Indiana Tribüne, Volume 27, Number 250, Indianapolis, Marion County, 11 June 1904 — Page 5

Jndiema Tribüne, !! Juni 1904.

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X Die Kncht var ? der Erfüllung I Novelle von Ö Helene Witte

O-OO-O-O-O-OC löschen Reichert saß am Fenster ,-3L ihres kleinen Stübchens auf dem altmodischen Fenstertritt und blickte hinaus in den Garten. ' In den Blättern der alten Linden rauschte der Sommerwind, und grüngoldige Sonnenflimmern huschten über die Beete mit Monatsrosen und bunten Stiefmütterchen. Die sonst immer so rastlosen fleißigen Hände des Mädchens lagen heute feiernd im Schooß, und auf den schmalen, blassen Wangen glühte ein rosiger Schein, die Nöthe innerer Erregung, der das ältliche Mädchengesicht frisch und jugendlich erscheinen ließ.Sie hatte wohl, ein Recht dazu, die Arbeit einmal ruhen zu lassen, denn zu ihr war heute das Glück gekommen. Lange, bange Jahre hatte sie es ersehnt; ihre Jugend war darüber vergangen, sie hatte es selbst kaum gemerkt, müde und hoffnungsarm war sie schließlich geworden mit ihrer nie erfüllten, stillen Sehnsucht. Und nun plötzlich war es doch noch gekommen; mit dem Brief, der da im Arbeitskörbchen lag, war es ihr in den Schooß geflattert, das Glück, die endliche Erfüllung. Als Thildchen Sperling und Trinchen Wachtel vorhin bei ihr waren, hatten sie das Kouvert mit den vielen, fremden Marken gleich erspäht. Ach, Fräulein Lieschen, ein Brief von dem Herrn Bräutigam?" fragte Trinchen und beugte sich nach dem Nähkorb hinüber. Lieschen nickte, ein fast verlegenes Lächeln huschte um ihre Lippen: Hoffentlich doch gute Nachrichten?" fügte Thildchen hinzu. Als Lieschen Reichert in die beiden Gesichter hineinblickte, aus deren Augen ihr halb fiebernde Neugier, halb schadenfrohes Mitleid entgegenleuchtete, da drängte sich auf ihre Lippen der jauchzende Jubelruf: Ihr braucht mich nicht mehr zu bemitleiden, die Zeit des Harrens ist um; er kommt, er holt mich, in dem Briefe da steht es geschrieben." Aber sie brachte die Worte doch nicht heraus, eine jäh aufsteigende Scheu schloß ihr die Lippen, das, was jetzt noch ganz ihr eigenstes Geheimniß war, schon diesen beiden? Klatschschwestern preiszugeben; sie würden es in Windeseile durch das Städtchen tragen, von Haus zu Haus würden sie die Kunde verbreiten: Lieschen Neicherts Bräutigam kommt zurück, glaubt ihr's denn überhaupt? Daran hat doch keiner mehr gedacht, sie selber wahrscheinlich auch nicht." Und Menschen, die vor Neugier brannten, würden sie bestürmen mit tausenderlei Fragen. Nein, erst mußte sie selber fertig werden mit sich und ihrer Glücksbotschaft, und mit einer kaum je an ihr bemerkten Energie schob sie den Brief ganz unter die Stickerei in ihrem Körbchen und antwortete nur leise und schüchtern dasselbe, was sie seit einem Jahrzehnt schon jedem Frager geantwortet hatte: Q ja, ich danke, ich habe gute Nachrichten." , Und Thildchen und Trinchen blinzelten einander verständnißinnig zu und gingen dann bald. Sie hatten den Briefträger heute Vormittag zu Liesche.n Reichert gehen sehen und sich nur vergewissern wollen, daß in deren Zukunstsaussichten alles beim alten geblieben war. Sie hätten es sich ja eigentlich schon selber sagen können, denn daß der Ludwig Wiegand noch einmal aus seinem indischen Paradies zurückkommen würde, das glaubte ja keiner mehr. Die ewige Brautschaft würde wohl so weiter gehen bis in's Endlose, und was drüben sonst ge schah, das wußte man hier