Indiana Tribüne, Volume 26, Number 269, Indianapolis, Marion County, 6 July 1903 — Page 7

Jttdimm Tribüne, u. Juli IS 03.

Eine vom Vrett'l. Roman von Heinrich Lee. (Fortsetzung) Der Onkel, nach dem er gefragt, war nicht zu Hause, wie er erfuhr. Er war zum Vogelhändler gegangen, ihm den Papagei zurückzubringen. Aber vielleicht warten Sie auf ihn, Herr Kusey! Er muß gleich zurück sein," fügte sie hinzu. Dabei öffnete sie ihm Onkels Stube. Auch Adah war fortgegangen nach dem literarischen Bureau, und die Mutter schlief wieder. Welche dunkle Erinnerung doch dieses junge Mädchen in ihm wachrief. Er stellte Fragen an sie wegen der Veränderung, die er bei ihnen vorfand, und sie antwortete ihm mit einer Stimme, die eine weitere Erinnerung in ihm weckte. Er sah ihre schlanke, knospende Gestalt; die häßliche Kleiouna konnte ihn nicht darüber täu-

schen, wie anmuthig sie war. Ein schwebender, reizender Rhythmus lag über ihr ausgebreitet. Dazu das Göficht, die großen, dunklen Augen, das scharfgezeichnete, schmale Näschen, das Haar, das runde Kinn, das schlanke Hälschen und dann der Ausdruck, von dem das Gesicht erfüllt war: Kindlichkeit, ein herber Liebreiz, eine Tosis von unbewußter Pikanterie, und sogar ein Schimmer von Melancholie. Das alles ließ sie wie ein Geschöpf von einer ganz eigenen Mischung erschei nen. Er hatte seine Fragen eingestellt, und Trude sah nun, wie er sie beobachtete. Sie wurde roth, und plötzlich fiel ihr ein, daß sie noch eine Besorgunz hatte bei ihrer Waschfrau. Herr Kusey möchte sie also entschuld!gen. Mit diesen Worten ließ sie ihn allein. Als sie eine halbe Stunde später zulüdkam, hörte sie aus Onkels Stube lautes Sprechen. Er hatte also Herrn Kusey angetroffen. Was aber bedeutete das? Auf dem Küchentisch stand da3 Vogelbauer, mit dem er fortgegangen war, und in dem er dem Händler den Papagei zurückgebracht hatte. Sonst kam er immer mit einem neuen Aögling wieder heute war der Käfig leer. Und warum hatte er ihn ihr auf den Küchentisch gestellt? Nach einer Weile hörte sie, wie sich des Onkels Stubenthür öffnete, und wie er Kusey hinausbegleitete. Dann kehrte er in sein Zimmer zurück. Sie trat bei ihm ein. Er stand am Fenster und sah in den Hof auf den Pferdestall hinunter, der von seinem Miether, einem Droschkenkutscher, eben geöffnet wurde. Der Mann fuhr nur Nachttour; pünktlich Nachmittags um fünf spannte er an. Bei ihrem Eintritt wandte sich Malthus um. Der Käfig rief er ihr gleich zu, kommt auf den Boden. Ich dressire keine Papageien mehr." Onkel!" Ich dressire keine Papageien mehr!"wiederholte er zornig mit Nachdruck. Was war wieder mit ihm geschehen? Die Sache war kurz die: Statt mit diesen vorgeschriebenen Worten Iton joix, Monsieur" hatte das Rabenvieh den Handler, als er - es ihm zurück brachte, mit einer ganz anderen Anrede begrüßt. Du Lümmel!" hatte er ihm zugerufen. Der Händler gerieth außer sich: er erklärte, daß das Thier mit einer solchen Redensart, die er natürlich nur von seinem Lehrer aufgeschnappt haben konnte, unverkäuflich war und nicht nur, daß er keine zwanzig Mark dafür bezahlen wollte, er verlangte so gar noch für den Werth des damit unbrauchbar gemachten Thieres vollstan digen Schadenersatz. Und sich sagen," fuhr der Onkel fort, indem er, die Hände auf dem Rucken, aufgeregt die Stube auf- und abschritt daß man zu so etwas quasi gezwungen wird, nur um das tägliche Brot zusammenzubringen. Papageien dressiren! Wenn man eine Nichte hat, jawohl eine Nichte, mit der man auf die ehrenvollste Art Tausende. Lehntausende verdienen könnte. Sie brauchte nur Lust