Indiana Tribüne, Volume 27, Number 5, Indianapolis, Marion County, 28 August 1903 — Page 5
Jndiana Tribüne 28. August 1903.
OAOAGAOAOAOAOOAOAOJLOAOAOAÖ 1 Ein Zirwskind p
iDcorllf von g Z Niccardo Barre::, q OVCYCYöVCVC7OO7QYGTOYOYOv6 (Schluß.) Fünf Jahre waren seit Alicens Geburt vergangen, und immer tiefer grub sich der St.iLel ungestillter Sehnsucht.! in Anitas einsame Seele. Sie hatte sich längst von allem Umgang mit den Nachbarn zurückgezogen. Den größten Tlieil des Tages brachte sie allein mit Alice im Park oder in dem traulich ausgestatteten Thurmgemache zu. Ein Ich? nach der Geburt der Kleinen hatte sie angefangen, zu kränkeln; der alte Hausarzt konnte kein bestimmtes Leiden entdecken. Taß es Heimweh, grenzenloses, verzehrendes Verlangen nach Freiheit, nach dem alten Vagantenleben war. was die Wangen der jungen Frau bleichte, ihreAugcn so müde und träum-i verloren vor sich hinstarren ließ, das wäre dem alten Herrn, der wie alle anderen geneigt war. die Öaitklerin" des guten Coups wegen, den sie mit ihrer Heirath gemacht hatte, für beneidenswerth zu halten, nie eingefallen. Albert hatte Anita, dem Rathe seiner Mutter folgend.-sorgfältig von allem, was sie an die Vergangenheit erinnern konnte, fern gehalten. Niemals hatte sie während ihrer häufigen Neisen nach Berlin oder in die nahe Kreisstadt Zirkusvorstellungen oder ähnlichen Schaustellungen beiwohnen dürfen. Ihre ansang lichen Litten hatte er gütig, aber bestimmt abgewiesen; nun bat sie schon lange nicht mehr darum. Das Verhältniß der beiden Gatten zu einander war bis vor Kurzem das allerbeste geWesen. Anita liebte ihren Gatten, und es fiel ihr niemals ein, ihn für den Irrthum, den sie mit ihrer Heirath begangen hatte, büßen zu lassen. Eben die Liebe zu ihm und ihrem Kinde war die unzerreißbare Fessel, die sie auf BuchenHof hielt. Auch Alberts Gefühle waren dieselben, wenngleich die leidenschaftliche Vergötterung der ersten Jahre längst einer ruhigen, etwas gewchnheitsmäßigenZärtlichkeit gewichen war. Wohl kostete ihn der Gedanke an die so früh geopferte, glänzende Laufbahn ab und zu einen leisen Seufzer; da er indeß früher oder später doch die Verwaltung von Vuchenhof hatte übernehmen sollen, dachte er nicht daran, diesen Schritt zu bereuen. In seinem ängstlichen Bemühen, Anitas Herkunft bei ihr selbst und anderen vergessen zu machen, trug er zuerst den Anschauungen seiner Standesgenossen, zwischen denen er nun einmal lebte, und von denen er sich selbst trotz seiner Heirath durchdrungen fühlte, Rechnung, dann aber glaubte er nzirklich, daß dieses vollkommene Unterözüäen der Bergangenheit Anita endlich zum Vergessen bringen werde. In der letzten Zeit indeß war das Verhältniß ein anderes geworden. Anitas Erzählungen aus der glänzenden, schimmernden, lustigen Zirkuswelt all die trüben, sorgenvollen Stunden, die den Vaganten wie allen anderen Sterblichen reichlich zugemessen sind, waren ihrer Erinnerung entschwunden ihre Beschreibungen der prächtigen Pferde, der sammt- und seideknisternden Reiter und Reiterinnen, des abenteuerlichen Wanderlebens, die sie dem Kinde immer und immer wiederholte, erfüllten die lebhafte Phantasie der kleinen Alice ganz und gar, und eines 2a ges erklärte sie in Gegenwart des Vaters und der gerade auf Buchenhof weilenden Großmutter energisch, Kunstreiterin werden zu wollen wie Mammi! Wie von einem Schlage getroffen fuhr Frau von Buchen auf,, und zum erstenmale kam es zu einer Szene zwischen ihr und Anita, der sie auf das strengste verbot, dem Kinde je wieder ion diesen Sachen zu reden. Anita Ichwieg; sie fühlte, daß man Unmögliehe von ihr verlange; sie mußte Jemand haben, dem