Indiana Tribüne, Volume 27, Number 259, Indianapolis, Marion County, 22 June 1904 — Page 3
Jndians Tribüne, 22. Juni
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Nichts Neues
chauplatz.
Das Gesangbuch in der deutschen Armee. Die Zustände in Finnland. Die Festwoche in Kiel. Ein Wiener Skandal. KriM über Automobilfahrten.
DasVladivostock-Ge s ch w a d e r. St. Petersburg, 21. Juni. Der Zar erhielt .vom Admiral Skrydloff folgende vom 21. Juni datirte Depesche : Am 12. Juni verließ unser Geschwader von drei Kreuzern den Hafen von Vladivostock. Es gelang den Kreuzern die japanischen Transportschiffe Hiatchi" und Sado" zu überholen nahe den Tsu und Jki In sein. Die japanischen Transporte wurden torpedoed. Der Sado" sank beim zweiten Torpedo. Auf der Rückfahrt nach Vladivostock wurde der englische Dampfer Allantan", der anscheinend Kriegs - Contrabande mit sich führte, gekapert. Das Transportschiff die Sado befolgte den Befehl der russischen Kreuzer und hielt an. Sie hatte 1350 Kulis für Bahnarbeiten in Korea an Bord. Denselben wurde gestattet, in Booten zu landen. Der Capitän, zwölf Offiziere und drei Engländer wurden auf das russische Admiralsschiff gebracht. Die anderen Offiziere weigerten sich, das Schiff zu verlassen; und gingen mit demselben unter. Ein japanischer Kreuzer sah der Affaire aus sicherer Entfernung zu. Rußland. Der Nachfolgerde s GeneralsBobrikow. L o n d o.n, 21. Juni. Eine De- , pesche der Daily Expreß" aus Kopenhagen meldet (imGegensatz zu russischen Angaben, welche die Lage als durchweg ruhig schilderten), daß in der Hauptstadt von Finnland, Helfingfors, wo vorige Woche der GeneraZgouverneur Bobrikaw ermordet wurde, ein Aufstand ausgebrochen sei. Eine Schaar schwedischer Revolutionäre plünderte in der Nacht vom Samstag auf Sonntag die Amtsräume desGeneralgouverneurs und tödtete 18 der Angestellten, darunter auch einen Sohn des Admirals Pinken. Auch' griffen die Revolutionäre die Polizei-Bureaus an und zerstörten sie. Man glaubt, daß der Aufstand sich weiterbreiten wird, und erwartet sehr ernste Nachrichten. In amtlichen Kreisen wird alle Auskunft unterdrückt. St. Petersburg, 21. Juni. General Turbine wird zum vorläufiaen Nachfolger des Generals Bobrikow als General-Gouverneur von Finnland ernannt werden. In einer Conferenz zwischen Herrn Linder, dem Vice-Präsidenten des finnischen Senats, und dem russischen Minister des Innern v. Plehwe äußerte sich Letzterer gegen schroffe Extra-Maß-nahmen wegen der Ermordung des Generalgouverneurs Bobrikow, welche nur der Act - eines Einzelnen sei, dessen Standpunkt nur von einer kleinen Minderheit der finnischen Bevölkerung getheilt werde. (Letzterer Ansicht wird von anderer Seite entschieden widersprechen.) Doch wird er empfehlen, daß die Politik Bobrikow's in Finnland fortgesetzt werd?. Deutschland. Die K i e l e r W och e". Berlin, 21. Juni. Das Proramm für die bevorstehende Kieler . Woche" ist noch zuguterletzt in einigen Punkten geändert worden. Am 27. Juni, Montag nächster Woche, wird eine große Flottenübung stattfinden. Fast die ganze deutsche Kriegsflotte, soweit sie nicht im Auslande Verwenduna findet, wird zu der festlichen Ge leaenheit im Kieler Hafen versammelt sein. Vom 26. bis zum 28. Juni werden die Kriegsschiffe allabendlich in außerordentlich prächtiger Weise illu mim lein. r In Kiel treffen die Feftgäste schon iefet schaarenweise em, und die Bethel ligung verspricht größer zu werden als ie zuvor. Das Hauptinteresse konzen trirt sich begreiflicherweise auf die in der .Kieler Woche" stattfindende Begeg nung zwischen Kaiser Wilhelm und König Edward, zu der auch Reichskanzler Graf v. Bülow und Sir Fr. 45. Lascelles, der britische Botschafter in Berlin, erscheinen werben.
