Indiana Tribüne, Volume 27, Number 240, Indianapolis, Marion County, 31 May 1904 — Page 3

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Aerzte.

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Präsident Rooscvclt als Hauptredner auf dem Schlachtfeld von Gettysburg.

Fall Perdicaris. Amer. Kriegsschiffe nunmehr in Tanger. Von der WeltAusstellung. Blutiger Rassestreit. Ganze Familie vcrgiftct. Die Fluth in Kansas.

Gedenkfeiern. Gettysburg, Pa., 30. Mai. Auf dem, historischen, Friedhofshügel, der auf den vom Blute 50,000 Tapferer getränkten Boden niederschaut, und in Gegenwart von Tausenden, welche zur Ehrung der Todten herbeigeströmt waren, hielt Präsident Roosevelt heute eine bemerkenswerthe Rede. Fast an dem gleichen Platze hatte Präsident Lincoln am 19. November 1863 in einer unvergeßlichen Ansprache. Grundsätze verkündet, welche seit über einem Drittel Jahrhundert ihren Weg durch -die Welt gemacht haben. Präsident Roosevelt wurde auf, den Friedhof des Schlachtfeldes von verschiedenen hundert Veteranen des Bür gerkriegs escortirt, unter Vorantritt von Cavallerie, Artillerie und der Ma-rine-Capelle von Washington. Frau Roosevelt und andere Mitglieder der Präsidenten-Gesellschaft folgten in Wagen. Bei der Feier führte Gouv. Penny Packer den Vorsitz. Nach Schluß der Gedächtniß-Feier der G. A. R. und nachdem Schulkinder die Gräber der Todten mit Blumen bestreut, sprach der Caplan des Bundessenats, Dr. Hale, ein Gebet, worauf sich der Präsident, enthusiastisch begrüßt, zu seiner Rede erhob. Den Schluß der Feier bildete ein Gebet. Als Präsident Roosevelt sich zu seiner Rede erhob, begann ein Regenstrom, der während der ganzen Ansprache fortdauerte, jedoch die 10,000!öpfige Menge verblieb trotzdeu auf dem FriedHof. In Folge des Regens mußte eine geplante Rede des Penfions-Commis särs Ware ausfallen. W a s h i n g t o n. 30. Mai. Die patriotischen Bürger Washington's begingen den heutigen Tag auf den verschiedenen nationalen Friedhöfen. Das Hauptinteresse nahm die Feier auf dem Arlington Friedhofe in Anspruch. New Nork. 30. Mai. Der drohende Himmel beeinträchtigte die Feier des Gedächtnißtages in keiner Weise. An der Parade der , G. A. R. betheiligten sich außer den verschiedenen G. 3L' Posten BundeZ-Truppen das Marine-Corps und die National-Garde. Die üblichen Reden und Picnics hatten nach den verschiedenen Ausflugsorten eine zahlreiche Menge gezogen: die Ge schäfte ruhten für den Tag. C i n c i n n a t i , 30. Mai. Das Haupt-Ereigniß des heutigen Gräberschmückungstages war eine imposante Straßenparade, an der sich die Schulen, Posten der Grand Army, Polizei, Beamte und bürgerliche Verbände betheitigten. Nachher wurden auf den verschiedenen Friedhöfen die Gräber geschmückt. Aehnliche Feiern wurden aus Chi cago, Baltimore und anderen Plätzen gemeldet. C a n t o n , O., 30. Mai. Frau McKinley erhielt heute aus allen Thei len des Landes Blumenspenden zur Schmückung des Grabes des Gatten. Präsident Roosevelt sandte einen großen Kranz weißer Blumen, Frau Roosevelt einen Strauß amerikanischer Beauty-Rosen. Viele der Sendungen waren anonym. Paris, Frankreich, 30.- Mai. Auf dem Picpus Friedhof fand heute eine Gedächtnißfeier statt, wobei das Grabmal von Lafayette mit Fahnen und Blumen geschmückt wurde. Botschafter Porter sprach über die franzö-sisch-amerikanischen Helden; General Barnes vom LafayettePosten der G. A. R., Brooklyn, hielt eine Rede. Die Washington Statue auf dem Platze der Etats Unis war schön dekorirt. Blutiger Rassestreit. Philadelphia, 30. Mai. Bei Rassestreitigkeiten, wurden heute fünf Personen schwer und eine ziemliche Anzahl leichter verletzt. Der Aufruhr spielte sich auf der Straße ab; die eigentliche Ursache ift der Polizei nicht bekannt.

cchrt.

