrümmte Zunge, den todten Kehlkopf zu ein paar hingehauchten Worten zu bewegen. Da warf er plötzlich die Augen nach der anderen Seite des Zimmers, gerade auf das Prachtstück eine:? uralten, in barocker Laune erdachten und geschnitzten Schreibpultes, das außer der mächtigen eingelegten Schreibfläche eine Menge von metallverzierten Schränkchen und Kasten aufwies. Der verkrüppelte Ernst folgte der Richtung des wilddrängenden Väterlichen Blickes und eilte instinktiv hinüber an bah Pult, um mit den zitternden Fingern nack den Beschlägen des ersten besten Kastens zu tasten. Der
Unglückliche sah sich verstanden, und es kam wie ein röchelnder Seufzer der Erleichterung von seinen Lippen. Er bemühte sich, dem Blick, seines Auges, in dem das Weiße unheimlich hervortrat, eine bestimmte scharfe Richtung auf einen Punkt zu geben, allem Anschein nach auf das rechte oberste Schränkchen des Schreibtischaufsatzes aber die gewaltsame Anstrengung wurde ihm verhängnißvoll. Ein neuer Schlaganfall machte der unaufgeklärten Qual seiner Seele ein Ende. Mit einem Schrei warf sich der verkrüppelte Knabe über den Sterbenden.
2. K a p i t e l. ie die drei Geschwister nach Eröffnung des Testamentes sich allein in' dem großen Wohnzimmer befanden und des Eindrucks Herr zu werden suchten, mit dem der überreiche Goldstrom ihre Augen geblendet, trat ihre Verschiedenheit so recht zu Tage. Anton.der'Aelteste. war eine hochaufgeschossene Gestalt, in feinen Bewegungen nervös und fahrig. Sein Gesicht, dessen trübe Augen durch sehr scharfe Brillengläser Nachhilfe brauchten, wies einen krankhaften Zug von Ueberarbeiwng auf. In der That vergaß der junge Gelehrte ganz, daß er einen schwachen Körper zu schonen hatte. Ein unruhiger Ehrgeiz spornte den kaum Fünfundzwanzigjährigen unaufhörlich vorwärts. Nachdem er durch einige kleine Broschüren von sich reden gemacht, trug er sich nun mit dem Plan eines umfassenden kulturgeschichtlichen Werkes. Er war mitten drin in den Vorarbeiten, im Sammeln und in der Zusammenstellung des nothwendigen Materials. ' Sehnsüchtig waren bisher seine Gedanken und Wünsche immer hin nach jenen heißen Sonnenländern der ältesten Kultur geschweift, wo er aus eigener Anschauung das Beste für sein Werk gewinnen konnte. Aber er hatte, da er schon so viel gekostet und wohl auch in Rücksicht auf die anderen Gefchwister, nie gewagt, vom Vater die nothwendigen Summen für seine weitgeplanten Studienreisen zu erbitten. Für einen wohlhabenden Mann hatte er, wie alle anderen, den Vater ja gehalten, aber nicht für mehr. Und nun, seit einer kurzen Stunde, wußte er, daß der gute, umsichtige Vater die Zukunft feiner Kinder hinausgehoben hatte über das Loos Derer, die den unerbittlichen Daseinskamps führen müssen. Der alte Mann selbst war gegangen, um nichts mehr zu wollen und zu wünschen, aber er hatte mit seinem Hingang feinen Kindern reiche Mittel in die Hände gelegt, all ihre stillen Wünsche und Träume in schimmernde Wirklichkeit umzusetzen. Der hagere, junge Gelehrte schritt in brennender Unruhe durch das weite Zimmer, das in seiner einfachen, altmodischen Ausstattung einer gewissen Behaglichkeit nicht entbehrte, in dem sich aber Licht und Luft nicht zum rechten fröhlichen Siege verhelfen konnten, da die Mauern des alten Hauses so dick waren, daß der Tagesschein von den schmalen Fenstern her nur gedämpft wie aus