Indiana Tribüne, Volume 26, Number 305, Indianapolis, Marion County, 17 August 1903 — Page 4

Jttdmtta Tribüne, 17. August 1903.

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Indiana Tribüne. HkrauSzkAebcn von der utenbctfl 6. Indianapolis, Ind.

barry O. Thuöium t t Präsident. GeschäftSlocal: No. 31 Süd Delaware Straße. telephoe ss. Kntjrel at the Post Office of Indianapolis as second dass matter. Ein Isthmus - (Sattal ist ficher. Man könnt? sich versucht fühlen, die dunkelhäutigen Caballero-, die als der Congreß von Colombia in Bogota zu sammengetreten sind, um den Panama-. cal-Vertrag zu ratificiren. als eine nichtsnutzige Schwefelbande zu bezeich, nen, wenn man nicht im Hinblick auf das zweifelhafte Treiben so vieler im serer eigenen Volsvertretungen be trächtlich nachsichtiger gestimmt würde. ' Man hätte meinen sollen, der Congreß von Colombia würde sich beeilen, durch rasche Ratisication des Canalverträges die Erbauung dieses wichtigen Wasserweges zu beschleunigen, der den Atlantischen mit dem Stillen Ocean verbinden und dem Welthandel neue Bahnen erschließen soll. Nicht nur für die Weltcultur im Allgemeinen, sondern auch für jene Crdbebenrepublik im Besonderen, würde die Erbauung dieses interoceanischen Wasserweges eine Errungenschaft von unberechenbar großer Bedeutung werden. Colombia, das bis jetzt kaum nennenswerthe Culturanfänge aufzuweisen hat, würde durch diesen epoche machenden Jsthmuscanal in ähnlicher Weis.' dem Weltgetriebe nahegebracht und dem Culturfortfchritt zugänglich gemacht werden, wie beispielsweise Egypten durch den Suezcanal. Augenscheinlich ist auch in der Bevölkerung der Wunsch vorherrschend daß der Canal durch colombianisches Gebiet erbaut werde. Bei den Mit gliedern der dortigen Legislatur scheint aber starkes Mißtrauen gegen unsere Politik und deren MonroeDoctrin zu bestehen, seit bei unS die aggressive imperialistische Politik in die Mode gekommen ist, die nichts weiter ist. als eine schlecht verkappte Expansions- und Annexionspolitik. Man scheint in jener central-amerikanischen Republik zu befürchten, daß unserer Politik, wenn sie erst einmal festen Fuß dort unten gefaßt hat, der Appetit beim Essen wachsen könnte. Andere, welcke Colombia zwar den Eanal sichern möchten, sollen sich einstweilen noch deshalb' gegen die Ratifi cation des Vertrages sperren, weil sie hoffen, dadurch eine höhere Adsindungssumme herauszuschlagen, als die im Verlrag festgesetzte. . Die Nachrichten, die aus jener Republik in letzter Zeit gekommen find, lauteten unklar und vielfach widersprechend. Es heißt, daß der colombische Congreß dem Vertrag verschiedene Amendements anzuhängen gedenkt, ohne die er den Vertrag nicht ratistziren will. Wenn das der Fall wäre, so würde in unserer nächsten Congreßsession die ganze Angelegenheit von Neuem aufgerollt und in langen Debatten verhandelt werden müssen. Die Befürworter des Nicaraguacanals würden vermuth lich dafür sorgen, daß kein einziges jener Amendements angenommen werden würde. Bei dem völlig unzureichenden Nachrichtendienft von dort ist es nicht leiÄ, sich ein klares Bild zu machen, was für Interessen sich in Colombia gegen die Ratifikation des Canalvertra?es geltend gemacht haben. Augenscheinlich wirkt eine starke, reich mit Geldmitteln versehene Lobby unserer Vacificbabnen gegen baldige Ratifikation deS Vertrages, der einmal ihrem Frachtgeschäft sehr starke Concurrenz machen wird. Vielleicht hat auch die Politik England's gegen die Ratifikatian des Vertrags gearbeitet; bekanntlich ist ja allen Versuchen England's sich einen Theil des controllirenden Einflusses über jenen JsthmuScanal zu sichern, durch die energitche Haltung unseres Bundessenates ein sehr jähes Ende bereitet worden. Seitdem ist man in England auf jenen Canal sehr schlecht zu sprechen. In Washington regt man sich über die ablehnende Haltung der VolksVertretung vsn Columbia gegen den Panamakanal nicht sehr auf. Ehe unser Congreß zu seiner nächsten Ses

