Indiana Tribüne, Volume 25, Number 294, Indianapolis, Marion County, 4 August 1902 — Page 7
Jndiana Tridune, H. Tlugust 1902
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4" SinKcndc Sonnen, z n a O' jOrigxnalroman von Gecrrges Gl?nct. fv . . , '.7,.s'..'.'..'..'.'.''..' --M-T-! 4Vl"mm ' i l i (Fortsetzung.) Ja, das ist freilich sehr bequem! Mau urtheilt selbst nur immer seinem eigenen Temperament entsprechend, und vernünftiger Weise sollte man es nach dem Temperament der zu Berathenden thun. Ich weiß wohl, was ich in solchem Fall thäte. Doch kann ich wissen, was Du zu thun fähig bist?" Was thätest Du?" Das ist sehr einfach, und zwar hätte ich es längst gethan ich hätte Wels aeheirathet." hne ihn zu lieben?" Warum ohne ihn zu lieben? Ich hätte ihn geliebt. Es ist der Mühe werth." Das ist doch keine Sache der Ueberlegung." Für Dich nicht, das weiß ich wohl. Du bist eine Sentimentale, keine Intellektuelle. Deine Eindrücke kommen nicht aus dem Kopf, sondern aus dem Herzen. Nun ja. Du hast ganz recht, vom Standpunkt der Natur. Du empfindest; Du überlegst nicht. Wenn Du Mels heirathest. würdest Du auf einige Freuden, die alltäglich und sehr vergänglich sind, verzichten. Du würdest Dich nicht für ein oder zwei Jahre Tu siehst, ich rechne reichlich in den Strom der Leidenschaft stürzen. Dock, welche Sicherheit der Existenz schafftest Du Dir! Mels ist reich; er ist gut; er nimmt eine hohe Stellung in der Künstlerwelt ein. Du könntest gewiß sein, daß er Dich glücklich machen würde und daß Du mit ihm eine ruhig: Eh: führen würdest. Nun, das ist doch euch der Erwägung werth?" Du weißt, was ich Dir früher alles gesagt hab?,- wie ungünstig eine Ehe mit mir seine Stellung beeinflussen würde." Die Umstände haben sich seitdem gcandertTherese. Das kleine vom Meisier aufgelesene Modell ist im Lauf weniger Jahre Mademoiselle Aufridi geworden, eine geachtete, anerkannte Künstlerin, die Kaufer für ihre Bilder findet Mein Kind, Du bist jetzt Niemand etwas schuldig. Du bist die Malerin der ,Dame mit dem Handschuh,' die vom Luxembourg angekauft worden ist. Die schönen Frauen der vornehmen Welt lassen von Dir ihre mehr oder minder zurechtgemachten hochnäsigen Lärvcben malen. Verlaß' Dich drauf, eines Tages wirst Du wie Rosa Bonheur das Kreuz der Ebrenlegten erhalten. Du brauchst Dich deshalb nicht mehr darum zu kümmern, waS der Pöbel zu Deiner Heirath mit Mels sagt. Esloäre eine Ehre für ihn. Auch ist es bereits vorgekommen, daß Millionäre Porträtmalerinnen geheirathet haben. So fehlt es' also ebenfalls nicht an Präzedenzfällen. Da Du einen angenehmen Salon habirn und, wie ich hoffe, einen guten Tisch führen würdest, fehlte es Dir auch sicherlich nicht an der Schaar von Leuten.' die nicht wissen, wo sie ihre Abende verbringen sollen. In Folge dessen würde Dein Name in den Salonblättern unter der Spitzmarke: ,Empsangsabende' zu finden sein. Die Akademie würde Euch nicht den Rücken kehren; das kann ich Dich versichern. Deshalb kannst Du jene früheren leeren Befürchtungen außer Acht lassen. Du bist eine sehr angemessene Partie für Mcls. Unter uns gesagt: Du bist es viel weniger für Mayrault." Therese rückte unbehaglich auf dem Sopha hin und her. Ihre Stirn runzelte sich und sie erröthete. Dann fragte sie mit einer Stimme, die in Folge ihrer Befangenheit etwas heiser klang: Wieso denn?" Wieso? Das fragst Du noch? Erstens ist Daniel ebenso alt wie Du. oder nur wenig älter. Du bist fünfundzwanzig er