geheimnißvollen Gängen in das Zimmer fiel. Welch einen Gegensatz bildete zu diesem kränklichen, nervösen Menschen mit der gedankenheißen Stirn das wunderschöne Mädchen, das regungslos in einer der tiefen Fensternischen stand. Ihre schlanke, kraftvolle Gestalt hatte sich über dc Mittelmaß ein gut Theil hinausgereckt, ohne in ihren Linien holdeste, weiche Frauenanmuth vermissen zu lassen. Die gleiche Anmuth tauchte ihr Gesicht in süße Verklärung, und die gesunden, wie von Landluft geborenen Farben dieses Gesichtes widersprachen der Verklärung keineswegs, ebenso wenig wie der etwas große Mund mit den vollen Lippen und den starken, blitzenden Zähnen. Viktoria oder Tori, wie sie sich nennen ließ, da ihr die vollen vier Silben zu feierlich und anspruchsvoll klangen gehört zu jenen begnadeten Naturen, die sich so oder anders geben, so oder anders aussehen können, ohne daß die Harmonie zerstört wird, die sie wie wundersamer Frühlingshauch umschwebt. Ihre großen, hellen, grauen Augen schweiften über den unregelmäßigen Marktplatz hin. Sie suchten jedoch dort nichts, bemerkten wohl auch kaum die spielenden Kinder auf dem holperigen Pflaster und an dem hölzernen .Brunnentrog, keins der Gesichter an den Fenstern der gegenüberliegenden Häuser. Die Sehkraft ihres seelischen Auges war im Augenblick stärker. Auch vor diesem Äuge standen Zukunftsbilder, die durch den goldenen Jnhall" des Testamentes angeregt waren. Aber sie hatten keine bestimmten Umrisse, diese' Bilder die weiche, unklare Schwärmerei eines jungen Mädchens wob darin Licht und Schatten und ließ beide durcheinander zittern. (Fortsetzung folgt.) At?nl7är4rt. Direktor eines Auskunftsbureaus: Wir suchen Jemand, der alle Fragen beantworten kann und sich nie verblüffen läßt!" Bewerber: Dann pafs' ich für Sie ich hab' acht Kinder!" xcufcv. Dichterling: Abscheulich, wie diese Redaktionen zusammenhalten! An dreiundzwanzig hab' ich meine Gedichte geschickt und nicht eine hat ein's angenommen!"
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Roman von Ludwig Habicht. ' . Fortsetzung,' Armes' Kind!" sagte die Mutter tief ergriffen und strich mit ihrer Rechten liebkosend über das blonde Haar ihrer Tochter. Er ist also wirklich todt? Hast du schon seine L?!che holen und in's Schloß bringen lassen? Ich kam zuerst zu dir, Mutter." Die Gräfin nickte mit dem Kopfe; zu wem hätte sich die Aermste auch sonst flüchten sollen, als zu ihr? 5ann müßten wir doch Leute zum See hinausschicken, daß sie ihn holen." Die Mutter verließ leise das Zimmer, um ihre Befehle zu ertheilen. Plötzlich sprang Adelinde wieder auf. Sie hörte auf dem Hofe lauteZ Sprechen und Hin- und Herlaufen; da durfte, sie nicht länger müßig hier verweilen; sie mußte t dabei sein, wenn man ihren Bräutigam holte, und ohne weiteres Besiinnen eilte sie die Treppe hinunter, wo schon einige Knechte sich eben anschickten, mit brennenden Laternen den Hof zu verlassen. Es begann bereits heftig zu regnen; aber sie achtete nicht darauf, auch nicht auf die ErMahnungen der besorgten Mutter, sich erst einen Mantel bringen zu lassen, und sich -an die Spitze des kleinen Trupps stellend, sagte sie: Kommt, rasch, rasch! mein armer Edgar soll nicht länger draußen auf dem Eise im Regen liegen bleiben." In athemlosem Lauf, als könne sie gar nicht erwarten, den todten Geliebten in Sicherheit zu bringen, tuar von der jungen