Indiana Tribüne, Volume 26, Number 80, Indianapolis, Marion County, 24 November 1902 — Page 5
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. Jndkana Tribüne. . November 1V0, 5
Prof. N?m. ZNüller
Von seinen ehemaligen Zöglingen mit Ehrungen überhäuft.
Mit grokem Interesse lauschten sie dem geistvollen Bortrage ihres früheren Lehrers.
Unter den Auspickn des Socialen Turnvereins hielt gestern Herr Prof. Wilhelm Müller, der ausg-zeichnete Deutsch-Amerikanische Dichter, Päda goge und Journalist im Auditorium des Deutschen HauseS einen Vortrag über Die Entwicklung der neuen Kunst und den Kampf um ste." Noch nie zuvor hatte sich zu einem Vortrag ein solch' zahlreiches Publikum angefunden, als es gestern der Fall. Dasselbe zählte nach Hunderten und die größte Zahl derselben waren einst vor mehr als dreißig Jahren Zöglinge des Herrn Müller in derDeutsch-Englifchen Unabhängigen Schule gewesen. Als derselbe auf der mit Blattgewüchsen geschmackvoll decorirten Bühne erschien, wurden ihm begeisterte Ovationen dargebracht. Hierauf stellte Herr Otto Stechhan den gefeierten Gast den Anwesenden mit einer kurzen herzlichen Ansprache vor. Herr Müller begann seinen Vortrag mit dem Hinweis auf die von den hervorragendsten Geistern des 18. JahrHunderts ausgehenden Bestrebungen zur Wiederbelebung der tiefgesunkenen deutschen Kunst. Durch Begründung von Museen sollten die noch Vorhände-
nen Schatze vor dem Untergang gesichert und auf Akademien eine neue Periode künstlerischen Schaffens eingeleitet werden. Allein die mit den beften Absichten in's Leben gerufenen 33er
anstaltungen hatten nicht, oder doch nur in bescheidenem Maße den erwünschten Erfolg. ' Die bahnbrechenden Künstler, wie Cornelius und später Kaulbach, glaubten im Sinne der Romantik di? größten Aufgaben durch Geist und Genie lösen zu können. Das führte sie aber vom Boden der Naturbetrachtung aus eine falsche Bahn, und ihr Schaffen wurde zum leblosen Nachbilden früherer Kunstideale. Herr Müller erörterte dann die physische Bedingungen des künstlerischen wie wissenschaftlichen Erkennens und legte dar, daß das Vorherrschen des letztexen der deutschen Kunstübung zum Nachtheil gereicht habe Dies erkannten die Nachfolger Kaulbach's. vor allem Piloty und seine Mitftrebenden und Schüler, sie wollten nicht länger Philosophie und Religion in bildnerischen Symbolen, sondern die wirkliche, lebendige Geschichte malen. In den fünfziger Jahren begann Anselm Feuerbach den Kampf gegen die konventionelle Richtung, indem er im Gegensatz zu den Forderungen der Kritik und des Publikums nicht durch den inhaltlichen Reiz des Bildes, sondern
vor allem durch die Harmonie m der Form- und Farbengebung wie durch
gesteigerten Ausdruck wirken wollte.
Durch einen Vergleich von Makart's Jagd der Diana" im Metropolitan Museum mit Feuerbach's Gastmahl
des Plato" werden die Intentionen des
letzteren Malers klargestellt. Andere
Maler versuchen der neuen Form auch
einen ganz neuen Inhalt zu geben und finden nur in rückhaltsloser Hingabe an
die Natur ihr Heil.