siebenundzwanzig. Jetzt ist das unmerklich aber in zehn Jahren? Dann ist der junge Meister mit siebenunddreißig jünger denn je. und Du, meine Beste, näherst Dich mit Riesenschritten den gefürchteten Vierziern. Dann, mein Schatz, werden Dir die Salons zu einer schweren Prüfung.. in denen schöne Damen von der Sorte der Gräfin Terrenoire den großen, den gefeierten, den glänzenden Mayrault umgaukeln. Wenn Du ihn begleitest, welche Rolle spielst Du in diesen gekünstelten Kreisen, wo Dir alles mißfallen und nichts Dich anziehen wird? Es wird so aussehen, als stelltest Du Deinen berühmten Mann zur Schau. Ist das ein Vergnügen für Dich Und bleibst Du zu Hause, während er als Schmetterling durch die eleganten Salons flattert, wirst Du schwarz vor Eifersucht. Du erwiderst mir darauf vielleicht, daß Du damit nur das Schicksal aller derjenigen Frauen erleidest, welche in der Häuslichkeit bleiben oder die in der Gesellschaft leben. Nein, keineswegs. Deine I- c . r . rjc. . c... iidge wuroe tqx cerjemcoen von oerenigen einer beliebigen, alltäglichen frau fein. Denn Du hast Deinen önlichen Ruhm, der eine gewisse Auf- . rr-jf&mieit auf Dich lenkt, und der Jtn, was Dich betrifft, eineÄesondere schärfe verleiht. Eine berühmte Frau wird nicht auf so stille und unbemerkte Weise hintergangen, wie eine unbekannte Frau, und eine solche ist nicht so sehr das Ziel des Spotts, wie es die Lebensaefäbrtin. eines vielaenann-
ten Mannes sein würde. Das Vergrößerungsglas des bekannten Namens gibt Allem, was Dich betreffen kann, eine Bedeutung, welche das Widerwärtige oder Schmerzliche hundertfach für Dich steigert. Man ist in unserer Gesellschaft nicht ungestraft berühmt. Die färb- und saftlosen Menschen, welche die blöde Masse bilden, lassen es sich angelegen sein, daß Du bei günstiger Gelegenheit für alle kleinen Vorzüge einer privilegirten Stellung bezahlen mußt. Bedenke, Kind, daß ich zunächst nur eine Seite der Frage behandelt habe, nämlich die, welche Dich Personlich angeht. Willst Du. daß ich auch die Lage V3N Mayrault untersuche, und was daraus für Euch Beide folgen könnte?" Therese unterbrach sie mit Schärfe: Höre auf, vziz meine Illusionen zu nehmen! Dein kritischer Verstand hat alles in Deinem Kopfe verdorren las-
sen. Du glaubst an nichts mehr, weder an Liebe, noch an Treue oder Uneigennützigkeit. Bis jetzt hast Du nur von den materiellen Vortheilen zu mir geredet, und nur Enttäuschungen in Aussicht gestellt. Bin ich zu Dir gekommen, um von einer Geschäftsangelegenheit zu reden? Das, was mich beschäftigt, ist meine Liebe! Daniel liebt mich! Das ist das einzige, worauf e5 mir ankommt! Und ich sinne nur auf Mittel, wie ich ihm ersparen kann, daß er nicht darunter leidet. Was ich dabei auf's Spiel setze, darauf kommt es nicht an!" Da haben wir das große Orchester der Leidenschaft! Was soll ich darauf sagen? Du kommst mir vor. wie Jemand. zu dem man sagt: .Sieh Dich vor, Du hältst das Fenster für die Thür und wirst im nächsten- Augenblick aus dem vierten Stock auf das Straßenpflater stürzen.' Und der darauf antwortete: ,Jch würde während der fünf Sekunden, in denen ich die Luft "durchschneide, eine köstliche Empfindung von rsttsqung yaoen. nomme mnterher was da mag!' Die Leidenschaft, liebe Therese, die ist ein Zufall im Leben. Um Himmels willen, lassen wir die Ausnahmefälle bei Seite. Halten wir uns an die allgemeine Regel, das heißt an die gute Mittelstraße des stillen, bürgerlichen Glücks. Die Sterne