Indiana Tribüne, Volume 27, Number 38, Indianapolis, Marion County, 6 October 1903 — Page 6
Jttdiema Tribüne, . Oktober 1903.
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Der SpiizKorgengast. (Schluß von Seite 5.) Ach, Sie müfien kommen, meines wegen! Wenn Sie nein a?n, so gehe ich auch nicht " Die Argumente wollten sich für Janua gar nicht finden, und als sie eine Weile darauf zusammen draußen im Korridor standen, hatte Ulsrud ihr versprechen, daß sie kommen wolle. Um acht Uhr sollte er sie abholen. So ging er. Sie stand allein im Zimmer und dachte "darüber nach, ob sie auch die Francaise noch könne sie hatte sie ja im Sommer auf Osnaes gelernt. O ja! Und jedenfalls war Ulsrud der Mann, um für sie Beide aufzupassen. Taß er von seiner Dame," seinem Urtheil" gesprochen hatte, daß er nicht ohne sie gehen wollte das gab ihr ein so wunderbares Gefühl um's Herz herum, und sie lächelte unbewußt dazu, wie sie dastand und nachdachte klein, zierlich, das rothe Haar glatt und fest an den weichen, blassen Wangen heruntergekämmt. Ach, da war der Vater! Um diese Zeit es war doch noch nicht Mittag und grade während des Löschen! Janna!" rief er an der Treppe. Hier. Vater!" Er sah böse aus. Tu mußt bis ein Uhr mit dem Mittagessen warten. Und dann gib mir den besten Stock." Mußt Di. in die Rathsversammlung?" Nein, ich will zum Anwalt. Tie Leute wollen Seegericht über mich ansetzen. Ist das möglich?" Ja bahaba! Aber sie sollen es nur mal versuchen!" Aber warum denn. Vater?" Weiß ich's? Frag Teinen Freund, ihn den Jörgen Lolstad, der hat's so weit gekrackt!" rgen ?" iJa. der! Aber jetzt soll es auch das letz:e Mal gewesen sein, daß ich den Sckilars mit in's Eismeer nehme da mag ibm der Teufel einen Knoten davor fctlcen!" Tann füite er, mehr für sich selbst, binzu: Hbe immer so guten ElautYt T r - Tr ( A'Tt U.l 4.Ct fc Ul....l, ... i Cill 0 - t?" f " : " 0V4 f Ut.tk k.t. sr -t y .S f.-'. sO-i f "T7r . ... V. -H.l tf tS YP - - ttV t L t.'. I.... o- ' Ur . ..S- v ? " M v " P kll .. . . . i. .IV ViV;t. T. r ?Z' v i- f f c CiC Uii4,C trC.. ..., -.. u..fll.C rff rfs. " - -- TT?ef l. -... i .... Vi--i . a.jii, t C I ' ser, bo!:e Te-er err:r c, da hatte sie ja ganz r;rt??r., den Lratsisch mit Mebl zu be':r?:n. Ach nein, sie ba:t: doch gar keine Lust, heule Abend zu tanzen! Janna. Janna'" rief es da athemlos in der Küchenthür, wir haben halb frei bekommen, und ich habe dreimal Nummer eins gehabt, im Norwegischen mündlich, im Rechnen und im Tiktat!" Sigurd Vastian wurde plötzlich ganz verblüfft mitten in seinem Jubel. Seine große Schwester stand da mit Thränen in den Augen und sah ihn wie geistesabwesend an. Indessen, um acht Uhr trippelte sie doch davon in den Klub, an Ulsruds Seite, der sehr unterhaltend, sogar intereant war. Keins von ihnen merkte, daß, schon seit sie bei Peter Jensen um die Ecke bogen, ein halbbetrunkener Bursche ihnen folgte, bis die schwere Thür des Klubgeöäudes sich hinter ihnen schloß. Ter Bursche blieb stehen und lehnte sich an die Wand, während ein Paar nach dem andern, Herren im Cylinder und Tamen mit raschelnden Seidenkleidern und dem Schimmer