Indiana Tribüne, Volume 26, Number 198, Indianapolis, Marion County, 13 April 1903 — Page 7

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w O 8 o !rod oder Tod! O 8 o o 8 O Sizilianischcr Roman o C von woldemsr Vlrban. 800 0000 0C00 0000 0000 0Q0000 (Fortsetzung.) Glücklicher Weise kamen, ducck Xt Schüsse angelockt, mehrere Bediente aus der Villa Buonanima und auch noch zwei berittene Carabinieri herbei Man lud Gualtieri auf die Schultern und trug ihn durch seinen Garten ia die Villa Buonanima. Es war das nächste Haus, und wie die Sache stand, war das nächste das beste. Niemand wollte die Verantwortung eines weiteren Transports auf sich nehmen. Es war kurz vor acht Uhr, als man Gualtieri behutsam und leise, jedes Geräusck nnc6 Möalickkeit vermeidend, die Stufen, die nach der Jlur seiner Villa fürten, hinauftrug. Es war ein trauriger und tragischer Auftritt zugleich. Zuerst kam feine Schwester Lydia herbei, und kaum sah sie. um was es sich handelte, so erfüllte ihr Jammern schon das ganze Haus. Gualtieri! Barmherziger Vater da droben, sie haben ihn ermordet!" schrie sie mit durchdringender Stimme. Hilfe! Mama, Ghela, sie haben ihn ermordet, sie haben ihn ermordet!" Ghela stürzte die Treppe herunter, und als sie Gualtieri stumm und bleich wie einen Todten daliegen sah, schluchzte sie krampfhaft, aber ohne ein Wort zu fagen, hob die Hände hoch und fiel dann wie ohnmächtig nieder. Es entstand ein aufgeregtes Laufen und Rennen, Aerzte wurden geholt, und da es sich zunächst darum handelte, dem Verwundeten Erleichterung zu verschaffen und womöglich die Kugel zu entfernen, so mußte das Zimmer, in das man ihn geschafft hatte, von allen' Personen, die nicht direkt mit der Operation beschäftigt waren, geräumt werden. Nur zwei Aerzte und ein Diencr zu den bei der Operation nothwendigen Handreichungen blieben zurück. Die Familie, zu der sich auch Herr bei Falconari und Professor Talleri .gesellt hatten, versammelte sich in einem großen Salon zu ebener Erde und wartete hier schweigend ab, was die Hand des Schicksals über sie verhängen würde. Noch während die Aerzte in dieser Weise um den Verwundeten beschäftigt waren, hörte man in großer Eile einen Wagen vor der Villa Buonanima vorfahren, und bald darauf entstand in der Vorhalle der Villa ein leises, aufgeregtes und rasches Hin und Her. Falconari ging hinaus, um zu sehen, was es gäbe. Ghela wußte es bereits, aber sie rührte sich nicht vom Fleck. Sie hatte sofort an den ersten Worten, die draußen gewechselt worden waren, die Stimme des Staatsanwalts De Luca erkannt, und als ihr Vater jetzt hinaustrat, hörte sie dieselbe Stimme, aufgeregt, zitternd und in die Seele dringend, sagen: Herr Commendatore, das habe ich bei Gott nicht gewollt!" Dann schloß sich die Thür wieder hinter ihrem Vater, und Ghela hörte nichts mehr. Aber unwillkürlich spann sie in der trostlosen Stille, die im Salon herrschte, den Gedanken, dem Herr De Luca Ausdruck gegeben hatte, werter. Gewiß nicht, dachte sie. Wer wollte oder wünschte wohl den Untergang eines Menschen? Aber gewollt oder nicht, jederMensch entwickelt sich in seiner Art, wie das Saatkorn, einiges dreißigfältig, einiges sechzigfältig und einiges hundertfältig je nach seiner Art so geht auch jeder Mensch seinen eigenen Weg, und der Weg Gualtieris führte eben dorthin, wo er jetzt lag. Als Baron Gualtieri die Augen wieder aufschlug, ließ er den Blick müde und langsam im Zimmer herumgleiten und suchte sich, offenbar erfolglos, zu orientiren, wo er war und was mit ihm geschehen sei. Das Zimmer, in dem er lag, war hoch und groß. An der Decke befand sich ein Bild, aber er war zu fchwach, um zu erkennen, was es vorstellte. Die Wände des Zimmers waren dunkel tapezirt, und der einzige leuchtende Punkt, der in sein Auge fiel, war ein kleines Lämpchen, das unter einem Madonnenoildniß hing. Es war immer noch Nacht, und um ihn her tiefe Stille. An seinem Bette saß eine weiße Gestalt, eine Nonne, deren Züge ihm bekannt vorkamen. Aber er war noch so schwach, daß er sich nicht erinnerte, wer sie war. Er litt furchtbare Schmerzen in Kopf und Brust, und bei der ersten Bewegung, die er versuchte, ächzte er laut und gequält, als ob er wieder von Neuem in Ohnmacht fallen sollte. So lag er ganz still und merkte, wie die weiße Gestalt mit linder Hand seine Lage verbesserte, an seinem Kopfe etwas hin und her rückte und schob, so daß seine Schmerzen wieder nachließen. Das war wohl seine Schwester Berenice, dachte er endlich. Wie weich und sanft war ihre Hand! Wie wohl that sie ihm! Und er hatte doch ihr Lebensglück zertreten, im wüsten, wilden Wahn des Lebens durch eine lsche Zornesthat sie unglücklich gemacht und sich selbst. Berenice flüsterte er endlich, bist Du es?". Ich bin es. Gualtieri, aber reqe Dich jetzt nicht auf. Der Arzt hat eö verboten."