Gräfin der See erreicht. Ohne Besinnen glitt sie über die spiegelglatte Fläche, bis zu der vom Ufer wenig entfernten Stelle, wo der Ermordete lag. Die Knechte versuchten nun ebenfalls das Eis zu betreten, ihre mit Nägel beschlagenen Stiefel kamen ihnen dabei zu statten; es gelang ihnen ohne große Fährlichkeit, die Leiche des jungen Amerikaners zu erreichen und an das Ufer zu schaffen. Auf einer schlichten Bahre hielt der junge Amerikaner jetzt feinen Einzug in das Schloß, das er vor wenigen Stunden, strotzend voll Jugendkraft und Lebensmuth verlassen hatte. Wer aber hatte die That begangen? 27. Schon am folgenden Tage stellte sich die Försterstochter selbst dem Gericht und bekannte, daß sie den jungen Amerikaner erschossen habe; sie gab auch als Grund an, daß sie ihn dafür gestraft, weil er die Mörder seines Vaters nicht zurRechenschaft gezogen, und sie erklärte dabei mit ihrem gewohnten leidenschaftlichen Wesen: denn mein Bräutigam, der Majoratsherr vonEHrenfels ist vergiftet worden, und seine Verwandten sind es, die dieses abscheuliche Verbrechen begangen haben. Man mag mich hinrichten, ich weiß, ich habe es verdient; aber wenn man wirklich Gerechtigkeit üben will, dann müssen auch die Ehrenfels das Schaffst besteigen, denn ihre schreckliche That schreit zum Himmel!" Hedwig gerieth in förmliche Raserei darüber, daß der Gerichtsbeamte ihrer Anschuldigung keinen Glauben schenken wollte und sie damit kühl und entschieden zur Ruhe wies. Ah, .da sieht man", rief sie zornglühend aus, daß es wirklich in der Welt so zugeht, wie ich es in manchen Romanen gelesen habe; die Reichen und Vornehmen tonnen die größten Schandthaten und Verbrechen begehen, und sie bleiben ungestraft; aber einen Armen, den schleppt man sogleich zum Schaffst. Das ist Eure Gerechtigkeit! Aber es wird schon der Tag kommen, wo das schändliche Lügengebäude zusammenbricht und die Unschuld und Armuth triumphirt." Der Gerichtsbeamte hörte nicht weiter auf das unsinnige Geschwätz; er ließ die Mörderin vorläufig in's Gefängniß abliefern; aber schon nach wenigen Tagen wurde sie zur Beobachjung in das nahe Irrenhaus gebracht, und bald tarn auch wirklich der Wahnsinn bei ihr zum vollen Ausbruch. Zuweilen raste und tobte sie, dann brach sie wieder in heftiges Weinen aus, schmückte sich als Braut und rief Edgar mit den zärtlichsten Namen. ,.Du weißt ja gar nicht, wie glühend ich dich geliebt hab', wie glücklich ich dich machen wollte! Bin ich nicht tausendmll schöner, als diese dürre Adelinde? Sie durfte dich nicht haben! Mir allein gehörst du an! Warum bist du mir untreu geworden?! Siehst du. ich treffe gut! Nun bist du mein aus immer. Nur die Todten verlieren wir nicht mehr; die sind unser auf ewig." Aus all' den wirren, abgebrochenen Reden der Wahnsinnigen ging hervor, daß sie den jungen Amerikaner leidenschaftlich geliebt und ihre That nur aus blinder, verzehrender Eifersucht erfolgt war, obwohl sie sich selbst eingeredet, sie müsse ihn beseitigen, weil er die Mörder seines Vaters nicht zur Rechenschaft gezogen habe. Die Unglückliche blieb nicht lange !m Irrenhause. In einem unbewachten Augenblicke war es ihr gelungen, aus demFenster zu springen, und man fand sie tödtlich verletzt auf dem Hofe lie-
