Indiana Tribüne, Volume 27, Number 36, Indianapolis, Marion County, 3 October 1903 — Page 7
Jndiana Tribüne, 3. Oktober 1903.
Im Kanne lies (ßofiles ...Roman... von Alfred Sassen.
1. Kapitel. f achender Nachmittagsscnneny schein lag über dem in der Nacht vorher eingeschneiten Berlin und seinem wundervollen Thiergarten, der in solch Winterlichem Temantflimmern, das von allen Zweigen niederznät und von den unberührten Scbneepolstern zwischen der. Bäumen aufsprüht,unschn?er einenVergleich aushalten kann mit der gründuftigen Pracht seines sommerlichen Sch:nuZ. Ter Sonnennachmittag war noch dazu der eines Sonntags. Kein Wunder, daß sich allenthalben in diesem Riesenpark die dunklen Punkte lustwandelnde: Menschen abhoben von den weißen Wegen und der ganzen weißen Herrlichkeit, die im nächtlichen Niedersinken gleichsam mit zärtlichen Händen festgehalten worden war von Busch und Baum, von den zahlreichen Teuksteinen und Standbildern, die die weiten Flächen des Thiergartens zu einer selten reichen Erinnerungsstätte machen. In der im vornehmsten Westen gelegenen Vellevueallee war es verhältnißmäßig siill, da sich der Hauptstrom der Ausschwärmenden in die breite, glänzende Flucht der Siegesallce ergossen hatte, um die jungerstandene Marmorpracht dort zu bewundern. Nur vereinzelte Gruppen belebten den stilleren Nebenweg. Aus den Alltagserscheinungen traten vier Menschen hervor, vielleicht gerade weil sie nicht auffallen wollten und in gedämpftem Ceplauder, ohne die Vorübergehenden neugierigen Blickes zu streifen, ruhig dahinschritten. Das ältere Paar ging voraus. Bruder und Schwester das waren sie dem unleugbaren Familienzuge nach folgten in geringem Abstand, so daß sie die über die Schultern hingeworfenen Bemerkungen der Eltern bequem verstehen und erwidern konnten. Baron Elimar von Tegenhardt war ein hoher Fünfziger, aber Lebensfrische und Aussehen ließen ihn um gut zehn Jahre jünger erscheinen. Seine Frau, der er in ritterlicher Weise den Arm geboten, trug ein Sammetjackett, das die zarten Linien einer noch nahezu mädchenhaft schlanken Gestalt erkennen ließ. In dem blassen, feingeschnittenen Gesicht war ein leidender Zug unverkennbar, aber es siegte ein Schein stiller, tapferer Herzensgüte darüber, wie sie der Willenskraft einer opfermuthigen weiblichen Seele immer zu Gebote steht. Die Dame sagte gnade mit weicher, halblauter Stimme: Ich kann nur immer wiederholen: Herrlich, herrlich ist der Spaziergang! Diese köstlich ruhige Luft, der warme Sonnenschein und Ihr alle an meiner Seite!" Der Gatte drückte dankbar ihren Arm gegen seine Brust und rief dergnügt über die Schultern zurück: Habt Ihr gehört, Kinder? Mama hat uns schon wieder eine Liebeserklärung gemacht!" Zwei schöne, junge Gesichter lächelten. Die Erscheinungen der Geschwister hatten viel Verwandtes. Beiden wuchsen die Gestalten schlank und in vortrefflichstem Ebenmaß empor. Auch die glatte, breite Stirn, die schöne, gerade Nase und den volllippigen, ein wenig kleinen Mund darunter hatten sie gemeinsam. Nur in der Farbe des Haars und der Augen derselben, wie auch in der Sprache des ganzen. Gesichts gingen sie auseinander. Gisela von Degenhardt hatte nicht das fröhlich unbekümmerte Lächeln, das sich so gern lichtblondem, gold schimmerndem Haar beigesellt. Ihre großen Augen blickten ernst, in den Mundwinkeln prägte sich jene ResigNation aus, zu der ein kluges, vierundzwanzigjähriges Mädchen Wohl ge langt, das aus beschränkten FamilienVerhältnissen heraus aufmerksam und wohl auch voll geheimer Sehnsucht die wachen und scharf beobachtenden Blicke in