kann man nicht vom Himmel herunterholen. Alle Schwärmerei und Ueberschwenglichkeit hat ein Ende. Nachher muß man auf die Erde zurückkehren und wie die anderen Leute leben und das ist die längste Periode in unserm Dasein." Welchen Beweis hast Du, daß Mayrault mich nicht vollständig und dauernd beglücken würde?" Keinen. Es ist durchaus möglich. Aber Du hast noch mehr Aussicht, mit Mels glücklich zu werden." Doch ich kann das Versprechen nicht zurücknehmen, das ich Mayrault gegeben habe." Nun, wenn Du Dich gebunden hast, was fragst Tu dann noch?" Ach, Du weißt es recht gut!" rief Therese und die Thränen strömten über ihr Gesicht. Du weißt, wie lieb ich Mels habe, und welche Qual mir der Gedanke verursacht, daß ich ihm weh thun muß. Kann man sich eine schlimmere Lage als die meine denken? Nach welcher Seite ich mich wenden mag, überall treffe ich auf beinah unubersteigliche Hindernisse! Auf der einen Seite hält mich kindliche Anhänglichkeit und nach der anderen zieht mich die Liebe. Und welchem Zuge ich folgen mag, immer verursache ich einem geliebten Menschen Schmerzen, ohne daß es meine Schuld ist." Jetzt, mein Kind, sehen wir die Sache von emer anderen Seite an. Bisher hatten wir uns nur Mit Dir be schäftigt. Sprechen wir jetzt von dem Anderen, und zwar soll das mit gleicher. Aufrichtigkeit qeschehen. Wenn Mayrault sich mit Beginn seiner Lauf bahn verheirathet, in dem Zeitpunkt, in dem er vor Allem den Reichthum seines Temperaments und die Fülle seiner Phantasie zu beweisen hat, so begeht er die größte Thorheit. Geliebte, so viel er will tmz Frau nein!" .Zelie!" Wirf mir nicht Unmoral vor! Du bist zu klug, um nicht zu verstehen, was ich meine. Einem Adler, der sich in die Hohe schwingen soll, darf man ict nen Ballast an die Krallen binden emem jungen Kunstler keine Häuslich keit aufbürden; er bedarf der Freiheit für feine Arbeit. Eine Häuslichkeit. Frau und Kinder, Geldsorgen für die Famill?. das ist der Tod der Begeiste rung. Ein Künstler muß in voller Unabhängigkeit seinen Weg gchen, sonst kommt er nicht vorwärts, und wer auf dem Weg zum Ruhm nicht sortschrei tet, geht zurück." Ach, immer redest Du von Ehrgeiz, immer den Erfolg nie von Glück. In Deiner ganzen Lebensauffassung herrscht nur der Verstand, nicht das erz. Bist Du unfähig, selbst zu lieben, daß Du auch den Anderen das Recht auf die Liebe absprichst? Wenn bei Dir, im Gegensatz zu allen leben den Wesen, ein solcher Mangel vorhanden ist, weshalb erhebst Du diese Aus nähme zu einem Gesetz, dem sich alle menschlichen Handlungen unterordnen sollen?" Zelie lächelte, steckte sich noch eine Eigarrette an und betrachtete mit wohl wollenden Blicken die Freundin. Du bist böse auf mich, Thereschen! Und Du hast so unrecht nicht. Es ist wahr, daß ich entweder in Folge eines natürlichen Mangels oder einer morallschen Verfeinerung eme große Mißachtung vor dem oft gefährlichen und stets unbequemen Fieber empfinde, das die Liebe heißt. Ich habe für mich nie das Bedürfniß dazu empfunden, und