Die militärische Woche. Welt-Ausstellung S-P l a tz, S t. L o u i s, 30. Mai. Ein düsterer Tag leitete eine der ereignißvollsten Wochen der Ausstellung ein. Es ift die militärische Woche' und der heutige Tag war einer dem Gräberschmückungs tage angemessene Feiern gewidmet. 500 Cadetten aus West Point lagern auf dem Vlatze und zusammen mi Vundestruppen bietet die Ausstellung einen militärischen Anblick. Heute Abend . fand zu Ehren von Alice Roosevelt ein Ball im deutschen Nalional-Pavillon statt. St. Louis, 30. Mai. Das Hauptereigniß des TagzZ bildete eine Parade,' bei der über 5000 militärische und halbmilitärische Verbände vor Ge neral Bates und Präsident Francis, die auf der Plaza don St. Louis standen. vorbeizogen. Abends traf der japanische Gesandte Takahira in Begleitung eines Sekre tärs ein. Er wird morgen von Präfident Francis auf der Ausstellung em pfangen. Drohungen gegen das Leden von Perdicaris. Washington. 30. Mai. Der Consul in Tanger depeschirt, daß gegen das Leben von Perdicaris. undVarley, die Gefangenen des Räubers Raisuli, Drohungen ausgeftoßen sind, falls nicht die Forderungen der Banditen bewilligt werden. Tanger. Marokko, 30. Mai. Kreuzer Brooklyn, die Flagge des Admirals Chadwick führend, und Kreuzer Atlanta find angekommen. Andere amerikanische Schiffe folgen. Tanger. 30. Mai. Admiral Chadwick besuchte Herrn Torres, den hiesigen Vertreter des Sultans, der die Aufmerksamkeit erwiderte. Torres theilte den Vertretern Ame rika's und England's mit, er körne Raifuli's Forderungen nicht erfüllen. Zu dem Sultan ift ein Spezial - Cou rier entsandt. , . . Todtbringende Speise. New York, 30. Mai. Vor einigen Tagen erkrankte eine Familie von 5 Personen durch den Genuß einer Büchse grüner Erbsen. Zwei starben be reits, ein dritter ist verloren, während die beiden Uebrigen genesen können. Es handelt sich um G. Obravo nebst Frau und vier Kindern. Ein Arzt neth der Familie, in's Hospital zu ge hen, sie lehnte es aber ab. Am Sams tag starb der' ältere Sohn, heute eine Tochter, und ein drittes Kind sieht dem Tode entgegen. - D i e H o ch f l u t h. T o p e k a, 30. Mai. Der Kam Fluß steht 14 Fuß oberhalb der niede ren Wassergrenze und ist augenschein lich stationär. Verschiedene Brücken sind für den Verkehr unsicher geworden und Klein-Rußland ist von einer An zahl Familien verlassen. Abends geht die Fluth im Kansas Flusse langsam zurück und alle Gefahr ist geschwunden. Ottawa, Kas., 30. Mai. Der Mars des Cypreß Fluß hat eine schwere Fluth veZursacht. 200 Familien find hier und in der Umgebung obdachlos; in Nord Ottawa stehen mehrere GeschäftsHäuser unter Waffer. - Schreckliche Explosion. K n o ? v i l l e', - Senn., 30. Mai. Bei einer Dynamit-Explosion bei Warwich, einer Zweigftation der Louisville & Nashville Bahn, kamen heute vier Arbeiter um's Leben; 2 find tödtlich verletzt. Beiden wurden die Augen ausgerissen und der Körper durch Steine zerfleischt. Das Unglück entstand durch Fahrlässigkeit der Arbeiter. Raubmord. St. Joseph, Mo., 30. Mai. John Seyfried, ein bekannter Wirth, wurde heute früh in seiner Wirthschaft ermordet. Die Raubmörder erbeuteten etwa S200. Als verdächtig ift Charles Mack eingezogen.