Er l'rte ihre Worte ganz klar. Auch ihre Stimme war sanft und weich. Nicht der geringste Vorwurf darin. Da fühlte er heiße Thränen aus feinen Augen .treten und über die Wangen herabriefeln und auch diese Thränen trocknete sie ihm ab. cun icv ueroen, erenice? fragte er wieder, leise mit erloschener Stimme. Du stehst in Gottes Hand, Bruder, wie wir alle. Beruhige Dich nur." Nein, nein," flüsterte er hastig und ängstlich, laß mich nur reden, so lang es noch Zeit ist. Du weißt nicht, was das heißt, mit einer solchen Last auf der Brust hinüberzutreten vor den Richter, der alles weiß. Ich. Bere-

nice. ich habe Cesare Lombi getodtet, mit eigener Hand. Und nun. Schwester." röchelte er dumpf, da liege ich. Räche die Schuld!" Es war, als ob ein schmerzliches Zucken über die bleichen reinen Züge der jungen Nonne glitte. Sie faßte, die Augen wie vor innerem Schmerz schlickend, mit der rnnb nack den? Herzen, dann aber sagte sie mit ruhiger, begütigender Stimme: Ich weiß von keiner Schuld, Gualnen. Meine Rechnung auf dieser Erde ist abgeschlössen, und was ich zu vergeben habe, ist längst vergeben." Aber der Kranke kam nicht zur Beruhigung. Es schien, als ob der Fieberwahn seine Phantasie und seine Sinne belebe und noch einmal mit dem letzten Aufflackern seiner Lebenskraft die Seele mit den flüchtigen Bildern seines Daseins erfülle. Nicht nur Berenice. deren Glück er vernichtet, erschien vor ihm im wüsten Traum der Auflösung, auch Lydia, Ghela, die alte Mariuccia, der er den einzigen Sohn in Verbrechen und Tod gejagt, den einzigen Trot ihres Alters nit frevler Hand zerbrochen, alle traten mit der leuchtenden Kraft und Deutlichkeit der letzten Augenblicke vor ihn. Der Schrei: Brod oder Tod!" der ausge hungerten Massen schlug an sein Ohr, wohin er sah auf seinem Lebensweglauter zertretenes Glück! Und wem zum Gewinn? Hatte ihm sein grenzenloser Egoismus, feine herzlose Herrschsucht, seine verbrecherische Rücksichtslosigkeit und rohe Leidenschaftlichkeit auch nur eine Stunde des Glücks bereitet? Ihm dünkte, er habe keinen frohen Tag gehabt. Tückische Lügengeister hatten ihn irregeführt, ihm den Besitz, die unumschränkte Herrschaft als dgs Höchste des Lebens vorgespiegelt, dem er rücksichtslos nicht nur das Glück seiner Umgebung, der eigenen Familie geopfert, fondern auch sich selbst. Im Vorurtheil alter barbarischer Sitten und Zustände groß geworden, blind gegen jede neue gesittetere Anschauung hatte er angekämpft gegen alles Neue, gegen alles Fremde, gegen die ganze moderne Kultur. Und in diesem Kampfe fiel er, mußte er fallen. Nichts gelernt und nichts vergessen so- sank er dahin. Wie ein Fluch drängten sich die Irrthümer, all' die trüben Erscheinungen seines Lebens in den Phantasien sei ner letzten Augenblicke zusammen Alles war überwuchert von der selbst herrlichen stolzen Verachtung, die nichts und Niemand über sich oder neben sich dulden wollte. Das war die uralte Erfahrung der Menschen, die doch Niemand glaubt, bevor er sie selbst macht, das war die irdische Gerechtiq keit, daß sein Ende durch das Bewußtsein eines verfehlten Lebens, durch Reue und das eigene Urtheil verbitter: wurde. Der nahende Tod zerreißt nicht nur die Irrthümer über die Bilder und Erscheinungen des Lebens, fondern auch jene über sich felbst. Nun sah er klar, und das eben war da? Tragische seines Untergangs. H damit!" röchelte er mit heiserer, trockener Stimme. Laß mich ihr Bild küssen, Berenice. Hole es her, damit sie für mich betet, die gnaden reiche Mutter des Gekreuzigten. Es es steht schlimm um mich! Bete. Berenice, bete für Deinen armen Bru der, es es steht sehr sehr - Heilige Madonna. Gualtieri Gualtieri!" rief Berenice felbst in To besangst. Sie