Indiana Tribüne, Volume 26, Number 251, Indianapolis, Marion County, 13 June 1903 — Page 3

Jndiana Tribüne, IS Juni 1903.

3

Germania Haie. .17 uud 39 Süd Delawure Str. Der beliebteste uud beftansGestattete Tanzsaal iu der Stadt. Hauptquartier für alle deut, scheu Vereiue. Club, uud VersalugSzi, er zu mähige Preise zu vermicthe.

V. . Columbia ;: Halle Süd Delaware und McCarty Str. Wirthschaft deutscher Art. Ei guter Trunk und schmackhafter Lunch harren der üe Halle und Lokalität stehen Bereinen zur Abhaltung von Unterhaltungen und Versammlungen zur Verfügung. Jedermann herzlich eingeladen. Geo. Peter Hammerle, Eigenthümer. U Zelkpkon 1,4. rttn Wrn. Stoeffler aloon. 202 Nord Noble Str. ees Tclcvhon 2001. Chris. W. Brehob's Wirthschaft, AS Süd Meridian Str. lter Phone. Roth 7982. Guter Lunch Morgens und Nachmittags Dr. j. A. Suteliffe, Wund-Arzt, Geschlechts-, Urin und Rectum Krankheiten. Office : 155 OK Market Stt. Tel. 941 O'ftce-Stunden : 9 bis 10 Ubr m. ; 2 bi 4Uhr Rm Zu vermiethen : -Zimmer imMajestic :: Gebäude z redr j'itttn Preisen. Da? feinste Ofs.'.e-Gebäuoe in der Stadt Kouftändig feuerfter. Schnelle Fahrstühle und alle modernen Bequemlichkeiten. Nachzufragen bei flregory & Appel, Agenten, für di Jnd:anavolis Gas Co. ruhe uswaht von s O 5 3 n 8 Aug. Diener, o. 449 Oft Washington Str. eues Telephon 2525. M, Coke IM Co. Zncorporirt.i Ohio Jackson 54.50 per Tonne. Jndiana Jackson $3.25 per Tonne. N. RABE Präsident, eues Phone 9291. Altes (Main) 1150 H. C. KRENTLER Ä 0., Fabrikanten vo KünftlichenGliedern, Orpho pathische Apparate, Bruch bänder, elastische Strümpfe, rücken, Schuh Eztensionen, Fußplatten. Chirurgische Instrumente reparirt. 103 Maff. Ave. I 208 O. New York St. Atz 1C89. mit svrechrn deutsch

r

Ohne Murren Fügt sich Serbien's Bolk den Meuchelmördern.