sion zusammentritt, wird man sich vermuthlich in Colombia eines Bessern besonnen haben. Sollte das aber nicht der Fall sein, so wird unsere Administration, der sür dringliche Fälle dazu bereits von der letzten Congreßsession Vollmacht ertheilt worden ist, sich wahrs peinlich eingehend mit Nicaraguu wegen Erbauung des central-amerikanischen Jsthmus-Canals in Einvernehmen setzen. Gebaut wird er also jedenfalls werden, dieser Canal; sei es in Colombia oder Nicarak.ua.

Die gestrige Fahnenparade war imposant und überwältigend in ihrer Schönheit. Der Dank des Teutsch' thums ist hierdurch allen Theilneh mern, besonders den Alten", die die Strapazen nicht scheuten, ausgedrückt. Capitän Vieler saß als Marschall der Fahnenvarade so stramm zu Pferde, wie ein preußischer Cavallerieoffizier, und führte sein Commando mit ge wohnter Gcschicklichkeit. Der stattliche Festmarschall verdient den besonderen Dank aller Deutschen. LonisvilZe. Ky. U'd P?ru. Ind., waren gestern willkommene Gäste zum ..Deutschen Tag." Fred. Nuetzel au? Louisville. der so wohl versteht, die deutschen Sänger von Louisville zusammenzuhalten, fehlte selbstverstünd lich nicht. Ein Hoch den Louisvillern und den Hoosiern von Peru. Nack einer Meldung des neuen russischen Consuls in Monastir hat sich die türkische Regierung sehr beeilt, dem Verlangen nach Bestrafung der an den Consulmoid verantwortlichen Personen nachzukommen. Außer dem Thäter ist noch ein Mann gehängt worden, der angeblich dem Consul nicht zu Hilfe kam, also nach westindischen Anschauungen jedenfalls nicht die härteste Strafe verdient hat. Außerdem sind eine Reih: von Beamten zu theilweise langen Gefängnißstrafen verurtheilt und viele Andere abgesetzt worden. Es war vorauszusehen, daß der Sultan einer ernsten Forderung des. Zaren gegenüber nicht zu den beliebten AuSflüchten irnjd Versprechungen greifen werde. Man weiß sehr wohl auf der Hohen Pforte, daß im jetzigen Augenblick keine einzige Großmacht bereit wäre, für den Weiterbestand des türkischen Reiches das Schwert zu ziehen. Angesichts dieser Sachlage wird man gut thun, die Entsendung russischer Kriegsschisse nach türkischen Gewässern als nicht ganz so harmlos zu betrachten, wie die russische Regierung sie hinstellt und das Londoner Cabinet in seiner Actionsscheu sie der Welt einreden möchte. Im Auftrage o e s e n g l sehen Kriegsministeriums baut augenblicklich Dr. Barton mit Hilfe von Watel. der das Luftschiff des Grafen Zeppelin gebaut hat, zu London das größte Luftschiff, das bis jetzt geschasseit wurde. Der Bau geht in einer großen Halle auf dem Gelände des Alexandraplatzes vor sich. Die Längs des Fahrzeuges beträgt 180 Fuß, die Höhe 75 Fuß und die Breite 50 Fuß. Der Korb besteht aus dicken Bambusstäben, die mit Stricken und Drähten aneinander befestigt sind. Dieses Rahmenwerk wird unter dem eigentlichen Ballon hängen und außer einer Mannschaft von 5 Mann 3 Erdölkraftmaschinen von je 50 Pferde kräften tragen. Dieft. Kraftmaschinen treiben an einer Seite des Schiffes Schrauben, die 12 Fuß Blätter haben und in der Minute 1000 Umdrehungen machen follen. Die Steuerung geschieht mittelst eines 2 Fuß langen Ruders. Der Ballon wird 200.000 Raumfuß Gas aufnehmen und soll sieben englische Tonnen tragen können. Manschreibt ausRemagen a. Rhein: Das war neulich Sonntags wieder ein ohrenzerreißendes, nervenzerstörendes Schießen. Stirbt da vor Zeiten in Erpel ein Sonderling und bestimmt in seinem Testament, es müsse von Sonntags 5 Uhr früh bis nächsten Montag Nachts Böller" geschossen werden! Nun würde man den Bewohnern von Erpel dieses Vergnügen gewiß gönnen, wenn nicht andere, weniger nervenstarke Leute durch den kriegerischen Lärm in Mitleidenschaft gezogen würden. Erpel gegenüber liegt Remagen, wo sich zahlreiche Fremde der Erholung halber oder zu Kurzwecken aufhalten. Diese Müden wollen ausruhen, wollen nichts hören als das Plätschern des Rheins und den Sang der Vögel und verlangen vor allem nach' friedlichen Nächten. Man wird sich also vorstellen können, wie diesen gequälten Menschenkindern durch das von Erpel herübertönende Bum-bum zu Muthe wird. Wenn die Schießerei nicht endlich aufhört, wird wohl mancher von den hier weilenden Fremden den Sinn des berühmten Rheinliedes künftig ernst auffassen und sich und anderen zurufen: Mein Sohn, mein Sohn. atb' nickt an den Rbein!"