den blutglitzernden und doch so grausam oberflächlichen und Herzenskalten Lebenswirrwarr ihrer Kreise" hat schweifen lassen. Ihr Bruder Bodowar um ein Jahr älter, aber von Resignation wollte er wohl kaum etwas wissen. In den dunkelbraunen Augen, die in der Farbe mit dem schlichtgehaltenen Haar übereinstimmten, konnte es zuweilen aufblitzen in einem heißen, unruhigen Licht. Aus seinem ganzen Antlitz, über dem der Schönheitsglanz bezwingender lag als über den stilleren Zügen der Scbwester. sprach in unbewachten Auaenblicken eine unaeduldiae Erwartung. herausgeschwebt aus den Tiefen einer lebens- und gluasourstlgen tettit, o:e sich in der Enge kleiner Verhältnisse festgehalten fühlte. Aber er batte mit seinen fünfund zwanzig Jahren sichtlich auch gelernt, Selbstbeherrschung zu üben. Für gewobnllÄ laa eine beinahe turne Aor nehmheit über seinem ganzen Wesen, und diese Vornehmheit war nichts Anaesloaenes. sie war im Grunde eine aetreue Aeüf.eruna seines Wollens und Empfindens. Mochten darum seine Auaen auck aufblinen in keinem Beaekren auf Wegen, die nicht fahrbar waren für eine adelige Denkungsart im besten Sinn, suchte der. junge Staa
die Erfüllung semer Wünsche gewiß nicht. An die Worte des Vaters knüpfte er in Icheinbar ernstöaltem C5rfiifc" - Mama jai aua; aue Ursache, uns Liebeserklärungen zu machen nach der fürchterlichen Angst, die sie uns vorgestern rr.it ihrem Herzkrampf eingejagt. Bitte, sage ihr, das dürfe sich nicht mehr wiederholen, sonst würden wir allesammt sehr böse. Ich bliebe sogar unversöhnlich." Ein ' zurückgewandtes, leuchtendes Mutterantlitz zeigte sich einen Augenblick den jungen Leuten. Die blassen, schmalen Lippen wollten sprechen: Mein lieber, lieber Junge!" aber da hätte die Liebkosung rni: ihm gegolten, während das sonnige Aufleuchten in ihrem Antlitz doch zugleich auch für Gisela bestimmt war, die zwar geschwiegen hatte, in deren Seele aber die Liierte des Bruders in gleich zärtltcher Macht erklungen waren. So begnügte sich die Mutter, in ihrer herzgewinnenden Weise den Beiden stumm ein paarmal zuzunicken. Man näherte sich dem Ausgang der Allee dort breitete sich der KeuiperPlatz hin mit seinem hübschen Arunnen. denen fröhliches Wasserspiel jetzt freilich vom Winterfrost eingefangen lag. Der Platz war dicht belebt von Menschen und Fuhrwerk aller Art. E? gab ein unablässiges Hin- und Herfluthen. T'ie eleganten Straßen des Westens, die hier münden, mußten sich an diesem sonnen- und schneeglitzernden prächtigen Sonntagnachmittag immer wiederholte Einfälle in ihre still vornehme Abgeschlossenheit gefallen lassen. Baronin Tegenhardt war am Arm des Gatten, der erst ein wenig gezögert hatte, sich in das Gewühl zu wagen, vorsichtig und tapfer bis zu dem Brunnen inmitten des Platzes vorgedrungen. Man strebte hinüber nach der Bellevuestraße, um von dort aus den Potsdamerplatz zu erreichen. Aber gerade aus der Bellevuestraße rollte jetzt eine ununterbrochene Wagenreihe heran, so daß die den Uebergang Suchenden im Schutz des Brunnens einen kurzen Halt machen mußten. Aber was war das? Ein wildanschwellendes Geschrei drang aus der Bellevueallee, die sie vor wenigen Minuten verlassen hatten, zu ihnen herÜber. Alle Köpfe fuhren herum, der Richtung zu, aus welcher der Lärm kam. Da erkannte man auch schon die Ursache. Die Pferde einer eleganten Equipage waren durchgegangen. In wildem Galopp kamen sie in der Bellevueallee herangerast. Unter den spärlichen Spaziergängern dort konnten die Durchgänger wohl kaum Schaden anrichten, da vermochte sich gewiß alles rechtzeitig auf die Seite zu retten.