gen. 'Wenige Minuten später' gab ste ihren Geist auf. Aus das junge Herz Adelindens wirkte der Verlust des Geliebten beinahe vernichtend; sie konnte sich lange nicht von diesem harten Schlage erholen und irrte seitdem trübe- und stumpfsinnig umher. Das ganze Leben war ihr plötzlich werthlos geworden; sie sah rings , um sich Nacht und Finsterniß, und die von der besorgten Gräfin herbeigerufenen Aerzte fürchteten für die .junge Gräfin das Schlimmste. , Es ist ein schweres Gemüthsleiden im Anzug." lautete der Ausspruch: eine baldige Ortsderänderung wäre sehr anzurathe'n." Ja, aber wohin mit dem armen Kinde? Die Gräfin selbst konnte nicht auf lange Zeit fort, das durfte sie schon ihrem Manne nicht anthun, obwohl derselbe jetzt da drüben" lern Kinder hatte; aber die gute Frau schmeichelte sich noch immer mit Vorstellung, daß ihr Gatte sie allzu sehr vermissen würde, und sie mochte ihn um keinen Preis verlassen. Da kam ihr die Baronin zu Hilfe; als sie ihr vertraulich den Ausspruch der Aerzte mittheilte, sagte diese herzlich: Ueber lassen Sie mir Adelinde. Sie wissen, ich reise in wenigen Tagen zu meinen Kindern, und Edwin und Elfe werden gewiß hocherfreut sein, wenn ich ihnen einen lieben Gast mitbringe Wird Ihnen' aber Adelinde nicht zur Last fallen? Sie wissen ja, wie es mit meinem armen Kinde steht.' Sie ist für die Außenwelt völlig' verloren." Ich hoffe, ein Aufenthalt im Hause meiner Kinder wird ihr wohlthun, sie erheitern und zerstreuen; denn unser, Rhein wirkt selbst auf den Schwer-i müthigsten belebend", sagte die Baronin, und ihre Augen begannen eigenthümlich zu leuchten. Wirklich behielt die Gräfin Recht. Adelinde nahm die Mittheilung, daß sie mit der Baronin an den Rhein reisen solle., stumpf und gleichmüthig hin, und auch beim Abschied von ihren Eltern zeigte sie nicht die mindeste Gemüths - Erregung; es war als ob aus ihrem Innern gerade diejenige Feder herausgebrochen sei, die bisher das Räderwerk ihres Geistes in Bewegung gesetzt; es stand still oder ging nur noch bei irgend einem Anstoß leise weiter. Ohne Aufenthalt wurde die Reise bis Mainz fortgesetzt und erst dort übernachtet. Am anderen Morgen bestieg man das Dampfschiff, das die Reisenden an ihren Bestimmungsort bringen sollte. Es war ein herrlicher Augustmorgen, und die Sonne senkte ihre wärmsten Strahlen herab, die lachende, blühende Landschaft vergoldend, durch die das Boot glitt. In dem Herzen der Baronin jauchzte es plötzlich auf; ein Rausch wie von Jugend und Glück schien wieder in ihrer Brust zu erwachen. Nun wußte sie erst, beim Wiedersehen ihrer Heimath, wie viel sie all' die Jahre über verloren, wie öde das Dasein in jenem trostlosen Winkel gewesen war, in dem sie die besten Jahre ihres Lebens zugebracht. Hier wohnt die Freude.- hier wohnt das Glück. . . schienen ihr die rebenumkränzten Berge zuzujubeln, und die Menschen auf dem Schiffe schienen es auch alle zu wissen. Man sah überall fröhliche Gesichter; nur die arme Adelinde verharrte in ih-' rem Stumpfsinn und blickte auf die sagenumsponnenen Ruinen, auf diese vielbesungenen grünen, zauberisch schönen Gelände, so gleichmüthig, als ob dasDampfboot sie durch die aschgraueste Gegend trüge. Jetzt war das Ziel erreicht. Noch im Rheingau, wenn auch eine halbe Stunde von den Ufern des Rheines entfernt, lag die Besitzung, die Herr von Sollbach für seine Kinder crworben hatte. Noch ehe das Boot am Landungplatz angekommen war, sah die 'Baronin ihren Sohn und dieSchwiegertochter auf der Brücke stehen