Indiana Tribüne, Volume 27, Number 8, Indianapolis, Marion County, 1 September 1903 — Page 7

Jndiana Tribüne ! September 1903.

jlas Erbe. Preisgekrönte Novellette von G. v. Weitra Man hatte ihn hinausgetragen und begraben .... Die wenigen Kränze, die den bescheidenen Sarg des XBnt schläferten zierten, ließen nicht ahnen, daß hier ein Großer" dahingegangen war. Einer, dessen Name vor zehn Jahren in aller Mu:;de gewesen.... Vielleicht würden über fünfzig und sechzig und siebzig Jahre die Schul kindcr noch die Reime auswendig lernen, die ein Robert Jmmenhaus geschrieben, und einsame Mädchenseelen Thränen vergießen über den Perlen tiefer Lyrik, die dieser Unsterbliche verfaßt, aber die Mitwelt die hatte den alten, verbitterten Mann, der nun schon fast zehn Jahre lang in halber geistiger Umnachtung lebte und längst keine Vierzeiler mehr für das Feuille ton der ersten Zeitungen schrieb, einfach vergessen! Sozusagen leoendig begraben" hatte man ihn! Aber nun war ja Friede der Tod löst alle Bitternisse . . . Man hatte ihn hinausgetragen und begraben ... SSelen begriff es nicht... Sie begriff es nicht, daß Jemand, der noch eben neben ihr gewesen und sie lieb gehabt hatte, nun hinweg sein sollte ganz fort an einem Ort, wo selbst ihre Gedanken ihn nicht mehr begleiten und aufsuchen konnten. Sie waren sich alles gewesen, Vater und Tochter! Wenn die Theorie wahr ist, daß die Söhne Geist und Charak:er der Mutter erben, die Töchter aber das Wesen des Vaters hier jedenfalls fühlte man die Bestätigung. Freilich sein Talent hatte sie nicht geerbt! O nein! Sie war ihr Leben' lang eine elende Stümperin geblieben. Als Kind hatte sie zuweilen Verse gemacht, aber als sie erwachsen war, hatte sie dieselben zerrinn und verbrannt, in dem ganz richtigen Ge fühl, daß sie nur einem poetischen Anempfinden entsprungen waren, ein Produkt ihrer Umgebung, nicht das Bedürfniß schöpferischer Urkraft. Dann war sie in der Musik ausge bildet worden, man nannte sie talentvoll. Aber sie hatte es nur so weit gebracht, daß sie jungen Anfängern, die noch größere Dilettanten waren als sie. Unterricht ertheilen konnte. Zuerst hatte ihre eigene Unfähigkeit sie geschmerzt: Sie fühlte, daß Ihre Seele Flügel" hatte, und daß sie doch mit ihnen nicht fliegen" konnte! Aber dann lernte sie allmählich begreifen, daß es auch in der Weltenordnung allerlei geflügelte Thiere gab, Fische und Käfer, die doch bescheiden unten an der Erde bleiben, weil ihre Flügel sie nicht genügend tragen. . . Da gewöhnte sie sich. . . . Aber den Geist des Vaters besaß sie dennoch! Dieselbe nervöse Feinfühligkeit, denselben geistigen Tastsinn. Daher verstanden sich die beiden so vollkommen. Sie hatten ganz die gleiche Art, das Leben und die Dinge um sich herum aufzufassen, und nicht stark genug. Eigenes zu schaffen, war Helen ganz in Werk und Wesen des Vaters hineingewachsen, etwa wie der Farbenreiöer des Mittelalters in Geist und Genius des Meisters, dem er diente. Nun stand sie allein auf derSchelle des bescheidenen Zimmers, wo sie allabendlich mit dem Vater gehaust, und wo sie ihn heut früh zum letzten mal in dem offenen Sarge gesehen. . . Es roch noch überall nach Kränzen, ein Geruch, wie modriges Tannengrün und schwüler Tuberosenduft, aber er kam ihr tröstlich vor, dieser Duft, wie etwas