nicht. Briefe sind bet allen schonen Worten doch schließlich stumm, sie können nichts erzählen, als was ihrem Schreiber recht und angenehm ist. So konstatirten die beiden Damen den Thatbestand in seltener Melnungsgleichhen und uberhe ßen Lieschen Reichert ihren glücklichen Traumen. Und diese Träume führten Lieschen zurück in die vergangenen Jahre; heute besaß sie keine Empfindung mehr ba für, daß es deren zehn waren, seit sie von Ludwig Abschied genommen hatte Wie hatte sich der Weg bis zu dem Ziel ihrer Vereinigung vor ihren Blicken so endlos weit gedehnt, wie war die Zeit so müde und ode dahin geschlichen! heute aber war das alles vergessen, plötzlich ausgelöscht und verflogen! Sie .sah sich wie mit Zauberschlag an's Ende ihrer Wanderung gestellt; was dazwischenlag an Mühsal, das war hinter ihr versunken, und das Maß für die verstrichene Zeit hatte sie plötzlich ganz verloren. Ihr war es, als sei es erst vor wenigen Wochen gewesen, daß sie in der feuchten Kühle des frühen Herbstabends ihren Liebsten zum letztenmal umfing. Ueber ihnen sauste der Qktoberwind durch die Lindenkronen und schüttelte die letzten fahlen Blätter auf die Beiden herab. Das Herz war ihnen schwer, sie fanden wenig Worte für das Leid des Scheidens; aber was half es? Ludwigs Vater schickte den Sohn mit Empfehlungen an einen Geschäftsfreund nach Indien; dort in den großen Zinnminen bei Singapore sollte angestellt werden, und die Briefe der Herren von drüben" und die Verheißungen des alten Wiegand stellten dem Sohn

eine gmnzenv ;uiunsi. in jH.usncni.1 Bald genug würde er fein Mädel, die

arme einsame Waise, dann heimholen können. . Du wirst Dich mcht furchten vor der fremden Welt, Liebling?" fragte Ludwig das Mädchen immer wieder. Wie sollte ich mich fürchten, wnn ich bei Dir bin," war ihre Antwort. Das war damals im Herbst, und heute lachte der Sommer zu ihr herein und waren zehn Jahre verstrichen. Wie deutlich sah sie den schmalen, jünglingshaften Menschen vor sich mit dem vor Erregung blassen Gesicht, der sie, die Zwanzigjährige, zum letztenmal gekußt hatte. Ihr war es, als blickten die großen, treuen Augen, in denen es feucht schimmerte, aus dem Lindenlaub auf sie hernieder gerade wie damals, als sie schluchzend ihr Antlitz an seiner Brust verbarg; die letzte Bitte, die er ihr gesagt, wehte wie ein warmer Hauch über sie hin: Bleib mir treu, Lieschen, vergiß mich nicht!", , Niemals, Ludwig, memals!" Sie flüsterte es vor sich hin. und all die Jahre, in denen sie von wesenloser Hoffnung gelebt hatte, waren versunken und vergessen. Ihre Hände schlössen sich fest ineinander um das leise knisternde Briefblatt; es brachte ihr die Botschaft der Erfüllung. Wenn Du den Brief erhältst, dann schwimme ich schon zwei Wochen; Du bekommst dann nur noch eine Depesche, an welchem Tag ich ankomme." So stand darm geschrieben, und der heiße Schreck, der sie bei dieser kaum noch erhofften Nachricht jäh durchzuckt hatte, zitterte noch nach in jedem ihrer Nerven. Sie hatien es beim Scheiden nicht gedacht, daß fo lange Zeit hingehen würde, bis die heutige Votschaft zu dem Mädchen kam; auf zwei, drei Jahre hatten sie gerechnet, aber da war der alte Wiegand Plötzlich gestorben, und was er dem Sohn hinterließ, war keine gesicherte Zukunft, sondern eine Last von Schulden. Das Geschäft wurde unter den Hammer gebracht, , aber der Erlös reichte lange nicht aus, die Gläubiger zu befriedigen. Der Sohn hätte des Vaters Erbschaft nicht anzutreten