Indiana Tribüne, Volume 27, Number 243, Indianapolis, Marion County, 3 June 1904 — Page 7
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Jttdiana Tribüne, 3. Juni 1904.
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44 4 44 44 44 st . .. . C . i .11 I II Ü 1111 44 44 -1198 0111116 II III L h r v ' 44 44 il Leimm 44 44 44 44 44 44 ty ly T l .4t5t f-t 1. K a p i t e l. A er Zug nach Lengowo?" Ja, Herr! Zweite Klaffe?" D:e dritte genügt auch. lieber Freund!" Ein schlauker, großer Herr, nicht der jüngste mehr. Das kurzgeschorene Haar man sah nur den Streifen, der bis zum Ohr ging begann schon leicht zu ergrauen, aber der Bart wollte noch nichts davon wissen. Das Gesicht edel und stolz geschnitten, die Augen klar und furchtlos. Ab und zu nur kniffen sie sich zusammen, als wollten sie gegen die Sonne in weite Fernen sehen. Dann legte sich die Haut darum in Falten und Fältchen, und das sonst jung und stolz wirkende Gesicht ward älter. Das Abtheil war leer bis auf einen jüngeren Herrn, der einen Eckplatz am Fenster eingenommen hatte. Er las und sah nur flüchtig auf, als draußen gesprochen ward. Hierher, Gertrud. Ist die Ansichtskarte glücklich geschrieben?" Sogar schon im Kasten. Es kann also losgehen Papa!" Er half ihr beim Einsteigen. Diesmal sah der jüngere Herr am Fenster länger auf. Ein junges Madchen von Mittelgröße'; keine besondere Schönheit. Das Gesicht stolz wie das des Vaters, die Züge nur in's Weichere, Weibliche, in's Junge und Frische übersetzt. Die Stirn verhältnißmäßig medr:g; mt Brauen scharf und dunkel, als wären sie mit Kohle nachgezeichnet, über den hellen Augen gezogen. Der Mund klein und voll. Das einzige, was einen Künstler hätte begeistern können: die Linie von der Rundung des Kinns bis weiter zum HaL. Man sah sie jetzt deutlich in ihrer edlen Reinheit, denn das junge Mädchen hatte den Kopf erhoben und blickte nach dem Himmel. Wir haben einen schönen Einzugstag!" Sie war sehr einfach gekleidet. Ein schwarzes Tuchkostüm, dem man es ansah, daß eine kleinstädtische Schneiderin es gemacht hatte, konnte ihre Figur nicht heben. Ihre Figur das war überhaupt der Schmerz! Warum bin ich nicht groß und schlank wie Du?" 'Wie oft hate der Water das hören müssen! ' Und hundertmal hatte er gelacht, 's ist viel besser so, Gertrud. Der Dämpfer der Eitelkeit. Im Uebrigen hast Du genug mitbekommen." Und sie hatte viele Stunden gegrübelt, was nun eigentlich vorzuziehen sei: ein leidliches Gesicht auf einer nicht sonderlich guten Figur, oder eine schlanke, wundervolle Figur mit einem nicht hübschen Gesicht. Natürlich war sie geneigt zu wählen, was sie selbst nicht besaß. Das Abfahrtssignal ertönte. Sie huschelte sich in eine Ecke und blickte neugierig nach draußen. Der Herr dort drüben hatte sie vorhin kurz angesehen, und gleichsam überrascht war sein Blick heller geworden und hatte länger auf ihrem Gesicht geruht. So etwas merkte man wohl, ob man auch nach der entgegengesetzten Seite zu gucken schien. Und jetzt fühlte sie förmlich, wie er ihre Gestalt maß mit dem halben Bedauern, daß sie nicht schöner sei. . Sie wurde roth. Die vollen Lippen zitterten. Trotzig wandte sie sich ganz nach draußen. Der Zug war ein Bummler. Gemächlich lief er durch Wälder und Felder, schwenkte Rauchfahnen an den Fenstern vorüber, ratterte dem Frühlingswind, der sich ihm stets von Neuem entgegenwarf, fein Schienenlied vor