Indiana Tribüne, Volume 27, Number 73, Indianapolis, Marion County, 16 November 1903 — Page 4

Jndtana Tribüne, 16, November 1903.

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Jndiana Tribüne. HkrauZgeAebc von der Sutebrg C. Indianapolis, Ind.

Harr) O. Thudium Präsident. (SeschSftSlocal: No. 31 Süd Delaware Straße. TELEPHONE 269. niered at the Post Ofice of Indianapolis as second dass matter. Die Pnritaner nd ,,Prftfal". Gonrieb, Ker neue Leiter des Nett Yorker Metropolitan Opernhauses, der in wenigen Wochen Wagner's Parsifal", das bisher nur in Bayreuth aufgeführt wurde, geben wird, hat fortgesetzt das große Glück, daß sich Alles vereinigt zu haben scheint, urn Reklame für ihn zu machen. Seit Monaten bereits beschäftigen sich alle New Yorker Zeitungen und die dortigen Gerichte mit den Protesten der Frau Cosima Wagner gegen die Parsifal" Aufführung. Und nun haben auch noch puritanische Geistliche dort eine förmliche Campagne gegen die Aufführung eingeleitet, so daß abermals ganz New York von dem bevorstehenden großen Creigniß in der Musikwelt spricht. Man schreibt aus Neai York: Nicht genug, daß Frau Cosima Wagner Herrn Heinrich Conried das Recht der Aufführung von ihres Gatten Meisterwerk Parsifal" streitig macht, ist jetzt auch die hohe Geistlichkeit auf dem Plane erschienen und warnt das.Publiium, oder wenigstens den Theil desselben, der auf geistliche Warnungen zu hören geneigt ist. vor dem Besuche des Bühnenweihfestspieles", wie Wagner es nannte. Tiese Herren wollen nicht die Gerichte anrufen, sie wollen vielmehr eine erziehliche Campagne gegen die Aufführung ist' Werk setzen. Ein guter Ansang soll schon getna! sein; wie der Nev. Ä)r. Shearer behauptet, hat ein Mann, der eine Loge für die Vorstellung gemiethet hatte, seine Billette, die ihn 8500 gekostet hatten. zerrissen, als ihm der Geistliche die Augen über den Charakter des Stückes öffnete. Zweierlei haben die frommen Her ren an Parsifal" auszusetzen: erstens ist diese Oper gotteslästerlich und zweitens obscön, zwei Thatsachen, auf deren Entdeckung sie wahrlich stolz sein können, denn all den Tausenden und Abertausenden, die sich in Bayreuth an Parsifal" erbaut haben, war dies bisher völlig entgangen. Das Gotteslästerliche besteht darin, daß das hl. Abendmahl auf die Bühne gebracht wird und daß die Kunststücke des Bühnenmaschinisten als göttliche Wunder gepriesen werden. Jnsbesondere bezieht sich dies auf das wunderbare Leuchten, dasim 3. Akt von dem im Gral enthaltenen Blut Christi ausgeht. Den obscönen Theil liefert, nachdem Rev. Dr. Shearer.z der zweite Akt, in welchem an Parsifal'die Versuchung in Gestalt schöner Mädchen herantritt. Rev. Dr. Shearer ist up to date; er bezeichnet die schönen Mädchen als das Rothe Licht - Heer", und Kundry, die Sünderin, die später bereut und anbetet, als ein vorgeschrittenes Mitglied o:r Zunft vom Rothen Licht". Besonders verdacht wird es der Kundry, daß sie in ein leichtes Gewand von arabischern Stoff" gekleidet ist. Jeder Zweifel daran, daß Parsifal" ein Teufelswerk ist, wird dadurch beseitigt, daß derZAkt mit dem anfechtbaren schönen Mädchen gerade zwischen die beiden frommen Akte kommt. AuS allen diesen Gründen nun müffen fromme Christenmenschen dem Parsifal" fernbleiben. Der Herr Conried hat ein Heidenglück; denn die Sache von den RothlichtZaubermädchen hat gerade noch gefehlt, um die Oper zum Zugstücke für den ganzen Winter zu machen. Conried, der im Stillen seine ungeheuerlichste Freude haben wird über diese neue wirksame Reklame, welche jene puritanischen Herren unbeabsichtigt für ihn machen, hat nunmehr den Herren Shearer und Burrell auf ihre Angriffe bezüglich der von ihm angekündigten Aufführung von Parsifal" erwidere. Er betont zunächst, daß Parsifal" nicht als religiöse Oper aufzufassen, Wagner sie auch nicht als solche verstanden wissen wollte, da Opus viel mehr als BÜhnenfeftfpiel" bezeichnete.