5)err Müller besprach hierauf die
ästhetischen Gesichtspunkt der verschie
denen .künstlerischen Strömungen und
charakterisirt das Wesen des Realismus, des Impressionismus und die ' Reaktion gegen die einseitige veristische Kunstübung, die wieder zu einer Be.tonung des geistigen Momentes im künstlerischen Schaffen führt und eine symbolische Darstellung der Naturmächte zur Folge hat. Dabei wurde allenthalben der enge Zusammenhang zwischen der literarischen und künstlerischen Entwickelung nachgewiesen, und die viel vermögendsten Führer der letzteren, Fritz von Uhde, Franz Stuck, Max Klinger, Arnold Böcklin und Hans Thoma wurden in den Hauptzielen ihres Strebens, wie nach ihrer technischen Seite hin gekennzeichnet. Auch die Entwicklung der neueren Baukunst, welche die modernen Lebensbedingungen in ejner neuen Formenspräche auszudrücken versucht, zog der Vortragende in den Kreis seiner Erör-
Zum Schlüsse seines Vortrages versuchte Herr Müller aus seinem Ueberblick das Ergebniß zu ziehen. Die älteren.deutschen Maler lebten in stolzen Hoffnung eine neue nationale Kunst schaffen zu können. Sie fingen mit dem Versuche da an, wohin andere Perioden nach emsiger Arbeit und unendlicher Mühe gelangt waren mit den Fresko und der großen Historie. Das langjährige und liebevolle Studium, das in andern Ländern eine Kunstblüthe herbeigeführt hatte, glaubten sie im Sinn der Romantik durch Genie und Gunst ersetzen zu können. An dieser Selbsttäuschung an diesem Mangel an technischem Können ist ihr
Streben gescheitert. Die, neue Kunst hat dies erkannt. Ihr wird die eingehende rückhaltslose Hingade an die Natur zur unerläßlichen Bedingung , des Schaffens. Sie hat den Kreis der Beobachtung erwettert und letztere verschärft und vertief, sie hat Auödrucksmittel geschaffen und Stimmungsreize festgehalten, die wir früher noch nicht gesehen haben. Sie glaubt ihre nächste Aufgabe erfüllt zu haben, wenn sie in dem Beschauer die empfangnen Eindrücke wachruft. Damit ist ein richtiger Ausgangspunkt für eine g?funde weitere
Entwicklung gefunoen. In ihrem Natureifer gingen und gehen noch einzelne Künstler zu wett,
und wollen in der Ueberwindung dieser technischen Schwierigkeiten das Wesen der Kunst sehen. Andere verlangen, das Publikum solle sich ohne Weiteres zu ihrem Programm bestehen, nachdem das höchste Ziel der Kunst ohne Rück.
sicht auf den dargestellten Gegenstand in vollendeter Formen- und Farbenge-
bung zu suchen sei.
Sie vergessen bei aller Richtigkeit
dieses Satzes daß die Kunst, ohne
ihrem Werth zu schaden, auch Trägerin
von Ideen sein kann wenn nur das
Können darunter nicht leidet. Sie übersehen ferner, daß den romanischen
Völkern schon ,die vollendete schöne
Form allein Befriedigung gewährt, den
germanischen aber die Poesie des Aus
drucks mindestens eben so hoch steht.-
Auf der anderen Seite sollte das Publikum dem ernsten, nach Wahrheit
ringenden Streben zeitgenössischer
Künstler gerecht werden und zu ver
stehen suchen, was diese wollen und
was sie können, nicht nur in eigenem
Interesse, sondern zum Heile der Kl
tur. Denn die Kunst ist keinesw'gs
die Erfindung einiger müßiger Köpfe Sie ist die Schöpfung und das Erb theil eines ganzen Volkes. Ein her
vorragender Volkswirth englischen Stammes sagte jüngst : Ist das Leben eines Volkes nicht so gestaltet, daß die
Kunst als die Krone und Vollesdung des Lebens erscheint, dann verlohnt es r- t rv-v U.
lieg mcyr oer cuye, oas le&ttie zu erhalten und aufzubauen. Und mit
Recht. Die Nationen, denen es nich
gelingt, das, was ihr Inneres bewegt.
jn Werken der Kunst gegenständlich "zu machen, mögen noch so mächtig werden
und ungeheure Reichthümer schaffen
an der Lösung der höchsten und schön stcn Aufgaben unseres Geschlechtes ha
den sie keinen Antheil genommen. Die
Künstler von heute dürfen sich vielver heißender Anläufe rühmen.
Einzelne erleseneGeister sind in ihr
rem Schaffen schon von der Mqrgen
röthe der Zukunft erleuchtet. Hat erst
die Kraft selbstloser Wahrheitsliebe den
Gipfel äußerlicher Ausdrucksvollkom
menheit erreicht, dann wird auch die
künstlerische Phantasie ihre-königlicher
Rechte wieder geltend machen. Sie
mag dann auch für die moderne' Welt anschauung sprechende bildliche Sym
bole sinden und der heilige Geist Ver großen alten Kunst segenbringend über
die Werke der Neueren hernieder
schweben.
