Indiana Tribüne, Volume 26, Number 195, Indianapolis, Marion County, 9 April 1903 — Page 5

Jndian Tribüne, S. April 1903

I

Meiu Kamerad. Bon W. vs-n Hanstadt. Zeitungsnachricht. Man schreibt uns aus F.: Heute Morgen machte dn Leutnant im Regnnent Palast-Küras-fter von Rosen feinem Leben durch einen Schuß in die Schläfe ein Ende. Der junge Officier. der diese That scheinbar in einem Anfall von Geistesgestörtheit gethan hat, gehörte einer der reichsten Familien Süddeutschlands an und galt als einer der befähigtsten Officiere des Regiments, das an ihm einen gern gesehenen, liebenswürdigen Kameraden verloren hat. Die Beisetzung findet auf dem Majorat Schloß Howing statt. Sr. Hochwohlgeboren Herrn Leutnant v. Hanstadt. Griechenland. Via Wien Trieft. Korfu: Grand Hotel d'Angleterre. Lieber Dicker! Du wirst mich verstehen; ich bin jetzt so weit, es geht nicht mehr. Dank für alle Liebe, die Du mir erwiesen hast. Ich Hinterlage Dir meine Pferde, denn ich weiß, daß Du sie gut behandeln wirst. Es sind außer Dir die einzigen Wesen, die ich liebte. Leb' wohl, sei glücklich und denke zuweilen an Deinen besten Freund, den unglücklichen Rosen. mm Anfang des Kriegsschulcursus. In der großen Halle des Eßsaals wimmelte es von den verschiedensten Wasfengattungen. Infanteristen mit ihren dunkelblauen Röcken mit rothen Kragen, die bei verschiedenen mit Gardelitzen geschmückt waren, Jäger in ihren schönen, grünen Röcken, möglichst reservirt, damit niemand auf die Idee käme, sie zur Infanterie zu rechnen, Artilleristen, die als berittene Waffe" gelten wollten, von den Herren dieses Truppentheils aber nur als besessene Truppe" bezeichJci wurden. Von den dunkelen Uniformen hob sich scharf das helle .Blau der Dragoner, das Roth. Grün und Braun der Husaren ab, und ein paar Pioniere, Fußartilleristen und Fähnriche des Trains irrten durch den Sa-al, da sie sick in dieser Masse wenig heimisch zu fühlen schienen. Ein Gesumme ging durch den großen Raum, zum Theil saßen die Fähnriche halb auf den Tischen, vor sich ein Glas Bier, und bliesen den Rauch der Cigaretten in großen, blauen Wolken zur Decke, während andere in Gruppen zusammenstanden und sich etwas reservirt unterhielten. Ich stand seitwärts an einem Tisch, musterte die einzelnen Gesichter, nickte einem alten CadettenKameraden zu, schüttelte ihm die Hand, scch aber keinen mir näher Bekannten unter der großen Masse, die aus allen Theilen Deutschlands auf dreiviertel Jlhre hierher commandirt

war, um Kriegs- und andere Wissenschaften zu lernen und um nach vestandenem Examen in ihren Regimentern als Officiere weiterzudienen. Um die Säulen legte sich der CigarettenQualm in langen, dicken Schwaden, er zog in dunstigen, blauen Ringen und Linien um die Gipsbüsten der Kaiser. Ich warf das Papier-Mundstück einer Cigarette weg und wollte mir gerade eine neue anzünden, als ein Pa-last-Kürassier auf mich zukam, sich verbeugte und etwas stotternd sagte: Gestatten Sie, daß .ich mich vorstelle: von Rosen-Howing." von Hanstadt." .Darf ich mich zu Ihnen setzen?" Bitte!" Der Kürassier nahm seinen Kneifer ab, wischte sich die Augen aus, zog mit zwei Findern ein seidenes Taschentuch aus dem Waffenrock und trocknete sich die Stirne. Er hatte wohl etwas stark gefrühstückt. Ich möchte Sie um etwas bitten," sagte er leise und gedämpft, es wird nachher bekannt gegeben, wie ich eben erfahre, daß morgen jeder einen Cirkel mit in den Hörsaal zu bringen hat. Können Sie mir vielleicht einen geben, so wäre ich Ihnen s-br dankbar; ich muß mir morgen einen besorgen." Ich versprach ihm dies, er gab mir die Hand, eine lange, knochige Hand. Sie sind auch im Hörsaal C, wie ich vorhin gelesen habe," sagte er. Ihr Name fiel mir auf." Ja. mein Name gehört wohl zu den bekanntesten der Armee." In meinem Regiment steht auch ein Herr v. Hanst . . ." Der schrille Ton der elektrischen Kringel machte unserer Unterredung ein Ende; wir gingen in die Turnhalle, wo der Antrittsappell stattfinden sollte. Ich hatte gemerkt, daß der Kürassier zusammengezuckt war, als ich von mei-