Weiter' thut er dar, daß die von Rev

Shearer citirten Stellen beinahe durch weg falsch und nicht dem eigentlichen Wagner-Libretto, sondern einer freien und zum Theil vollständig uncorrectcn Uebersetzung, oder besser gesagt. Umarbeitung entnommen sind. Dem Bühnenweih - Festspiel liege ein gewisser Mysticismus aus dem Buddhaismus zu Grunde. Nicht außer Acht lassen sollte man die Thatsache, daß die Personen des Dramas nicht wirklich, sondern nur Charaktere einer mittelalterlichen Sage, und der heilige Graal und der Speer Theile dieser Sage, und nicht nothwendigerweise aus der Bibel gegriffen seien. Die Versuchungsscene im zweiten Akt sei eine absolute Nothwendigkeit, da ohne diese das Mufik-Drama überhaupt nicht zustande kommen könnte. Herr Conried erklärt zum Schluß, ihm seien von Präsidenten verschiedener Universitäten Briefe der Aufmunterung bezüglich der Aufführung von Parstfal" zugegangen. Verschiedene , der Geistlichen setzten übrigens ihre Angriffe fort und es scheint, als sollte sich bis zur Erstaufführung eine lustige, fröhliche Hatz von Seiten der Sabbatharier entwickeln.

Die Sympathie unseres Präsidenten, der selber ein Vielredner" ist. mit dem zum Schweigen verurtheilten Kaiser ist sicher so aufrichtig, wie seine prompte Beileidsdepesche besagt. Westl. Post ..Just Zwölf" ist der Titel von einem Dutzend köstlicher JankeeSchnurren aus der Feder des bekannten Feulletonisten Henry F. Urban in New York. ' Das Büchlein, dessen launiger Inhalt in deutschen Zeitschriftcn wie Jugend", Zukunft", Woche", ..Tag" u. A. erstklassigen deutschen Blättern erschienen ist, dürfte sich hier bald allgemeiner Beliebtheit erfreuen. Es ist gegen Einsendung von 55 Cent; von (3. (5. Stechert, 9 East 16. Str., New York, zu beziehen. Kessel-Explosion mit schlimmen Folgen. L a p o r t e. Auf der am ffanka-kee-Jlusse belegenen Farm des Thomas Cole explodirte am Samstag der Keffel einer Maschine. Thomas Eole wurde auf der Stelle getödtet und Wade Cole, George Bowen, Harrald Cole und Tho mas Coil wurden in schlimmer Weise verletzt. Letzterer wurde eine Strecke von über 100 Fuß fortgeschleudert. Ein Pferd wurde ebenfalls getödtet. Vkilippincn-Trnppen Verpflegung. Oberst Alexander, der fungirende Generalkommiffär in den Philippinen, sagt in seinem dem Kriegssekretär erstatteten Jahresbericht, daß viele von den Schwierigkeiten, die sich bisher der Verproviantirung der Armee auf den Philippinen entgegenstellten, überwunden sind und die Truppen jetzt regelmäßig mit frischem Rindfleisch und Gemüsen versehen werden. Das frische Rindfleisch wird wie bisher von Australien bezogen. San Francisco liefert den größten Theil der Artikel für Rationen und viele andere Dinge; Chicago den größten Theil des Pökelfleisches und der Fleischprodukte; New Fork den größeren Theil der Artikel, die an Offiziere und Soldaten verkauft werden. Interessante E n td e ck u n g. Professor Slaby in Charlottenburg, der Erfinder des nach ihm benannten Systems der drahtlosen Telegraphie, hat nach erschöpfenden Experimenten nunmehr jeden Zweifel darüber beseitigt, daß die Oberfläche der Erde, eine wichtige Rolle als Leiter telegraphischer elektrischer Wellen spielt, wofür viele bisher die Luft als den einzigen Leiter angesehen haben. Er konstruirte eine künstliche Erde, welche von äußeren Einflüssen freigemacht wurde, indem er den Boden seines Laboratoriums mit Zink belegte. Er experimentirte dann mit Wellen auf dem Voden, bis seine Theorie bewiesen war. Der sozialistische .Vorwärts" in Berlin hatte die Behauptung aufgestellt, der Kaiser beabsichtige die Erbauung einer Zwingburg nahe Berlin. Es wurden dieserhalb zwei Redakteure. Leid undKaliski. verklagt. Sie hatten viele hervorragende Leute aus der Umgebung des Kaisers aus den Zeugenstand bringen lassen; aber Alle versicherten, daß sie von einem derartigen Plane nie das Geringste gehört hätten. Leid wurde in Folge dessen zu neun Monaten. Kaliski zu vier Monaten Gefängniß verurtheilt. Eine Geschichte des Vnr e n k r i e g c 5 zu schreiben, ist dem britischen G:n?ralmajcr Sir Fred?rick Miurice aufgetragen worden. Ein S e k t p f r'o p f e n. Ux allen Anforderungen genügen soll, komt den Fabrikanten auf etwa 4j s "zu stehen, da man hierzu nur die z.eugnlZie der Korlstopseltndutnd:n kann.