Wirkliches, Greifbares, inmitten dieser grenzenlosen, unverständlichen Leere! Es lag etwas Tröstliches darin, daß doch wenigstens ein Hauch zurückblieb, da, wo alles andere so spurlos entschwunden war.... So spurlos und sie war ganz allein und Niemand verstand sie mehr! Der Gedanke an ihren Bruder war das Einzige, was sie plötzlich belebte und noch aufrecht erhielt! Die Hoffuung, daß er vielleicht kommen könnte! Dieser Bruder, mit dem sie sich eigentlich nie. verstanden hatte, weil er so ganz anders war, wie sie und der Vater! Dieser Bruder, mit dem sie eigentlich nichts verband als ein paar gemeinsame Kindheitserinnerungen! Aber es war doch ihr Bruder! E? trug ihren Namen! Er war ihres LZaiers Sohn! Und in diesem Augenblick würden sie sich wieder als Geschwister fü'sien, würden gemeinsam weinen an es Vaters Grab, er war doch ein Mensch, ein Mensch in dieser entsetzlichen Einsamkeit, die ihr Herz Wie ein Er'stickungsanfall zu Umschauern drohte. Sie raffte sich auf und sah auf die Uhr ... in einer halben Stunde schon konnte er da sein, Gott sei Dank! Sie überlegte flüchtig: Sechs Jahre waren es her, seit sieRobert nicht mehr gesehen. Sechs Jahre, seit er in dem Geschäft drüben in New York thätig war. Nun war er schon zwei Jahre lang drüben verheirathet, sein einst etwas verfahrenes Leben hatte sich wunderbar zurechtgestaltet! Und ein merkwürdiger Zufall wollte es, daß er sich gerade jetzt in Spanien aufhielt, auf europäischem Boden, wo das Telegramm der Schwester ihn erreichte. Ob er wohl kommen würde? Ob Zeit und Geschäfte es ihm erlaubten? Ja er kam! Helen holte ihn vom Bahnhof ab, sie erkannte den großen, eleganten Menschen in dem modernen.

englischen Palet?i kaum noch wieder, kenn nicht der Trauerflor am Arm ihr bestätigt hätte, daß es wirklich Robert Jmmenhaus war. Merkwürdig sie hatte geglaubt, daß sie bei seinem Anblick weinen und ihm um den Halz stürzen würde, und nun war sie mit einemmal so gefaßt! So merkwürdig ruhig und verständig! Oder war es das beruhigende Gefühl, laß ein Mensch, der zu ihr gehörte, wieder an ihrer Seite ging? Also ein Schlagfluß war's! Hat er viel gelitten? Nein. Helen? Gott sei Dank! Schade ich hätte den alten Mann gern noch 'mal gesehen!" Helen schwieg. Es berührte sie immer irgend etwas fremd an der Art, wie er sprach. Es verletzte sie, daß er von seinem Vater redete, als von dem alten Manne"! So, als ob er von ganz jemand anderem spräche. Vater hat noch vorgestern deinen Namen genannt," sagte sie leise. Ach Gott Robert, Robert!" Und sie schluchzte wieder hinter ihremTaschentuch und dem schwarzen Schleier. Er streifte sie von der Seite mit einem Blick. Es lag etwas wie nachlässiges Mitleid darin. Du mußt das nicht so tragisch nehmen, Helen," sagte er endlich. Das ist nun 'mal so der Lauf der Welt! Und wenn Jemand achtzig Jahre alt ist und schon halb blöde dahinlebt, so kann man schließlich Gott danken, wenn die Sache 'mal sanft ein Ende hat. Ewig leben wir Menschen alle nicht." Ihre Thränen flössen noch reichlicher. Sie fühlte, daß er sie trösten wollte, aber sie fühlte auch, daß er'Z nicht ganz richtig ansing. Sie gab sich vergeblich Mühe, zu begreifen, daß es gut und nützlich und in der Ordnung sei, mit achtzig Jahren zu sterben. Sie blieb mit einem Mal an der Wegkreuzung stehen: Willst du gleich