sie von dem, was ihr ganzes Sein und Denken erfüllte, sprechen konnte, und Alice war die einzige. Trotzdem versuchte sie, nach Kräften sich zu beherrschen; sah sie doch selbst die Gefahr ein. die sie heraufbeschwor, indem sie in ihrem Kinde denselben Zwiespalt hervorrief, an dem sie selbst zu Grunde c-ehen würde. Aber wenn Alice zärtlich schmeichelnd bat: Manimi. Mütterchen, erzähle!" dann vermochte sie nicht zu widerstehen, und selbst wenn sie mit irgend einem Märchen begann, nach kurzer Zeit war sie doch stets bei den alten, liebenZrinnerungen angelangt, und mit heißen Köpfen, ganz in ihr Thema vertieft, kauerten Mutter und Tochter eng aneinandergeschmiegt vor dem flackernden Kaminfeuer oder auf der weichen Chaiselongue. So traf sie Albert eines Tages, und auf seine barsche Frage erzählte ihm Alice treuherzig den Gegenstand ihres eifrigen Gesprächs. Ta hatte er das Kind mit sich genommen und es zu seiner Mutter gebracht. In der jungen Seele, in der lebhaften Phantasie seiner Tochter wünschte er nicht Einlüde wachgerufen zu sehen, die ihr h späteren Leben von unberechenbarem Schaken sein könnten. Jetzt endlich hatte Anita ihre stille Ergebung fahren lassen. Sie kämpfte um ihr Kind, ihr einziges, ihr ganzes Glück. Vergebens. Und als sie ihn so fest, so unbeugsam, so ganz von seinem Rechte durchdrungen vor sich stehen sah, da brach er hervor, der jahrelang verhaltene Schmerz, die
eynsuäzt nach dem alten Glück, der bittere' Jammer unverstandenen, ungetheilten KummerZ. , Zum erstenmal empfand sie ganz klar die selbstische Ungerechtigkeit, mit der er von ihr, der Einzelnen, der Schwachen, das Aufgeben ihres innersten Seins als etwas Selbstverständliches verlangte, ohne daß er selbst auch nur handbreit von seinen Vorurtheilen abwich. Warum, warum denn nahmst Du mich mit Dir! . Du wußtest ja, wer und wie' ich war! Kann ich mich zu eine? anderen machen, als ich nun ein- ' mal bin? Ich habe geschwiegen und geduldet all die Jahre; jetzt ist's genug, mehr ertrage ich nicht ich will nicht mehr leiden! Gib mir mein Kind zurück; sie sollen es nicht lehren, seine Mutter zu vergessen oder gering zu acht!" Er empfand das Berechtigte ihrer Vorwürfe und fühlte sich um eine Antwort verlegen, seine Anschauung indeß blieb unverändert wie sein Entschluß. Nach jenem Auftritt hatte Anita eine Zeitlang das Bett hüten müssen, und als sie dann bleich und abgespannt, oft von schmerzendem Husten geplagt, wieder aufstand, schien sie sich in das Unvermeidliche gefügt zu haben; sie machte keine. Versuche mehr, Alice zurückzuerhalten. Ihren Gatten vermied sie jedoch so viel als möglich. Anita erhob sich mit einem tiefen Seufzer aus ihrer liegenden Stellung. Das war nach acht Jahren das erträumte Glück! Der Eintritt der Jungfer riß sie aus ihren Grübeleien; sie gab Befehl zum Einpacken, und wenige Stunden später führte de: Nachtzug sie und ihren Gatten nach derReichshauptstadt. Am zweiten Tage ihres Aufenthalts in Berlin fuhren sie gegen Mittaz im Wagen des Hotels die Linden entlang zum Thiergarten. Das lebhafte Gewoge von Fußgängern, Reitern, Lu-xus-und Arbeitswagen unterhielt und zerstreute beide, und sie musterten in so guter Stimmung, wie sie sie lange nicht empfunden hatten, die verschiedenartige Menge. Plötzlich zuckte Anita zusammen, tiefe Röthe überzog ihr Antlitz, und sie erhob sich, lebhaft mit der Hand winkend. Was gibt's, was hast Du?" fragte Albert verwundert. John, mein Bruder, ich erkannte ihn gewiß, er hat uns nicht gesehen, laß uns wenden, wir holen ihn noch ein!" Sie sprach lebhaft, freudig bewegt. Einen Augenblick zögerte er, am liebsten hätte er es ihr verweigert; diese