brauchen, und sie hätten sich dann zufrieden geben müssen, aber er schrieb an seine Braut: Ich könnte mich selber nicht mehr achten, wenn ich des Vaters Namen nicht rette vor der Schande; ich will nicht das Gefühl haben, daß man daheim von mir sagt: Er ist ein erbärmlicher Wicht. Das. willst Du auch nicht, Liebling, nicht wahr? Wir würden es ja hier nicht hören, aber wir würden es doch wissen und, empfinden, und das wäre ein Schatten auf unserem Glück. Nun freilich heißt's warten, denn es wird Jahre dauern, bis ich die Schuld tilgen kann. Ich verdiene hier zwar viel, und darum komme ich auch nicht zurück; aber das Geld hat auch hier nur den halben Werth wie daheim, und einen Hausstand begründen mit allem, was in diesem Lande dazu gehört, ist ein großer Luxus. Er würde die reichlichen Einnahmen auch verbrauchen, und es bliebe nichts, um den Verpflichtungen, die nun die meinen geworden sind, nachzukommen. Trotzdem glaube ich, sie von hier aus am schnellsten erledigen zu können, und wir sind ja noch jung, Lieschen, 'das Leben liegt noch vor uns, und wir bleiben uns treu. Diese Gewißheit soll uns forthelfen über die Zeit." Und sie waren hingekommen über die langen Jahre, aber recht schwer war's manchmal doch gewesen. Lieschen hatte weiter gearbeitet an den Stickereien für das große Geschäft in Berlin, sie hatte sich damit eine Zulage zu ihrem geringen Besitz geschaffen und sich leichter durch's Leben geholfen. Was sollte sie auch in all den einsamen Stunden be gmnen? Sie besaß keine Talente, die sie hatte ausnutzen können, und vor dem Hinaustreten aus ihrer engen Welt, vor dem Leben und Erleben in der großen Öffentlichkeit schreckte sie furchtsam zurück. So blieb sie still in ihrem Stübchen, das sie einer einfachen Frau abgemiethet hatte; ihr kleines Eigenthum stand darin, und sie blickte von ihrem Fenster in den Garten, wo sie mit ihrem Ludwig einst glückliche Stunden verlebt harte. ; Langsam hatte sie sich neben ihrer Arbeit ein Stück nach dem anderen für die Ausstattung angeschafft; sie konnte sich, ja dabei Zeit lassen, da! sagte sie sich oft mit wehmüthigem Lä cheln, wenn sie wieder Uyjnb ein Wäschestück in dem großen alten Koffer barg. Jetzt war sein schwerer Deckel schon lange nicht mehr geöffnet worden, der Hamsierkasten," wie sie ihn nannte, war wohl gefüllt, Lieschen mit ihrer Hab? fertig und bereit. Als das letzte Handtuch gefäumt und gestickt war und es nichts mehr zu sorgen gab, da war ihr der Briefwechsel mit dem Bräutigam fast nur noch eine Gewohnheit, an deren einstmaliges Ende sie kaum noch dachte; der Verlobte selbst war ihr ein Schatten geworden in Fernen, für die sie gar keine rechte Vorstellung hatte. Der Klang seiner Stimme war ihrem Ohr entschwunden; so sehr sie sich auch mühte, sie fand den Ton nicht mehr. Und das Bild, das er ihr einmal schickte, verwischte die Erm nerung an seine äußere Erscheinung ganz und gar. Es warmem fremder Mann, der sie da anschaute, ihr Liebster von einst war es nicht mehr. Die heißen Wünsche, das ungestüme Begehren, das sich oft verzwelflunasvoll'auflehnen wollte, es war alles müde und gemaßigt geworden unter der Hand der Zeit. Vorüber waren die Tage und Wochen, wo sie in qualvoller Angst auf' Briefe wartete, die ausblieben: wo ibr bren

ncnoer iia dem Postvottn soig:e von Haus zu Haus, wo jeder Schritt auf der Treppe ihr Herz schlagen machte, daß ihr fast der Athem verging. An das alles hatte sie sich gewöhnt, die Aufregungen waren nun vorbei.