von etwas Weißem unter den langen Mänteln hervor, durch die Thür verschwanden, die dröhnend hinter ihnen zuschlug. Oben fiel strahlendes Licht aus allen Fenstern und man hörte auch ein schwaches Summen von Stimmen; immer mehr Leute traten in die Thür, zuletzt aber nur noch einige einzelne Herren. Und dann begann oben die Musik, die man halbklar vernahm, mit vereinzelten starken Taktlauten. Ter Angetrunkene ging auf die andre Seite der Straße und sah hinauf zu den Fenstern mit den weißen Zuggardinen. Schatten von Schultern, ab und zu ein Kopf, der sich zu einem andein hinbeugte, schwebende Gestalten, hastig und unbestimmt, zeichneten sich gegen die Gardinen ab, während die
Tanzmelodien mit plötzlichem Brausen zunahmen, um dann wieder Ieije hinzu sterben. Es war todtenstille in den Straßen, als er davonschwankte. Tie festen Tritte seiner Stiefel gaben einen Widerhall zwischen den schlaftnden Häusern, und unter jeder brennenden Gaslaterne tauchte in langen Zwischenräumen die unsichere Gestalt aus dem Dunkel auf. Dann war es ganz stille, und der Nachtwind blies in die Laternen; hin und wieder drang hinter einer farbigen Gardine der Schein einer Nachtlampe hervor; vom Hafen her klang Ruderschlag durch die Stille, und weithin vor der Stadt bellte ein Hund. Die Sterne schienen wie Punkte durch den Schleier des Frostnebels. A Da hörte man Lachen und Lärmen vieler Stimmen, laut, heiter, ausge lassen die schwere Thür des Klubhau ses krachte, es dröhnte von vielen ra ,schen Schritten auf den Pflastersteinen, man hörte Abschiedsrufe, es wimmelte von eingehüllten, frostzitternden Balldamen und animirten Lerren mit dem
Cylinder auf dem Kopfe und schmutztgen weißen Handschuhen, die vorwärts eilten in laut schwatzenden Schaaren oder flüsternd zu zweien. Die letzte Gruppe war die lärmendste und die am wunderlichsten zusammengesetzte. Ulsrud von Jynge war dabei, weil er unter keiner Bedingung Janna Jakobsen allein mit Karl Grögaard lassen wollte, der ihr den ganzen Abend so unverschämt den Hof gemacht hatte. Gokstad, der ein eigenes Geschäft hatte, war auch dabei, folglich auch seine Dame, Olga Baldriansen; Fräulein Kleve war böse auf Karl Grögaard und zwang darum, des Aussehens wegen, Peter Beeren an ihre Seite. Und übermäßig laut, den verschiedensten Gemüthsstimmungen Ausdruck gebend, bewegte sich die Gesellschaft vorwärts. Karl Grögaard hatte viel Punsch und zuletzt Champagner getrunken und drängte Janna Jaioösen, seinen Arm zu nehmen; er redete fortwährend, war unglaublich witzig, lachte und salbadere; der Andere mischte sich gewaltsam in die Konversation und verlor die Beiden nicht einen Augenblick aus den Augen, deren Unterhaltung durch Lachen und Ausrufe übertönt wurde. Nur Gokstad und Olaa Baldriansen gingen schweigend dahin, mit dem süßen Bewußtsein, daß sie sich in feiner Gesellschaft befanden. Oben an Jynges Ecke, wo Ulsrud wobnte, stand ein ganzer MenschenHaufe, theils Ballgäste, theils Nachtschwärmer. und mitten drin sah man den glänzenden Helm eines Polizisten. Was ist los?" fragte Karl Grögaard mit gemüthlicher Vertraulichkeit den Konstabler. Ganz an die