Indiana Tribüne, Volume 25, Number 276, Indianapolis, Marion County, 14 July 1902 — Page 7

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tmnan turn Veorg Tjarturia (Lmmy Koexxel.) 5?pZ55ZS5S (Fortsetzung.) Was und wie sie es über die Zunge brachte, sie wußte es selbst nicht. Aber sie hörte auf, das Gift, welches sie ihm beibringen mußte, tropfenweise einzuflößen. - Er saß mit versteinerten Zügen regungslos und starrte auf die leuchtende Lampenglocke. Die schwarzen Ränder unter feinen Augen Verbreiterten sich erschreckend. Welcher Debellaire liegt in Lothringen?" fragte er kaum verständlich und mit erschüttertem Fassungsvermögen. Der vor der Guillotine floh? Wer ist denn der Debellaire, den sie in Würzbürg ich kenne keinen." Er fchwieg und starrte auf die leuchtenden Farben deS Doppelwappens. flein Debellaire. Papa," flüsterte Marie Antonie mit zitternden Lippen. Das' ist es ja, was sie erkundet haben. Dein Vater, sagen sie, war nicht der Sohn des Vikomte Louis Amadee v. Debellaire, sondern der Sprößling eines unbekannten Mannes." . Er zuckte so heftig zusammen, daß sie tödtlich erschrak. Ich bitte Dich, Papa," flehte sie in Herzensanqst, mmm es hin wie ein Geschick. Aus mich selbst ist's ja auch herabgestürzt aus heiterer Höhe. Ich habe mich darunter gewunden und versucht, es abzuschütteln, aber es haftet fest. Du, Max. das Kind, ich wir alle schleppen daran bis an unser Lebensende." Sie hatte im Andenken an die durchlebten Stunden daheim das Haupt tief gegen die Brust sinken lassen, aber die Vorstellung dessen, was ihr noch 'bevorstand, schreckte sie aus diesem nutzlosen Brüten auf. Laß Dir's genügen. Papa, daß Du bist, wie Du bist," fuhr sie mit tiefer Innigkeit fort. Davon kann Dir kein Mensch auch nur ein Tüpfelchen nebnen. Und da ist fo viel, so unendlich die!" Schmeichle nicht!" unterbrach er sie hart. Willst Du mit Deinen Worten den Schandfleck von uns abwaschen? Wer war der Mann, will ich wissen, der sich in's Grab derTebellaires geschlichen hat? Dessen sei sicher, daß ich seinem Geschlecht nachspüren werde. Wie hieß der Mann? Die Spione, welche Gräber ausforschen, werden das wohl auch ausgewittert haben!" Der Name ist unbekannt," versetzte Marie Antonie. Nun, und sonst? Du sollst mir sagen, was über diesen Mann, der sichDebellaire nannte, zu berichten ist." Nichts als daß er der Kammerdiener des Grafen gewesen sein soll," flüsterte Marie Antonie mit stockendem Athem und drückte die Hände gegen die Augen, den Schmerz im- Antlitz ihres Vaters nicht zu sehen. Der Vikomte sprang auf, daß die Lampe auf dem Tisch schwankend klirrte. Er war kreidebleich, seine Brust flog, in seinem Herzen fühlte er eine tödtliche Beklemmung und stechende Schmerzen und daneben einen Luftmangel, daß er beide Arme weit auseinander streckte wie ein Erstickender. Mit einem Schrei eilte sie ihm zu Hilfe. Enkel eines Kammerdieners !" stöhnte er. Mit dieser Abstammung hatte er die Welt, seine Tochter ihren Gatten, sich selbst, alle, die in seine Nähe gekommen waren, betrogen, schnöde hintergangen in ihrem guten Glauben sich selbst aber an den Pranger der Lächerlichkeit gestellt. Es war ihm, als habe er Zeit seines Lebens ein kostbares Gewand getragen, das ihm nun,in Lumpen verwandelt, plötzlich vom Leibe fiel. Ein elendes Gefühl der Entwerthung,.des Herabsinkens überkam ihn so heftig, daß er die Hände geballt gegen einen unsichtbaren