und ließ sich nicht aus dem Takt bringen. Die Gegend war. einförmig. Junge Saaten und alte Wälder. Manchmal ein See, ein Bach durch Wiesen lausend, viel überschwemmtes Land. Bis zum Bahndamm stand das Wasser oft. Selten, daß sich fern eine Mühle zeigte. Häufiger folgten sich windschiefe Baracken, die sich manchmal zu einem ganzen Dorf schlössen, durch das ein breiter, völlig verschlammter Fahrveg führte. Kinder und Schweine dergnügten sich darauf. Am Dorfeingang, an den Kreuzwegen immer Heiligenbilder. An manchen kam man dicht genug vorüber, um die welken Kränze zu sehen. : 5m &amm weder ein schönes, noch irgendwie auffälliges Landschaftsbild. r l. m . Y - Jf . . 3 309 yao mir oie POllllliei unvrr gedacht," sagte Gertrud Rüdiger. Eigentlich ist alles wie bei uns." ..Und das enttäuscht Dich?" ! Ach enttäuschen! Nur ich meinte. es müsse mit emem yjtai etwas rommen, etwas, das mit einem Schlag sagt: ,Hier ist anderes uno sremoes Land!'" , . . Ihr Vater kniff die Augen zu. Er . 1 1 tki. i.. rc formte imioen Gipsen cm uvu. Hieß: Schwarmkopf!" ' : Sie verstand. Und von wem hab ich das, Papa?
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SS IS JMg tz ZZ444444444H4 - A 44 44 I Ein Schulmma aus T W n,,. 4 44 1? v i4 nun von Dtars ZZ u sse 44 44 44 44 44 44 44 44 44 44 44 44 44 44 a lachte er und drohte ihr mit dem Finger. Der junge Mann im Fenstereck legte sein Buch jetzt beiseite. Er räusperte sich ein paarmal und fragte dann ziemlich unvermittelt: Würde es die Dame stören, wenn ich rauche?" Und auf das Bitte nicht tm geringsten" drehte er eine Cigarette und zündete sie an. - ' Halb zu ihm, halb zu seiner Tochter gewandt, sagte der Aeltere: Da'-an merkt man doch auch den Unterschied der Gegend.", Ja," erwiderte der andere schnell, als ergreife er die gute Gelegenheit, in's Gespräch zu kommen, mit Freuden. Hier raucht man fast nur Papyros. Es ist netter und bequemer." Wer daran gewöhnt ist ! Sie sind gewiß schon lange in der Provinz?" Sogar darin geboren. Aber mehr im Süden." Ah so. Und Lengowo kennen Sie auch? Verzeihung, daß ich frage, es ist unser Reiseziel." Da muß ich bedauern," sagte der Jüngere. Ich weiß nur von seinem Ruf. und der ist nicht besonders." Er sprach, wie, die meisten der im alten Großherzogthum aufgewachsenen Deutschen, auffallend rafch und. mit hartem Accent. Sonderlich das R kam immer sehr scharf heraus. Von dem Ruf horte ich. Bedauerlicher Weise sollen die beiden Nationalitäten gerade in Lengowo nicht immer verträglich leben." Das ist liebenswürdig ausgedrückt." Also korrigiren wir: sich gegenseitig in die Haare kriegen. Es ist jedenfalls noch viel Arbeit zu thun." Groß blickte sein Gegenüber ihn an. Allerdings, mein Herr. Man weiß im Reich gar nichts w i e viel. Man kennt die Provinz gar nicht. Man zählt uns beinah schon zu Rußland." Er brach ab und machte eine Bewegung, als wollte er sagen: Lassen wir's genug sein!" Dann aber griff er oben in das Tragnetz und holte eine Zeitung herunter. Hier ist es schwarz auf weiß: nur die deutschen Beamten haben schuld. Es sind alles Bureaukraten, die sich hochmüthig gegen die sonstigen Deutsehen der Provinz abschließen, die es tief unter ihrer Würde halten, mit einem braven, intelligenten Kaufmann zu verkehren, die nur mit ihren Kollegen Umgang pflegen, durch ihren Standesdünkel das deutsche Bürgerthum erbittern, kurz, die den Keil in die hier so