Tragisches Ende. Vürgermezster McLane erschießt sich , ohne erkennbaren Grund.

B a l t i m o r e , 30. Mai. Bürgermeifter Robert M. McLane erschoß sich heute Nachmittag im Schlafzimmer seiner Wohnung. Zu gleicher Zeit schlief seine ihm vor kaum 2 Wochen angetraute, junge Frau in einem angrenzenden Raume und wurde durch den Schuß erweckt, den McLane äugenscheinlich vor dem Spiegel des Änkleidetisches stehend abgab. . Die Kugel drang durch die rechte Schläfe, am linken Ohr wieder heraus fallend. Der Bürgermeister kam, nachdem er zu Boden gestürzt war, nicht mehr zum Bewußtsein; der Tod trat nach einer Stunde ein. Eine Anzahl herbeigerufener Aerzte erklärten die Wunde sofort als nothwendig tödtlich. Die Mitglieder der Familie kennen keinen Grund der That. Starke Arbeits-Anhäufung in Folge des Februar-Brandes - fowie Angriffe politischer Gegner scheinen den Geist des Verstorbenen zeitweilig getrübt zu haben. McLane wurde im letzten Mai als demokratisches Stadtoberhaupt gewählt. Er war 36 Jahre, der jüngste Bürgermeister, den Baltimorejemals hatte. Sein Vater war Präsident der ersten Nationalbank, sein Onkel Robert McLane Gouverneur des Staats und unter Cleveland Gesandter in Frankreich. Unter den demokratischen Stadt rathsmitgliedern machte sich bei dem Wiederaufbau Baltimore's in letzter Zeit Opposition geltend, beim Volke im Großen war aber der Verstorbene sehr beliebt.' P r a k t i s ch e r P l a n. D u l u t h, Minn., 30. Mai. Ein Bücher - Wagen, die erste öffentliche Bibliothek auf Rädern, welche durch das Land zieht, ist ein Plan, den die Wisconsiner Bibliotheks Commission soeben gefaßt hat. .. Die Farmer werden, wenn der Wagen vorbeifährt, aufgefordert, sich ihre Winterlektüre zu wählen, und jede Fa milie darf aus der großen Sammlung nehmen, so viel sie will. Im Früh jähr werden die Bücher von dem glei chen Wagen wieder geholt und zur Hauptbibliothek zurückgebracht. Erschoß seine Gattin. C a n a a n , Conn., 30. Mai. S. Delman, 24.jährig, erschoß heute seine Frau und machte dann einen Selbst Mordversuch, wird aber voraussichtlich genesen. Die Frau hatte ihren Gatten wegen angeblich schlechter Behandlung verlassen. Deutscher Transportd a m p f e r. N ew Port News, Va., 30. Mair Kreuzer Minneapolis langte heute an; ebenso das deutsche Trans portschiff Pisa aus Hamburg mit 1500 Offizieren und Mannschaften. Die Neu-Ankommenden ersetzen die Mann schaften an Bord der 4 hier liegenden deutschen Kriegsschiffe, deren Dienstzeit erloschen ist. AcreStreit. New York, 30. Mai. Nachdem Herald haben Brasilien und Peru ein Einvernehmen zur Schlichtung des Acre-Streits erreicht. Eine Meldung, die Peruaner hätten die Brasilianer nahe der Grenze zurück getrieben, wird als unbegründet be zeichnet. Schiffsnachrichten. Angekommen.. Gibraltar: König Albert" von New York. New York: Minnetonka" von London. Bremen: Friedrich der Große" von New York via Plymouth und Cherboura. Gibraltar: König Albert" von . New Vor! nach Neapel und GenUa. Neapel: Romanic" von Boston via Ponta Del Gada. London: Minneapolis" von New York. Moville: Pretoria" von Montreal und Liverpool. Plymouth: Kaiser Wilhelm derGroße" von New York nach Cherbourg und Bremen. Moville: Furnesfia" von New York, für Glasgow :c. Der SankierssolM. .Denk' Dir. Morit, her klein? vom Portier, der ebenso alt ist. wie unserer, lackt ssfcnnt" kw-i?.;, Unserer Hätt' doch 'viel" eher Grund dazu!" .

