Indiana Tribüne, Volume 27, Number 100, Indianapolis, Marion County, 17 December 1903 — Page 5
Jndiana Tribüne, 17. Dezember 1903
5
Dcr Pch briin Knrschnrr ! s Eine CSfschiditc in Briefen A I von Ludwig fusöa WS tofejfor Max Wiegand an Jiy Doktor Gustav Strauch. Berlin, 20. November. Lieber Gustav! Heute muß ich Dir eine Neuigkeit mittheilen, die Dich jedenfalls in hohem Grade überraschen wird. Ich habe mich von meiner Frau getrennt. Oder richtiger, wir haben uns voneinander getrennt. Wir sind in gegenseitigem Einvernehmen friedlich auseinandergegangen. Meine Frau hat sich zu ihrer Familie nach Freiburg begeben und wird vermuthlich dort ihren ständigen Aufenthalt nehmen. Ich bleibe vorerst in der alten Wohnung. Vielleicht suche ich mir zum Frühjahr eine neue, kleinere; vielleicht auch nicht. Denn ich finde schwerlich ein so ruhiges Arbeitszimmer, wie ich es jetzt habe, unh vor einem Umzug graut mir, zuma. wenn ich an meine große Bibliothek denke. . Du willst natürlich wissen, was vorgefallen ist. Gar nichts ist vorgefallen, mein Wort darauf. Die Welt freilich wird nach allen möglichen und unmög!ichen Gründen forschen, warum zwei Menschen, die sich aus Liebe geheirathet haben und elf Jahre lang eine sögenannte glückliche Ehe führten, ihrem Zusammenleben ein Ende gemacht haden. Ja, diese Welt, die sich so überaus klug dünkt und die in Wahrheit so überaus beschränkt ist, wird ohne Zweifel glauben, daß man ihr irgend etwas verbirgt; sie wird auch diesen Fall in eine der paar groben Rubriken einschachteln, die sie für jedes Geschehniß bereit hat, weil sie nicht ahnt, daß das Leben in seiner unerschöpflichen Mannigfaltigkeit sich niemals wiederholt, und daß sogar ein und derselbe Thatbestand , unendlich verschiedene Physiognomien annehmen kann,, je nach dem Charakter der Betheiligten. Dir, lieber Gustav, brauche ich das alles nicht zu sagen. Du wirst begreifen, daß zwei feine: organisirte Seelen sich nicht länger durch ein äußerliches Band aneinander ketten wollen, nachdem sie sich durch tausend vergebliche Versuche überzeugt haben, daß in allen großen Fragen eine Verständigung zwischen ihnen unmöglich ist. Wir sind zu entgegengesetzte Naturen, meine Frau und ich. - Zwischen ihrer Weltanschauung und der rceimgtn "lasst ein unüberbrückbarer Abgrund, jn den ersten Jahren hoffte ich noch, sze. leiten,. lenken, und allmälig mir angleichen zu können. Sie schien so schmiegsam und biegsam, nahm so warmen Antheil an meinen Arbeiten, meinen Plänen, ließ sich ohne Widerspruch von mir belehren. Erst nach dem Tode unseres Jungen ging eine wesentliche Veränderung mit ihr vor. Die Trauer über diesen Verlust, den wir Beide niemals ganz verwinden werden, machte sie reif, machte sie selbstständig. Ein ihr vorher völlig fremder Hang zum Sinnen und Grübeln nahm überHand und gab ihren theils angeborenen, theils anerzogenen Auffassungen und Begriffen, die mein Einfluß zurückgedrängt, aber nicht ausgemerzt hatte, doppelte Zähigkeit. Immer iiefer spann sie sich in den Nebel mystischer Ideen, sentimental-phantastischer Vorstellungen ein; mit Eigensinn, ja mit Verbissenheit verlangte sie für ihren Standpunkt Anerkennung und GleichBerechtigung; mit Leidenschaft lehnte sie meine naturwissenschaftlichen Einwände ab. Sie verlor jedes Interesse an