Indiana Tribüne, Volume 27, Number 248, Indianapolis, Marion County, 9 June 1904 — Page 4

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Indiana Tribüne. Herausgegeben von der tnberg . ' . Indianapolis, Ind. Snry C. Thudium ... Präsident. GeschSftsloealt Rrf, 31 Süd Delaware Straße TELEPHONE SVS. Kntered at the Post Office of Indianapolis as second class matter.

Colorado, das Kunterbunte. Die schauerlichen Zustände in Colorado find eine Schmach für das ganze Land. Es ist höchste Zeit, daß die Bundesregierung derselben auf euer gische Weise ein Ende macht und die Ruhe wiederherstellt. Es find nicht allein die Gesetze des Staates, sondern auch die den dortigen Bewohnern durch die Bundesverfassung gewährleisteten Rechte verletzt worden. Der Umstand, daß die Administra tion des Staates bislang versäumt hat, die Bundesregierung um Hülfe anzurufen, spricht deutlicher als alle Neben umstände dafür, daß sie eine unpar' teiliche Einmischung zu fürchten Ur fache hat. Einer eingehenden Prüfung und Sichtung der sich oft widersprechenden Berichte zufolge ist der Schluß unvermeidlich, daß die Grubenbesitzer der überwiegend größte Theil der mo. ralischen Schuld, an den schauerlichen Zuständen trifft. Letztere hat ten es durch die unlauternsten Mittel verstanden, sich die Legislatur völlig dienstbar zu machen. Als durch eine rechtmäßige Volksabstimmung der Acht ftundentag zum lGesetz in Colorado erhoben wurde, fügte sich die feile LegiS latur den Wünschen der Grubenbesitzer und erließ das Gesetz nicht. Die Western Fedsration of Miners ist eine wilde Arbeitervereinigung, d. h. sie gehört nicht zur American Federation of Labor. Ihren Führern fehlt die Erfahrung, daß Aufruhr gegen die bestehende Staatsgewalt ihre Sache nur verschlechtert. Sie find schrankenlos radikal und sehen nur den Ausweg der Verwaltigung der Volksabstimm' ung durch rohe Gewalt zu begegnen. Gouverneur Peabody arbeitete mit den Grubenbesitzern Hand in Hand um den aufrührerischen Geist der erregten Gewerkschaftler durch allerlei Chikanereien, die ihm seine Machtstellung möglich machte, zu Heller Flamme an zufachen. Das herausfordernde Benehmen der Streikbrecher, die zum größten Theil überhaupt Kleine Ardeiter, sondern Verbrechergesindel und Desperados zumeist erst aus Strafanstalten entlassen waren, that das Uebrige und die ersten Gewaltthaten der verführten Gewerkschaftler fanden statt. Die Grubenbesitzer hatten ihren Zweck erreicht. Ihr Verbündeter Peabody konnte nun mit anscheinend gutem Recht die Miliz in die beunruhigten Grubendistrikte schicken. General-Adjutant Bell gewahrte bald als Oberbefehlshaber der Miliz, daß dieselbe zum größten Theile unbotmäßiger sei, als die aufrührerischen Grubenarbeiter; daß dieselbe nur gegen die Gewerkschaftler, nicht aber gegen die noch viel schlimmer hausenden Anhän ger der Grubenbesitzer vorzugehen ge neigt war. Bald sahen die ordnungsliebenden Gewerkschaftler ein, daß sie auf den Schutz des Staates, der seine eigenen Gerichtshöfe mißachtete, nicht bauen konnten. So setzten sie unbedachter Weise der organisirten Gewalt ihre ohnmächtigen Anstrengungen entgegen. Die Citizens' Alliance", eine Vereinigung der Grubenbesitzer, ist nun, von der Staatsgewalt unterstützt. Herrin der Situation. Sie vertreibt amerikanische Staatsbürger durch ihren Machtspruch von Haus und Heim, und jagt sie, nur weil sie Gewerkschaftler find, über die Grenzen desStaateö. Wie die alte Vehme, nur mit dem Unterschiede, daß anstatt der gekrenzten Dolche zwei Henkerstricke als Symbol dienen, fitzt diese Privatvereinigung, durch kein Gesetz autorifirt, über amerikanische Bürger zu Gericht, setzt erwählte Beamte ab und ihre eigenen Creaturen in deren Aemter. Die Bundesregierung, welche bereitwillig Schlachtschiffe zum Schutz von Leuten, die eS sich zur Aufgabe machen, religiösen Hader in fremde Länder zu tragen, entsendet, verhält sich theil nahmsloS gegen die Vergewaltigung ihrer Bürger im eigenen Lande. Die Staatenrechte in der Union werden gewissenhafter beobachtet als die Rechte fremder Staaten, die sich bemüßigt