dazu zu hüben; es brauchten gewissen Leuten nur keine Vorurtheile eingepflanzt zu sein. Ein sorgenloses, ja ein ruhmreiches Leben könnte man führen, man wäre kein Dutzendmensch, sondern ein Künstler, und die kranke Mutter konnte man nach Italien schicken; man könnte sie am Leben erhalten. Das alles nur zu bedenken! Trude fing an, sich vor seinen Worten zu entsetzen. Wie konnte sie von dem allen, was er da sprach, etwas verstehen? Nur so viel begriff sie, daß er mit der Nichte von der er redete, sie selber meinte. Aber dadurch wurde der Sinn seiner Worte nur noch unklarer für sie. Wenn er um seinen Verstand gekommen wäre? Aber nein, nun sprach er von der Mutter, daß sie nach Italien geschickt werden, daß t am Leben erhal ten werden konnte. Onkel! Sprich deutlich! Was meinst Du?" kam es von ihren Lippen. und sie stürzte auf ihn zu und zwang ihn dadurch, tteyen zu oieloen. Er streichelte ihr den Kops. 'Sei still, sei ruhig!" ' Aber sie ließ nicht ab, ihn zu beschwören. Was konnte sie für d Mutt?r thun? ' Gut," antwortete er ihr endlich .Du sögst es hören!" Sie setzten sich, und er fing an zu sbr. V firm dem Aorscklaae. den

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Kujey ihm gemacht, nämlich, sie Herrn Karoly vorzustellen. Es käme ja vorerst nur auf einen Versuch an. Gelänge derselbe aber nicht gut, so war die Sache eben abgethan und hatte keine weiteren Folgen. Gelänge er aber welckie Aussichten eröffneten Ncy dann für sie! Wohl hätten sich in ihm gegen Kusey und den ganzen Plan noch manche Bedenken erregt. Aber das seien Sachen, um die sie sich nicht zu kümmern brauche, und für die er selber die Verantwortlichkeit übernehme. Es seien Vorurtheile, die in der heutigen aufgeklärten Zeit vor dem Forum des unbefangenen Verstandes sich nicht mehr aufrecht halten könnten. Aber, wie gesagt, das könnte sie nicht verste'.)en. und sie brauche es auch nicht zu verstehen. Selbstredend durften weder die Mutter noch Adah etwas von der Sache wissen, weil zu befürchten stand, daß sie dagegen Widerspruch erheben würden. Welche Erklärung man ihnen geben würde das würde sich schon finden. Kurz, die Sache müßte in der Familie zwischen ihnen

beiden tiefstes Geheimniß bleiben. Es käme nur auf eins an: ob sie den Muth, ob sie den Willen dazu habe. Und das überlege Dir zetzt. mein Kind," so schloß Onkel Malthus feieruch bedenke, was man in dem eventuellen Falle von Dir verlangen würde. Auf einer Bühne , sollst Du stehen, in einem Dir ungewohnten bunten Kleide und singen. In einem großen Saale, vor so und so viel tausend Menschen. Ich habe heute erfahren, daß Du ein kluges, verständiges Mädchen bist, weit klüger, weit verständiger, als wir alle es von Dir erwarten konnten. Stelle Dir dies also selber vor, und dann sage mir, ob Du zu einem solchen Opfer für Deine Mutter bereit wärest. Ja oder nein?" Ohne Verständniß war sie seinen Worten gefolgt. Ein Talent sollte sie haben. Ein Talent , von dem sie selbst nicht einmal etwas wußte. Und was für ein Talent! Die kindischen Lieder, die sie einst gesungen. Und damit sollte Jemand Geld verdienen können damit sollte sie der Mutter das Leben retten können? Gewiß, der jnm yatte sich von Kusey nur velügen lassen. Aber wenn es nun wirkllch so war? Ja, Onkel, ja!" rief sie, und sie stürzte sich in seine sich ihr öffnenden Arme. Mein liebes Kind!" Er betrachtete sie mit einem Blicke, der halb entzückt und halb gerührt war. Er zog sie an sich und druckte einen Kuß auf ihre Stirn. Du wirst eine Künstlerin werden." sprach er eine Künstelerin, groß, geehrt und berühmt. Verstehst