meiner beruflichen Thätigkeit; sie sah in meinen Arbeiten mit unausgesprochenem, aber fühlbarem Widerwillen Truppen aus dem feindlichen Lager. Es gab zuletzt im weiten Kreise der Natur und des Menschenlebens kaum noch irgend etwas, worüber wir die gleiche Meinung hatten. Zwar kam es niemals zu einem eigentlichen Zank; aber je mehr wir uns gegenseitig zu schonen suchten, desto tiefer griffen die Verstimmungen. Wir, empfanden immet deutlicher, daß wir nur noch nebeneinander hergingen, ohne zu einander zu gehören. Diese Empfindung wuchs in uns heran; sie beunruhigte, sie quälte uns; sie drängte schließlich alle cndern Gefühle in den Hintergrund. Hätten wir uns. vormals weniger geliebt, hätten wir uns jetzt weniger geachtet, so wäre uns ein solcher Zustand vielleicht noch jahrelang erträglich erschienen. Aber wir besaßen Beide eine zu hohe Auffassung von der Ehe, ein zu lebhaftes Bewußtsein von unserer Menschenwürde, als daß wir uns mit einer Halbheit, mit einer Unzulänglichkeit auf dusem heiligen Gebiet hätten abfinden können. Und so ergab sich endlich vor etwa acht Tagen die entscheidende Aussprache mit jener SelbstVerständlichkeit, mit der eine überreife Frucht vom Baum fällt. Wer von uns Beiden das erste Wort gefunden, sie oder ich, läßt sich kaum feststellen. Eine gemeinsame Ueberzeugung schien in dem gleichen Augenblick sich auszulösen, sich zu befreien. Und daß wir in dieser Stunde nach langen Jahren zum erstenmal eine wichtige Angelegenrii in ' völliger Harmonie besprechen konnten, das gab dem herben Thema etwas Äerskhnliches und Wohlthuendes, gab' uns die heitere Ruhe, die wir so langel schmerzlich vermißt hatten. Unsere Trennung hat sich denn ach
geilern m ven denkbar vorneymilen Formen vollzogen. Kein Wort der Anklage; kein Mißton. " Wir fühlten Veide die Nothwendigkeit, aber auch die Tragweite unseres Entschlusses. In dcr Erinnerung an unsere Brautzeit, an das große Stück Leben, das wir gemeinsam zurückgelegt hatten, konnten wir nur mit Muye einer Anwandlung von Zärtlichkeit widerstehen. Und ich bekenne Dir. nie hat mir. meine Frau mehr Respekt eingeflößt, als in diesem Moment, wo alles Kleinliche von ihr abgefallen schien und die ursprüngliche Großzügigkeit ihrer Natur auf's Reinste hervortrat. Durch ihre Haltung, durch das, was sie sprach und was sie verschwieg, wurde die ganze Szene der Alltäglichkeit entrückt und in eine feierliche, weihevolle Sphäre gehoben. In tiefster Ergriffenheit, unsere Thränen gewaltsam zurückdämmend, reichten wir uns die Hände zum Abschied. Und so werden wir wenigstens auf den Schluß unserer Ehe stets mit uneingeschränkter Befriedigung zurückblicken dürfen. Alles Geschäftliche habe ich vorher mit ihrer Zustimmung durch den Rechtsanwalt ordnen lassen. Denn auch ein schriftlicher Verkehr soll nicht mehr zwischen uns stattfinden. Er würde nur alte Wunden aufreißen und neue Gegensätze an's Licht bringen; er würde die Thatkraft, die uns für die Errichtung unserer künftigen gesonderten Erisienz unentbehrlich ist, lähmen. Das Leben muß nun noch einmal von vorn beginnen für sie und für mich. Dazugehört neben der äußeren Befreiung von der Vergangenheit auch die innerliche. Schon jetzt athme ich leichter. Der Rubikon ist überschritten. Ich glaube. Du darfst mich dazu beglückwünschen.