icüc unter ltx lUmicn".

Ekizze von S. Hoechstetter. Er sagte: Kennen Sie, das Bild von Vrune-Jones, Love arnong the rains"?" Wie sollte ich," antwortete sie, wie sollte ich ein Bild kennen, das in einer Galerie in einem Lande hängt, das ich niemals betreten habe." Nun. so will ich Ihnen das Gemälde beschreiben: ein prächtiger Palast ist in Trümmer gesunken gerade so viel in Trümmer gesunken, daß man noch sieht, wie kostbar einmal das Bauwerk gewesen ist. Gebrochene Säulen liegen in wildem Rosengestrüpp, und dahinter steht noch der Torso des hohen Hauses. Born aber, neben den gestürzten Säulen und den Rosen, sitzen zwei Liebende. Eine Harfe ist ihr Gefährte. Wissen Sie. Dorothee, der Künstler hat das fast allen Frauen Eigenthümliche in dem Gesicht des Weibes ausgedrückt, die vage Furcht vor dem, was ihr Gefühl als ein unheilvolles Symbol deutet. Mit angstvollen Augen sieht sie vor sich hin: sie, zittert um eine Liebe unter Ruinen. Es weht etwas um sie von dem Gedanken" Sie Transit gloria mundi". Stark und seiner Krast sich bewußt aber ist der Mann neben ihr. Er weiß: zwischen mir und dem Tod kann nur ein Augenblick sein. Aber ich brauche nur zu wollen, und aller Ewigkeiten Fülle und Dauer liegt mir in dem Augenblick. Dorothee V Sie stand auf und blickte über das herbstliche Land. Ich kann mir das Bild wohl den-, ken. Wissen Sie, was am Rand der Harfe steht, so undeutlich, so verwischt, daß des Mannes Auge es nicht sieht, daß nur die Frau es weiß, weil sie so oft ihr Gesicht an das kühle Holz gelegt hat wissen Sie, was da steht?" Nein. Dorothee." Da steht ein altes Lied, und wenn Sie wissen wollen, wie es beißt, so gehen Sie hinunter in den Friedhof zu Robert Halters Grab." Er schwieg. Er lag unter dem Nußbaum auf halber Höhe des Hügels und hörte fern, über sich, hinter sich, den Herbstwino rauschen. Er wartete, wie jeden. Tag. Und da kamen die beiden Frauen den Vergweg herunter: die Großmutter mit den vollen weißen Haaren, die ein Spihentuch nur halb verhüllte, die gebeugte alte Frau mit dem Krückstock in der einen Hand, die andere auf den Arm dernkelin gelegt, der Enkelin mit dem hoffnungslosen Ausdruck in den schönen Augen. Beide trugen sie die Zeichen der Trauer. Beide gingen sie hin naa) dem Kirchhof, zu dem Erbbegräbniß, über dem die Worte standen: liien ne nous roste que notre douli'iir!" Der unter dem Nußbaum lag, dachte: warum bin ich nicht ciferfüchtig auf jenen Ncbcrt, der sie als Kind nahm und so bald ihr nichts mehr ließ, als den Kult verwehenden Leides warum denke ich nur, du liebst die Melancholie, Dorothee. weil noch Niemand da war. der das Instrument deiner Seele auf einen anderen Ton stimmen konnte. Und er lächelte. Pans Flöte sollte wieder klingen. Dorothee, in diesen Wochen, die ich nun hier bin, in dieser Zeit, seit mich ein Zufall zu der fernen alten Verwandtin führte, sind Sie und ich einander näher getreten, als es die Verwandtschaft vierten Grades, die zwifchai uns liegt, an sich mit sich brächte. So lassen Sie mich einmal als Freund zu Ihnen sprechen. Warum schließen Sie sich an diesem einsamen Ort ab von der Welt?" Sie sah fast unwillig auf ihn. Soll eine Wittwe vielleicht zum Tanz gehen? Das Leben hier ist für mich abgeschlossen " Das Leben hier? Wie? Verzeihung, ich verstehe, was Sie meinen. Ich taste Ihren Glauben an ein Leben nach dem Tod nicht an, Dorothee. Doch Sie wissen wohl, nach den Worten der Bibel wird im Jenseits keiner mehr einen anderen als Eigenthum besitzen, noch sein Eigenthum sein. Wunschlos und begehrlos sind dann alle. Lassen wir das bestehen. Aber ich denke, für unsere Handlungen entscheidend kann es nicht sein. Denn nichts ist mit unumstößlicher Gewißheit unser, als diese fest umgrenzten Erdentage. Sie auszufüllen als Gebende und Nehmende, ist nicht nur ein Gebot der Ethik, der Vernunft, es widerspricht auch keineswegs den Gesetzen des Glaubens, denn Gott will, daß der Mensch mit seinem Pfund wuchern soll." Er machte eine Pause. Er war ordentlich eitel darauf, eine solche Rede zu Stande gebracht zu haben. Als Gebende und Nehmende das Leben ausfüllen," sagte sie. ja, ich bin doch bei der Großmutter und thue für sie, was ich kann." Und wenn sie einmal gestorben sein wird " Sie meinen, man müsse sich etwas für alle Fälle reservirt haben?" Sie sagte es mit stillem Hohn. O nein. Gott lasse der Großmutter noch viele Jahre. Aber glauben Sie wirklich, was Sie ihr geben, ist das einzige, was Sie überhaupt zu verschenken hätten?" Da erröthete Dorothee. Und er sah, daß seine Worte sie er