Du, eine Künstlerin. Und ich ich werde an Deiner Seite bleiben und Dich vor allen Gefahren beschützen." Es war der erste Dezember, und die Saison in derReichshauptstadt näherte sich wieder einmal ihrem Höhepunkte. Der Dezember ist für alle Theater und sonstige Vergnügungslokale der Welt der gefürchtetste Monat, weil die Menschheit während dieses Monats mit Weihnachtsgeschenken und Einkäufen beschäftigt ist und aus diesem Grunde für die öffentlichen Lustbarkeiten weniger Neigung, Zeit und auch Geld hat als sonst. Infolgedessen machen auch die betreffenden Directoren, namentlich aber die Vari6t6Theater in diesem Monat nur geringe Anstrengungen. Kostspielige Kräfte für diesen Monat zu engagiren. wo der Saal doch meist nur halb -gefüllt ist ja, am Sonntag, weil da die Leute ihre Einkäufe am liebsten machen, womöglich noch weniger gefüllt als Wochentags das würde ein unverzeihlicher Rechenfehler sein. Das neue Dezember-Programm!" so las man in den Zeitungen und an den Anschlagsäulen. Fast alle Vari6t6s veröffentlichten ein solches und darunter natürlich an der Spitze das vornehmste dieser Institute der Winterpalast". Unter den auf den großen, gelben Plakaten des besagten Etablissements angekündigten Künstlernamen ragte durch auffälligen Druck besonders einer hervor: Risch-Risch!" Wer oder wasRisch-Risch" war.das war freilich nicht weiter ersichtlich, da jeder erläuternde Zusatz dabei fehlte. Um so mehr mußte dieser geheimnißvolle Name die allgemeine Neugier wecken. Drei Wochen waren erst verstrichen, daß Kusey seinem Auftraggeber Karoly von seiner Entdeckung Mittheilung gemacht hatte. Zwar lächelte Karoly ironisch dazu, aber immerhin man konnte sich das entdeckte Genie ja einmal ansehen. Am nächsten Tage stellte sich im Directionsbureau mit vieler Würde und Höflichkeit ein etwas absonderlich anzusehender, älterer Herr mit sehr engen, schwarzen Beinkleidern vor, der sich Hauptmann Denhardt" nannte. und mit sich brachte er ein unges Mädchen, seine Nichte. Das war das Genie." Karoly besah sich die jugendliche Dame sehr lange, sehr genau. Dann ließ er den Kapellmeister kommen. und man begab sich in ein anstoßendes Zimmer, wo ein Piano stand. So, mein liebes Fräulein," sprach er darauf väterlich und nun singen Sie uns mal etwas vor. Irgend etwas." Und sie sang. Es waren nur ganz einfache Lieder . . .

Sey: Jr drei Rosse vor dem Wagen" Soviel Stern' am Himmel stehen ,Wenn's Mailüfterl weht." Die schlichten, schmucklosen Lieder klangen seltsam genug durch diesen Raum, in dem man so ganz andere Sachen zu hören gewöhnt war. Aber sie quollen mit einer solchen Frühlingsfrische, einer solchen Hingebung, ja auch gelegentlich mit der dem Bolksliede eigenen Wehmuth und außerdem mit einem so wohligen Stimmungsklang aus der jugendlichen Kehle, daß, als Trude ihr letztes Lied ..Das Mai-lusterl-veenoet yatte, aroiy. oer mir Aufmerksamkeit ihrem Vortrage Zefolgt war. nicht umhin konnte, ein anerkennendes Hm" auszustoßen. Hm jawohl!" Kusey schien sich in der That bis zu einer gewissen Grenze in seinem Funde nicht getäuscht zu haben. Eine Begabung wär hier sorhanden. Aber ob selbst nach genügender Ausbildung gerade das Variete der richtige Ort für diese Art Begabung war? Von einem Institute wie der Winterpalast" natürlich ganz zu schweigen. Auch sprach noch vieles andere mit. Was das Publikum des Winterpalastes von einer Sängerin verlangte, war blendende Erscheinung und Pikanterie. Das junge Ding hatte weder das eine noch das andere. Und doch, es war an dem Mädchen etwas, weshalb Karoly ihrem Manager nicht gleich einen abweisenden Bescheid geben wollte. Sprechen Sie in vier bis fünf Tagen mal wieder vor," sagte er zum Schluß ganz ernsthaft zu Kusey bis dahin will ich mir die Sache überlegen." Der alte Wahlspruch des Directors war: Man muß dem Publikum stets etwas Neues bieten. Das Neue! Darin lag das ganze Geheimniß. Auch