Unter den gebildeten lassen Sehnsucht nach einer Republik. DesThronprätendenten bewegte Bergangenheit. Verhütung einer Ministerkrise in Italien. Der Papst empfängt Amerikaner in Audienz. Neue Kämpfe zwischen Bulgaren und Türken. Petition in lZolombia zu Gunsten des Vertrags. Der Umsturz in Serbien. Belgrad, 12. Juni. Es kann jetzt, nach Verfluß von 36 Stunden, gesagt werden, daß Volk und Hauptstadt die Ereignisse ohne Murren hinnehmen. Das einzig neue Element in der Lage bildet eine Stimmung unter den gebilbeten Classen auf völligeAbschaffung der Monarchie U.Errichtung einer Republik. Diese Ansichten theilt mindestens ein Mitglied der provisorischen Regierung. Diesbezügliche Meinungsverschiedenheiten traten in der heutigen CabinetsSitzung zu Tage, als der auswärtige Minister Kalievics sich zu Gunsten einer republikanischen Regierungsform aussprach. Die Mehrheit der Minister erklärte sich jedoch für Peter Karageorgevitch als König. Sie wiesen darauf hin, daß Rußland und Oesterreich eine Republik nicht dulden würden. Diese Auffassung wird allgemein in politischen Kreisen getheilt. Die Besitzungen des verstorbenen Herrschers werden von der Regierung beansprucht. Ob er Vermögen hinterließ, ist unbekannt, er dürste aber beträchtliche Ersparnisse gemacht haben, da er in den letzten 10 Jahren sparsam lebte. Der größere Theil des Geldes soll in England angelegt sein. Nach hiesiger Meinung gehört dem Staat alles außer den auswärtigen CapitalAnlagen. Auch Königin Natalie dürfte als Erbin erscheinen. Draga bezog 30.000 Gulden ($14,550) monatlich und machte gleichfalls große Ersparnisse. Erben sind die drei Schwestern. Belgrad, 12. Juni. Die Beisetzung fand 1 Uhr 30 Morgens statt. Zwei Särge wurden von den Dienern nach dem Zimmer gebracht, wo die Leichen des Königspaares lagen. Sie wurden dann nach dem Leichenwagen gebracht und in aller Eile nach dem alten Friedhofe üöerführt, wo auch die übrigen Obrenovitch ruhen. Außer den Dienern waren nur 2 Priester zu gegen; der Metropolitan von Belgrad fehlte und die ganze Leichenfeier dauerte nur wenige Minuten. Die Beerdigung des ermordeten Minister - Präsidenten Markovitch findet mit militärischen Ehren statt. Bon Oberst Naumovics, der seinen Tod fand, als er sich den Eintritt in den Palast mittelst Dynamit erzwingen wollte, heißt es in einer amtlichen Schilderung des Vorfalles: Er starb auf dem Felde der Ehre für sein Vaterland." Es wird jetzt bestätigt, daß nur Draga's beide Brüder umgebracht wurden. Ihre Schwestern schaffte einer der Verschwörer nach Pancsova. Eine Special-Depesche nach London aus Belgrad berichtet, die Leichen des I Königspaares seien in einer großen Dunggrube im Dorfe Rakovice beigesetzt worden und als Zeichen der Schmach habe man die Leichen ihrer ermordeten Verwandten und der Mini ster auf sie geworfen. Das gemeinsame Grab sei dann mit Erde gefüllt worden. Genf, 12. Juni. Prinz Peter Karageorgevitch stellte heute in einem Interview jede Betheiligung, direkt oder indirekt, an der Ermordung des Königspaares in Abrede. Niemand habe ihn bis jetzt zur Rückkehr nach Serbien aufgefordert und vor Unterbreitung formeller Vorschläge würde er Genf nicht verlassen. Der Prinz gab zugleich seinem Abscheu vor der That Ausdruck und bedauerte insbesonders, daß es die Armee war, welche zum Mittel des Meuchelmords griff. Als König würde der Prinz sich die bewun dernswerthen Institutionen der Schweiz zum Muster nehmen.

Berlin, 12. Jun-. Eine Depesche an den Lokalanzeier aus BudaPest meldet, daß die Garnison in Nisch, wo der verstorbene König sehr beliebt war, in voller Kriegsausrüstung und mit Artillerie nach Belgrad marschire. Die Kölnische Zeitung" hört aus Belgrad, daß die Metzelei $ Stunden lang dauerte. Die Mörder erklären, der Tod Alexander's sei unvermeidlich gewesen, da er sich im Falle der alleinigen Tödtung oder Entfernung der Königin gerächt haben würde. Eine Depesche des Tageblatt" aus Wien sagt, daß nach Ansicht dortiger hoher Kreise Prinz Karageorgevitch von Rußland anerkannt würde. Kaiser Franz Josef würde den Prinzen, falls er darin nachsucht, fraglos in Audienz