Hausmauer gedrückt stand ein offenbar betrunkener Mann, finster vor sich hin starrend. Ach," antwortete der Konstabler es ist der Sohn von Sivert Bolstad." Er will Ulsrud erwürgen." erläuterten die Umsiehenden. Ja." fuhr der Konstabler fort, so sagt er wir fanden ihn hier mit dem blanken Tolchmesser, und nun will er nicht mit auf's Rathhaus. Ich fürchte mich vor dem abscheulichen Messer." In des Kuckucks Namen, laßt mich gehen!" rief der Betrunkene und wollte sich fcinausdränaen. Ach Gott, ach Gott!" flüsterte es in tiefster Verzweiflung an Karl Grögaards Seite; Jannas Arm löste sich aus dem seinen, sie brach sich einen Weg durch die Zuschauer und kam auf den Mann zr. Nehmen Sie sich in Acht, Jungfer Jakodsen," sagte der Konstabler und wollte sie an der Schulter zurückhalten. Sie aber riß sich los und rief mit wirrer Stimme: Er ist mein Liebster, laßt ihn gehen, gebt ihn mir!" Sie ging dicht an ihn heran, warf sich vor ihm auf die Kniee und fchlang ihren mit dem hellen Sämmtärmel bekleideten Arm um seine Beine. Jörgen. Jörgen, mein Jörgen, komm und geh mit mir heim, komm, ich werde Tir helfen!" Es war eine wunderbare Stille um sie her. Karl Grögaard versuchte zu lachen, aber Da klirrte es auf den Pflastersteinen; es war das Messer, das hinfiel. Niemand konnte in der Dunkelheit erkennen, was zwischen den Beiden vorging; nur ein wunderliches Schluchzen ließ sich hören. Janna war aufgestanden und sagte nun mit ruhiger Würde: Komm jetzt, Jörgen, komm!" Die Menge theilte sich, um sie hindurchgehen zu lassen; sie stützte Jörgen mit dem einen Arm, der Mantel öffnete sich und das gelbe Kleid mit der Sammttaille kam zum Vorschein. " Sie verschwanden in der Dunkelheit und tauchten erst wieder auf im Lichte der Laterne, an Schiffer Jakobsens Hause. Unten an Jynges Ecke waren nur noch zwei Straßenjungen zurückgeblieben, die sich um das Messer schlugen, das sie gefunden hatten. Am andern Morgen wurde Schiffer Jakobsen von Janna geweckt: Vater, Jörgen ist unten im Zimmer, er möchte Dich sprechen." Jakobsen fuhr so rasch aus dem Bette, daß Janna sich beeilen mußte, aus dem Zimmer zu kommen. Hahaha! Ja, nun wollen wir wohl" Jakobsen kleidete sich an, doch nur
oberflächlich; es war ja hier nicht viel mehr nöthig als seine beiden Fäuste. Eine ordentliche Tracht Prügel sollte das Jüngelchen haben, dann konnte er mit seinem blauen Rücken zum Polizeidirektor oder zum Stadtvogt gehen und erzählen, daß er Prügel gekriegt habe von seinem Herrn und Schffser! Unten im Zimmer stand Jörgen allein. Janna hatte das Sofa, auf dem er die Nacht gelegen, wieder tn Ordnung gebracht und dann war sie eine Weile bei ihm drin gewesen, ehe sie zum Vater hinauf ging. Er war bleich, der arme Junge, wie er so dastand und m den grauen Mor gen hinaus sah; aber das kam nicht vom gestrigen Rausch denn so arg be trunken war er gar nicht gewesen, nur Eher war es von all dem, was Janna ihm jetzt gesagt und was sie gestern Abend gethan hatte vor den Augen all der feinen Damen und Her un! Ja und nun erwartete ihn der Schiffer. Grade als es auf der obersten Trep penstufe krachte, kam Janna wieder herein.