Die Briefe waren schließlich immer doch gekommen, unnütz war alle die Angst gewesen, wie es vielleicht die Hoffnung war. Beide waren langsam ermattet, nur manchmal noch regten sie sich leise. Aber der lichte Glanz ihrer Augen war dabei erloschen, und em müder, alter Zug lag um den feinen Mund der harrenden Braut. Daß sie durch Neugier, Mitleid, versteckten Hohn gleichmäßig aeaualt worden war. davon wußten die feinen Fältchen zu erzählen, die sich an den Augen und den Mundwinkeln eingezeichnet hatten. Und wie schwer es gewesen war, gegen die Außenwelt immer die gleichmaßige Fassung und die selbstverständlich hoffnungsvolle Ruhe zu bewahren, was es sie gekostet hatte, durch ihr Wesen jede zweifelnde oder abfällige Bemerkung über den Verlobten, die sie nicht ertragen hatte, unmöglich zu machen, das wußte nur ihr eigenes Herz und die kleine Lampe mit dem verblichenen grünen Schirm, die ihren schlaflosen Rächten geleuchtet hatte. Ja, sie war alt geworden, sie hatte sich eingesponnen in ihre enge Welt, so fest, daß sie nicht wußte, wie sie sich davon loslösen sollte. Das fühlte sie Plötzlich, als die Freude der Erfüllung sich endlich über sie ausgoß. Ihr zitterndes Herz vermochte es noch nicht zu fassen, daß alles sich nun erfüllen sollte, daß all die Träume und Hoffnungen nun Wirklichkeit geworden waren. Da aus der Schwelle stand das Glück, es nickte ihr lachend zu und rief: Ich bin's. Kleingläubige, die Du an mir gezweifelt, da ist meine Hand, schlage ein!" Sie schloß die Augen und preßte die Hände fest auf das klopfende Herz. Ihr war, als mußte es zerspringen vor ju belnder Seligkeit und vor großer Furcht. Da fluthete das Leben plotzlich zu ihr herein, ergoß sich über sie wie ein breiter Strom des Lichtes und schüttete alle seine Anforderungen,, seine Schatze und seine Pflichten vor ihr aus; bunte Zukunftsbilder wirbelten um sie herum, die Wirklichkeit,, die Thaten heischte an Stelle traumhafter Hoffnungen, stand greisbar vor ihr. Nim hieß es fortziehen aus dem kleinen, engen Reiche hinaus in die lachende, thatenfrohe Welt, hinter sich lassen alles, womit sie verwachsen war seit den Kindertagen, alle die Menschen, die sie genau kannte mit ihren großen und kleinlichen Motiven, und einem Manne folgen, der ihr vielleicht fremd geworden war. Wie oft, wohl tausendmal hatte sie sich mit diesem Gedanken beschäftigt, sich an seine Erfüllung geklammert, sie sich ausgemalt in den glänzendsten Farben ihrer Phantasie, und nun, wo dieser Gedanke plötzlich Wirklichkeit werden sollte, da er als Thatsache sie aufrüttelte aus ihrem stillen, gewohnheitsmaßigen Gleichgewicht, da erfaßte sie eine heiße Angst vor der ersehnten Erfüllung. Wie würde Ludwig Wiegand wiederkommen? War er wirklich noch der Ludwig von einst, oder war er ein anderer geworden, ein fremder Mann für sie? Nein, das konnte nicht sein! Sie kannte ja -jede Regung seiner Seele, keinen Gedanken hatte er ihr jemals verborgen, sie hatten zusammengelebt trotz der Entfernung. Das hatte sie immer felsenfest geglaubt und war glücklich in diesem Glauben gewesen; und nun kam ihr mit einem Male der Gedanke, daß ihr ganzes Eindringen in ihn ja doch nur Briefe waren, das weiße Papier mit den krausen Vuchstaben. Was sind aber Briefe, und wie können sie trügen! Sie schämte sich, daß sie so dachte, jedoch immer höher stieg ihre Furcht, wenn sie sich fragte: Wie wird er mich wiederfinden? Kann ich ihm noch genügen, kann ich ihm die noch sein, die er braucht da draußen in der Welt? Kann ich ihm muthig zur Seite stehen im Kampfe des Le bens?" Ach, schon bei der ersten Anforderung, die er an sie stellte, versagte ihr Muth, und ihre Mimosennatur schreckte scheu zurück vor etwas, das aus den Grenzen der Alltäglichkeit heraussprang: Komm mir doch entgegen nach Hamburg und erwarte mich da, wenn wir landen. Nun ich endlich unser Ziel erreicht habe, will meine , Geduld nicht mehr Stand