empfangen. Ueber der serbischen Gesandtschaft wehte heute die Flagge aus Halbmast. Die meisten Mitglieder des diplomati' schen Corps erschienen, um zu condolliren. Staatssekretär des Aeußern Richtnofen theilte den Vertretern des Auslandes, die im auswärtigen Amte vorsprachen, mit, daß Deutschland von dem Wechsel in Serbien keine Verwicklungen für andere Staaten erwartet. Nach dem Lokalanzeiger zieht die provisorische Regierung Truppen vom Lande in Belgrad zusammen, um einer eventuellen österreichischen Intervention zu begegnen. Alexander's wie Draga's Rückgrat wurden gebrochen, als man die Leichen der Ermordeten aus den Fenstern des Palastes warf. Einer Special-Depesche aus Zürich zufolge studirte Prinz Peter Karageorgevitch an der dortigen Universität acht Jahre. Er wird als eifriger Socialist beschrieben und als gegenwärtiger Ge noffe der deutschen Socialisten-Führer v. Vollmar, Fischer und Trausty. Der Prinz hieß in Zürich der Rothe Peter" oder der Rothe Prinz". Früher besuchte er ungarische Schulen, machte wiederholte Reisen nach Rußland und verbrachte mehrere Jahre an dem kleinen Hofe in Cettinje, Montenegro. Nach dem Lokalanzeiger" erhielt Alexander verschiedene Warnbriefe, darunter einen, der die Tragödie für Pfingsten ankündigte. Die Königin bemerkte damals zu ihrer Hofdame: Sie sehen, diese Feiglinge schreiben und schreiben, aber keiner wagt zu handein." St. Petersburg. 12. Juni. Die Tragödie von Belgrad hat hier einen ungeheuren Eindruck gemacht. Die Zeitungen drücken ihr Entsetzen über das Verbrechen aus, für welches man nur in alten Jetten Parallelen finden könne. Zugleich wird betont, daß äugenblicklich eine Einmengung der Mächte in die inneren Verhältnisse Serbien's nicht zulässig ist, wenn auch der Gang der Ereignisse Rußland und Oesterreich zum Einschreiten treiben mag. Der zweite Sohn des Königs Milan von einer Frau Christics, der legitimirt ist und Kar. Ansprüche auf den serbischen Thron bekämpfen will, lebt mit seiner verwittweten Mutter in Constantinopel. Milan hat sich offen als Vater des Knaben bekannt, der 15 Jahre alt und von bestrickender Schönheit sein soll. Paris, 12. Juni. Das aus. wärtige Amt hat von seinem Agenten von der serbischen Grenze eine Depesche über die Abschaffung der legislativen Versammlung und die Erneuerung der Skupschina erhalt-n. Die abgeschaffte Versammlung war nur aus vom König Ernannten zusammengesetzt und enthielt nicht einen einzigen Gegner von Alexander's Politik. Die Depesche meldet zugleich, Bel. grad sei ruhig; allein die hiesigen Beamten bezweifeln dies, da es unmöglich ist, direkte Depeschen aus Belgrad zu bekommen. Selbst die Amts-Depeschen nach Paris scheinen verstümmelt. Die frühere Königin Natalie von Serbien ist durch die Ermordung ihres Sohnes so erschüttert, daß sie die Gemächer ihrer Schwester, der Prinzessin Ghika, in Versailles nicht verlassen kann. Peter Karageorgevitch ist in Paris als interessante Figur bekannt. Sein Leben ist mit kühnen und schlimmen Escapaden angefüllt, mit den wech. selnden Schicksalsschlägen eines Prätendenten und Glücksritters. Unaufhörlich war er in Intriguen, Anschläge und Gegenanschläge zur Verwirklichung seiner Königs-Träume verwickelt. Der Vertreter der Assoc. Presse besuchte heute den Prinzen Bodija K.