Feind streckte. Ich nehme ihn nicht an, den sie mir zum Großvater geben wollen." stieß er mit schriller Stimme hervor und ließ die Arme kraftlos am Leibe niederfallen. Diese niedere Kreatur weise ich von mir, so lange noch ein Athemzug in mir ist. Ich sage nein! nein! Es ist nicht wahr! Die Gräfin lügt. So fühlt kein Enkel eines Kammerdieners wie ich. So sieht kein Sohn eines Lakaien aus, wie mein Vater aussah. Zeigt mir das Sieget, zeigt mir die Kirchenbücher, zeigt mir alles und dann glaube ich's doch nicht! Ihr lügt! Du aua?, wenn Du behauptest, daß Du die Wahrheit sagst!" Sie erkannte ihren Vater nicht wieder in diesem Schmerzensausbruch, der nach außen drängen mußte, sollte das gepreßte und überladene Herz nicht darüber stillstehen. O, Papa," sagte sie mit inbrünstigem Flehen, besinne Dich doch auf Dich selbst! Warum willst Du nicht Deine edlen Empfindungen Dir allein verdanken, warum Deinen inneren Werth abhängig machen vom Klang eines Namens? Du selbst das ist ja doch das Höchste, das Schönste, was Du sein kannst! Wäre damit alles gut, daß ich mich zu achten wüßte als Urenkelin eines sonst braven Mannes, wie glücklich könnten wir heute sein trotz aller Enttäuschung." Er hörte nicht darauf. Verzweifelt starrte er zu Boden. Plötzlich fuhr er auf. .Also darum, darum!" murmelte

er finster lächelnd. Freilich, mit diesem Pseudografen konnte man nicht nach Frankreich heimkehren und des Königs Gnade anrufen. Das ging nicht an. Darum mußte man im Verborgenen bleiben. O!" Er preßte beide Häne gegen die Schläfen. Dieser Lösung habe ich mein Leben lang nachgegrübelt. Jetzt am Rande des Grabes wird sie mir gegeben." Er stieß ein mißtöniges Gelächter aus. das sofort in einem tiefen Seufzer erstarrte. Marie Antonie umfaßte seine Schulier. Aber wie sie ihn zu seinem Sessel geleiten wollte, riß er sich mit krampshafter Hast los. Debellaire! Wo ist der Name Tebellaire geblieben? Ich habe ihn nicht ich habe gar keinen Namen. Jeder Vagabund auf der Landstraße hat einen Vatersnamen. Ich Du. wir haben keinen. Ein Niederträchtiger hat den Namen Debellaire aus dem Grabe gestöhlen und an sich genommen. Die Elenden, die uns diese Schmach ange--than, ich verfluche sie!" Er sank in den Lehnstuhl, welchen Marie Antonie mit zitternden Händen herbeigerollt hatte. Nenne Dich nicht Marie Antonie," murmelte er mit geschlossenen Augen, nicht mehr Marie Anton" Niemand hat das Recht, uns nun geringer Zu schätzen," sagte sie mit sanfter Festigkeit. Und wer es thäte, wäre verächtlich, nicht wir. Tu willst unseren Werth von unsere? Abstammung herleiten, nun, so muß doch der Mann, der Dein Großvater war, die guten Eigenschaften besessen Haben, deren Tu Dich rühmen kannst. Und hat er sie besessen, so brauchst Du Dich des ManneS nicht zu schämen, er heiße wie er wolle, und sei wer er sei. O. Papa." unterbrach sie sich mit sinkendem Muthe, wenn es nur der Name wäre, der mir genommen würde! Wäre es nur das!" Der Nothschrei, der aus diesen Worten herausklang, schreckte ihn aus seiner Abspannung von Neuem auf. Was wird Dir genommen?" fragte er, sich ersichtlich zusammenraffend. Sein trüber Blick klärte sich, sein Unterkiefer gewann an Festigkeit. Aber so benommen war sein Gehirn dennoch durch die erlittene Erschütterung, daß er die einfache Folge der Enthüllung nicht von selbst zog. Sie mußte ihm durch Marie Antonie gebracht werden. Aber im selben Augenblicke, wie