nöthige Einigkeit des deutschen Elements treiben. Stimmt das? Haben Sie das, woher Sie auch kommen mögen, in Ihrem Leibblatt nicht auch gelesen?" Er lachte ironisch und schlug mit der zusammengeknitterten Zeitung gegen die Fensterbekleidung. Der andere hatte jetzt die ganz klaren und hellen Augen. - Nun?" fragte er. Mir schien das oft einleuchtend. Gerade" in einem Land, das von deutscher Kultur erst erobert werden soll, dürfen sich die wichtigsien Kulturträger nicht hochmüthig abschließen. Sonst hat dieses Beamtenthum Luftwurzeln und schadet nur." Gertrud Rüdiger nickte eifrig. Jetzt hatte auch sie die glänzenden Augen. Unwillkürlich athmete sie tief. Sie wollten es den Leuten schon zeigen, sie Beide! Da traf ihr Blick den des jungen Mannes. Und das leise, kaum merkbare Lächeln kränkte sie. So redet jeder, der von draußen kommt," wandte er sich an ihren Vater. Alles, was die Provinz betritt, ist mit guten Vorsätzen gepflastert. Aber , sitzen Sie nur ein paar Jahre hier! Bürgerthum, deutsches Bürgerthum in unserer Provinz! Nehmen wir an: Sie sind Amtsrichter, Arzt, Lehrer. Ich zähl' "Ihnen an den Fingern auf, mit wem Sie in zwei Jahren derkehren! Nämlich wieder mit dem Amtsrichter, wieder mit dem Arzt, wieder mit dem Lehrer. . Es geht auch gar nicht anders. Denn wir haben einfach kein' Bürgerthum, wie es in den alten deutschen Provinzen vorhanden ist. Das Kulturniveau ist hier so viel tieser, deshalb sind dre Abstände großer. Der gemeinsame Boden fehlt, auf dem man sich finden könnte. So sieht der Beamte ganz isolirt nicht zu seiner Freude, nicht aus Hochmuth!" Und indem er die Cigarette fortwarf: Hochmuth! Wenn sie so erhaben dastünden, müßte Posen ja das Paradies für, sie sein! Aber jeder jeder jeder strebt doch fort aus diesem Paradies. Jeder will nach dem Westen. Weshalb? Weil er dort Mensch sein kann, Bürger unter.Bürgern, weil er die Verbindung mit seinem Volk hat, weil er nicht mehr isolirt ist. Nein, nein ich kenne das. An diese faulen Redereien der Zeitungen glaubt Niemand hier. - Und die großen Ideale verpuffen bald. Die Begeisterung hilft hier nichts nur die Geduld. Schwungvolle Thaten ausführen möcht' jeder.
Er sieht bald, daß er sich hier in kleinster Münze ausgeben muß. Ein Heldenthum, aber ein äußerlich so unansehnliches, daß die' meisten dafür danken. , Allerstillste Erziehungsarbeit wir sind alle hier nur Kulturdünger." Gertrud Rüdiger hatte kein so freudiges Herz mehr wie vorhin. Sie sah ihren Vater an. Er hatte wieder den Fernblick. Dann strich er sich langsam mit der Hand über die Augen. Vielleicht haben Sie recht. Ich danke Ihnen. Man muß selbst sehen. Dann gehört jedenfalls keiner mehr hierher als der Lehrer und Erzieher." Ganz gewiß. Sind Sie etwa PLdagoge?" . Ja. Wir fahren in unsere neue Heimath. Ich darf mich gleich vorsiellen: Professor Rüdiger." Ein jähes Auffahren. Blutroth ward des andern Gesicht. Der neue Direktor?" Des ' Lengowoer Gymnasiums ja!" O ich, ich mein Name ist Doktor Holst. Ich bin als Hilfslehrer der Anstatt überwiesen. Ich wußte nicht, mit wem ich die Ehre hatte" Er fiel aus einer Verlegenheit in die andere. Nur mühsam konnte Gertrud Rüdiger ein Lächeln unterdrücken. Aber der Direktor reichte dem jungen Mann, die Hand. - Dann sind wir ja Kollegen. Und ich hoffe, es wird ein ersprießliches Arbeiten. Ob Ihre Lektion vorhin richtig war, muß ich aber erst sehen." Als