Indiana Tribüne, Volume 27, Number 220, Indianapolis, Marion County, 7 May 1904 — Page 5

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Der Vortrag.

Humoreske von Franz Wichmann. Wirklich durchgebrannt? fragte Dietrich Traumann, nur mühsam sein Erschrecken verbergend. , ' . Der Wirth zum Goldenen Ochsen" nickte. Zuerst der Direktor und nachher alle Mitglieder. Nichts als Schulden haben sie gelassen; bei mir nicht 'die wenigsten." Das ist ja unerhört! Ich glaubte, es sei eine ganz gute Gesellschaft." . Gespielt haben sie nicht schlecht. Aber die Einnahmen waren schwach. Das ewige Theater wird, den Leuten halt langweilig; man will auch einmal etwas anderes, ein Concert oder einen Vortrag. Aber das gehört hier zu den Seltenheiten." Der diä Wirth stand auf, um seinem Gaste vas Fremdenbuch, vorzulegen. 'Traumann schnitt hinter seinem Rücken ein verzweifeltes Gesicht. Da war er ja schön hereingefallen! Nur gut, daß er. noch , nicht gesagt,, was er eigentlich in Fernau s uchte. Bleiben- der, Herr. Doktor länger hier?" fragt! der Wirth, der dem anständig gekleideten,' etwas gelehrt 'aussehenden Fremden keinen anderen Namen zu geben wußte. Möglich, es kommt darauf an" Traumann begann mit der eingerosteten Feder in dem aufgeschlagenen Buche zu kratzen. D Dr ach jetzt verschrieb er sich auch, doch mochte es bleiben, Doktor hatte ihn ja der. Wirth ohnehin genannt, und schließlich konnte das auch Dietrich bedeuten. Seinen Vornamen konnte er abkürzen, wie er wollte. Schnell machte er noch einen Punkt nach dem Dr., stutzte aber, als er seinen Namen zu Ende geschrieben. Eigentlich war das gefährlich.' Die letzte schuldig gebliebene Zeche in Hupfkatzen lastete ja noch auf seinem Gewissen. Irgend ein nom de guerre, ein beliebige? Bühnenname, wäre sicherer gewesen." Doch jetzt ließ sich das nicht mehr ändern. Haben der Herr Doktor noch Gepäck am Bahnhof?" fragte.der Wirth, als jener die Feder beis eite legte: , Das kann einstweilen dort bleiben, bis ich weitere Dispositionen über meinen Aufenthalt getroffen, für's erste genügt mir der kleine Handkoffer, den der Portier auf mein Zimmer getragen hat," meinte Traumann ebenso großartig als geheimnißvoll. , Sehr wohl," katzbuckelte der Wirth und ging zu einem benachbartenTische, an dem , sich eben eine größere Gesellschaft niedergelassen hatte. -.. So imponirend Traumann außerlich auftrat, so kleinmüthig sah es in seinem Jnneriz aus. Dieses Pech ging .doch selbst ihm, dem immer lustigen Komiker .ijber den Spaß. Da gab er s ein EngagemenT M ber Bünther'schen Truppe in Rebenbach auf, um hier bei der Staudigel'schen Gesellschaft ein vortheilhafteres anzutreten, opferte, den viel verheißenden Vertrag in der Tasche, seine letzten Pfennige für die Reise, um, am Ziele angekommen, das Nest leer und die sauberen Vögel von Komödianten ausgeflogen zu finden. Mit einem unterdrückten Seufzer dachte er an die letzten drei Mark, die sich noch in seiner Börse befanden, und die von Rechts wegen , dem Löwenwirth in Hupfkatzen gehörten. Hätte er dort seine Rechnung bezahlt, so wäre ihm kein rother Heller mehr geblieben, und etwas Kleingeld mußte er., doch für den Nothfall bei sich behalten. .Aber auch so befand er sich eigentlich vor dem absoluten Nichts. In demnächst gelegenen Städtchen gab es nirgends ein Theater und weiter kam er mit seiner armseligen Baarschaft nicht. Trotz allem seit Jahren durchlebten Schmierenelend hatte er sich noch nie in einer so , verzweifelten Situation gesehen. .Was sollte er beginnen, um nicht in: den nächsten Tagen als obdachloses Landstreicher aufgegriffen zu werden? - Plötzlich horchte er auf. Am Nebentische wurde eine laute Unterhaltung