regten. So schwieg Ur. Denn er

dachte, tcy oars nocy mc&t personncy werden, ich muß sie erst dem Leben wiedergeben, ehe ich etwas für mich von ihr will. Denn das muß restlos sein, und sie soll nicht von einem Anderen, sondern von neuem Leben zu mir kommen. Er streifte draußen im Land uNlher, oder er ging durch die stillen Gärten der Besitzung, wenn er nicht bei den Verwandten war. Er liebte diese weichen, ruhiger: Herbsttage, über denen noch fern, noch erst wie eine Ahnung, das Brausen später Stürme geht. Er hörte auf den surrenden Ton der Weinranken, die ein kleiner Luftzug gegen das Geländer warf und er sah auf die bunten, überschwenglichen Herbstblumen. Er dachte, es ist die Zeit, da alles reift, da die süßeste Frucht reift inmitten des Vergehens der Natur. Und er dachte an ihr schmales, feines Gesicht, neben dem ihm die Wittwenkleider schienen wie eine thörichte Laune der Natur, die eines Kindes Jugend in Schmerz verhüllt. Eine Wittwe Wie hätte er je gedacht, daß er eine Wittwe zum Weib wollte. Ach Wirklichkeitsnarrethei schien ihm ihr Wittwenthum, nicht belangvoller schien es ihm, als das kleine Mädchen, das er einst für seine erste Liebe gehalten, und an die er nun lange, lange nicht mehr dachte. Und er lächelte vor sich hin: nur ein wenig Arbeit noch, nur ein wenig Zeit und das Leben würde siegen. Wieder hatte er eine Unterredung mit ihr. Dorothee seit Jahren trauern Sie um einen Mann von dem Sie kaum noch mehr zu sagen wüßten als daß er geduldig, zart und leidend war. Sie haben sich eingeschlossen mit der Großmutter bei der er lebte. Sie hatte ein vollaenossenes, ausgekostetes Glück hin ter sich, als sie für immer die Wittwenkleider anlegte. Sie sind jung, einundzwanzig sagt man mir. Wollen Sie Ihr Leben einem Todtenkutt weihen? Wollen Sie Ihr Leben nutzlos verrinnen lassen?" Ich habe die Erinnerung." Die Erinnerung. Ja. Aber giern ben Sie mir, wer so geliebt hat, dafj sein Herz todt wurde für neues Erleben, der feiert nicht einen Kult deZ Schmerzes. Können Sie sich denken. daß Romeos Julia und Goethe's Werther in schwarzen Klagegewändern, den Erinnerungen lebend, still und resignirt durch ein Menschenaller gingen? O nein, Dorothee, wer als Julia geliebt hat, der entsagt, wenn der Geliebte stirbt, nichts anderen., nichts klei nerem als dem Dasein selbst. Muth haben, das Leben weiter zu tragen, beißt Muth zum Glück haben, Dorolhee." Unruhe lag auf Dorotheens Gesicht. Und sie gingen miteinander hinaus in den Wald. Diese geklärte, ruhige bethörende Lust des Herbstes umgab sie. Und nur von ferne klang der Wind, der die Ahnung künftiger Stürme in sich trägt. Dorothee pflückte von den kleinen Blumen, die am Weg standen mit Händen voll Thymian ging sie neben ihm. Er sprach nicht viel. Er lächelte nur. Und einmal bog sie den Kopf nach ihm zurück und sagte: Ich habe es lange nicht mehr gewußt, wie schön doch alles um uns ist. Mir kommt es vor, als hätte ich so viel schwere Zeit nur geträumt." Er lächelte und suchte ihre Augen. Rosen blühen um die Frau, die zwischen den Ruinen sitzt. Und wissen Sie nun, was auf der Harfe steht? O ich weiß auch einen Spruch, Dorothce, Sie müssen nicht denken, schöne Worte seien nur Ihnen bekannt." Was soll dort stehen?" fragte sie mit eifriger Neugier. Nur wo Gräber sind, gibt es Auferstehungen." Was ist das für ein holdes Wort," antwortete sie. Und er dachte, wie schön ist sie, sie scheut sich mcht zu sagen, ein holdes" Wort. Als er am Abend in seinem Zimmer saß, sah er sie unten noch durch den Garten gehen, und er hörte, wie sie mit halber Stimme ein altes Lied sang. Er frohlockte in seinem Herzen. Bis in den Mittag hinein schlief er denn er war sehr jung. Eilig lief er nun in die Wohnstube hinunter. Er fand Dorothee allein er fand sie strahlend und heiter. Was ist Ihnen widerfahren, Dorothee?" fragte er, und seine Stimme war bewegt. Sie antwortete: Vetter Clemens, Ihnen danke ich es wohl, was ich nie mehr zu hoffen wagte. Sie sind es, der mich die Lebensfreude wieder gelehrt hat. Sie haben mich wieder jung gemacht." Er ergriff ihre Hand und sah sie freudig, erwartend an. Sie lächelte abwesend: Und so sollen Sie der erste sein, der es weiß: da ist ein Jugendfreund, der mich lange bat, ihm etwas zu schreiben. Und nun habe ich es gethan."