vom Kriegs
Fach stimmen überdie Automobilfah'rten. Berlin, 21. Juni. Die Nachrufe, welche dem vorgestrigen Automo-bil-Wettrennen um den James Gordon Bennett-Pokal bei Homburg v. d. Höhe in der Presse gewidmet werden, sind nicht weniger als günstig, und die abfälligen Fachftimmen mehren sich reißend rasch. Die Allgemeine Automobil-Zeitung" sagt: Die Wettfahrt an der Saalburg hatte keinerlei praktische.: Zweck für die Automobil-Jndustrie. Sie glich einem sorgfältig arrangirten internationalen Hazardspiele. Derartige Rennen sind nutzlos, ja schädlich." In Fachkreisen scheint man sich darüber einig zu sein, daß das jüngste Bennett-Rennen wohl das letzte bleiben wird, weil die großen Opfer und riefigen Kosten in gar keinem Verhältniß zu dem möglicherweise zu erwartende Gewinn standen. Verheerende Unwetter. Köln. 21. Juni. Furchtbares Unheil hat den Oberharz und die Rheinlande heimgesucht. Tort sind schwere Gewitter mit sehr starkem Ha gelschlag niedergegangen und haben in den heranreifenden Feld- und Gartenflüchten beträchtlichen Schaden angerichtet. Auch die vn: den Bergen stürzenden Wassermassen verbreiteten Verderben auf ihrem Wege, . und mancher fleißige Landmann hat seine ganze Ernte verloren. Aber nicht materieller Schaden allein ist zu beklagen. Auch Verluste von Menschenleben find zu verzeichnen; denn mehrere Personen sind vom Blitze erschlagen worden. Sieht ihre Lösung entg e gen. B e r l i n, 21. Juni. Immer sensationeller gestaltet sich die neuerliche Wendung, welche die seit Jahren schwebende Konitzer Mordaffaire genommen hat. Die räthselhafte Ermordung des Gymnasiasten Winter hat bekanntlich die Gemüther der Bevölkerung, insbesondere in Westpreußen, in stetiger Aufregung gehalten. Dieser Tage wurden der Arbeiter Maßloff in Halberftadt und der Schlosser Berg, Letzterer der Schwager Maßloff's plötzlich verhaftet. Maßloff ist derselbe Mann, der vor Gericht beschworen hat, er habe in Levy's Keller in Konitz am Abend des Mordtages verdächtige Hantirungen bemerkt. Er wurde, nachdem sich herausgestellt hatte, daß er diese Beobachtungen 'unmöglich von dem von ihm angegebenen Orte aus gemacht haben konnte, in's Zuchthaus gesteckt. Aus diesem wurde er erst kürzlich entlassen. Er begab sich nach Westdeutschland und fand dort in einer Fabrik Arbeit. Inzwischen arbeitete die Untersuchungsbehörde im Stillen unermüdlich weiter. Eine ganze Reihe Spuren wurde verfolgt. Das Ergeb niß dieser Nachforschungen war schließ lich, daß sich der gravirendste Verdacht anf , Maßloff und dessen Angehörige lenkte. Eine in .der Stille vorgenommene Haussuchung in der Wohnung, die Maßloff am Mordtage inne 1 hatte, führte zu überraschenden Ergebnissen. In einer Krümmung des Schornstein schachtes fand man halbverkohlte Ueber reste von Kleidungsstücken, die als die des ermordeten Winter angesehen wer den. Zu diesem Fund trat noch ein anderer. An den kurz nach der Mord that aufgefundenen Kleidungsstücken des Ermordeten fanden sich eine Anzahl röthlicher Katzenhaare. Es wurde er mittelt, daß sich im Besitze der Familie Maßloff ein als Decke für den Kinder wagen benutztes Katzenfell befand, das dieselben Haare auswies. Ein weiteres Verdachtsmoment gegen Maßloff kam hinzu. Der Kopf Win ter's war, als er aufgefunden wurde, in ein Exemplar eines Berliner Blattes eingewickelt. Es ist festgestellt worden. daß Maßloff dieses Blatt vus einer
Wirthschaft mitgenommenZIhatte. So ist alle Aussicht vorhanden, daß die dü