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Anderen strichen. Auch ist man nicht umsonst Journalistin und gewöhnt sich. die Leute abzukanzeln. Das schade! dem Geist und macht einen paradox. Du hast mich um einen Rath gefragt und ich habe einen Artikel geliefert. Das war thöricht, verzeihe! Wir wollen die Sache jetzt einfach anseyen. Tu liebst einen Jüngling, der Dich liebt. Die Sache ist rein persönlich. Ist die Anziehung, die Du empfindest, stark genug, daß Du allen den Schwierigkeiten trotzen kanr.it. die ich Dir aeaeiat habe? eie nno sehr wirklich und keineswegs eingebildet, verlasse Dich darauf! Darüber hast Du allein Zu entscheiden. Niemand kann Dir den Entschluß abnehmen. Und Du hast in ieder Deiner Hände das Schicksal eines Mannes. Je nachdem Du den einen oder den anderen Entschluß fassest, wird Mels glücklich oder unglücklich. Und Mayrault ja. Kind, davon wollen wir lieber Nicht reden. Du weißt, wie ich ihn liebe und achte. Aber wenn ich etwas sage. fr;r Du wieder weinen und völlig iNslüssig obendrein!" Aber verbirgst Du mir denn etwas?" Ich? Nichts! Auf Ehre! Mayrault ist frei. Ich wei'ß, daß die Gräfin de errenoire sich ihm mit der ganzen Dreistigkeit der Weltdame, die sich einbildet, einem kleinen Kunstler eine große Ehre zu erweisen, wenn sie sich herabläßt, ihm ihre Gunst zu schenken, an den Hals geworfen hat. Du mußt wissen, daß er sie mit Kälte aufgenommen hat, denn Mayrault hat Nicht einmal das Bildniß der Schönen malen wollen und hat sie an Dich gewiesen, indem er damit gleichzeitig Deinem Talent eine Huldigung darbrachte und" Dir einen Beweis seiner Treue gab. Dieses nichtswürdige Frauenzimmer ist Hauptsomlicö Schuld an dem Verdruß, den Mels wegen der Wandgemälde für das Kolonialpalais hat. Sie ist es gewesen, die Himmel und Erde in Bewegung gesetzt hat, um den Urtheilsspruch hinauszuschicken und die Konkurrenz zu Fall zu bringen. Ihr ganzer gesellschaftlicher Anhang ist aus den MiNister gehetzt worden, der. von der Majorität der Kammer drangsalirt, von dem Conseil superieur dc3 Bcaux-Arts bedroht, und von den Intriguen der vornehmen Weiber in die Enge getrieben. nicht mehr weiß, wo ihm der Kopf steht. Und mitten in diesem kunstlerischen, gesellschaftlichen und parlamentarischen Ehaos bewahrt nur ein Einziger unentwegt seine Ruhe, nämlich der Held des Abenteuers, Mayrault selbst, der in seinem Häuschen auf dem Montmartre auf Paris herabschaut, das er in die Tasche stecken wird, wie em Bonbon. Und diesen Junglmg. mit seiner genialen, künstlerischen Unbekümmertheit, der nur an seine Arbeit denkt, den soll ich Dir rathen, zum Manne zu nehmen? Therese, ich habe noch zu viel gesunden Menschenverstand, um Dich eine solche Dummheit begehen zu lassen. Tu bist frei. Du hast Niemand Rechenschaft über Dich zu geben. Liebe ihn, wenn Du nicht anders kannst, aber Heirathe ihn nicht!" Wie! Ist das Deine Schlußfolgerung: seine Geliebte?" Seine Gefährtin, Freundin, Vertraute, Trösterin, wenn er Verdruß in der Kunst oder in der Liebe hat. Aber nie seine Frau! Bleibt frei Du wie er! Das ist gescheiter, als Euch zu verheirathen, um später Euch nicht zu ve: - tragen, unglücklich zu werden. Euch wer weiß? vielleicht scheiden zu lassen. Denn zu dieser jämmerlichen Kapitulation, zu dieser gewöhnlichen Bankerotterklärung, kommen die schlecht zu einander passenden Eheleute." Fühlst Du Dich denn glücklich. Zelie, so allein und gleichgiltig dahinzuleben?" fragte Therese mit einem Seufzer. Ich halte mich für glücklich, weil ick, Herrin über mein Leben bin. Aber wo hast Du mich gleichgiltig gesehen? Ich liebe die Thiere, ich begeistere mich für die Unglücklichen, bekämpfe Mißbräuche und ziehe alle Ungerechtigkeiten an das Licht. Ich und gleichgiltig! Alles interesnrt mich: das Schone, ' Gute. Große! Ach. Therese, es gibt nur vcllkommene Freuden im Reiche der Einbildungskraft. Da gibt es keinen Irrthum, keine Enttäuschungen. Dort