und andere Mitglieder und Freunde der Familie. Es wurde darauf hingewiesen, daß über die verschiedenen Zweige der Familie viele Verwirrung existirt. Peter, der zum König ausgerufene, ist das Htnipt der jüngeren Linie, die durch dessen Vater Alexander von 1842 1856 auf dem Throne saß. Alexis ist das Haupt des älteren Zweigs, also auch ein Thron-Aspirant (Wiener Depeschen kündigen seinen Verzicht an.) Bodijar ist ein Bruder von Alexis. Arzen. ein Bruder Peters, lebt in Paris; er ist es, der seiner Zeit Amerika besucht hat. Peter erinnert äußerlich an seinen berühmten Großvater Kara George. Nach Vollendung seiner Erziehung, theilweise im Exil, nahm er am deutsch-franz Krieg als Offizier in der Fremdenlegion theil; die berühmte Truppe war dem 15. Armee Corps attachirt und wurde oft von Napoleon HI. gelobt. Er kämpfte bei Orleans und wurde von General Billot seinem persönlichen Stab zugetheilt, erhielt auch die Ehrenlegion. Später half er in der Herzegomina den Insurgenten und spielte eine namhafte Rolle bei dem Ausstände, der zum russisch-türk. Krieg führte. Er träumte von einem Grotz-Serbien und bot zu diesem Zwecke sogar König Milan seine Dienste an, wurde aber abgewiesen. Des Zaren Verstimmung gegen Milan brachte ihn den Karageorgevitch näher und er vermittelte auch Peters Heirath mit Prinzessin Zorka von Montenegro. Peter ergab sich dann in Paris einem Genußleben und wohnt seit 1890, dem Todesjahr seiner Gattin, in Genf. Wien, 12. Juni. Prinz Alexis Karageorgevitch, ein Neffe des neuproklamirten Königs und selbst Thronprä' tendent, erklärte heute, daß er auf alle seine Ansprüche verzichte und die Thronbesteigung seines Onkels als beste Lösung begrüße. Von dem neuen serbischen MinisterPräsidenten Avakumovics wird aus Belgrad eine Erklärung berichtet, in der er seine Berufung auf feinen neuen Posten schildert. Er sagte das Minifterium stehe noch in keiner Verbindung mit Karageorgevitch, hält aber seine Wahl für wahrscheinlich, da kein anderer Weg offen stehe. Sensationelle Erzählungen, offenbar zu politischen Zwecken, wurden hier veröffentlicht, darunter als grauenhafteste eine, nach welcher die Soldaten Königin Draga vergewaltigt und die Leiche des Königs verstümmelt hätten. Ferner hätten diejenigen, die zum Schlüsse Zutritt erlangten, auf die Leichen gespuckt und seien auf denselben herumgetreten. Ueber die Haltung des serbischen Volkes gehen die Depeschen auseinander. Nach den einen wird Karageorgevitch nur vom Militär-Element gewünscht, nach andern wollen die Serben den Prinzen Mirko von Montenegro, während der intelligentere Theil der Nation auf eine Republik hinstrebe. Im Abgeordneten-Hause des Reichsraths erklärte heute Ministerpräsident Koerber auf eine Interpellation bezüglich der Vorgänge in Belgrad, daß man die Angelegenheit zunächst als eine innere Serbiens betrachten müsse. Falls die neue Regierung Ordnung halten könne, dürfe sie der Unterstützung Oesterreich's und der Sympathie der europäischen Cabinette gewiß sein. Alle officiellen Beziehungen zu Serbien sind vorerst abgeschnitten, man hofft auf Wiederaufnahme am Mon

tag. Prinz Peter soll am 19. Juni die Krone hier durch eine Deputation der Skupshina angeboten und er dann nach Belgrad geleitet werden. Minister Goluchowski und der russische Botschafter Kapnit kamen nach län gerer Conferenz zum Schlüsse, daß weder Rußland noch Oesterreich interveniren würden. Türkei. Niedermetzelung von Bulgaren. Conftantiopel, 12. Juni. Bei dem Dorfe Xeniga, Rumelien, wurden kürzlich 20 Bulgaren durch türkische Truppen und Dorfbewohner, die einen gemeinsamen Angriff machten, getödtet. 50 Gefangene wurden nach Adrianopel überführt. Colombia. Für den Panama-Ver-trag. Panama, 12. Juni. Senator Obardia und 2 Abgeordnete sind heute nach Bogota gereift, um für Annahme des Hay-Herran Vertrags zu wirken. In Cartagena wird eine AnnahmePetition an den Congreß mit einflußreichen Unterschriften bedenkt.

Italien. Minifter-Krise. Rom, 12. Juni. Die CadinetsMinister haben beschlossen, in der Kam mer heute ihren Rücktritt anzukündigen, vertagten jedoch die Absicht, nachdem der König Herrn Giolitti gebeten, sein Rücktrittsgesuch zurückzunehmen. Das Ministerium hatte bis vor Kurzem die Unterstützung aller Liberalen, äußerste Liuke eingeschlossen. Am Mittwoch schloß sich letztere der Opposition bei der Marine-Debatte an, wodurch die Regierung, in erster Linie der Minister des Innern Giolitti, eine Niederläge erlitt. Amerikaner beim Papst. R o m, 12. Juni. Der Papst empfing heute den Bischof Leo Haid aus Belmont, N. C., und Thomas St. John Gaffney, New York. Als er vernahm, Herr Gaffney sei mit dem Präsidenten Roosevelt befreundet, bat er diesem die Gefühle seiner Hochachtung und Bewunderung auszudrücken. Nach Gaffney's Eindrücken sah der Papst woyl aus. Nunland. Viele Leben vernichtet. St. Petersburg, 12. Juni. Wie die Novoe Vremya berichtet, wurden am 9. Juni in Azoff. als Ausflügler von einem Dampfer landeten, durch den Zusammensturz der Landungsbrücke 200 Menschenleben dernichtet.

