Indiana Tribüne, Volume 26, Number 176, Indianapolis, Marion County, 18 March 1903 — Page 7

Jndiana Tribüne, 18. Mär; i903-

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gOo 0OO0 0OO0 0OO0 0OO0 0OO0 oOg Anter schwerem Verdacht. o o g Roman von Tco von Torn. g 8öo oOOo oOOo oOOo oCOo oOOo oc8 (Fortsetzung.) Sie wußte, was ihrer nun harrte es war die erhoffte Erlösung. Und doch War das alles wiederum so schwer, daß sie sich verstört nach Rettung umsah. Es gab keine mehr. Wenn dieser Mensch da auch zu ihren ftiifcen winselte das war die Rettuna nicht. Ter war verloren wie sie selbst. Aber der Andere der Andere! Es stieg ihr heiß in die Augen mit einem Schrei stieß sie den Russen zurück und eilte zu der Verbindungsthür, auf deren Klinte sie in wahnsinniger Hast drückte .... Sofort wurde öeräusch laut, im Nebenzimmer und auf dem Korridor, ein Riegel wurde hastig zurückgeschoben. aber ehe die Thür noch ganz geöffnet werden konnte, erschütterte ein peitschend scharfer Knall den engen Raum. Nora ließ die Klinke fahren und drehte sich um, als wollte sie sehen, was hinter ihr geschehen sei. In der nachsten Sekunde warf sie die Arme empor ein Zucken und Winden des Oberkörpers, einige Schritte nach vorn, dann schlug sie lautlos vornüber auf' den Teppich. Arnold von Brodowin wollte die Waffe gegen sich erheben, aber wie gebannt hing fein Blick an der Frau, die da vor ihm lag. Er konnte sich nicht davon trennen. Der Revolver wurde ihm entrissen; darauf ließ er sich widerstandslos fest-nehmen.

12. Kapitel. s verflossen drei Tage, ohne daß sich die Lage Gusts bemerkbar geändert hätte. So energisch die Staatsanwaltschaft auch die neuen Anhaltspunkte verfolgte amtliche Ermittelungen haben sehr lange Beine. Man geht sicher, sehr sicher. Ein Verdacht ist eben viel leichter gefaßt als aufgegeben. Erst als am Nachmittage des dritten Tages Brodowin sich zu einem umfassenden Geständnisse herbeiließ und diese Eröffnungen mit dem Inhalte der in den Händen der Behörde befindlichen Schriftstücke vollständig übereinstimmten, wurde die Haftentlasfung des Assessors von Damradt in's Auge gefaßt. Am nächsten Tage aber fand noch eine Gegenüberstellung mit dem Russen statt. Es ergab sich auf den ersten Blick, daß die Männer einander sehr gleichgiltig waren. Der geringe Eindruck, welchen die Begegnung auf den Assessor machte, war direkt überraschend. Er mußte sich doch sagen, daß mit der VerHaftung des Russen die Untersuchung eine ganz andere Grundlage gewinnen würde. Das ging aber spurlos an ihm vorüber. Er war gleichgültig und zerstreut wie in den letzten Tagen nach dem Zusammentreffen mit seinem Vater überhaupt; es schien immer, als wenn er sich befreit fühlte, sobald man ihn wieder abführte. Der Russe wiederholte seine Angaben vom Tage vorher Gust die nämlichen, welche er seit der ersten Stunde seiner Verhaftung gemacht hatte und beides deckte sich vollkommen. . Als der Assessor von Damradt die große Freitreppe hinabschritt,welche von dem Hauptvortal des Kriminalgerichts in's Freie führte, war die Dämmerung bereits angebrochen. In der Ferne glühte schon eine Reihe von Strahenlaternen. Auf dem Platze herrschte ein reger, geräuschvoller Verkehr. Es war um die Zeit, da die Fabriken