ist alles absolut. Ich babe das Glück - habt, mein Geschlecht in den Kcpf zu verlegen. as tt eine große Sicherheit. Aber, arme Kleine, ich rede zu Dir, wie es Diogenes zu einer schönen, verzärtelten Athenerm hatte tbun lcn nen, der die Liebe als das höckstc Glück erschien. Ich thue Unrecht. Ja, wenn I je r t n - .ir je ? . iu o in, iji cs roamicgciniicj, weil icy nicht demjenigen begegnet bin, der ein Weib aus mir machen konnte, indem er mein Herz erweckte. Ich rühme mich. und bin vielleicht ein unteraeordnctes. verächtliches Wesen. Denn w3 ist schließlich eine Frau, die nichis Weibliches an sich hat, weder das Ge fühl, noch die Schwäche oder die Sanlt muth? Sie ist eine Art Ungeheck:. Geh' also und erfülle Dein Geschick, das heißt: liebe und leide. Ich mißbillige die Empfindungen, die Dich dazu tret bcn, weil ichnfähia bin. sie zu fühlen. Und da ich mich dem natürlichen Gesetz entgegenstelle, habe ich vermuthlich keine Ursache, daraus stolz zu sem,und wahrscheinlich bijt Du aus dem rechten Wege. Bewahre daher nichts von dem, was ich Dir gesagt habe, im Gedächtniß, abge sehen davon, daß ich Dir aufrichtig er geben bin und immer zu Deiner Verfü gung siehe wenn Du meiner bedürfen sollest.- . O . iw, ,lz,k Das wukte iÄ schon
im Voraus.' Doch ich nehme von hier nicht den Trost mit mir, den ich mir holen wollte!" & Ja, liebe Kleine! Du verlangtest von meiner Philosophie die Formel des Glückes, und brauchtest, wenn Du sie wissen wolltest, nur Dein eigenes Herz zu befragen. Alles, was man Dir sagen könnte, wird nichts gegen Deinen weiblichen Instinkt ausrichten. So folge.ihm. Und Glück auf den Weg! Schließlich entscheidet doch nur der Zufall im Leben." Sie erhoben sich und traten auf den berankten Balkon, der im vierten Stockwerk gelegen,einen Ueberblick über die Nue du Eroiant gewährte. Hier sah man bereits die Ausrufer der Tagesblätter, welche die Weinschänken aufsuchten, und die Rollwagen mit den Papiervorräthen, die vor den Druckereien . hielten, Drucker in schwarz beklexten Blusen standen plaudernd und rauchend auf dem Bürgersteig und warteten auf den Beginn der Arbeit. Die schweren Omnibusse, welche nach den Hallen fuhren,donnerten über dieFahrftraße und ein Strom von Fußgängern wälzte sich dem Voulevard.zu. Schweigend betrachteken die beiden Freundinnen das wandelnde Bild des arbeitsamen Lebens, das sich in diesem Winkel von Paris abrollt. Nach einem Augenblick des Sinnens deutete Zelie auf die Schilder von flrnf oder sechs großen Zeitungen, welche an den Vorderseiten der Häuser angebracht waren. Sieh dort! In jedem dieser Vlätter, die in vielen Tausenden von Erem-
plaren verbreitet werden, verfechten talentvolle Schriftsteller die entgegengesetztesten Ansichten. Alle haben Leser, alle Anhänger. Wer hat recht? Das kann allnn die Zukunft einigermaßen klarstellen. Weshalb beanspruchen wir, emer individuellen Wahrheit aewisser zu sein, als diese Männer einer allgcrieinen? Man tappt im Leben wie ein Blinder umher, auch diejenigen, welche ehaupten und mit gutem Recht behaupen können, daß sie deutlich zu sehen vermögen. Sie lächelten einander an. Mit langsamen Schritten verließ Therese den öalkon. trat in das Arbeitskabinett zurück und blätterte zerstreut in den Korrekturen, mit denen Zelie bei ihrem Kommen beschäftigt gewesen war. Es gibt nur Eines, was uns me im Lijc r r i rvf. oje fijc s: . or tourn luni, iijcrescqen, iiauuiuj uic ui beit. Was uns auch im Leben begegnen