auch Gertrud vorgestellt war, sagte Doktor Holst verlegen: Ich muß um Entschuldigung bitten, wenn ich vorhin so gar kein Blatt vor den Mund nahm. Ich konnte ja nicht ahnen, wen ich vor mir hatte." Und im Stillen verwünschte er sein Pech, das ihn so heimtückisch gleich dem neuen Chef ausgeliefert hatte. Nach einigem Hin und Her schlief die Unterhaltung ein. Der Direktor bat um Entschuldigung und schloß die Augen. Gertrud zerrte zwischen Plaid und Riemen ein Buch hervor und begann zu lesen. Der Hilfslehrer fühlte sich verpflichtet, das Gleiche zu thun. Nun war wieder Stille, soweit das Schütteln des Wagens und das gleichmäßige Stampfen der Räder sie aufkommen ließ. Professor Rüdiger dachte über all die Worte nach, die sein junger Kollege vorhin geäußert. Er kannte sich: er war von Hause aus ein Schwarmkopf. Einer, der mit voller Begeisterung an alles ging, nur das stark glänzende Ziel vor Augen. Der Weg würde sich schon finden. Ein gläubiger Idealist, in jungen Jahren voll Unruhe, immer bereit, wenn 's sein mußte, eine Welt aus den Angeln zu heben. Die Unruhe gab sich später, aber Georg Rüdiger dankte es seiner Schwarmköpfigkeit," daß er nicht, wie viele seiner Kollegen, in kleinlichen Aeußerlichkeiten seines Berufs aufging; daß sein Idealismus durch den Schulalltag zwar arg geschliffen ward, aber nicht starb, sondern ihm immer weiter Freudigkeit und Jugend gab; daß er über der Sckule nicht das Leben vergaß und imnier bestrebt war, sich vor größere Aufgaben zu stellen. So erlahmte seine Spannkraft nicht. Und die Schüler hatten ihn gern, weil er nicht kleinlich war. Vielleicht war er früher kein sonderlicher Pädagoge gewesen, weil er das Nächste leicht übersprang und zu viel wollte. Das hatte sich im praktischen Schuldienst längst gelegt. Er sah noch immer auf das Ziel, aber er fetzte nicht mehr in unruhiger Begeisterung über so und so
viel Stufen weg: er nahm jetzt Stufe für L?tufe. Als die vertrauliche Anfrage an ihn kam, ob er Direktor des Gymnasiums zu Lengowo werden wolle, hatte er den Kopf hochgeworfen. Er wußte, was das hieß. Das Gymnasium hatte in kurzer Zeit vier Direktoren verbraucht. Nationale Reibereien waren an der Tagesordnung. Da 'gehörte ein Mann hin voll Takt und Festigkeit. Es wäre einfacher gewesen, er hätte abgelehnt und gewartet. Ueber kurz oder lang hätte er eine viel bequemere, minder verantwortungsvolle Direktorstelle in der Heimath, in der Mark erhalten. Aber es freute ihn, daß man ihm so viel anvertraute. Und wieder schwoll. wie früher, die , sturmische Begeisterung in ihm empor: schaffen, wirken! Hier war eine große Aufgabe! Hier waren Schwierigkeiten zu überwinden, Kämpfe zu bestehen, von denen er anderswo verschont blieb. Aber gerade das reizte! Ein Sämann, der den Samen streut, der den Acker erst gewinnen muß. Ein Kulturträger und , Eroberer, der für sein Vaterland arbeitet. Willst Du in die Pollackei, Gertrud?" hatte er gefragt. Und ihr vorgestellt, daß sie vieles aufgeben müßten und manches Schwere ihrer warte. Aber sie hatte gelacht, sie kannte ihn zu gut. Du bist ja schon Feuer und Flamme dafür. Papa!" So hatte er ja gesagt. Und nun fuhren sie der neuen Heimath, der neuen Aufgabe entgegen. Er sollte beweisen, was er an schwierigem Material vermochte. Da kam dieser junge Mensch. Der war ein Sohn der Provinz, der kannte gewiß die Verhaltnisse. Und er schien förmlich erbittert.