Professor Max Wiegand an Doktor Gustav Strauch. Berlin. 12. Dezember. Lieber Gustav! Verzeih, daß ich für Deine umgehende, von so feinem Verständniß und so freundschaftlicher Theilnahme zeugende Antwort auf meinen letzten Brief Dir erst heute meinen Dank sage.- Ich wäre nicht früher im Stande gewesen, DiYzu schreiben und auch jetzt 'noch fällt es mir schwer. Du spendest mir Deinen uneingeschränkten, Beifall zu einem Schritt, dem Du für mein Wohlbefinden und meine weitere Entwicklung den größten Werth beilegst. Aber Du ziehst dabei nicht in Betracht, was es heißt, sich von einem Wesen zu trennen, das man elf Jahre lang Tag und Nacht zur Seite gehabt hat. - Mir selbst ist das in diesen unerfreulichen Wochen erst allmälig zum vollen Bewußtsein gekommen. Die Gewohnheit ist eine ungeheure Macht, besonders bei Menschen, die wie Du und ich in einer , geistigen Welk leben und dazu eines soliden Unterhaus "bedürfen. Denn wie sollen wir von-den Zinnen des Thurms Umschau halten, wenn die Fundamente nicht ein für allemal gesichert sind? Natürlich haben solche Gesichtspunkte keinen Belang neben den schwerwiegenden Gründen, die meine Frau und mich bestimmt haben, auseinander zu gehen. Ich bin auch selbstverständlich nach wie vor der festen Ueberzeugung, daß unser Entschluß in unserm beiderseitigen Interesse geboten war. Aber in diesem wunderlichen Dasein geht keine Rechnung ohne Rest auf. Ein Uebergangsstadium hat ja schon an und für sich etwas Unerquickliches, Verwirrendes; in meinem .Fall aber wird es zur ausgesuchten Quälerei. Ich mutz mich von 'früh bis, spät um Quisquilien kümmern, an die ich seit meinen Junggesellentagen nicht mehr gedacht habe. Dinge, die ich Dir gar nicht nennen will so lächerlich und unbedeutend sind sie und doch rauben sie mir in unverhältnißmäßigem Grade Stimmung, Zeit und Ruhe. Ich wüßte, auch nicht, welche Organisation ich treffen könnte, um die tausend, Bagatellen, die meine Frau mir sonst abgenommen hatte, mir vom Leibe zu halten. Diese Dienstboten! Jetzt, wo die Katze aus dem Hause ist, glauben sie sich alles erlauben zu dürfen. Und von den albernen Hindernissen, über die ich noch außerdem fortwährend stolpere, von den armseligen Umständlichkeiten, die auf Schritt und Tritt zu beiilltigen sind. machst Du Dir keinen Begriff. Ein Beispiel für viele. Seit ein paar Tagen haben wir starken Frost. Ich suche meinen Pelz und kann ihn nicht finden. Mit Hilfe des Stubenmädchens drehe ich das ganze Haus um, bis ihr schließlich einfällt, daß meine Frau im Frühjähr den Pelz dem Kürschner zur Aufbewahrung gegeben hat. Aber welchem Kürschner? Das ist nicht herauszubekommen. Bei einem Dutzend bin ich schon vergeblich gewesen. Wenn ich nur mit meiner Frau nicht verabredet hätte, daß wir uns nicht schreiben wollen! Ich könnte bei ihr dann einfach anfragen. Und doch, es ist besser so. Der Nachklang unseres Abschieds soll von banalen Beimischungen frei bleiben. Auf ein Drama großen Stils soll keine Posse folgen. Vielleicht würde sie sogar glauben, daß ich bereue' daß ich sie weniger leicht entbehren kann, als sie mich; daß ich den ersten besten Vorwand auflese, um wieder mit ihr anzuknüpfen. Nimmermehr! Heute haben wir sechs Grad unter Null. Professor Max Wiegand an Frau Em ma Wiegand. Berlin, 14. Dezember. Liebe Emma! Du wirf: sebr er.
staunt lein, troz unierer gegenlyeillgen Abmachung einen Brief von mir zu erhalten. Fürchte nicht, daß ich damit eine Korrespondenz zwischen uns eröffnen will. Unsere inneren Beziehungen sind auf die würdevollste Art abgeschlössen worden, und wir wollen an dieser versiegelten Pforte nicht mehr rütteln. Es handelt sich nur um eine ganz geringfügige Frage, die Du allein mir beantworten kannst. Wie heißt der Kürschner, dem Du meinen Pelz im Frühjahr zur Aufbewahrung gegeben hast? Lina kann sich der Adresse nicht entsinnen. In Erwartung Deines baldigen freundlichen Bescheids danke ich Dir im voraus bestens. M a r. ttraii uniina Wiegand an Professor Max Wiegand. Freiburg. 15. Dezember. Lieber Max! Der Kürschner heißt Palaschke und wohnt in dcr Zimmerstraße. Linas Vergeßlichkeit ist mir unbegreiflich. Sie selbst hat den Pelz damals hinaetraqen. Emma.