Begegnung konnte alles, was die Vorsicht der letzten Jahre zustande gebracht hatte, vernichten; aber sie stand vor ihm so strahlend, so sicher, , so glücklich, wie er sie lange, lange nicht gesehen hatte; er konnte ihr die Bitte nicht versagen. Und schließlich: konnte, durfte er ihr den so natürlichen Wunsch, den Bruder zu begrüßen, den sie seit Jahren nicht gesehm hatte, abschlagen? Er gab Befehl zum Wendsn, und bald hatten sie 'den jungen Mann, der langsam, mit dem dem Reiter eigenthümlichen breitspurigen, wiegenden Gang durch die Menge schritt, erreicht. Anitas lebhafter Ruf .John" drang durch den Lärm der Straße an fein Ohr, und er wandte sich um. Er erkannte Schwester und Schwager sofort, und wenngleich fein Gruß an beide herzlich war, so stach doch sein echt englisches Phlegma von der fieberhaften Lebhaftigkeit der Schwester merkwürdig ab. Albert, der sich in Gegenwart des Kunstreiters etwas ungemüthlich fühlte und außerdem die Geschwister sich selbst überlassen wollte, schob Geschäfte vor und verließ die beiden nach wenigen Minuten. John, ein bildhübscher Mensch, dessen große, dunkelblaue Augen denen der Schwester glichen, drehte mit der weißen, wohlgepflegten Hand, an deren Fingern prachtvolle Brillanten funkelten, unablässig den langen Schnurrbart und ließ vorläufig die zahlreichen Fragen der Schwester ruhig über sich ergehen, nur kurze, gedrängte Antworten gebend. Als sie endlich ruhiger ward, fragte er anscheinend gleichmüthig, aber mit einem aufmerksam beobachtenden Blick in den fcharfen Augen: Na. Annie, und wie geht es denn eigentlich Dir? Du siehst ziemlich verzweifelt aus wenn icb mir die kleine Anita vorstelle, die uns vor acht Jahren verließ. Behandelt Dein Herr Gemahl Dich nicht, wie es seine Pflicht und Schuldigkeit ist, was? Aus den paar Zeilen, die Du uns ab und zu gönntest, war nicht besonders klug zu werden, nur das eine verstanden wir zur Genüge, daß die Familie der gnädigen Frau sich auf distance hielt. By Jove, will mein hochnäsiger Herr Schwager nichts von uns wissen wir können ohne ihn leben." Anita versuchte EinWendungen zu machen, da er jedoch nichts hören wollte, brach sie ab und fragte eifrig nach seinem auzenblicklichen Engagement. Ich bin hier mit R., bin schon seit einem Jahre bei ihm, seine Zugnummer, verstehst Du, seine great attraction. Ich mache enormes Glück, bei Damen besonders." Er drehte selbstgefällig den langen Schnurrbart, und hinter den geöffneten Lippen wurden zwei Reihen kleiner, weißer, spitziger Zähne sichtbar. Na, Du kommst doch heute Abend und siehst mich?" fragte er dann, ich stelle Euch die beste Loge zur Verfügung." Sie waren inzwischen in ihrem Zimrner im Hotel angelangt. Anita zögerte mit der Antwort Der Bruder sah sie erstaunt an. Was, kommst Du nicht? Hast Du etwas anderes vor heute?-
Nein, das nicht, aber ja. Albert wünscht nicht, daß ich Zirkusvorstellungen besuche," sagte sie zögernd. Dunkle Röthe 'fuhr über das schöne, offene Gesicht des Kunstreiters. Da hinaus also geht es! Er schämt sich Deiner Herkunft? Nicht Du also hast uns vergessen, wie wir glaubten er wünscht es nicht! Dieser" Ein kräftiger englischer Fluch beendete den Satz. Jetzt war eZ mit Anitas Fassung vorbei. Ich Euch vergessen?" rief sie. Mein ganzes Herz hängt an Eüch; ich starb fast vor Sehnsucht! Ach. einmal nur möchte ich es wiederseben. das strahlende, helle Haus, einmal die lieben alten Gesichter sehen, die bekannten Klänge hören, einmal nur wieder auf einem feurigen Pferde durch die Manege jagen, einmal, ein einziges Mal nur wieder Kunstreiterin sein!" Sie wußte kaum, was sie sprach, so heftig, so alles bezwingend