nem bekannten Namen sprach. Den nächsten Tag im Hörsaal saß ich neben ihm; wir verabredeten uns für den Abend, gemeinsam in eine Weinstube zu gehen. Rosen lächelte, ein leichtes, sympathisches Lächeln; die feinen Nasenflügel vibrirten etwas, wie bei einem Vollblutpferd; aber um seine Augen legte sich ein müder, melancholischer Zug. Gern," sagte er, wenn ich mit Ihnen gehen kann!" Abends noch Schluß der Arbeitsstunde gingen wir fort. Die Laternen uf der Straße waren bereits angezündet, und ab und zu, wenn ein Licktstrahl auf das Gesicht meines Nachbars fiel, hatte ich Gelegenheit, von neuem den feinen Schnitt seiner Züge .zu bewundern. Sein langer Pallasch klapperte rhythmisch auf dem

Straßenpflafin; wenn eine elektrische Bahn vorbeifuhr, zuckte der Besitzer der Waffe nervös zusammen, und das Getlapper des Degens kam aus dem Takt. In der Weinstube warfen wir dem Kellner unsere Mäntel, Mützen und Waffen zu und gingen sofort in einen Erker, der von dem übrigen Raum durch große Portieren abgeschlossen war. Diensteifrig drehte der befrackte Geist die Glasbirne an, und als wir etwas gegessen und getrunken hatten und in unserem einsamen Erker die Cigaretten glommen und nur r impf das Rollen der Wagen durch die dicht verbängten Fenster tönte, wurde mein Vh k-via gesprächiger. Sie werden sich vielleicht wundern," meinte er, daß ich mich so krampfhaft an Sie attachire. aber Sie gefallen mir." Dies offene Geständniß amüsirte micb, und ein Lächeln glitt über mein Gesicht. Sie lächeln so überlegen, aber ich bin nun mal so. Furchtbar komisch, nicht?" Und dabei lachte er selbst. Aber Sie gefallen mir wirklich. Schon heute im Hörsaal. Ich bin, weiß Gott, kein Streber, aber es ist doch wahrhaftig angenehmer, auch besonders für die Zuhörer, ob jemand, wie Sie, die Sache aus dem Aerme! schüttelt oder langsam wie ein Idiot sich alles zurccht ochsen und büffeln muß." Dann stürzte er ein Glas Sillery herunter, stach mit der Gabel noch einigemal in den Pfirsich, hob die dickbauchige Flasche aus dem Kühler und ließ sie über dem Gefäß abtropfen, während er in das sehnig gehaltene Glas einschenkte. Sagen Sie, Herr von Rosen, woher stammt Ihre Familie eigentlich? Ich habe Ihren Namen noch nie gehört, trotzdem ich mich lange mit Genealogie und Heraldik beschäftigt habe." Wieder glitt die Nöthe über das Gesicht meines Gegenübers, und wieder goß er ein hohes Glas Sekt hinunter. Ich will Ihnen das alles erzählen, später, wir sind uns noch zu fremd,. um diese Angelegenheit zu besprechen." Wieso?" fragte ich erstaunt. Ich erzähle das doch jedem Menschen, der es wissen will: Vater war Officier, ist jetzt -" Da auf einmal fiel mein Blick auf Rosen, der mit den Spitzen seiner polirten Daumennägel knipste und krampfhaft auf mein Einglas sah, das mir aus dem Kragen hing. Verzeihen Sie, Herr von Rosen, ich wollte wahrhaftig nicht unhöflich oder indiskret sein; ich habe meine letzte Bemerkung nur so hingeworfen, ohne sie zu überlegen; bitte, denken Sie nicht daran! Ihr Wohl!" Ich hob die Schale, wir verneigten uns gegeneinander, tranken, verbeugten uns wieder und setzten die Gläser wieder hin. Rosen zupfte seine Man-

schette aus dem Aermel des Kollers

heraus, und als er die Hand etwas hob

und schüttelte, sah ich sein feines Handgelenk.