fühlen unsere Missionäre auszutreiben, weil sie zu öffentlichen Unruhen Anlaß geben. Ein Sturm der Entrüstnng würde durch das Land gehen, wenn John Mitchell, der jetzt das Ausland bereist, von irgend einer Nation über die Grenze spedirt würde, weil er die Ein führung von Gewerkschaften befürwortet, während heute Jemand, der eö öffentlich in Colorado wagen würde, für die Gewerkschaften einzutreten, Gefängniß oder gar den Strick zu dergewärtigen haben würde unbeschützt durch die Bundesgewalt. Die heuchlerische Sentimentalität der Amerikaner empört sich über die BeHandlung der Armenier durch die Türken, nur weil ein religiöses Element vorhanden ist, die wirthschaftliche Ent rechtung von Tausenden fleißiger Mitbürger aber läßt sie ungerührt. , Wir sehen mit Bedauern das Journal" aus der hiesigen TagesPresse scheiden. ES war ein conservatives vertrauenswürdiges Blatt. Dem Star und Journal" wünschen wir das beste Gedeihen. Port Arthur soll endlich gefallen sein. Bestätigt ist die Nachricht noch nicht. Aber der harte Kampf um die Festung, weil in den Händen der Russen, zeigt, wie eS schwer halten würde, sie den Japanern zu nehmen.

Das Ohio Bezirks-Turnfest. Active des Südseite-Turnvereins werden an .demselben theilmehmen. Für das am nächsten Samstag d. 11. und Sonntag, d. 12. Juni in Cincin nati stattfindende Bezirksturnfest ist ein interessantes Programm aufgestellt worden. Für Sonntag lautet dasselbe wie folgt : Vormittags: Riegen - Turnen West Cincinnati Turnverein, Findlay Turnverein, Nord Cin'ti Turnverein, Dayton Turnkemeinde, Louisville Turngemeinde, Jndpls. Südseite Turnverein, Newport Turngemeinde, - Covington Turngemeinde. Richter: W. Stecher, Jndpls., . A. A. Knoch, H. Fischer, Indianapolis. ' Geräthe-Turnen am Reck, Barren und Pferd. ' ' , Hochsprung in drei Abtheilungen. Seilklettern. Nachmittag im Z o o. Turnübungen der Kinderklassen des Nord Cincinnati Turn-Vereins. Stab- und Freiübungen der dritten Knabenklasse. : Fancy Drill der dritten Mädchenklasse. Hantel-Uebungen der ersten und zwei ten Mädchen- und Knabenklasse. Spiele. Volksfest; Liedervorträge der Ver. Sänger von Cincinnati, unter Leitung von Louis Ehrgott. Concert von Weber's Kapelle. Preisvertheilung. Ed. St. Paul'S Gemeinde. j Heute Abend KirchenConzert. Heute Abend veranstaltet die Ev. St. Paul's Gemeinde (F. Nickisch, Pastor) ein Kirchen Conzert, welches sehr interessant zu werden verspricht. Dasselbe wird mit einem Orgel-Solo von Frl Th. Jsensee eröffnet werden. Die Hauptnummer des Programms st die Cantate Ruth" von H: C. Schlemann, welche vom Kirchenchor und einem Jugendchor zur Aufführung gelangen wird. Die Mitglieder des Kirchen chors find: Sopran: Frau Elise Heinfeld, Frls. Amalia Rasbach, Blanche Stanley, Minnie Rasbach, Elfe Strack. Alt: Frls. Anna Noffke Nora Rasbach. Tenor: Herr Otto Noffke. Baß: Her ren H. Buch und F. Thiemann. Der Jugendchor setzt sich aus folgen den Mitgliedern zusammen: Fräuleins Minnie Stahl. FranceS Setzes, Clara Voelker. Maria Manthei, Elfe Schelske, Emma Erath, Emma Lammert, Lizzie Overbeck, Anna Scheuer, Martha Busas, Sarah Kapp, Maggie .Strack, Daisy Eiche. Herren: Heinrich Hoffmann, Emil Beier, Ed.' Manthei, F. Lammert, Wilh. Noffke, Otto Noffke. Achtung Matadoren. Der Matador-Skat-Club hält am nächsten Sonntag, 12. Juni, sein Skat-Turnier im Turnerpark ab. , ggT" Die beste 5 Cent Cigarre in der Stadt, Mucho's Longfellow".