sah, wie ihr Bruder die fieberhaftesten Anstrengungen machte, sich zu erheben, das Auge starr auf das Muttergottesbild an der Wand gerich tet. Sie wagte n-cht, von ihm wegzutreten, um es zu holen, aus Anast, daß er sich durch seine heftigen Bewegungen und Zuckungen den Verband abreiße Mit äußerster Kraft hielt sie ihn im Bett zurück. Da plötzlich sank Gualtieri in sich zusammen, sein Blick wurde starr und unheimlich gläsern, sein Röcheln leiser und leiser. Gualtieri! Gualtieri!" rief Berenice laut und verzweifelt, als wolle sie ihn durch den Ton ihrer Stimme zum eben zurückrufen. Aber er fiel fchwer und mit brechendem Auge in die Kissen zurück. Aus! Aus!" hauchte er leise und starb. Entsetzt sah ihm Berenice einen Moment in die erstarrenden Züge. Dann faltete sie die Hände und fiel betend an seinem Bette auf die Kniee. 20. Kapitel. ing g, Tong a! Ting a ?ona n Trnn n " Tong a!" Die Glocke der ls üi n n ' Madonna del Mare war wieder da. Padre Patrizzi faß froh und zufrieden in dem Thürmchen der Kapelle und lautete m den weichen, klaren Som merabend hinein. Ting g, Tong g! Ting g, Tong g!" Wer hat es nicht schon einmal geHort, wenn der Aoendglockenklanz vom

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41 yer uoer Die weiten Meereswellen

dahinzittert, bang fragend und zagend, helmlich und traut, wie em Wanderer in der weiten Welt anklopft an die Thür: Bist Du daheim? Denkst Du an mich in der weiten Welt? Erinnert sich Dein Herz noch der Heimath? Woher Du kommst? Wohin Du gehst? Ting g, Tong g! Ting g. Tong g!" Die Fischer draußen auf dem Meere nehmen die Mützen ab und murmeln ihr Ave-Maria, die Fuhrleute auf der Straße halten ibre .uatbiere an un oeneuzigen uco, ver ane ussö Mi Die Pfeife in die Tasche und faltet die alten runzligen Hände. Dank der Madonna und allen Heiligen, daß die Glocke wieder da ist, Padre Patnzzi," sagte Donna tz?abina, die mit ihren Kindern in der Kapelle saß. Was hat Salvatore Colantonio nicht olles leiden müssen um die Glocke!" Es hat viel Mühe gemacht, sie wieder aus dem Meere herauszufischen. vohin sie Peppo versenkt hatte," erviderte Padre Patrizzi. Nun, er ist odt. Gott habe ihn selig, aber es war doch ein oöser Streich. Gott schütze uns, die Glocke der Madonna del Mare zu tehlen." Ja, ja. Nun wissen wir's alle, wie es war, und erst wußte es Niemand. Und Salvatore mußte so lange sitzen unter dem Verdacht, und mein eigener Mann Heilige Madonna, wie glücklich konnten wir alle snn, wenn nur das nicht wäre!" Dabei schluchzte und weinte sie plötz lich so stark, daß sie nicht weitersprechen konnte. Ihr müßt Euch trösten, Donna Sabina. Strafe muß sein, und seine drei Jahre werden wohl auch noch vers m 1 r nr i cy 1 . geyen, ermayme t Paore Pairizzi. Die Hälfte davon ist ja nun schon bald vorüber. Ein Jahr noch und ein bischen was ist das weiter? Wie müssen denn die Anderen thun, die vier, sechs und acht Jahre bekommen haben? Der große und vornehme Don Lorenzo Vitale acht Jahre Arbeitshaus, und der Cavaliere Seraffim sechs, und die anderen alle, die der Prozeß verhandelt hat, die ganze Paranza." Alles wegen einer Glocke, Padre Patrizzi!" stöhnte Donna Sabina. Es geht manchmal doch recht verkehrt zu in der Welt." O, die Welt geht, wie sie gehen muß. Ihr könnt Euch doch nicht beklagen. Hat der Herr Commendatore Euch nicht das hübsch: Schäferhaus hergerichtet? Frisch geweißt, mit einer ganz neuen Küche versehen und sogar Fenster eingesetzt! Steht es nicht aus seiner Höhe im Sonnenglanz und schöner Lust wie eine Villa?" Herr bet Falconari ist die Gute selbst. Was wäre aus mir und meinen Kindern geworden in all der schreckliegen Zeit ohne ihn? Als ich noch in meinem dumpfen Loch in Palermo