sonst in der Welt war es ja die ewie Parole war es das, wonach die Menschen drängten und dürsteten. Mockte das Neue auch elfmal ein Fehlschlag sein. das zwölfte Mal schlug es durch. Freilich, eine Sensation versprach dieses Mädchen, wenn man es mit ihr einmal versuchen wollte, in keinem aue, oazu gingen iyr o ziem lich alle erforderlichen Eigenschaften ab. Aber dafür Hatte man auch kein Risiko mit ihr. Man konnte sie im Dezember bringen" und dann alsAnfangs - Nummer im Programm, TSei welcher der Saal noch halbleer war, die hatte ohnehin wnig Bedeutung, und man sparte dabei im Gagenetat. Es blieb dann freilich noch die Frage: Was ließ man das Ding singen?" Die üblichen Couplets das paßte nicht für sie. Man mußte also etwas Besonderes für sie machen lassen. Abe? was? Der Hausdichter . es war der Mann, der auch die Zeitungsreclamen und den Verkehr mit der Presse besorgie wurde zum Herrn Director zu (iner Conferenz besohlen. Die Conferenz währte mehrere Stunden, aber sie führte zu keinem Resultat. Lassen Sie mich mit Ihrer Weisheit zufrieden, Meyer. Gehen Sie schon!" sagte Karoly am Schluß der Berathung unwillig. Ich werde allein nachdenken." Meyer zog sich verletzt zurück. Auch mit dem Kapellmeister hatte karoly Conferenzen. Es handelte sich um die Stimme von dem Mädel und was man ihr damit zumuthen durfte. Karoly dachte nach, er brütete und schloß stch zu diesem Zweck in sein Privatzimmer ein. bis er am dritten Tage mit erheiterter Miene dasselbe wieder verließ. Er hatte das Gesuchte gefunden. Jedenfalls hatte es den Neiz der Neuheit für sich, wenn es auch ein Wagestück war. Und schließlich es war nur die erste Nummer", und gab es einen Mißerfolg, so bedeutete ras nicht viel, und man konnte die Nummer für den nächsten Tag schon wieder absetzen. Zur bestimmten Zeit sprach Kusey wieder vor, und von dem nächsten Tage ab hatte Trude mit dem Kapellmeister täglich lang anhaltende Proben. Das Außergewöhnliche dieser Proben bestand darin, daß ihnen Director Karoly persönlich beiwohnte. In seinem früheren ereignißreichen Leben war er selber Sänger gewesen, Operettensänger und von dem Standpunkt dieser Erfahrung aus begleitete er die EinÜbungen. Und Trudens Mutter? Und flttmsi? Meine lieoe mwagerm,- um diesen Worten war eines Mittags Onkel Malthus, als er von einem Ganze aus der Stadt" zurückkam, freudige.: Gesichts an das Bette der Kranken getreten ich bringe Ihnen die Gesundheit, ich bringe Ihnen das Leben, das Ihnen der schlechte Doctor schon hat absprechen wollen. Adah wird es Ihnen natürlich aus Rücksicht verheim licht haben, aber Trude hat den Doctor, der es Adah gesagt hat, belauscht. Wir wissen alles, Frau Schwägerin, Sie müssen nach dem Süden oder wenn Ihnen das angenehmer sein sollte, Sie haben sich auf Ihr baldiges Ende vorzubereiten. Allerdings. Sie werden fragen,.wer Ihnen die Mittel zu einer derartigen Reise bieten wird. Nun denn ich werde mir mit Ihrer Erlaubmß diese xuine Freiheit neh men." Er zog. während er so sprach, einen großen, gelben Briefumschlag aus der Brusttasche. Ein günstiges Geschick hat mich dazu m die Lage gesetzt. Er innern Sie sich gefälligst, daß ich in der sächsischen Lotterie spiele. Heute kam ich zu meinem Collecteur. und mit

