Indiana Tribüne, Volume 27, Number 102, Indianapolis, Marion County, 19 December 1903 — Page 5
Jndiana Tribüno, 10 Dezember 190.
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V 9 v W w w V V w w w w v ß 6 o , aoo ? osooo$oo$oosojoS$ Ta5 soll daraus werden? Seit J&y gestern Nachmittag wälzte ich nun die Frage, auf die ich keine Antwort fand, in meinein Gehirn herum. Abends habe ich nicht darüber einschlafen können, und am frühen Morgen schon hatte sie mich munter gemacht. Was soll nun aus der Geschichte einmal werden? murmelte ich eben wieder, halb unbewußt, in meinen inneren Menschen hinein und schob meinen Morgenkaffee zurück. Frau Regierungsrath, sie sind da!" schrie in hochgradiger Erregung, ohne Umstände die Stubenthür aufreißend, Karoline in's Frühstückszimmer . herein. 28er?" fuhr ich nervös in die Höhe. Unsere Polacken!" Tarauf erfolgte -meinerseits natürlich eine in strengem Toie ertheilte Rüge wegen ungehörigen Benehmens t gegen die zu erwartenden Gäste. Doch .' solche Kleinigkeit schüchtert meine lang- ' jährige Küchenfee nicht weiter ein. Frau Negierungsrath werden schon k sehen." sagt sie mit vieldeutigem Achsel- ' zucken und geht, um zu öffnen. Weit ist die Flurthür zurückgeschla- . gen. Zwei Reisekörbe von enormen Dimensionen stehen im Korridor, eben wird ein dritter von zwei über seine Schwere zeternden Trägern durch die Thür gezwänqt. ' Vorrsicht! Vorrsicht!" ruftvondraußen, stark das R rollend, eine Stimme mit ausländischem Accent. Meine Noten sind drrin!" Noten?- frage ich, ohne vorerst die Sprecherin zu erblicken, schier entseht hinaus, in dieser Menge?" Außerrdem Deine Brriefe seit zehn Jahren," tönt es zurück. Mit offenem Munde starren sowohl die Träger wie Karoline auf mich. Dieses Trio muß mich für eine Art . Meer- pardon Schreibwunoer halten. Wenn meine Briefe auch höchstens ein Zehntausendstel dieses Bagagestücks bilden." kann ich nicht unterlassen . etwas angeärgert zu entgegnen, so halte ich sie doch für ein noch überflüssigeres Reisegepäck als Noten." Die Stimme draußen lacht hell und silbern, und hinter dem Koffer hervor werden mir zwei blondhaarige Kinder zugeschoben, ein Knabe von sechs und ein Mädchen von etwa fünf Jahren. Scheu und verlegen stehen die beiden Kleinen rcd; "ein- drittes, in 'eirk Wolltuch geschlagen, wird jetzt sichtbar auf der Mutter Arm.Das sind sie. Kolja und Tamara, und hierr mein Kleinstes!" Unwillkürlich mag ich da etwas zurückgeprallt sein. Gott im Himmel, wie sehen die Kinder aus! So verwahrlost und abgerissen im schreienden Gegensatz zu der Eleganz der Mama und so unsauber, daß sich mir die Haare sträuben. Karolines Ausspruch Frau Regierungsrath werden schon sehen" wird mir nur zu verständlich. Wie . r .i (v..v. nw f
viz pomiu;cu zuvcil iuiu meine weinen Gäste kostiimirt. Ich weiß, die Kinder verstehen keinen Ton Teutsch. y . Daj lapn!" sage ich also zum Jungen, gib die Hand," wie ich meine, und wie ich so oft meinen Mann zu unserem russischen Windhund sagen hörte. Der Erfolg ist ein schallendes Gelächter seitens der Kinder, und Frau Wera Petrow, ihre Mama, sagt belehrend: Auch bei uhns in Rrußland kommen die kleinen Kinderr mit Händen und nicht mit Hundepfoten zurr Welt!" . - Ein Glück, daß wenigstens sie selbst ein so vorzügliches Deutsch spricht, sonst könnte die Sache nett werden. Dann lasse ich durch Karoline die Träger, ablohnen und, führe meme Gäste selbst in das für sie bestimmte Zimmer mit der Bitte, vorlieb zu nehmen. da ich nicht auf so viele Personen eingerichtet