wohnte, wo uns die Ratten fast aufgefressen hätten, dachte ich: Das Schönste auf der Welt ist doch reute Luft und warmer Sonnenschein. Jetzt weiß ich aber, daß es doch noch etwas Schöneres oder doch ebenso Schönes gibt. Das ist das Mitleid der Menschen untereinander, die Sonne desMenschenherzens, unter der auch alles wieder erwärmt und grünt. Seht die Kinder, Padre Patnzzt Donna Sabina brach plötzlich ab und fuhr ziemlich energisch auf ihren ältesten Sprößling zu, der ahnungslos auf der Schwelle saß und mit Steinchen spielte, wie die Kinder das treiben Willst Du aufstehen, Du kleiner Haderlump?" fuhr sie den Jungen un sanft an. Dir sind eben Strümpfe und Schuhe etwas nütze! Das sage ich Dir, wenn Du nur einen Fleck an die neuen rothen Strümpfe machst, so sage ich es der Baronin Ghela, und Du darfst nie in Deinem Leben wieder Strümpfe anziehen." Erschrocken besah der Junge die neuen Strümpfe. Noch war kein Fleck daran. Es war sein Stolz. Seit sechs Wochen freute er sich darauf, daß er am Hochzeitstag seiner Muhme Assunta mtt Salvatore Colantonio Strümpfe und Schuhe anziehen dürfe Nun war das Fest da, und er trug schone rothe wollene Strumpfe an den Beinen zum ersten Male in seinem Leben. Breitspurig und stolz war der Junge dahergegangen auf der Straße und hatte aufgepaßt, ob auch alle Leute seine rothen Strumpfe bewunderten Besonders die Leute, die mit bloßen Füßen gingen das waren in Aauafanta die Mehrzahl hatte er ziemlich herausfordernd angesehen, als wolle er fragen: Was kostet denn nun eigentlich die Welt?" Es wäre doch schrecklich gewesen, wenn die Baronin Ghela die Strumpfe wieder mit fortgenommen hatte. Sehen Sie die Kinder. Padre Pa trizzi," fuhr Donna Sabina zu diesem gewendet fort, was wäre aus ihnen geworden ohne Baronin Ghela? Nicht nur Schuhe und Strümpfe hat sie ihnen gebracht, nein, alles, was sie auf dem Letoe tragen, stammt von thr. Als Cucuzza im vorigen Winter krank wurde, kam sie fast täglich nach dem Schäferhaus Sie wissen, Padre Painzzi, wie schlecht und holperig der Weg damals noch war und brachte frische Milch, wirkliche Milch, fette gute süße Ziegenmilch! Und wenn ich hundert Jahre alt werde, niemals will ich vergessen, was Baronin Ghela und ihr Vater an mir und meinen Kindern gethan hat. Der alte Russo, der in einer Bank der Kapelle eingeschlafen war und jetz wieder aufwachte, weil seine Sckwie gertochter mit etwas erhobener Stimme

Tpracn, verzog vle Mundwinkel btrerebu

lich und brömelte: Strümpfe! Wozu Strümpfe? Ich habe in meinem ganzen Leben keine Strümpfe gehabt. Du . " n i &i m ' ' j ' oerwoynn vie Kinder. Das ist's. Dabei hmg semBlickaber doch wohlgallig an den Kindern. Sie laben ganz anders aus. als er sie snnft sehen gewöhnt war oder er sich Kinder armer Leute überhaupt vorstellte. Sie hatten weiße, frischgewaschene Aermel. lcvurzen um, runde Kappen auf den Köpfen, und waren aewascken! Merk würdig. Aber das Merkwürdigste waren doch die rothen Strümpfe. Sechs kleine Beine in rothen Strümvfen das war entschieden ein ??ortsckritt in der Kultur. Gortsetzung folgt.) $4$ Wer wird siegen ! Ein Zeitroman ?m Roinitsld rtmann 1 1. Kapitel, ahl und trübe kroch das erste Dämmerlicht des winterlichen Märzmorgens über die Dächer Berlins. In den verschneiten Straßen lagen noch tiefe, dunkle Schatten, und spärlich nur regten sich hier und da die ersten Lebensäußerungen der aus dem Schlummer erwachenden Millionenstadt. Ein schneidend kalter Nordost wehte an den freien Plätzen den losen, körnigen Schnee zu Häuf und machte den Aufenthalt im Freien so unbehaglich wie möglich. Von den beiden elegant gekleideten Herren, die zu dieser frühen Stunde aus einem offenbar sehr vornehmen Hause in der Nähe der