halten, und ich rechne mit jeder Stunde, die ich Dich eher in die Arme schließen kann." So stand es da in dem Briefe. Siedend heiß stieg ihr das, Blut in's Gesicht; er bedachte gar nicht, daß sich das nicht schickte. Ihm entgegenfahren! Wie konnte sie das? Was würden Thildchen und Trinchen dazu fagen? Wie würde die Frau Bürgermeister ihre großen runden Verwunderungsaugen machen und über die freien Sitten der verdorbenen Neuzeit" ihren Entrllstungsruf erschallen lassen! Wie konnte er auch nur das so gar nicht bedenken: Hoffentlich kann ich bei Dir im Hause ein Zimmer bekommen," hieß es dann weiter. Wir haben viel zu ordnen und zu besprechen, denn nun gibt's kein Zögern mehr. Die lange Wartezeit ist um, und vier Wochen nach meiner Ankunft geht's wieder fort; länger reicht der Urlaub nicht, und bis dahin muß alles erledigt sein alles denn dann reise ich fort auf Nimmerwiederkehr und nehme mir mein Glück, mein Weib, mit hinüber in meine neue Welt." , Wie .jubelnde Freude, wie glückesfroher Muth wehte es ihr entgegen aus

jedem Wort. Aber sie selbst wie

arm, schwach und klern war sie doch! Wie jagte all das Neue, das so gebieterisch an sie herantrat und ihre Personlichkeit forderte, ihr Schreck auf Schreck durch die Glieder, wie unfähig fühlte sie sich, nun einzutreten für das Glück, das ihr jetzt kaum noch erhofft in den Schooß fiel! Wie zitterte sie in allen Tiefen ihrer Seele, die hin und her geworsen wurde zwischen jauchzender Glückseligkeit und lähmender Angst! Sie lachte und weinte. Ein dankbares Gebet drängte sich auf die zitternden Lippen, aber Bangen und haltloses Verzagen erstickten es wieder. - Tausend Zweifel ängstigten sie, und sie fand weder Ruhe noch Schlaf in dieser Nacht aus Furcht vor der Erfüllung. Wieder hatte ein Sommertag seine leuchtende Herrlichkeit ausgegossen über die blühende Erde; da brachte in der Morgenfrühe eine Depesche die Nachrickit zu Liesüen Neickiert: Heute Abend um Sieben bin ich bei Dir L u d w i a." Sie war auf den Stuhl niedergesunken, ihr zitterten die Kniee, und mit großen Augen starrte sie unverwandt auf das Blatt in ihrer Hand. Heute! Vergessen waren die Furcht und die bangen Zweifel, jetzt war es nur die Freude, die ihr den Athem raubte. Sie dachte- an nichts mehr, was nun von alledem kommen müßte, jetzt fühlte sie nur das eine, überwältigende Glück: heute noch habe ich ihn wieder! Alles machte sie heute verkehrt Wenn man sie fragte, gab sie falsche Antworten. Sie ging umher wie im Traume, mit glänzenden Augen, die gar nicht sahen, was um sie, herum geschah. Gegen Abend aber fiel es ihr plötzlich ein, daß sie doch für einen Imbiß sorgen müsse. Aber wie das machen und vor Allem wo? Hier bei ihr? Das ging ja doch nicht. Was würde man von ihr denken? Und ein Zimmer sollte sie ihm besorgen bei sich im Hause! Was er nur für eigenthümliche Ideen hatte! War ihm denn so jede Rücksicht da draußen verloren gegangen? Nein, nein, das war ja alles unmöglich; er mußte in den Gasthof gehen, das würde er auch einsehen; und plötzlich war sie wieder mitten in ihren Aengsten und Sorgen. ! Der Zug brauste durch die Felder. Am offenen Wagenfensier stand Ludwig Wiegand und blickte hinaus in die Fluren' der Heimath. Wie rasch klopfte sein Herz, wie weich und warm wehte es von da draußen zu ihm herein! Immer bekannter wurden ihm die Bilder, die da an ihm vorüberflogen, da schimmerte der See in der Ferne. Er kannte den schmalen Fußpfad genau, der unter den dichten, hängenden Zweigen der graugrünen Weiden daran entlangführte. Tausend Erinnerungen wachten auf und streckten die Arme nach ihm aus, ihn traulich zu umfangen. Was lange verrr . . c . 