Sre fragen mich nach meiner Famit, gut, Sie sollen es hören. Ich

bin nicht etwa illegitimer Sohn eines Fürsten oder so was, wie Sie wohl aus meinem Zögern hätten vermuthen können, sondern mein Vater ist einer der reichsten Leute der süddeutschen Staaten, er hat mehr Grundbesitz als mancher Thüringer Fürst, und ein ungeheures Baarvermögen. Sehen Sie stch einmal mein Wappen an," er zog mit Nonchalance einen eleganten Siegelring vom Finger und zeigte mir das prächtig componirte und geschnittene Wappen, wie vornehm sieht das Ding aus: drei Sterne und drei Muscheln, auf dem Helm drei blühende Rosen! Als ob wir den Kreuzzug mitgemacht hätten! Den Kreuzzug mitgemacht, haha, wahrscheinlich die Männer als Henker oder Troßbuben, angespieen von jedem, der ein Wappen führte, und die Weiber !" Er fuhr mit der Hand durch die Luft, als ob er etwas Unangenehmes von sich abwenden wollte, und sah mich mit seinen tiefen Augen starr an. Ich zuckte die Achseln und erwiderte, um irgend etwas zu sagen: Lieber Kerl, sagen Sie mit Shakespeare: Die Dinge so zu betrachten, hieße, sie allzu genau betrachten." Hüten Sie sich vor der mikroskopischen Anschauung, das macht den Menschen unglücklich, und es kommt nie etwas dabei heraus. Seien Sie stolz darauf, daß sich Ihre Familie so hoch gearbeitet hat; Sie können doch nichts für Ihre Existenz. Erhalten Sie das, was Ihre Ahnen errungen haben. Lassen Sie Ihre Familie nickt dem Fluch der neuen Geschlechter, nach drei Generationen alles verloren zu haben, anheim sallen. Stiften Sie Segen mit Ihrem Geld!" Rosen drehte sich eine Cigarette zwi-

schen den gepuderten Fingerspitzen. Ich kann nichts für meine Existenz, da haben Sie recht, aber warum muß ich dann darunter leiden? Ich will Ihnen das auseinandersetzen, wenn es Ihnen nicht zu langweilig ist." Ich bat darum. Um die Mitte deZ 19. Jahrhunderts waren wir Bürger in einer süddeutsehen Residenz und wurden, als Serenissimus von uns 50,000 Gulden geborgt hatte, geadelt. Durch Umsicht. Ausdauer und eisernen Fleiß brachten mein Großvater und Vater das Vermögen auf eine nie geahnte Höhe; eine Dame aus einer der besten, aber verarmten Adelsfamilien reichte meinem Vater die Hand am Altar. Mein ältestet Bruder studirte Kunstgeschichte als Zeitgenosse" natürlich um irgend etwas zu thun; ich sollte in der

f f f Tf TT?f TTTTff ffi ff RRRffU U U MI MMM mm mmm k

m

8 5 A f O O

Fünf Dollars für drei

Noch für einige Tage, ermöglicht durch ein Angebot. Wir offcriren Aktien in

The McKinley Mining & Srnelting Company, zu S3.00 Per Antheil. Antheile dieser Gesellsclxift werden in anderen Städten zu $5.00 verkauft und viele conservative Minen- und Geschäftsleute sagen, daß die Tlktien HO 00 heule werth sind. Nehmen Sie den Vortheil des $5.00 Preises und versichern Sie sich eine 2lnlage in der besten Bergwerks-Gesellschaft in den ver. Staaten. Professor George 21. Treadwell. Der berühmte Metallurgist von Uew vor? City und Vorsitzender des Lrecutiv-Comites der McKinley Company sagte in einer Versammlung der Direktoren am o. v. M. : Es wird $30,000 kosten um die Sarton Mine völlig zu entwickeln. Sie werden dann in dieser Mine ein Eigenthum das zehn Millionen Dollars werth ist besitzen."