M alt. Aus dem Tagebuch eines Arztes von St. RzeiZowski.

Mein Weg führte mich täglich cm der Wohnung des Schurkiewitsch vorüber. Die beiden kleinen, verstaubten, zum Theil ausgebrochenen Fenster seiner im Kellergewölbc 4 gelegenen Werkstätte zeigten mir, wie es im Innern dieser Arbeitsstätte aussah, die eine Familie von mehreren Personen ernähren mutzte. Dleselbe bestand aus dem 60jährigen - Meister Schurkiewitsch, dessen Frau, die seit einiger Zeit von einem hartnäckigen Leiden gequält wurde, und deren Tochter, einer schwindsüchtigen, schwächlichen Person. die als Wittwe mit ihren vier Kindern be: den Eltern lebte. Der Meister hat einst bessere Zeiten gekannt; als aber rne bösen Jahre ka men und als das Alter seine Kräfte abschwächte, da war er gezwungen, m dieses finstere Loch zu ziehen, und anstatt schöner Möbel billigen Schund anzufertigen. 5tit zwei Jahren reichte auch diese Arbeit nicht aus. 'Esist merkwürdig,'. . .' aber es muß in dieser Wett mcht alles m Ordnung sem; obgleich es immer mehr Menschen gab, wurden die Bedürfnisse derselben immer germger. Von den beiden Werkstätten . des Meisters stand die eine gewöhnlich leer und wartete auf Arbeit. In der anstoßenden Stube hauste die ganze Famltte. In der Ecke in dem altmodischen armseligen Sessel saß das alte Grotzmutterchen , deren runzliges Gesicht von einer reich aarnirten Haube umrahmt war. Die Aermste starrte gleichgültig vor sich hin. Die ??rau des Meisters war am Kochherd beschäftigt. während die Tochter, die von den vor. Kalte zitternden Kindern umgeben war, emsig nähte. An den feuchten Wanden der Stube hingen einige Bild chen, die nöthigsten Hausqeräthe standen umher, alles in eine traurige Halbdammerung gehüllt, die mcht ein mal von dem hellen Lichtstreifen, der durch das hochgelegene Fensterchen fiel, zerstreut wurde. Der Meister bastelte an seinem Werktisch, thatsächlich that er aber nichts. Zum ersten Male in seinem Leben hatte er keine Arbeit. Wenn er auch in letzter Zeit in der Annahme von Auftragen Nicht wählerisch war. so befand er sich zum ersten Male ganz ohne Arbeit Das Gespenst des Elends tauchte vr seinen Augen auf. Er verstand es, sich einzuschränken und fürchtete die Armuth nicht, aber auf die alten Tage um ein Stückchen Brot kämpfen zu müssen, dieser Gedanke marterte ihn! Gestern hatte er den letzten Groschen ausgegeben. Vergeblich war er einen halben Tag umhergerannt, selbst entschlössen, in einer fremden Werkstätte zuarbeiten... Aber Niemand brauchte Gesellen ... In verzweifelter Stimmung saß er über seiner ziellosen Arbeit . . .' Seine Frau blickte jeden Augenblick in die Werkstätte hinein, um sich zu überzeugen, ob der mit alten Sachen handelnde Kaufmann nicht gekommen war. Aber es war Niemand da . . . Der Meister bastelte an seiner Arbeit in ungeduldiger Erwartung eines versprochenen Auftrages der ihn an's Haus fesselte. Als aber der Abend anzubrechen begann und noch immer Niemand erschien, warf der Meister ungeduldig den Hobel aus der Hand, rieb sich nervös die Stirn, nahm seine Mütze und ging leise aus dem Hause. Er ging ohne Ziel. Er mußte frische Luft athmen, Menschen und den Straßentrubel sehen, der die Gedanken nicht an einen Punkt zu fesseln erlaubte. Allmählich lenkte er seine Schritte nach der Straße, in der sich das Geschäft des Händlers befand. Fünf Minuten später befand er sich vor dem Antlitz des hageren, hochgewachsenen Händlers, der ihn sehr kühl begrüßte. Was wünschen Sie?" fragte er den Meister. Was ich wünsche?" . . . Arbeit, wie sonst. Seit vierzehn Tagen arbeite ich nicht mehr ... ich habe den letzten Groschen ausgegeben . . . Elend droht mir . . ." entgegnete der Alte. Ich bin auch schlimm daran, Meister. . . . Niemand bestellt was . . ." Der Meister blickte mit starrem Blick umher .... Seine Kehle schnürte sich ihm zusammen, in seiner Brust kochte es, ein Schleier überzog seme Augen. Er schwieg, während der Kaufmann ihn ruhig, kühl und ebenfalls schweigend betrachtete. Herr Kaufmann, nustene er nach einer Weile, geben ' Sie mir eine Flickarbeit, irgend eine Reparatur. . . . Ich war doch stets ein gewissenhafter Arbeiter...." Das ist wahr," entgegnete der Händler, aber ich habe für Sie keine Arbeit. Die Zeiten sind schwer!" .Schwer ..." wiederholte der Alte mechanisch, aber es ist undenkbar, daß nicht in den nächsten Tagen irgend ein Auftrag kommen sollte," fügte er schüchtern hinzu, seine Mütze nervös in der Hand drückend. Geben Sie mir ein kleines Angeld ... ich werde es mit fleißiger, gewissenhafter . Arbeit wiedererstatten ..." Ich kann Ihnen kein Angeld geben ..." ' Warum nicht?" . Ich thue es nicht.' ! Dem Alten traten die Thränen iu die Augen, aber n brachte kein Wort