Die Feier des Deutscheu Tages. (Fortsetzung von der 1. Seite.) 2. Tenor. H Lotz, I Marquart, I Hocbgesang, 0 Oertel, P Eck, R Liebknecht, C Kuehn. M Roth. 1. Baß. C Meyer. Christ Bayer. Wm Wolff, Henry C Wolff, A Schmidt. H Krause, Ph Fingerling, I Trebbing, Henry Heeck. 2. Baß. Jno B Vaeger, Julius Hagedorn, C Spirsching, O Krause, H Schmidt, C Struntz, P Schmidt, H Formberg. Dirigent: Prof. Panl Witte. Die o f f i c i e l l e Feier. Bereits von der Mittagsstunde ab hatte eine wahre Völkerwanderung zu dem Fcstplatze stattgefunden. Per Straßenbahn, Fuhrwerk und theilweise auch zu Fuß waren Hunderte und Aberhunderte von Bürgern mit ihren Familien oder Freunden zum Festplatze hinausgepilgert, dem Hof-Deco-rateur Chas. I. Truemper ein aus deutschen und amerikanischen Flaggen und Bannern gebildetes, farbenreiches und mit dem Waldesgrün Prächtig öarmonirendcs Festgewand angelegt hatte. Gegen 2 Uhr Nachmittags befanden sich dementsprechend bereits. 5000 Festgäste, klein und groß, im Germania Park und bis gegen 3 Uhr, als die osficielle Feier ihren Anfang nahm.

war diese Zihl auf mindestens 15,000 bis 16,000 angeschwollen. Daß da Jedermann von der echten Festesstimmung ergriffen werden mußte, ist ebenso leicht erklärlich. Von 2 Uhr ab concertirte auf der Rcdner-Tribüne, d. h. der westlichen Veranda des ClubhaufeS Zum Weißeu Röß'l" Miller's City Band, bis sich nach und nach die Hauptpersonen der Feier, die Festredner, Ehrengäste etc. eingestellt hatten. Um 2:10 Uhr langten die SangeSbrüder und Festgälte aus Louisville an, die am Eingang des Parks mit Musik empfangen und unter Ehrengeleit der hiesigen Sänger zu ihren Hauptquartieren im Schatten der mächtigen Parkbäume geführt wurden. i. Rev. Dr. Hugo Eisenlohr aus Gincinnati, der Festredner der letzten hie' sigen Feier, und Senator Beveridge. die eingeladen worden waren, der gestrigen Feier als Ehrengäste bcizuwohnen, waren leider geschäftlich ver-