jetzt zum Fnedhof?" sagte sie. Es ist schon dämmerig und in einer Stunde wird abgeschlossen. Wir müssen uns sehr eilen." Er schüttelte den Kopf und zog den Paletot fester um die schmale Gestalt. Morgen früh, Helen," sagte er. Solch einFriedhof in der Abenddämmerung sieht gar zu trostlos und ungemüthlich aus, und überdies, ich habe auf meiner Fahrt schon genügend gefroren, mich verlangt offen gestanden nach einer warmen Stube." Sie wollte sich zuerst wundern, daß es ihn so wenig zu des Vaters Grab hinverlangte, aber dann sagte sie sich, daß er wohl eigentlich recht habe, und fügte sich ohne weiteres. Sie standen im Zimmer. Helen setzte ihm ein einfaches Mahl vor, das er hastig und mit gutem Appetit verzehrte. Er that dabei einige Fragen nach den letzten Tagen und Augenblicken des Verstorbenen, erzählte dazwischen von seiner Nachtfahrt, die recht kalt und unwirthlich gewesen war, von seinen Reiseabenteuern und Neisegefährten, ja. er lachte sogar ein paar Mal laut und herzhaft, als er erzählte, wie ein Mitreisender ein Huhn mit den Fingern tranchirt hatte! Helen wunderte sich, daß er so lachen konnte, an ihrer Seele gingen seine Worte vorüber wie ein wüster Traum, sie hörte nur mit halbem Ohr, aber es zerstreute sie doch ein wenig, zuzusehen, mit welchem Appetit er aß. Dann mit einem Mal legte er sich in den Stuhl zurück und rieb fröstelnd die Hände gegeneinander. Es ist kalt hier," sagte er. Ich möchte gern noch eine Cigarre rauchen. Aber hast du nicht irgend ein wärmeres Zimmer zu diesem Zweck? Hier ist ja der reine Hundestall!" Damitar er auch schon aufgestanden und ?at, die Thür öffnend, prüsend über die anstoßende Schwelle. Helen stand plötzlich neben ihm. Bitte nicht." sagte sie leise. Dies ist Vaters Sterbenmmer hier hat heute morgen der Sara gestanden " Er schwieg einige Augenblicke und sah stumm durch den Raum. Dann legte sich seine Stirn langsam ein wemg in Falten: Du mußt nicht die Lebenden über den Todten vergessen, Helen," sagte er verweisend. Mit der Sentimentalität kommt man nicht sehr weit im gewohnlichen Leben! Werm du hier erst ausgehst, so werden doch auch andere Leute hier hereinkommen werden vielleicht eine 'lärmende Kinderstube aus diesem Zimmer machen oder ein lustiges Diner hier geben! Wo käme die Welt wohl hin, wenn alle Leute nur von Erinnerungen lebten!" Damit ging er durch das Zimmer, trat einen Moment ans Fenster, du erlaubst saatc er dann noch einmal, setzte sich und zündete seine Cigarre an. Helen begriff nicht, wie man rau-

chen konnte in einem Zimmer, wo noch vor ein paar Stunden der offene Sarg des Vaters gestanden aber dann sagte sie sich, daß Männer vielleicht anders ceart' seien als Frauen ode? daß si , vielleicht wirklich zu sentiental sei! Schließlich, man aß und trank ja a'lch. man stand auf und ging schlahn, worum sollte man nicht auch rauben? Dafür war man ja wohl ein Mensch! Mit gctheilten Gefühlen und einer gewissen Unruhe verfolate sie die blauen linael, die er in die Luft blies. Der Rauch der Cigarre schluckte langsam den Duft von Kränzen und Tannengrün ein. der noch über dem