weicher freudigen Nachricht erquickte er mich: Ich bin raus!" Schade, daß ich nicht das ganze Loos gespielt habe, ich wäre damit ein vermögender Mann geworden. So aber entfallen auf meinen Antheil nur bescheidene zweitausend Mark. Soll ich sie auf Zinsen legen? Soll ich mir irgend etwas Unnutzes dafür kaufen? Das eine wäre so zwecklos für mich wie das andere. In diesem Sinne, Frau Schwägerin, werden Sie mich an einem vernünftigen Werke nicht hindern wollen. Ohnehin bin ich Ihnen für die unglückliche Penswnsgeschichte noch eine Revanche schuldig und daß Sie am Leben bleiben, daß ist eine Pflicht von Ihnen gegen ihre Kinder. Gönnen Sie mir also das Vergnügen, indem Sie dies Couvert aus meinen Händen nehmen, snn bnni hthtUUch an spin " Es war dies wohl die längste Rede, die Onkel Malthus je gehalten hatte, und sie gerieth ihm gewiß besonders deshalb so, weil er damit eine krasse Lüge aussprach. Daß er in der sächsischen Lotterie spielte, das hatte allerdings seine Richtigkeit, und das war auch in der Familie genügend bekannt. Nur daß er gewonnen hatte, stimmte nicht. Aber auf eine solche kleine Lüge konnte es jetzt nicht mehr ankommen. Wenn es mit Trude werden" sollte. so mußte die Räthin und auch Adah um jeden Preis von ihr entfernt werden und wurde damit der Kranken nicht zugleich das Leben gerettet? Woher sich aber die nöthige Summe beschaffen? Bon dem Sparkassenbuch war nichts mehr vorhanden. Bei Herrn Karoly einen Vorschuß erhebe auf die künftigen Zehn- und Hunderttausende, die Trude mit ihrer Kunst verdienen würde? Eine Andeutung in diese?

Richtung hatte Herr Karoly aufsDeutlichste abgelehnt. Bei Kusey eine Anleihe aufnehmen? Kusey hatte nichts. Es gab nur em einziges Mittel: seine Pension auf ein. zwei Jahre verpfänden. Em dunkler Ehrenmann, der solche Geschäfte machte, war ihm bekannt. er wobnte in einem schmukiaen yauje, in einer vunuen eiuce mir verstaubten, von Spinngeweben überZogenen Fenstern und von diesem Ehrenmann kam er jetzt zurück. Adah horte die Rede des Onkels mit an, und in zwanzig blauen Scheinen lag die rettende Summe vor ihren Augen. Auf wie märchenhafte Art sich auch die Rettung vollzog die blauen Scheine waren da. Durfte sie nun die Mutter, zumal sich ihr über den schrecklichen Ernst ihres Zustandes a nun nichts mehr vortäuschen ließ. In lyrer Weigerung, das Geld vom Onkel anzunehmen, bestärken? Nein! Sie mußte sich auf Onkels Seite stellen. Dann aber, wenn man das Geld nehmen wolle, durfte mit der Reise nicht gezögert werden. Es war gerade trockenes und verhältnißmäßig warmes Wetter, wie man es sich dazu nicht besser wünschen konnte. Zwei Tage später reiste Adah mit der Mutter, wobei Doktor Herlinq ihr in allen Vorsichtsmaßregeln zur Hand ging, ab. Bis zum Bahnhof fuhr 'er mit, und Adah fühlte, als sie sich noch einmal, zum letzten Mal zum Coupefenster hinausbeugte und die Bahn hofshalle und seine ihr nachblickende Gestalt nunmehr ihren Blicken enrschwand, wie der Abschied von ihm an seltsame Lücke in ihr zurückließ. Ii seiner Pflichtstrengen, abgeschlossenen Natur hatte sie ein Stück von ihrem eigenen Selbst wiedergefunden. Bon all' den fremden Menschen, denen sie seither beqeqnet, war er der Einzige, mit dem sie sich zu verstehen glaubte. Wer beim Abschied gefehlt hatte, war Max. Er war in einer Dienstsache vorübergehend nach einer kleinen westpreußischen Stadt versetzt worden, em: der er erst nach ein paar Wochen zuruckkommen sollte. Gott sei Dank, daß sie fort sind". athmete Onkel Malthus auf. Erst jetzt konnte man mit Energie und ohne albernes Verstecken, kurz aus dem Fundament" die große