geführt. Das Gespräch bildete hier wie-überall, wo er durchgekommen, . die große Tagessensation, der serbische Königsmord. : Die Gäste stritten sich über , serbische Verhältnisse, der eine behauptete dies, der andere das, aber niemand schien etwas Genaues zu wissen. Traumann fiel die vorherige Bemerkung des Wirthes ein und ein rettender Gedanke schoß durch seinen Kopf. . Wie, wenn er den Fernauern einen Vortrag über Serbien hielte! Alles Aktuelle zog ja, und wer bedeutsame Tagesereignisse richtig auszuschlachten verstand, war stets eines guten Gewinnes sicher. Herrgott, das war eine Idee, die einzige, die ihm helsen konnte, und sogleich mußte zu ihrer Ausführung geschritten werden. Als die Gäste sich nach einiger Zeit entfernt hatten, weihte er den Ochsenwirth in sein Vorhaben ein. Ein Vortrag über Serbien, das ist ausgezeichnet!" rief dieser auf der Stelle begeistert -da werden Sie sicher ein volles Haus haben und meinen Saal stelle ich gern zur Verfügung; er faßt mehr als 300 Personen. Nur müßte ich serviren und Bier ausschenken dürfen." Meinetwegen lassen Sie auch rauchen; ich bin nicht empfindlich." Um so besser, und morgen ist über dies Sonntag." Aber läßt sich die Sache noch genügend bekannt machen?" Natürlich; morgen früh erscheint ja der Fernauer Wochenbote" und Inserate werden noch aufgenommen. Die nötbiaen Plakate und Settel las.

sen sich heute noch '., drucken und aus schellen lassen , können wir's auch." , Bon!" Traumann sprang froh erregt auf. Ich werde sogleich gehen und alles besorgen. Den Verkauf der Eintrittskarten ich werde nur eine Mark Entree verlangen würden Sie vielleicht übernehmen?" Gewiß, mit Vergnügen, bringen Sie nur die Karten gleich mit) in der Druckerei gibt es sie vorräthig." Eine Stunde später kehrte Traumann hoch befriedigt in den Goldenen Ochsen" zurück.. . - Alles war nach Wunsch gegangen; er hatte versprochen, die Rechnungen nach dem Vortrag zu begleichen und niemand war dem Herrn Doktor aus der Hauptstadt mit Mißtrauen begegnet. Im Geiste sah er sich schon als den glücklichen Besitzer von mindestens 300 Mark und als solcher gehörte ihm die Welt. Jetzt aber, da er im Vollbewußtsein seines Sieges sich eine Flasche Wein. hatte bringen, lassen,, wurde er doch ein wenig nachdenklich. .Was sollte er eigentlich den guten Fernauern sagen? Ueber Serbien wußten dieselben gewiß gerade so viel, das heißt gerade so wenig wie er, denn seit seiner Schulzeit hatte er sich um die schönen Länder, hinten weit in der Türkei" nicht mehr gekümmert. Aber über nichts konnte er doch trotz aller ihm zu Gebote stehenden Beredsamkeit nicht sprechen, um jeden Preis mußte, er sich irgend welches Material dazu verschaffen. Glücklicherweise bejahte der Wirt die Frage, ob es im Städtchen eine Leihbibliothek gäbe. . Der" Kellner wurde sogleich hingeschickt, um den Katalog zu holen und Traumann vertiefte sich mit großem Eifer in die Geheimnisse desselben. - Aber seine Miene ward immer verdrießlicher. Da gab es nichts als Ritter-, Raubergeschichten,, ein paar ' moderne Romane und Theaterstücke, ' aber- kein einziges historisch - geographisches Werk. Da war guter Rath theuer. Aus den Zeitungsberichten, die er während der letzten .Tage gelesen, spukten.., ahm nur noch dunkel, einige Namen Und Begriffe im Kopfe heruniäber aus allen itsehen und witschen" ließ sich noch kein Vortrag machen und vermuthlich hatte die ganze Weisheit auch schon im Fernauer Wochenboten" gestanden. Das war eine schöne Geschichte. Ein Königreich für ein Buch, ein Buch über Serbien!" murmelte er verzweifelt. Gott sei Dank auf der letzten Seite leuchtete noch ein Hoffnungsstern! Die Bibliothek besaß , ein ConversationsLexikon. Was ' därin stand, konnte nur zur Noth genügen - Der befrackte Ganymed ward abermals abgesandt, um den rettenden -r- S-Band zu holen. Nach wenigen Minuten erschien er wieder. Traumann's Antlitz erhellte sicki. da er das dicke Vuch erblickte. Der Herr Doktor möchten entschuldigen, aber das S" umfasse zwei Bände, von'denen der zweite bereits ausgeliehen" berichtete der Kellner. In düsterer Ahnung griff der Kounket nach dem Bande und durchblätterte ihn. Schockschwerenoth," rief er erbleichend da haben wir's! Senf! Senf! Sinapis L., eine Pflanzengattung aus der 15. Klasse, 2. Ordnung des Linn6schen Systems." Verzweiseit starrte er auf die langathmige AbHandlung -mit der das Buch schloß. Ein änderer Wißbegieriger, der sich vermuthlich auch für Serbien interessirte, hatte.-die Fortsetzung in Händen. Nur eine Hoffnung gab es noch. Viel-, leicht kam der entliehene Band bis zum nächsten Morgen zurück, - und , dann war es ja immer noch Zeit, den Vortrag auszuarbeiten. ' - ' Als Traumann am anderen Tage etwas verspätet bei Kaffee saß, brachte ihm der Ochsenwirth schmunzelnd den Fernauer Wochenboten." Vortrag des Herrn Dr. Traumann" leuchtete es ihm in fetten Lettern entgegen. Serbien, seine Geschichte und, die Geheimnisse seines Hofes." Es hat gewirkt", sagte triumphirend' der Wirth eine ganze Anzahl Karten sind schon abgeholt. Wenn es so fort geht, wird alles ausverkauft." Der Komiker unterdrückte einen Fluch. Das Netz, in dem er sich derstrickt, schloß sich immer dichter. Hafiig würgte er den letzten Bissen hinunter, griff nach Hut und Schirm und stürzte hinaus. Aber vor der Leihbibliothek angekommen, sah er seine letzte Hoffnung vernichtet. An der Thür klebte ein Zettel: Sonn- und Feiertage geschlossen." Was nun? Auf der einen Seite lockte verführerisch das Geld, auf der anderen Seite grinsie satanisch das abscheuliche Gespenst der Blamage. So viel war ihm klar, der Dr. Traumann hatte seine Rolle ausgespielt. Aber wenn 'man es mit einer anderen Rolle versuchte fuhr esihm durch den Kopf, eine Komödie mit sich selber? Beinahe einen ganzen langen Tag hatte er ja noch vor sich. Und wozu war er schließlich Schauspieler! Blitzschnell arbeitete er den Rettungsplan in ' seinem Geiste aus, und als er in den Goldenen Ochsen" zurückkehrte,, war er so rud und .fertig wie Minerva aus dem Haupte des Zeus gesprungen. Der Wirth eilte ihm aufgeregt entgegen.. Alle .Billete sind abgesetzt," rief er - und immer werden noch neue verlangt... Ich habe hundert weitere Stühle in den Saal stellen müssen; es wird schon gehen." .. Fatal, wirklich fatal," murmelte Traumann "ein unglückseliger Zufall beinahe wäre alles umsonst ge

Jndiana Tribüne,

Wesen, der Vortrag hatte nicht stattfinden können." Um Gottes willen, - was sagen Sie!" rief erschreckt der Wirth. Denken Sie, wie ich eben auf die Post gehö, um nach angekommenen Briefen für mich zu fragen, finde ich ein Telegramm aus der Hauptstadt. Mein Onkel Sebius ist von der Trambahn überfahren und liegt im Sterben. Ich soll sofort kommen, da er mich noch einmal. zu sehen wünscht." Und Sie wollen wirklich?" Ich kann nicht anders, um so mehr als ich der einzige Erbe meines reichen Onkels sein, werde. Mit dem nächsten Zuge, in einer halben Stunde reise ich ab." So müssen wir den Vortrag absagen?" jammerte der Wirth. Nicht doch, nur wird ein anderer ihn statt meiner halten, der berühmte Professor Westerhammer, ein guter Bekannter von mir." Gott sei Dank! Aber wie ist das möglich, so schnell?" fragte , aufathmend der Wirth. , Ein besonders günstiger Zufall ließ mich auf diesen Ausweg verfallen. Gestern, als ich hierher fuhr, traf ich in Katzenhupf unerwartet den Herrn Professor und