Aus den Gerichtshösen.

Die Big F o u r B a h n G ef e l l s ch a f t siegreich. Das Appellations-Gericht entschied zu Gunsten der Big Four Bahn in dem Falle des in Greensburg überfahrenen Bremsers John Binder. Es wurde bewiesen, daß Binder selber die Weiche stellte, welche den Zug auf das Geleise führte, auf welchem Binder seinen Tod fand. Binder wurde nämlich auf dem Geleise gehend, von dem Zuge übersah' ren; seine eigene Fahrlässigkeit führte feinen Tod herbei Günstige Aussichten für die Gläubiger der Com mercial Trust Co. James W. Noel, der Rechtsanwalt der Union Trust Co., welche zum Receiver der verkrachten Commercial Trust Co. ernannt wurde, sagt, daß auch nicht ein einziger Dollar den Kunden der verkrachten Compagnie verlöre gehm wird. Genügend Baarmittel sollen zur Verfügung stehen, um allen Anforderungen gerecht werden zu können. Es verlautet, daß Speculanten Versuche machen Ansprüche an die Commercial Trust Co. unter dem Werthe anzukaufen, aber die Deponenten werden klug handeln, wenn sie dieselben nicht an solche Leute verschleudern. Die sämmtlichen eingezahlten Gelder belie fen sich auf annähernd $47,000, das Vermögen der. Compagnie belief sich auf $20,000 und die Direktoren haben eine Summe zusammengebracht, die den Unterschied deckt. An die Großgeschworenen überwiesen. William P. Keller, der Buchhalter der A. Burdsale Paint Co., welcher der Veruntreuung von Geldern angeklagt ist, verzichtete auf ein Vorverhör im Polizeigericht und wurde sein Fall gestern an die Großgeschworenen überwiesen. Er war ein langjähriger Angestellter der Firma und die derselben unterschlagenen $2600 sollen zum größten Theile im Führen eines großen Haushaltes aufgebraucht sein. Von lästigen E h e f e s s e l n befreit. Dennis Herrington wurde gestern durch Richter LeatherS von Kate Herrington geschieden und daS "der . Ehe entsprossene Kind Ethel wurde 'an Frau Nellie Healy, einer Schwägerin Herrington's, übergeben. Frau Kate Herrington, wurde eine Sklavin berauschender Getränke. Ihr Mann versuchte auf alle nur ' erdenkliche Art und Weise sie von dem Laster zurückzuhalten, . jedoch ohne Erfolg. Zuletzt wurden ihre Trinkweisen so häusig und das Hauswesen, sowie auch seine Tochter litten so sehr unter der Pflichtversäumniß der Gattin, daß er sich zu dem schweren Schritt der Scheidung entschließen mußte. DieStraßenbahn-Gesell-schaft muß bezahlen. Das Supremegericht bestätigte gestren ein Urtheil von $4000 welches Joseph Schmidt gegen die Indianapolis Straßenbahn - Gesellschaft erlangte. Schmidt, ein Eisenbahn Angestellter befand sich auf einer Brightwood Car die durch eine geöffnete Weiche gegen einen Trolley - Pfosten geschleudert wurde. Schmidt wurde bei diesem Unfallegegen einen Ofen geschleudert und schwer verletzt. Das Gericht maß der Straßenbahn - Gesellschaft die Schuld an diesem Unglücksfalle bei. Wieder Versöhnt. Im Superior-Gericht zogen gestern Herman und Margarethe Cordes ihre gegenseitigen Scheidungsklagen zurück. Nachdem Cordes von seiner ersten Frau geschieden war, verheirathete er sich mit Frau Margarethe Schilling, die jetzt von ihm geschieden werden wollte. In ihrer Klageschrift sagte sie. daß er nicht für sie gesorgt habe, daß sie ungesundes Essen bekäme und daß er sie grausam behandle. Darauf hin reichte nun Cordes eine interessante Gegenklage ein. In dieser sagte er seine zweite Frau habe seine Gedanken gegen seine, erste Frau vergiftet, habe ihn verlockt sie zu heirathen, habe, während seine erste Frau mit der damaligen Frau Schilling in Europa sich auf Reisen befand, allerlei Verdächtigungen über sie berichtet. Er giebt an, durch Frau Schilling auf einer Fahrt nach Valley Mills durch Wein gewonnen zu sein. Cordes ist ein reicher Farmer, früherer Backfteinbrenner und wird auf annähernd $100,000 geschätzt. Die Scheidungsklagen wurden vom Gerichtskalender gestrichen.