Sache betreiben. Es war auch noch die Frage zu er ledigen, unter welchem Namen Trude vor das Publikum treten sollte. Daß ihr büraerllcher Name dabei, ausze schlössen war. verstand sich von selbst aus zwei Gründen. Erstens und diese Forderung wurde vonOnkelMalthus vertreten aus Famuienrua sichten. Und zweitens: Trude" oder gar Gertrud Denhardt" was hatte das für einen Klang? Gar keinen Ein Künstlername aber mußte insOhr fallen, sich dort festsetzen je fester. je b-sser. Wie wäre es mit Trudina Denardi?" schlug der Hauptmann Herrn Ka. roly vor. Unsinn!" Das Italienische war altmodisch vieux zeu. .Oder Mademoiselle Denhardt?" Es klang besser, aber auch daS Französische war Unsinn. Trude sanz doch deutsch. Lassen Sie mich die Sache überle gen, lieber Herr Hauptmann", sagt: Karolv. Im Grunde fand Onkel Malthus an diesem L)errn immer weniger Gefallen. Alle seine guten Ideen und Vorschläge wurden von vielem Herrn aba?wZ?sen. aam kurzwea: genau so. als hätte er hier nicht schließlich auch ein gewisses Wörtchen mitzureden. Auf der nächsten Probe hatte KaroIn den Namen gesunden. Wir nennen sie Risch Risch!- saz. te er. .mw Risch - Risch". wiederholte Karoly

noch einmal vor allen Anwesenden.

Das sollte ein Name sein? Un; wie kam Karoly darauf? Der Na me war ihm eben so eingefallen, und der Name war gut. Denn so wie Anwesenden, so würde auch das Publikum fragen: Risch - Risch! Was bedeutet das?" Man würde also auf Risch - Risch neugierig sein Den Proben folgte die Mnera!vrobe. Es war Vormittags, und der neu ge Saal des Winterpalastes, der am Abend einen so zauberhaften Eindruck machte, war jetzt von nuchernem -ia geslicht Übergossen, das oben durch das den ganzen Raum überdeckende Glasdach fiel. Der kolossale Zuschauer1 - . . i ; . räum war 1,0 gui wie leer, nur iiic Scheuerfrauen bantirten darin herum. am Büffet saßen veschiedene Herrschaften die Herren mit scharsmarlmen Gesscktern. die Damen gepudert und mit raschelnden, seidenen Röcken, und an einer anderen Stelle waren die Tische und Stühle fortgerückt und dafür Matraken binaeleat. auf denen in ihren unscheinbaren Probekostümen eine Akrobaten -Gesellschaft iyre vrünae. Flickflacks und auomortales durchnahm. Uebrigens stimmte das Wort Generalprobe" in diesem Falle nicht ganz. Erstens war das Kostüm sur vie ebütantin noch nicht zur Stelle, den der Schneider hatte nach der Anprobe noch eine Aenderung daran vornehmen müssen, die erst bis zum Abend fertig sein sollte und sodann probirte man auch ohne die neu oazu gemalte Decoration, wett diese ja ooq erst bei der abendlichen Beleuchtung zur richtigen Geltung kommen konnte. Merkwürdia übriaens. wie gleichailtia fick Karolv auf dieser letzten Probe verhielt. Gleichartig! Das war für sein Gebühren das einzig richtige Wort. Er corrigirte nicht mehr commandite nicht mehr. Kurz, er thal, als ginge ihn die ganze Sache nichts mehr an. Und die fatale beunruyigendeMiene, die er dazu aufsetzte. Was meinte er damit? Als man sich nach der Probe trennte, hatte er, Malthus, zu ihm mit zuversichtlichem Tone gesagt: rn Direktor, ich alaube. wir haben heute Abend einen Bombenerfolg!" Und Karoly hatte ihm mit dieser fatalen Miene die 5zand auf die Schulter cieleat und erwidert: Meinen feie. Herr Hauptmann?" Man kam jetzt er und Trude draußen auf der Straße an dem in der Nachbarschaft des Theaters tiegenden Liqeurstübchen vorüber; die Thür stand auf, und man sah drinnen einige College sitzen und fruyztuaen. Aber was meinte Karoly 5 Zweifelte dieser Mensch? nnM". bat irrn das Kind" an seiner Seite, und dieses Wort war heute