geschlossen wurden. Fuhrwerke ".ller Art kreuzten sich mit den aus drei Richtungen einherklingelnden Straßenbahnen. In der Dämmerung sah das emsige Getriebe noch verworrener aus. Gust blieb in der Nähe eines der großen Kandelaber stehen, als müßte er sich an diesen Lärm und dieses Leben erst wieder gewöhnen. Er traute sich nicht vorwärts, auch wußte er nicht recht, was er sollte. Wohin nun eigentlich ? Er war f. ei und doch im Gr.mde nicht freier, als roch vor wenigen Stunden, da ihn die Gefängnißmauern umfingen. Der Tag hatte eine Eintheilung gehabt, an die er sich gewöhnt hatte nun war das so ganz plötzlich unterbrochen. Wenn man ihn gefragt hätte, so wäre er noch dageblieben. Wenigstens auf ein, zwei Tage noch bis er das Schriftstück beendet, an welchem er in den letzten Tagen angestrengt gearbeitet hatte. Er hatte darin den Nachweis seiner Unschuld zu führen unternommen haarscharf und bis in die kleinsten Einzelheiten. Aber die Leute machten mit einem, was sie wollten. Er stand immer noch unbeweglich an derselben Stelle. Anstatt daß er sich nach und nach an das Treiben um ihn her gewöhnte, verstörte es ihn immer mehr. Er tastete nach seinem Manuskript, und es beruhigte ihn, daß es in seiner Brusttasche knisterte. In diesem wirren Treiben konnte einem alles verloren gehen auch der Beweis der Unschuld. Aber nun mußte er machen, daß er weiter kam. Das war nur nicht so leicht. Merkwürdig, wie schnell man verlernte, sich unter Menschen zu beweaen. Ein Schwindel faßte ihn. und er

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surcytete sich, die Straße u uberjchrei

ren. Seine Arme waren ihm schwer wie Blei; in seinem Gesicht hatte er brennmde Nervenschmerzen, namentlich unter den Augen und an den Schläfen und einen Druck aus seinem fSinierfnnf her iCi) immer mehr verstärkte. Er sah die Laternen, wie sich um sie flammende Ringe bildeten, die immer schneller von dem Lichte ausstrahlten, immer größeren und unheimlicheren Umfang annahmen. Der sichere Platz, auf dem er stand, wurde immer kleiner, immer mehr drängte sich alles an ihn heran, immer näher. Er bekam Furcht, faßte mit den fiebernden Händen an die wild hämmernden Schläfen; es war. als wenn der wirre Lärm direkt sich in ihn hinein bohrte. Die Wagen fuhren so nahe an ihm vorbei, er mußte ja von ihnen umgerissen werden. Der Schwinbei wuchs in ihm; er klammerte sich l den neben ihm stehenden LaternenPfahl. In diesem Augenblick fuhr ein Gefährt direkt auf ihn zu es wurde immer größer er hörte das Aufschlagen der schnell zu riesenhafter Größe anwachsenden Rosse auf das Pflaster jetzt, um Gottes Barmherzigkeit willen, jetzt mußten sie ihn niedertreten . . . Er wollte zurückweichen zurück 4n die stelle, wo er sicher war und seine Unschuld beweisen konnte aber der Laternenpsahl hielt ihn. Da ein Ruf, ein wundersames, zärtliches Wort aus seiner frühesten Kindheit. Wie das klang und lockte! Daß das jetzt kam, gerade jetzt, wo die Welt auf ihn fiel, die Menschen und der Wagen, dem er nicht ausweichen konnte Ein klappendes Geräusch, worauf 'ine schwarze, von irren Lichtern durchzuckte Höhle sich aufthat daraus stieg sein Vater hervor und Eli. Noch einmal der Ruf nur viel, viel ferner. Dann ein dumpfer Druck