Aber wie sollte ez werden, wenn die rasenden Thiere den dicht belebten Kemperplatz erreichten? Das Durcheinander von Fuhrwerk und Menschen war nicht lichter geworden, im Gegentheil, in Folge des Angst- und WarnungsgeschreiS hatte sich das Getümmel nur vermehrt. Die Fortdrängenden hatten da und dort sogar Kinder und Schwächliche zu Boden gestoßen, um die nun die Angehörigen m. kopslosem Kammern beschäftigt waren. Man sah, wie sich in der schmalen Gasse, die sich gebildet hatte, ein Schutzmann beherzt dem Gespann entgegenwarf, er wurde jedoch von den erschreckten Thieren zur Seite geschleudert, ehe es ihm möglich gewesen, in die Zügel zu fassen. Noch einige Augenblicke, und die tollgewordenen Nappen mußten den Platz erreicht hc?oen, sie stürmten dann wohl in die sich auf allen Seiten stauende Menschenfluth hinein und ein beklagenswerthes Unglück war unausbleiblich. Rasendes Vollblut mit stampfenden, hoch in die Luft geschleuderten Hufen, zermalmende Räder hinter sich herreißend! Es konnte nicht ohne Opfer abgehen. Da flog vom Brunnen her ein schlanker, junger Mann in Windeseile auf die Allee zu gerade an ihrem Ausgang traf er mit dem im wildesten Tempo heransausenin Gefährt zusammen. Vodo von Degenhardt war's, der einzige Wagemuthige unter den Ungezählten rings! Die prächtig ebenmäßige Gestalt reckte sich einen Augenblick athletisch auf, um sich dann blitzesschnell zusllr.imenzuducken, auf gespreizten Beinen festen Stand nehmend. Die Arme streckten sich vor, um sofort mit eisernem Griff zufassen zu können. Und Bodo packte wirklich mit eisernem Griff an der rechten Stelle in die Zügel und hielt auch mit eisernem Griff fest. Nur wenige Schritte wurde er .mitgeschleift, wobei er wie 1)er gewandteste Turner sich vor der furchtbaren Wucht der schlagenden Hufe zu scküken tonnte dann standen die Thiere, wild schnaubend, zitternd an allen Gliedern und im Zittern einen leichten Regen von Schaumflocken um sich sprühend, die weiß waren wie der leuchtende Schnee rings. Der Kutscher, der, seine Ohnmacht erkennend, eben noch halbtodt auf dem Bock gehangen, sprang nun leidlich gefaßt zur Erde und übernahm den Halt der gebändigten Thiere. Auch der Diener, der sich schreckensbleich, Wahlscheinlich mit dem Stoßgebet um einen gnädigen Ausgang auf den Lippen, an seinem Sitz festgeklammert hatte, tu holte sich und schwang sich in zurückkehrender Haltung von der Höhe herab, um an den Schlag zu treten und seine 5?ürsorae,der Öerrsckaft u widmen.
Zwei Damen waren die Insassen des offenen Wagens. Die Aeltere lag scheinbar ohnmächtig in den grauseidenen Kinen, gehalten von der Jüngeren, die sich zur Hälfte von ihrem Sitz empor-
gerichtet hatte, wie um die Gefahr bes-j ser uoerjehen -md ihr trn verhangmßvollen Augenblick der Entscheidung muthig die Stirn bieten zu können. Run machte sie ihren Arm frei und stieg rasch aus. Mutter und Tochter waren die Weiden wohl nicht, sonst hätte das schöne, zierliche Mädchen nicht dem Diener zugeflüstert, ihre Begleiterin aus den Decken, in die sie. halb sinnlos vor Angst, nahezu bis zum Kinn hineingeschlüpft war, herauszuschälen und ihr zu einer menschenwürdigeren Haltung zu verhelfen. Während der Diener zu diesem Zweck in den Wagen stieg, streckte die junge Fremde ihrem Retter, der aus Höflichkeit herangetreten war, um sich nach dem Befinden der Damen zu erkundigen. impulsiv beide Hände hin. Zugleich richteten sich ein paar sehr lebhafte, in diesem Augenblick wie in rückhaltlosester Bewunderung aufglühende Augen auf Bodos Gesicht. So groß und heiß war der Blick, daß der junge Baron unwillkürlich ein leises Befremden empfand. Er verneigt: sich höflich und sag!e: Ich sehe, daß der Uebermuthsanfall der feurigen