stere Affaire endlich aufgeklärt wird. Die Behörden baden Grund zu der Annähme, daß Winter von seinem Mör der bei einem Frauenzimmer überrascht und aus Eifersucht im Affectj getödtet wurde. .. Hauptmann Lindner frei. Dresden, 21. Juni. Großes Aufsehen erregte im verflossenen Februar in Bautzen eine wüste Schlägerei, als deren Hauptschuldiger der Hauptmann Lindner bezeichnet wurde. Die gerichtliche Untersuchung hat nun ergeben, daß Hauptmann Lindner zu jener Zeit unzurechnungsfähig war und deshalb für seine damaligen Handlun gen nicht verantwortlich gemacht werden kann. Aus diesem Grunde ist er jetzt auf freien Fuß gesetzt wordn. Nicht thronberechtigt. Berlin, 2l. Juni. Aus Budapest verlautet, daß der Vorstoß des Abgeordneten Polonyi zu Gunsten der Gattin des Erzherzog - Thronfolgers Franz Ferdinand vergeblich gewesen ist. Polonyi hatte bekanntlich letzte Woche im Abgeordneteuhause erklärt, daß die Gräfin Chotek, mit welcher Erzherzog Franz Ferdinand seit dem 1. Juli 1900 in morganatischer Ehe vermählt ist, dereinst ungarische Königin werden würde, während der älteste Sohn auch einmal den Thron besteigen werde. Die Regierung und die Mehrheit des ungarischen Reichstags halten dem gegenüber an dem Standpunkte fest, daß der älteste Sohn des Erzherzogs Franz Ferdinand, der am 29. September 1901 geborene Fürst Maximilian, nicht thronberechtigt ist. Denn nach der pragmatischen Sanktion kann nur eiu österreichischer Erzherzog thronberechtigt sein. Der Frauen-Congreß. Berlin, 21. Juni. Der internationale Frauen Congreß, welcher. wie schon gemeldet, geschlossen wurde, hat in den sechs Tagen seines Zusammenseins insgesammt 45 Sitzungen abgehalten, welche sich auf vier Sectionen vertheilten. In diesen Sitzungen wurden nicht weniger als 214 Referate erstattet. Es ist also der Record aller bisherigen Frauen-Congresse übertrofsen worden. Tag für Tag waren in den Sitzungen 5000 bis 6000 Frauen anwesend, und zwar trotz der vorherrschenden tropischen Hitze und der athembeklemmenden Athmosphäre. Die Citronenlimonäde, der stärkste Stoff, der verabreicht wurde, floß in Strömen, und es wurden nicht weniger als 1900 Liter davon getrunken. Die anerkannt besten Rednerinnen des Congresses waren die Amerikanerinnen Shaw und Parkins. Gesangbuch in der Flotte. Berlin, 21. Juni. Das preußische Abgeordnetenhaus nahm gestern mit großer Mehrheit einen Antrag des Freikonservativen Dr. Graf Douglas an, daß den Mannschaften der Armee und Marine das Gesangbuch, welches ihnen beim Eintritt in's Heer oder die Flotte übergeben wird, als Eigenthum belassen werden möchte. Der Genehmigung des Antrags ging eine interessante Debatte voraus, in welcher sich Redner verschiedenen Parteien über den unter den Mannschaften der Armee und Marine herrschenden Geist verbreiteten. Besonderen Eindruck machte wieder eine urwüchsige Rede des bekannten evangelischen Theologen unb Gründers der deutschen Ar beiterkolonien des Bielefelder. Pastors Friedrich von Bodelschwingh, der wie üblich Jedermann auch die Herrschaften vom Regiernngstifch, mit Du" apostrophirte. So sagte er im Laufe sei ner Ausführungen u. A.: Lieber Kriegsminister gieb 30.000 Mark dafür her. Wir müssen unsere armen Soldaten durch geistige Nahrung stärken. Wir müssen Soldaten für die Ewigkeit' erziehen." Marburg g r a t u l i r t Madison. ' Kassel,, 21. Juni. Die Zu rückHaltung der deutschen Hochschulen gegenüber den amerikanischen Universi täten, beginnt allmälig zu schwinden. Seitdem Amerikaner in großer Zahl in Deutschland ftudiren, das hier erwor bene Wissen über den Ozean verpflan zen, und hervorragende deutsche Ge lehrte als. Dozenten an amerikanische Universitäten berufen werden, ist man zu der Ueberzeugung gelangt, daß die letzteren etwas mehr, als bloße Doktorfabriken" sind. Dies ist jetzt wieder in einem Glückwonsch, den die Marbur-