sie es gethan, kam ihm das klare Verständniß zurück und damit eine so reißende Fluth von Empfindungen Mitleid. Zorn, Schmerz. Scham und Haß, daß er wie leblos in Marie Antoniens Arme zurücksank. Sein Kind, sein Stolz, die Ursache, daß ihr Gatte das Majorat verlor. Sie, die er werth gehalten, einen Thron zu zieren, sie, sein Liebling, der Demüthigung und dem Vorwurf preisgegeben! Sein zuckendes Herz gestattete ihm kein Wort nur unerträgliche Qual schaffte es ihm. Armer, lieber Papa," hauchteMarie Antonie, tief über ihn geneigt. Ein leises Zittern ging durch seinen Körper. Er glich einem Sterbenden. . Wenn Dein Mann " stammelte er. Dann verließ ihn das Bewußtsein. Als er aus der Betäubung erwachte, lag er ausgestreckt auf dem Bett. Vom Nebenzimmer herein fiel der Lampenschein hell genug über sein Lager, daß er Marie Antoniens Gestalt neben sich erkannte. Er erfaßte ihre Hand. Mir ist jetzt wohler. Geh schlafen, mein Kind!" Sie schüttelte das Haupt. Ihr wa? selbst todesmatt zu Muthe, aber sie. sie dachte nicht an Ruhe. Wäre doch Bruno Geisler hier!" sagte sie mit inbrünstigem Sehnen. Luise sucht einen Arzt, aber ich weiß nicht, welchen." Was könnte er uns helfen!" murmelte er düster. Ich möchte allein sein." Sie ging in's Nebenzimmer. Er rief sie noch einmal zurück. Gib mir die Wappen vom Tisch den Stammbaum auch." Sie holte beides herbei. Mit beiden Händen faßte er das Doppclwappen, feine Lieblingsbeschäftigung seit Monaten, riß es mitten auseinander und schleuderte die Hälften zur Erde. Tann nahm er das Messer vom Nachttisch, stach es in den oberenRand derStammbaumzeichnung und schlitzte das Pergament von oben bis unten auf. Wirf den Rest in's Feuer!" Sie nahm ihm die Fetzen mit bebender Hand ab. Es wird alles gut werden, Papa." sagte sie mit mühsam erkämpftem Lächeln. Du mußt nur Muth haben und nicht an mich denken; in nichts, was Dich kränken könnte." Als sie sich über ihn neigte, umfaßte er ihr Haupt mit jähem Aufwallen Ieidenschaftlicher Zärtlichkeit. . Wenn Du leidest, Papa vergib." Er winkte stumm mit der Hand. Sie hatte noch nicht die Thür geschlössen, da packte ihn sein altes Leiden mit nie vorher gefühlter Stärke. Das zu heftig erregte Herz versagte seinen Dienst. Er fühlte es kaum anders als Erleichterung und Erlösung. Ohne Zucken und Aechzen übergab er sein Sterbliches der Vernichtung. Mit dem großen Tröster Tod ging er willig aus einem für ihn entwertheten Leben. 18. Kapitel. Wochenlang ruhte nun schon der Vikomte in der Erde. Maximilian Trachberg hatte ihm die Grabschrift mitgegeben, welche zu beanspruchen er kein Recht mehr hatte: Ludwig Amadeus Vikomte v. Debellaire. So oft Marie Antonie der letzten

Tage im väterlichen Heim gedachte, das sie so hofsnungsselig einst verlassen mtf so schmerzgereift wieder betreten, so cft sie des Verstorbenen friedliches Antlitz im Geiste vor sich ruhen sah zwischen den engen Brettern auf dem glänzenden Kissen, meinte sie. das Herz müsse ihr brechen vor Gram, nun sie das treuesie Herz verloren. Aber wie sie nie aufhörte sich selbst zu erforschen und dadurch zur Erforschung anderer gelangte, verhehlte sie sich auch nicht', daß trotz aller Liebe ein Schatten zwischen sie und den Vater gefallen war, der untilgbare Schatten gegensätzlicher Anschauung. Mit jedem Tage mußte er sich vergrößern und verdichten. Marie Antonie war längst über die Voreingenommenheit ihres Vaters