mag, so lange ich noch eine Feder und Du den Pinsel führen kannst, werden wir uns immer helfen können." r i m yeree eroielazie uno iyre rauen zogen sich zusammen. Denn ohne es zu wollen, hatte Zelie das traurige Bild von Mels heraufbeschworen, der sich von seiner Schöpferkraft verlassen fühlte und mit flehender Stimme die Schülerin beschwor, ihn nicht zu verlassen. Also nach Zelies Auffassung hatte er nicht mehr die Aussicht, sich heraushelfen zu können! Es blieb ihm nur übrig, gewissermaßen lebend in's Grab zu steigen. 'Sie seufzte tief aus und ging sorgenvoller, als sie gekommen war. Aber sie äußerte ihre Kümmernisse nicht weiter, sondern umarmte die Freundin und entfernte sich. 6. Kapitel Mels kam von Paillard heraus, wo er gefrühstückt hatte, als er vor dem Baudevilletheater ein Koupe halten sah, aus dessen Fenster ihm eine Dame zulächelte. Er erkannte die Grafin von Terrenoire und trat mit der Beflissenheit hernn, zu der er als häufiger Gast des Hauses verpflichtet war. Ich habe eben eme Loge sur heute Abend genommen," sagte die junge Frau. Mein Mann wünscht die Rejan? in dem neuen Stück zu sehen. Es heißt, sie wäre so leidenschaftlich dann. Merkwürdig, daß die Schauspielerinnen die Leidenschaft immer so stark auftragen! Ich kenne viele Damen der Gesellschaft, dre manche Abenteuer gehabt haben, doch ist das immer erst viel spater bekannt geworden Zur Zeit hatte esNiemand vermuthet. Sie sahen aus, als wäre nichts passirt." Ja, Gräfin, bei Ihren Freundinnen handelt es sich darum, daß Niemand die Komödie merkte, während die Kunst der Schauspielerinnen darin besteht, alles verständlich zu machen" Wohin gehen Sie, verehrter Meister? Denn Sie werden auch nicht gern mit mir unter den neugierigen Blicken der Billethändler plaudern? Kann ich Sie irgendwo absetzen?" , Ich bin auf demWege nach der Akademie der Künste!" Jlnd ich will nach de? Rue Bellechaffe. Steigen Sie ein, ich fahre Sie dorthin." Mels setzte sich neben die junge Frau, die zu ihrem Diener sagte: Quai Malaquais, vor dem Pont des Arts." Während -der Wagen dahinrollte, lehnt; sich die Gräfin in ihre Ecke zurück, blickte nach Mels aus ihren halb vku? den Lidern beschatteten Augen hinüber und sagte mit einer wegen des Straßenlärms noch schärferen Stimme als fönst: Wie befindet sich Mademoiselle Aufridi heute?" Danke, es geht ihr gut." Sie ist eine höchst eigenartige Persönlichkeit. Ich freue mich jeden Tag mehr, ihre Bekanntschaft gemacht zu haben. Schade, daß sie so ablehnend ist. Wird sie sich wirklich nicht zureden lassen und an einem meiner Montage zu mir kommen? Sie sollten sie mir wirklich bringen Ich möchte sie 'mit ein paar sehr vornehm, einflußreichen Damen bekannt machen, mit Madame de Berule und der Gräfin de Galaru.
Mels schüttelte den Kopf. Sie hat einen sehr unabhängigen Charakter und thut nur, was sie mag." Aber Sie haben doch Autorität über sie?" Gar keine." Weil Sie sich ihrer nicht bedienen wollen. Denn schließlich " Sie begleitete diesen Satz mit einem Lächeln und einem Blick, welcher Mels im höchsten Grade reizte. Er empfand es in diesen Stunden zu schmerzlich, daß Therese begann, sich seinem Einfluß zu entziehen, um es gelassen hinzunehmen, daß man ihm Rechte auf .sie zuschrieb, die er nicht, im Stande wär, auszuüben. Deshalb erwiderte er ärgerlicher, als es seine Höflichkeit sonst gestattet hätte: Ich hab- keine Macht über Mademoiselle Ai;mdi. Weder ich noch irgend Jemand sonst." (Fortsetzung folgt.)