K o st w i r t h s-K l a g e a b g e- -wiesen. Für Noel Slausser gelieferte Beköftigung und Obdach kam Horatia Hunt, ein Hotelwirth aus Smitz City keine Ansprüche an die Illinois Central Bahn-Gesellschaft erheben, lautet die Entscheidung des Supreme-Gerichts. Slausser war ein Bremser in Diensten genannter Gesellschaft und in AusÜbung feines Berufes wurde ihm ein Fuß zermalmt. Ein Gefährte Slausser's, ein Conducteur der Bahn, brachte ihn von Linton, Ind., nach Swiß City und logirte ihn in Hunts Hotel ein. Verwandte Slausser's besuchten ihn dort und fanden für längere Zeit Aufnähme in demselben Hotel, ohne jedoch zu zahlen, auch wurde ihm in einem Zimmer des Hotels von einem Chirurgen der Bahn der Fuß amputirt. Das Supremegericht entscheidet, daß ein Conducteur einer Bahn kein Angestellter ist, der die Vollmacht besitzt, in einem solchen Falle selbftständig handeln zu dürfen und Zimmer und Verpflegung auf Unkosten der Companie zu engagiren. Eine Kinderehe gelöst. Im Kreisgerichte wurde gestern von Richter Allen der erst 15-jährigen Farbigen Elizabeth Ford eine Scheidung von ihrem Manne William Ford bewilligt. Das Mädchen verheirathete sich schon in ihrem 13. Jahre. Weitere Klagen. I. Edward Krause reichte 'gegen Joiner & Füller eine Klage wegen fälliger Miethe im Betrage von $200 ein. Henry Bloom klagt gegen Philipp Hoffmann auf Zahlung eines JudgementS" zum Betrage von $1000. Joshua L. Ruft verklagt Jewel H. Vaught und Mattie E. Vaught auf Zahlung von $100, welche ihm Letztere für geleistete Dienste gelegentlich eines Grundcigenthumskaufes schuldig sein sollen. Elizabeth Van Sickle kommt um die Berechtigung ein, gegen ein von Eugen Buler in Richter Nickerson's Gericht erlangtes Urtheil appelliren zu dürfen, da sie von dem Erlasse desselben nicht benachrichtigt worden. Frank Dickson klagt gegen die Basset Grain Co. auf $760.52 für gelieferte, aber noch nicht bezahlte Waaren. Dr. L. H. Dunning verklagt John W. Erther und Clanda K. Erther auf Zahlung von $212 für den Verklagten zu Theil gewordene ärztliche BeHandlung. Emma Smith will von F. Smith geschieden sein, weil er sie verlassen und schon seit Jahren sich nicht mehr um sie bekümmert hat. Auf drei Monate unschäd l i ch gemacht. Bei dem Versuche, Gelder für eine bedürftige Familie zu collectiren, wurde vor einigen Tagen William Hill in einer Wirthschaft an der Süd Meridian Str. von den Polizeicapitänen Hyland und Kinney verhaftet. Die Detectives Haley und Splan untersuchten den Fall und fanden, daß die bedürftige Familie nur in Hitt's Phantaste existirte. Gestern wurde er im Polizeigerichte zu $5 und Kosten sowie zu 30 Tagen Arbeitshaus verurtheilt. P o l i z e i g e r i ch t. 22 Fälle standen heute auf dem Kalender des Polizeigerichtes. Von diesen wurden 9 verschoben, 3 wurden unter suspendirtem Urtheile entlassen und in 10 Fällen wurden Strafen von $1 bis zu $5 und Kosten verhängt. 4 der Verurtheilten wanderten nach der Jail.