z G O

Staat

Nicht zu vergesse, datz dieses nur eine einzige aus dreiundzwanzig 2Ninen im Besitz der Gesellschaft ist. Oberst D. L). Jackson, der alte Superintendent von der Somstock, die großartigste 2Nine welche je in ,vt vT- ,-4--4- inii i'S ni, X v U ! i ii. s 3 tviH ikPa I-, i P ,4 4. Iil f 1.- V ! wr e f ' rt

fcuifuiu uuiu't ujiv v ttKt ui3 -cjcicjivcnict fciuiuu ii uib iraciiu ein ! iann, laaie evenraus

den ver.

veraanaenen

2Honats : Wenn es eine echte, gute, werthvolle Minen-Proposition in den ver. Staaten gibt, so ist es dieselbe in dem Eigenthum der McKinley 2Nining und Smelting Company. Ich kenne jeden uß von ihrem Grund. Zch war in dem ly amp für länger als ein Zahr und untersuchte die McKinley Besitzungen für den verstorbenen Marcus Daly und in seiner Gesellschaft ging ich nach Danton, Ohio, um das Eigenthum zu kaufen, aber es war mir nicht möglicb dieses zu thun. Die Company kann auf mich zu irgend einer Zeit verweisen, hinsichtlich des werthes ihres Eigenthums."

Die lilcfiiuleij Mining 5 Sm Ning Co. 308 Law cbäudc, Indianapolis, Ind. I n D . R. K u n k e l m a n : Ich unterzeichne hiermit für Antheile der Kapital-Aktien in Ihrer Company zu drei Dollars per Antheil und falte Dollars in voller Zahlung dafür ein. Sie sind authorisirt für mein (Zertifikat zu quittiren. schicken Sie freundlichst Zertifikat an meine unten stehende Adresse :

Name.

Straße.

WO

Stadt oder Ort.

X Gjaat.

'T

Wenn dieser Ausschnitt vor dem 15. April eingeschickt wird, sind Antheile zu 83 per Antheil zu haben, nach dieser Zeit sind dieselben $5.

Checks, DraftS und Moncy Orders sind auszustellen zahlbar un D. R. Kunkelrnan Fiskal Agent, Zimmer 505 Law Gebäude, Indianapolis, Ind.

HOOGOKOOHSSOKHOVS DOOOKOOKOOOOOS

großen Welt der Metropole Süd. deutschlands, in F... glänzen. Mein Vater hoffte, meinen Namen bei Hoffesten in Verbindung mit denen des alten Adels zu sehen; auf deutsch er war hoftoll aber für mich. Mich an erster Stelle zu sehen, bei den F . . schen Palast-Kürassieren als ob es ein Provinz-Regiment in Posemuckel nicht auch gethan hätte! Ds war sein Wunsch. Du sollst und mußt Carriere machen, sollst glänzen und berühmt werden!" Das waren die Worte, die mir bezahlte Erzieher auf Befehl meines rasend ehrgeizigen Vaters täglich eintrichterten. Aber ich sehnte mich nach ganz etttxis anderem. Ich wußte nicht, was. Jetzt weiß ich es." Er warf die Cigarette weg, riß die Binde von einer Henry Clay, steckte sie sich an und murmelte: Dies nervenzerfressende Zeugs, diese Cigaretten! Aber wir sind ja alle so nervös und detadent!" Dann fuhr er fort: Ich sehnte mich nach einem Freund! Sehen Sie, jeder Mensch muß ein Wesen desselben Geschlechts haben, das er liebt wie einen Bruder oder Schwester, dem er sich völlig offenbart. Es sind dies zwei Sieine. die sich gegenseitig abschleift und der Stein fehlte mir. Ich stieß entweder auf Watte denn schon in meiner Kindheit verbeugten sich die Leute vor dem einstigen Erben oder auf starreö Eisen, den Willen meines Vaters. Dann kam ich nach F . . als Junker zu den Palast-Kürlssieren, in eins der theuersten Regimenter so sparsam mein Vater gegen den Schüler war, so freigebig ist er jetzt gegen den Fähnrich mit der Zulage. Ich kam den ersten Abend in's Casino; die Herren waren reizend zu mir; plötzlich fragt jemand: Woher stammt denn eigentlich Ihre Familie?" - Ich erklärte es. Ah so, von dem Besitzer der großen Conservenfabriken, demArmeelieferanten von 70?" Jawohl!- Hätte doch irgend jemand etwas darauf gesagt, sie hätten ja ruhig fluchen können, daß ein so frisch gestrichener Plebejer in dies vornehme Regiment eintrat. Aber kein Mensch sagte etwas. Es war mir, als ob ich in Eis eingepackt sei. Ich versuchte, mir meine Stellung zu erkämpfen. Sie sehen," dabei zeigte er auf einen aufgenähten, spitzen Winkel in den Landesfarben auf seinen rechten Aermel, ich. trage