Nun mußt Du mir die Hand geben. Jörgen, so Pflegen sie es zu machen!" Schiffer Jakobsen schlug die Stubenthür schwer hinter sich zu seine Hemdärmel waren hoch aufgestreift an den mächtigen Handgelenken. Na. Jörgen was giöt's denn?" Nun hatte ja Schiffer Jakobsen seine Tochter Janna immer als ein ganz besonderes Mädchen angesehen aber daß
sie da so Hand in Hand stand mit dem Schlingel, der ihren Vater Guter Schiffer Sie muuen entschuldigen" Nun drückte- Jörgen Jannas Hand so gewaltig, daß es dem 'rr . i. r! c H W. , sjCC lVHisser pioyiicg uuiq) ueu vsiuu ujuj, er habe vielleicht auch die Absicht, seiner Tochter ein Leids anzuthun und so war er schon mit seiner Faust bereit. Nein, nein. Vater, merkst Du denn nicht" Nein. Schmer Jakobsen merkte gar nichts! Und Janna lächelte so wunderbar. Aber nach und nach wurde es Schiffer Jakobsen doch klar, daß hier seine derben Schifferfäuste überflüssig waren. OQOf&'i os 00 0 ? OK) tot O30 I Prinzch Gisk" 8 ' 8 O Vovclle von 0 Clara EyscU.SiUbnrger ö O ?00000JC000000 v; (Schluß.) irite zelgtt viel gmen willen, ciqe Auffassung sich anzueignen, und war auch tagsüber ganz zufrieden. Wenn aber der Abend kam und sie hinaus mußte vor das Publikum unter das elektrische Licht, auf den großen, mit rothem Tuch benagelten Tisch, der für sie das Podium bildete, zog sich ihr das Herz zusammen dor Angst und in heißer Scham. Sie war nun siebzehn Jahre alt und hatte in den letzten Iahren keine Zunahme ihrer Größe gezeigt, zur großen Genugthuung ihres Impresario. Aber innerlich war sie gewachsen, und dieses Preisgeben ihrer Person, die Spekulation mit ihrer jämmerlichen Zwergenhaftigkeit schnitt ihr jeden Abend auf's Neue in's Herz. Darüber vermochte es sie nicht zu trosten, baß das Publikum sie entzückend" und reizend" fand, ihr Blumen, Näschneien und kleine Schmuckstücke heraufreichte, und daß die Zeitungen von ihr rühmten, unter allen Zwerginnen, die man je gesehen habe, sei Prinzeß Elise die ebenmäßigste und am meisten wohlgebildete. Zu thun hatte sie vor den Leuten nicht eben viel, im ihre kleine Person zu zeigen, sich zu verbeugen und Patschhändchen zu reichen," ganz wie es von Herrn Jrmisch vorausgesagt worden war. Bald steckte sie dabei, in dem schleppenden Seidenkleid einer Weltdame und hatte nur graziös den Fächer zu handhaben und die Schleppe zu raffen; bald hatte sie im kurzen Ballerinenröckchen einige harmlose Pirouetten zu schlagen. Mit dem Liedchen singen" war es freilich nichts, denn ihre Brust war zart und bedürfte gcöß. ter Schonung; dafür wurde ihr aber eine puppenhafte Mandoline gebaut, auf der sie einige Griffe that, wobei sie in ein italienisches Voltskostüm gekleidet war. Das ließ sich bequem und leicht erlernen; und es genügte auch dem Publikum, das eben nur das kleine Wesen in irgend einer Leöensfunktion sehen wollte, um sicher zu sein, daß man ihm nicht am Ende eine Puppe vorsetzte. Herr Jrmisch kultivirte das Sonderfach der abnormalen Menschenkinder. Einmal wurde Prinzeß Elise diesen Namen hatte sie auch in der Oeffentlichkeit beibehalten zugleich mit der Frau mit dem Kaninchenkopf." einer scheußlichen Mißgeburt, ein anderes Mal mit dem General Sam, dem größten Mann der Welt," vorgeführt. Auch vor den höchsten Herrschaften durfte sie sich produziren. Eine wirkliche Herzogin nahm sie auf den Schocß und schenkte ihr, entzückt von ihrer Zierlichkeit, ihre eigene Tuchnadel, die von nun ab als Gürtelschnalle an den kleinen, kostbaren Damentoiletten funkelte. Nachdem Prinzeß Elise," die kleinste Dame der Welt," fast zwei Jahre lang der unbestrittene MittelPunkt von Herrn Jrmisch' sämmtlichen Attraktionen gewesen war, schien dessen Interesse plötzlich auf andere Bahnen gelenkt zu sein. In seinem Fachblatt hatte er von einem Zwerg gelesen, der, wenn der Bericht nicht log, nur um ein paar Centimeter größer als Elise und ungefähr mit ihr im gleichen Alter war. Wie ein Wunder mußte es erscheinen, daß dieses Menschenkind bis jetzt durch das Leben gewandert war, ohne in die Hände eines erstklassigen Unternehmens zu fallen, wie Herr Jrmisch einer war. Sofort stand sein Plan fest. Diesen Prinzen Laurin," wie er ihn eigenmächtig und unbesehen umtaufte, mußte er für sich gewinnen; di: beiden kleinen Leute würden sich zusammen produziren, sie würden Gefallen aneinander finden, sich lieben und sich heirathen. Welche Attraktion! Ein Zwergenbrautpäar, eine Zwergenhochzeit auf offener Szene, die kleine Braut im schleppenden Atlaskleid mit Kranz und Schleier, der kleine Bräutigam im Frack! Und wer konnte wissen, welche anderen Attraktionen die Zukunft den Beiden noch vorbebalten batte! lZr wn?