Dcutsckt! 'lm in Guatemala. Durch die kürzlichen vulkanischen Ausbrüche in der Republik Guatemala wurden auch zahlreiche dort -lebende Deutsche schwer geschädigt und dieser Umstand gibt uns Gelegenheit, mit einigen Worten auf die wichtige Rolle hinzuweisen, welche das Deutschthum in Guatemala, der führenden unter den mittelamerikanischenRepubliken, spielt. Seit etwa einem halben Jahrhundert bilden die Teutschen dort eine wirthschaftliche Macht, wie in keinem anderen mittelamerikanischen Staat, wie selbst nicht in dem wichtigen Mexiko und wie in keinem der Nordstaaten des südamerikanischen Kontinents. Eine Schätzung des in Guatemala arbeitenden deutschen Kapitals auf 200.000.000 Mark dürfte kaum zu hoch gegriffen sein. Die Zahl der dort lebenden Deutschen ist im Verhältniß dazu gering, kommt aber für das Land recht stark in Betracht, wenn man bedenkt, daß diese mindestens 1100 Deutschen mit das beste Element bilden unter der Bevölkerung eines Landes, das, etwa so groß wie Süddeutschland, doch nur weniger als 1,400.000 Bewohner zähft, wovon noch fast 900.000 eingeborene Indianer sind. Die wissenschaftliche Bethätigung der Deutschen erstreckt sich auf alle Gebiete. Nirgends besitzen sie einen so großen Theil des fruchtbaren Bodens wie hier. Sie stehen hierin allen anderen Nationen voran. Zehn große Plantagen sind Eigenthum deutscher Altiengesellschaften, etwa 160 sonstige Besitzungen gehören einzelnen Eigenthümern. Gepflanzt wird vor allemKaffee. aber auch viel Zucker. Ein großer Theil auch des deutschen Landbesitzes ist noch mit UrWäldern bestanden, die werthvolle Hölzer liefern. Im Handel ist die Vetheiligung de? Deutschen ebenso wichtig. Besonders liegt die Kaffecausfuhr zum größten Theil in deutscher Hand. Die Hälfte alles im Lande gebauten Kaffees geht denn auch nach Deutschland. In der Hauptstadt befassen sich nicht wemger als 12 deutscheHäuser mit der Kaffeeausfuhr. Im Ganzen gibt es im Lande vielleicht 5060 deutsche Handelshäuser, die noch eine Reihe von Fiualen unterbalten. Auch m der Jndu sine ist der deutsche Antheil groß. In Flußschiffahrt und Eisenbahn-Unternehmungen arbeitet deutsches Geld. Am wichtigsten von allen industriellen Unternehmungen sind jedoch die elektrischen der Firma Siemens u. Halske, die allein in der Hauplstadt Mit 3.600, 000 Mark arbeitet, wovon fast 3,000,000 Mark in deutschen Händen sind. Die Firma Siemens u. Halske befindet sich übrigens auch unter den durch den Vulkanausbruch und die Zerstörung der Stadt Quetzaltenango Geschädigten. Alles in Allem mögen dort deutsche wirthschaftliche Werthe von nicht weniger als 1,000.000 zerstört worden sein. I e t t l e r b ö r s e n " so schreibt ein Berliner Blatt, sind eine wenig bekannte Erscheinung des Groß stadtlebens. Sie werden im Sommer meistens im Freien, in Parkanlagen und auf bestimmten Schmuckplätzen, im Winter fast ausschließlich in den Asylen und Pennen abgehalten. Auch sie haben ihre Baisse und ihre Hausse." Im Sommer ist das. was der gewerbsmäßige Bettler außer baarem Gelde noch braucht, spottbillig zu haben: im Winter erreichen die Preise eine für dieie Kreise bedeutende Hohe. Mit Gebrauchsacgenstanden und Nahrungs Mitteln wird gehandelt, durch Kauf und Tausch. Trumpfe, ein begehrler Artikel, kosten 20 bis 25 Pfennig, gut erhaltene Stiefel, nicht minder gern gesehen, 70 bis 90 Pfennig, Hemden, die weder neu noch reinlich sind, gibt es schon sur 20 Pfennig. An alten Hü ten ist solcher Ueberfluß, daß sie Stück für Stück nur 5 Pfenniq bringen. Aus guten Kleidern macht sich der Bettler nicht viel; immerhin kosten Hosen 40 bis 50 '.Pfennig, Röcke das Doppelte, Winterüberzieher bis 2.50 Mark. Viele gutmüthige Seelen' geben an Bettler Kleidungsstücke, mit denen sie manchem Würdigern und Bedürftigern eme Wohlthat erweisen könnten. Solche Kleider kaufen die Pennwirthe" gern, zahlen aber selten in Baar, sondern gewohnlich in Nachtquartier und Nahrung. Den meisten Bettlern aber ist es die Hauptsache, die erfochtenen" Kleidungsstücke in Geld für Schnaps umzusetzen. Mit belegten Broden und dergleichen wird auf der Vettlerbörse gleichfalls ein ausgedehntes' Geschäft betrieben. Im Allgemeinen ist alles, was man in Berlin Bettlern gibt, nur weggeworfen und man thut besser, seine Wohlthaten für Leute aufzuheben. ! deren Würdigkeit feststeht.