mit tausend frischen Lebenstrieben emporgewachsen. Sie fah darauf zurück bei aller kindlichen Verehrung-als auf ein Stück Rumpelkammerrüstung, das in die schaffende Rüstigkeit der Gegenwart nicht mehr hineinpaßt. Wenn sie dieser unausbleiblichen Enttäuschung gedachte und der Kette hoffnungslos hingequälter Tage, welche infolge der bevorstehenden Enthüllungen seiner harrten, überkam sie stets ein Gefühl der E?ng und Dankbarkeit, daß ihr Vater vor diesem allem bewahrt geblieben war. Im Nachlasse des Vikomte fanden sich fünfundzwanzigtausend Mark vor, in sicheren Papieren angelegt, von deren Zinsen der Verstorbene bei möglichster Einschränkung sein Leben gefristet. Dieses Geld überließ Maximilian Trachberg seiner Gattin zur selbstständigen Verwaltung und Verfügung. Marie Antonie stand am Fenster, sah die finsteren Schneewolken über Holdenberg hinziehen, und tiefe Angst erfaßte sie bei dem Gedanken, wohin ihr verdüstertes Geschick sie führen werde an Maximilians Seite, und ob das jetzt so trübe begangene Weihnachtsfest jemals eine freudige Wiederholung finden werde. Sie hatten keinen Baum geschmückt und sich an seinem Lichterglanz erfreut Trachberg wünschte es nicht. Und Niemand wußte es besser als Marie Antonie, weshalb er dieses Zeichen der Freude nicht um sich wissen wollte. Wortkarg weilte er neben ihr. Nie sprach er von ihrem Vater. Nicht weil die Trauer der Tochter ihn gleichgiltig ließ, sondern weil er des Vikomte nicht ohne Bitterkcit gedenken konnte und nicht, ohne ihn als den eigentlichen UrHeber seines Kummers verantwortlich zu machen. Um Marie Antoniens Gefühle zu schonen, schwieg er darüber. Wenn nur der Menschenstrom, den ihres Vaters Tod nach Holdenberg gesührt, sich fort und fort ergießen möchte, daß zwischen ihr und Maximilian keine Einsamkeit mehr denkbar wäre! Wenn über alle die klaffenden Wunden ihres Eheglückes, über all die Unbcfriedigung fremde Elemente ablenkende Gegenwart breiteten, daß kein Stachel des Vorwurfs, kein Sproß der Reue darunter hervorschauen könnte! Die junge Frau richtete sich bebend auf. Ihr graute vor der Stille, die sich immer dichier und lautloser um diese glänzenden Räume spann, so lautlos, daß Marie Antonie zuweilen das Wehen des Windes wie Schritte im Zimmer zu vernehmen glaubte, geisterhaft leichte Schritte, die ihr Herz mit Angst erfüllten. EinJauchzen ZhresKindes hätte diese unheimlichen Sinnestäuschungen wie die Sonne den Nebel zerrissen, aber dieser erlösende Ton erschallte nicht. Sie wandte sich hastig ab. Wie gejagt flog sie in's Zimmer des Kleinen, ihre Gedankenqualen zu vergessen. Die blaue Deckenlampe umflimmerte viel nutzlos am Boden verstreutes Spielzeug, kostbare Gaben, die ihren Zweck nicht erfüllten. Marie Antonie stieß sie mit dem Fuß beiseite. Geben Sie mir meinen Sohn!" Sie riß das Kind fast vom Arm der Wärterin, so fieberhaft pochte ihr Herz in mütterlichem Schmerz. Miß Dunby," sagte sie mit zitternder Stimme, von glühender Sehnsucht beseelt, einmal allein mit ihrem leidenden Kinde zu sein, ohne die überwachenden Augen dieser gebietenden Kinderfrau, Miß Dunby. ich habe, wie ich glaube, mein Taschentuch im Wintergarten liegen lassen. Wenn Sie veranlassen wollten und mein Buch" Sie wußte kaum, was sie sprach. Nur eines Gefühls unendlicher Erlösung ward sie sich bewußt, als der Vorhang hinter der wenig erbauten Dame zusammenglitt, und ihr Schritt im Nebenzimmcr