ihr erstes an ihn. Denn er hatte eben mit seinem Spazierstock einen gefährlichen Lufthieb vollführt, wie gegen einen unsichtbaren Feind, als bätte dieser Zweifel eine vor 'hm stehende Gestalt angenommen. Wenn Karoly heute Abend mit leinem rozi sei recht behielt was dann? Dann hatten sie in kürzester Zeit, nachdem er seinen Anspruch aus die Pension verpfändet, nicht einen Pfennig mehr. Dann kam die Volksküche und die Wärmeballe an die Reihe. Bist Du ängstlich, Trude?" fragte er das Madcren an semer Seite. ..Nein. Onkel!" Und sie war es auch nicht. Was kam es bei dem allen auf sie an? Auf die Mutter kam es an. daß sie nun in Italien war und daß sie dort gesund werden wurde. ..Svaß. wird das 'ne Nummer wer den!" saate Karoln im Bureau zu seinem Compagnon. Er sprach von dem Debüt heute Abend von Nlscy Nisch. In die gewöhnliche Ausdrucksweise übersetzt, hieß das: Welchen Durchsau man beute Abend mit Kraulern RischRilck" erleben würde! Erst iekt die Generalprobe hatte dem ge-wiegten Manne dieseUeoerzeugung beigeoraazl. Deshalb hatte es sich nicht gelohnt, erst noch lange herumcorngiren zu wouen. Und wenn's ein Durchfall war! Schon moraen sollten dafür neue Zettel gedruckt werden, ohne den Namen RischRisch. Es wurde Abend, und in den dichrbelebten Straßen flammten die Laternen auf, auch die elegante Front des Winterpalastes erstrahlte im gewöhnten Licht. Jeder Fremde, der zum ersten Mal das berühmte Lokal betrat, war von dessen Pracht überrascht, namentlich von dem originellen Deckenesfect, denn das Glasdach wurde am Abend mit dunkelblauen Velarien verhängt, an denen in scheinbar wirrem, unregelmäßigem Durcheinander Tausende von Glühlichtern brannten, so daß die ganze Decke den Eindruck eines Sternenbimn-ks machte. Der Bübne mit den sie umschließenden Lo gen- und Sitzreihen gegenüber erhob sich an der anderen Saalseite eine mit weißgedeckten Tischen, auf denen rothe Lämvchen brannten, und Stühlen besetzte, mit einem goldenen Geländer umrandete Terrasse, die der vornehmsts Blak des üauses war. Schon aus dem Umstände, daß man auf diesem Blake Officiere in Uniform, auch mit ihren Damen, sitzen sehen konnte, ging bervor. daft der Wmtervalast von der besten Gesellschaft besucht wurde und daß t also Mit ähnlichen Lokalen von etwa zweifelhaftem Ranae nicht verwechselt werden durfte. Trotz des unünttiaen Monats und obwobl die

Vorstellung noch nicht angesangenhatte. war der enorm? Raum doch schon zum Theil gefüllt. Von dem verdeckten Orchester her drang das Stimmen der Instrumente, und auf den vorderen Parkettrcihen sah man verschiedene der schon Erschienenen sich als Tekannte begrüßen es waren d von dem neuen Programm herbeicitirtea Vertreter der Presse. Der Zugang zum Bühnenraum führte durch einen im Nebenhause be-

kindlichen, ziemlich engen und schlechtgepflasterten Hof, in dem es amAbend mmer em buntes Gewimmel gab von Künstlern, Arbeitern, allerhand Wagen. Requisiten und auch Thieren. Denn im Hofe befand sich gleichzeitig der Stall. Jetzt war er von einer Meute Hunde besetzt, mit denen sich heute Abend em bekannter Dresseur roducirte. und ihr Bellen war so laut. daß auch die Hunde der gesammten Nachbarschaft einfielen und ein fürch-' terllches Concert ausführten. Zu oem Bühnenhause stieg man auf einer sehr schmalen, freien Holztreppe hinaus, und streng war jedem Unbefugten der Eintritt hier untersagt. Hier hatte Trude vom Onkel und von Kusey Abschied genommen. Plötzlich nach emigen weiteren Stufen sah sie sich aus der Bühne. Von beiden Seiten warfen drahtumflochtene Gasflammen ihr . . . . r je.?? n.i. lcht