Theure Kartoffeln. Der Preis der Kartoffeln ist auf $1.75 per Bufhel gestiegen und selbst für diesen hohen Preis kann man sie nur in geringen Quantitäten kaufen. Die Commisfionshändler haben große Mühe, genügende Quantitäten von den würzigen Knollen zu erhalten, um die Bestellungen der Kunden zu füllen.

Ausflug des Socialen TurnVereins. Am Dienstag, den 14. Juni nach dem Turnerpark. Am Dienstag den 14. Juni findet ein Ausflug sämmtlicher Turnklassen des Socialen Turn-Vereins nach dem Turnerpark statt. Die Turnklassen versammeln fich Dienstag 9 Uhr früh im Deutschen Hause.

HimmelsaiZNsgaöen.

JovcUktte von K. ?ubomski. Vati, weißt Du, was die Miene sagt?" Nein, Bubi, und ich will es auch nicht wissen. Du mußt schlafen und Bater muß rechnen. Es ist längst Mitternacht korbet. Artige Kinder haben um diese Zeit die Augen ganz fest zu, damit ihnen des Sandmanns Körner nicht hineinfallen!" Der kleine, krausköpfige Mann in dem Bettchen drückt die Augen krampfhaft zu und preßt zum Ueberfluß noch die Finger auf die Lider. So, Vati?"' fragt er neugierig. Ja, Hans, und nun schlaf endlich." Ein paar Sekunden schweigt der Kindermund. Dann beginnt er von Neuem: Vati, weißt Du, was Miene sagt?" Der ernste Mann-zuckt nervös zusammen. Halte den Mund. Junge!" Hänschen Vrenkenfeld nickt ernsthaft. Diesmal scheint das Plappermäulchen dem väterlichen Gebot zu gehorchen. Die Feder des Arbeitenden gleitet eifrig über das Papier ein Maikäfer brummt mit wichtigem Summen durch das offene Fenster. Das ist ein Gerausch, an welchem Bubi keine Schuld trägt. Etwas dem Neid ähnliches regt sich in dem Kinderherzen, als sich der Brummer so lebhaft äußert. Das Mäulchen öffnet sich wiederum: Vati, weißt Du. was die Miene sagt?" Ein schüchternes, sehnsüchtiges Bitten liegt in der leisen Fraget - Das gesenkte Haupt mit dem grauen Schimmer richtet sich empor. Wie ihn der weiche Klang an die Stimme seines Weibes gemahnt. Er kann diesmal sein Kind nicht schelten. Die Erinnerung zwingt ihm die Feder aus der Hand. Er tritt an das Bettchen und neigt sich tief über das pausbäckige Knabengesicht. Nun, was sagt denn - die Miene, Hans?" . .- : Daß ich auch ein. Mutti hab grad so gut, wie Jeskes Paul und Heises Karle, und daß , mein Mutti für mich beten thät und rein alles sieht, was ich mach' und daß sie mir heut' 'nen Engel schickt. Ja, ja, Vati, grad heut', weil doch mein Geburtstag is und Himmelfahrt. Du glaubst's wohl mch, Vati. Kannst es aber; 'nen richtigen Engel, keinen aus Wachs, nee, 'nen ganz feinen, mit rothen Backen und ganz weichen Händen." Der Rittergutsbesitzer , Vrenkenfeld athmet schwer. Mit weichen Händen," wiederholt er, und es klingt wie ein Schluchzen. Bubi macht die Augen, so weit er nur kann, auf und blickt den Vater an. Ein stilles Jammern leuchtet darin. Das ist die Flamme, die unbewußt entfacht zur bewußten Sehnsucht auflodernd, nach der Mutterliebe schreit. Vati," fragt er fast athemlos, und wenn nun heut' das Engelchen krMnt, und fragt, warum Mutti nich bei uns is. was sag' ich ihm denn blos?" Dann sagst Du ihm. daß sie auf der Suche nach dem Licht und der Wärme ist, und daß der Weg dahin sehr mühsam und weit wäre." Ja. Vati, das sag' ich ihm." Und sagst weiter, daß sie bei uns Beiden gefroren