das Fechtabzeichen, ich ritt nicht uvel, ich versah den kleinlichen, aufreibenden Dienst, Stiefelzählen und Futterausgeben, so schwer mir dies wurde, mit peinlicher Genauigkeit. Unteroffi-ciers-Natur," hörte ich es eines Tages bezeichnen. Das alte Blut schlägt doch immer durch!" Jetzt änderte ich meine Taktik. Ich hielt zu den Officieren, trank mit ihnen und spielte. Sekt soff ich kübelweise, ohne Genuß davon zu haben. Protz" hieß es darauf im Regiment. Jetzt hat man mich hierher auf Kriegsschule geschickt. Und dasselbe Schicksal wie in F . . blüht mir auch hier. Bitte, schimpfen Sie nicht über mich, eS thäte mir weh. Ich habe Ihnen offen alles gesagt, was mich drückt." Die einfache Art und Weise, durch die er mir Achtung abzwang, gefiel mir; es gehörte Muth dazu, so etwas zu erzählen. Rosen klopfte auf den Tisch und bat mich, meine Rechnung mit begleichen zu dürfen. Es war ihm sichtlich peinlich, als er das fragte. Glauben Sie nicht, Herr von Hanstadt, daß ich jetzt bei Ihnen schustern will. Aber ich möchte so gern einem

Menschen eine Freude machen. Bitte,

schlagen Sie es nicht av. cy lag ihm. daß ich nicht in der Lage sei. mich so zu revanchiren; darauf sah er mich ganz betrübt an und sagte: Das Geld, das Geld! Es ist entsetzlich; alles im Leben muß aus ein Tauschgeschäft herauskommen!" Es war ein Herbsttag. Wir hielten zu Pferde an einer alten Eiche in einem niederdeutschen Dorf mit seiner ganzen Rembrandt-Poesie. Die Frauen iugten aus den großen Dielen-Thüren neugierig auf die Gruppe; die Kinder starrten uns mit großen Augen an, während der die Uebung leitende Hauptmann die verschiedenen Aufträge gab. Fähnrich von Rosen und von Hanstadt. Sie beide erkunden die Stellung der Reserven und den Verbandplatz. Es ist eine schwierige Aufgabe, meine Herren, seien Sie genau!" Wir ritten ab. Die Pferde sogen den weißen, niederdeutschen Nebel ein und stießen ihn in .'angen, weißen Wolken wieder aus, gleich Sonnenstrahlen, die durch Butzenscheiben fallen. Ueber unsere Stellung waren wir uns bald einig. Hinter einem Walde war eine Schonung niedergebrannt, die auf der Karte als .Wald" verzeichnet stand.

und diese n;iture corrig&" erleichterte oder löste vielmehr unsere Aufgäbe. Wir saßen ab, und Rosen bat mich um einen Augenblick Gehör. Gras Essen, ein hochaufgeschossener Dragoner, hatte ihn in gröblicher Weise beleidigt, von Krämeradel" gesprochen und sich in höchst ungezogener Weise über die Familie ausgelassen, so daß ein Duell unvermeidlich war. Auf der Kriegsschule wird dies mit Säbeln ausgefochten; Rosen bat mich, ihm den Gefallen zu thun und die Verhältnisse zu ordnen. Ich war selbstverständlich