hervor. Zum ersten Male im Leben bat er um Hilfe . . . Sein Leben lang hatte er stets verdient, was er brauchte, und es war auch immer etwas für . . cY L

oisveuursiige geoueoen. ms mc Zeiten schlecht wurden, schränkte er sich in seinen Ausgaben ein; er murrte nicht, als sein Schwiegersohn starb uno oas chiffjai. ihm me feorge jur seine Tochter und, die vier Enkelkinder auferlegte; ertrauerte nicht um seine alte, schöne Werkstätte und um seine saubere, warme Wohnung; er schämte sich nicht, als er gezwungen' war, seine Gesellen abzuschaffen. . Jetzt aber trat eine Schamröthe auf seine bleichen Wangen. . . . Er stand bestürzt da, : während in seinem Kopfe die Gedanken chaotisch schwirrten. Was hat ergethan, daß man' ihm jede Hilfe so entschieden verweigerte? Die . Worte des Kaufmanns klangen wie ein harter Vorwurf in seinen Ohren ... ' Was wird mit seinem alten Mütterchen geschehen? Was wird seine arme Frau sagen, wenn er ihr seine leeren Hände zeigen wird? . . . Und die Enkelkinder, die zum ersten Male hungern werden? In diesem Augenblick öffnete sich geräuschvoll die Ladentkür imi ein junger Mann ein, und nach ihm zwei Jungen, die mehrere Stühle trugen. Der Alte fuhr aus seiner Erstarrung auf, sah aufmerksam hin und begriff die traurige Wahrheit. Ein anderer Tischler brachte die Arbeit zurück . . . ein anderer hatte sie bekommen, ... die Arbeit, die er bis jetzt ausgeführt hatte ... Ein anderer ... weshalb? Hier sind 'die bestellten Stühle." sagte der junge Mann in ' heiterem Ton. Ich habe sie vor der verabredeten Zeit ausgeführt, damit Sie wissen, mit wem, sie es zu thun haben . . . Bei mir brennt die Arbeit .... So muß es aber sein. Wir leben im Zeitalter der Elektrizität!" Sehr schön, sehr schön!" entgegnete der Kaufmann kühl, aber Sie hätten es nicht nöthig gehabt, die Arbeit so früh abzuliefern, denn ich bezahle nicht vor dem Termin." Das eilt nicht man hat doch Kredit," entgegnete der Tischler. Unterdessen können die Burschen die Commode nehmen, für die ich eine Schublade arbeiten soll . . . das andere lasse ich morgen abholen . . ." Die Kommode wurde fortgebracht. Der Alte stand während dieser Unterhaltung bei Seite und vernahm sie mit schmerzlichem Staunen. Es gab also Arbeit. Weshalb hatte er, sie nicht bekommen?" dachte er. Als er mit dem Kaufmann allein geblieben war. fragte er ihn mit leiser Stimme: Warum