Zimmer lag cZ war- Helen, als ob Jemand ihr eine letzteErinnerung hinwegwischte den blassen Schatten einer halb erloschenen Zeichnung, die sie geliebt hatte. Mit über dem Knie verschlungenen Händen starrte sie in die Lampe, es war ihr mit einemmal wieder so weh zu Muth, so weltenentrllckt, die Gestatt des Bruders verschwamm neben ihr im Lampenschein, sie fühlte wieder all das Gryße, Zarte, das für immer von ihr gegangen war; danach wurde sie plötzlich ganz ruhig ein stumpfes Gefühl der Müdigkeit kam über sie. ein Gefühl, als ob ihr nun alles gleichgültig sei. Auch Robert hatte geschwiegen .... aber es arbeitete etwas in seinem Gesicht, als ob er nach einem guten Anfangsatz suchte zu einer längeren Eröffnung. Helen," sagte er endlich, während er die Asche von seiner Cigarre stieß. Es ist gut, wenn wir schon heute Abend miteinander reden. Ich habe nur zwei Tage Zeit, und bis dahin muß alles geordnet sein. Weißt du, wo Vaters Testament liegt Hauptsächlich deshalb bin ich gekommen. Es muß auch irgend welcher literarischer Nachlaß vorhanden sein, der möglichst rasch derOeffentlichkeit übergeben w:rden muß, wenn man daraus den nöthigen Nutzen ziehen will. Es wäre gut, wir fingen heut Abend noch an." Helen hob die Augen und richtete sie

sprachlos auf sein Gesicht. Aber er ueß ihr keine Zeit, ihre Empfindungen in Worte zu fassen. Wie gesagt, ich habe nur zwei Tage Zeit. Und um deinetwillen, Helen eö wäre gut, wenn wir deine Zukunft etwas ordneten, wenn wir aus dem bischen, was da ist, den nöthigen ZehrPfennig für dich herausschlügen." Für mich ?" Helen's große Augen sahen starr an ihm vorbei, ein bittcres Lächeln legte sich um ihrenMund. Ich werde schon nicht verhungern, Robert," sagte sie kalt. Bitte, ängstige dich nicht. Wir wollen doch heute Abend nicht von dergleichen reden." Warum nicht?" sagte er. Wenn nicht um deinetwillen, dann um meinetwillen! Wenn ich von hier fortgehe, wünsche ich. daß alles in Ordnung ist und Vaters Vesitzthum in den Händen. in die es gehört." Sie schwieg wieder; sie begriff nicht, daß noch ehe er das Grab gesehen, noch ehe der erste Nachtthau die frischen Erdschollen über des Vaters Sarg gellktzt hatte er im Stande war, von derartigen Dingen zu reden. Glaube mir," fuhr er hastig fort, ich habe Erfahrung in geschäftlichen Anordnungen Erfahrung vor allem in den Eigenheiten und Interessen der Presse. Du weißt nicht, welch ein colossales Aufsehen es machen würde, wenn gleich jetzt, im Augenblick von Vaters Tod, Aussätze und Schriften aus seinem Nachlaß erschienen wenn man sagen könnte, hier sind noch ungeahnte Schätze, unentdeäte Perlen, neue, noch unveröffentlichte Verse aus der Feder dieses einst so Berühmten!" Helen's müdes, blasses Gesicht belebte sich plötzlich eine Unruhe ging durch ihre Gestalt: Da ist nichts, Robert gar nichts," entgegnete sie mit ungewöhnlicher Lebendigkeit. Ich kenne alles, was Vater in den letzten sechs Jahren geschrieben hat geschrieben und wieder ausgestrichen, entworfen und wieder zerrissen weil seine Gehirnthätigkeit eben nicht mehr normal -war. Da ist der Entwurf zu einer Tragödie, aus seiner letzten Zeit lose Scenen in derHauptanlage ganz verfehlt", wie Papa mir selbst gesagt hat! Da sind Gedichte, ich glaube zwei Bände voll, aber alles verworren wirr, planlos, krankhaft von einer gestörten, melancholischen Geisteserregunz zeugend, alles durchaus minderwerthig im Vergleich zu dem, was Pcspa früher geschaffen hat. Nein, Robert; da ist nichts, was wir irgendwie veröffentlichen