nicht eben zurückhaltend mit seinen Plänen, und Fräulein Nelly fiel die Aufgabe zu. der kleinen Prinzeß diese Projekte mundgerecht zu unterbreiten. Diese hörte staunend und vollständig verschüchtert zu. Die Gedanken, die da in ihr angeregt wurden, waren so neu, daß sie vorerst noch nicht dazu Stellung nehmen konnte. Aber die Zofe redete so überzeugend und diplomatisch weiter in sie hinein und machte die Prinzeß so geschickt zur Vertrauten einiger süßer Episoden aus der eigenen Vergangenheit, daß sich in dem armen Herzen der Zwergin et::e wunderliche Wandlung vollzog. Aber das ist doch alles für die Anderen, nicht für mich," wehrte sie, schon halb bezwungen, ab. I wo, Prinzessin, Sie sind doch sozusagen auch ein Mensch. Das ist Ihr Recht, davon soll Sie keiner zurückhalten." Aber ein Paar so kleiner Menschen?" Nu eben. Daraus, daß es überHaupt so 'nen kleinen Mann gibt, und daß der Herr Jrmisch ihn ausbaldowert hat, gebt doch klar hervor, daß die Natur Sie Beide füreinander bestimmt hat. Oder etwa nicht?" Die Natur hatte sie füreinander bestimmt, genau wie zwanzig Jahre früher die Eltern Elises. Es mußte also wohl so sein. Von nun ab sah sie dem Prinzen Laurin entgegen wie eine wirkliche Prinzessin dem unbekannten Verlobten, den höhere Staatsklugheit für sie erwählt hat; ader zugleich mischte sich in diese Unterwerfung ein süßes, sehnsüchtiges Hoffen, das erwachende Empfinden des Weibes, das selbst in diesem puppenhaft winzige:. Körper auf sein Recht pochte. Und Prinz Laurin kam, wohl unterrichtet von den Plänen des Meisters und gern bereit, darauf einzugehen. Der sehnsüchtig harrenden Prinzessin trat ein jämmerliches Geschöpf entgegen. Prinz Laurin hatte einen großen Wasserkopf mit vorquellenden Augen und unverhältnißmäßig kurze Beinchen, auf denen das aufgedunsene Körperchen in lächerlicher Weise wackelte Auch mit seiner Stimme war etwas nicht in Ordnung, sie kam weit von hinten her in gequetschten gutturalen Lauten, die sich kaum zu verständlichen Worten formten. Seine Intelligenz war schwach bestellt; doch hatte er das eine zum Mindesten klar erfaßt, daß er hier als Bräutigam auftrete, und er benahm steh danach. Als er täppisch auf Elife zugewackelt kam, stieß die kleine Prinzeß, die bis dahin wie gelähmt dagestanden hatte, einen erschütternden Schrei aus, einei. Schrei, so laut und durchdringend, daß man dachte, die arme Brust müsse unter der Anstrengung bersten. Dann flüchtete sie wie ein Kind und am ganzen Körper zitternd hinter die Zofe. Auch dorthin wollte sie Prinz Laurin,' der auf seinem Bräutigamsrecht bestand, verfolgen; jedoch flinker auf den Füßen als er, entglitt sie ihm von Neuem. Schließlich brachte der Impresario, um sie nicht weiter aufzuregen, das kleine prinzliche Scheusal aus der Stube; Elise hatte so wie so in der letzten Zeit etwas gehustet, was ihn seh? besorgt machte. Den nordischen Winter ertrug sie jedesmal schlecht; er hätte am Ende besser gethan, die Tournee jetzt südlicher zu verlegen. Von seinen Plänen ließ er deshalb noch lange nicht. Das konnte ihm gewiß Niemand zumuthen. auf die Hochzeitsfeier auf offener Szene, die eine gute Stange Gold einbringen mußte, zu verzichten, nur weil die eigensinnige kleine Person sich dagegen stemmte. Und wenn sie noch einen