hörte, daß er anderen Tages hier im Grünen Baum" absteigen werde, um in der Gegend historische Studien zu machen. Ich weiß bestimmt, daß er mir die Gefälligkeit erweist und den angezeigten Vortrag übernimmt. Es ist ihm ein leichtes, um so mehr als er selbst mehrere Iahre in Serbien gelebt hat." Die Miene des Wirthes erhellte sich zusehends. Ein. Professor statt eines Doktors, das war .schließlich gar kein schlechter Tausch und die. Leute würden darum ihr Geld nicht zurückverlangen. - Aber wie wollen Sie den Herrn benachrichtigen?" - Das müssen Sie besorgen. Ich werde gleich auf mein, Zimmer gehen und an ihn schreiben. Etwas nach drei Uhr wird der Herr Professor m Grünen Baum" eintreffen. Dann schicken Sie auf, der Stelle meinen Brief . mit einer Empfehlung von Herrn Doktor Traumann hin und fügen noch diesen Band des Conversations - Lexikons, den er wahrscheinlich brauchen wird, bei." . Sehr wohl. Und ' wie ist es mit der Einnahme?" Die erhält natürlich der Herr Professor. Er wird auch meine Rechnung begleichen. Ueberdies komme ich wahrscheinlich in, den nächsten Tagen zurück, falls, sonst noch irgend etwas zu ordnen wäre." " - ' Damit eilte er aus dem Gastzimmer wahrend der Wirth ihm etwas, verdutzt nachsah. ,. Schon .auf ..der . nachstenStation Ollmen verließ Traumann, den ' Zug wieder, in den er bei seiner schleunigen m . r. . rv . rn ' ... - ? noreiie von fernau gen legen wax. Ein Gasthaus und ein Barbier wür-' den in dem Neste schon zu finden sein. Wehr brauchte er. nicht. Das andere war Sache von Glück und Talents Nur gut, daß er in seinem.' Handkoffer verpackt noch eine kleine Reisetasche und einen zweiten,, eleganteren Anzug hatte. Kleider machen Leute," wär ein ihm als Schauspieler besonders wichtig dünkender Wahlfpruch und in diesem Punkte vergab er sich nichts, so schlecht es ihm sonst oft gehen mochte. Guter, todter Onkel, verzeihe mir die Sünde, daß ich ' dir heute erst die ewige Ruhe gönnen wollte, die' du schon jahrelang genießt, und dir ein großes Vermögen andichtete", murmelte er, eilenden Schrittes in das Städtchen wandernd, von dem zwei . Stunden später ein Zug nach Fernau zurückging aber du warst ja immer ein Freund guter Späße und wirst auch diesem vom Galgenhumor. erzeugten Stücklein deinen Segen nicht versagen." .Punkt drei Uhr stellte sich der Kellner vom Goldenen Ochsen" mit Brief, und Buch beim Grünen Baum" ein. Der erwartete Professor war eben angekommen, der Hotelwagen, der ihn vom Bahnhof hereingebracht, hielt noch vor der Thür. Es war ein Mann in den mittleren Jahren mit blonden Vartkotelettes, das Haar schon leicht ergraut, eine goldene Brille auf der Nase und über der linken Backe einen vernarbten Schmiß, der bewies, daß der Herr Professor auch einmal ein flotter Studio gewesen. Die kleine, leicht gebückte Gestalt in tadellosem Gehrock verrieth eine große Lebhaftigkeit der Bewegungen und auch auf dem etwas sommersprossigen Gesicht zeigte sich eine nervöse-Unruhe. He, . Kellner," rief er mit hoher, et was näselnder Stimme warten Sie noch einen Augenblick!" Der schon enteilende Ganymed kehrte wieder um. Der Herr befehlen?" Ist mein Freund, der Ihnen das gegeben, wirklich,.schon abereist?" Zu dienen, heute Mittag bereits." Verdammt, so muß ich wirklich aus' Freundschaft in den' sauren Apfel beißen. Nicht wahr, bei Ihnen, im Goldenen Ochsen" soll der-Vortrag stattfinden?" - - Gewiß. Herr, Doktor , Traumann wollte " r Ah, Sie wissen also schon gut so führen Sie mich sogleich zu Jhrem Wirthe, ich muß unbedingt wegender Sache Rücksprache mit -ihm'neh-men." - ,- , - - Der Kellner bemerkte nicht das siegesgewisse Lächeln, das um die Lippen des Herrn ' Professors spielte.