könnten!" Du irrst, Helen." sagte er ruhig, das vorhandene Material spricht hier gar nicht mit! Nur die Reklame! Die Reklame und Papas berühmter Name! Der deckt alles zu. Je undurchsichtiger, je geheimnißvoller, desto moderner! Das Krankhafte" liegt ja gerade im Zeitgeschmack! Und kommt einmal ein erleuchteter Kopf und sagt, das ist Unsinn, das ist verfehlt und schlecht, was kümmert das uns! Wir haben dann das Geld des Verlegers und d:s Publikums . bereits rechtzeitig in der Tasche." Und das das willst du wirklich thun? Daran denkst du im Ernst?" Eine zitternde Empörung sprach aus Helens Worten. Du bist Vaters Sohn du heißt Robert Jmmenhaus und du willst so etwas thun?" Er schwieg eine Weile und blies Rauchringel in die Luft. Dann legte er leicht, wie zur Beschwichtigung, die Hand auf ihren Arm. Sei doch vernünftig. Helen; es geschieht ja doch für dich! Du weißt, daß Papa uns nichts hinterläßt keinen Pfennig! Das einzige Erbtheil, das wir von ihm haben, besteht in seinem Namen und in seinem Dichterruhm. Das Beides geschickt zu verwerthen, darin besteht unsere Aufgabe, in deinem und in meinem Interesse." Helen war aufgestanden. Groß und schlank stand sie dem Bruder gegenüber. In ihrem erblaßten Gesicht rangen Thränen und Empörung. Ja." sagte sie, mit einer Stimme hinter der es von ersticktem Schluchzen

bebte, Papas Name ist das Einzige, was er uns hinterlassen hat. Ich bin bettelarm bettelarm, das weiß ich. Ganz genau weiß ich's. Aber Papas Erbschaft ist mir so heilig, als wäre es eine Million! Und es soll Niemand an seinem Namen rühren! Niemand! Auch der eigene Sohn nicht! Wenn man's dem erst sagen muß!" Er war jetzt auch aufgestanden; seine Cigarre war total ausgegangen. Helen," sagte er kalt, sei nicht verdreht!" Nein, verdreht war sie nicht. Nur lieb gehabt hatte sie den Vater, sein Wesen und seine Eigenart, mit einer Liebe, von der der Bruder nichts ahnte und verstand! Er, der so ganz anders war er, der immer fern gewesen war er, der so nichts wußte und fühlte von all den tausend feingesponnenen Seelenfäden, in die er da eben mit rohen, plumpen Händen hineingriff. Nei, eS war nichts Verwandtes zwischen ihm und ihr. Ein Durchschnittsmensch mit Durchschnittsgefühlen, die mit ihrer Welt nichts gemein hatten. Warum muß es denn immer das Geld sein, Robert. Immer und überall das e'd! Als ob es auf der Welt gar nichts anderes gäbe, was da in Frage kommen könnte, als immer nur das Geld!" Gibt es auch nicht!" sagte Robert in einem Ton, der zwischen Trockenheit und Ironie schwankte. In der Welt lebt man nun einmal lediglich von der Geldfrage. Und wenn du auf dein Erbtheil verzichten willst, das ohnehin jämmerlich genug ausfallen wird, ich nicht, ich nicht, das sage ich dir." Und ich sage dir, daß ich an Vaters Papieren keinen fremden Finger rühren lassen werde! Ich seine Tochter! Mach' alles zu Geld, was du willst! Verkauf' die Möbel, die Stühle, die Tische, aber . seine PaPiere " Ihre Stimme brach plötzlich ab. Sie legte den Kopf auf beide Arme und die Thränen rannen ihr dick durch die Finger. Dann, als das innere Schluchzen zu stark wurde, lief sie plötzlich hinaus ins anstoßende Zimmer. schlug die Thür hinter sich zu und schob den Riegel davor. Er ließ sie eine Weile gewähren. Die Hände auf dem Rücken zusammenzelegt, ging er