Dienstbotenelend. Hausherr: Wie lange sollen wir noch aus das Mittagessen warten die Köchin liest gewiß wieder. Hausfrau: Ja, und bevor sich die Helden in ihrem Roman nicht kriegen, werden wir unferen Braten nicht kriegen.

Die (Tante. Von Wilhelm Ckcl. Schreckgespenst meiner Jugend hebe Dich hinweg! Oder vielmehr kommc herzu, daß ich Dich fassen und schildern und mich so von Dir befreien tonn. Wie viele Tanten gibt es? Wer hat gezählt? Ich weiß es nicht, arer man müßte eine strenge Unterscheidung machen können zwischen echten und falschen Tanten, kleine Idiosynkrasie gegen die Tanten ist eigentlich meinem Wahrheitsbedürsniß entsprungen. Man lächle nicht es ist doch so. Als ich noch ein kleiner, sehr kleiner Junge war, wurde mir jedes Wesen weiblichen Geschlechtes, das innerhalb meines Horizontes austauchte, als Tante vorgestellt. Willy, mit der Dame mußt Du sehr lieb und freundlich sein, das ist eine neue Tante." So hieß es jedes Mal. Die Zahl der Tanten war ungeheuer. Von der Welt hatte ich ungefähr folgenden Begriff: Die Bevölkerung eines Landes setzt sich zusammen aus Männern, Dienstboten und Tanten. Bald hatte ich es heraus, daß man mir mit Qn Tanten" etwas vorgemacht hatte. Das kam so. Ich war gerade in der zweiten Volksschulklasse und ein recht toller, dummer Junge. Von den zahlreichen Tanten, die mir zu jener Zeit das Leben verbitterten, war mir Tante Czapp am meisten verhaßt. Vor Allem war sie alt und häßlich und ich habe schon in der Jugend einen ungestümen Schönheitsdrang ebenso wenig unterdrücken können, als ich die Jugend auffallend dem reiferen Alter vorzog. Tante Ezapp hatte eine dicke Nase, am Kinn eine große, mit langen weiße Haaren besetzte Warze und trug Somwer und Winter einen großkarrirten Shawl um die Schultern. Sie lebte von einer kleinen Penston und hatte also keinen anderen Lebenszweck, als für die Verbreitung der wichtigsten Neuigkeiten zu sorgen. Jedes Mal kam sie wie eine Bombe in unser Haus und platzte schon bei der Thür. Sie hatte längere Zeit in Hamburg gelebt und jedes s", das sie aussprach, wirkte wie ein vergifteter Dolchstoß. Unsere Feindschaft entstand auf folgende Weise. Eines Tages stürzte sie zur Thür herein und das Tratschdynas mit fing beim Anblick meiner lieben Mutter sofort Feuer und explodirte. Was sagen Sie, Frau Nachbarin, zur Frau Obermüller? Seit ihr Sohn im Concert mitgespielt hat. ist ja mit ihr nicht mehr zu reden. Sie bläht