sei. O, das iist alles Nebensache," ruft Wera, wirft das lebendige Packet von . ihrem Arm auf mein Fremdenbett, wo nun ein mörderisches Geschrei anhebt. und umhalst mich. Ich bin ja so glückföch. daß ich hierr bin! Ich sehe sie an. Ich glaube, ich selbst in ihrer Lage würde schwerlich vermöaen. mich zu einem Glücksaefühl aufzuschwingen; sie aber spricht . weiter in schöner 5lttaie: Immen', warr's mein Traum, wiederr einmalnach Deitschland zu kommen." Aber auf solche Weise?" Nun die Menschen sind verschieden, auck Wera Petrow und ich: wir müssen verbraucht werden, wie wir eben r V . Y l geschaffen imo. Jcq ram mir recyi schwerfällig vor. Da saß ich und machte mir Sorgen, was aus der Sache werden -soll. Obgleich sie mich Personlich nichts angingen, konnte ich nicht fortkommen über die traurigen Umstände, denen wir unseren russischen Besuch verdankten, und dieser Besuch selbst war glücklich, 'mal wieder in Deutschland zu fern! Noch gestern um diese Zeit hatte ich keine Ahnung von dem Eintreffen von Mutter und Kindern gehabt. Harmlos, mit einem Buch in der
Hand' lag ich Nachmittags aus meiner . . ... rm c V
abaiielonnue, als mir vas caocycn meldete, im Salon warte eine Dame aus Rußland, die ihren Namen nich: nennen wolle. Aus Nunland? Schnell ließ ich in Gedanken alle dortigen Bekannten Revue pasüren: aber, wie das so geht, an diejenige, die ich dann im Salon antraf, hatte ich nicht im Entferntesten dacht. Glaubte ich doch kaum meinen Augen trauen zu dürfen, als ich urplötzlich einer Freundin aus fernen Backflschtagen gegenüberstand, die ich über ein Jahrzehnt nicht gesehen hatte, und die meines Wissens irgendwo im Gouvernement Chenon, tief im Suden Rußlands, verheirathet war. Seit dem schon vor Jahren erfolgten Emschlafen unserer einstigen Korrespondenz war die Existenz Weras mir überHaupt nur Erinnerung g:wesen. Nun stand sie im Dämmerlicht des Salons, durch den von der Straße her der Scbimmer eines Bogenlichts flirrte. vor mir wie eine Geistererscheinung. Wera!" drängte sich mir in höchster Ueberraschunz ihr Name auf die Lippen; er wurde aber erstickt in der bauschenken Fülle ihres Blondhaars, denn schon hing mir ihre schlanke mädchcnhafte Gestalt am Halse, weinte, lachte und küßte mich in einem Athem. Nellie. Nellie. hättest Du das gedacht? Ist das nicht eine lieber raschung. wie?" In diesem Augenblick schien sie mir auch nicht die Spur verändert zu sein, weder innerlich noch äußerlich. Genau, wie wir uns damals nach dem Pensionsjahr verlassen .hatten, so stand sie jetzt vor mir,' nicht eigentlich hübsch, aber fremdartig, sprühend und temperamentvoll, - interessant wie keine zweite, während sie mit unglaublicher Zungenfertigkeit in dem scharf accentuirten melodischen Deutsch ihrer Landsleute auf mich einsprach. Wollte ich auch nur den Mund aufthun, war er bereits mit einem. Kuß geschlossen. Wie es mir endlich gelungen war. sie nach dem Wie und Woher ihres Kommens u fragen, ist mir noch heute nicht ganz klar. Aber gelungen muß es mir doch sein, .denn sie verstummte, drückte mich in's Sofa, saß plötzlich auf meinem Schooß. schlang die Arme um mich und 'flüsterte mir in's Ohr: Ach Nellie. Nellie. ich will's Tirr nurr sagen, lange werrde ich es doch nicht vcrrschweigen können vorr Dirr und Deinem Mann ich bin hierr mii allen drrei Kinderrn!" . Hier? ,Ja wo beim?" . Nun. im Hotel, wo ich abstieg: man spielt mit ihnen. Denk' Dirr, ich hab' sie zusammengepackt in Baromlja, wie sie gingen und- standen, und bin auf und davon mit ihnen" Und Dein Gatte? Ist