hindert, theilzunehmen. Doch fanden sich Senator Chas. W. Fairbanks nebst Gemahlin und Prof. Carl Barus, der Altmeister deS deutschen Sänge?, wie auch Herr Prof. Robert Nix, der Festredner, rechtzeitig ein, und wenige Minuten nach 3 Uhr erklangen von der Redner Tribüne aus die Töne der prächtigen Ouvertüre, mit der die offizielle Feier begann. Auf der Tribüne hatten mittlerweile die genannten Ehrengäste, der Festredner und die Vorstands-Mitglieder deZ Verbandes. sowie Festmarschall Capt. I. L. Vieler Platz genommen, während sich rings um die Tribüne die Menschenmassen stauten, um der Durchführung des officiellen Programms beizuwohnen. . Nachdem die Ouvertüre verklungen war, traten vor die Tribüne die Verei nigten Louisviller und Jndianapoliser Gesangvereinelan und trugen unter der Leitung des Altmeisters Prof. Ernst F. Knodel, (denZsein gebrochenerArm nicht abhielt, auch gestern wieder seine Begeisterung für alle deutschen Unternehmungen zuj bethätigen,) Haeser's Lied DttWalV in tonvollendeter herrlicher Weise vor. Nun trat Präsident Fred. Francke vom Verbände der hiesigen deutschen Vereine an die Rampe und entbot zunächst allen Theilnehmern fröhlichen Festgruß, besonders aber den lieben Gästen aus Louisville, die den weiten Weg nicht gescheut, um dem Ehrentage des hiesigen Deutschthums beizuwohnen. und denen die Feier hoffentlich in stetiger und angenehmer Erinnerung bleiben möge. Die Bestrebungen deS hiesigen Verbandes dann kurz berührend betonte Herr Francke, daß das Teutschthum von Jndpls. sich nicht damit begnüge, deutsch zu sein, sondern sich bestrebe, stets deutscher zu werden. Aber nicht, um einen Sonderstaat im Staate zu bilden, ebenso wenig wie der NationalBund eine solche Bestrebung habe. Nein, die Deutschen Bürger Amerika'S hätten zu oft bewiesen, daß sie gute Bürger und stets bereit sind, ihre Pflicht zu erfüllen gegenüber dem neuen Vaterlande. Doch haben sie auch eine

andere Pflicht, nämlich die der Bereich nung der Liebe zur Mutter, der allen Heimath. Hierauf stellte Herr Francke unter lebhaftem Applaus den Redner des Tages, Prof. Robert Nix vor, der besser befugt sei, als ein andrer, um ihre Pflichten und Rechte zu erkläicn.