langsam verhallte. Marie Antonie, jetzt unbeobachtet, hob ihr Kind mit einer Inbrunst der Verzweiflung empor, es gleichsam dem höheren Geist, den sie anrief, entgegenhaltend, daß er erbarmend darauf niederschaue. Gib ihm Gesundheit! Erhalte ihn! Gib ihm Kraft!" Sie flüsterte es wie erstickt von ihrem Gram, während sie das Gesicht des Kleinen mit Küssen bedeckte. Er hielt die blauen Augen weit geöffnet ob der ungewohnten Bewegung. Die Ähnlichkeit zwischen ihm und seinem Vater war in diesem Augenblick so überraschend groß, daß Marie Antonie mit einem Schreckgefühl ihre Lippen oon seinem Haupte zurückzog. Wenn er auch so unnahbar würde sein wie fein Vater. Wenn sie es erleben sollte, daß der Gram um das verorengegangene Erbe ihr sein Herz ent. remdete, ihn seiner Sohnelliebe abvendig machte, seiner Sohnespflicht! Marie Antonie war's, als höbe sich der Kukunstsscbleier vor ibren Auaen. .Sie

sah eine Zeit heraufdämmern, eine hoffnungsleere Zeit, wo ihr Herz aus tausend Wunden verblutete zwischenMazimilian und seinem Sohn. Diese Vision ihrer überreizten Nerden schwand so schnell, wie sie gekommen. Das Blaulicht aus 'der Höhe flimmerte ruhig wie zuvor auf sie nieder und die Augen ihres Kindes, diese vorzeitig ernsten Augen, hörten nicht auf, ihr ohne Ungeduld in's Antlitz zu sehen. Marie Antonie aber war's, als habe eine eisige Hand ihr heißes Herz berührt. Sie ließ die Arme sinken. Das Gebet erstarb ihr auf den Lippen. Sie blickte wie entgeistert auf ihres unglücklichen Vaters unglücklicheren Enkel. Von dieser Stunde an ging eine Wandlung in Marie Antoniens Seele vor. Das nagende Bedürfniß nach Mittheilung schwand. Tiefer, brütender Gram drückte sein Siegel auf ihr jugendlich wallendes Herz. Ihre rosige Wangenfarbe verflog wie ihr süßes Lächeln, wie ihre Thränen, wie ihre Freude, wie alles, was einst die kleine Vikomtesse v. Debellaire so reizvoll gemacht hatte. Ein ernstes, stilles Weib, das Morgen immer mehr noch fürchtend als das Heute, schritt sie, sich selbst ein nie rastender Vorwurf, durch die einsamen Räume. Trachberg gegenüber wortkarg, verfolgte sie im Stillen um so fieberhafter die sich vertiefenden Falten auf seiner Stirn, erspähte sie im Geheimen jede Spur der fortschreitenden Enttvickelung der Dinge, welche erbarmungslos dem endgiltigen Ergebniß zueilten. Nur einmal brach sie wie vom Blitz getroffen zusammen, als das schwache Lebensflämmchen ihres Sohnes im Morgengrauen kampflos uri unmerklich verlöschte. Maximilian, tief erschüttert, obwohl selbst an des Kleinen Sterbebett nicht fähig, die einst gehegte Hoffnung für diesen Entschlafenen von dem rein väterlichen Gefühl zu trennen, hob Marie Antonie vom Boden und trug sie in seinen Armen auf ihr Lager. In dem nebeldüsteren Grau des anbrechenden Tages, in der lastenden Stille neben der selbst wie erstorben Zieenden ßMtolt der unalücklicken Mutier kamen ihm doch schwer drückende Gedanken: bis zu welcher Höbe glänzenden Jammers er dieses holdselige Kind geführt, nicht aus unwiderstehlicher Liebe, aus allen anderen Gründen eher. Und zugleich tauchte vor ihm aus dem farblosen Zwielicht Bettys königliche Gesielt auf, wie sie sehnend ihr Haar von der Stirn strich, verlangend nach seinen Lippen. Maximilian Trachberg ballte die Hand in zermalmendem Grimm. Seine weiche Regung erlosch. Er stand von Marie Antoniens Lager auf und rief die Kammerfrau herbei., Sie aber, deren dunkle Wimpern tiefe-Schatten um die geschlossenen Lider legten, Schmerzensrunen, die lange, lange Zeit kein Lächeln mehr, verwischte, lag wie entkörpert in der Gewalt eines Traumes, der sie weit fort aus der Gegenwart und Zukunft in das Ede?. der Vergangenheit führte. Sie eilte wieder im blauen Sonntagskleide neben dem Vater durch die sonnigen Straßen, den schweren Zopf im Nacken, die ersten Veilchen und Primeln, auf der Wiese gepflückt, in der