er mit Euch?" Mein Mann? O nein!" Me wegwerfend, und kurz -daS. klang. - Wieder schwieg Mera, um mir von Neuem um den Hals zu fallen und sich wo möglich noch enger an mich zu schmieqen. O Nellie. Nellie. wie soll ich 's Dirr nurr sagen. Err weiß von nichts!" Weiß nicht, daß Du fort bist nach Deutschland?" Ich glaube, ich bin aufgesprungen vor Schreck. Wera schüttelte den Kopf. Sie stand vor mir, nicht wie die Mutter von drei Kindern, eher wie ein Schulmädchen, das mit Ergebung auf den unausbleiblichen Verweis wartet. Ich war thatsächlich starr. Wohl war es' mir aus Weras einstigen, in langen unregelmäßigen Pausen eintreffenden Briefen bekannt, daß das Zusammenleben mit ihrem Gatten, einem älteren Lebemann, den sie etwas übereilt genommen hatte, schon zu Veginn der Ehe nicht ganz harmonisch und ungetrübt war. Einem Manne das zu sein, was man eine bequeme Frau nennt, schloß Weras Temperament von vornherein aus. Streit. Eifersüchteleien und .Zank mochten nicht zu den außergewöhnlichen Dingen in dieser Ehe gehören. Aber so mir nichts dir nichts mit sämmtlichen Kindern ohne Wissen des Mannes in's Ausland zu fahren, das überstieg doch alles! , Ach Nellie, Nellie, schilt mich nicht! Ich bin ihm davon gefahrren, aberr" als ob das eine Beruhigung wäre ich lasse mich auch scheiden von. ihm!" Also so weit ist's richtig gekommen und die Kinder? Denkst Du an sie?" Die behalte ich selbstverrständlich. Habe ich' sie geboren oder err?" Ich wußte nicht recht, was ich auf dieses eigenartige Argument sagen sollte. Steht denn das Gesetz auf Deiner Seite?" Sie zuckte die Achseln. Die Frage mochte ihr nebensächlich scheinen. Er darrf nicht wissen, wo .wirr sind." Nun, das war mir Antwort genug. Die Sache konnte nett werden. ' Du willst also mit den Kindern auf unbestimmte Zeit hier bleiben?" Ich dachte so. Mein Paß, den ich vom Gouverneur mit grroßer Mühe erhielt Du weißt, bei uhns in Rrußland bekommt die Frrau nicht ohne Einwilligung des Mannes einen Auslandspaß lautet auf fünf Jahre." ' Auf fünf Jahre!" Draußen im Korridor hörte ich die Schritte meines Mannes. Du erlaubst doch, liebe Wera, daß ich meinen Gatten in's Geheimniß ziehe?" Aberr ich bitte darum. Seinen Rath zu hören, kam ich doch!" Nun, den kann ich mir im Voraus denken, wär's mir beinahe entfahren.
und richtig, als er nach vielen umständlichen Präliminarien erfahren hatte, welchem Umstand wir Weras Kommen verdankten, war sein erstes Wort: Eine Rückkehr, meine Gnädige,
scheint Ihnen also ausgeschlossen V Zurruck? Nie und nimmer! Eyerr todt!" Nun. nun." beruhigte mein Mann Weras jähen Temperamentsausbruch, wir haben ia Äeit. die Sache in ihren Einzelheiten zu bereden. Sie kommen einstweilen zu uns. denn unter diesen Umstanden können Sie selbstverstandlich nicht im Gastbof bleiben." Untcr keinen Umstanden werve im Ihnen zur Last fallen," protestirte Wera, ich nehme mirr eine moblirte Wohnung. Bedenken Sie. ich bin nicht allein, drrei Kmderr führe ich mit mirr." Einerlei, meine gnädige Frau, iedenfalls sind Sie mein Gast, bis Sie sich eingerichtet haben; dabei bleibt's!" Aber ich kaann nicht, rief Wera, ich muß im Hotel bleiben!" Und sie. der noch eben Zornesthränen in den Augen gestanden hatten, begann wie unsinnig zu lachen. Wir, mein Mann und ich, mögen m dem Moment recht dumm ausgesehen haben, denn, sich nur mühsam fassend, brach Wera los: Aberr Kinder, begrreift Ihr denn nicht? Ich muß doch erst Geld haben! Papa wird schicken. Ich werde depeschiren heute Abend." Was Du hast kein Geld? Umsoweniger