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Mhrhaftig, seine Maske war gut geluNgen, der Bursche, mit dem er ge steM und am Morgen so oft gesprochen, ahnte nicht, wen er vor sich hatte. Mnn seine Metamorphose auch dem Wirthe gegenüber sich gleich gut bewahrte, so, war er sicher. Sonst hatte ihu ja niemand im Städtchen genauer beachtet. Um sogleich die Probe zu machen, schritt er mit seinem Begleiter dem Goldenen Ochs en" zu. Ah, gewiß, Professor Westerhammer?" schmunzelte der Ochsenwirth, dem Ankömmling ' entgegeneilend. Gott sei Dank, daß Sie gekommen sind. Ich wäre in die größte Verlegenheit gerathen. Also Sie sind wirklich bereit, den Vertrag " Ich mutz wohl, Verehrtester," näselte der Fremde die Sache ist ja etwas sonderbar, aber mein Freund hat sich nun einmal fest darauf verlassen. Allerdings, unvorbereitet wie ich bin" O, der Herr Professor werden sich schon zu helfen wissen. Die Einnahme ist nicht zu verachten. Ich habe schon 450 Karten abgesetzt. Fast das ganze Städtchen wird erscheinen." Traumann's Gesicht glänzte im Widerschein des verheißenen goldenen Segens. In seinem Innern jubelte es. Hurrah, nun war, alles gelungen, auch der Wirth schöpfte nicht den ge ringsten Verdacht. Immerhin ist die Geschichte etwas heikel; wie werden dieLeute den Tausch aufnehmen?" ' ' O, die kannten - ja Herrn Doktor Traumann so wenig wie ich. Das Publikum ist . zufrieden, wenn es nur gut unterhalten wird" beruhigte der Wirth. 0 Nun, dafür wollte er sorgen. Sein Humor hatte sich immer noch siegreich erwiesen und der mußte ihn heute aus der Patsche reißen.- , ,Als er pünktlich" zur festgesetzten Stunde den Saal betrat, war der Raum gedrängt voll und das bunt aus allen Elementen des Ortes zufammengesetzte Publikum wartete mit andächtiger Spannung des Kommenden. Nun, alle neun Musen und .du, heilige bis comica, steht mir bei," murmelte Traumann, als er festen Schrittes das Podium bestieg. Verehrte Anwesende," begann er - zuerst muß ich. Ihnen , mittheilen, datz ich nicht Dr. Traumann, sondern Professor Westerhammer bin." Ein grenzenloses Erstaunen malte M'auf den Gesichtern der Hörer, aber die Miene des Redners zeigte einen so urkomischen Ausdruck der Verzweiflung, daß das dumpfe Schwelgen hier und da von emem fröhlichen Lachen unterbrochen wurde. siDas soll, ich Ihnen beweisen, VerehrLeste,"' fuhr der .Schauspieler fort nicht wahr, . denn.,' sonst werden Sie esMir nicht, glauben. Hören le also was mein verehrter Freund, Herr Dr. Traumann, der plötzlich abreisen müßtej mir vor wenigen Stunden ge-. schrieben hat. - Und er verlas unter halb ärgerlichem, halb lustigem Gelächter den ominösen Brief, den er am Morgen an , sein zweites Ich versaßt hatte. Also meme Wenigkeit, Lehrer der Vortragskunst an der Theaterschule zu Berlin, soll Ihnen nolens volens einen Vortrag über Serbien halten. Das ist leicht gesaat und schwer gethan. Mein Freund hat mir Zwar eine Eselsbrücke bauen wollen, indem er mir den Band S" des Conversations - Lexikons schickte. Aber begreifen Sie mein Entsetzen. Wie ich nach Weisheit lechzend das 'Buch durchblättere, finde ich als letzten Artikel Senf", .Senf, sage ick, meine Verehrtesten. Senf." Die ' letzten Worte -rief er mit .so komischem Pathos, daß im Auditorium ein schallendes Gelächter ausbrach. Soll ich Jhnen nun wirklich meinen Senf über Serbien geben? Was weiß denn ich von Serbien, was Sie nicht auch wissen!" .So reden Sie halt über den Senf!" rief ein Spaßvogel von unten herauf. Ganz wie Sie wünschen. Aus