Hand. Dann traten sie in die spiegelblanke Konditor, und ihr schlug das Herz glückselig vor Verlangen. Ihres Vaters spendende Hand drückte sie dankbar an die Lippen. Iß nicht so schnell, dann hast Du länger daran! Wie das so lieb klang! So lieb! Und dann die windige Straße, wo das dürre Laub im Kreise tanzte. Drei, vier kleine Pakete hatte sie zu tragen. Am Theeladen war's, wo sie eines verlor. Bruno Geisler brachte es ihr. Sie gab ihm einen Groschen. War das drollig! Ihm, Bruno Geisler, schenkte sie ein ZehnPfennigstück. O, der Abend, da sie diese ihre Gabe wiedersah! Als sie Maximilian. den Abgott ihrer Seele Wie von einem elektrischen Schlage aufgerüttelt, fuhr Marie Antonie in die Höhe. Fort Sonne, Blumen, Glück und Wonne! Wie eine Luftspiegelung sah sie die Traumesschemen in weiter Ferne hinziehen, verschwinden. Um sie her fahles Morgengrauen, bleierne Stille, durch welche heute Nacht der Todesengel zum Lager ihres Kindes geschritten war. Da war's ihr, als quöllen statt der Thränen glünde Tropfen in ihren Augenhöhlen. Sie schluchzte nicht,'sie schrie laut auf. Ihre Gliede, bebten, aber sie schritt vorwärts. Wenn sie niederzusinken glaubte, preßte sie die Hände gegen die Schläfen, dann ging der Schwindel vorüber. Hinter sich zog sie still die Thür in's Schloß. Nun durfte sie niedersinken in die müden Kniee und den müden Kopf auf das weiße Lager drücken, an die Wange des Kleinen und sich mit aller Kraft, deren ihre Seele noch fähig war, zu ihm hinüber fehnen in das Jenseits, befreit von allem Led und Schmerz. So fand sie Maximilian, und sein Herz wallte über vom Mitgefühl mit ihr und von Bitterkeit gegen das Schicksal, dem er ohnmächtig gegenüberstand. Ohnmächtiger aber noch, ob er's selbst nicht empfand, der Zukunftsfrage gegenüber, welche ihn zu fest umklammert hielt, als daß er aus ihrem Banne jemals frei hätte heraustreten können Marie Antonie," sagte er, sie sanft aufrichtend, meine arme, liebe Marie Antonie, ergib Dich in das Unabänderliche. Wir haben, gethan, was menschenmöglich war. Darüber hinaus kann Niemand."

Niemand wiederholte sie mechanisch. Was hätte sie darum gegeben, wäre sie in diesem Moment fähig gewesen. sich an feine Brust zu stürzen, Trost in seiner Liebe zu finden. Aber er liebte sie nicht, er haßte Thränen. Und sie hätte jetzt nichts für ihn gehabt als Liebe und Schmerzensthränen. Hoffen wir auf die Zukunft." sagte er. Wie wir ihn jetzt Beide verloren haben " Es war ein wunderbarer Zusammenklang von Erinnerungen, welche diese Worte in ihr wachriefen. Wie ein Echo klang's durch ihre Seele: Wenn du mich liebst, jo wie ich dich, Will ich dein eigen sein Sie zuckte zusammen. Der Trost, der Dir werden kann," sagte sie mit matter Stimme, ohne den Blick von ihres todten Kindes Antlitz abzuwenden, hat nichts mit mir zu thun. Ich bin so machtlos, so machtlos. Dich zu trösten" sie brach ab. Ihr Herz pochte roieder zum Zerspringen laut. (Fortsetzung folgt.)