vernünftigen Grund dafür gehabt hätte! Aber so der Prinz Laurin paßte doch in der Größe wie ausgesucht. Einfach lächerlich das ganze Gethue! Am besten würde es sein, man bestimmte ganz eigenmächtig. Bei der nächsten Vorstellung war das große Lokal bis auf den letzten Platz gefüllt. Die Tausende von elekirischen Glühbirnen, die an dem nachtschwarzen Plafond einen Sternenhimmel mit allen seinen Sternbildern imitirten. leuchteten auf eine angenehm erregte Versammlung hernieder, die in der prickelnden Erwartung von etwas ganz Besonderem dasaß. Zum Schluß der Vorstellung: große überraschende Neuigkeit," so hatte man auf den Zetteln der Anschlagssäulen lesen können. Das Programm wickelte sich wie am Schnürchen ab. Diesmal kam Prinzeß Elise erst am Schluß daran, und mit ihr trat Prinz Laurin zum ersten Male auf. Schon als sie seine Hand fassen mußte, um mit ihm auf dem Podium zu erscheinen, hatte sie ein nervöser Schauder gerüttelt. Das Programm schrieb, als Parodie des Ueberbrettls, den Lustigen Ehemann" vor, wobei man freilich vom Gesang absehen und sich auf die Mimik beschränken mußte. Beide steckten in Viedermeierkostümen, Prinzeß Elise wie ein reizendes Püppchen anzusehen, Prinz Laurin wie eine widerwärtige Karikatur. Ringelringel Rosenkranz, ich tanz' mit meiner Frau," spielte die Musik, und die beiden winzigen Menschenkinder bewegten sich im Menuettschritt auf dem rothen Tuch des Podiums. Das Publikum applaudirte wie toll, Tüten mit Konfekt flogen dem Paar zu Füßen. Als es wieder abtreten wollte, kam der Impresario an das Podium yeran. Aus evener rde stehend, überragte er die Beiden noch um etwas. t Meine hochverehrten Anwesenden, ich gestatte mir nun, Jhnenjene über-
raeyenoe vcemgteil zu verrunoen, aus die ich Sie schon vorbereitet habe. Unsere beiden Künstler, Prinzeß Elife und Prinz Laurin, bekanntlich die beiden kleinsten Menschen der Welt, baben sich entschlossen, die Rolle des lustigen EhePaares nun auch in der Wirklichkeit fortzusetzen. Sie stellen sich Ihnen hiermit als Verlobte vor. Tie Hochzeit, die nicht lange auf sich warten lassen soll, wird noch zuvor angezeigt werden." Er verbeugte sich und trat mit einem glänzenden Lächeln auf dem fetten Gesicht zurück. Doch da ertönte ein Schrei, nicht laut, aber wie von einem zerspringenden Glase, und Prinzeß Elise eilte vor bis an die Kante des Podiums, so daß es aussah, als wollte sie sich in den Zuschauerraum stürzen. Das ist nicht wahr, er lügt, er lügt!" Sie keuchte vor Erregung und Abscheu, die kleine Brust arbeitete. Er lügt, er lügt! Keiner hat mir das zu befehlen, ich bin sozusagen auch ein Mensch." Nur die Nächstsitzenden hatten diese Worte genau verstanden. Schnell gefaßt gab Herr Jrmisch, der niemals in Verlegenheit kam, den Musikern ein Zeichen; sie setzten zu einem gewaltigen Tusch ein, den das Publikum als Huldigung für das Brautpaar zu nehmen hatte. Einen Augenblick schien es, als ob die kleine Prinzessin schwanke. Prinz Laurin starrte blödsinnig drein, dann nahm Fräulein Nelly das Paar vom Podium und führte es hinweg. Das Beifalls klatsckM, mit dem die Zufchauer die Verlobung feierten, folgte ihnen. Eine Viertelstunde später, als Fräulein Nelly ihre Prinzeß aus dem geschlossenen Wagen hob, um sie die Treppe des Hotels