dem scharfen Senf kann man durch Destillation mit Wasser Senföl herstellen, aber ich fürchte, dieses Oel würde die Wogen Ihrer Entrüstung kaum glätten, und dann, was mich selbst betrifft, bin ich ein geschworener Feind des Wassers, so lange es , nicht gebrannt ist." Zur Bekräftigung seiner Behauptung zog er plötzlich eineSchnapsslasche aus der Tasche und setzte sie an die Lippen. Die Mimik, mit der er das köstliche Naß einsog, war so drastisch. daß abermals ein wieherndes Gelächter ausbrach. Traumann merkte bereits, daß er gewonnenes Spiel hatte, wenn er seinem Humor die Z.'igel schießen ließ Und nun, meine Verehrtesten, entscheiden Sie . selbst. Wollen Sie. daß meine Wenigkeit statt einer langweiligen Beschreibung , Serbiens, die Sie in Tüchern und Zeiiun gen viel besser lesen können, Ihnen, etwas von seiner Kunst zum besten gibt? Wenn, nicht, dann meine Damen und Herren, werfen Sie mich hinaus und lassen Sie sich Ihr Eintrittsgeld , zurückgeben." : Nein, nein," klang es lachend und lärmend durcheinander da bleiben, weiter sprechen, mehr, mehr, 'Herr Professor Westerhammer, bravo, bravo!" ' :' Traumann athmete auf. . Das gewagte Spiel war geglückt. Selbst ein paar murrende Spießbürger, die'keinenSpaß verstanden, wurden überschrieen und blieben auf ihren Pläßen. In' den-folgenden zwei Stunden gab

oer Komiker sein Bestes, einen Vortrag mußte er nach dem anderen folgen.' lassen und noch nie war ' im Baalt' des Goldenen Ochsen" zu Fernau so herzhaft gelacht worden. AIs' er endlich fast heiser geworden und dem stürmtsehen dacapo - Rufen keine Folge mehr leisten konnte, sagte er sich, daß er sein Geld sich redlich verdient hatte. Wiederkommen, wiederkommen!" rief man ihm nach, als er, vom Podium herabsteigend, den Saal verließe ' Er wollte umkehren, noch ein paar AbschiedsWorte sprechen, - aber am. Ausgang nahm plötzlich der vergnügt lachende Wirth seinen Arm. Bitte, Herr Professor,' draußen wartet schon seit einiger Zeit ein Herr auf Sie der Nur nicht stören wollte." Ein Herr auf mich ich begreife nicht " Da ist er schon." Aber das ist ja" das Wort stockte ihm im Munde, erbleichend fuhr er zurück. Auf dem trüb beleuchteten Gang vor ihm stand ein Gendarm. Was wollte der von ihm! , War es möglich, daß die gestrenge Polizei sein Gaukelspiel durchschaut und ihn zur Rechenschaft ziehen wollte? i Alle seine Geistesgegenwart - zusammenraffend, nahm er eine herablassen de, etwas nidignirte Miene an. ,!Ii!as wünschen Sie, mein Herr?" Entschuldigen, Herr Professor sagte der Mann des Gesetzes in höflichstem Tone Ihnen ist ja wohl ein gewisser Herr Traumann bekannt?" , Dr. Traumann, allerdings," sagte der Komiker mit starker Betonung. - Als solcher hat er sich im Fremden-. buch zu Katzenhupf. nicht eingefchrieben. Katzenhupf?" 'Traumann behauptete nur mühsam seine Fassung ' was soll es damit?" - Ein gewisser Herr Traumann, der daselbst logirte und hierher', reisen wollte, ist mit der Zeche durchgebrannt und der Löwenwirth hat Anzeige gegen ihn erstattet. Wir besitzen sein' genaues Signalement." ' .. Vri., ; Der Komiker warfjsich m' die Brust Mein Herr, glauben Sie . vielleicht,' daß ich Zechpreller zu meinen Freun-i