Viut keine Begeisterung, predigte er. Geduld, stille Arbeit! Wie ein kalter Wasserprahl war ihm das in's. Gesicht geflogen. Wie ein Knüvvel ZkvZscken die ifteme. hie fAnn
wieder Stufen überspringen wollten! Vielleicht war's gut! Man mußte selbst sehen. Er hob em wenig die Lider, um sich seinen jungen Kollegen zu betrachten. Der war in eifriae Lektüre herfimfen. Ein gar nicht hübsches, aber intelligenles zency: von etwas slavischer Bilduna. Vielleicht war ein Sckuk volNischen Bluts in ihm. Die Backenknochen standen ein wenig vor. Man konnte sich .das schließlich aucy emouden. Vie Stirn medrig; der Mund, über dem ein kurzer, dichter L?cynurroarl a$, der Nicht sonderlich aevfleat und in ??orm war.sebr ansdrucksvoll, von einer interessanten Häßlichkeit. Das Kinn energisch; die grauen Augen konnten ungeheuer lebendig weroen. Besonders vorhin hatten Lichter darin gestanden, als er gegen die Begeisterung gesprochen hatte. Der Direktor lächelte. Ein kurioser Kauz, der mit Begeisterung gegen die Begeisterung sprach. Ganz der Gegensatz zu ihm selbst. Ein Idealist gegen den Idealismus. ' Am Pfiff der Lokomotive und dem langsameren Fahren des Zugs merkte man, daß eine Station, in der Nähe war. Georg Rüdiger sah auf und ließ das Fenster etwas herunter. Doktor Holst legte sofort sein Buch beiseite. Es war eine kleine Haltestelle. Nur Bauernweiber mit Kiepen stiegen ein. Die Fahrkarten nach Lengowo wurden abgenommen. Und nach einer weiteren halben Stunde sprang der Direktor auf: da war es, sein Ziel, seine neue Heimath! Es erschien fern, überragend, ein mächtiges Gebäude, halb Burg, halb Kirche. Häuser, und Häuschen, Thürme und Thürmchen kamen dazu. Alle drei wollten zugleich sehen. Die beiden Herren, die sich gegenüber gesessen hatten, reckten die Hälse; Gertrud trat neugierig hinter sie. Wenn ich dem gnädigen Fräulein Platz machen darf?" Der Hilfslehrer rückte vom Fenster ab. In dem schmalen Mittelgang war es nicht vermeidlich. daß man karambolirte. O," sagte er und zog sich förmlich zusammen. Das sah so drollig aus, daß sie lachen mußte. Dann rieth man, was das große Gebäude wohl vorstellen könne. Aber erst der Schaffner gab Auskunft. Es fei das alte Kloster der Zisterzienser, das da die Stadt so beherrsche. Als man näher kam, tauchte ein kleines Kirchlein auf. Der Thurm schien nicht fertig gebaut, das Geld hatte wohl nicht gelangt. Das war das Gotteshaus der Protestanten. Georg Rüdiger drehte sich um, als ob er etwas sagen wollte. Die Blicke der beiden Männer kreuzten sich. Aber schon fuhr der Zug In den Bahnhof ein. Werden Sie im Hotel wohnen, Herr Doktor?" Ich habe Verwandte hier." Also besser dran, als wir. EZ hat mich gefreut, wenigstens einen Mitarbeiter schon vor der offiziellen Einführung kennen zu lernen." Ein rascher Händedruck im Eifer des Aufbruchs. Eine ungeschickte Verbatgung von Seiten des Hilfslehrers gegen Gertrud Rüdiger. Nein, mit Damen mußte er nicht oft zusammen gekommen sem. Der Schliff fehlte; die selbstverständliche, ruhige Liebenswürdigkeit. Sie hatte das gern. Vielleicht, weil sie selbst im gesellschaftlichen FormenWesen auch nicht ganz sicher war. Wer war schuld daran? Sie selbst? Die Mutter? Die Verhältnisse? Ihr Vater gab gerade einem Hoteldiener den Gepäckschein. Und nun komm und mach die Augen auf!" Sie hing sich an seinen Arm. So wanderten sie durch kleine Gäßchen und breitere