OfH " v ) X '-' Ä , ' x'-Tv. ' - - ' 5 t . Aiify sWf' - -' , t' VY Pr'V - , ' '. ) ' X - - s ' V i, ' 5 ' Prof. Robert Nir. Prof. Nix hielt nun folgende, nicht nur vortresflich durchdachte und ausgearbeitete, sondern auch für jeden Deutschen werthvolle Festrede: Werthe Festgenossen ! . Als vor neunzehn Jahrhunderten der Cheruskerfürst Hermann mit seinen Scharen im Teutoburger Walde die Legionen des Barns vernichtete, da war der Römer Macht in deutschen Landen gebrochen, da war die Gefahr beseitigt, daß das Germanenthum untergehen könne im Sumpfe römischer Knechtschaft. Der Sieg im Teutoburger Walde wirkte bestimmend ein auf die späteren Kulturfortschritte der Menschheit. Nach dem Sprachgebrauche jener Zeit galten die Germanen als Barbaren, weil sie der Kultur der Griechen und Römer fernstanden. Sie waren aber längst keine Wilden mehr. Der Römer Tacitus betont neben ihrer Liebe zur Freiheit ihre Sittenreinheit. Bei ihnen", ruft er aus, bewirken gute Sitten mehr, als anderswo gute Gesetze." Lange vor der großen Völkerwanderung begann das römische Weltreich zu wanken. Im Gifthauch der bis in die fernsten Provinzen getragenen Sit tenverderbniß verwelkte Blüthe um Blüthe der griechischrömischcn Kultur. Infolge der Hunnenzüge ergossen sich über das Römerrcich mit der Gewalt einer Sturmfluth die Ströme der germanischen Barbaren, der kraflstrotzenden Feinde römischer Knechtschaft und römischer Laster. In Britannien und Gallien, in Jberien, in Nordafrika, in Italien und Jllyrien ertönte der Klang deutscher Lanzen und Schwerter und Schilde. Das Römerrcich theilte sich in ein Ost- und ein Westrcich, das Westreich fiel, und ein deutscher Heerführer wurde italischer König. Wenige Jahrhunderte später kamen von Mitternacht her die Nordmänner oder Normannen, die germanischen Stämme aus skandinavischen Landen. Als Piraten der Schrecken der Meere, als Eroberer kraftvoll und siegreich, dehnten sie ihre abenteuerlichen Fahrten immer weiter aus. Sie entdeckten und besiedelten Island und Grönland. Sie waren die ersten Entdecker Amerikas. Sie gründeten das russische Reich, dem sie sieben Jahrhunderte lang germanische Herrscher gaben. Sie setzten sich fest an den Küsten Schottlands. Jrlands und Britanniens. Sie gründeten im Frankenreich die Normandie. sie eroberten von hier aus England, das Reich der Angelsachsen, und entrissen den Sarazenen Süditalien und Sizilien. Im Gewoge zerbrechender und erstehender Reiche deS Mittelalters zeigt sich fast überall die jugendfrische Kraft des germanischen Schwertarms. Aber die neuen Welteroberer, welche die entnervten Römlinge in den Staub gezwungen und nordische Barbarei süd wärts getragen hatten, besaßen neben physischer Kraft und der Liebe zur eigenen Freiheit eine Bildungsfähigkeit und Lernbegierde,. wie sie in gleichem Maße keiner andern Völkerfamilie eigen ist. Die Eroberer nahmen das Christenthum an, das sie im Römerreiche in weiter Ausdehnung vorfanden; und im Laufe weniger Jahrhunderte zog das Christenthum in die deutschen Länd.'r ein, sieghaft das alte Heidenthum zurückdrängend gegen die Dämmergebiete des fernsten Nordens. Die germani schen Sieger ließen auch die griechischrömische Kultur, selbst wo diese sich nur in kärglichen Resten erhalten hatte, auf sich einwirken; sie wurden die eifrigen Schüler der Besiegten.

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Entwicklung und Verfall des Lehcnwesens, die Kreuzzüge, die Eroberung Koustantinopels durch die Türken und die Flucht dcr Gelehrten des Ostreichs in die Länder des tWestens, die Erfindung der Buchdruckerkunst und zahlreiche andere Ereignisse haben dazu beigetragen, bis gegen Ende des Mittelalters den Boden zu schaffen, in dem die Kultur der Neuzeit wurzelt, und der die Fundamente der heutigen Nationen und Staaten Europas trägt.