Base-Ball. American-Association. Die gestrigen Spiele resultirten wie folgt: Indianapolis, 12. Juni. Indianapolis x 9 Milwaukee 0 Dieses Spiel endete plötzlich nach dem 1. Jnning infolge eines Disputs etc. zwischen Schiedsrichter Cunningham und Spieler Cantillon von Milwaukee, der schließlich von der Polizei geschlichtet werden mutzte. Louisville, 12. Juni. Louisville ....20001300 06 Kansas City.. 00400400 8 Toledo, 12. Juni. St. Paul ....00140210 412 Toledo 01001040 17 Columbus, O., 12. Juni. Columbus ...00030000 14 Minneapolis. .50000300 08 National-Liga. Die gestrigen Spiele resultirten wie folgt: St. Louis, 12. Juni. St. Louis. . ..22224000 12 Boston 0100020003 Chicago, 12. Juni. Chicago 0 1 2 1 0 0 1 0 0 5 Philadelphia . . 1 4 0 1 1 0 0 1 4-12 Cincinnati, 12. Juni. Ie St K"n Spiel, Regen. Pittsburg, 12. Juni. W? i SV', Regen. Viel verlangt. Vor dem Moskauer Bezirksgericht begann dieser Tage ein großer Fälschungsprozeß, der sich ziemlich lange Zeit hinziehen dürfte, denn die Geschworenen werden nicht weniger als 9000 Fragen zu beantworten haben. Es handelt sich um eine Klage gegen die Kaufleute Bromberg. Gurewitsch und Aronowitsch. die 2177 Wechsel im Betrage von 2,500,000 Rubel gefälscht haben. Krüppel vor der Assentirungskommission. Von Tregist in Steiermark mußte sich neulich der taubstumme und gelähmte militärpflichtige" Bauernsohn Schabin nach Graz zur Nachstellung begeben. Seine Eltern hatten bei der Bezirkshauptmannschaft seiner Heimath die Krüppelhaftigkeit ihres Kindes angegeben. Dies half aber nichts, er mußte trotzdem nach Graz. Die Mutter legte den lahmen Sohn auf einen Karren und brachte ihn so bis zum Bahnhof in Voitsberg, von wo aus sie mit dem Burschen nach Graz fuhr. Da die Frau arm ist, konnte sie keinen Wagen benutzen, und so trug sie den Stellungspflichtigen" auf dem Rücken nach dem Assentplatze unter Zulauf vieler Neugieriger und stellte ihn an einen Baum, um die militärärztliche Untersuchung wegen der Tauglichkeit abzuwarten. Ein angenehmer Gast. Wirth (eines Bade-Hotels, der bei der Table d'hote persönlich herumreicht): Etwas Spargel gefällig?" G a st : Spargel? Damit haben Sie bei mir kein Glück, davon nehme ich dreimal wenigstens!"