Linden" auf die Straße hinaustraten, hatte denn auch der Eine den Biberkragen seines Gehpelzes so weit in die Höhe geschlagen, daß von seinem hageren Antlitz unter dem tief in die Stirn gedrückten Cylinderhute kaum mehr zu erkennen war als der martialisch blonde Schnurrbart und die energische, scharf gekrümmte Nase. Er hatte die Hände in den Taschen vergraben und behielt die schwere, dunkle Havanna-Cigarre, aus der er beständig dicke Rauchwolken in den ungeberdigen Wind hineinblies, auch beim Sprechen zwischen den Zähnen. Jedenfalls schien er die grimmige Morgenkälte sehr viel weniger unangenehm zu empfinden als sein Begleiter, ein schlank gewachsener junger Mann von vielleicht dreiundzwanzig Jahren. Denn das hübsche, trotz des dunklen Schnurrbärtchens fast frauenhaft weiche Gesicht dieses Gefährten war auffallend blaß, und von Zeit zu Zeit zog er wie m fröstelndem Erschauern die Schultern zusammen. Auch er war in bürgerlicher Kleidung; aber sein Gang und seine Haltung ließen unschwer erkennen, daß er gewöhnt war, sich in der Soldatenuniform zu bewegen. Und ein leifer Anklang des auf scharfe Kommandoworte eingerichteten Leutnantstones war auch in seiner Rede, wenn er hier und da in kur zer, hastiger und keineswegs allzu verkindlicher Weise auf eine Bemerkung des Anderen Antwort gab. Eine kurze Wegstrecke nur waren sie nebeneinander hingeschritten, dann blieb der im Pelz bei einer einsamen Droschke stehen, deren Kutscher in seinem gewaltigen blauen Mantel zu einer beinahe unkenntlichen Mafje zusammengekrümmt trotz Wind und Kälte hier an der zugigen Straßenecke den versäumten Nachtjchlummer nachholte. Fahren wir zusammen, Brunneck?" fragte er. An diesem angebrochenen Vormittag kommt mir's schließlich auch auf den Umweg nicht an, den ich machen muß, um Sie vor dem Hause Ihres Oheims abzusetzen. Und Sie loqnen doch wohl bei ihm i Ja. Aber ich muß Ihr freundliches Anerbieten dankend ablehnen, Herr von Gerstein! Die paar hundert Schritt mache ich schon lieber zu Fuß." Wie es 5hnen gefällt! Guten Mor gen also! Und noch einmal: Nichts für ungut, Herr Kamerad! Stehe 5hnen bei jeder anderen Gelegenheit gern zu Diensten. Bin aber in diesem AugenbHck selbst verteufelt knapp und konnte den kleinen Glücksfall deshalb fehr gut brauchen. Wird Ihnen ja auch am Ende nicht viel ausmachen, daß ich auf sofortiger Zahlung bestand. Innerhalb vierundzwanzig Stunden hätten Sie doch ohnehin reguliren müssen." Gewiß! Und ich halte den Gegenstand für vollständig erledigt," lautete die kühl abweisende Entgegnung. Es war eine Thorheit, daß ich mich üb Haupt dazu verleiten ließ, Ihre Nachsicbt zu erbitten." Na, wie gesagt unter anderen Umständen wäre es mir ein Vergnügen gewesen. He, Kutscher! Sind Sie eigentlich schon erfroren, oder steckt noch so viel Leben in Ihrem Murmelthierfell, daß Sie das Gespenst von einem Gaul da vorne in Bewegung bringen können? Na, dem Himmel sei Dank, er rührt sich. Au revoir, Brunneck ! Und bonne chance für das nächste Mal!" Der Andere legte unwillkürlich zu dem gewohnten militärischen Gruß die

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Hanv an die Hutkrempe, aber er hielt es für überflüssig, etwas Weiteres zu erwidern, und setzte feinen Weg fort, noch ehe sich's Herr von Gerstein in den muffigen Polstern der Nachtdroschke bequem gemacht hatte. Ein dumpfes Hämmern und Pochen, untermischt mit allerlei anderem Geräusch arbeitender Menschenhände, scholl ihm immer deutlicher entgegen, je mehi er sich der Straße Unter den Linden näherte. Und ein seltsames, unheimlich großartiges Bild bot sich seinen Blicken, sobald er die vornehme, wm diese frübe Tagesstunde sonst fnft tovtenstille Premenade zu uverieyen vermochte.