war die leidenschaftliche Sehnsucht, die sie erfüllte. Das alles kannst und sollst Du sehen und hören!" erwiderte der Bruder bestimmt. Man hat einfach nicht das Recht, Dich daran zu hindern; indeß, wenn Du Szenen vermeiden willst, so kann es ja geschehen, ohne daß Dein Mann etwas davon erfährt; er wird ja wohl einmal Abends ausgehen?" Heute," entfuhr es ihr unwillkürlich, heute ist er zu Tisch mit Kameraden aus früherer Zeit!" Gut," erwiderte John, dann hole ich Dich gegen Abend ab und" er lachte vergnügt dann sollst Du auch Deinen Willen ganz haben! Wir schließen heute mit einem Jagdreiten von vierundzwanzig Damen, da schmuggeln wir Dich ein; das besorge ich. verlaß Dich drauf! Ich habe den Alten am Schnürchen, der thut, was ich will." Sie stand in Gedanken verloren. Wie das zog und lockte! Sie fühlte, daß sie der Versuchung erlag. Er erfuhr es ja nie; kein Mensch kannte sie hier, und wenn auch, wer würde sie unter den Reiterinnen vermuthen! Noch eine Minute-schwankte sie, dann erklärte sie: Gut, abgemacht, John, ich komme, aber mitreiten nein, nein, ich wage es nicht; wir wollen sehen, vielleicht jedenfalls komme ich, ich will Dich ?eiten sehen. Noch eins, hole mich nicht ab; das könnte auffallen. Erwarte mich um sieben Uhr am Zirkus, und nun gehe, John, ich möchte allein sein." Die Stunden bis zu der abgesprochenen Zeit vergingen ihr wie im Fluge in beständigem Kampfe mit sich selbst. Albert, der nur in das Hotel zurückkehrte, um sich zu dem Diner mit seinen Kameraden umzukleiden, schlug ihr vor, in die Oper zu gehen, was sie ablehnte, da sie nicht aufgelegt sei, Musik zu hören. Er betrachtete sie einen Augenblick forschend. Wie bleich sie aussah, so krank und müde! Es that ihm leid, daß er sie allein lassen sollte. Es war klar, daß die Begegnung mit dem Bruder sie erregt hatte. Vielleicht ist es auch gescheiter so, Maus, geh' zu Bett und schlaf' Dich recht ordentlich aus, damit Du morgen wieder recht frisch bist. Adieu, leb' wohl!" Er küßte sie leicht auf die Wange, sie aber schlang mit plötzlicher Leidenschaft die Arme fest um feinen Hals und hielt ihn lange, lange so, das thränenüberströmte Antlitz an seine Brust gedrückt. Er liebte dergleichen Ueberschwenglichleiten nicht; sie setzten ihn in Verlegenheit; mit weinenden Frauen wußte er nichts anzufangen. So gut es angehen wollte, entzog er sich ihrer Umarmung und ging mit mißvergnügter Mien im Zimmer auf und nieder. Als sie dann endlich ruhiger geworden war, verließ er sie, froh dem Wiedersehen mit, den Kameraden, dem Auffrischen alter Erinnerungen entgegeneilend. Bitterkeit im Herzen, sah Anita ihn gehen. Auch nicht einen Augenblick fiel es ihm ein, bei ihr dieselben Gefühle vorauszusetzen. Was für ihn natürlich und passend war, ihr war es verboten! Nein, sie wollte sich nicht seinem egoistischen Vorurtheil opfern lassen; was ihm billig war, es war ihr recht! Hastig ergriff sie den dunklen Reisemantel, knüpfte einen dichten Schleier um das schwarze Federbarett und fuhr in einer Droschke nach dem Zirkus. John hatte sie bereits erwartet. Gut, daß Du kommst, es ist bald an der Zeit, mich umzukleiden. Komm mit mir, ich habe Dir einen Platz dicht bei dem Eingang zu den Ställen reservirt. Tu wirst übrigens Bekannte treffen. Bedford ist hier, ein bischen alt geworden, kein rechtes Feuer mehr; dann die 'beiden Gerards, fixe Jungens. machen Voltige- und Jongleurarbeit, na, und dann vor allen Emmie "adee. Deine Konkurrentin, als Du eben anfingst. Sie hat den Bedford geheirathet, ist noch immer tüchtig. Nun. Du wirst ja selbst sehen.