Rappen den Damen keinen ernstlichen Schaden gebracht hat. So gestatten Sie mir wohl, gnädigstes Fräulein, meine besten Glückwünsche auszufprechcn und mich zurückzuziehen." Nicht ihre beiden Hände hatte er vorhin erfaßt, nur in ihre Rechte hatte er die seine gelegt, nun wollte er sie zurückziehen, allein die Finger des schönen Mädchens gaben ihn erst nach einem wiederholten festen Druck frei. Der Menschenschwarm, der sich herangedrängt hatte, schien sie sehr wenig zu kümmern. Sie bemerkte ihn ganz einfach nicht. Als stehe sie auf dem vornehm umfriedeten, abgeschlossenen Boden des Salons, lächelte sie voll reizender, nur ein wenig zu selbstsicherer Anmuth und erwiderte mit einem ganz leisen fremdländischen Beiklang in der Aussprache: O, ich denke, mein Ritter ohne Furcht und Tadel wird seiner LiebensWürdigkeit die Krone aufsetzen und mir bis zu unserer Villa in der Victoriastraße das Vergnügen seiner Begleitung schenken. Es sind ja nur ein paar hundert Schritte bis dahin. Dem Wagen möchte ich mich für heute nicht mehr anvertrauen" Bodo." ertönte da über die nächsten Köpfe her eine Stimme, die der Baron als die der Schwester erkannte. In der sonst so gleichmütigen Stimme lag offenbar ein Klang von Unruhe und Bestürzung. Sofort fiel dem jungen Mann die Mutter ein, die sich bei seinem kühnen Wagniß gewiß überaus geängstigt hatte. Um Gottes willen, wenn diese Angst nur der geliebten Leidenden nicht geschadet! Verzeihung," murmelte er erschrocken, ich fürchte" Und schon hatte er sich einen Weg gebahnt in der Richtung, aus der der Anruf gekommen war. Kaum eine halbe Minute später befand er sich den Seinen gegenüber und das Herz drohte ihm stillzustehen bei dem Blick in die aschfahlen Züge der Mutter, die mit halbgeschlossenen Augen und schwer athmend an der Brust des Vaters lehnte, der sie, in seiner Verzweiflung dem Weinen nahe, mit beiden Armen innig umschlossen hielt. Gisela flüsterte der Mutter eben wieder zu: Sei nur ganz ruhig, Bodo ist gewiß unverletzt, Du darfst mir's glauben sieh, da kommt er " Der Sohn beugte sich über die namenlos Geängstigte, die bei seinem Anblick in ein erlösendes, glückseliges Schluchzen ausbrach, in das hinein Bodo halblaut bat und bettelte: Gut sein, Mama, gefaßt sein! Nichts ist mir geschehen, wie Du siehst! Und ich mußte das doch thun nicht Wahr, ich mußte? In der schmalen Gasse, die sich Bodo gebahnt, war ihm die schöne junge Frau gefolgt, die sein muthiger Arm vor einem schweren Unfall, vielleicht sogar vor dem Schlimmsten behütet. Nun stand sie dicht neben ihm und sagte rasch und drängend: Wollen Sie Ihre Frau Mama nicht nach unserer Wohnung geleiten? In zwei Minuten ist es geschehen. Dort in der Stille und Abgeschlossenheit wird sich die gnädige Frau gewiß bald erholt haben. Und ich darf sie dann um Verzeihung bitten, daß ich die unschuldige Ursache sein mußte, die ihr einen so heftigen Schreck gebracht. Versagen Sie mir. mein verehrter Retter, diese Bitte nicht!" (Sie sab fast siebend i 9Qnhn mhrr und ihre Stimme klang undeschreidltaz weich und innig. Der junge Baron zögerte einen Augenblick, dann streifte sein Auge rasch der Reihe nach Mutter. Vater und Schwester, wie um sich Rath zu holen. doch ohne daraus zu warten, sagte er: Ich denke, wir dürfen den liebens würdigen Vorschlag nicht zurückweisen. Ich danke Ihnen, mein gnädiges Frau lein, für so viel Freundlichkeit. Gehen wir also. Victoriastraße sagten Sie?" Gleich das fünfte Haus links, bitte. Ich werde Fllhrerin sein." Sie neigte vor denjenigen, die in aller Kürze ihre Gäste sein sollten, ein klein wenig den Kopf, ein Kompliment, das auch dem alten Baron und Gisela galt, Daß. Gijela die.. Schwester Bo
dos sei, hate sie durch einen rasch und