5" , v v . geen gewesen war, wuroe pioniicy wieder lebendig. Da war, die Waldecke, wo der kleine Bach im Dunkel der Bäume plätscherte. Ludwig lächelte vor sich hin; in dem dichten Gebüsch da unten saßen immer so viel tausend Glühwürmchen, die sie sich als Kinder in's Haar gesetzt hatten, um dann im Dunkel mit ihrem leuchtenden Schmuck umherzuspazuren. Er wußte noch ganz genau, wie entsetzt Lieschen aufgeschrieen hatte, als ihre kleine Hand zum erstenmal den häßlichen, weichen Körper eines solchen Leuchtkäfers angefaßt hatte. Da hinten zwischen den waldigen Höhen lagen die Wiesengründe, wo Schülerkämpfe ausgefochten und knabenhafte Ehrenhändel ausgefochten worden waren. Und jetzt wieder eine. Biegung da war das Städtchen selbst, die liebe, alte, lang entbehrte Heimath. In rothgoldener Pracht leuchtete die Abendsonne daraus hernieder und übergoß mit warmem Licht die kleinen Häuser, deren Fensterscheiben ihm wie Freudenseuer entgegensunkel ten, sie glänzte auf der altersgrauen Stadtmauer Mit ihrem uralten Moos und den vielen Vergißmeinnicht, sie strahlte durch die Schießscharten des alten Thorthurmes, der noch immer seme beste Zier, das Storchnest, trug, und um das neuvergoldete Kreuz da oben auf dem Kirchthurm wob sie einen rothgluhenden Heiligenschein, a, das war die Heimath. Sie lachte ihm so freundlich zu. als hätte er sie gestern erst verlassen, und unwillkürlich dreitete der Mann die Arme ihr entgegen, als wollte er sie fest an die breite Brust drücken. Und die braunen, leuchtenden Augen in dem von tropischer Sonne dunkel gefärbten Gesicht tranken durstig das trauliche Bild in sich hmem, das sich widerspiegelte in ihrem feuchten Glanz. (Schluß folgt.) 3eit$sntüft. Mutter: Hast- Du's Deiner Gnädigen g'sagt, daß D' vom nächsten Ersten an fünf Mark mehr willst rT o ch t e.r : Sie hat mir's felbster anboten." M u tter : So nachher mußt halt zehn Mark verlangen!" Polizei-Superintendent Qrftrtav kr5tz Sei ToiotHM Qmnoh PVMti, V&UfiUlil VW Wfc..V (7frftftVf, Sergeant Hagerman und Bert Parrott ;c trL o .. : ca.ir. t rc iiiiu von iqrer vsi. vu. icic, wu fiifl nn Vf fXnhnHnn hpr 9RnTili -f M4ft VVi 1&VUVVUIWII T"' 0" ' Chefs beteiligten, zurückgekehrt. Gleich. fr :n x. Nv!..::t sMlN luus ii uuty puiijeuiiyiti ituyuutu ivieoer zuruagereyrr. Gottlieb L eukhardt, ., Die gemüthliche Ecke. Ecke Noble und Market Str

Vom Auslsnve.

Ein etwas ungewöhn liches Zusammentreffen hatten kürz lich der russische Botschafter Gras Benckendorff und Graf Hayaschi, der japanische Gesandte, an der Treppe des englischen Auswärtigen Amtes in Berlin. Graf Benckendorff hatte soeben das Gebäude betreten, als ihm ahnungslos der japanische Gesandte an denselben Eingang folgte. Im Innern des Gebäudes erfuhr der ruffische Botschafter, daß der Minister des Aeußeren nicht anwesend sei, drehte sofort um und hatte gerade die Thür geöffnet, um hinauszutreten, als der japanische Gesandte eintreten wollte. Einen Augenbuck standen die beiden Herren sich etwas verlegen gegenüber, dann, grüßte der Japaner, indem er seinen Hut lüftete, und Graf SSencken dorff that das gleiche, indem er mit einer Hand die Thüre offen hielt, damit der Japaner eintreten konnte. Bei der Begegnung wurde kein Wort gesprochen, W a s d e r d e u t s ch e G r o tzsiädter für die Straßenbahn ausgibt. zeigt eine sehr lehrreiche graphische Darstellung des Leipziger Statistischen Amtes. Noch Niemand hat wohl,, so heißt es, bisher die jährlichen Ausgaben sür die Beförderung seiner Person auf der Straßenbahn nachgerechnet und als lästig empfunden, da er sie nur ratenweise und jedesmal in sehr kleinen Beträgen zahlt. Würde man aber ein Zehnpfennigftück zu dem anderen legen, so käme doch im Jahre eine recht erkleckliche Summe heraus. Für Fahrten auf der großen Straßenbahn gibt zum Beispiel jeder Einwohner von Leipzig jährlich im Durchschnitt 8.95 Mark aus, wozu noch für die zweite Linie 3.50 Mark hinzukammen. Im Ganzen sind das also 12.45 Mark. Dies ist der Durchschnitt. Für manche Benützer der Straßenbahn mag sich diese Zahl sicherlich auf das Drei- bis Vierfache erhöhen. Nimmt man jedoch nur den Durchschnitt an und bezieht ihn auf eine