in der Stirn und er vernahm nichts mehr. Vorsichtig näherte sich die Gesellschaft wieder dem vornehmen und gastlichen Haus der Staatsräthin. Man kam, um seine Freude über die Aufklärung des unglücklichen Mihverständnisseö auszudrücken und sich nach dem Befinden des Kranken, der bei Frau von Horst gepflegt wurde, zu erkundigen. Die Staatsräthin empfing alle diese Leute freundlich, aber nicht ohne stille Bitterkeit. Sie hatte den Beweis erhalten, daß mit der Verurtheilung ihres Neffen auch sie selbst verurtheilt worden wäre rücksichtslos und sozusagen ohne mildernde Umstände. Sie war zu weltklug und erfahren, um die Gesellschaft nach dieser Richtung hin nicht zu kennen; aber diese letzten Wochen hatten sie doch schmerzhafter berührt, als sie es sich gestehen mochte und als sie es empfunden, da noch das ungewisse Schicksal Gusts alles andere in den Hintergrund gedrängt hatte. Freundlich und wohlthuend war ihr eigentlich nur ein Besuch nämlich der, welcher sich eben jetzt in herzlicher Form verabschiedete. Mit Hainerles hatte man bis jetzt gar nicht so eng verkehrt. Auch war es allgemein bekannt, daß Excellenz von Haincrle fast alle geselligen Pflichten und Aufgaben seiner jungen Frau überließ. Aber in diesem Falle hatte er es sich mcht nehmen lassen, seine Gchttin zu begleiten. Er war sogar auf eine Viertelstunde in das Krankenzimmer gestiegen, um sich den Genesenden selbst anzusehen. Das war nett und liebenswürdig und machte augenscheinlich auch auf die gerade anwesenden gräflich Folkingen'schcn Damen einen besonderen Eindruck. Nachdem der Minister und seine Gattin, mit der Versicherung, den Besuch gleich morgen wiederholen zu wollen, gegangen waren, sagte die Gräfin Folkingen zu der Staatsräthin: Meine Liebe, ich finde es geradezu hinreißend von Excellenz und wenn Sie es klug anfangen, so zweifle ich keinen Augenblick, daß die Schwierigkeiten. welche sich der weiteren Karriere Ihres Herrn Neffen wohl entgegenstellen dürften, mit seiner Hilfe wohl behoben werden könnten. Und was die Offiziersstellung des jungen Mannes betrifft, so will ich bei meinem Bruder im Kriegsministerium wohl das Meinige versuchen, obwohl Sie wissen, wie peinlich man da ist und" Ich weiß, Frau Gräfin und ich danke Ihnen sehr für Ihren guten Willen, aber fo weit ich die Absichten meines Vetters und seines Sohnes kenne, wird Ihre Güte nicht in Anspruch qenommen werden. Mein Neffe wird den Ausgang der gegen sich selbst beantragten disziplinarischen Untersuchung wohl noch abwarten, dann aber auf alle Fälle seinen Abschied nehmen sowohl als Beamter wie als Offizier." Ja, aber das verstehe ich nicht, liebste Staatsräthin!" rief die Gräfin maßlos erstaunt. Das sollten Sie doch zu hintertreiben suchen! Ich meine, ein junger Mann ist heute nur ein halber Mensch, wenn er nicht Offizier ist" Ich hoffe, nein ich weiß, daß sick mein Neffe dennoch als ganzer Mann bethätigen wird," erwiderte die Staatsräthin lächelnd. Außerdem habe ich auf alle diefe Angelegenheiten nicht den geringsten Einfluß. Selbst mein Vetter nicht fragen Sie ihn selbst."' (Schluß folgt.) A l e r Personen, die kürzttcy im Crediton-Friedhof zu Devon. England, begraben wuroen, erreichten ein durchschnittliches Alter von 85 Jahren.