ger Universität der Staats-Univerfität von Wiskonsin aus Anlaß ihrer Jubel' feier dargebracht, erwiesen worden. In diesem Glückwunsch wird die Einigkeit der deutschen mit der amerikanischen Wissenschaft ganz besonders hervorge hoben. Oesterreich'Ungarn. E i n Wiener Skandal. Wien, 21. Juni. Eine Skandalgeschichte, deren Akteure den ersten Gesellschaftskreisen von Brück a. d. Mur und Mürzzuschlag in Stetermark angehören, hat in dem Selbstmord der Hauptperson, der Gattin des Bezirks-
Hauptmanns Freiherrn Hervey Kirch berg, ihren Gipfelpunkt gefunden. Die Frau hatte bereits vor ihrer Verlobung einen unsittlichen Lebenswandel geführt; allein der Bezirkshauptmann ließ sich dadurch nicht abhalten, mit ihr das Ehedündniß einzugehen. In der Ehe trieb die Frau es noch viel ärger, als zuvor, und ihr skandalöses Leben wurde - so offenkundig, daß allgemein angenommen wurde, daß Freiherr Herdey darum wisse und es schweigend dulde. War der betrogene Gatte anfänglich bedauert worden, so führte die Annahme, daß er das Lasterleben seiner Frau nicht sehen wolle, schließlich dazu. daß er selber in die gesellschaftliche Acht gethan wurde, und seine Beamten sich weigerten, mit ihm weiter zu arbeiten. Nach dem Selbstmord der Frau hat sich herausgestellt, daß sie eine ganz ge-" wöhnliche Abenteurerin war. Vor ihrer Verheirathung hatte sie sich Baronin Lützow genannt und jetzt ist ermiitelt worden, daß sie diesen Namen mit Unrecht angenommen hatte. Sie war eine Berlinerin und in Wirklichkeit eine Frau Sinner; alle Dokumente, auf Grund deren sie sich als Baronin Lützow eingeführt hatte, waren gefälscht. Streikführer freige sprachen. Budapest. 21. Juni. Die ungarische Regierung hat sich eine gründliche Blamage geholt. Wie kürzlich gemeldet, hat sich das Comite, welches den jüngsten Eisenbahn-Streik leitete, unter Anklage stellen lassen. Bon Aufang an war der Ausgang des Prozesses kaum zweifelhaft; denn die Belastungszeugen der Regierung wurden während der Verhandlungen zu Entlastungszeugen, und so kann es nicht Wunder nehmen, daß alle Angeklagten freigesprachen worden sind. Auf der Dampfschiffsbrücke in Hamburg hörten unlängst Polizeibeamte kurz vor 12 uyr'aozls fortwäbrendes Sundeaebeul auf dem Ponton. Sobald die Beamten dort r - - r. W I. erschienen, sprang em kleiner jgunu iu das Wasser, wo er suchend umherschwamm. Die Polizeibeamten sorgten dafür, daß der völlig erschöpf Hund an Land geholt und in Obhut genommen wurde. Gegen drei Uhr trieb bei der Dampfschiffsbrücke die Leiche einer gutgekleideten Frau an, die geborgen und in die Leichenhalls gebracht wurde. Da der Hund, als man ihn zur Leiche führte, von dieser kaum fortzubringen war, dürfte die Annahme, daß es sich um die Herrin des Thieres handelt, berechtigt sein. Offenbar ging das Bestreben des Hundes, als er fortwährend bellte und heulte, dahin. Hilft zur Rettung der im Wasser Treibenden herbeizurufen. Ein Berliner Armencommissions -.Vorsteher wurde unlängst von einem Hauswirth wegen der Beerdigung einer in seinem Hause verstorbenen älteren Frau in Anspruch genommen. Die Frau . wurde auf Kosten