Professor Max Wiegand an Frau Emma Wiegand. Berlin. 17. Dezember. Liebe Emma! Noch einmal zum letztenmal muß ich Dich behelligen. Herr Palaschke erklärt, daß er den Pelz nur gegen Rückgabe des Aufbewahrungsscheins ausliefern kann. Nach verschiedenen unangenehmen Vorfällen der letzten Zeit habe er stch diese Rigorosität zum Prinzip gemacht. Aber wo ist der Schein? Ich habe heute den ganzen Bormittag umsonst danach gesucht. Lina hat natürlich auch hiervon .eine Ahnung. Als ich ihr das im sanftesten Ton vorwarf, wurde sie unverschämt. Sie verläßt morgen das Haus. Ich ziehe es vor, ihr bis zum Termin Lohn und Kostgeld, vermehrt durch eine angemessene Weihnacht'sgratifikation, auszuzahlen; denn ich will mit dieser untauglichen und impertinenten Person nicht mehr unter einem Dache Hausen. Also sei so gut, mir mit ein paar Worten mitzutheilen, wo sich der Schein befindet. Ich habe mir in Ermangelung des Pelzes schon eine tüchtige Erkältung zugezogen. Hoffentlich bist Du wohlauf und hast bei Deiner Familie V alles nach Wunsch getroffen. Max. . Frau Emma Wiegand an Professor Max Wiegand. Freiburg, 19. Dezember. Lieber Max! Der Schein ist entweder in der kleinen Kommode im Toilettenzimmer, zweite oder dritte Schublade von oben, oder in meinem Schreibtisch, rechts oder links. Ich würde ihn gleich finden, wenn ich dort wäre. Lina hat große Fehler; aber sie gehört doch noch zu den Anständigsten. Ich zweifle, daß etwas Besseres n?chkommt. Und jetzt, vor - Weihnachten, bekommst Du überhaupt keine. Du hättest wenigstens noch ein paar Wochen lang Geduld mit ihr haben sollen. Aber das geht mich ja nichts mehr an. Hoffentlich ist Deine Erkältung schon vorbei. Ich befinde mich sehr wohl. Emma. " Professor Max Wiegand an Frau Emma Wiegand. Berlin, 21. Dezember. Liebe Emma! Der Schein ist nicht zu finden weder in der Kommode noch im Schreibtisch. Vielleicht ist er. während Du einpacktest, herausgeschleudert und achtlos beiseite geworfen worden. Anders kann ich mir die Sache nicht erklären. Ich werde morgen oder übermorgen noch einmal zu Herrn Palaschke hingehen und ihm gegen Zustcherung aller möglichen Kautelen mein Eigenthum abzuschmeicheln suchen. Heute nämlich muß ich das Zimmer hüten. .Denn zu meiner Erkältung hat sich noch eine starke Nervenirritation hinzugesellt. Ich hatte gestern einen abscheulichen Ausritt mit der Köchin. Durch einen Zufall bin ich dahinter gekommen, daß sie mich vom Tag Deiner Abreise an schamlos übervortheilt hat. Als ich ihr dies in schonender Weise vorhielt, drehte sie den Spieß um, erklärte mir mit ungebildeten und brutalen Ausdrücken, daß ich von der Wirthschaft nicht das Mindeste berstände, daß sie nur aus Sympathie für Dich, liebe Emma, sich bisher mit einem viel zu kargen Lohn begnügt habe, und daß sie auf der Stelle das Haus verlasse. Ich erwiderte ruhig, aber energisch, sie sei verpflichtet, bis zum Ziel in ihrer Stellung zu verharren. Sie fing darauf an zu schreien und zu gestikuliren und hatte schließlich die bodenlose Frechheit, zu behaupten, Du hättest es ja auch nicht bei mir ausgehalten. Ich verlor die Fassung; ich wurde wüthend und muß wohl ordinäres Frauenzimmer" zu ihr gesagt haben was ich nachträglich gar nicht begreifen kann. Ich bin eben leider noch nicht gewohnt, mit Hexen umzugehen Als ich zwei Stunden später nach dem Abendessen klingelte, entdeckte ich, daß sie mit Sack und Pack bereits auf und davongegangen war. In der Küche hatte sie mir ein von 'orthographischen Fehlern wimmelndes Billet-doux hinterlassen, worin sie mir drohte, falls ich ihr die geringsten Schwierigkeiten in den Weg legte und ihr nicht ein gutes Zeugniß ausfertigte, wie sie es verdiente, mich wegen des ordinären Frauenzimmers" zu verklagen. Nun bin ich ohne jede Bedienung. Die Portierfrau wichst mir gegen theures Geld die Stiefel und bringt mir aus der Restauration ein polizeiwidrig schlechtes Essen herauf. Vor Weihnach-
ten, ja vor Neujahr ist, wie Du ganz richtig bemerkst, nicht daran zu denken, daß ich einen halbwegs brauchbaren Ersatz find?. Ich habe dennoch bereits an ein Dutzend Vermittelungsbureaux geschrieben und werde selbst hingehen, sobald mein Zustand es erlaubt. Das ist nun ein langer Brief geworden. liebe Emma. Wessen das Herz voll ist, davon läuft die Feder über. Ucbrigens habe ich dieses infame Kochweib auch im Verdacht, daß sie meine goldenen Manschettenknöpfe das Erbstü von Onkel Friedrich beiseite gebracht hat. Ich kann es ihr aber natürlich nicht beweisen. Oder hast Du eine Ahnung, wo sie stecken könnten? In diesem Fall wäre ich Dir für einen Fingerzeig sehr verbunden. Leb wohl, liebe Emma, und laß es Dir besser ergehen, als es mir ergeht. Dein Max.