scharf prüfenden Blick, der zwischen Gesichtern hin- und herging, festgestellt. Run wandte ste sich, um voranzuschreiten, und so im Wenden überflog ein blitzschnelles Aufleuchten, das für keinen fremden Blick bestimmt war, ihre reizvollen, bcwcalicnen Äüae. Es war das Triumphiren im Gesicht eines verwöhnten Glückskindes, dem plötzlich ein Wunsch in blendender Helle erstünden ist. und das sich nun auch gleich an der Schwelle der Erfüllung sieht. 2. K a p i t e l. ruiicx. x . i y ii..ai ciu tuiuujc, iciuj uuu T. geschmackvoll ausgeführte Villa, 7 der die kleine Gesellschaft, mit 3 y der b!a,,cn, leidenden Dame in der Mitte, zustrebte. Still und vornehm lag das baliongeschmückte Haus hinter dem schweren, schmiedeeisernen Geländer des Vorgartens, in dem zwei verschnittene Taxuspyramiden gleichsam als Wächter dastanden. Seitlich dehnte sich ein größerer Garten hin. im Hintergrund abgeschlössen von den Stallgebäuden, denen man aber ihre Bestimmung nicht ansah, denn dichtes Epheugewirr kletterte an den Wänden bis hinauf unter das Dach. Nach der Siraße zu begrenzte diesen größeren Theil des Gartens ein wunderhübsch angelegter Wandelgang, von dessen mit allerlei Schnitzwerk versehenen Trazcpfeilern, wie auch von dem luftig.'n Trahtgegitter. das dazwischen aufgespannt war, die dürren Ranlen des wilden Weins jetzt freilich melancholisch genug herniederhingen. . Acr um so hübscher mußte es sein, hier zu spazieren, wenn in der guten Jahreszeit die reiche Blätter- und Blüthenflllle von allen Seiten Vorhänge und Schleier niederfallen ließ, die jedem neugierigen Blick von außenher wehrten und zugleich im Gange selbst eine geheimnißvoll grünzitternde, duftige Dämmerung schufen. Ein löstlicher Ort mochte es dann sein für stilles Träumen oder für einen vom Drang des Tages erschlafften Sinn, der Sammlung in beschwichtigender Ruhe zurückgewinnen wollte. An die Seite der schönen Fremden, die als Führerin vor der Familie des Barons ein paar Schritte voraus hatte, war inzwischen der Diener vorgedrungen, der die ältere, in ihre Decken verwickelte Dame im Wagen kurzweg im Stich gelassen, um sich an die Fersen der jungen Herrin zu heften. Sie ertheilte ihm im Flüsterton einige Aufträge, er zog tief den Hut und war bald mit wenigen weitausholenden Schritten an der Villa angelant. Mir diskretem und doch kräftigtt7. Nuck zog er an dem Gitterthor. über dem die Glashäuschen zweier Laternen flimmerten, die Klingel, der fast augenblicklich Gehör gegeben wurde. Gitterthor und Hausthür öffneten sich zu gleicher Zeit. Der Diener schoß bis zur Hausthür, vor, rief einer unsichtbaren Person im Innern der Villa ein paar Worte zu und schnellte zum Gitterthor zurück, wo er sich mit abgezogenem Hut aufstellte, um seine Herrin und ihre Gäste an sich vorüberschreiten zu lassen. Rasch und lautlos wie ein Schatten glitt der Gutgeschulte dann hinter den Herrschaften her. plötzlich vollführte er eine unbegreifliche Schlangenwindung, und als die kleine Gruppe sich dem Glasdach näherte, unter dessen Schutz man die Villa betrat, stand der Diener auch schon hier wieder, den Cylinder seitlich von dem tadellos frisirten Haupt haltend, ehrerbietig und regungslos wie eine Bildsäule auf seinem Posten. In dem zu ebener Erde gelegen Salon, zu dem man über wenige Stufen auf einem rothen Sammetläufer hinfchritt, hatten die rasch waltenden und wieder unsichtbar gewordenen Hände dienender Geister bereits die schweren Flügelthüren weit zurückgeschlagen. Bodo von Degenhardt, der seine Mutter am Arm führte, konnte sie ohne den geringsten Aufenthalt zu einer bequemen Sitzgelegenheit geleiten. Das Gemach war in erlesenem Geschmack ausgestaltet, der ein leises