st U 5 f Q II D. Vom Blitz erschlagen. Während einer Begräbnißseier In einer Kirche in Pinerio, Provinz Orense. Spanien fuhr kürzlich ein Blitzstrahl in das Gebäude, und 25 Personen wurden getödtet, 35 ankere schwer verletzt. Kostspieliges Kegelspiel. In Vorklostr in Vorarlberg verspielte letzthin ein nichts weniger als wohlhabender Handwerksmann im Kegelspiel die Summe von 1600 Kronen. Um seine Schuld zu begleichen, mußte der Spieler selbst die Sparpfennige seiner Kinder angreifen. Verspätete Kunde. Mehr als 24 Stunden dauerte es neulich, ehe die Nachricht von der schweren Erkrankung König Edwards in einige der entfernter liegenden Londoner. Vorstädte drang, da die Auflagen der Nachmittags blätter fämmtlich in der Stadt vergriffen waren und nicht in die Vorstädte gelangten. Gerettete Schiffbrüchige. Als letzthin der Dampfer Titus" von den Südsee-Jnseln in Sidney. Australien, einlief, hatte er die gesammte Mannschaft des am 31. Januar gestrandeten Schooners Fairleß" an Bord. Das Siff fcheiterte an den Riffen der Insel San Christoval, einer der britischen Salomonsinseln, die Besatzung rettete nur das nackte Leben. Kaum waren die Eingeborenen der Insel ihrer ansichtig geworden, so begann ein Kampf auf Leben und Tod. Die Schiffbrüchigen, 16 an der Zahl, errichteten ein befestigtes Lager; stets mußte die eine Hälfte auf Wache stehen, UM die fortwährenden Ueberfälle abzuwehren. Sechs volle Wochen währte der Kampf; als endlich der Titus" kam, war ein großer Theil der Belagerten krank oder verwundet, die Uebrigen waren auf's Aeußerste entkräftet. Unangenehme Ueberr a s ch u n g. Eine verwittwete Rentnerin in Berlin hatte kürzlich in einer Zeitung ein Heirathsgesuch veröffentlicht. Viele meldeten sich, die die Bekanntschaft der hochblonden Frau mit imposanter Figur" zu machen wünschren; sie wählte ein Angebot aus der Provinz. Auf dem Fernbahnsteige an der Friedrichstraße wollte man sich treffen; s i e sollte einen Maiglöckchenftrauß, er eine rothe Rose tragen. Der einzige Reisende, der mit der rothen Rose aus dem Zuge stieg, war aber ihr Sohn, der in der Provinz angestellt ist. Das Wiedersehen war etwas p'einlich, die Verlegenheit auf beiden Seiten groß, denn auch der junge Mann sah auf dem ganzen Bahnsteige nur bei seiner Mutter einen Maiglöckchenstrauß. 'Herzog als Lebensrett e r. Während eines Besuches in Dar-es-Salaam, Ostafrika, unternahm unlängst Herzog Adolf Friedrich zu Mecklenburg eine Segelfahrt nach der Leuchtthurminsel. Auf der Rückfahrt begegnete er einem Waleboot, welches von einem Gehilfen des Hafenmeisters aesteuert wurde. Vielleicht war der Steuermann mit den oft überraschend und heftig einfallenden Böen in der Nähe der Hafeneinfahrt noch nicht genügend vertraut, kurz, als sich der Herzog nahe am Hafen umsah, erblickte er das Waleboot mit dem Cegel fll.cz auf dem Wasser liegend, gckentert. Man kehrte sofort um, und es gelang unter werkthätiger Beihilfe des Herzogs, die Verunglückten aus ihrer hilflosen Lage zu befreien. Tapferer OrdnungsWächter. In dem unterfränkischen Orte Wollbach wurde unlängst ein herumziehender Korbmacher bei einem Diebstahl betroffen und verhaftet. Er sollte der Gendarmerie überliefert werden, der Polizeisoldat des Orts wurde mit dieser Mission betraut und machte" sich mit dem Dieb auf den Weg nach Neustadt a. S. Außerhalb des Ortes wurde ihm recht bange vor dem verwegen aussehenden Menschen, weshalb er den Häftling auf den richtigen Weg führte und zu ihm sagte: Dort ist Neuscht (Neustadt), da meld'st Du Dich bei der Gendarmerie!" Der Polizeisoldat ging wieder nach Hause, der Verhaftete aber schlug sich sofort seitwärts in die Büsche. Die Strafkammer Schweinfurt verurtheilte den gutmüthigen Polizeimann wegen Vergehen im Amte zu einem Monat Gefängniß.

Karstadt's Dampf-Färberei A und Echt-Wöschcrei. iNachfolgcr von John Brrll u. Co.) tablir 1871.

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