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8 Mov ovcr Evv : o 8 Sizilianischcr Roman 0 V 0 0 8 0 von w 0 l d k m a r llrban. 8 800 0000 0000 0000 0000 0Q00 oqS (Fortsetzung.) consu war aucy em remoer. ein Schweizer. Sie kannte ihn schon. Sie verstand seine Sprache nicht einmal ordentlich. weil er ihren Dialekt nickt sprach, aber sie verstand seine Augen, die gutmüthig und mitleidig zu ihr niedersahen. Na, so gib nur Deinen Topf her, ich will sehen, was es noch gibt." Damit ging er wieder die kleine Treppe hinunter nach der Küche, die im Souterrain lag, schöpfte aus einem kupfernen Kessel ihren Topf voll und brachte ihn wieder. Laß nur eine zwei Soldi stecken." sagte er, als sie ihm die Kupfermünzen darbot. Was macht denn Lubeddu? Flickt er noch immer an seiner rothen Fahne?" Ach, Monsu, Sie kennen ja meine ganze Noth. Was soll ich thun? Lubeddu ist immer noch so und führt manchmal so wunderliche Reden, daß ich glaube, er hat den Verstand verloren." Nun, Gott helfe ihm. Ich habe ein gut Stück Fleisch für ihn in den Topf gethan. Wenn ihm das nicht hilft, so kann ich ihm nicht helfen. Gute Nacht, Sabina." Gute Nacht, Monsu. Die Madonna vergelte Ihnen und Ihrer Familie tausendfach, was Sie an mir thun. Gute Nacht." Die Thür schloß sich, und sie stand mit ihren Kindern wieder im Finstern und wollte weiter. Aber die Kinder, gierig und ausgehungert wie sie waren, faßten nach dem Topf. Das roch so gut und nun wollten sie auch schmecken. So gab sie ihnen denn, um nur wieder vorwärts zu kommen, eine Kleinigkeit zu essen und ging weiter. Immer dunkler, enger und schmierige? wurden die Gassen, durch die sie zog. eigenthümliche Gerüche ganz andere als aus der Hoteliüche füllten immer moderiger und fauliger die Luft, und auf den feuchten, glitscherigen Straßen lagen allerhand Abfälle, die aus den Häusern ohne Weiteres auf die Straße geworfen wurden und mit denen sich nun die Ratten beschäftigten. Alle Augenblicke scheuchte ihr schlürfender Tritt die scheuen Thiere auf, die dann flink wie Schatten über den Weg huschten und in den Schienscnlöchern verschwanden. Endlich kam sie vor einem einstöckigen, schwarzberußten Hause an, das mehr wie ein Schuppen aussah, und in bei:: am Tage wohl eine Schmiede betrieben wurde, wenigstens stand vor ihm in einer Fußgrube ein großer eiserner Ambos und weiter zurück in einer niedrigen, kellerartigen Höhlung ein großer Blasebalg. Rechts davon war eine ähnliche kellerartige Höhlung. Das war ihre Wohnung." Vor Dieben schien sie keine Angst zu haben, denn di? Thür hatte keinerleiSchließvorrichtung, sondern war nur angelehnt. Es hatten auch sonderbare Diebe sein müssen, die hier einbrachen. Sie mußten etwas bringen zu holen war nichts. Im Begriff, die Thür zu öffnen, blieb Sabina plötzlich regungslos und lauschend stehen. Sie hörte Stimmen aus dem Raum heraus. So war es also nichts mit den Reichthümern da drüben?" fragte der alte Lubeddu. Ich komme ärmer zurück, als ich gegangen bin," klang die Stimme ihres Mannes. Wie denkst Du Dir die Welt, Lubeddu? Wer nichts besitzt, ist überall überflüssig. Niemand will von ihm wissen, Niemand sich um ihn kümmern. Er ist und bleibt der Fremde, wohin er auch kommt. ,Du