Bis weit an die Grenzen des Gesichtsfeldes hin, wo die hohen Steinkolosse als unbestimmte graue Massen im weißlichen Morgennebel verschwammen, gab es nicht ein einziges .ftnni Tv3 nirfit in liiiaenföllioer Meise mit den Abzeichen der Trauer g schmückt gewesen wäre. Ueberall auf den Dächern flatterten im Märzsturm Halbstock gehißte Flaggen. Und lange schwarze oder florumwundene Fahnen hingen in unabsehbarer Reihe an den Fronten der Häuser nieder. Auf dem breiten, makadamisirten Mittelweg aber, zwischen den kümmerlichen, alten Bäumen, die doppelt armselig und verkrüppelt aussahen mit ihren kahlen, weiß bereiften Aesten, herrschte ein fieberhaft emsiges Treiden von hundert und aberhundert geschäftigen Menschen. Die ehrwürdige Einzugsstraße, auf der sich seit Jahrhunderten die bedeutsamsten Momente aller großen preußischen Ehrentage abgespielt die stolze via triumphalis, die den Herrscher so oft an der Spitze seiner Truppen hatte daherreiten sehen durch die Säulen des Brandenburger Thores die noch Vor kaum Jahresfrist am neunzigsten Geourtstage des greisen Helden in allen Farben der Freude und Fröhlichkeit geprangt hatte, sie wurde wiederum hergerichtet, einen feierlichen, weltgeschichtlichen Augenblick in würdigem Gewände zu erleben. Aber es war kein buntes Festgewand wie sonst, sondern das trübselig schwarze Gewand der Trauer. Schwarz drapirte Altäre, die sich in kurzen Zwischenräumen zu beiden Seiten des Weges erhoben, schwarze Banner und schwarz umflorte Guirlanden das war der Schmuck, an dessen Herstellung alle diese fleißigen Hände arbeiteten. Und es war nicht die unfreundliche Morgenstimmung allein, nicht der garstige, Mark und Bein durchkältende Wind und der in schmutzigen Fetzen zerflatternde Nebel, was dem Bilde, trotz seiner Bewegtheit, etwas so herzbedrückend Melancholisches gab. Mochte es immerhin nur Einbildung, nur ein Ausfluß seiner eigenen düsteren Stimmung sein, daß Erich von Brunneck einen so finsteren Ernst, eine so tiefe Niedergeschlagenheit auf den Gesichtern all' dieser schweigsam Schaffenden zu lesen glaubte es wälzte sich doch schwer wie eine athemraubende Last auf seine Brust, während er raschen Schrittes zwischen ihnen dahinging. Und er, der bis zu dieser Stunde noch Jedem frei und offen in's Antlitz gesehen, schlug wie ein beschämter Knabe die Augen nieder, als er dem Blick eines hageren, grau.bärtigen Arbeiters begegnete, der für einen Moment in seiner Beschäftigung innegehalten hatte, um forschend den bleichen, übernächtigen Spaziergänger zu mustern. Eiliger schritt er aus, um zunächst in die Wilhelm- und dann in die noch stillere Behrenstraße einzubiegen, wo er nach wenigen hundert weiteren Schritten das Ziel seines Weges erreicht hatte, ein trotz seiner Schmucklosigkeit vornehm wirkendes zweistöckiges Gebaude von dem charakteristischen Aussehen der alten Berliner Patrizierhäuser. Die weißen Fensterladen hinter den blanken Spiegelscheiben waren sammt lich noch geschlossen wie die Augenlider eines Schlummernden. Und leite, als fürchte er, drinnen Jemand zu wecken. öffnete Erich mit dem aus der Tasche gezogenen Schlüssel das schwere eichene Hausthor. Behutsam auf den Fußspitzen stieg er die breite Wendeltreppe mit dem kunstvoll geschmiedeten Eisengeländer bis in das erste Stockwerk empor, wo neben der einzigen, schneeweißen Thür auf einem simplen Porzellanschild der Name von Brunneck zu lesen stand. Vorsichtig schob der Heimkehrende auch hier den mitgebrachten Schlüssel in die winzige Oeffnung; aber noch ehe er ihn hatte umdrehen können, wurde ihm von drinnen aufgethan. Ein ältlicher, wohlgenährter Mann mit glattrasirtem behäbigem Gesicht und in der Hausjacke eines Dieners ließ ihn etn. Wünsche gehorsamst guten Morgen, Herr Leutnant!" kam er mit einer gewissen, respektvollen Vertraulichkeit der Anrede des ersichtlich unangenehm Ueberraschten zuvor. Ich dachte mir gleich, daß es der Herr Leutnant sein würde, als ich die Treppe knarren hörte." So? Dachten Sie das, Schlüter? Aber woher wußten Sie denn überHaupt, daß ich noch nicht zu Hause sei?" Die Thür von des Herrn Leutnants Schlafzimmer steht ja fperrweit offen," schmunzelte der Diener. Und ich dachte mir gleich, daß dn Herr ftirts,nt nm ersten Nklaubstaae

Na ja, lassen wir's gut sein unterbrach Erich mit gedämpfter Stimme. Außer Ihnen ist hier doch wohl noch Niemand aus den Federn?" Niemand! Blos natürlich das gnädige Fräulein. Die läßt sich's ja nicht nehmen, dem Herrn Obersten täglich um fünf Uhr seinen Morgenthee zu machen, obwohl ich's selbstverständlich ebenso out könnte wie sie " (Fortsetzung folgt.)