hat." O, jee, gefroren. Warum hast Du sie denn aber nicht ordentlich gewärmt?" , ' Vrenkenfeld zittert. Sein Kind ist ein harter Richter! Ja, mein Bubi, wer Dir dies .Warum' beantworten könnte." Die Uhr tickt. Der Mond webt mit blassen Strahlenfäden an dem Maienkleid der bräutlichen Erde und der Web stuhl der Zeit rollt es auf feinem Schlagbaüm zusammen und tränkt es mit Duft und Schönheit. Als Bubi den Mund zu erneuten Fragen aufmacht, ist sein Vati nicht mehr bei ihm. Draußen im Pcrrk, wo das Mondlicht und die Nachtigall nicht sein mögen, weil die Tannenwand zu dicht und die Fledermäuse zu selbstherrlich sind, da sitzt er. Was vor Kurzem sein Kind gefragt, spinnt sich weiter. Warum hast Du sie nicht gewärmt, als sie fror, Tobias Vrenkenfeld? Sie hatte eine dunkle, leidenschaftliche Seele und Du einen klaren, nüchternen Geist! Sie hatte ein feuriges Herz und Du' einen kalten Verstand. Sie liebte die Kunst und die Schönheit in dem gleichen Maße, wie Du die Natur, Deine Scholle und den Schweißgeruch, den der heiße. Werktag gibt, liebtest. Du hast sie nicht lehren können, daß die Arbeit die höchste Kunst und die Heimatherde der Balsam ist, der die kranken Wünsche heilt. Warum nicht Weil Du zu stolz warst, sagst Du? Was ist das für ein lächerlicher Einwand. Zwischen Mann und Weib gibt es das Wort nicht. Da ist das Verstehen und das gemeinsame Ringen um die Existenz der Stolz. Du aber hast davon nichts wissen wollen. Du hast allein gearbeitet und einsam gerungen, und sie hat abseits stehen müssen-und frieren. Das that ihrem kräftigen Willen zu weh. Als sie es Dir leise zuflüsterte, daß sie Sehnsucht nach ihrer Kunst empfinde, daß der Lorbeerduft der trockenen Kränze sie nicht schlafen ließe, da hast Du mit harter Hand diefen letzten Zeugen aus ihrer Vergangenheit verbrannt, anstatt ihr das Kind in die Arme zu legen und ihr zu beweisen, daß der Lorbeer längst welk und todt sei. Du hast vergessen, was Du an dem

Himmelfahrtstage bor sechs Jahren, der zu Eurem Hochzeitstage ward, ihr versprachst. Wir wollen zusammen fliegen in den Himmel hinein. Hand in HandHerz an Herz!" und bist doch nicht mitgeflogen, als sie Dich rief hast sie nicht an Dein Herz genommen und tyr gesagt: DeineKunst muß die Mutterliebe sein und Dein Lorbeer das Blühen und Gedeihen unseres Kindes." Du hast sie allein fliegen lassen, in das Dunkel und die Weite, die vielleicht unendlich ist. Zu ihrer Kunst zurück. Tobias Vrenkenfeld weint. ' Vier Jahre ist er nun schon einsam. Das war zu viel des Hungers und Elends weil er sie immer noch liebt. Diese Nacht ist reich an Schönheit und Festesglanz. Süßer Maienduft und heimliches Flüstern in den Büschen. Himmelfahrtszauber und Himmelfahrtslehre in der blühenden, duftenden Welt! Und der Einsame weint und weint, um das Glück, das er nicht zu halten verstand. In dem Laubengange zu seiner Linken, den sie in der Himmelfahrtsnacht vor sechs Jahren eng aneinandergeschmiegt gingen, rauschten die Zweige. Lauter feine, zarte Pappelblätter auf grünlichem, schwermüthigem Tannendunkel. Plötzlich ist es. als ob ein Windstoß eine Hand voll Blüthenschnee vom Himmel würfe. So licht und weiß scheint es vor Brenkenfelds heißen Augen. Und die Blüthen wachsen zu großen, lockenden Rosen und flattern und