und lebhaft winken. Endlich! Endlnh!" rief ihnen Edwin von Weitem, mit seiner hellen, kräftigen Stimme zu: Spät kommt Ihr, doch Ihr kommt." Welch' ein Wiedersehen nach so langer Zeit! denn es war allen, als ob seit ihrer letzten Trennung schon wieder so viele Jahre verflossen, als Monate vergangen: freilich ereignißreiche Monate, denn nicht nur in der Heimath war viel geschehen, hatte sich viel geändert, auch hier hatte sich etwas sehr Wichtiges ereignet: im vergangenen Jahre hatte sich bei dem Ehepaar ein reizendes kleines Mädchen eingefunden, und die jungen Leute waren selig über diesen Besitz. Edwin und seine junge Frau begrüßten Adelinde ebenfalls auf das herzlichste 'und sprachen ihre große Freude aus über ihren Besuch. Die Baronin fragte sogleich nach der kleinen Elsbeth, ihrer Enkelin. O, die ist gesund", war die Antwort; aber wir wagten doch nicht, sie mitzubringen", und die zärtliche Großmutter lobte diese Vorsicht. Ja, die jungen Eheleute waren glückliche Menschen, das konnte die Mutter schon am ersten Tage gewahren und so blieb es zu ihrer großen Befriedigung all' die Zeit über. Edwin trug seine kleine Frau, wie die Baronur bemerken konnte, auf Händen, und Elschen war klug genug, dieHerrschaft, die sie über ihren Mann ausübte, nicht zumißbrauchen.
Vielleicht würde selbst - die Sonne der Heimath die !Zrust der. Baronin noch nicht so erwärmt und durchleuchtet haben, wenn nicht da noch jenes ' kleine, liebliche Geschöpf gewesen wäre, das sich bald in ihr Herz eingeschmuggelt und ihr Freuden bereitet hätte, die sie bisher noch nicht gekannt, die Freuden, die eine Großmutter emxfindet über ihren ersten Enkel. Die kleine Elsbeth war ja aber auch so rcizend, daß sie jeden entzücken mußte. Selbst Adelinde erwachte nach einiger Zeit aus ihrer Lethargie. WaZ der Rhein mit all' seiner Romantik, mit oW seiner zauberischen Schönheit nicht vermocht hatte, das brachte die kleine Elsbeth zu Stande. Als ob daö kleine Ding geahnt hätte, daß ein armes, müdes Herz gekommen wäre, das der Erheiterung und Belebung bedurfte, drängte es sich an die junge Gräfin heran und wollte sie zu ihrer Spielgefährtin machen. Adelinde konnte bald nicht dem Zauber widerstehen, den die liebliche, gutherzige Kleine auf alle ausübte; sie beschäftigte sich viel mit ihr, und da die anderen die wohlthuende Wirkung sahen, die diese Beschäftigung auf die Gemüthskranke ausübte, traten sie gern ein wenig zurück. Schon nach kurzer Zeit konnte man der Gräfin be richten, daß ein Wunder geschehen und die Tochter von ihrem Gemüthsleiden geheilt sei. Auch die Briefe, die Adelinde an ihre Eltern schrieb und deren Inhalt ganz klar und verständig, bewiesen die glückliche Veränderung, die mit dem Gemüth der Erkrankten vorgegangen und trotzdem die Gräsin sich in Sehnsucht nach ihremKinde verzehrte, sprach sie die Bitte aus, Adelinde noch länger dort zu behalten, aus 'Furcht, eine zu rasche Heimkehr könne ' einen Rückfall herbeiführen'. Man hatteAdelinde sehr lieb gewonnen und war hocherfreut über diese Nachricht. Es schien überhaupt seit ihrer Erkrankung eine, eigenthümliche Veränderung mit ihr vorgegangen zu sein; ihr ganzes Wesen hatte etwas Sanfteres, Milderes erhalten; die Schärfe und Herbheit, die-sie früher gezeigt, waren völlig von ihr gewichen, selbst ihreStimme hatte jetzt einen weicheren, gemüthvollen Ton. (Schluß folgt.)