Wenn wir auch in den Nachwirkungen des klassischen Alterthums, in der Aus breitung des Christenthums und in den völkerverjüngernde Eroberungszügen und geistigen Fortschritten der Germanen die drei Hauptfakloren der europäischen Kultur erkennen, so bleibt diese doch ein unendlich kompliziertes Gewebe, dessen verschlungene und verwachsene Fasern selbst das Auge des Forschers nicht immer zu sondern ver mag. Weit einfacher in ihren Anfängen und eigenartig in ihrer Fortentwicklung ist die Kultur der neuen Welt. Bei der Wiederentdeckung Amerika's durch Columbus war das jetzige Gebiet der Vereinigten Staaten eine Wildniß, bewohnt von jenen eingebo renen Amerikanern, die man Indianer nennt. Die Europäer, welche in diese Wildniß eindrangen, gehörten Nationen und Staaten an, die bereits eine mehr oder minder feste Gestaltung erlangt hatten. Die Einwanderer trugen die Kultur des eigenen Äolkes in die neue Heimath. Der ethische Gehalt ihres Glaubens und selbst die niedrigste Stufe ihres Wissens überragten aber weit die Narnrrelegion und die geistigen Errungenschaften der Wilden. Waren die germanischen Barbaren des scheidenden Alterthums durch Berührung mit fremdem Wissen und Können und durch Annahme eines fremden Glaubens zu Gründern der bedeutendsten Kulturstaaten geworden, so war hier die umgekehrte Entwicklungsfolge zu befürchten. Die Mühen und Ent. behrungen des Pionierlebens, die Gefahren der Wildniß, die Kämpfe mit den Indianern ließen das geistige Leben nicht zur vollen Blüthe gelangen. Die nach Amerika getragene Kultur konnte sich nicht auf der ursprünglichen Höhe halten, geschweige selbstständig weiterentwickeln. Stetig aufgefrischt durch die wachsende Einwanderung, war sie zur europäischen Kultur in ein Abhängigkeitsrerhältniß getreten, das weit über die Unabhäng!gkeitserklärung hinausreicht und auf vielen Gebieten auch heute noch nicht erloschen ist. Die Kultur unseres Volkes zeigt ein so vorwiegend germanisches Gepräge, daß nur wenige Züge die Mitwirkung nichtgermanischer Völkerschaften bekunden. Unter den Germanen aber stehen als Kulturträger die Engländer und die Deutschen im Vordergrund; Holländer und Skandinavier kommen nur in einzelnen Landestheilen in Betracht. Die Einwanderer aus England und Deutschland betheüigten sich mit der ihrer Zahl entsprechenden Gefammtkraft am Aufbau unserer materiellen Kultur. Mit gleichem Muthe trotzten sie den Schrecken der Wildniß, mit gleicher Ausdauer machten sie den Boden urbar, mit gleichem Fleiße trieben sie Ackerbau und Handel. Auf dem Gebiete des GewerbfleißeS übernahmen die Deutschen trotz ihrer Minderzahl schon früh die Führerschaft. Auch unsere geistige Kultur ist zum Theil das Produkt gemeinsamer Bestrebungen der beiden VolkSclemcnte. Aber weit wichtiger als die Erörterung der gemeinschaftlichen Kulturarbeit scheint mir die Beantwortung der Frage zu sein : Worin besteht der Unterschied zwischen der Einwirkung England's und der Einwirkung Deutschland's auf den Entwicklungsgang unseres Volkes? Unsere freiheitlichen Einrichtungen sind in ihren Gründzügcn auf England zurückzuführen. Unsere Verfassung ist der ungeschriebenen englischen Verfassung nachgebildet, und Englands Gewohnheitsrecht liegt unserer RechtsWissenschaft zu Grunde. Vergessen wir aber nicht, daß die dreizehn Kolonien nur deshalb sich vom Mutterlande losrissen, weil ihren Bewohnern die Rechte englischer Bürger versagt wurden; vergessen wir nicht, daß das englische System der rücksichtslosesten Ausbeutung der Kolonien unser Land mit einem Fluche belud, von dem es nur durch einen Bürgerkrieg und daZ vergossene Blut von Hunderttausenden befreit werden konnte. In Schulbüchern finden wir gewöhnlich die Angabe, daß die Holländer 1619 die ersten Negersklaven in Eng lands amerikanische Kolonien eingeführt