kannst Du im. Hotel bleiben." Aber ich muuß dort doch erst die Rechnung bezahlen. Schau!" und wieder lachte sie unbändig und zog ihr Portemonnaie hervor. Gerade fünfzehn Pfennige sind drin, es reichte noch eben, die Drroschke zu Eich zu bezahlen. Hahaha, ich habe nicht 'mal ein Trinkgeld geben können." Die Geschichte schien meinem Manne denn doch über den Spaß zu gehen. War denn dieses merkwürdige Wesen Kind oder Erwachsene? Sagen Sie, meine Gnädige," nahm er in nahezu väterlicher Weise das Wort, aber nun einmal, im Ernste, wie haben Sie 's denn ohne Baarmittel nur angestellt, von Südrußland bis hierher zu kommen?" Und der Gute machte zu dieser Frage ein Gesicht wie die Henne in der Fabel beim Davonschwimmen des unversehens von ihr ausgebrüteten Entleins. O, natürrlich hatte ich Geld; Papa hat mirr gegeben, aber Pech hab' ich gehabt, schrreckliches Pech. Wirr haben ein Zimmerr in Brrand gesteckt in Behrrlin, die Kinderr und iich. Vorrhänge. Decken, den Teppich, alles, alles hab' iich bezahlen müssen. Dazu meine Einkäufe es ist ja alles so biillig in Behrrlin, so spottbiillig Hüte, Jupons. .Ich hab', miich gekleidet von. Kops zu Fun. Man kaan garr Nicht besser spaaren, als recht viel in Behrr!in zu kaufen." Weil meine liebe Freundin auf diese, ihre Art so kolossal gespart hatte, daß ihre ganzen Baarmittel erschöpft worden waren, so blieb uns nichts anderes übrig als ihre Hotelrechnung zu bezahlen, sie selbst aber so schnell wie möglich, schon im Interesse unseres eigenen Geldbeutels, in unsere persönliche Obhut zu nehmen. Menschenkind, was hättest Du nur angefangen, wenn wir verreist gewesen wären und Du uns nicht angetroffen hättest?" O, iich habe niicht gedacht an so viel Unglück. Ich liebe niicht an Unglück zu denken. Gott wird helfen." Gott wird helfen! Diese naive und dabei unerschütterliche Vorstellung Weras wirkte ebenso verblüffend auf uns wie. die Leichtigkeit, mit der Weras Temperament alle Hindernisse nahm. Das Wie und Warum ihrer Ehetren nung blieb uns vorderhand verborgen. Als mein Mann einen Versuch machte, das heikle Thema zu berühren, bat sie ihn, doch um Gottes willen still zu sein von der unerquicklichen Geschichte und ihr nicht das erste Beisammensein mit uns zu verderben. Als er dann noch ein Ja aber" riskirte, nannte sie ihn den größten Pessimisten der Gegenwart und kam auf Musik und Literatur zu sprechen. Von jeher belesen auf diesem Gebiet, ereiferte sie sich derart, uns Maxim GorkiF Vorzüge klarzumachen, daß sie über dieser Frage alles andere vergaß. Ich muß gestehen, ich vermochte ihrem schwungvollen Begeisterungshymnus auf den Dichter aller Elenden und Verkommenen nicht mit ungetheilter Aufmerksamkeit zu folgen. Ich kam nicht recht fort über ihre Ehetrümmer, auf denen eine erträgliche Gegenwart und Zukunft zu erbauen ich jetzt helfen sollte. Herrgott, meine Kinder! O, biinn iich eine schlechte Muhter! Ich muuß ja in's Hotel zu ihnen!" Mein Mann traf Vorbereitungen, Wera zu begleiten. Ich aber ergriff, nachdem ich ihr in den Pelz geholfen hatte, zum Abschied ihre Hand, an der mir erst jetzt das Fehlen jeglichen Ringes auffiel. Trägst Du denn auch keinen Trauring mehr, Wera?" fragte ich ganz entsetzt. Da lachte sie ausgelassen uno fiel mir von Neuem um den Hals. Ich werrde mich Freilein nennen. Den Ring hab' iich an derr Grrenze aus dem Koupefenster geworfen." Und dieses Freilein" reiste mit drei Kindern! So alt und überlegsarn, wie Wera gegenüber, bin ich mir noch nie vorgekommen. ' ' Kind. das aebt auf keinen ??all!"