eine Zeit lang nachdenklich in dem Raum auf und ab. Dann plötzlich pochte er an ihre Thür. Helen sei doch vernünftig; wir wollen uns doch nicht zanken heut' an Papas Begräbnißtag." Das half. Nach einer Weile war der Niegel wieder geöffnet. Helen saß auf dem Bett, mit vom Weinen gerötheten Augen. Du." sagte er. Gieb mir 'mal die Schlüssel von Vaters Sekretär." Sie zuckte auf wie eine verwundete Löwin. Was willst du in Vaters Sekretär! Ueberdies," sie lachte plötzlich verächtlich, seine Papiere sind da gar nicht!" Um so schlimmer. Dann sage mir, wo sie sind." Sie schwieg hartnäckig. Nun wurde er böse. Ein wenig mit gedämpfter Stimme sprach er noch, wie um seine innere Heftigkeit zu verbergen. Abtt so scharf accentuirt, fast zischend, kamen die Worte, daß sie über seine innere Seelenstimmung nicht in Zweifel bleiben konnte. Ich sage dir, Helen, wenn du glaubst, daß du hier nach deinem Kopf wirthschaften kannst, das lasse ich mir nicht gefallen! Nein, sicherlich nicht! Ich habe genau denselben Willen und genau dieselben Rechte wie du! Ja, noch zehnmal mehr wie du, denn ich bin Robert Jmmenhaus' Sohn, sein einziger, erstgeborener Sohn, der wohl über des Vaters Nachlaß verfügen kann, wie er will! Wie er will, verstehst du mich wohl?!" Sie blieb auf dem Bettrand sitzen, mit demselben müden, verächtlichen Gesicht. Es kam ihr plötzlich wie eine Ironie vor, daß er Robert Jmmenhaus hieß. Er ging mit verschränkten Armen durchs Zimmer ungeduldig mit einem verbissenen Ausdruck im Gesicht immer noch wartend, was sie wohl thun würde. Da aber nichts kam, faßte er langsam einen Entschluß. Er blieb mit einemmal vor ihr stehen: Helen." sagte er. Entweder gibst du mir die Schlüssel, oder ich hole noch heut' Abend denSchlosser, heut' Abend noch, und lasse alles aufbrechen alles!" Nun erschrak sie. Sie fühlte, daß er Ernst machen würde; sie kannte seine Natur. Die Schlüssel liegen in Vaters Nachttisch," sagte sie endlich, mit tonloser Stimme, unberührt, genau so, wie er sie vor drei Tagen hingelegt." Das Letzte klang wie ein innerlicher Llufschrei. Dann als sie sah, wie er nach des Vaters Zimmer ging stand sie auf, hüllte sich hastig in Hut und' Mantel und verließ den Hausflur. Wo willst du hin, Helen?" Sie gab keine Antwort. Sie antwortete ihm gar nicht. Sie lief hinaus in Schnee und Nordostwind. Am liebsten wäre sie nach demFriedHof gegangen; aber der war ja verschlössen um diese Zeit. So irrte sie trostlos in der nebeliaen Müi in Jm

s:aot umyer, rnn lyren (Veoanren immer um den einen einzigen Punkt kreisend. Als sie nach Stunden nach Haus kam. schien Robert fertig mit seiner Arbeit. Er sah sehr befriedigt aus. Sauber geordnete Papierbündel lagen auf dem großen Tisch in der Wohnstube. Willst du's dir 'mal ansehen. Helen?" Sie ging mit starrem Gesichtsausdruck an ihm vorbei nach ihremSchlafzimmer. Da blies auch er die Lampe aus und begab sich zur Ruhe. Helen schlief nicht. Es hämmerte in ihrem Kopf, rastlos, wie von einem inneren Fieber. Im Hause war alles todtenstill. Die große Uhr im Vorflur hatte einhalb nach Mitternacht geschlagen. Da entzündete sie leise ein Licht und stand auf. In Schlafschuhen glitt sie lautlos ins Wohnzimmer, und unheimlich groß huschte der Kerzenschatten neben ihr her an den Wänden entlang. Helen hielt den Athem an. ein