- Komm nun, Schwesterchen, ich muß hinein." Sie betraten den großen, noch halbdunklen Raum, in dem nur erst die billien Plätze besetzt waren. John führte seine Schwester nach ihrem Logensitz und überließ sie dann sich selbst. Anita vermochte anfänglich kaum ihrer nervösen Bewegung Herrin zu werden. Erst allmälig begann sie, sich zu orientiren. Ihr Auge -flog durch den weiten Raum, der ihr so bekannt, so heimisch vorkam, gierig sog sie das eigenthümliche Zirkusparfüm ein. die langen Jahre der Verbannung versanken, verschwanden aus ihrer Erinnerung, sie war wieder das frohe, glückliche Vagantenkind Miß Anita Cortes, die Kunstreiterin. Die Glocke erklang, und das große 5errenversonal in der eleganten hell-
blauen Stallmeisteruniform' 'flankirte den Eingang zu den Ställen. Ein Diene? führte einen prächtig geschirrten Schimmel in die Manege, und eine junge, hübsche Reiterin flog, kaum die dargebotene Hand eine Kollegen berührend, leicht und gewandt auf das Panneau. Die rauschende Musik, die graziösen Pas der lächelnden Reiterin, der laute Beifall des animirten Publikums, alles, alles genau wie damals, als dieser Jubel ihr gegolten hatte, als sie selbst so strahlend heiter durch die Manege geflogen war. Eine Nummer folgte rasch der anderen, und mit jeder Minute wuchs Anitas Erregung. Iobn ritt die letzte Nummer vor der Paule, und die deutlich erkennbare Unruhe im Publikum bewies, daß es keine Uebertreibung gewesen war, als er sich die "great attraction" der Truppe genannt hatte. Tas Orchester intonirte einen elektrisirenden Galopp, und mit eleganter Lancade sprengte der schöne Jockey über die Piste, begrüßt von den jubelnden Zurufen, dem wild-enthusia-stischen Beifall des Publikums. Knapp umschloß .das weiße, goldgestickte Sammtwamms die prächtige Figur, auf dem reißen, aschblonden Haar saß keck die rothe Jockeymütze, übermüthig lachten Augen und Mund, und während er in wilderem und wilderem Ritt di? Manege umkreiste, suchten dies? Augen immer und immer wieder die der Schwester, in deren gespannten Mienen er begeisterte Anerkennung las. Als er dann zum Schluß wie ein toller Junge mit einem weiten Sprung über die Köpfe der Stallbedienten hinweg hinter dem Vorhang verschwand, wollte der brausende Beifall kein Ende nehmen. und wieder und wieder mußte er in die Manege, dankend, lächelnd, strahlend vor Stolz. Anitas Blick hing an ihm wie bezaubert. Nein, sie wollte, sie mußte einmal, ein einziges Mal mit ihm. mit den Anderen sein! Es kam ein wilder, unbändiger Trotz über sie und galt es alles, sie wollte es wagen! Was hatte sie zu verlieren! Forschend suchte ihr Blick die Reihen der Logen und Parkettplätze entlang. Nein, iein bekanntes Gesicht war zu entdecken. Unten aö?r zwischen dem Personal traf sie auf vertraute Gesichter, und man wußte, wer sie war; John hatte ge plaudert. Lächelnde Mienen, heiteres Nicken zeigten ihr. daß Anita Cortes hie? noch unvergessen war. Jetzt trat John, bereits umgekleidet, an den Tirei'tor heran und sprach leise, eifrig und lächelnd auf ihn ein. An dem bedenklichen Kopfschütteln, den forschend auf sie'gerichteten Blicken errieth sie den Geaenstand des Gesprächs, und plötzlich überkam sie eine seltsame Angst, ein Gefühl peinlichen Unbehagens. Furcht vor den Blicken der Menge, um die sie vor Kurzem noch den Bruder beneidet hatte. Ta aber trat John an ihre Loge. Abgemacht, Annie, oder doch so gut wie abgemacht!" sagte er, vergnügt lachend. ..Komm 'mal mit, der Direktor möchte Dich sprechen, er erinnert sich Deiner von früher her; er hat Dich selbst in Frankfurt arbeiten sehen." Anita folgte ihm halb willenlos, und kaum hatte sie den halbdunklen Vorplatz vor dem Stall betreten, als sie sich von dem Direktor und