Ineinanderübersließen der gcdämvsten Farben bevorzugte. Jede bunte Willkürlichkeit fehlte, nicht die geringste Stilwidrigkeit störte in der Auswahl der Möbel; Vorhänge und Teppiche erschienen eher zu einfach, als zu kostbar, der Wandschmuck und auch die nicht allzu große Zahl der rings aufgestellten Wunder aus schöpferisch formender Hand redeten vom feinsten Kunstverständniß. Und doch war der Gesammteindruck ein leicht erkältender. Man hätte mit Sicherheit behaupten mögen, daß nicht sie, die hier wohnten, in liebevoll eingehendem Studium und doch vor allem in Wahrung ihres persönlichsten Empfindens danach gerungen, sich ein künstlerisch anmuthiges Heim zu schaffen, sondern daß ein fernstehender, freilich geläuterter, aber doch immerhin fremder Geschmack in mehr oder weniger gleichgiltiger Pflichterfüllung die tadellose, kühle Schönheit herbeigezaubcrt. Bodo suchte, nach einer leichten dankenden Verneigung gegen die schöne Fremde, die hier zu Hause wa? und ihn nun in seinen Bemühungen mit ihren kleinen, raschen Händen unterstützte, der Mutter eine möglichst bequeme Lage in dem tiefen Polstersessel zu sichern. Gleichzeitig hielt es sein Vater. Baron Elimar, für geboten, endlich seinen Names zu nennen. Er that es und fügte h'inzu: ; .Sie . haben gleich einer, ganzen
Sammlung von 'Degenhvrdts, mein gnädigstes Fräulein, Gastfreundschaft
gewährt hier meine arme liebe Frau dort meine Tochter Gisela mein Sohn Vodo hat sich Ihnen wohl schon vorgestellt" Nein, Papa, es fand sich noch keine Gelegenheit. Unter Gottes freiem Himmel, inmitten der gaffenden Menschen, war nicht der rechte Platz. Das gnädige Fräulein entschuldigt gewiß " D, ich habe nichts zu entschuldigen. Sie wissen ja auch noch nicht, wer ich bin, und schenken mir die Ehre Ihrer Gegenwart. Besondere Umstände bedingen besonderes Verhalten. Uebrigens Jeanette Rollenhagen nennt sich meine unbedeutende Persönlichkeit. Ich habe Papa schon benachrichtigen lassen und denke, er wird im Augenblick hier sein aber das ist ja alles nebensächlich." unterbrach sie sich und wandte das schöne Gesichtchen in warmer Theilnahme Frau von Degenhardt zu. Vor allem sagen Sie uns, Frau Baronin. daß Sie sich besser fühlen, und gestatten Sie, daß ich zu Ihrer völligen Erholung eine kleine Erfrischung besorge ja, darf ich das?" Frau von Degenhardt schüttelte in freundlicher Abwehr den Kopf. Sie sind überaus gütig, mein Fräulein. Aber das Bewußtsein, daß ich mich aus dem Lärm des überfüllten Platzes in den bequemen Sessel hier gerettet fühle, beginnt schon Wunder zu wirken. Die schmerzhafte Spannung im Herzen läßt nach, die Kräfte kehren zurück. Es ist liebenswürdig von Ihnen, aber wirklich nicht nöthig, daß Sie Ihre Fürsorge noch weiter ausdehnen wollen" So darf ich gar nichts ?" Nun denn, für einen Schluck Wasser wäre ich Ihnen trotzdem dankbar" Es war hübsch, daß die kleine Jeanette nicht nach dem Diener klingelte, sondern selbst ging, um das Wasser zu holen. Als die Thür sich hinter ihr geschlossen hatte, beugte sich Voro rasch zur Mutter nieder und fragte halblaut: Und es ist wirklich so, daß Du Dich wohler fühlst, Mama? Du hast nicht eben nur aus Höflichkeit " Nein, mein tollkühner Junge, Du darfst Dich zufrieden geben. Es geht mir besser, und ich kann mich nun aufrichtig Deiner muthigen That freuen " Ja, Du Teufelsjunge," fiel Baron Elimar ein und klopfte dem Sohn die Schulter, wir freuen uns. Das hast Du prächtig gemacht. Und da es so gut abgelaufen, dürfen wir schließlich auch Geschmack an dem kleinen Abenteuer finden, das Dein glorioses Tebüt als Bändiger durchgegangener Pferde im Gefolge gehabt." Er drehte sich auf dem Absatz im Kreis. Wir befinden uns hier in einem Salon," sagte er mit