gehst uns nichts an,' sagen sie, .verhungere, krepire! Was thut das uns!' So ist mir's auch gegangen." Der alte Blinde lachte in einer sonderbar irren Weise und nickte mehrere Male mit dem alten weißhaarigen und scharf martirten Kops, als wenn er das, was er hörte, schon längst gewußt hätte. Genau wie hier," sagte er dann bissig. Sie pressen uns aus wie eine Eifrone und dann w?rfen sie uns in die Gosse, dann sind wir ihnen lästig, genau wie hier. Hahaha!" Hier ist aber doch meine Heimath. Hier gehöre ich doch her." Natürlich, natürlich," erwiderte Lubeddu wieder spöttisch, fytx hast Du das Recht, zu verhungern. Hier darfst Du das beanspruchen, wenn auch sonst nichts." ' Hier will ich schon Arbeit finden, die frcki lobnt und die mick und meine tfarrnlie nährt. ii)u roeißt mcvt, ubeddu," fuhr der junge robuste Mann etwas wehmüthiger fort, wie mir 0 wurde, als ich die Küsten von Sizilien, die Häuser von Palermo, den Monte Pellegrino wieder aus den Wogen steigen sah. Heimath bleibt Heimath. Das weiß nur der, der sie so lange und so schmerzlich entbehrt. Wenn Du im fremden Lande mit Niemand reden kannst, Dich Niemand versteht, wenn Dir die Finger vor Frost starren und alle kalt und fremd an Dir vorübereilen, wenn Du den Wind verschluckst. Lubeddu, um den Hunger zu täuschen dann steigt die Heimath wie ein Paradies vor Dir auf -dann" Wieder unterbrach ihn der alte Blinde mit seinem ironischen Gelächter

uno petzte dann spöttisch hinzu: Du

wiii oas Paradies schon tonnen lernen, wenn Du erst wieder da bist, mein Junge. Ein schönes Paradies:' Ein Paradies, das auf ein Haar wie eine Holle aussieht für den, der arm zur Welt kommt." isaoma konnte stch mcyl mehr yalten. Mit einem lauten Aufschrei stürzte sie in d.n ärmlichen Raum und fiel ihrem Mann in die Arme. Bist Du wieder da, Gaetano?" stieß sie schluchzend heraus. Dank den Heiligen, die Dich gesund wieder zu den Deinen gebracht. Nein, sage nichts. Hier, iß. Es reicht für alle. Uno morgen kommt ein neuer Tag." Ueber das Gesicht des jungen Mannes flog ein sonniger Strahl der Freude; als er sein Weib und seine Kinder wieder in die Arme schloß, war Noth und Mühsal, wie schwer sie auch gewesen sein mochten, vergessen. Hundert Fragen, hundert Ausrufe, hundert Küsse und Liebkosungen flogen herüber und hinüber, das lebhafte südliche Blut, das sich so leicht über das Ungemach des Daseins hinwegsetzt, flammte auf zu einem Augenblick des Glücks, wie ein Blitz in der Nacht. Nur der alte blinde Lubeddu saß dabei, als ob ihn das nichts anginae, bissig, spöttisch, als ob die Zeiten solcher Erregungen für ihn vorbei seien. und er das als Täuschungen und Jllusionen belache. Und doch war der Blinde auch einmal jung gewesen, und der helle Tag hatte ihm geschienen wie den anderen auch. Er war sogar ein hübscher, hoffnungsvoller Mann gewesen, wovon nicht nur sein Spitzname Lubeddu" zeugte, sondern auch noch seine gegenwärtige Erscheinung. Der Mann war trotz seines Alters er konnte über sechzig Jahre sein und trotz seiner Erblindung heute noch ein Charakterkopf, wie die Maler das nennen, mit dichtem, aber ganz weißem Haar, intelligenter Stirn und scharfgeschnittenen Gesichtszügen. Seine Gestalt war kräftig, sehnig