oaruoer ym, ein Wiener jauci einen wassergefüllten Sprengtrichter darüber aus, und außer allerlei sonstigen Gestalten, die. zum Theil seltsam costumirt, an ihr vorüberzogen unv huschten und sich fremdsprachliche Laute zuriefen, sah man. zusammengeballt in einem Winkel der Bühne, in bunter Tracht und mit braunen, mageren Gesichtern und Armen eine Ärabertruppe, die hier in letzter Stunde ihre Sprunge noch einmal promrte. Ta kam auf Trude eilig und inAufregung eine dicke Frau zu mit weißer -chürze und weißemHäubchen. die sie schon während der Proben kennen gelernt hatte Frau Siebenhorn. die Garderobiere. Da sind Sie ja.Fräuleinchen. Tenkcn Sie sich, Ihr Kleid ist noch nicht da, und Sie haben doch die erste Nummer. Schon vor einer Stunde sollte kommen. Wenn bloß nicht Herr Karoly was davon erfährt, dann haben wir's alle auszubaden. Ich habe gleich noch 'mal hingeschickt zum Schneider. Hoffentlich kommt's noch zur rechten Zeit. Wissen Sie denn schon, wo Jh-

re Garderobe ist?" Nein." Dann will ich's Ihnen zeigen. Fräuleinchen. Kommen Sie!" Diesmal ging es Frau Siebenhorn stieg vor ihr eine dunkle, eiserne Leiter hinauf durchbin Gewirr von engen, winkeligen, niedrig Gängen, daß man sich oft bücken mußte, um nicht mit dem Kopfe anzustoßen. Nehmen Sie sich nur in Acht. Fräulein." warnte sie gutmüthig besorgt die dicke Frau. Dann öffnete sie ein Zimmerchen, dessen Puppenstubenhafte Kleinheit ganz zu der Enge der übrigen Räumlichkeiten paßte. Es hatte weißgetünchte Wände, und das ganze Mobiliar bestand in einem an die eine Wand gerückten, ungestrichenen, liehnenen Tisch, vor dem nebeneinander zwei Stühle standen, denen zwei darüber hängende Spiegel entsprachen. Sonst enthielt das Zimmer nur noch einen großen, verschlossen dastehender Lederkoffer, der mit zwei schwarze Buchstaben gezeichnet war. Sie haben die Garderobe mit Miß Kensington zusammen. Fräuleinchen, aber die kommt erst später. So nun setzen Sie sich, ich will gleich die Friseurin holen. Und dann, wenn das Kleid kommt, ziehen wir Sie gleich an. Und wie jung Sie noch sind. Und gleich so ein Glück zu hakn hier am Winterpalast. Ja. Du lieber Gott, w:nn man so an seine eigenen Zeiten zurückdenkt. Frau Siebenhorn gab einen Stoßskufzer vor sich. Auch sie war Künstlerin gewesen Coupletsängerin, wenn auch freilich an minder berühmten Etablissements, als es der Winterpalast war. Aber erspart hatte sie sich nichts. So lange man eben jung und lustig ist, denkt man, daß es damit ewig dauert. Mit einem Mal aber ist das Alter da und dann mußte man froh sein, wenn man sein bischen Leben gerade noch so durchbrachte. Draußen auf dem Gange ertönten jetzt Schritte. Rufe und jetzt ließ sich ein dumpfes Summen hören, in das ein schmetternder Ton einfiel. Es war wohl die Musik, die anfing. Plötzlich fuhr eine laut schreiende, heftig scheltende Stimme dazwischen, die Trude erkannte die Stimme des Herrn Karoly, in welche jetzt die Frau Siebenhorn und noch andere einfielen. Sofort nimmt Jemand eine Droschke und fährt raus!" schrie Herr Karoln. (Fortsetzung folgt.) Der Festprasident und F.'stdirigent des Baltimore? Sängerfestes, die Herren Wieman und Me!arnet, haben eine Erholungsreise nach Deutschland angetreten, auf der sie auch Berlin zu besuchen gedenken. D Baron von Rheinbaben, der preußische Finanzminister, welcher gelegentlich des zweiten großen Concertes Gast der Sängerfest - Gesellschaft" war, bereits vor ihnen nach Deutschland zurückreiste, ist die Wahrscheinlichkeit, daß er eine Audienz beim Kaiser für die beiden Herren vorbereitet, nicht ausgeschlossen.