Kennermiene, dessen Ausstattung mir einen gediegenen Grad Hochachtung abnöthigt. Und die kleine Dame, die uns hierher entführt, ist sehr, sehr hübsch, sehr, sehr chik und und" Wenn sie wirklich noch mehr lobenswerthe Eigenschaften haben sollte." unterbrach ihn Bodo, der eben mit einem Seitenblick das Gesicht der Schwester gestreift hätte, die sich bisher ganz still verhalten, in einer Art verlegenen Spottes, so frage Gisela danach. Mi? scheint, sie hat in diesem Punkt ihre besondere Meinung." Gisela von Degenhardt zuckte die Achseln. Die Stimme senkend, erwiderte sie vollständig ruhig: Papa hat nicht zu viel gesagt. In diesem Punkte bin ich derselben Meinung. In einem anderen allerdings nicht. Ich wundere mich ein wenig, daß wir uns hier befinden. Es war wirklich nicht besonders hübsch, wie wir im Gänsemarsch hinter dem Fräulein herspazirten, geradeaus in ein fremdes Haus hinein, als müsse das so sein. Hätten wir nicht, lieber Bodo, nachdem Du Deinen Dank eingeheimst, mit Mama in eine Droschke steigen können, um nach Hause zu fahren?" Sie wurde unterbrochen durch den Eintritt der Tochter des Hauses, rie mit dem erbetenen Glas Wasser zurückkehrte, das sie der Baronin auf einem ganz schlichten silbernen Teller darbot. Die Dame dankte, während Jeanette rasch den Blick durch das Zimmer schweifen ließ. Papa noch nicht hier? Ach, ich werde ihm nachher eine Strafrede 'halten müssen," scherzte sie anmuthig. Aber Papa ist, seitdem er nicht mehr in seinen Fabriken thätig fein kann, unter die Erfinder gegangen, und solch ein Erfinder ist so schwer aus seiner geheimnißvollen Werkstätte herauszulocken." Baron Elimar lächelte zustimmend und fragte dann theilnahmsvoll: Ihr Herr Papa ist doch hoffentlich nicht durch einen ihm zugestoßenen Unglücksfall gezwungen worden, seine frühere Thätigkeit auszugeben ?" O nein, so ist das Gott sei Dank nicht." plauderte das zierliche, schöne Mädchen unbefangen. Papa gehört zu den wenigen Erfolggekrönten, die als Ausländer in Amerika ihr Glück machten. Vor langen Jahren ist er aus Deutschland dahin ausgewandert, und es gelang ihm, sich aus den bescheidensien Verhältnissen in die Höhe zu arbeiten. Als Besitzer einiger Maschinenfabriken hat er seine Thätigkeit jenseits des großen Wassers beschlossen und ist vor einigen Monaten in sein Vaterland zurückgekehrt. Das Herz trieb ihn dazu an, und auch in mir lebte schon ..lange der Wunsch, das
schöne Deutschland kennen zu lernen. Allerdings theile ich meine Sympa-
thien zwischen Deutschland und Frankreich, denn meine arme Mutter, die nun schon fünf Jahre todt ist. war eine Französin." Gisela von Degenhardt trat von ihrem Kaminplatz her jetzt unwillkürlich der kleinen Jeanette emen Schritt näher. In ihrem bisher so ernst höflichen Gesteht zeigte sich erwachende Theilnahme. Ah. so hatte sie wohl mit ihrem zurückhaltenden Urtheil dem jungen Mädchen unrecht gethan. In Amerika war Jeanette Rollenhagen geboren und erzogen, ihre Mutter war eme Französin gewesen da erschien es nur naturlich daß Blutmischung als auch der Erziehungsrang in einem Land, das der Frau die weitgehendste Bewegungfreiheit gestattet, dem jungen Mädchen eine ga::z andere Art, sich zu äußern, zu eigen gegeben, als sie der strengdenkendcn deutschen Aristokratin im ersten Augenblick gefallen konnte. Gisela aber wollte nicht ungerecht sein, gerade weil die dürftige Enge, in die sie selbst, im Gegensatz zu dem zierlichen Mädchen dort, vom Leben sich gestellt sah, durch leise Verbitterung, zu solcher Ungerechtigkeit verführen konnte. Sie suchte eben nach einem freundlichen Wort, das sie Jeanette sagen könne, als deren Begleiterin aus dem gefährdeten Wagen in den Salon trat, jene ältliche Dame, die