Frau Emma Wiegand an Professor Mar. Wiegand. Freiburg, 23. Dezember. Lieber Max! Die Schilderung der kleinen Mißhelligkeiten, von denen Du heimgesucht bist, habe ich mit aufrichtiger Theilnahme gelesen. Die Köchin hat mir oft noch ganz andere Dinge gesagt wie Dir, und ich hab's still hinuntergeschluckt. weil ste gut kochte. Höflich sind' nUr die Nichtskönnerinnen. Der Grad der Leistungen läßt sich bei dieser Gilde nach dem Grade der Unverschämtheit ziemlich sicher berechnen. Nun siehst Du wenigstens, mit was für Dingen ich jahraus jahrein mich herumschlagen mußte, und überzeugst Dich., daß es auch auf diesem Gebiete Probleme gibt, die man mit aller Naturwissenschaft nicht lösen kann. Ich bin nicht im Stande, Dir aus der Entfernung in diesen Angelegenheiten zu rathen. Ich würde mich auch, nachdem unsere inneren Beziehungen wie Du in Deinem ersten Brief so trefsend sagtest auf die würdevollste Art abgeschlossen worden sind, nicht mehr für dazu berechtigt halten. Was den Schein des Kürschners und dieManschettenknöpfe betrifft.so möchte ich wetten, daß ich innerhalb fünf Minuten den einen wie die anderen finden würde. Du erinnerst Dich wohl, wie oft Du ohne Resultat nach Dingen herumspürtest, die ich dann auf den ersten Griff zum Vorschein, brachte. Die Männer finden zwar ab und zu eine neüe Wahrheit, aber niemals einen alten Knopf. ' ' Da wir nun doch einmal in Korrespondenz getreten sind auf Deine Veranlassung so möchte ich auch Dir eine kleine Bitte aussprechen. Ich habe vergessen. Dich vor meiner Abreise um die Briefe zu ersuchen, die Du mir in unsereri.Vrautzeit schriebst und auf meinen Wunsch in Deiner eisernen Kasse auf--bewahrtest. Sie sind ja mein Eigen;thrnn, und ich möchte sie als Erinnerung -an' eine glückliche Zeit gern in meinem Besitz haben. Du bist wohl so freundlich, sie mir zu schicken. Ich wünsche Dir fröhliche Weihnachten. Emma. Professor Max Wiegand an Frau Emnsjma Wiegand. Berlin.25. Dezember. Meine liebe Emma! Dein Wunsch fröhliche Weihnachten betreffend, ist nicht in Erfüllung gegangen. Einen heiligen Abend von solcher Trostlosigkeit habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht verbracht. Daß es mir widerstrebte, den Einladüngen unserer Freunde zu folgen und fremdes Familienalüc! als Zaungast mit anzusehen, wirst Du mir nachfühlen. Ich blieb also zu Hause, wenn ich von einem Zuhause überhaupt n' reden kann. Ich war in der Wot,.iung mutterseelenallein. Trotz meiner verzweifelten Bemühungen vor dem ersten Januar keine Dienstboten aufzutreiben! Gestern nicht einmal eine AusHilfe. Die Portiersfrau setzte mir bereits am frühen Nachmittag mein kaltes Abendbrot auf den Tisch, da sie sich später, infolge der Bescherung jüx ihre Sprößlinge, nicht mehr um mich kümmern konnte. Eine flackernde Petroleumlampe vertrat die Stelle des Weihnachtsbaumes, den Du sonst alljährlich so reizend und geschmackvoll zu schmücken pflegtest. Auch fehlten alle die hübfchen Ueberraschungen, mit denen Du meine Wünsche erriethest, noch bevor ich selbst sie errathen hatte. Auf dem Weihnachtstisch lag nichts anderes als mein alter Pelz, den Herr Palaschke. durch meine. fortgesetzten Bitten und Vorstellungen oder auch durch die .Festtagsstimmung erweicht, mir am Vormittag hatte zustellen lassen. Es herrschte eine Hundekälte im Zimmer; denn das Feuer war ausgegangen, und es wieder anzusteckenderwies sich meine Sachkenntnis als völlig unzureichend. Ich zog also den Pelz an, setzte