den zähle! Herr Dr. Traumantt'bekleidet eine angesehene Stellung als Gelehrter m der Hauptstadt. Der' Gendarm knickte förmlich-zu-sammen. Verzeihen .Se,' icdenfalls liegt eme Verwechslung' vor. Eine Namensverwechslung, -natür-lich indessen, wenn ich Ihnen die Adresse des Herrn Dr. Traumann geben soll, sie steht zu Ihrer Verfügung Er griff in die Brusttasche seines Rockes, als ob er eine Visitenkarte hervorZiehen wollte. New, nein, bemühen Sie sich nicht. ist- durchaus nicht nöthigt betheuerte der ganz verlegen gewordene Gendarm wir sind iedenfalls falsch berichtet. die Sache wird sich schon aufklären, entschuldigen Sie nur." Und ., beschämt über seinen Mißgriff trat der Vertreter der hoben Obrigkeit den Rückzug an. Traumann lachte, aber es war nur em stilles, inneres, dem Schicksal, das ihn fo glückliche Wege geführt, von Herzen dankbares Lachen. In den Saal kehrte er nicht mehr zurück. Um dem Publikum das Wiederkommen zit versprechen, war ihm der Fernauer! Boden doch zu heiß geworden. Nur. auf der Bühne noch, aber nicht mehr rm 5even wollte, er. sorian omooie spielen. . . . Glücklich'wie ein .Märchenprinz, der einen verzauberten Schatz gehoben,' verließ der Komiker am anderen Morqen das Stadtchen. 400 baare Mark in Münze , und. Papier beherbergten seine Taschen. . So viel Geld hatte er im Leben nicht beieinander gesehen. Und das alles war - sein, bis auf die kleme Summe, die er von der nächsten Station- nach Katzenhupf absandte, zur Bealeichuna seiner Schuld, als des Löwenwirths, ergebenster Dietrich Traumann. Moderne Köchin. . . . Wenn Sie bei mir eintreten wollen, werde ich Ihnen meine Bedingungen nennen!" - Nu', hören Sie sich nur' erst 'mal meine an!" A u s e x n e'm ü n g e w ö h n -lichenG runde mußten letztbin die Leser der Volkszeituna" i Königsberg, Ostpreußen, - für einen .ag aus die gewohnte geistige Nahrung verdickten. , Das Blatt theilte den Abonnenten mit, daß die nächste Nummer erst zwei. Tage spater erscheinen könne, weil am Taae nack dieser Ankündigung das gesammte Personal der Redaktion und Expedition auf der Anklagebank sitze. Es handelte sich um die Sprengung einer vor den letzten Landtagswahlen von den vereinigten Freisinnigen veranstalteten 'Versammlung durch die Sozialdemokraten. Der Strafantrag wurde wegen Hausfriedensbruchs gestellt. !

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Moderne Schleiermoden. Der Schleier ist immer ein wichtiger Bestandtheil der Toilette gewesen, schreibt ein englischer Modebericht, und wenn die Civilisation ihn auch st-ims eigentlichen Zweckes, das Gesicht der Frau vor der Männerwelt zu verbergen,. entkleidet hat,, so ist er doch jetzt wieder berufen, eine große Rolle zu spielen. - Natürlich wird er nur als Schmuck getragen. Die Spitzenindu-. strie wird sich freuen, daß langeSchleier, die vorn bis zur Taille, hinten bis auf denRocksaum fallen, getragen werden. Damit aber das Gesicht von der Luft nicht abgeschlossen ist und die Au gen durch die nahe Gegenüberstellung der dünnen Gaze oder Spitze, noch dazu mit Tupfen oder einem Muster, nicht leiden, wird der Soleier vomGesicht entfernt, an der linken Seite des Hutes aufgenommen und dort fo drapirt, daß er über das Ohr und auf die Schulter fällt. So wurde der Schleier auch , früher getragen, nur daß es der Trägerin überlassen war, ihn nach Belieben hochzuschlagen und auf kunstlose Art anzuordnen. Die moderne Putznracherin überläßt diese Anordnung aber nicht dem Zufall, fondern fucht durch schöne Nadeln oder Dolche ein anmuthige Form' der Drapirung festzuhalten. Sehr hübsch ist auch eine kleine Falbel aus feiner Spitzenblende, die auf der Krempe einer Capeline so angeordnet ist, daß sie in einer Linie mit den Augen herüberfallt. Diese .