Straßen. Jeden Augenblick zog ihn das Mädchen leicht. Zuerst lustig lachend: Kannst Du den Namen lesen?" Dann schon minder fröhlich: Wieder ein Zungenzerbrecher!" Und endlich beinah ernst: Es gibt hier so viele Namen, die ich nicht aussprechen kann." Ueber den kleinen Geschäften sah sie polnische Firmenschilder, Sie, schüttelte den Kopf. Geht's hier zum Markt, guter Freund?" fragte der Direktor einen alten Mann. Der brummte etwas in der fremden Sprache und zuckte die Achseln. Da bog sich Georg Rüdiger zu seiner so viel kleineren Tochter: Fühlst Du jetzt schon mehr, daß hier anderes Land ist?" Ja," erwiderte sie etwas kleinlaut. Na. Fräulein Blücher?" Da drückte sie seinen Arm und sah ihn entschlossen an. Ihr guter Vater! Auf der Schule hatte sie für den Marschall Vorwärts geschwärmt. Und wenn sie mal zu wild draufging. hieß es: Fräulein Blücher." Ebenso, wenn sie nach dem ersten Swrm verzagen wollte. Von manchem neugierigen Blick gefolgt, schritten sie rüstig nebeneinander. Gefragt wurde nicht mehr: sie fan-
den den Markt und das Hotel auch so. Das Essen war gut, der Kaffee leidlich. Legst Du Dich etwas hin?" fragte der Direktor nachher seine Tochter. Nein nur sitzen bleiben möcht ich und ausruhen!" Es war ihm angenehm. So konnte er allein durch die Straßen gehen, das Gymnasium suchen, einen Eindruck gewinnen. Er ging nicht gern planlos' und in die Irre. Selbst bei Spaziergängen mußte er ein festes Ziel haben. Und wenn-Jemand mit ihm war, führte er gern. Das lag in feiner Natur. So machte er jede Reise auch zumeist allein. Ein Jahr später nahm er seine Tochter mit und zeigte ihr alles, was er den Sommer vorher entdeckt hatte. Dann freute er sich an ihrer Freude. (Fortsetzung folgt.)
Der Knoten. Humoristische Skizze von Alfred Semerau. Herr Walter Lackner warf sich unruhig hin und her, er versuchte die Augen zu öffnen, die Lider fielen ihm immer wieder zu, erst der dritte Versuch glückte. Er hob den Kopf ein wenig kein Zweifel, er hatte sich nicht getäuscht: Die Glocken läuteten. Es war Kirchgangszeit. Sie sind sicher alle schon auf na, was hilft das Liegen auch, wenn ich nickt mehr schlafen kann! Das war eine Sitzung gestern Abend! Mein Kopf, mein Kopf!" iiä nützte nichts, daß Herr Lackner, seinen Kopf in die Hände stützte und sie gegen die Schläfen preßte. Er sah in den Spiegel: Hm na man sieht es deutlich. Kein Wunder, wenn man nicht ausgeschlafen hat!" Mißmuthig vollendete er seine Toilette. Dieser infame Druck!" Er griff in die Tasche, holte sein Taschentuch hervor und wollte es in's Wasser tauchen, um sich den Kopf zu kühlen. Auf halbem Wege hielt er aber inne, schlug sich mit der flachen Hand vor den Kopf und betrachtete einen Knoten im Tuch. Was bedeutet das? Den habe ich mir gestern gemacht, um nicht zu vergessen,' daß daß " Es fiel ihm aber nicht ein, woran ihn der Knoten erinnern sollte. Hedwig wird es wissen." Mit ein wenig zaghaften Schritten trat Lackner in's Eßzimmer, wo seine Frau am Kaffeetisch saß; etwas verlegen wünschte er ihr guten Morgen. Was habe ich Dir doch gestern Abend, gleich als ich nach Hause kam, gesagt, Hedwig?" Mir?" Seine Frau schüttelte den Kopf. Nämlich" Lackner hielt ihr den Knoten im Tuch hin ich muß Dir etwas gesagt haben, da" und er bewegte den Knoten, als gebe er seinen Kindern mit ihm eine KasperltheaterVorstellung, weißt Du nichts davon?" Als seine Frau