sich wie ein Frosch auf ich sage Ihnen wie ein aufgeblasener Frosch und kräht ja förmlich wie ein Hahn." Ruhig saß ich gerade über meinem Sprachbuchc, in dem einige Abzugbilder eben meinen Geist intensiver beschäftigt hatten, als di: gegenwärtige und mitvergangene Form. Aber diese Neuigkeit brachte mich außer Rand und Band. Eine Frau, die sich wie ein Frosch aufbläht und wie ein Hahn kräht! Das mußte ich mit eigenen Auccn sehen, mit eigenen Ohren hören. Leise und ruhig schlich ich mich hinaus, als ob es sich um alltägliche geringe Dinge handeln würde. Nasch eilte ich über die steile Treppe hinunter und galoppirte förmlich über den Hof zur Frau Obermüller. Der Junge war mein College und so war der Besuch nichts Auffälliges. Meinen Freund" traf ich nicht zu Hause, aber die freundliche Mutter kniff mich liebevoll in die Wange und wollte wissen, was mein Begehr sei. Da faßte ich mir ein Herz und gestand ihr, ich hätte vernommen, sie könne sich wie ein Frosch aufblasen und wie ein Hahn krähen, das möchte ich für mein Leben gern einmal sehen und hören. Meine Mutter könne so etwas nicht. Wer hat Dir denn diesen Bären aufgebunden. Du närrischer, Bub', Du?" Die Frau Czapp hat's soeben meiner Mutter erzählt. Nach dem Conccrt, wo mein Freund Oskar gespielt hat, haben Sie sich wie ein Frosch aufgeblasen und haben dann gekräht wie ein Hahn." Frau Obermüller wurde damals so purpurroth und ihre Augen quollen so weit aus den Höhlen heraus, daß ich wirklich glaubte, die Nachbarin beginne sich wie ein Frosch aufzublasen. Dann krähte ja krähte sie einige unverständliche Worte und wies mir die Thür. : Schon am selbigen Abend erdröhnte der weite Hof unseres Hauses von den Schlachtrufen der streitenden Tanten. Alle Stimmen übertönte jedoch Tante Czapp's tiefdröhnender Commandobaß, vor dem selbst ihr seliger Gatte, ein Steuerexecutor, geflohen war. Ich hatte wenig Grund zum Lachen. Als schuldtragender Theil wurde ich von meiner Mutter unter Assistenz der Tante, die mich am liebsten gebraten den erzürnten Göttern zum Opfer gebracht hätte, streng bestraft und eine Periode schwerer Tage begann nun für mich. Denn Tante Czapp ließ keine Bombe mehr platzen, bevor sie mich strenge controllirt hatte. Meine Bücher wurden' durchgesehen, meine Aufgaben kritisirt. Hast Du nichts zu lernen fauler Slingel?" zischte sie, wenn ich ein Gesprach belauschen wollte. Mar zu Deinen Büchern!" O wie ich sie haßte. Mit kaltem