Die Eh run gen.. seiner ehe-
m aligen Zöglinge. Nachdem sich der schier endlose Bei
fall, welcher dem Vortrage gefolgt war,
gelegt . hatte, h'gab Herr Müller sich
nach dem Foyer vor dem großen Saale
woselbst sich mittlerweile seine früheren Zöglinge, etwa zweihundert an der Zahl, eingefunden hatten. Einzeln zogen sie' an ihrem ehemaligen Lehrer vorüber, um ihm die Hände zu schürteln und noch einmal einigesreundliche Worte zu wechseln. Weit über dreißig Jahre waren im Zeitenraume dahingerauscht, seitdem sie von ihm Abschied genommen hatten und doch war er ihnen Allen noch immer lieb und werth'. Diese Ehrung wird Herrn Müller jedenfalls unvergeßlich bleiben. Hierauf fand ein ihm zu Ehren veranstaltetes Bankett statt, an welchem etwa zweihundertundfünfzig Damen und Herren theillsahmen. Herr Clemens Vonnegut fungirte als Toastm'eister und es muß anerkannt werden, daß er sich seiner angenehmenAusgabein schwungvollsterWeise erledigte. Herr Hermann Lieber Sr., eröffnete.den Reizender Redner. Er war Einer von Dmen gewesen welche Herrn Müller veranlaßt hatten, nach hier zu kommen und mit warmen Worten, gedachte er der bedeutende Verdienste, welche sich derselbe da mals um die Deutsch-Englische Unabh. Schule erworben hat. Er wies darauf
hin, wie viele Zöglinge des Ehrengastes
es zu vervorraaenoen (öieuirnaen ge-
bracht haben Und zollte in beredten
Worten nicht nur den geistigen, sondern
auch den Herzensgabm des Gefeierten
hohen Tribut. Herr Bernhard Vonnegut sprach im Namen der ehemaligen
Schülerinnen und Schüler des Herrn
Müller, die ihn lieben und werth-
chätzen und hob hervor, daß derselbe
ich in ihren Herzen eine bleibende
Stätte erworben hätte.
Zum Schlüsse brachte er ein dreiaches Hoch auf den Gefeierten aus, in
welches alle Anwesenden begeistert ein-
stimmten. Von den vielen Reden, welche nachdem Herr Müller seinem Danke für die ihm erwiesene Ehrung Ausdruck gegeben hatte, noch im Laufe des Abends gehalten wurden,, sei hier ebenfalls noch die des Herrn Theodor Stein erwähnt, welcher in humoristischer Weise die Tugenden
und kleinen Schwächen der Lehrer und Lehrerinnen, welche mit Müller zusam-
men an der Schule wirkten behandelte. Ein von Herrn. Otto Stechhan ge-
dichteter Willkommenaruß wurde mit
Beifall aufgenommen. 'J
Eine schöne Episode des Festes aber
war es, daß an der Tafel nur Lieder er
klangen, welche die meisten Theilnehmer
am Banquet einst vor mehr als dreißig
Jahren als Zöglinge der Deutsch-Eng
lischen Schule gesungen hatten. Diese
Lieder Fuchs, du hast die Gans
gestohlen", O Tannebaum", Freket
Euch des LebenS" u. f. w. führten sie auf dem Pfade der Erinnerung wie
mit einem Zauberschlag in die schöne.
sorgenlose Jugendzeit zurück.
Die Mitternachtsstunde hatte längst
geschlagen, als das Banquet . aufgeho
ben wurde. .
Vocy oueven viele Ä,yettnetzmer an
demselben noch, um den Ehrengast ge
schaart, ein Stündchen fröhlich beisam men. Um die Empfangsfeier, das Zu
standekommen des Banquets etc. hat sich das aus nachstehenden Damen und
Herren bestehende Comite verdient ge
macht: Herren Franklin Vonnegut, Vorsitzer; Theodor Stein. JohnW.
Schmidt,John Wocher, Clemens Vonne
gut jr., George Dixon, Emil Fertig,
Paul Krauß, Charles Krauß, Armin Bohn, Albert Lieber, Charles Woerner,
Frl. Lizzie Bauer, Frl. Mary Bauer
und Frau Lina Böpp. .