Der Freier. Graf: Also Ihre Zwillingsto'chter haben je 300,000 Mark Mitgift, Herr Comerzienrath?... a, da weiß ich nicht, welche ich nehmen soll! . . . Aber geben Sie doch einer 50 Mark mehr, die nehme ich!" Säende Fische. Darwin hat in seinem Hauptwerk erwähnt, daß Süßwasserfische gele, gentlich Pflanzensamen verschlucken. Der große Naturforscher hat ferner die Bemerkung gemacht, daß diePflanzensamen wieder durch die Fische in den Magen von Reihern und anderen fleischfressenden Vögeln gelangen. Man darf aus diesen Thatsachen auf die Möglichkeit schließen, daß einerseits jene Vögel zur Aussaat von Pflanzen mitwirken, falls deren Samen unbeschädigt durch den Thierkörper hindurchgehen. Ob dies der Fall sein kann, hat Dr. Hochreutiner im Laboratorium für allgemeine Botanik in Genf durch Versuche geprüft. Er wählte, dazu von Fischen den gewöhnlien Flußbarsch, die Plötze und denGoldfisch, die sämmtlich Pflanzenfresser sind; von Pflanzen den Bitterklee, die himmelblaue Lotosblume, den Igelkolben, das Pfeilkraut und den Froschlöffel. Die Versuche wurden so angestellt, daß man die von den Fi schen verschluckten und auf natürlichem Wege wieder 'ausgeschiedenen Samen aussäete und gleichzeitig andere Samen der gleichen Pflanzenart, die unbehelligt geblieben waren. , Die Töpfe mit der Aussaat wurden unter den für die Keimung denkbar günstigsten Bedingungen aufgestellt. Waren die Fische nicht dazu zu bewegen, die Sa men freiwillig zu verschlucken, so wurden sie ihnen unter Anwendung eines sinnreichen Apparats zwangsweise beigebracht. Die Ergebnisse haben gezeigt, daß die Pslanzensamen den Fischkörper unbeschädigt ihrer Keimfähigkeit wieder verlassen. Das war auch zu erwarten, da nach anderen Untersuchungen das lebende Eiweis durch die Fermente des Magens nicht angegriffen wird. Thiere wie Pflanzen können in. dem von der Magenschleimhaut und von der Bauchspeicheldrüse abgeschiedenen Saft leben, und nur todte Gewebe oder doch solche, deren Zersetzung bereits begonnen hat, werden von diesen Gährungsstoffen 'angegriffen und aufgelöst. Die Vedeutung der von Dr. Hochreutiner ausgeführten Versuche liegt in dem Nach weis, daß die Verbreitung von Pflanzen gelegentlich durch die Vermittelung von Fischen geschehen kann und daß dadurch eine Möglichkeit gegeben Wird, das Erscheinen von Pflanzenarten auf einzelnen Meeresinseln noch auf eine ander? Art zu erklären, als durch den Transport der Pflanzenjanen im Merwasser. Guter. Grund. Also Sonntag ist Euer Mäßigkeitsverein aufgelöst worden?" Ja, da gab's im Schwan" Freibier!"