mich an die flackernde Lampe ind las meine Bräutigamsbriese, die ich ihrer elfjährigen Ruhestatt entnommen hatte, um sie Dir heute zu übersenden. Liebe Emma! Den Eindruck, den diese Lektüre mir gemacht hat, kann ich Dir nicht schildern. Ich weinte wie ein Kind. Nicht nur über das traurige Ende eines so verheißungsvollen Bundes, sondern auch über die Veränderung. die mit mir selbst vorgegangen ist.' Es steht ja viel Unreifes darin; vieles, was meinen heutigen Ansichten nicht mehr entspricht; aber was für ein frischer, freier, warmblütiger Gesell bin ich damals gewesen! Wie habe ich Dich geliebt! Wie glücklich war ich! Und wie naiv und ungetheilt-gab ich mich dem Glück hinj Ja. darin lag wohl alles.
..c,er ÄJrauLeVungslongtttt; m ;;:m jugendlichen Lebensvcrtrauen; i dieser Gemüthskraft, die von ihrem vchthum überquoll wie der Weinstock .i Frühling. Ich glaubte bisher, nur Zu hättest Dich langsam verwandelt; erst jetzt erkenne ich, daß auch ich nicht der gleiche geblieben bin. Und weiß Gott, wenn ich den Max von damals mit dem heutigen vergleiche, dann schwanke ich keinen Augenblick, welchem von beiden ich den Vorzug geben soll. In dcr schlaflosen Nacht, die hinter mir liegt, habe ich nach Möglichkeit versucht, mich in jenen einstigen Max wiedcr zurückzuversetzen, und da stnd mir doch schwere Bedenken aufgestiegen, ob die Gegensätze unserer Anschauungen, ja, auch unserer Empfindungen so wichtig waren, wie sie uns erschienen; ob es nicht darüber hinaus noch etwas Neutralcs, ewig Menschliches gibt, was uns gemeinsam war und ewig gemeinsam hätte bleiben sollen. Prüfe Dich, liebe Emma, ob in Deiner Seele nicht eine ähnliche Stimme spricht. Was geschehen ist. kann ja nicht mehr rückgängig gemacht werden. Aber nichts würde mir in meiner jetzigen qualvollen Situation größere Linderung verschaffen, als wenn Du diese Frage bejahen könntest. Denn Dein Scheiden hat eine Lücke in meinem Saus und in meinem Leben zurückaelassen, die ich nie, me mehr werde ausfüllen können. Dein tief unglücklicher Max.
Frau Emma Wiegand an Professor Max Wiegand. Freiburg, 27. Dezember. Lieber Max! So lange Du mich nach Scheinen und Knöpfen fragtest, habe ich Dir gern Rede gestanden. Die Fragen, die Du in Deinem letzten Brief auswirfst, zu beantworten, muß ich dagegen ablehnen. Oder glaubst Du wirklich, Du alter Pedant, ich hätte Dein Haus, das auch das meinige war, nur deshalb verlassen, weil unsere Anschauungen und unsere Empfindungen nicht zusammen stimmten? Dann täuschst Du Dich gewaltig. Ich bin von Dir gegangen, weil es mir immer deutlicher geworden ist, daß Du mich nicht mehr liebst. Ja. ich war Dir zur Last geworden; Du wolltest mich los sein; das ging aus allem hervor. Hättest Du in jener würdevollen Abschiedsszene ein einziges, herzliches Wort gefunden, ich wäre vielleicht noch geblieben. Aber DU rittest, wie immer, das hohe Roß der Weltanschauung, von dem Du nun so kläglich heruntergepurzelt bist, weil Du keine Bedienung mehr hast. Auch ich habe Dir ja treu gedient, ohne daß Du ein Auge dafür besaßest. Ich habe das Feuer in Deinem Haus niemals ausgehen lassen; nicht ich war schuld, wirrn es nicht mehr warm, darin werden wollte. Wer weiß, ob Du je die Lücke darin bemerkt hättest, die mein Scheiden zurücklicß, wenn nicht zufällig auch Dein Pelz Dir g:fchlt hätte. Daß Du ihn vermißtest, gab Dir die Veranlassung, eine Korrespondenz zwischen uns zu eröffnen; es scheint mir nur folgerichtig, daß wir sie