Blute hätte ich ihr eine Falle stellen können, wie sie die Jäger den wilden Thieren vorbereiten. Ich überstand diese Tante wie. man ja schließlich jede Tante übersieht. Ein freundliches Geschick führte sanftere Frauengestalten in meine Nähe und ich fand dieselben manchmal gar nicht so übel. Die Zeit verwischte mit leisem Finger die Spuren der traurigen Erlebnisse und selbst Tante Czapp lcbte in meiner Erinnerung als ein Endproduct jener süßen Früchte, die uns schmachtende Jünglinge gar zu häufig verlocken anzubeißen. Plötzlich fing jedoch Tante Czapp wiederum an, in meinem Leben eine verhängnißvolle Rolle zu spielen. Ich wurde Arzt und begann eben den dornenvollen Pfad zu beschreiten, der in jenes Reich führt, das die Mitwelt mit feiner Ironie nach einem lateinischen Wahrworte rraxis aurca" nennt. Aurca heißt nämlich die goldene, worunter unter den jetzigen Verhältnissen selbstverständlich Talmigold zu verstehen ist. Auf diesem, wie erwähnt, dornenvollen Pfade kam mir das Schreckgespenst meiner Jugend in einer ganz neuen Species als medicinische Tante entgegen. Es war bei einem meiner ersten Fälle. Zitternd und an meinem Können verzagend, untersuchte ich ein brüllendes, mit den Füßen stampfendes und im Bett sich hin und her werfendes Kind. Wie ich nach einer mühseligen, eine halbe Stunde dauernden, übergründlichen Untersuchung constatircn konnte, hatte sich das Kind durch den Genuß von einigen Zwetschgenknödeln, Zwei Aepfeln, einer Handvoll Zuckerl u. s. w. etwas den Magen überladen. Kaum hatte ich den besorgten Eltern diese scharfsinnige Diagnose mitgetheilt, als eine bisher von mir unbcachtete Dame das Wort ergriff: Glauben Sie nicht, Herr Doctor, daß dies ein verschlagener Lungendampf ist und daß man dem Kinde eine Talgkerze auf's Bäucherl legen soll?" Für einige Minuten war ich sprachlos. Dann versuchte ich naiver Mensch mit der ganzen Geistesschärfe moderner Wissenschaft der Dame, die mir von den Eltern als Tante vorgestellt wurde, das Unlogische ihres Ausspruches nachzuweisen. Da kam ich aber schön an. Ein unLufhaltsamerNedestrom, gewürzt durch zahllose medicinische Beispiele eigener Erfahrung, ergoß sich über meinHaupt. Und noch am selbigen Abend wurde mir brieflich bedeutet, ich hätte nicht mehr nöthig, mich zu bemühen, dem Kinde gehe es sehr gut. man werde mich schon wissen lassen, wenn es nöthig sein sollte. Ich bin nie wieder in dieses Haus gerufen worden, aber