den alten Äame'rüden lebhaft begrüßt und umringt sah. Wie das wohlthat, einmal wieder die alten lieben Gesichter zu sehen, das eigenthümliche Kauderwelsch, diese aus einem Gemisch aller Kultursprachen bestehende Zirkussprache zu hören! Im Nu wa? die Angst von vorhin verflogen, heiter lächelnd hörte sie die Berichte merkwürdiger Erlebnisse, großartiger Triumphe oder ungerecht erlitteuer Zurücksetzungen an. die jeder Einzelne zu berichten wußte. Ihre Wangen röthetcn sich, ihre Augen blitzten, und als der galante Direktor dann lächelnd fragte, ob sie in der That die letzte Nummer mitreiten wollte, antwortete sie schnell und bestimmt: ?!a." xju rann! meinen tfaun mun, Annie," bot die frühere Kollegin Emmy Sadee ihr freundlich an; er ist ein wenig unruhig, aber Du hast wohl keine Angst, halte nur nicht zu stramm, dann geht er von selbst." Anita strich kosend über das blanke Fell des Thieres, das fragend den klugen Kopf nach ihr umwandte, dann folgte sie Emmy, um sich in deren Zimmer umzukleiden. Als sie kurz nachher in dem schwarzen Reitkleide Emmys, den hohen Hut auf die Locken gedrückt, das feine Cesichtchen über einem Hauch rother Schminke leicht gepudert, vor dem Spiegel stand. mit dem alten, erwartungsfrohen Herzklopfen, da war aus ihrer Erinnerung Anna von Buchen verschwunden, als sei sie nie gewesen. Ohne Zögern schritt sie die Treppe hinab und ließ sich von John auf das unruhig scharrende Pferd heben. Wieder ertönte die Glocke, und lächelnd ritt sie hinter Emmy in die Manege, die sie alle einmal langsam unriHpn , . ri , m . In einer Loge, die erst nach Beginn der zweiten Abtheilung von einer kleinen Herrengesellschaft eingenommen worden war, erhob sich beim Anblick Anitas, die, noch ein wenig verwirrt von dem hellen Lichte und der vielköpfigen Menschenmenge, die Augen fest auf den Kopf ihres Thieres gerichtet hielt. Albert von Buchen mit einem Ausdruck. als habe er ein Gespenst gesehen. Er war nach dem sehr heiter verlaufenen Diner mit den Freunden zum Zirkus gefahren und glaubte einen Augenblick, das Opfer einer Sinnestäuschung zu sein, als er dort unten sein Weib, seine Anna, geschminkt und mit strahlendem Lächeln zwischen den Reiterinnen erblickte. Jetzt jagten diese Eine nach der Anderen quer durch die Manege, leicht und elegant das , erste Hinderniß nehmend.
am iüynsten von allen riit Anita, am wildesten klang das lleiüonc, mit dem sie ihr Thier anfeuerte; sie war wie von e:ne:n Taumel ergriffen, alle-Z um sich h:r vcrg:s?:nd. Die Augen sprühten lx't, die Lippen lachten, die Brust wogte auf und nieder, sie schien ihm verwandelt, eine Andere, ein tolles, wildes Weiö. das er nicht kannte. Aber schön war sie. weit verlockender und begchrenö'.'.erther. all das bleiche, stille Kind, das auf Buchenhof seine halb mitleidigen Liebkosungen erduldete. Leichenblaß stand er auf seinen Stuhl gestützt; wie gebannt hing sein Blick an ihr, als wolle sein glühendes Auge sie durchbohren. Und wie wenn diese? Blick den ihren unwiderstehlich an sich gezogen hätte, so traf ihr Auge auf das seine, als sie zum letztenmal, jetzt die erste in der Reihe, hineinjagte, um die hohe Barriere, das letzte und höchste Hinderniß, zu nehmen. Ihr Auge erweiterte sich, mit dem Ausdruck sinnlosen Schreckens starrte sie ihn an, und unwillkürlich rissen die zitternden Hände mit einem scharfen Ruck das Pferd vor der Barriere zurück. Einen Augenblick stand der Rappe still, dann setzte er mit einem prächtigen Sprunge über das Hinderniß, dabei die ohnmächtige junge Reiterin in einem hohen Bogen aus dem Sattel in den Sand der Manege schleudernd. Eine grenzenlose Verwirrung folgte, in der