der Armendirektion beerdigt. Die Beamten und andere Personen, die genöthigt waren, die Wohnung der Verstorbenen zu betreten, haben sie in schrecklichem Zustande vorgefunden. Jeder, der die auf dem Hofe belegene Wohnung betreten hatte, f mußte sich und seine Sachen gründlich desinfiziren lassen, um das aufgesammelte Ungeziefer los zu werden. Aber der Nachlaß mußte vorschriftsmäßig aufgenommen werden. Zwei Beamte begaben sich zu diesem Zweck in die Wohnung. Sie fanden nichts als Lumpen, einen alten defekten Stuhl und eine werthlose Kommode. Beim Aufziehen einer Schublade wurden zahl reiche Streichholzschachteln mit. Bind faden umwickelt, entdeckt. Sammtliche Schachteln waren mit Silber und Nickel voll gefüllt. Das vorgefundene Geld füllte einen Beutel. Als die Veamten die Wohnung verließen, hatte sie aber nicht nur emen Beutel voll Geld, sondern so viel anderes aufgesammelt, daß sie nirgends, hingehen konnten. DaZ Protokoll war förmlich übersät von dem Ungeziefer. An einem Tische auf dem Hofe wurde das Geld gezählt und dann ging es zu Fuß nach dem Obdach, wo gebadet und die Sachen desinfizirt wurden. Nun konnte erst der Heimweg angetre.ten werden. Das Geld, über 1000 Mark, haben die Erben erhalten, weil die Verstorbene Armenunterftützung nicht bezogen hat. ; '
Wie man bei Krauen obsiegt.
Von LIvritz Jokai. Madame! Seit zwei Jahren biete ich Ihnen meine treue Liebe. Sie weisen sie seit zwei Jahren schroff zurück. Ich ertrage diesen Schmerz nicht mehr. Sie verlachen mich, indessen ich unsagbare Qualen erdulde. Aber dieser Zustand geht über meine Kraft und darf nicht länger andauern! Einmal noch, ein allerletztes Mal will ich Ihr steinernes Herz durch mein Flehen zu rühren versu chen. Erbarmen Sie sich meiner! Sie wissen, wie ich Sie anbete." Sie täuschen sich. Nichts weiß ich. Oder ich habe es wenigstens schon lange vergessen." Ich wiederhole es Ihnen doch Tag für Tag. Habe ich mich nicht schon vor Sie hingeworfen, schluchzend vor Liebe?" Sogar wüthend vor Liebe. Das bezeugt dort die zerschlagene Vase." Wie viele habe ich Ihnen für diese eine schon geschickt?!" Aber wie viele habe ich denn angenommen? Nicht eine einzige!" Nur um mich damit zu martern. Aber all' dies soll jetzt ein Ende nehmen. Ein Ende mit Schrecken, wenn es sein muß. Ich bin heute hierher gekommen mit der festen Absicht, mich, wenn Ihr grausames Herz sich nicht erweichen läßt, hier bor Ihren Augen zu todten." Ach, wie oft haben Sie das fchon gesagt! Versucht , haben Sie es aber noch nicht." Madame, scherzen Sie nicht mit Dingen, die viel ernster sind, als Sie meinen. Freilich, wenn ich jetzt einen Revolver hervorziehen würde, um mich mit diesem beliebten Jnstrumente in das sogenannte bessere Jen seits zu befördern, Sie waren im Stande, zu lachen, hellauf zu lachen, bis mein armes gepeinigtes Gehirn wirklich in Fetzen auseinanderflöge. Dann erst würde Ihre Theilnahme erwachen. Aber was hätte ich dann davon? Für einen postHumen Liebesbeweis danke ich, und auf so rasche Art übergebe ich mich dem Tode nicht. Ich werde vor Ihren schönen Augen langsam, Zoll um Zoll, in's Grab gleiten, Sie sollen den getreuesten Anbeter zu Ihren Füßen in Ihrem Boudoir verhungern sehen." Und der selbstmörderische Verehrer warf sich auf eine Chaiselongue und schwor steif und fest, von dieser Sekünde an weder einen Bissen zu sich zu nehmen, noch auch dieses Zimmcr zu verlassen. Frau Clarisse, eine jugendliche Wittwe von berückender Schönheit, belohnte