Blolkflatlonen.
Signale und Weichen werden auf größeren Eisenbahnstationen heut: nicht mehr von Hand gestellt, sondern von zweistöckigen Stellwerken und Vlocksiationen aus vermittels langer Draytzuge gezogen. Unser erstes Bild zeigt das obere Stockwerk einer solchen, vor einem größeren Bahnhof gelegenen Llockstation von innen. Auf eisernem Untergestell sind eine Reihe senkrechter Scheiben mit Hebeln, mit denen t eme Weiche oder ein Signalmast verbunden In der B l o ck st a t i o n. ist, montiri. Ueber jede Scheibe läuft em schlausenartiger Drahtzug nach dem unteren Stellwerksraum, wo er zunächst wieder über eine senkrechte Rolle geführt und durch verbundene Gewichtshebel in Spannung gehalten wird, eine Einrichtung, durch die das Anleaen von 600 bis 800 Aards langen Drahtzugen ermöglicht wird. Erst von hier aus gelangen die Drähte theils in unterirdischen Blechrohren, theils oberirdisch als Gestängeröhren zu den Weichen und Masten, nachdem sie zuvor, um Biegungen und größere Längen zu ermöglichen, um wagerecht drehbare Rollen, die in versenkten Vlechkästen ruhen, geführt worden sind. Die Arbeit des Personals einer großeren Station ist, kurz angedeutet, solgende: Auf telegraphischem oder telephonischcm Wege erfolgt die Versuindigung mit der nächsten Station, durch Weichenhebel das richtige Umlegen der' i I. MI '! 5: ! i ii i' ' k .TV ,,;; -ts J: i" " .11; T. I mmmßi Yi4mniFr Im Stellwerksraum. Weichen, durch Signal- ' oder Fahrsiraßenhebel. die an ihrer Zahnradscheibe zu erkennen sind, das Ziehen der Fahrsignale, durch, den Block-Apparat das Decken der Züge durch den Läuteapparat und das Ingangsetzen der Signalglccken-auf der Strecke bis zur nächsten Station. Außerdem kann noch durch besondere, schloßartig wirkende Stahlriegel ein geldschrankähnlichesVerriegeln und Festlegen sämmilicher Weichen- und 'Signalhebel einer Blockstation geschaffen werden, und zwar dergestalt, daß ohne Einverständniß der nächsten Station der Vorblock keinen Hebel mehr umlegen kann.' ZurschonenAussicht 5?5?K K-Sr v-- v fMBSlHlftOTTBx i M A ,V? .' '! .. V i 'ivvr-vy, AvW--'J fc " "V''iS . Wirthin: Sie erlauben schon!" Beim Schwimmunterricht, den Mannschaften des Linienschiffes Baden" im Kieler Hafen erhielten, riß die Leine, an welcher der Matrose Röbel aus Tauchau in Thüringen gehalten wurde. Röbel sank sofort unter und ertrank. B e i einem Grenzkrawall in Jawor im Kreise Topliza drang ein Haufen Albanesen auf serbisches Gebiet, überfiel die serbische Grenzwache und tödtete einen serbischen Grcnzwächter Namens Michael Jowitsch. Es folgte ein Scharmützel, in dessen Verlaufe die Albanesen über die Grenze geworfen wurden. Das Schwurgericht in Mannheim verurtheilte die Armenhäuslerin Anna Herrmann aus Krauth'im, die drei kleine Kinder durch Stiche mit Stecknadeln tödtete, wegen Todtschlags zu 13 Jahren Zuchthaus. Der Ehemann wurde wegen Beihilfe zu 3. Jahren Gefängniß verurtheilt. Kun st pfeifenwurde beim Gottesdienst in ber Baptisten - Kirche an Lezington Ave. und 111. Straße in New Aork .hofffähig" gemacht. Frl. Louise Truax pfiff, während der Klingelbeutel die Runde machte, Schumann's Träumerei" mit so viel Grazie und musikalffchemVezständniß. daß j sie als Encore das Mocking Bird", draufgeben mußte. Es war dies das) erste Mal, daß in einer Kirche gepfiffen wurde.
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