Alberts verzweifelter Schrei: Anita, mein Weib!" ungehört unterging. Es gelang, die Leblose vor den Hufen der übrigen Pferde zu retten, und man trug sie anscheinend unverletzt in das Privatzimmer des Direktors. Während man in aller Eile nach einem Arzte schickte, begannen sich auf Anitas Lippen einzelne rothe Tropfen zu zeigen. denen ein Strom hellen Blutes folgte. Alle Versuche, die furchtbare Blutung zu stillen, waren vergebens, und als sie endlich von selbst aufhörte, glich Anitas stilles, blasses Antlitz mehr einem schönen Wachsbilde als einem lebenden Menschengesicht. Vor dem Sopha, auf das man die Unglückliche gebettet hatte, lag Albert auf den Knieen, mit ängstlicher Spannung jeder Bewegung des Arztes folgend, der seine langen, bangen Fragen kurz und ausweichend beantwortete. Endlich öffnete Anita die Augen, sie sah sich verständnißlos um, und erst, als ihr Blick auf John fiel, der am Fußende ihres Lagers stand, schien sie sich des Vorgefallenen zu erinnern. Ihr Auge suchte Albert, und als sie ihn gefunden, versuchte sie ihm mit einem schmerzlichen Lächeln die Hand zu reichen. Es ist am besten so, darling," flüsterten die blassen Lippen, ich paßte nicht zu Dir, ich gehörte zu meiner Volke, und hier wär' ich doch jetzt geblieben. Aber Alice, meine süße, kleine Alice, wache über sie, sie soll nicht leiden wie ich. Laß nie das Gauklerblut in ihr sich regen, sonst stirbt sie daran wie ich. Wir können nun einmal nur in der Freiheit leben, bei Euch ersticken wir. Leb' wohl, mein Liebling, Dank für Deine Liebe, sie war mein bester Trost. John, komm her," sagte sie später. Verzweifelt sank er neben ihr nieder. Ich bin schuld, ich allein; ich überredete Dich!" stöhnte er. . Nein, nein, ich mußte doch sterben, der Husten die Brust ich wußte es längst es wäre doch bald vorbei geWesen. ', Ich habe Euch doch noch einmal gesehen, ich sterbe doch bei Euch, bei den Meinen." Erschöpft schloß sie die Augen und lag von nun ab ganz still; nur ab und zu glitten die weißen Hände über AI berts tiefgebeugtes Haupt. Gegen Morgen erneute sich die Blutung, und als die graue Dämmerung den Anöruü deö Tag:S verkündete, da hatte sie ausaelitten. die arme kleine Anita. Alaskas Goldprodukt i o n seit der Entdeckung des Klondike beläuft sich auf Z73.364.790. In St. Louis findet die nächstjährige Konvention der American League of Civic Jmprovement" statt. U n g l ü ck l i ch e r Z u f a l l. Die Gütlerin Schober in Breitenberg bei Deggendorf im Bayerischen wollte dieser Tage beim Aufräumen des Schlafzimmers das Bett ihres Mannes von der Wand rücken, kam dabei aber mit dem Kopf an den an der Wand hängenden Revolver. Dieser entlud sich und als der durch den Knall erschreckte Ehemann in die Stube kam, konnte er nur mehr seine todte Gattin in den Armen auffangen. . Frorl?. Herr: Sie bitten mich um ein Almosen und nehmen nicht einmal den Hut ab?" B eitler: Ach, lieber Herr, das thue ich nicht aus Unhöflichkeit. Da drüben steht aber ein Schutzmann, und wenn der sieht, daß ich den Hut abnehme, so denkt er, ich bettle; behalte ich ihn aber auf, so hält er uns einfach für ein paar gute Be-kannte!"
(Bin Formfehler. Serenissimus befindet sich mit Kindermann auf einem Spaziergang. Da bemerkt er, wie mehrere Leute eifrig einen Zettel studiren, welcher am nachsten Hause angeschlagen ist. Neugierig tritt er heran und Kmdermann muß den Inhalt vorlesen. Es ist ein Pamphlet auf Serenissimus, welches seinen jüngsten Erlaß höheren Blödsinn" nennt. Einen Moment ist Serenissimus sprachlos, dann sagte er im Tone äußerster Entrüstung-Aeh, Kindermann, sofort ändern, ah allerhöchsten!"
ElrpkMtcn als Arbcitcr.