Grauen überkam sie plötzlich, alle alten Märchen von lebendig Begrabenen", von wieder erschienenen Todten" und was dergleichen mehr ist, kreisten durch ihr aufgereiztes Gehirn und folterten sie sekundenlang mit Entsetzen. Ein Geräusch klang hinter ihr und ließ sie jäh zusammenfahren; aber als sie erst wahrgenommen hatte, daß es nur die zusammenbrechende Asche des langsam erlöschenden Kaminofens war, wurde sie plötzlich wieder ganz nüchtern und ruhig. Vorsichtig trat sie zum Tisch da lagen des Vaters Schriftzüge, nebenund übereinander geordnet der wohlbekannte Anblick der großen, feingeschwungenen Zeichen trieb ihr die Thränen in die Augen. Es war ihr, als ob aus jedem Buchstaben der geliebte Todte zu ihr redete. Leise zündete sie die erloschene Lampe wieder an, die nun einen sicheren Schein durch das große Zimmer warf, und dann begann Helen ihre Arbeit. Behutsam nahm sie ein Blatt nach dem anderen, ein Päckchen, ein Mappe nach der anderen, mit einer heiligen, andächtigen Scheu, ganz anders, als Roberts hastige Hände vorhin darin umhergestöbert hatten, von dem Eifer beseelt, d:s Nützlichst? und Wichtigste möglichst rasch herauszufinden. Dabei vertieften sich ihre Augen hier in einen Vers, dort in einen Zettel mit einem abgerissenen Gedanken zuweilen vermochte sie kaum weiterzulesen, so verdunkelten die Thränen ihre Wimpern; aber langsam sah sie doch, daß sie recht gehabt, daß es alles todte Schemen, die welkenden Blüthen eines Greisenhirns, die wirren Phantasien eines Kranken waren, der sich wüste Träume von der Seele schrieb nichts von jenem Robert Jmmenhaus, dessen lyrisches Gedichtbuch Rosen und Dornen" einst di: Welt durchflogen und erobert hatte. Und langsam wuchs in der Seele seiner Tochter, die auch Flügel hatte, aber mit ihnen nicht fliegen konnte", ein Entschluß empor, erst, zagend, dann immer deutlicher: Nein, die Welt sollte den kranken, schwachsinnigen Robert Jmmenhaus nicht kennen lernen sie wollte nicht Kapital schlagen aus dem erlöschenden Nachruhm ihres Vaters sein Name sollte rein bleiöen, rein und unsterblich! Mit zitternden Händen durchblätterte sie noch einmal die Gedichte. Zwei Blättchen behielt sie daraus zurück für sich selbst. Wieder und wieder las sie sie durch. Es schien das Einzige, wo die Phantasie des Greises noch einmal in flüchtigem Auflackern verständlicher aufzuleuchten schien. Der erste Vers, ohneUeberschrist geschrieben, lautete: ... Die Ewigkeit ist ein Märchenland Aus tausend Wundern geboren. Glückselig der, der mit Kinderhand Das hält, was sonst ewig verloren! Komm du und ich wir schauen zu zwei'n In das Märchenbuch uns'res Gottes hinein!..." Und dann ein zweites, ganz flüchtig mit Bleistift skizzirt: Brüderchen undSchwesterchen. Sie hatten so oft drüber nachgedacht, Was man droben im Himmel wohl treibt und macht, Und hatten ganz fest sich vorgenommen: Sollt' eines zuerst in denHimmel kommen, So sollt' es von goldenen Wolkenstufen Ganz laut zu dem andern herunterrufen! Recht deutlich aber vernehmlich und laut Was es droben alles im Himmel geschaut! Beim Schwesterchen war's dann zuerst geschehen, Es mußte voraus in den Himmel gehen! Und Brüderchen wartete Nächte und Tage Ganz geduldig und ohne Klage, Dachte: Schwesterchen gab das Verlörechen.

Schwesterchen wird mir ihr Wort nicht brechen.