den bizarren Gedanken mit einem melodischen Lachtriller und wandte ihrem Anbeter summend den Rücken, überzeugt, daß ihn die Sehnsucht nach dem Souper schon veranlassen werde, das Feld zu räumen.' Sie begab sich in ihr Ankleidezimmer, machte in aller Ruhe und - mit aller Sorgfalt Toilette und unternahm einen Spaziergang, von dem sie erst zu später Abendstunde heimkam. Ihre Zofe empfing sie zu ihrer Ueberraschüng mit der Mittheilung, daß der Herr immer noch im Boudoir sei. Clarisse war darüber sehr ungehalten und begab sich sogleich zu ihrem sonderbaren Verehrer. Sind Sie wohl bei Troste, mein Herr? Sie wollen doch nicht hier bei mir übernachten?" Ich habe es Ihnen schon gesagt, ich will hier sterben." ' Meinetwegen, wenn es Ihnen Vergnügen macht. Aber dann zwin gen Sie mich, meine eigene Wohnung zu verlassen." Es thut mir sehr leid, daß ich Jhnen eine Störung verursache, aber mein Entschluß ist felsenfest." Clarisse war nahe daran, grob zu werden, aber sie beherrschte sich doch noch so weit, um diese Verrücktheit von der spaßigen Seite zu betrachten, und so begab sie sich denn, herzlich belustigt, zu einer FreieLdkn, um bei dieser zu übernachten und ihr eigenes liebliches Home ihrem starrköpfigen Seladon vorläufig zu überlassen. Am nächsten Morgen kehrte sie nach Hause zurück in der sicheren Erwartung, daß der schlechte Scherz indessen sein Ende gefunden haben werde. Aber da saß ihr Ritter Toggenburg noch immer. Mein Herr, das ist mir aber denn doch zu bunt. Ist das Wahnsinn oder Unverschämtheit? Sie vertreiben mich aus meiner Wohnung, Sie bringen mich in's Gerede und was das Allerschlimmste ist Sie regen mich auf, Sie machen mich ganz nervös. Nun entfernen Sie sich aber äugenblicklich, wenn ich nicht ernstlich böse werden soll!" Sie vergessen, was ich Ihnen sagte: daß es mein unabänderlicher Wille ist, hier zu sterben." Herr, in des Kuckus Namen, sterben Sie, wo Sie wollen, wenn Sie's nun einmal durchaus wollen. Draußen haben Sie die Donau! Aber von hier scheeren Sie sich gefalligst fort!" Ich bedauere recht fehr, meine Gnädige, , aber ich will hier sterben." Bebend vor Zorn lief Clarisse auS ihrem Zimmer. Das ist der reine TollhAusler!" rief sie. Man sollte die Polizei rufen." Aber dann beruhigte sie sich selber: Der Hunger wird ihn schon auf und davon jagen!" Bis zum nächsten Tage kümmerte
sie sich gar nicht um ihn. Ms sie aber vernahm, daß er noch immer da se:, da konnte sie sich doch einer bangen Unruhe nicht erwehren. Das ging ihr denn doch schon über den Spaß. Gegen Mittag suchte sie den neuen Ugolino auf. Held Romeo mit dem leeren Magen hockte ganz melancholisch auf dem Sopha, den bleichen Kopf matt an die Kissen gelehnt. Der Arme hatte nun seit zwei Tagen nichts gegessen. Der schönen Frau wurde es kalt und warm um's Herz bei diesem Anblick. . Um Gottes und aller Heiligen . willen, theurer Freund, das ist doch ein gar zu thörichter Scherz! Lassen Sie's, nun damit genug sein und machen Sie weiter keine Dummheiten. Was wollerj Sie denn eigentlich?". Madame, Sie wissen, was ich will", seufzte er kaum vernehmlich, drehte sein Gesicht nach der anderen Seite und schloß die Augen, als ob sie das Licht nicht mehr vertrügen. Clarisse wußte sich keinen Rath. Am dritten Tage vermochte sie ihre Angst und Aufregung nicht mehr Zu bezwingen. Sie brachte ihn in eige ner Person eine Schale Bouillon. Liebster Freund, machen Sie doch dem gräßlichen Scherz ein Ende. Hier haben Sie ein wenig