schließen, nachdem Du ihn glücklich wiedererlangt hast. Ich wenigstens habe Dir nichts mehr zu sagen. Leb wohl für immer. Emma. Professor Wiegand an Doktor Gustav Strauch. Berlin, 8. Januar. Lieber Gustav! Abermals habe ich Dir eine überraschende Neuigkeit zu berichten. , Meine Frau ist gestern zu mir zurückgekehrt. Und zwar auf meine wiederholten inständigen Bitten. Ich hatte geglaubt, nicht mehr mit ihr leben zu können; ohne sie konnte ich erst recht nicht.' Nun habe ich von ihr erfahren, daß sie während der Zeit unserer Trennung sehr unglücklich gewesen ist. Aber sie hätte mir das niemals zugestanden; denn sie ist die Stärkere von uns beiden. Ich weiß nicht, wie ich mir das Wunder erklären soll: mir lieben uns inniger denn je. Wir feiern neue Flitterwochen. Die großen Fragen des Lebens haben uns auseinandergenieben; aber sind es wirklich nur die kleinen, die uns wieder zusammengeführt haben? Oder hättest Du es für möglich gehalten, daß man in den Tufchen eines alten Pelzes plötzlich sein halb vertrocknetes Herz wiederfindet? Das Gebäude meiner Weltanschauung wankt in seinen Grundfesten, lieber Gustav. Ich werde umlernen müssen. Gut abgefertigt. Drei Studenten wollten sich einstmals einen kleinen Spaß mit dem alten, wegen seiner Grobheit bekannten Professor Hclöerg in Kopenhagen machen. Zuerst ging der eine von ihnen zu ihm, blieb an der Thür , siehen und sagte: Guten Tag, Vater Abraham!" Holberg gab keine Antwort, sondern blieb an' seinem Schreibtisch sitzen und that, als habe er nichts gehört. ' Bald darauf kam der zweite Student, stellte sich neben dem ersten auf und sagte: .Guten Tag, Vater Jsaak!" Wieder blieb Holberg sitzen, ohne ihn einer Antwort zu würdigen. Schließlich erschien der dritte und sagte: .Guten Tag, Vater Jakob!" Da stand Holberg auf, ging auf die drei Studenten zu und erklärte: Nun will ich Euch etwas sagen. Ich bin weder Abraham, noch Jsaak, noch Jakob, sondern Saul, der Sohn des Kis, der ausging, um einen Esel zu suchen. Ich freue mich,, ihrer gleich drei gefunden zu haben!-
Hund lind AiiUzc. Ihre inttllkktukllen iinö phnflologische Ott schiedenheiten. Hund wie Katze sind, ehe sie friedsame Hausgenossen des Menschen wurden, Raubthiere gewesen, und man könnte demnach eine groß: Ähnlichkeit des Gebahrens bei beiden voraussetzen. In Wirklichkeit liegt die Sache bekanntlich umgekehrt. Der Hund bellt, ist im Allgemeinen ein täppischer Gesell und verfolgt wüthend jeden rollenden Gegenstand. Hinz ist gewöhnlich schweigsam, die verkörperte Eleganz, und denkt nicht daran, einem vorbeifahrenden Wagen nachzurennen. Der Grund für diese Verschiedenheit liegt in dem Umstände, daß der Hund ein Laufraubthie? und die Katze ein Schleichraubthier ist. Der Hund jagt sich bewegenden Gcgenständen nach, weil er sich seiner Schnelligkeit bewußt ist und weil ihm nur ein Gegenstand entkommen kann, wenn dieser sich schnell entfernt. Die Katze dagegen weiß, daß sie etwas Fliehendes nicht einholen kann. Wilde Hunde jagen fast ausnahmslos gemeinschaftlich; sie feuern sich durch ihr Vel len gegenseitig an und können bei der wilden Jagd keinen Genossen verlieren, wenn sie fortwährend ihre rauhen Signale geben. Ein Zurückgebliebener findet dadurch sein Nudel schnell und leicht wieder. Die Katzenarten jagen einzeln, bei ihnen hätte ein Bellen gar keinen Zweck. Nur die großen Arten brüllen, weil sie dadurch ihr Opfer erschrecken und häufig zur Flucht unfähig machen. Das Laufraubthier kann wie