wieder und kräftiger den Kopf schüttelte, sagte er: Wie habe ich es nur vergessen kön nen? und setzte den Knoten wieder in Bewegung. Du bist woksi gestern spät nach Hause gekommen, Walter?" sagte seine Frau harmlos und beeilte sich hinzu zufügen: Ich bin nämlich selbst erst um zwölf Uhr zu Bett gegangen und es wird ja wohl Sonnabends immer später Du wirst vielleicht mehr getrunken haben Du brauchst mich nicht so anzusehen, Walter!" schaltete sie schnell ein, als esie entrüstet unterbrechen wollte, ich habe nämlich Deinen Hut in der Waschschüssel und Deine Uhr im Seifennapf gefunden. Dir scheint auch nicht wohl zu sein, Walter, siehst blaß aus und die Augen sind roth." Ja, ja, laß nur, das geht vorüber, aber besinn Dich doch einmal, was ich gesagt habe. Das kann einem ja nervös machen!" sagte Lackner. Er rannte im Zimmer umher. Der ganze Sonntag ist mir verdorben, wenn ich's nicht rauskriege, Hedwig." Er stürzte eine Tasse Kaffe hinunter. Ich muß an die frische Luft, Hedwig, Adieu." Frau Lackner lächelte ein wenig, als sie ihm Adieu sagte. Wenn Du später kommst, Walter, triffst Du mich vielleicht nicht. Ich habe die Kinder zu den Eltern geschickt und gehe auch hin, vielleicht kommst Du nach." Lackner ließ auch auf der Straße den Knoten nicht aus der Hand. Ich muß mal zu Tönse, der wird wissen, was der Knoten bedeutet. Der wird mir gesagt haben, mach Dir den Knoten in's Tuch, ja, der ist s pedantisch." Der Weg war umsonst. Tönse war nicht zu Hause. Ich muß dann in den Schwarzen Adler. Vielleicht treffe ich da Jemanden,, der " aber im Schwarzen Adler war um diese Zeit kein Mensch, als der Wirth und die Kellner. Herr Walte? Lackner ging durch die berühmten Breitenfelder Parkanlagen, um in sonntäglicherEinsamkeit nachzudenken, was der Knoten zu bedeuten habe. Er setzte sich auf eine schattige Bank, seine Augen schlofsen sich und sein Kopf neigte sich ein wenig hintenüber . 1 . . Als er erwachte, war die Sonne schon weit gewandert und die Thurm uhr schlug zwei. Als Herr Lackner nach Hause kam, fand er alles still. Er hatte jetzt Hunger. Er rief. Niemand antwortete, ßrj&toa. auf sein Zimmer, machte sich's
auf"vem Sofa bequem, nahm eine Zeitung, blickte hinein, blätterte, aber bald verschwamm alles vor seinen Au . gen und abermals schlief er ein. Nach Stunden erwachte er wieder, dieStim-
me seiner Frau machte ihn munter. Ausgeschlafen. Walter? Dann können wir ja essen!" Und Hunger hab ich, Hedwig, kras tigen. Du sollst Wunder erleben." Lackner aß drei Portionen Entenbraten und zwei Portionen Apfelmus, erklärte sich für gesättigt, trank Kaffee, zündete sich eine Cigarre an und setzte sich zu seiner Frau, die am Fenster mit einer Stickerei saß. Den Knoteis hatte er ganz vergessen. Plötzlich sagte Frau Hedwig: Siey doch, Herr'-- Resemann aus Berlin. Wußtest Du, daß er hier ist?", Kaum hatte sie den Namen Resemann genannt, da sprang ihr Mann auf. Das war's! Nun fällt mir's ein. Ich hab' ihn gestern Abend zum Mittagessen eingeladen." Dabei sah er schuldbewußt seine Frau an. Was machen wir bloß? Da klingelt er schon!" Frau Hedwig hatte bereits nachgedacht. Unterhalte Du ihn, ich komme gleich wieder, in einer halben Stunde wird alles fertig sein." Damit verließ sie das Zimmer, um aber, kaum daß Herr Resemann Plan genommen hatte, wieder zu erscheinen. Herr Resemann hatte sich noch nicht den Schweiß trocknen können, der