habe ich diese Arbeit nicht, bekommen?" Der Kaufmann betrachtete ihn und erwiderte: Das ist sehr einfach . . . Sie sind zu alt . . . und arbeiten zu langsam. Der Andere ist ein, tüchtiger Arbeiter, der auf jeden Wink bereit ist . . . Dabei braucht er nicht immer Geld, wenn er auch die Arbeit abgeliefert hat. Bei den schweren Zeiten ist das wichtig. . ." Der Meister sah den Sprechenden so an, als ob jedes seiner-Worte für ihn ein unlösbares Räthsel wäre. Allmählich spiegelte sich in seinen Augen, die ganze Tiefe der Verzweiflung und des Schmerzes. Er ist zu alt? Er soll also unthätig sein, weil seineHände von der langen Arbeit zittern? Er.' soll nun gleich einem unbrauchbaren Geräth bei Seite geschoben werden,, jetzt, ... da seine Familie auf Brot wartete? Er preßte die Lippen vor Schmerz zusammen, seine Brust zog sich zusammen, in seinem Kopfe dröhnte es.. Der Kaufmann schien diesen innerlichen Kampf zu bemerken, denn er zog aus seiner Tasche ein Papierchen heraus gab es dem Alten und sagte mit weicher Stimme: Was kann ich dagegen thun? ... Das ist einmal der Gang der Dinge:., die Alten müssen den Jungen den Platz räumen! ... Nehmen Sie ,das! ... Sie thun mir leid!" Aber Schurkiewitsch stieß das ihm gebotene Almosen zurück, faßte sich mit beiden Händen an den Kopf und lief mit den Worten: Zu alt!" aus dem Laden hinaus. Am späten Abend rief man mich in die Kellerwohnung des armen Tischlers. Er laa auf seinem elenden Strohsack in fürchterlichem Fieber, besinnungslos, von Gehirnentzündung betroffen. Unbeschreibliche Aufregung herrschte in der Familie. Das Mllt-. terchen schien nichts von dem Wirrwarr zu begreifen und mutzte zum ersten Male um ihre Mahlzeit bitten. Die Frau des Kranken saß über sein Bett gebeugt ... die Tochter betete verzweiflungsvoll um Genesung. Der Kranke stammelte fortwährend: Zu alt, zu alt!", ... dessen Bedeutung Niemand verstand. - - ' , 7 Leider gelang es mir nicht, den Armen zu retten, aber an seinem Todestage erklärte er mir die. Bedeutung der besinnungslss ausgestoßenen Worte. Nachts öffnete er für einen Augenblick die Augen, blickte mich an, errieth, daß sein Ende nahte, faßte mich an die Hand und flüsterte: Herr Doktor, Sie kennen wohl so manchen Handwerker ... Ich flehe Sie an, sagen Sie jedem, er möge stets dessen gedenk sem, daß er einst in einer bösen Stunde ... zu alt fein kann!" :