Familie von etwa vier Köpfen, so kommen schon jährlich allein für Straßenbahnfahrten 49.80 Mark heraus. Für Berlin fehlen bisher derartige statistische Angaben; doch dürften die Zahlen sicherlich nicht kleiner fein. Von dem Treiben der Temperenzlerinnen in Deutschland giebt ein Aufruf an die deutschen Mädchen" Kunde, der kürzlich vom Deutschen Bunde abstinenter Frauen erlassen worden ist. Es soll eine Jugendgruppe geschaffen werden, die die Zahl der Abstinenten zu fördern bestimmt ist. In dem Aufruf heißt es: Die alkoholartigen Getränke nähren nicht, stärken nicht, wärmen nicht, erfrischen nicht, wohl aber betäuben sie das Unlustgefühl, lahmen Hirn und Nerven, schadigen alle lebenswichtigen Organe, vermindern die geistige und körperliche Thätigkeit, zerrütten Fa-milien-und Volksleben. Die Herrschenden Trinksitten haben diese Schädigungen zu einem Fluch und Verderben ausgestaltet. Männer unterwerfen sich den Trinksitten nur allzu willig. Ihr deutschen Mädchen aber steht ih nen am freiesten gegenüber: Darum helft uns, sie zu durchbrechen. Fürchtet nicht um einen Genuß ärmer zu werden. Die Enthaltsamkeit macht Euch reicher an Jugendkraft. und Lebensfreude. Fürchtet nicht aufzufallen, denn nur, wenn Ihr die Aufmerksamkeit erregt, könnt Ihr wirken. Fürchtet nicht, daß Eure Kraft , zu schwach sei. Jede einzelne, die konsequent auf den Genuß von Alkohol verzichtet, schlägt Bresche in die Mauer der Trinksitten. Und was die Einzelne nicht erreicht, das wird eine geschlossene Schaar von Gleichgesinnten zustände bringen. Darum schließt Euch uns an, der Jugendgruppe des Deutschen Bundes abstinenter Frauen! Ueber einen ermordeten Leierkasienmann wird aus Paris gemeldet: Der alte Sartori war eine ständige, interessante Figur der Champs Elysees; er war früher einmal wohlhabend gewesen, aber hatte sem Vermögen verloren und war aus seiner italienischen Heimath nach Paris gekommen, um dort Erwerb zu suchen. Der idealisch schöne Mann wurde bald von den Pariser Malern entdeckt und fand als Modell gute Einnahmen. Mit dem Alter von 70 Jahren wurde ihm aber das Modellstehen beschwerlich, und so nahm er mit seinem Leierkasten in der Allee der Champs Elysees Aufstellung. Auch hier kamen ihm seine äußere schöne Erscheinung und seine guten Manieren zu Statten, so daß er etwa 200 Frank monatlich zusammenorgelte. Sartori wohnte in der Rue Grande in einem Hause, das völlig von armen Italienern, Modellen, Figurenhändlern, Musikern besetzt ist, und wurde auch von seinem Sohne besucht, als er erkrankte und das Bett hüten mußte. Leider erkrankte auch dieser und sandte als Krankenwärter einen jungen, beschäftigungslosen Menschen, der den Alten ermordete und der Baarschaft, .die er bei sich führte, beraubte.' Um so größer war der Schrecken über die Blutthat an dem 77jährigerr Greise, als fortwährend Nachbarinnen bald mit ein Tasse Suppe, bald mit einem GlaS Wein den alten Mann besuchten, und der Mörder gerade nur zwischen zwei solchen Besuchen Zeit fand, seinen Mord zu verüben. Der Thäter ist ver-haftet.

Allerlei sür's Haus.

Zur Erlangung eineS wohlschmeckenden Kasfees sind bekanntllch frisch gebrannte Bohnen und möglichst weiches Wasser erforderlich. Durch Anwärmen der vorräthig gebräunten Bohnen , soll das Aroma , ebenfalls verstärkt werden. Hartes , Wasser kann durch Hinzufügen einer Messerspitze von Soda oder Natrium Bicarbonicum weicher gemacht werden. Gegen Ameisen. Ein einfaches Mittel, Ameisen zu vertilgen, ist folgendes: Man nehme eine Speckschwarte und nagele sie dergestalt aus ein Brett, daß an der Längsseite em Raum zum Anfassen frei bleibt. Dieses Speckbrett lege man in die Nähe der Ameisenlöcher und stelle ein Gefäß, dessen Oeffnung die Große des Speckbrettes hat, mit Wasser halb gefüllt, daneben. Nach einigen Stunden wird das Speckbrett mit Ameifen gefüllt sein, und es ist dann nur noch nöthig, die Ameisen durch Abklopfen rn