Wird von deu goldenen Wolkenstusen Gewißlich zu mir herunterrufen! ,cch Monde und Jahre sie gingen herum Und droben am Himmel blieb alles stumm! Was meint ihr? Hat Schwesterchen unterdessen. Weil's immer im Spiel bei den Englein aesessen. Ihr Wort und das Brüderchen drunten vergessen? Ich meine ihm ward nur das Rufen verboten! Wer kennt die Gesetze im Reiche der . Todten!... Helen sah starr auf das Blatt Es kam ihr vor, als spräche der Versiorbene mit cinemmal zu ihr, zärtlich, tröstend, so, wie er im Leben zuweilen zu ihr gesprochen, wenn ihre geflügelte Seele ihr zu schaffen gemacht! Es war ihr, als streichelte er leise über ihre Wangen und sagte zu ihr: Ich bin bei dir, mein Kind, immer immer. ' Thränen schössen ihr aus den Wimpern, dann küßte sie noch einmal die geliebten Schriftzüge, und dann dann raffte sie mit bebenden Händen die Papiere zusammen und trug sie zum Kamin. Roch einmal schrak sie zurück..... Sie fühlte, daß sie Unerhörtes thun wollte, daß sie Wertstücke vernichtete, die vielleicht ein Kapital bedeuteten, sie fühlte, daß sie in diesemAugenblick den letzten Faden, die letzte Brücke abriß zwischen sich und ihrem Bruder, zwischen sich und dem einzigen Menschen, der ihr auf Erden noch nahestand. Und dennoch. . . . Ein grelles Aufflackern lief durch den Kamin ... ein paar gelbe Flammen reckten sich und züngelten um zerknitterte Blätter... Nur wenige Minuten, und der ganze literarische Nachlaß des Dichters Robert Jmmenhaus bestand in einem Häuflein stiller, grauer Asche, das knisternd in sich zusammenfiel. Graue, nebelige Wintertage und graue Stille in Helens Leben. Der junge Kaufmann aus Amerika, der so gut und praktisch zu rechnen verstand, hat es seiner Schwester nie verziehen, was sie in jener Nacht gethan. Die letzten Möbel des Vaters hatte er zu Geld gemacht und davon die Vegräbnißkosten bezahlt, das übrige rechnete er auf feine Reise. Du hast deinErbtheil ja schon vorweg in den verbrannten Papieren!" sagte er eisig, als er das Haus verließ, mit einer Beimischung schneidenderIronie. Gewiß, Robert," sagte sie und ließ ihn gehen, ohne Kuß, ohne Händedruck. Die Geschwister sahen sich niemals wieder. Nur einmal lächelte Helen noch trübe, als sie acht Tage später einen Brief ein Angebot des bekannten Verlegers in Händen hielt, der einst ungezählte Summen an den Rosen und Dornen" verdient hatte. Er bot ihr ein hohes Honorar für eventuelle Schriftstücke aus dem Nachlaß ihre? Vaters. Sie schrieb ihm dankenb ab. Und dann gab die Tochter des verstorbenen Robert Jmmenhaus tagein, tagaus ihre armseligen Klavierstunden, und lebte ihr Leben in dem Gedanken an ihre Erinnerungen und an die behütete Ehre ihres Vaters. 3 U An einem Apparat für Unfallverhütung schwer verunglückt ist der Ingenieur Jdel Perelmann in Charlottenburg, der vor Kurzem aus seiner russischen Heimath gekommen war, um sich an der Technischen Hochschule und in einigen industriellen Etablissements in seinem Fache weiter auszubilden. Der 27 Jahre alte Mann wollte in der ständigen Ausstellung für Arbeiter - Wohlfahrt u. A. auch die in einem besonderen Saale aufgestellten Schutzvorrichtungen zur Unfallverhütung näher kennen lernen. Eine solche an einem Hebelwerk angebrachte Schutzvorrichtung soll selbstthätig durch eine stanzenartige Vorrichtung im Moment der Gefahr die dem Mechanismus zu nahe kommende Hand u. s. w. zurückstoßen. Herr Perelmann ließ sich nun diese Schutzvorrichtung erläutern und legte dann seine linke Hand auf die bezeichnete Platte, um die Probe auf's Exempel zu machen. Dem Ingenieur war bedeutet worden, er möge den Rücken seiner Hand in halber Krümmung gegen die Stanze halten. 2)iV hatte Herr Perelmann, der die utsche Sprache nicht genügend beb rscht, wohl' nicht richtig aufgefaßt; er kam mit den Fingern seiner platt aufliegenden Linken unter die Stanze, die ihm drei Finger völlig zerquetschte. Der Verletzte mußte sich in der König lichen Klinik die drei Finger abnehmen lassen. Schlau. Vertraute: Wie hast Du es denn angestellt, daß sich der zaudernde Graf endlich erklärte?" Erbin: Nun, wir waren doch auf einer Gebirgstour zusammen, und da rief ich an einer Stelle mit sechsfachem Echo: JoZ hab' 'ne Million! Als das Echo zum fünften Male Million!" antwortete, war der gräflicheHeirathsantrag heraus." .v, - J. "I