hinaufzutragen, bemerkte sie, daß das hübsche rosa Wiedermeiergewand von häßlichen, dunklen Flecken gesprenkelt war. von Blut. Der in der Eile herbeigerufene fremde Arzt untersuchte sehr lange und sorgfältig, nur zum Schein; dann verschrieb er etwas. Telegraphiren Sie nur den Angehörigen, wenn sie erreichbar sind," sagte er draußen zu dem Impresario. So glauben Sie, daß die Sache gefährlich ist?" fragte Herr Jrmisch stockend, und die Aussicht auf einen ungeheuren Verlust öffnete sich vor ihm wie ein großes schwarzes Loch. Sie war doch sonst immer ganz gesund." Lieber Herr, was heißt da überHaupt gesund? Ein solches Körperchen ist doch an sich etwas Krankhaftes. Wer kann wissen, wie es da drinnen aussieht! Da genügt dann der kleinste An-sioß."-Tie kleine Prinzeß Elise lag in ihrem rosaseinen Himmelbett wie eine Staatspuppe in der Wiege. Das Hotelzimmer war so gemüthlich, wie ein Hotelzimmer überhaupt sein kann, warm und hell. Der allzu grelle Schein des elektrischen Lichtes war durch einen Schirm abgedämpft. Von draußen schallte das Geräusch der Großstadt herauf, die Schreie der Ausrufer. das Rollen der Droschken und das eigenthümliche schnarrende Sausen der elektrischen Straßenbahn, das sich bei großer Kälte einstellt. Auf den Fenstersimsen lag der hartgefrorene Schnee, von einer glasigen Kruste überzogen. Neben dem Bett saß Fräulein Nelly; viel .zu pflegen gab es nicht mehr, und sie wußte am besten Bescheid mit der Prinzessin. Herrn Jrmisch hatte diese nicht wieder sehen wollen; jedesmal wenn er gekommen war, um sich zu erkundigen, hatte sie den Kopf in die Kissen gedrückt und gethan, als ob sie schliefe. Sie litt nicht schwer, dieses Lebensfünkchen erlosch leise; aber Elise wußte, wie es um sie stand, und die Angst quälte sie furchtbar. .Zuweilen kam ein kurzer Hustenanfalls' wenn dann Fräulein Nelly das Tuch fortzog, das sie der Patientin vor' den Mund gehalten hatte, zeigte es kleine Blutflecke. Die Zofe versteckte es rasch und gab sich Mühe, den Anfall zum Guten auszulegen: So ist's recht, Prinzessin, husten Sie nur ordentlich los, das gibt Luft, hinterher ist's Ihnen dann noch einmal so gut." Dazu lächelte die kleine Kranke ein herzbrechendes Lächeln. Sie wußte es besser. Ist es sehr kalt draußen?" Das will ich meinen. Eine tüchtige Kälte. Das haben Sie doch wohl beim Aussteigen gemerkt. Dabei ist's wahr haftig das Beste, im warmen Federbett zu liegen. Nicht wahr? Nun wollen wir uns mal klarmachen, daß wir 's hier drinnen recht gut haben." Die Erde muß doch ganz hart gefroren sein. Da mag's schwer halten, ein Grab zu graben, freilich ein so kleines wie für mich" Ach, was Sie sich gleich für Gedanken machen, so etwas sollten Sie nicht thun," verwies die Zofe; aber sie wandte dabei das Gesicht weg und wischte verstohlen ein paar Thränen ab, die ihr über die Wangen liefen. Nelly, das ist doch grauenhaft, so in die Erde hinein und zu frieren. Ob man da friert, oder ob man gar nichts mehr fühlt? Mein weißes- Kleid mit der Spitzentaille möchte ich angezogen bekommen, dafür müssen Sie sorgen. Aber keiner soll mich mehr sehen oder gar anfassen, wenn ich todt bin. Daß Sie mir nicht den den Laurin hereinlassen! Und der Andere soll mich nicht etwa ausstellen!" Fräulein Nelly blieben die Worte im Halse stecken, sie fand keine Antwort. Ob Vater kommen wird?" Aber aewiß doch, er hat ja gleich