Cchon yane icy meinen eigenen Trauring abgezogen und ihn trotz Weras Einspruch auf ihren Finger gestreift. Nimm ihn bis morgen. Es geht nicht anders wegen der Leute im Hotel." So kam es, daß ich am anderen Morgen, in Erwartung dreier kleiner Russen und ihrer Mama, dasaß sorgenschwer ohne Ehering.
Die Aera. die mit Weras Einzug für unser ruhiges, bis dahin gänzlich kinderloses Haus begann, nennt meine Karoline noch heute ein Idyll"; aber ich fand, daß es ein recht sturmbewegtes war. Ueber allzu große Stille konnte sich jetzt Niemand bei uns beklagen, dafür sorgten Weras Kinder in ausgiebiger Weise. Kolja, das älteste derselben, war im Vergleich zu seinen Schwestern aber wohlgemerkt auch nur von diesem Gesichtspunkt aus ein ganz verständiger kleiner Mann. Hübjcher, aber auch ungezogener als er war die kleine Tamaroschka, von meinem Manne Tamarinde" gerufen. Mehr als dieser Name bürgerte sich für sie das ihr von Karoline verliehene Gänsegans" ein. Diese sonderbare Bezeichnung hatte ihren Ursprung in der Eigenthümlichkeit der kleinen Tamara, jede Frage, auf die sie nicht gerade ,,Ja njac cliatschu" (ich will nicht) sagte, mit ,,Ja njac snaju" (ich weiß nicht) zu beantworten. Das Baby sagte gar nichts, schrie dafür aber desto mehr. Seine Willensthä--tigkeit äußerte sich vorläufig nur in Eigensinn und Eßbegier. Sauberkeit, Eleganz und Behagen flohen vor den drei kleinen Russen und ihrer Mama, und zwar in der Hauptfache durch Schuld der Letzteren. Aber ihr das begreiflich machen konnte man nicht, so viel sah ich schon nach dem ersten Tage ein. Sie hatte gar kein Urtheil darüber, was sie an den Kindern mit ihren Theorien einer freien individuellen Erziehung sündigte; ich glaube, sie hielt sich sogar für eine Prachtmutter. Im Eßzimmer schrieen und lärmten die Kinder, und nebenan im Salon spielte und sang Mama Chopin und Brahms,, russische, deutsche und französische Lieder. Mit Stolz erzählte sie, welche Mustererziehung sie ihren Kindern gebe, und übersah dabei den vollständigen Mangel aller Manieren bei ihren Sprößlingen. Während sie selbst mit ungewaschenen Händen Klavier spielte, redete sie mit Vorliebe davon, wie sympathisch die deutsche Sauberkeit sie berühre. .Auch behauptete'sie, daß es nach ihrer Ehestrandung nicht mehr Mann und Weib für sie gebe, daß sie nur noch Menschen in allen Geschöpfen sehe. Dies hinderte sie aö'er nicht, sich nach Möglichkeit zu Pützen,' sobald mein Gatte oder irgend em. anderer Mann.? in Sicht. kam, .wobei sie das lästige Waschen gewöhnlich durch Pudern ersetzte. So hatte sie am Tage ihres Einzugs statt des Waschwassers, das ihr Karoline für die Kinder brachte, eine Vrennscheere verlangt. , . Am anderen Morgen, ich war kaum Mrch die von einer heiseren Knabenstimme geschrieene russische VolksHymne munter geworden, kam Karoline. jammernd und lachend zu mir an's Bett gestürzt. Denken Frau Regierungsrath nur. eben will ich bei den Pollacken Feuer anmachen, was seh' ich da! Die Gn'ädige steht mitten im Zimmer, deklamirt vor sich hin und kämmt ihr langes g:lbes Haar. Der Junge sitzt im Hemd cben auf dem Vettpfosten und brüllt ,I3oze, zarja cbrani oder wie das heißt. Am Tische rührt die kleine Gänsegans ihren Kaffee mit der Brennscheere um, und das ganz Lütt'e steht wahrhaftig auf dem Stuhl am Waschtisch, stippt ihr Brod in die Schüssel und trinkt das Seifenwasser!" Sie habe die Kleine weggerissen und es der Gnädigen gesagt, fuhr Karoline sehr ungehalten fort, aber die habe sie hochmüthig über die Schulter angesehen und gar nicht darauf gehört. Später, am Nachmittag wunderte sich dann meine liebe Freundin allerdings, daß ,,rnaja Duschcnka, rnaja Malenjka" (mein Herzchen, mein Kleinchen) Leibschmerzen habe und so mordsmäßig schreie, daß mein Mann zum ersten Male in den fünf Jahren unserer Ehe auf die Idee kam. einen Dämmerschoppen im Rathskeller zu trinken. . Wehmüthig blickte ich ihm nach; für mich gab's kein Ausreißen. Dein Mann iist forrt?"' klang Weras Stimme durch das näher und näher gellende Kindergeschrei, und sie selbst, ihren Schreihals im Arm, trat in mein Zimmer. . Für einen Augenblick machte mein Änblick Herzchen" verstummen, aber auch nur für einen Moment. Jeden Versuch eines Gesprächs zwischen seiner Mama und mir wußte das liebenswürdige Kindchen im Keime zu ersticken. Dann kamen die Größeren, zogen, ohne weiter zu fragen. Bücher aus meines Mannes Bibliothek heraus, die Karoline kaum abstäuben durfte, zankten sich auf russisch und begannen eine wilde Jagd 'auf dem neuen Smyrnateppich. ., Am späten Abend, als die kleinen Unholde schliefen ihre Mama legte weiter keinen Werth darauf, sie zeitig in's Bett zu schicken und Wera selbst mit uns am Theetisch faß. versuchte mein Mann einmal die Frage zu erörtern. die uns Nachts den Schlaf und am Tage die Ruhe raubte. Wie denken Sie sich eigentlich Ihre Äukunft. anädiae ttrau?"
V, quällen Sie miich nicht!" Aber, gnädige Frau, ich begreife nicht" O, Sie werrden schon begrreifen; ich werrde niicht zurrückkehrren nach Rrußland. iich werrde hierr leben." Aber Sie verzeihen die Mittel?" O, Papa wirrd schicken." Ich denke, der hat selbst Familie und ist nicht reich?" - Iich werrde verrdienen." Verdienen? Ja, wie denken Sie sich das?" ), es wirrd alles gut werrden; iich habe die feste Ueberzeugung." Leider hilft uns diese vorläufig nicht weiter." Pfui!" schloß Wera mit einem vernichtenden Blicke das Gespräch. Sie sind wie ein Eimerr kalten Wasserrs." Uff!" sagte mein Mann und fuhr sich mit der Hand in den Kragen, als sei ihm der zu eng geworden. Einstweilen gab er den Kampf auf. Stillschweigend, eine Cigarre rauchend, ging er nach seiner Gewohnheit mit langen Schritten im Zimmer auf und ab. Plötzlich schien ihm eine Idee gekommen zu sein; er blieb stehen und fiel Wera in die Rede, die eben geistvoll und paradox eine Parallele zwischen Turgenjew und der Ebner-Eschenback zog. (Schluß folgt.)
Die Kalkbeine der Hühner. Oft kommt es vor, daß die Erfolge in der Geflügelzucht trotz sorgfältigsier Pflege und zweckentsprechender Haltung der Hü-er durchaus nicht den gehegten Hoffnungen entspreche, und dcch läßt sich bei oberflächlicher B:trachtung gar keine Ursache zu der Abnormiiät erkennen. . Forscht man aber genauer nach, so wird man meistens Kalkoeine bei den Hühnern vorfinden. Es ist dieses eine bei diesen Thieren recht häufig vertretene und leider so wenig beachtete Krankheit, welche durch einen Schmarotzer, die Hühnerkrätzmilbe, hervorgerufen wird.' Im ersten, Stadium erscheint die Krankheit als kleine aschgraue Flecke, gleichsam., als wäre getrockneter Lehm oder Schmutz an den Läufen haften geblieben. Die Milben graben stch unter den Schildern der Läufe ein, vermehren sich dort, heben nach und nach die Schilder in die Höhe und j: mehr Ungezieferbruten aufeinander folgen, desto größer werden die Borken, bis zuletzt das ganze Bein aussieht, als sei es im Lehm gewesen. Das Bohren der Milben verursacht einen ständigen Juckreiz, die gequälten Hühner beißen die Schilder los, es tritt eine Blutung ein und die Schmarotzer haben gewonnenes Spiel. Namentlich des Nachts,, wo die Beine, am Bauche anliegend, erwärmt werden, ist die Pein besonders groß. Die kranken Thiere magern bald-'zusehends ab, stellen 'die Legethätigkeit ein und