und gelenkig, ungebeugt im Alter. Er hätte heute noch den Kampf mit dem Leben aufnehmen können, wenn er nicht erblindet gewesen wäre. Das war sein Unglück, und diese überschüssige Kraft, diese erzwungene Ruhe, die ihm auferlegt, war wohl auch die Ursache seiner Verbissenheit, seiner giftigen Ironie und verbitterten Anschauung. Nun saß er seit fast zwanzig Jahren in tiefster Nacht und grübelte über sein Unglück, an dem er doch keine Schuld trug, das ihn wie ein Verhängniß ereilt. Er war ursprünglich Eisenarbeiter und in der großen Gießerei Oretea durch eine Unachtsamkeit geblendet worden. Eine halbe, eine Viertelsekunde, die er vor dem glühenden Strom zu spät zurückgewichen, wurde zu seinem Unglück für's ganze Leben. War es ein Wunder, wenn er in der Nacht der Noth und der Hilflosigkeit schließlich auch an seinen gesunden Sinnen Schaden litt? Lubeddu wartete auf den Tag der Erlösung," wie er sagte, wie auf's jüngste Gericht, nur fo lange wollte er nicht warten. In feinen dunklen Träumen war es ihm schließlich zur fixen Idee geworden, daß es einmal" anders werden müsse, daß der unerträgliche Druck, unter dem die Menge seufzte, einmal weichen, die Empörung siegen müsse. Also ein Revolutionär vom reinsten Blut, aber leider etwas konfusem Kopf, ein alter blinder Mann, dessen Thatendrang sich seit vielen Monaten darauf beschränkte, eine rothe Fahne zu flicken. Morgen, morgen früh gehe ich um Arbeit zu suchen, Sabina. Es muß gehen," sagte Gaetano zu seinem Weibe, und es wird gehen. Sie müssen mir Arbeit und Brod geben, und Du sollst nicht mehr betteln gehen." Hahaha!" lachte Lubeddu. Wie viele Tausende haben schon so gesagt wie Du? Und was ist aus ihnen geworden? Wie viele Millionen von Dernesgleichen liegen drei Fuß unter der Erde und sagen nichts mehr? Uns hilft nur eins !" Damit griff er plötzlich, wie von Furien erfaßt, in den Strohsack, der ihm als Bett diente, riß mit krampfhafter Wuth seine rothe Fahne hervor und schrie, sie in der Luft schwenkend: Brod oder Tod!" Gaetano sah den blinden Mann erstaunt und mitleidig an. Dann wendete er den Blick fragend auf seine Frau, als wolle er sagen: Seit wann ist er so? Sabina zuckte verlegen mit den Schultern. Laß Deine Dummheiten, Lubeddu," sagte Gaetano dann unwillig, was soll uns das? Du wirst uns mit solchen Narrenspossen die Polizei auf den Hals hetzen und unser Unglück vermehren statt vermindern." Er ist ja krank." wandte seine Frau leise bittend ein. ..Danacb front man nickt. Der UnTilg ivirv oesyato nicyi genüget, ct widerte Gaetano, und der alte Lubeddu steckte seine Fahne mit einem ärgerlichen Fluche wieder in den Strohsack zurück. Der Prophet gilt nichts in seinem Vaterlande." murmelte er und ruhte gleich darauf in einer seltsamen IdeenVerbindung, wie der Held auf seinem Schild, auf dem Strohsack aus. Am nächsten Morgen ging Gaetano beizeiten aus, um Arbeit zu suchen, und traf am Dom, wo man nach den Königsgräbern hingeht, einen alten Bekannten aus früherer Zeit. Es war derselbe Gentleman zweiten oder dritten Ranges, der am Tage vorher mit dem Baron Gualtieri nach Villa Buonanima gefahren war. und den dieser mit Peppo" angerufen. Gaetano lag an der Begegnung offenbar nicht viel.