in kleinen Tropfen von seiner Glatze auf seine rothen Backen kugelte, da begrüßte ihn herzlich Frau Hedwig. Sehr erfreut, Sie wiederzusehen, Herr-Resemann. Wie geht es -Ihnen?" Danke sehr. Ich muß mich ent schuldigen, daß ich so spät zu spät " Herr Resemann handhabte noch immer sein Taschentuch. Durchaus nicht, wir essen nie vor fünf," sagte Frau Hedwig. Allmälig kühlte Herr Resemann sich ab und das Taschentuch kam zurRuhe. Er schien fortwährend mit einem Ent schluß zu kämpfen, immerfort lagen ihm Worte auf den Lippen, die er doch nicht aussprach. Endlich meldete das Mädchen, es sei angerichtet. Herr Rese-' mann nahm nebenFrau Hedwig Platz, die sich, als sie ihrem Gast einen Teller Suppe reichte, entschuldigte: Sie müssen vorlieb nehmen Fleischsuppe mit Erbsen." Auch Lackner mußte essen; wie er das nach dem eben eingenommenen Essen machen sollte, wußte er noch nicht aber er mußte. Bei Herrn Resemann begannen sich ' wieder Hitzesymptome zu zeigen, als der zweite Gang, Ragout in Muscheln, servirt wurde. Herr Resemann nahm seine Zuflucht wieder zu dem Taschentuch und trank, trank, als tränke er nur, um nicht essen zu brauchen. Herr . Resemann mußte vom dritten Gang zweimal nehmen, obgleich er gern schon das erste Stück Lachs abgelehnt hätte. Das zweite mußte er der Hausfrau zu Liebe" essen. Beim vierten Gang wollte er seiner liebenswürdigen Wirthin einen Korb geben, mußte aber schließlich doch ein Kalbskotelett nehmen.' Als das Mädchen wieder mit einem neuen Gang erschien, ließ Resemann Messer und Gabel fallen, fank i seinen Stuhl zurück und sagte: Wahrhaftig, genau dasselbe ich kann nicht mehr!" Er schüttelte den Kopf mit aller Kraft. Nicht einen Bissen ich weiß, was es noch giebt ich kann nicht mehr! Jcb habe genau dasselbe wie bei Ihnen im Schwarzen Adler gegessen, ehe ich kam hatte die Einladung ganz vergessen, gestern Abend der Sekt und der G :og kam nur her, um mich zu entsch lldigen." Herr Resemann sprach es in klagendem Ton. . Das thut uns sehr leid, daß wir Sie noch so nöthigten zum Essen," bedauerte Frau Hedwig. Da Herr Resemann nicht mehr zu -essen brauchte, begann er, sich langsam zu erholen, er blieb noch eine Stunde. Als er gegangen war, sagte Lackner: Das war ausgezeichnet. Deine Idee t mit dem Schwarzen Adler! Und der arme Kerl! Aber ich will nie wieder einen Knoten vergessen!" Und nicht Sekt und Grog trinken, sonst passirt Dir's doch!" Schweiz. . Basel. Der ' Chef der Eilguts Expedition der Bundesbahnen Waldmeier wurde vom Strafgericht wegen Unterschlagung von 9000 Fr. zu neun Monaten Gefängniß verurtheilt. Das Baseler Strafgericht verurtheilte den Universitätspedell Hüser wegen Unterschlagung von 8900 Fr. Universitätsgeldern zu einem Jahr Gesänge niß. G l a r u & Dekan Kind feierte das Jubiläum seiner 25jährigen pfarramtlichen Thätigkeit in feiner Gemeinde Schwanden unter herzlicker Betheiligung der Gemeinde sowie dieler Amtsbrüder von nah und fern. Klein wan'gen (Luzern). Am Nordwestsaum des hiesigen Dorfes wurde ein Hügel angeschnitten zur Gewinnung von Sand. Dabei stieß man auf altes Mauerwerk. Bis zetzt wurde das Fundament eines rundlichen Thurmes nebst davon auslaufenden Mauern ausgegraben, die auf ti nen ziemlich großen Bau schließen lassen. Auf der Westseite in einiger Entfernung von der Anhöhe hat mcm schon vor ein paar Jahren Spuren eines unterirdischen Ganges gefunden.