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PS SS GZ m 53 vklt der Itrn Sicherheit, kurirt St. Jakobs Oel WckkllschUMM und Süstwkh. , Bm S3 a Un ein Fehlschlagen ifl nicht z denken. flä IS U Preis 25c und 50c 1 OOMAOOOOGGGO Big 4 Route ...Excursioncn... Sonntag, den 11. Oktober. 91.25 rineinnati u. strni 81.2. Spezielle Schnellzüge nicht auf Zwischen stationen, weder auf der Hinfahrt noch auf der Rückfahrt anhaltend, werden vom Indianapolis Union Bahnhof um 7 Uhr Morqens abfahren und verlassen den Ccntral Union Bahnhof in Cincinnati um 7 Uhr Abends zur Rückfahrt. Terre Haute $1.00 Qreencastle 75c Rundfahrt. Spezi alzug wird vom Indianapolis Union Bahnhof um 7,00 Uhr Morgens abfahren und verläßt Terre Haute um 7 Uhr Abends. vepeschtn. Äor morgen eis uy: lt's aber nicht möglich." Morgen um elf." Sie lag mit offenen Augen, in einer großen Unruhe; ihr Athem ging kurz. Früh gegen fünf Uhr bat die Kleine, den Impresario dennoch zu holen. Er kam eilfertig, in einem schnell übergeworfenen türkischen Schlafrock. Die Angst vor dem Schlimmsten hatte ihn bewogen, die Nacht halb angekleidet auf dem Sopha zuzubringen. Mit einer ganz mattm Kopfbeweeung rief sie den Mann zu sich. Ich will anständig begraben werden," sagte sie. Das Stimmchen war nur wie ein Hauch. Nun versuchte er natürlich, sie mit allerlei Trostgründen zu beruhigen. I wo, das nun mal noch lange nicht. Ein bischen Husten oder Influenza oder was es nun sein mag holt sich bei diesem Wetter jeder, selbst wenn man ihn in Watte packt. Da wird freilich nichts weiter übrigbleiben, als dakwir diesem ekelhaften Winter aus dem Wege gehen, vielleicht nach Italien runter. Die Königin Helene kennt uns so wie so noch nicht und wird gewiß neugierig sein 14 Doch sie unterbrach ihn ungeduldig: Anständig begraben werden will ich, hören Sie? Und nicht etwa ausstellen: Schneewittchen im Glassarg oder so " Er murmelte etwas, das wie ein barmherziger Widerspruch klang. An der anderen Seite des Bettchens weinte Fräulein Nelly hell uf. Ich will nicht, daß man mich im Tode behandelt wie eine Puppe; keiner soll sich unterstehen, mich unterm Arm im Sarge zum Kirchhof zu tragen. Ich will einen anständigen Leichenwagen, mit Pferden davor, und ein paar Träger, wie sich's gehört. Ich bin doch sozusagen auch ein Mensch." Mit ihren dünnen Spinnenfingern umklammerte sie die rothe, ringgeschmückte Hand des Impresario. Aersprechen Sie's mir: Nicht unterm Arm, sondern auf einem richtigen Leichenwagen!" Sie schluchzte jämmerlich, der winzige magere Körper zuckte und bebte in Todesfurcht, und dabei kämpfte sie noch, um ihr Menschenrecht zu wahren. Versprechen Sie 's mir!" Der Mann beugi? sich über sie und nickte. Mit vier Pferden, wenn 's denn einmal so weit ist," erwiderte er mit erstickter Stimme. Da beruhigte sich der Krampf. sie athmete sanfter, immer schwächer und schwächer, dann schluckte sie ein paarmal, ein Lächeln flog über ihr Gesicht. Ich bin doch auch ein Mensch, sozusagen." Es waren ihre letzten Worte. M a ß l u i s, Holland. Der französische Lugger Präsident Earnot" ist untergegangen. 13 Personen er trankeu.
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