üte nennt man mit Recht Capeline Ombrelle" oder Sonnensckirmhut; denn die Falbel schützt .die Augen, ohne unbequem zu sein wenn die Hutkrempe so gebogen ist,daß die Spitze den Äugen nicht zu nahe kommt. Eine andere 5utform, zu der ein solcher Schleier paßt, ist der vorspringende Hut. Bei dieser Form fällt die Spitze auf das Haar; oder wenn die Krempe nur auf der linken Seite hochgenommen . ist, wird die Spitze auf der anderen Seite hochgenom men und durch'einen Strauß Blumen befestigt.-' Einwandere Form, den' Schleier zu tragen, besteht darin, ihn an der Rückseite des Hutes fallen zu lassen und unter dem Kinn zu einer lofen Schleife zu binden. , Zu solchen Schleiern eignet . sich Crepe de . Chine mit einer Bordüre aus Spitzen appliqu6 oder Chenissetupfen. Die Mode verlangt, daß die Schleier der Farbe des Hutes entsprechend gefärbt werden, so daß man blaue, hellgraue, taubenfarbene, grüne, malvenfärbene, braune und rothe Schleier hat, natürlich in allen Schattirungen. Russisches Netzgewebe, Crepe de Chine, Chiffon, Netzgewebe mit Tupfen, Spitzen und , hundert , .i.n.der.e - .Stoss?- .Mr.-d.en .zu Schleiern verwendet. , . - ,-. , Eine angenehme Reisegesellschaft. ; Mehrere Münchener, die gegenwärtig auf einer Reise' nach Tunis und Sizilien begriffen sind, theilen folgendes Erlebniß mit: Wir fuhren am 19. März Nachts 12 Uhr mit dem DamPfer Peloro" als Zwischendeckspassagiere von Livorno nach Cagliari. Rauchend und plaudernd saßen wir so ziemlich als alleinige Passagiere ' auf dem Werdeck, als plötzlich vom Durchgang, der zweiten Klasse her ein Kettengerassel zu vernehmen war. - Wir glaubten schon, daß möglicherweise noch eine Bärentreibergesellschaft mit ihren Thieren verstaut werde, denn im ersten Moment erschienen die langzottigen braungrauenMäntel und, Mützen der Ankömmlinge wie Bärenpelze. Es waren aber acht Raubmörder, die auf 20 bis 30 Jahre nach dem Bagno von Cagliari deportirt wurden. Das Erstaunen der Reisenden steigerte sich, als die Sträflinge nicht einmal in einem eigenen Raum untergebracht wurden. Anfänglich war es etwas peinlich, in dem gleichen Raume mit solcher Reisegesellschaft dieNacht zubringen zu müssen. Im Geplauder mit den vier Karabinieris verstrich indeß die halbe Nacht. Wie sich im Verlauf des Gesprächs herausstellte, befand fick unter der angenehmen Gesellschaft außer derjchiedenen em- und zweifachen Mordern auch ein Geselle, der fünf Perfonen mit einem Beile die Schädel gespalten batte seinem Vater, seiner Mutter und deren drei Töchtern. Man yat seinerzeit von dieser unerhörten That einer menschlichen Bestie aelesen. Er kam 30 Jahre nach dem Bagno von agttarr. Wie Verbrecher waren :mmer je vier mit einer langen Kette aneinander aescklossen und man börte von Zeit zu Zeit zu gleichmäßigen Stampsen Der Maschine . ihr Kettengerassel. Verhältnißmäßig bald waren wir an den Anblick unserer, von vier Vauabinieris bewachten Deckgenossen gewöhnt. Später knüpften wir sogar noch manch mterejiantes Gejprach mit den.Sträflingen an. Am Bua'svrikten lustia die Wasser der Tyrenica herauf, ein würziges Lüftchen wehte von den korsischen Bergen und lauer Sonnensckein umspielte die. Takelage des Peloro". Krumen aver im Schatten kauerten auf den Matratzen die Gestalten der Verbrecher, auf die wir durch denLuftschacht hinab sahen. Jedes Gesicht ein Spiegel. Welche Fülle menschlichen Elendes.- menschlicker Verkommenbeit mochte wohl da drunten lagern? Cagliari wird wohl keiner überleben von denen, 4ie da drunten liegen. Die Karabinieris sagen es. Diese Reisegesellzcyaft aoer werden wir zeitlebens mm mer vergessen -