ein Kürassier auftreten, das schadet ihm bei seiner Verfolgung nicht; ein Schleichraubthier muß jedoch unhörbar einhergehen, was Hinz mit vollendeter Meisterschaft versteht. Das Laufraubthier ist in fortwährender Bewegung, weil es nach einem Opfer forscht. Hat das letztere seinen Feind vorzeitig entdeckt, so schadet es nicht viel, dann gibt es eben eine lustige Jagd. Die Katze dagegen weiß, daß für si? die Hauptsache ist, vorher das Opfer zu sehen, ehe sieselbst wahrgenommen ist. Deshalb ist für sie Ruhe die erste Pflicht. Die weiteren Unterschiede entspringen aus der Verschiedenheit der Sinnesorganisation. Der, Grundsinn des Hundes ist die Nase, der der Katze find die Aug?n. Der Hund sieht schlecht und riecht ausgezeichnet; die Katze sieht gut, kann aber nicht riechen. Eine Maus, die man ihr zwischen zwei Tellern vor die Nase hält, kann sie durch den Geruch nicht erkennen. Bei dem Hunde ist die Nase fortwährend in Thätigkeit, bei der Katze sind es die Aug.'U. Allerdings darf man nicht vergessen, daß die Katze ursprünglich cn ' f. i in v r. ct
ein cavzirauoiyicr zu, oan. iqre ugcli nur in der Dunkelheit vorzüglich schen.' Das Bericchen aller Ecken und Laternen. das uns bei dem Hunde oft so unangenehm ist, wenn wir mit ihm spazieren gehen, ist bei der Katze ganz ausgeschlossen. Ein Laufraubthier muß bei jeder andauernden Verfolgung darauf gefaßt sein, daß sein Opfer sich in das Wasser stürzt; es darf daher im Wasser kein Hinderniß erblicken. Deshalb schwimmen alle Hunde, und zwar ausnahmslos gern. Bei den Katzen dagegen ist Schwimmen nur im Nothfalle erforderlich, deshalb schwimmen sie zwar, aber haben keine Lorliebe für das Wasser. Laufraubthicre müssen auch graben können, falls sich ein verfolgtes Thier in Höhlen flüchtet. Wölfe suchen Ställe zu unterwühlen. Hunde graben Mauselöcher auf. Kaen dOg?gcn lassen sich auf solche umstandliche Arbeit gar nicht ein. schon desweoen, weil sie nicht wittern können und gar nicht wissen, ob ein Loch bewohnt ist oder nicht. StrikcrcÄt in Preußen. Das preußische Kammergericht hat jüngst entschieden, dan das Aufstellen von Strileposten gesetzlich ist, wenn es von einem Gebäude aus geschieht, in welchem die Anwesenheit der Posten t:n Inwohnern nicht lästig ist. Der Entscheidung liegt folgender Fall zu Grunde. Ein Schutzmann in Posen hatte einen Posten nicht nur aus der Straße, in welcher die Strikelokalit'ät war, wegbeordert, sondern ihm gesagt, er solle sich überhaupt in der ganzen Nachbarschaft nicht mehr blicken lassen. Der Posten ging hierauf in eine Wirthschaft unmittelbar gegenüber dem Gebäude, in welchem der Strike ausg;brochen war. Das Posener Gericht entschied, die Polizei habe das Recht. Leute, deren Anwesenheit möglich:? Weise zu Nuhestörungen führen könnte, aus gewissen Straßen, sowie Häusern, deren Thüren sich auf diese Straßen öffnen, wegzujagen; aber das Kammergericht hat entschieden, dan das Recht der Polizei nicht über die Straße hinausgehe, respektive nicht die an diese Straßen stoßenden Häuser in sich begreife. Die H a u p t st a d t Japans, Tokio, wächst mit einer reißenden Schnelligkeit; sie hat nach der letzten Volkszählung 1,705,028 Einwohner, darunter 940,661 Männer und nur 764.367 Frauen. Der Ueberschuß an Männern rührt daher, daß viele Japaner, die in der Stadt arbeiten, hre Frauen auf dem Lande zurücklanen. Die Bevölkerung .der japanischen Hauptstadt hat sich in den letzten fünf Jahren um mehr als 225,000 ver-mehrt.