sich voll Angst und Entsetzen bis zur Nase in Decken und Tücher verkrochen hatte. Jeanette Rollenhagen stellte dem Baron und seiner Familie die Dame vor. Das ist Fräulein Sophie' Rückert, meine liebe deutsche Erzieherin seit meinem dritten Jahr. Sie wurde seinerzeit von Papa nach Amerika berufen und ist nun mit wieder nach Deutschland zurückgekehrt und auch hier bei mir geblieben, weil sie der sehr gegründeten Meinung ist, daß ich ihrer leitenden Hand noch lange nicht entbehren könne." Das schöne Mädchen lachte in ihrer anmuthigen Weise hellauf und schloß herzlich: Ich bin ihr so dankbar, daß sie mich nicht verlassen will. Hoffentlich beharrt sie noch recht lange bei diesem Entschluß." (Forksetzung folgt.) ' In trunkener Wuth. Vor der Fcrienstrafkammer zu Bochum, Rheinprovinz, hatte sich neulich der schon einmal wegen Mißhandlung seiner Ehefrau mit 2 Jahren Gefängniß bestrafte Bergmann Heinrich de Verdin zu verantworten. Derselbe ist dem Trunke ergeben und hat in diesem Zustände regelmäßig seine Familie in scheußlichster Weise mißhandelt. Er prgelte seine Ehefrau mit einem dicken Stock, so daß sie bewußtlos wurde; seinen zwölfjährigen Sohn schlug er dermaßen, daß ihm das Blut stromweise aus Nase und Mund floß; sein vierjähriges Töchterchen mißhandelte er mit der Schnapsflasche und auch seine ältere Tochter schlug er in ganz barbarischer Weise. Auf seine Frau ging er mehrfach mit gezücktem Messer los. Das Gericht verurtheilte ihn zu einem Jahr Gefängniß. Glückbringende Vers p ä t u n g. Ein Sondergüterzug, der letzthin Abends von Mannheim, Baden, abging, gerieth bei Schwetzingen in Folge falscher Weichenstellunz auf ein falsches Geleise. Kurze Zeit darauf sollte ein in entgegengesetzter Richtung fahrender Schnellzug in Schwetzingen eintreffen. Bei richtiger Einhaltung des Fahrplans wäre der Schnellzug auf der Strecke zwischen Hockenheim und Schwetzingen mit dem Güterzug zusammengestoßen. Zum Glück hatte er Verspätung. Der Güterzug hatte von Schwetzingen aus fünf Meilen zurückgelegt und sieben BahnWärter Passirt, als wahrgenommen wurde, daß er auf dem falschen Geleise laufe, aber nicht vom Zugs- oder Ltreckenpersonal, sondern von einem Vahnarbeiter, der auf dem Heimweg von Mannheim auf der Oftersheimer Brücke stand. Er setzte den nächsten Bahnwärter in Kenntniß, welcher sofort nach Hockenheim telephonirte, daß man den Schnellzug anhalten möge bis zum Eintreffen des Güterzuges. Zwei Minuten nach der Meldung lief der Schnellzug ein und wurde angehalten. Kein Passagier ahnte, welch' furchtbarer Gefahr er entronnen war. Der Schnellzug war außerordentlich stark besetzt mit Fahrgästen, welche vom Badener Rennen zurückkehrten. Seltsamer Reservist. Unter den zu einer 28tägigen Uebung eingezogenen Reservisten, die sich dieser Tage bei dem 3. französischen GenieRegiinent in Arras zu melden hatten, befand sich einer, dessen Ankunft großes Aufsehen erregte. Er kam nämlich mit einem dreijährigen Kinde, seinem Töchterchen, auf dem Arme in die Kaserne und brachte auch noch ein altes Pferd mit, das ihm bei seinem Geschäfte als Schiffszieher gute Dienste leistet und sein einziges Vermögensstück" bildet. Der arme Mann ist Wittwer. Er hat keinen Verwandten, der sich um das kleine Mädchen hätte kümmern können, und es fand sich auch kein Mensch, der 28 Tage lang den alten Gaul gefüttert hätte. In dieser Nothlage nahm er Kind und Roß zum Korps mit, in der Hoffnung, daß das Regiment schon für ihren Unterhalt sorgen würde. Als die Militärbehörde von der traurigen Lage des Reservisten hörte, sorgte sie dafür, daß das kleine Kind gut untergebracht und ernährt würde, und verpflichtete sich auch, das alte Pferd 23 Tage lang durchzufüttern.