Feuer - Signale. 4 Pnmsylv und artet 5 English 's Opern-HauK East und 7n ?ort 7 Noble und Mcklgan N. Ierl ey u. Waff Ave 9 Pine und North 10 Market und Pine 11 Vermont nahe East 12 Nz. 8 Spritzenhaus Maq. ve nahe Ncdle !S Teiware und Walnut 14 . Jersey u Eentral A. 15 Maff. und Eornell Av Ash und 11. Strafe .7 Part tott und 12 ir .8 Columbl und Hillfide 19 Highland Ave u. Pratt I JUinoiS und Et. Jo 22 Pennsylv. und Pratt 24 Meridian und 11. Str 25 No. 5 Spritzenhaus 15. nahe Jllino 26 Senate Aveu. EtLla 2? Illinois und Michigan 2? Pesylvanu und 14. 29 Senatc Ave, und 15. 31 No. l Spritzenhaus JnoAvenal?,Mich,gan 32 Meridian und Walnut 34 California u Veinnont ZS Blake and New Jort 36 Ind. Av. u. Lt lair 37 Sity Hospilal 38 Blake und Norty 29 Michigan und Agnes 41 No. 6 Spritzenhaus Wachmgton nah West 42 Gsendorf u Wash. 43 Mffouri u New Hort 45 Meridian u Wash 46 Illinois und Ohio 47 Capttol Av. u Wash 48 ingan'S Porfhau 49 Straßenbahn Ställe W. Washington Crr öl No. 1 Spritzenhaus Illinois u Merrill 52 Jllmoii u Louisiana 53 West und South 54 West und McCarty 56 Senate Ave. u Henry 57 Meridian und Ray 58 No. 4 Spritzenhaus Madrson Av. u Mor-.is 59 Madiion Av.u Dunlop 61 No 2 Haken Leiterbaus South nahe Delawar 2 Penn, u Merrill 63 Telaware u. McCarty 4 aft und VkHatUf 65 New Jersey u. Merrill 67 Birg. Zlv. u Bradsha 68 East und Prospekt 69 Bicking und High 71 Ro. 11 Spntzenhau Bir Ave. nahe Huron 72 East und Georgia 7Z Eedar und Elm 74 Davidson u Georg 75 önglish Av. u Pine 76 CheU'y und Bäte 7? No. 3 Spritzenhaus Prcspcct nahe Shelby Vi Fletchrr Av. u Shelby 81 Market u. New Jersey 2 Telaware und Wash. 8Z East u Washington 94 New Yort u. Tavidso? 85 Taubstummen Malt 86 Bffc Staaten Arsenal 87 Cncnfal und Wash. 89 Frai'en-Resormat. 91 No. 13 Spritzenhaus Mailand nabe Mer. 92 Meridian u. Gcrqia. S3 Meridian und South 4 Pennsvw u. Louisiana ?5 Birgini? Ave u. Alab. 96 Hauptauartier. 97 Grand Hotel. 08 Capital Ave und Ohi23 No. 1 Spritzenhaus 16. und Ash. .24 Alabama und 1. ,25 Central Ave und 15. 12 7)andes und 15. 127 Brookside und Jupiter .23 Central Ave und 17. t29 Delaware und 19. 131 Alabama und 11. l22 Bcllefontaine und fc. 134 College Ave und 20. 135 Delaware und 13. 136 Alabama und Rorth 137 Newmann und 19. 136 College Ave und 14. 13? Cornell Ave und 12. 141 Dandes und 19. 142 Highland Ave und 10. 142 Tecumseh und 10. 145 New Jersey nd 2. 146 Alvord und 17. 147 No. 2 Spritzenhaus HiLsid Ave und 16. 148 College Ave und 22. 149 College Ave und 7. 152 Part Ave und 22. 15? L E u. W Bahn u. 22. 154 Ramsey Ave und 10. 156 -toughwn u rtvnttn 157 Atlas und Pike. 158 Blohd und Pawpaw. 159 No. ,1 Spritzenhaut Brightwood i2 Arde und Depot 165 Brightwood und Lb. 164 Rural und Bloyd 165 St. Clair u. Aevstone 167 Arsenal Av und 25. 1 Bellesontaine und 28. 169 Part e und 10. 212 apitckl ve und 17. 13 Pennsylv. u. ichiW 14 Illinois un 20. 215 Senate Ave und 21. 16 Pennsvlvan und 2. 217 Meridmn und 1. 218 Capital Ave und 2. 219 Breadway und 10. 231 Illinois und McLm 224 Ro. 14 Spritzenhaus Kcnwoed und 50. 