uno er woLit icoon inti einem leicyren Gruß vorübergehen, als ihn Peppo anrief. Wie geht's, Gaetano?" fragte er und ließ einen verächtlichen Blick über die etwas stark reduzirte Kleidung des zurückgekehrten Auswanderers gleiten. Peppo war ja zwar auch nicht nach dem letzten Modcjournal gekleidet, aber die Geschichte seines Anzuges führte doch in höhere Kreise, es war der abgelegte Anzug eines Signore," eines Herrn, und deshalb sah Peppo verächtlich auf den Arbeiteranzua Gaetanos berab. Wie 10U s geqen, (sruleppe," enigegnetc Gaetano, ich suche Arbeit." (Peppo ist eine Abkürzung von Giuseppe.) Hm! Arbeit ist eine schöne Sache," meinte Peppo ironisch und Gaetano noch immer mit einer mitleidigen Ueberlegenheit ansehend, als ob ihm der arme Teufel leid thäte. Das merkte Gaetano wohl, und roi: um sich zu entschuldigen oder zu vertheidigen, fuhr er aufgeregter fort: Was soll denn sonst werden? Ich habe alles versucht, alles, ich bin ausgewandert, nach Amerika gegangen und meine Fa.milie hungert." Weil Du ein Pinsel bist, mein lieber Sohn!" sagte Peppo verächtlich. Aber" Was hast Du nach Amerika zu laufen, um Brod zu suchen?" unterbrach ihn der Andere großsprecherisch und überlegen. Du bist Sizilianer. und Sizilien muß Dich nähren. Wo Du gewachsen bist, da wächst auch Dein Brod. Wenn Du natürlich ein Einfaltspinsel bist und läßt Dich von dem Boden verdrängen, auf den Du gehörst, dann dann verhungere eben. Dann ist Dir nicht zu helfen." Was soll ich denn aber thun? Meine Familie" Haben wir ein Vaterland, oder haben wir keines?" fuhr Peppo, immer hefiiger und energ-schcr werdend, fort. Hunde und Es.'l mag man darum betrügen, weil sie keinen Begriff haben, aber Menschen nicht, wenn sie nicht auch Hnnde und Esel sind." Die selbstbewußte, leidenschaftliche, fast herrische Sprache Peppos verfehlte auf den Anderen ihre Wirkung nicht: aber noch wußte er nicht, was damit zu thun war und wo hinaus Peppo eigentlieb wollte. Mit Redensarten und großen Worten war Gaetano nicht gedient. Damit konnte er sich und seine Kinder nicht satt machen. Was nützt mir denn das alles?" entgegnete er. Ich muß Brod schaffen. Gib mir einen guten Rath, wie ich dazu komme, und ich schenke Dir alles Uebrige." Suche Freunde, Gaetanc." erwiderte Peppo leiser und vertraulicher sprechend, als ob er etwas ganz Besonderes sagen wolle. Und als ihn Gaetano verwundert ansah, fuhr er noch zutraulicher und mit einer eigenlhümlichen schlauen Geheimnißkrämerei fort: Suche Freunde, die Dir helfen und denen Du hilfst. Den Einzelnen schiebt man beiseite, wenn er etwas will oder unbequem wird, aber die große Familie, die Mafia nicht. In der großen Familie stehen alle für einen und einer für alle. Die große Familie steht mit der Waffe in der Hand für das Recht und die Existenz ihrer einzelnen Mitglieder ein und läßt sich nicht beifeite schieben, sondern schiebt selbst beifeite, was dem Recht entgegen ist. Die große Familie sorgt auch für Dich, wenn 5 11 zu ihr gehörst, wenn Du für sie ebenfalls sorgst." Das klang ganz gut. Freunde, die ihm in seiner bedrängten Lage halfen. konnte Gaetano wohl brauchen, und es erschien ihm ja eigentlich nur recht und billig, wenn er sich für geleistete Diensie durch gelegentliche Gegendienste revanchirte. (Die Angehörigen der Mafia bezeichnen sich selbst sebr gerne als die große Familie" und sprechen von der Mafia als von ..miafarniglia" meine Familie). Mau meint sogar, da 5 