B, rli,l nnd München. Der banerische Premierminister Freiherr v. Podewils-Dürnitz wurde dieser Tage von dnn deutschen Kaiser durch Verleihung des Rothen Adlerordens erster Klasse ausgezeichnet. Diese Ehrung würde für die Mitwelt wenig Bedeutung haben, wenn sie nicht der rückhaltlosen Erklärung des Premiers folgte, daß alle Meldungen über die Verstimmung zwischen Berlin und München auf böswillige Erfindungen berufsmäßiger Hetzer und Störenfriede zurückzuführen seien. Man entsinnt sich wohl noch der ganz außerordentlichen Anstrengungen deutscher Partikularisten. aus der Depesche Kapital zu schlagen, welche der Kaiser Wilhelm an den Prinzen Luitpold richtete, als der bayerische Landtag die Bewilligung für Kunstzwecke verwe! gerte. Das Volk mochte sich schließlich nicht immer wieder mit der alten Geschichte aufregen lassen, und so erschien denn kürzlich die sensationelle 9ReI dung. daß Bayern mit einem Antrage auf Einberufung des Bundesrathsausschusses für auswärtige Angelegenheilen in Berlin schroff abgewiesen worden sei. Leute, die mit den einschlägigen Verhältnissen einigermaßen vertraut sind, vermochten der WltU dung kaum irgendwelchen Glauben beizumessen. Denn erstens ist der genannte Bundesrathsausschuß nur eine Kontrollbehörde zur Ueberwachung der äußeren Politik des Reiches, ohne cle Befugniß, in diese Politik eigenmächtig einzugreifen oder sie gar zu leiten; und zweitens war doch wohl mit aller' größter Bestimmtheit vorauszusetzen, daß der bayerische Premierminister sich als oenauer Kenner der Reichsoerfassung nicht gleich zu Beginn seiner hohen Laufbahn eines Uebergriffes schuldia machen würde, der ihn nothwendlger Weise zu einer Niederlage führen müßte. Freilich zählt Herr v. Podewils zu den überzeugtesten Vertheidigern oer bayerischen Kronrechte; er steht aber damit auf demselben Standpunkte, den der Prinzrcgent, als einer der Verfassungstreuesten deutschen Bundesfürsten, einnimmt, den der Kaiser wiederholt billigte und den die Gründer des Reiches im Auge hatten. Es giebt bedeutende Männer in Deutsche land, welche der Vereinigung der Reoierungsmacht in der Hand des Kaisers und des Reichstaqes das Wort reden; sie unterschätzen aber anscheinend den kulturellen Werth des einzelstaatlichen Lebens, der sich weit über die Grenzpfähle der einzelnen Länder hinaus geltend macht. Die geistige Blüthe Münchens. Dresdens und Weimars wurzelt gerade in der staatlichen Selbstständigkeit; eine Gemeindeverwaltung würde sich schwer dazu verstehen, die Mittel zur Verfügung zu stellen, die eine königliche Hofhaltung zur Aufrechterhaltung ihres Glanzes aufwenden muß. Es wird kaum inen guten Deutschen geben, der ecns'lich den Wunsch hegte, Berlin möge für Deutschland werden, was Paris für Frankreich ist. In gewissen Kreisen Süddeutschlands wird bekanntermaßen geflissentlich die Abneigung gegen Preußcn als führenden Staat Deutschlands künstlich wachgehalten und geschürt. Man hat es lange als den Hort der finstersten Reaktion verschrien und läßt heute noch bei jeder sich nur darbietenden Gelegenheit den Warnungsruf ,.Verpreußung" erschallen. Aber auch die schlimmsten Gegner Preußens müssen ehrlicher Weise zugeben, daß Deutschland gerade ihm die Beseitigung des alten Zopfes im Heer und im Verkehrswesen und die Einführung gar mancher zeitgemäßen Neuerung verdankt. Der Prinzregent theilt, soweit diese Art der Verpreußung" in Frage kommt, offenkundig die Ansichten des deutschen Kaisers; und daß auch der neue bayerische Premierminister zum Wohle Baperns und des Reickes. trotz oller Anfeindungen kurzsichtiger Partikularisten denselben Weg zu mandeln gesonnen ist. beweisen seine freimütbige Erklärung und die höbe preußische Ordensauszeichnung, die ihm dieser Tage zu Theil wurde.

Luftspifgcluna auf dem Boöcnsee. Ueber eine merkwürdige Naturerscheinung berichtet der Kapitän des baierischen Dampfers Rupprech:" Folgendes: Es war zwischen 8 u.td 9 Uh? Früh, kurz nachdem das Tourschiff nach Romanshorn den Lindauer SeeHafen verlassen hatte, als sich dem Auge seitabwärts in der Richtung gegen Romanshorn eine wunderbar schöne Fata Morgana darbot. Die Luftspiegelung zeigte die Alpenkelte des Oversees. vom Pfändergebirge anfangend bis zum Rheinthal. Das Pfänder-Hotel und das Gebhar'oskirchlein hoben sich klar und deutlich ab. In seltener Reinheit und Schärfe zeigten sich die noch schneebedeckten Bergspitzen der Vorarlberger Alpen, ebenso dasBergmassiv der Seesaplana. davor der Dreischwesternberg. Unter der Fata Morgana schimmerten dem Beschauer gegen Westen die Höhen züge westlich vom Säntis entgegen, in ihrer Wirklichkeit einen packenden Gegensatz gegen das Luftgebilde darstellend. Das großartige Naturschauspiel ko'nnte über eine halbe Stunde beobachtet werden. Es herrschte leider an jenem Vormittage wenig Verkehr auf dem Bodensee, weil der vorangehende Reqentag den darauf folgenden klaren, reinen Tag nicht errathen ließ. Somit wurde der Vorgang von verhältnitzmätzig wenigen Leuten beobachtet."