ich habe auch nie mehr im Leben einer Tante widersprochcn. Sagt irgend eine Tante: Glaubcn's net, Herr Doctor, daß das Wasser vom G'hirn sich in den Fuß g'fetzt hat?" so sage ich drauf: Es kann schon sein, so ähnlich sieht's aus, ich glaube aber doch, daß es eineJnfluenza ist." Sagt die Tante: Glauben Sie nicht, Verehrtester Doctor, daß in diefern Falle eine Abkochung von Ziegenstank und Mistkäfern amPlatze wäre?" so antworte ich mit größter Seelenruhe: Man sieht, daß Sie eine erfahr rene Frau sind, das Mittel ist sehr gut, ich möchte aber doch mit Ihrer gütigen Erlaubniß in diesem Falle mein Glück mit der Salicylsäure versuchen." Alles Böse in Deiner Praxis kommt,, von irgend einer Tante her. Wird ein anderer Arzt hinter Deinem Rücken gerufen, oder verlangt die in ihrem Vertrauen erschütterte Familie bei jedem Insektenstich ein Consilium mit einem Professor, wird ein Medikament verkehrt verabreicht, findest Du den Kranken außer Bett, wo Du ihm bestimmt aufgetragen hast, noch eine Woche im Bette zu liegen, forsche in allen diesen Fällen genau nach und Du wirst sehen, daß alle Spuren zu einem Ziele führen: Zur Tante. Und auch diese Tanten sind selten waschecht, sind meistens Pscudotanten. - Die echte, liebe Tante mit ihren mit Bonbons gefüllten Taschen, dem liebevollen Herzen, der offenen, freigebigen Börse und der riesigen Erbschaft, ist lcider im Aussterben begriffen. Schon sehe ich den Moment herankommen, wo man sie in zoologischen Gärten als tu nes der letzten Exemplare einer aussterbenden Species anstaunen wird. Um den Hals wird sie ein Täfelchen tragen mit der Inschrift: Vermodert, bitte nicht zu berühren. Die falsche Tante jedoch wird der gruselnden Nachwelt nur in Folterkammern vorgeführt werden. Ihr Platz ist hinter der eisernen Jungfrau. Aber im Gegensatz zu dieser wird sie innen ausgestopft sein und nach außen zahllose Stacheln tragen.

JmhochstenZorn. Junger Ehemann (der nach der Hochzeit die Mitgift zählt): 'Früher waren ja in dem Paket lauter Tausendmarkscheine und jetzt hat sie der Schwiegervater mit Hundertmarkscheinen vertauscht, na so ein Mit Giftmischer!" Schlau. Schauspieler: Wie können wir denn das Stück geben, das hat ja fünf Akte und wir haben doch nur für zwei Akte Dekorationen?" Direktor: Macht nichts. Nach dem zweiten Akte schreien wir Feuer", da läuft dann das ganze Publikum davon."

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