den Wasserbehälter fallen zu lassen und dies so oft zu wiederholen, wie sich Ameisen auf dem Brett sammeln. Mücken und Fliegen von Balkon- oder Gartenplätzen zu vertreiben und fernzuhalten. Zu diesem Zweck werden Räucherkerzchen verwendet, die man beim Anzünden so ausstellt, daß der Rauch, der beim Verglimmen entstehi, den betreffenden Raum durchzieht. In vielen Gegenden werden diese Räucherkerzchen in den Apotheken und Droguenhandlungen geführt. Bei einigem Geschick kann man sie selber anfertigen. Zu dem Zweck sind zunächst 20 Gramm frisches Insektenpulver, 5 Gramm fein gepulvertes Benzoeharz und 3 Gramm Tragantpulver zu vermischen. Dann bereitet man sich aus zwei bis drei Eßlöffel Wasser, 15 Gramm Kalisalpeter und einer Messerspitze Tragant eine Brei, mit dem das Insektenpulver ge mischt und in einem Mörser zu einer knetbaren Masse angestoßen wird. Aus dieser formt man dann runde oder dreiseitige Kerzen in Kegelform. Die Kerzchen läßt man an der Luft trocknen; sie können dann sofort gebraucht werden. G l y c e r i n s a l b e ist ein sehr gutes Hausmittel gegen mancherlei Hautübel, besonders gegen wunde und aufgesprungene Stellen (aufgesprungene Hände, Lippen, Frostschäden u. s. w.), gegen Schwielen, Hühneraugen und andere Verhärtungen. Die Glycerinsalbe macht die Haut weich und zart, besonders wenn sie Abends eingerieben wird, und ist deshalbFrauen zu empfehlen, welche die Hände viel, in Wasser gebrauchen müssen, nachWaschtagen u. s. w. Bei wunden und entzündeten Hämorrhoidalknoten lindert sie die Schmerzen. " Die Salbe wird folgendermaßen hergestellt: In 2 Unzen Mandelöl (Oil of Almonds) werden bei mäßiger Wärme 1 Unze Walrat (Spermiceti) und 1 Drachme weißes Wachs geschmolzen. Dann giebt man 1 UnzeGlycerin zu und rührt, bis es erkaltet ist. Wohlriechend kann man es durch Beigabe einiger Tropfen Vergamotöl machen. Um neue Schuhsohlen wasserdichter und haltbarer zu machen, sei Folgendes empfohlen: Bevor die betreffende Fußbekleidung in Gebrauch genommen, reibe man die Sohlen tllchtig mit heißgemachtem Firniß ein; jedoch nicht nur einmal, sondern so oft,' bis das Leder sich "vollgesogeck und daher glänzend bleibt. Man läßt die Schuhe nach jedesmaligem Einreiben (am wirksamsten mit den Fingern) etwa 10 15 Minuten liegen, und bleibt dann die Sohle glänzend, so ist der Zweck erreicht. Ein Mittel gegen die Stiche von Bienen und anderen Insekten ist Zwiebelsaft. Nachdem der Stachel herausgezogen ist, bestreicht 'man die verwundete und geschwollene Stelle mit einer durchschnittenen Zwiebel. Der Schmerz wird bald verschwinden und die Geschwulst abnehmen. Statt des Zwiebelsaftes kann man auch den Saft des Hauslauches nehmen. Da Insektenstiche zuweilen gefährlicheFolgen haben, so ist es nothwendig, daß man immer gleich ein . entsprechendes Heilmittel anwendet. Da man nicht immer Zwiebeln u. s. w. zur Hand hat, so möchten wir noch auf einige andere einfache Mittel aufmerksam machen, die man im Nothfalle auch, anwenden kann, nämlich auch Speichel, Ohrenschmalz und feuchte Erde. Das Einreiben der Insektenstiche mit Ohrenschmalz oder mit Speichel (ein Zusatz von zerdrücktem Kochsalz wird die Wirkung noch erhöhen) und ein Bedecken derselben, mit feuchter Erde vertreibt die Schmerzen und hilft die Geschwulst vertheilen. W e i ß e F l e cke auf lackirten Mö beln, die von darauf stehen gebliebenem Wasser herrühren, lassen sich wie folgt entfernen. - Vermische Kochsalz mit Leinöl, tauche einen wollenen Lappen in die Mischung und reibe die Flecke, bis sie weichen. Dann wird mit einem trockenen, weichen Wolllappen nachgerieben. Leichter ist's allerdings, sich in acht zu nehmen, daß keine Fleckt entstehen. Fein des b oö hei t. Freund: Gestern, in der Sterbescene warst Du großartig! Diese natürlichen Todeszuckungen!" Schauspieler: Ja. hat sich was! Wenn mich mein College, der Lump, hinten immer mit einer Nadel aestochen hat!" -