Der Indianapolis Liederkranz be-
gann gestern Abend den Reigen seiner
Familienabende der Saison mit einer
höchst erfolgreichen Abendunterhaltung
elbstverftändlich vor einem übervollen
Hause in der Germania Halle, die
von der festlichen Menge gefüllt einen überaus anziehenden Anblick gewährte. Ein abwechselungsreiches Programm,
bei welche Lied und Humor um den
Rang stritten, wurde trefflich durchge-
ührt und regte eine gemüthliche Fest-
stimmung an. Der Chor des festgebenden Vereins trug Unter der fähigen
Leitung seines Dirigenten Prof. Kno-
del die prächtigen Männerchöre Noahs Rheinfahrt", Komm' doch liebes Lie-
erl" und Tanzlust" ' in anmuthender
Weise vor. Das schon oft bewunderte Quartett, bestehend aus den Herren
Schaefer, Schm'edel, Schulmcyer und Michelis, errang sich wohlverdienten
Beifall, durch den trefflichen Vortrag
des gar lustigen Jodlers Mei Schatz
st a Räuber, mei Schatz ist a Diab"
Die Herren sangen vortrefflich und der
esche Jöbler klang gar hell und keck in
den Saal hinaus. Sie mußten durch den lauten Beifall aufgefordert ein
Encore singen. Ein vortrefflicher Vortrag des Herrn Heinrich Ruth auf
der Streichzithcr war angenehm in dem
musikalischen Thheil des Programmes verflochten. Für den Humor trugen
die komischen Vorträge deö Herrn I. Buscher, Der Ofsiziersbursche" und des Herrn Jos. Münz, Der schlaue
Hanserl" Sorge und der von ihnen er-
ielte Lachersolg war eine schmeichel-
hafte Anerkennung für die Herren. Ebenso reichen Beifall fand das Solo
Die Schwarzwälder Uhr", welches
Herr John Koch gir trefflich zu Gehör
brachte.
Aus Rücksicht auf die tanzlustige Ju-
gend wechselten die Programmnummern mit flotter Tanzmusik ab und bis zum
Schluß, der rechtpät eintrat, ergingen sich die Anwesenden im fröhlichen Lcbensgenuß ; es war ein Fest, bei dem
man nur bedauerte, daß es wie alles
Schöne, nur zu bald ein Ende nahm.
Big Four Route Danlsa'gungstaj'.S Naten. Speziell niedrige Naten für das Publikum. Nach allen Punkten innerhalb 150 Mei
len werden Tickets am 26. und 27.
November, giltig für die Rückfahr bis zum 23. November. An Stuben ten und Lehrer, welche den . Dank
sagungstag zu Hause verbringen.
werden bei Vorzeigung der richtigen Certiffkate. Tickets nach allen Punkten
innerhalb des Central Pagagier
Assoaahon Territoriums verkauft.
giltig für die Abfahrt am Schluß
Schultaa. am Tage rdrber und
nachher und für die Rückfahrt bis zum
Schluß der Ferien giltig, jedoch nicht
später wie Dezember 6.
Danlsagungstag Exkursionen via Monon-Vahn.
Ein und ein Drittel für die Rund
fahrt innerhalb 150 Meilen. Jahr
karten werden am 26. und 27. Novem
ber verkauft; Rückfahrt begrenzt auf den
23. November. An Studenten ähn
licke Raten nach allen Punkten, den
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Giebt mit großem Erfolg seine erste Abend
Unterhaltung in der Saison
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Der Dr. Aleranver Prozeß. ,
Heute wurden die Namen von fünfzig
Bürgern, aus welchen die Jury für den
Prozeß gegen Dr. Joseph C. Alexander
gebildet werden soll, aus dem Rade
gezogen werden. Der Fall soll am 1. Dezember zur Verhandlung gelangen.
Es wird erwartet, daß die Zusammen setzung der Jury große Schwierigkeiten
bieten wird, da es wohl nur wenige
Bürger geben wird, welche während der
letzten Wochen die Berichte über die
Grabschändungen gelesen und sich eine
eigene Meinung gebildet hat; die Ver theidigung wird ferner Jeden zurück
weisen, welcher aus sentimentalen
Gründen gegen die Secirung von Lei chen für wissenschaftliche Zwecke ist. .
Jn der Office des Wm. T. Long,
eines Schwagers des verstorbenen Wal
lace T. Johnson, dessen Leiche aus
seinem Grabe gestohlen wurde, hat eine
Versammlung von Personen stattge
funden, welche an der Prozessirung der
Grabschänder ebenfalls interessirt sind,
weil Leichen von Verwandten von ihnen gestohlen wurden. Jn der Versamm lung wurden die nöthigen Gelder auf gebracht, um einen fähigen Anwalt engagiren zu können, welcher den Staatsanwalt assistiren soll.
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