sterben. Weil diese Krankheit so außerordentlich ansteckend ist, sollte es Pflicht eines jeden Züchters sein, gleich bei Beobachtung d?r ersten verdächtigen Vorkenbildung Heilmittel anzuwenden, zumal die BeHandlung eine recht einfache ist. Die Krusten werden zunächst mit Schmierseife bestrichen, am anderen Tage mit warmem Wasser erweicht und durch Bürsten mit einer harten Bürste beseitigt, ohne jedoch die Läufe blutig zu kratzen. Dann bepinselt man die Stellen mit Perubalsam oder mit einer Salbe, bestehend aus einem Theil Karbolsäure . und zehn Theilen Schmalz. Das Verfahren wird einigemal wiederholt und dann der Fuß mit verdünntem Glycerin bestrichen. Badet man die erkrankten Glieder wiederholt abwechselnd in Seifenwasser und dann in mildem Fett, so tödtet man die Milben und heilt die angegriffene Haut, die dann bald wieder glatte Schilder aufweisen wird. DasGelbwerden der Palmen kennzeichnet eine Erkrankung der Wurzeln. Es sind die Wurzelspitzen entweder durch zu große Trockenheit eingeschrumpft, weil der Erdballen so durchwurzelt ist, daß die Wurzeln unmittelbar an der Innenfläche des Topfes anliegen und dadurch nicht mehr genügend- Wasser- - oder Nährstoffe aufnehmen können, oder es ist das Gegentheil der Fall. Zu große Töpfe verhindern das regelmäßige Austrocknen, und übergroße Nässe erzeugt Fäulniß an den Wurzeln. Kranke Wurzeln haben aber das Gelbwerden er Wedel zur Folge. Außerdem kann auch zu große Trockenheit der Zimmerluft am Gelbwerden und Kränkeln der Palmen schuld fein, besonders dann, wenn die Pflanze erst kurze Zeit aus dem Gewächshause in's Zimmer übersetzt wurde. Hier hilft nur öfteres Bespritzen und Aufstellen eines gefüllten Wasserbeckens auf dem Ofen zur Erzeugung feuchter Luft. Blumenkohlpflanzen, die zum Treiben oder ersten Setzen in's Freie bestimmt sind, müssen möglichst kühl, ohne jedoch, gefrieren zu können, überwintert werden. Der geeignetste Standort ist ein kalter Mistbeetkasten, den man durch Umschlag oder DeckMaterial (Strohdecken und Bretter) vor Frost schützt. Sobald es die Witterung erlaubt, muß gelüftet werden, und das Aufdecken des Kastens muß täglich geschehen. Ein moderner Griks. Also, Bauer, wasis's, kaufst D' den Ochsen? Fehler hat er koan' und automobilfromm is er aa'!" Raucht die B0NANZA.
Große Anerkennung ver, dient die Geistesgegenwart eines Lokomotivführers Namens I. Cleveland von der Milwaukee - Bahn, der bei Madison. Wis.. seinen Zug anhielt und zwei Knaben, die in den MononuSee gefallen waren, von dem Ertrinkungstode rettete. Der Zug fuhr über den See hinweg, als der Mann die . Knaben im Wasser sah. Er brachte seinen Zug zum Stillstand so schnell er konnte, zerschnitt die Nothleine und warf sie den Bürschchen zu. Sie klammerten sich fest und er zog sie an's Land. Die Knaben waren Schuttschuh gelaufen und eingebrochen. EinWiedersehen im Gefängniß nach elfjähriger Trennung feierten unlängst in Jersey City., N. I., eine Frau Lizzie Loud und ihre 14 Jahre alte Tochter Eva. Frau Loud war dort kürzlich auf 30 Tage eingespönnen wegen Trunkenheit an Lffentlichem Orte, und einige Tage später wurde ihre Tochter unter dem Namen Eva Love in's Gefängniß geschickt als unverbesserliche Person. Frau Loud's Gatte war dem Trunke ergeben und ließ sie vor zwölf Jahren im Stich. Ihre Tochter wurde damals in's Armenhaus geschickt, und sie selbst nahm eine Stelle als Dienstbote an. aewöbn-