duften um sein Haupt. Ein Gewand streicht an ihm vorbei ein Frauenkleid. Er wagt 'nicht, sich zu rühren. ! Seines Kindes sehnsuchtsvolle Rede geht ihm durch den Sinn! Und sie schickt mir einen Engel." Wenn sie nun selbst käme, denkt er. Es ist natürlich Wahnsinn aber er kann nicht mehr von diesem Gedanken los. Jetzt steht die weiße Gestalt still. Sie legt die Hände an die Stirn und seufzt. Ein Mondstrahl irrt verlegen über ihr Gesicht Tobias Vrenkenfeld schreit wild auf. Sein Weib, das endlich heimgefunden hat. Ihre Hände gleiten kraftlos herab. Ihre Blicke suchen in dem Schatten umher. Sie weiß, wer diese Laute ausstieß. Sie hat den Klang der Stimme nicht vergessen. Mein Hansi mein Bubi," stammelt sie. Ich muß ihn sehen, um Abschied für alle Zeit von ihm zu nehmen. Sei barmherzig und laß mich ihn küssen ein einzigesmal. Ich , wollte es heimlich thun. Ich kenn' ja den Weg zu ihm. Verwehr's mir nicht, nun Du es weißt! Dann geh' ich." Vrenkenfeld steht neben , ihr. Seine Blicke suchen ihre Augen. Dann gehst Du wieder, Klotilde? Du hast nichts mehr zu thun außer diesem einen?" Nein!" sagte sie hart. Denn der andere, nach dem ich mich noch bangte und sehnte, ist so groß und untadelig, so kalt und unerbittlich, daß er mich zurückstoßen würde." Klotilde, Du kennst mich noch gar nicht." O ja, ich kenne Dich. Und weil es so war, habe ich vier Jahre lang meine Sehnsucht bezwungen. Jetzt ging es nicht länger. Ich gehe weit, weit fort, damit die deutsche Erde, die Euch trägt, mir nicht die Füße verbrennt aber vorher muß ich noch einmal zu meinem Kind! Jetzt kann ich allein stehen, Tobias Vrenkenfeld jetzt habe ich arbeiten gelernt. Ich ringe mit der Kunst, wo ich früher nur tändelte ich zwinge sie mit Schweiß und Faustschlag, wo ich sie einst streichelte. Jetzt brauch' ich Dich und Deine Hand, die mir den Weg zu ihrer Arbeit nicht, zeigen wollte, nicht mehr!" Wenn ich Dich nun aber brauchte. Klotilde, wenn ich zusammenbräche, weil meinen Schultern diese Last allein zu drückend ist wenn ich nicht mehr der. zwingende Eroberer, sondern ein wankender Besiegter wäre, der Deiner bedarf der Dich bittet: .Bleib' bei mir, hilf mir und stütze mich, sonst breche ich zusammen,' und unser Kind mit mir!" Sie athmet schwer. Das sagst Du Du Du trotzdem ich Euch verlassen habe, trotzdem ich in der Nacht kommen muß, damit der Tag meine Scham nicht sieht?" Komm zu unserem Kinde!" Als sie vor dem Bettchen stehen, das ihren Buben birgt, sinkt Frau Klotilde Vrenkenfeld in die Kniee. Mein Kind daß ich. Dich verlassen konnte und Deinen Vater. Ich hotte Euch doch Beide so lieb so lieb-Dich wie ihn." Das friedliche Gesichtchen mit den vom Schlaf gerötheten Bäckchen regt sich. Er murmelt etwas. Weißt, Vati, was die Miene sagt Mutti schickt 'nen Engel, weil doch Himmelfahrt is und mein Geburtstag!" Da sucht die wegmüde Frau die Hand des Gatten mit ihren Lippen. Behalt' mich bei Dir." fleht sie. Daß der Himmelfahrtssegen für uns zum Lebenssegen werde." Der bebende Mann küßt sie auf Mund und Augen und bettet ihr lichtes Haupt an seinem Herzen. Ein schlaftrunkenes Stammeln kommt von Bubis Lippen: Und goldenes Haar und weiche Hände hat er sagt Miene." Und es klingt wie ein heimlich trium-. pbirendes 'Jauchzen durch sein Lallen..