l,l?t gcschiSten Leistungen bei der Holzbear beitung in Indien. Die Hauptarbeitskräfte bei der Industrie de? Holzbearbeitung in Indien sind Elephanten. Die schweren, am Strande lagernden Baumstämme, zu deren Transport pro Stück vielleicht 3050 ätzende Kulis nöthig wären, nimmt der Elephant mit dem Rüssel auf seine Stoßzähne und spazirt damit, sie wie einen Spazierstock balanzirend, nach dem Sägewerk, wo er sie fein säuberlich in Reihen niederlegt. Dann kommt sein Bruder und trägt sie einzeln nach einer Maschine, von der sie zu viereckigen Balken geschnitten werden. Darauf wartet eigens dessen Vetter, um sie sodann mit dem Rüssel auf einer Holzbahn der Länge nach vor sich herzuschieben, bis ein viertes Elephantenthier sie aufhebt, um sie ordentlich zu quadratischen Thermen aufzuschichten, wo sie von der durchziehenden Luft getrocknet werden. Von den schon trockenen Balkenthürmen holt der brave Rüsselträger sie einzeln wieder herunter; die Balken, die zu Brettern und Bohlen geschnitten werden sollen, trägt er nach der betreffenden Maschine, legt sie dort sorgsam mit dem Kopfende voran vor das Messer, genau senkrecht zu diesem, wobei er mit dem Rüssel so lange hinund herschiebt, bis die richtige Lage hergestellt ist, dann gibt er noch einen Schubs und die Maschine fängt an zu arbeiten. Andere Balken trägt er nach der Kreissäge, läßt sie zu zwei oder mehreren Stücken schneiden, genau vorher mit dem Rüssel den Schwerpunkt und die Mitte ausbalanzirend. Und so weiter. Eigentlich macht der Elephant diese Arbeiten allein, denn der Mahnt, der auf seinem Halse sitzt, gibt ihm nur wie ein Feldherr die allgemeinen Tirektiven an, indem er ihm gelegentlich einmal etwa- in der Elephantensprache in's Ohr flüstert und ihm dabei mit dem eisernen Hammer auf den Schädel haut. Das letztere ist für Meister Dickhaut nichts weiter als ein zarter Wink, daß jetzt etwas los ist, so etwa, wie wenn man Jemand leise auf die Schulter tippt. Im Uebrigen beschäftigt sich ein kluger Elephant nicht immer mit ein und derselben Angelegenheit, sondern er hat natürlich verschiedenerlei studirt und wechselt in seiner Thätigkeit je nach Wunsch ab. Der Elephant ist zwar theuer je nach Begabung bis zu $7000 aber e? hält auch lange, meistens länger als die Fabrik. Doch hat er freilich einen Nachtheil, er vermehrt sich nämlich nicht im gezähmten Zustande. Man kann ihn daher gar nicht züchten, sondern muß stets von Neuem wilde Elephanten einfangen. Die Elephanten übertreffen an Geschicklichkeit bei Weitem die indischen Arbeiter, denn bei diesen kommt es öfter vor, daß sie sich Arme, Beine und dergleichen Dinge an den Maschinen abschneiden, aber noch niemals hat sich irgend ein Elephant erheblich verletzt, trotzdem die Thiere auf den schmalen Gängen zwischen den Maschinen sich bewegen, vorsichtig ein Bern vor das andere setzend. Aeußerst selten passut es ferner, daß ein Elephant wieder wild wird oder den Koller bekommt, welch"? Fall freilich gerade für die in der Näye Befindlichen eine unangenehme Ueberraschung bildet. drahtlose Telegraphie. Auf dem Michigansee wurde dieser Tage ein neues System drahtloser Telegraphie einer Probe unterworfen, welche zufriedenstellend ausfiel. Der Erfinder ist ein junger Chicagoer, G. S. Piggott mit Namen. Dieser stand bei der Probe auf dem Schiffe Christofer Columbus," mehrere Meilen vom Ufer, während seine Mutter in ihrem Hause an der Earfield Avenue, Chicago, mittelst eines Apparates Tepeschen abschickte. Die Depeschen wurden von dem Sohne auf dem Schiffe richtig aufgenommen. Das Piggott'sche System unterscheidet sich von anderen Systemen unter Anderem dadurch, daß weder an der Abgabe-, noch an der Empfangsstation eine Stange erforderlich ist. Bei der Probe war zwar der Empfangsapparat auf dem Verdeck des Schiffes der freien Lufl ausgesetzt, allein der Abgabeapparat stand in dem Zimmer eines Hauses, also in einem aogeschloenen Raume. -Auch die Störung durch fremde elektrische Ströme wird angeblich verhindert, indem die beiden Instrumente auf einander abgestimmt" sind, so daß jedes nur einem Strome von gewisser Schnelligkeit enlspricht. Der Erfinder hofft sein System für den Handelsverkehr verwendbar zu gestalten. Was man früher unter Yacht" ver st and. Ursprünglich bezeichnete man mit Facht" das scharf gebaute einmastige altnordische Küstenfahrzeug mit langem Klüver--bäum und hohem Hinterschiff, das in späterer Zeit an der Ostsee und besonders auf den dänischen Inseln heimisch war. Diese schnellsegelnden Fahrzeuge wurden dann in England speziell für den Depeschendienst der Kriegsmarine gebaut. Darauf bemächtigte sich der Segelfport und die Liebhaberei reicher Amateur-Seefahrer des Namens und des Typs. Die Facht" wurde das Schiff für den Sport; der kleinere schnelle Segler für Rennfahrten wie der größere für Vergnügungsreisen und auch der gleichen Zwecken dienenden Privatdampfer führen diesen Na-men.
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