I dazu bereit. Wir ritten schweigend zurück; ich im Herzen ein tiefes Be-

dauern für den armen Jungen, dessen Reichthum unermeßlich, der, fein, edel, vornehm, begabt, daran scheitern sollte. vssp, sein Adel durch Verdienst, Arbeit und zähe Energie erst vor kaum fünfzig Jahren erworben war. Vor uns lag die graue Heide in ihrer wuchtigen deutschen Schönheit, ein richtiger, ernster Dürer-Ton; fern am Horizont, zwischen einigen verkrüppelten Obstbäumen und bäurischen Blumengärten, hinter Goldlack, Levkoien und Astern geduckt die kleinen Hütten des Dörfcbens, und aus den Schornsteinen kräuselte der graue Rauch. Wir trabten auf dem schmalen Weg, als sich Rosen, der vor mir ritt, plötzlich umwandte und sagte: Eigentlich hat er recht, wir sind Krämeradel, aber büßen soll er die Frechheit doch!- ' Den nächsten Tag wurde Graf Essen mi verbundenem Kopf aus der Turnhalle geführt. Rosen hatte eine Prim seines Gegners mit der Hülfsdeckung parirt und ihm eine Terz durch das ganze Gesicht gezogen. Das Schlußexamen war vorüber. Ich hatte es unter den Nachwehen einer Influenza krank und im Bett gemacht. Rosen versuchte, mir die Zeit zu verkürzen und mich über die furchtbar an-stren-genden Tage leichter hinwegzubringen. Der Abschied kam. Ich mußte im Lazarett bleiben und konnte nicht, wie die anderen, auf Urlaub sahren. Rosen setzt sich an mein Bett; wir unterhielten uns eine Stunde; dann wurde es Zeit für feine Abfahrt. Er gab mir fest die Hand: Könntest du doch nach F . ., wenigstens zum Leib-Regiment. Ich lachte und sagte: Wie soll ich als Preuße nach F . . zum Leibregiment kommen! Aber wir kön-

l nen uns ja in drei Jahren in Berlin ! auf der Akademie sehen!" Drei Jahre, ! lächerlich wenig ! Ich gab ihm noch ! einmal die Hand. Auf Medersehen, Dicker!" PO Wie ich in Baden-Baden war, schrieb ! er mir häufig. Ein Brief lau:ete: Ich erkämpfe mir mit aller Macht und mit i allen Mitteln meine Stellung; ich kämpfe mit mir selbst, es ist furchtbar!

! ft bin ich ganz kurz vorm Zusam-

menbruch. Denke Dir einen Aristokra-ten-Paria, der jedem gut genug ist, daß er mal ein Wort zu ihm sagt, aber nicht mehr als der officielle CasinoTon. Ich arbeite viel, man sag : ich strebe! Mir egal! Erfolg. Erfolg! Das ist das einzige, was uns TombakRitter rehabilitiren kann; wie recht hat mein Vater! Es muß mir ein Erfolg blühen. Ich bin Kamerad, der nur seiner Kameraden wegen trinkt; auf irgend eine Weise muß ich mich hervorthun. Könnten wir doch Batterien nehmen! Aber jetzt? Flaschenoatterien! Ich trinke, damit niemand sagen kann, der Talmi-Cavalier fühle sich im Regiment nicht wohl! Fürchterlich! Wenn ich einem Menschen das Leben rettete, würden sie lachen und sagen: Recht nett, Sie kleiner MedaillenJäger!" Vor 14 Tagen ist mt ein weiterer Urlaub wegen meines Leidens bewilligt. Ich bin sofort über Wien nach Korsu gereist, wo ich bereits Brief' von Rosea vorfand. Er gab mir Rathschlägt für meine Reise und bestellte Grüße von seinen Pferden, der aute Kerl! Ich habe weiter nichts gethan als etwas geweint wie ein kleines Mädel, diel an ihn gedacht, an unsere gemeinsame. herrliche Zeit, unsere einzigen Jugendtage, wo wir ohne Zwang von Erziehern und Cadettncorps unsere Jugend genossen haben. Mir das erste ihm das erste und letzte Mal, daß uns das Glück blühte. Dann fielen mir Melodien ein, Stradella" und Fledermaus", die er so gern hatte. Und dann nahm ich das Buch der Lieder" und setzte mich an daö Ufer deS Mittelmeeres. Dort las ich seine Lieblingsg?dichte. In der Ferne leuchteten die Statuen aus dem Achilleion durch die Lorbeerhaine. Das war meine Todtenfeier für Egon Rosen.