te sich später aber auch das Trinken an. , Kartoffeln haben in Necedah., Wis., den Platz des Holzes eingenommen. Die Stadt, welche dereinst ihr Entstehen und ihre Entwickelung dem Vorhandensein mächtiger Eichenstämme und der Errichtung von Sägereien verdankte, ist zu einem der Hauptmärkte für Kartoffeln von Wisconsin und dem Westen überhaupt geworden. Der Holzarbeiter ist durch den Farmer ersetzt worhen, und die Hauptfrucht, di? der Farmer zieht, ist die Kartoffel. So ziemlich alle Kartoffeln, die im Umkreise von 20 Meilen gezogen werden, werden in Necedah auf den Markt gebracht. Im vergangenen Jahre betrug der Versandt von dort 400.000 Bushel. VonI einer Ja gdpartie ist kürzlich W. C. Brandon aus Marquette. Mich., zurückgekommen mit dem Kadaver eines Hirsches, welcher einer in jener Gegend höchst seltenen Art angehört. Es ist nämlich ein schwarzgeschwänzter oder sogenannter Maulesel - Hirsch unv ist, soweit bekannt, dies der erste derartige Hirsch, der in der Superior - See - Region erlegt worden ist. Der in jener Gegend vorkommende Hirsch ist der rothe Hirsch, während die andere Art östlich von den großen Ebenen nicht vorkommt. Es ist unerklärlich, wie der von dem Jäger aus Marquette geschossene Hirsch dorthin gekommen ist, es sei denn, daß derselbe von Grand Island, Lake Superior,, ausgebrcchen ist, wo die Cleveland Cliffs Jron Company eines der besten und großten Wildgehege im Lande unterhält. Ein sonderbarer Ein siedler ist dieser Tage von der New 7)orker Polizei eingeheimst" worden. John Galvin, so hieß der alte Mann, hatte seit vielen Jahren in einer aus abgelegten Pflastersteinen selbst gebauten Hütte, die er Fort Galvin" nannte. gehaust und wurde von der Polizei festgenommen, weil sie befürchtete, er möchte in feiner Hütte erfrieren. Galvin ergab sich aber erst den zu ihn geschickten Polizisten, als diese Anstalten machten, seine Hütte niederzureißen, und als er abgeführt wurde, jammerte er, was nun aus seinen Lieblingen werden solle, ungefähr einem Dutzend oder mehr großer Ratten, die auf seinen Pfiff herbeikamen und sein: Nahrung mit ihm zu theilen pflegten, und die er. wenn sie ungehorsam waren, dadurch bestrafte, daß er sie in einem Eimer mit Wasser untertauchte. Galvin soll vor einigen zwanzig Iahren einen Eid abgelegt haben, daß er nie mehr arbeiten wolle, und er hat seinen Eid gehalten. Er nährte sich von den Abfällen, die er aus den Abfallfässern vor den Hotels aufsammelte. Zuerst hatte er seine Wohnung in einem großen Dampfkessel aufgeschlagen, der vor den Delameter Eisenwerken auf der Straße lag, als diese Fabrik aber verlegt wurde, baute er sich seine gegenwärtige Hütte. Eine seltene Treue legte Lawrence Conway, der älteste Angestellte der Baltimore Chrome Works in 'Baltimore an den Tag. der kürzlich Morgens in seiner Wohnung todt im Bette liegend aufgefunden wurde. Neben ihm fand man ein Buch, in welches er die folgende Eintragung gemacht hatte."Um 5 Uhr an der Arbeit sein."" Conway, von seinen Mitarbeitern nur Old Larry" genannt, war 84 Jahre alt und seit 54 Jahren in den Chromewerken angestellt. Er war nur Handlanger, wurde jedoch von den Beamten der Compagnie als einer ihrer treuesten Angestellten hochgeschätzt. Er verließ die Werke Nachmittags um 6 Uhr und begab sich früh zu Bett. Er muß im Schlafe, gestorben sein, denn seine Frau, die ihn todt im Bett liegend fand, hörte während der Nacht keinerlei Klage von ihm. . Er war in Irland geboren und erhielt bald nach seiner Ankunft in Baltimore Anstellung in den Werken. In den 54 Jahren, die er dort angestellt war, hat er nur wenize Arbeitstage vermißt, und als er sein 50. Jubiläum als Arbeiter der Compagnie feierte, gaben ihm diese, sowie seine Mitarbeiter als Anerkennung ein Festessen, und von der Compagnie erhielt er eine goldene Medrille. .
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