haben. Das ist allerdings richtig; aber der holländische Sklavenhandel war von geringer Bedeutung gegenüber dem englischen. Schon ern halbes Jahrhundert früher hatten englische schiffe Negersklaven in Westindien eingeführt. Der Handel war so gewinnbringend, daß er künstig unter dem Schutze der englischen Krone stand und daß sogar Englands jungfräuliche Königin Elisabeth zur Sklavenhändlerin wurde. Bald beherrschten die Engländer den Welthandel auf diesem Gebiete; sie verlausten mehr Negersklaven, als alle andern Völker zusammengenommen.Abernichtnur durch den direttm Gewinn, sondern auch durch politische Gründe wurden sie veranlaßt, eine möglichst große Zahl von Negersklaven in die Kolonien zu werfen. Durch eine zahlreiche Sklavenbevölkerung glaubte man das drohende . Gespenst einer Rebellion gegen das Mutterland verscheuchen zu können. Von den Sklaven hatte England nichts zu befürchten; durch die Möglichkeit von Sklavenaufständen sollte aber eine ErHebung der Kolonien wider Englanderschwert werden. Auch konnte die Sklavenarbeit auf dem Gebiete des Gewerbfleißes sich mit britischer Arbeit nicht messen; der Konkurrenz der freien amerikanischen Arbeit hingegen wurden Schranken gesetzt durch das Verbot ganzer Industriezweige. So erfolgreich war die englische Sklaveneinsuhr, daß dle Sklaveei schon früh zu einem wesentlichen Bestandtheil des amerkanischen Volkslebcns wurde und viele der größten Amerikaner Sklavenhalter waren. Eine im Jahre 1763 abgehaltene Menschenlotterie, deren Preise in 40 Negerklaven bestanden, wurde geleitet von Geo. Washington, Benjamin Harrison, Richard Henry Lee, Edmund Pendleton und anderen Vätern unserer Republik. Auch Thomas Jefferson, der Verfasser der Unabhängigkeits Erklärung, war ein Sklavenhalter. Im ersten Entwürfe jenes Dokumentes, welches die unveräußerlichen Menschenrechte verkündet, hatte er auch den verabscheunngswürdigen Sklavenhandel" verurtheilt; dieseStelle wurde jedoch gestrichen, und erst drei Jahrzehnte später erreichte die Einfuhr von Negersklaven ihr Ende. Wir feiern heute den Deutschen Tag. Wir feiern dieses Fest als Amerikan, deutschen Stammes. Wir feiern die deutsche EinwanderunL und ihren Einfluß auf die Kulturentwicklung unseres Landes. Mit Recht ist als AnfangsPunkt für die FeierdeS Deutschen Tages die Gründung von Germantown gewählt worden; denn in weit höherem Maße, als alle früheren deutschen EinWanderer, waren die Gründer jener Ansiedlunz Träger deutscher Kultur. Jene Deutschen vom Rhein und Main landeten vor 220 Jahren am Ufer deS Delawareflusses. Der Leiter der Nie derlassung, der Frankfurter RechtSgelehrte Franz Daniel Pastori u s, war den andern vorausgercist. Er langte am 20. August 1683 in Philadelphia an; die übrigen landeten am 6. Oktober. Die kulturelle Bedeutung von Germantown läßt sich kürzer und bündiger nicht erklären, als durch Beschreibung des Stadtsiegels, welches das Bild eiues Kleeblattes zeigt. Auf dem ersten Einzelblatt ist ein Weinstock abgebildet, auf dem zweiten eine Flachsblüthe, auf dem dritten eine Weberspule. Die Inschrift lautet: Vinum, linum et textrinum" (Wein, Lein und Webe-schrein-). Der Weinstock ist das Sinnbild des frohen - Lebensgenusses, die Flachsblume weist auf den Ackerbau, die Weberspule auf den Gcwerbfleiß der deutschen Einwanderer hin. Im Jahre 1633 wurde in Germantown eine Versammlung deutscher Ansiedler abgehalten, welche den ersten Protest einer amerikanischen Genossenschaft gegen die Sklaverei erließ. Das Schriftstück zeigt die Handschrift von Franz Daniel PastoriuS und ist von ihm mitunterzeichnet. Aber William Penn, dessen milde Behandlung de?

Indianer mit Recht gepriesen wird, und viele ander Quäker englischen Stammes waren selbst Sklavenhalter. Der unbequeme Protest wurde hinund herverwiesen, um schließlich todtgeschwiegen zu werden. Jener Protest kennzeichnet aber die Stellungnahme der deutschen Einwanderer zur Sklavereifrcge bis zur Zeit des Bürgerkrieges. Mochten die Ansichten in Bezug auf Lösung der Frage noch so weit auseinandergehen, so n?aren doch die Amerikaner deutschen Stammes im großen und ganzen Geg ner der Sklaverei. Die deutsche Ein-