255 Illinois und 55. 23 Annetta und 50. 237 No. 9. Spritznchiut Udell und 9lavr 258 UdeU Ladder or 259 Jiadel und 27. 241 Mcr,d,an und 24. 242 Illinois u St. CktX, 242 Eldrioa und tt. 512 Wen uud Walnut 312 West und 12. 14 Howard und 16. 3.5 Torbet und Pack 516 Capital Ave und 10. 517 Rortbwestern Av u 318 Scnt und 18. 519 Canal und 10. 524 Cerealine or 524 Vermont und Lvnn 525 Bismarcku Srandvi 526 Ro. 29 Spritzenhaus Hauarmll. 527 Michtgan u. Holmes, 523 Michigan u. Concord 341 West und McJntyre 412 Missouri u. Maryland 413 Missouri und 415 Capital Ave., orgic 41 Missouri u AcntuckyA 417 Senate Ave .,. Wasy. 421 P und E Rundbu 33. Washington. 423 Irren-Hospital. 424 M'.cv Ave u. JDu5L 425 Wash. und Harris 426 No. 18 Epritzach W Wasbingto 427 O'.wcr und Btrch 428 Oliver und Osgood 429 Nrrdvke und Port 481 Hadlev Ave u. Morrit 432 River Ave u. srr tM River Ave und Ratz 435 Harding u. Big 4 St 9 436 Harding und Olrva 427 No. 19 Svrttzenyoz Morris und Hardlna. 458 Howarb und BtOtas 4 Stkyrbs 451 Reisn und Miller 452 Howard und ktt 455 Morns und Jtapv 456 Lambert und BdijMl 467 Nordyke Ave u. War min Worts 61 West uud fUry ri2 Kcntmky Av.! 611 Meridian und 616 Illinois und 617 Morr und Dakota 618 Morris und Church 619 Capital A. u McCarty b2l Meridian und Palmer 623 Pine unk, Lord 624 Madisor Ave u kincokn 6 Meridian und Belt ZM 627 Carlos und Ray 628 Meridian und Arikvn 629 Meridian x Raymond 631 Meridian u. McCatty KZ Ro. 17 Spritzenhaus Morris nahe West 1 rZcKernan und Douatz. 613 Gast u. Lincoln Lu 614 East und Beecher 15 Wrigyt und Sanders 17 McCarty und Beaty 618 Rv Jersey 71 Lpru und Prospekt 713 English Are. u. Laur! 714 State Aveu. Bell 71b Shelby und Bchr VI State Ave und Orange 718 Orange und Laurel 7 Shelby u. Cuwat A, 721 Lerington A. u Laurel 725 Fletcher ve . Sprua 724 Staie Ave u. Pleasan. 726 Prowott und leasant 72 Orange und Harla? 1"K Liberty und Meek 729 Pole und South 8, No. 16 Epritzcnhau Qs! WaslxmgtON Stt 8is Market und Rodle 814 Obio u. High land Apc 816 Micdigan u. Highlanl 816 artet u Arsenal , 817 Ost S lair uud Union Bahn Gelnse. 821 Pan Handle ShepS 3 Vermont und akott 824 Wash. und Sta 826 Vtaddn'slnae zb. 82 Zucker und Dorsy 827 Wash. und Blle A 829 Ro. 12 Spritzenhaus Bevill nabe 831 Southeastcrn Woodfide. 8 Wash. und Dearbor 834 Southeastern und Arsenal Ares. 8U New ort und Doch 12 Illinois undMaryl 13 Illinois b artet. 914 Perm, und astz 15 Delaware und Spezial-Gizvale. Ersten Schlage, zweiter Alarm. Zweiten Schläge, dritter Alarm. Dritten Schlage, vierter Alarm. i--l, Feuer au und Schlauch ausgerollt, 3 Schlage, Wasserdruck ab. 1 Schlage, 1 Uhr Mittag. Die so bezeichneten Signale werden er vom Thurm, wacht angegeben da an den betreffend Strohes kreuzuuge feint Alarmköen angebracht Md. LAKE ERIE & WESTERN R. R. . . . Fahrzeit der Züge.. . Abfahrt kunst roledo, Chicago und ichigan CrjTtt...t 7.16 tiOJM XoUbo, Detroit und Chicago Lim 14.20 t 3 Michigan ity. Muncie u.Lasayettejpl.. 7.26 tlO.2 täglich f ausgenommen Sonntag.