kräftige Suppe. Ich habe sie selbst bereitet. Sie wird Ihnen schmecken. Da,, nehmen Sie!" Die Versuchung war mächtig. Esschien, als ob er sich kaum mehr bewegen könnte. Die Augen lagen schon tief in den Höhlen, das Antlitz war fahl und abgemagert, und in seinem Blicke prägte sich bereits eine Ahnung der anderen Welt aus. So däuchte es wenigstens Clarissen. Er wollte wirklich sterben, denn er berührte die Suppe nicht. Der vierte Tag war schon ange- . brachen, und noch hatte keine der Parteien kapitulirt. Frau Clarisse war der Verzweiflung nahe. Der Mensch mußte ja kaum mehr die Kraft zum Athmen aufbringen können. Was solte sie denn beginnen, um den Wahnwitzigen vor sich selbst zu retten? Sie darf nicht mehr lange zögern, sonst thut er ihr am Ende wirklich den Tort an und stirbt in ihrem Boudoir. Was würden sich da die lieben Mit menschen darüber skandalisiren, wenn sie erfahren, daß um ihrer Grausamkeit willen ein junger Mann, ein schöner Mann das mußte sie einräu-
men förmlich vor ihren Augen den qualvoll langsamen Tod des Verhungerns gestorben ist! Bis in ihre eigene letzte Stunde hinein wird sie dann das Bewußtsein quälen, daß sie einen Menschen durch vier Tage mit dem Tode hatte ringen sehen können, ohne ihm zu helfen! Gleichzeitig kam ihr aber in den Sinn, daß ein Mann, der dies aus verzweifelter Liebe vollbringen konnte, eigentlich eine wunderbare Willenskraft sein eigen nennen müßte, und daß eine solche That der überzeugendste Beweis glühendster Leidenschaft wäre... Sie fühlte in sich eine gewisse Werthschätzung dieses Mannes lebendig werden. Sie sagte sich, daß es denn doch schade um ihn wäre. Und mit der Bouillonterrine in der Hand betrat sie abermals das Zimmer. Bester Freund, ich bringe Ihnen wieder die Suppe. Sie können sie vielleicht selbst nicht mehr essen. Bitte, öffnen Sie die Lippen, damit ich sie Ihnen einflößen kann." Der Unglückliche hatte nicht mehr die Kraft zu sprechen. Aber mit dem Kopfe wehrte er der Samariterin ab. Um des Himmels willen!" schrie sie geängstigt auf. Ich will doch nicht, daß Sie sterben!" Der Verhungernde zuckte leise mit den Schultern. Das heißt: Ich habe Dir meinen Entschluß kundgegeben. Clarisse setzte sich neben ihn aus die Chaiselongue, griff nach seiner schlaff niederhängenden Hand und streichelte sie. Nehmen Sie doch Vernunft an, bester, theuerster Freund, und hören Sie hübsch zu!" Der treue Anbeter zwang seinen starren Mienen ein wehmüthiges Lächeln ab. Also hören Sie! Ich ich ergentlich habe ich Sie ja lieb. . Und damit sank sie an seine Brust und drückte ihren Mund auf den seinen. Mit geradezu verblüffenden Kräften erwiderte der Selbstmörder diesen Kuß der endlich Besiegten, und dann griff er nach dem Suppentopf. Ein Tag noch, Süße," sagte er , dann, ein paar Stunden noch, und keine Suppe und kein Kuß hätte mir geholfen, hätte mir hier im Diesseits die himmlische Seligkeit erschlossen!In einer Woche war er wieder voll bei Kräften, in zweien waren sie Bräutigam und Braut. . . Zum Schlüsse dieser höchst lehrreichen Geschichte will ich mir nur die Bemerkung erlauben, daß ich, wenn mich das Schicksal gezwungen hätte, in dieser Weise auf ein Frauenherz einzustürmen, doch heimlich einige Kipfeln oder wenigstens ein paar Täfelten Chocolade zu mir gesteckt haben würde. Und meinen geschätzten Lesern zum Troste, meinen schönen und'lie--benswürdigen Leserinnen zur gerechten. Entrüstung muß ich das Vekenntniß ablegen: unser Held hat das auch gethan.