Wort Mafia wäre auö mia. lamiglia entstanden. Eine Erklärung zu geben, was die Mafia eigentlich sei, ist mützig. Je nach den Zuständen, die auf der Insel herrschen, kann sie alle Mögliche sein oder nicht sein. Ihre Geschichte ist Jahrhunderte alt; Ereignisse wie die Sizilianische Vesper, der berühmte Zug der Tausend unter Garibaldi und andere gewaltsame Umwälzungen wurden nur durch die Mafia Thatsache. Ihre stärkste Wurzel ist wohl die grundverschiedene Abstammung der Bevölkerung Siziliens und die jahrhunvertelange Fremd- und Gewaltherrschaft. Auch heute ist die Mafia noch die geheime Gewalt, die MacZ-t Ux geheimen Vereinigung gegenüber der öffentlichen oder Regierungsgewal:. deren Beamte mit ihr rechnen, oft sogar paktiren müssen, wenn sie bestimmt Zwecke erreichen wollen. Sie kann also je nach den Zuständen, die auf der Insei herrschen, politisch, patriotisch oder verbrecherisch sein. Die leichte Erregbarkeit und wilde Leidenschaftlichkeit der Sizilianer erklärt es, daß die Mafiosi," die Mitglieder der Mafia, vor keinem Mittel zurückschrecken, um ihren Zweck zu erreichen.) Ich scheue mich vor keiner Arbeit, Giuseppe." betheuerte Gaetano aufrichiig, ich thue alles, was es auch sei. wenn es nur ehrlich ist und mich nährt. Auch würde ich nie in meinem Leben Jemand vergessen, der mir in der Roth hilft." Das wäre Dir sehr zu rathen, bester Hreund." erwiderte Peppo schars und drohend, derni das könnte für Dich ein böses Ende nehmen. Verstanden? Du gehörst uns. wie wir Dir gehören, und das Leben, das wir Dir bieten, ist nurgeliehen, nicht geschenkt.

Sieht man sich eines Tages von Dir betrogen, so wäre Dir besser. Du hattest nie einen von der aroßcn Familie gesehen, und Du wirft niemals mehr 'lcher um eine Ecke gehen kcnnen." Aber es liegt mir j furch ar fern, jemand betrügen zu wollen " (Fortsetzung folgt.)

Ueber den fü'oafrikanischen Krieg wurden bereits mehr als 150 Bücher publizirt. Britische Reservisten in großer Anzahl wurde die Erlaubniß gewährt, stch in Kanada niederzulassen. Immer mehr Frluen werden in den Weststaaten der Union in Banken an Stelle von Männern angestellt. Das Loskaufen vom Militärdien st, das bisher in Spanien gebräuchlich war, soll verboten werden. Equipagen kamen vor 100 Jahren in England je fünf auf 100 Einwohner. Zur Zeit kommen auf die gleiche Zahl 17. Deutsche Spielwaaren werden jährlich 11,000 Tonnen nach England ur d e.wa 6000 Tonnen.nach den Ver. Staaten versandt. Die A r b e i t e r - O r g a n i -s a t i 0 n e n im Staate New Jork haben in den letzten fünf Jahren um 75 Prozent an Mitgliederzahl ginge nommen. Ein Pariser Arzt hat eine chirurgische Nähmaschine erfunden, die Spaltungen der menschlichen Haut mit großer Schnelligkeit verschließen soll. Die Zahl der Bibeln, die im letzten Jahre auf der ganzen Erde gedruckt wurden, foll sich auf über 7,500,000 Exemplare belaufen. Das Bibelstudium gewinnt stetig an Interesse. Ilttenn Sie den besten Base Burner, Hot Blast oder Koch-Ofen in der Welt wünschen, so gehen Sie zu llig's Hei IM 141 Weft Washington Str. Baar oder Credit. mm V,'l&&mi rSF 3 142 Nord Pennsylvania Strafte, Hauplquartin für VriNen und Opernglaser. & im iiwsninj QC ttKmaM 0 ÜftlOHS Brillen werden nach den besten Methoden den Angt gepabt. künstliche Augen werden schmerzlos e'naeietzt. wokt uswahl von Aug. Diener, 0. 449 Oft Washington Str. eues Telephon 2525.

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