Indiana Tribüne, Volume 25, Number 253, Indianapolis, Marion County, 16 June 1902 — Page 7
Jndiana Tridnne, 16 Juni 1903
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TUenn du mich liebst.
Noman von Georg Hsrtivig ((kmmy Korppkt.) HSSSZS 1. K a p i t e l. Der verblüffenden Abendröthe geselltm sich die grauen Schatten der Dämmerung. Äus falbem Wolkenkamme schaute die herbstliche Mondsichel glänzarm hervor. Langsam und unaufhaltsam vom Fundament der Häuser bis zum Giebel kriechend, schien ein qualmiger Nebel in's Gewölk hinein zu wachsen. Dürres Laub raschelte im Winde. Von den Baumreihen längs der Straße kam's geflogen einer jungen Fußgängerin gerade in's Gesicht, die eilig der Grenze der Stadt zuschritt, dorthin, wo vor Kurzem noch Wiesengrund gewesen war, bis die Großstadt ihre wachsenden Glieder auch dorthin reckte. 2ln der Thür eines noch kalkduftenden neuen Mietshauses hielt das junae Mädchen an und huschte leichtfüßlg in den schützenden Eingang. Dort spendete eine arg heruntergeschraubte Petroleumlampe just so viel Licht, daß aus dem Dunkel die Glasscheiden einer rechtsseitigen Flurthür auftauchen konnten. BemerZenswerth an dieser Thür, und zwar im Gegensatz zu einer abgenutzten Binsenmatte und einem gänzlich zerschäbten Fußkratzer, war oberhalb des Messingknopfes der Klingel ein großes Porzellanschild angebracht, auf welcbem goldumrandet die Worte standen: Vikomte v. Debellaire. Das junge Mädchen hatte nicht ohne Mühe den Drücker aus der Paletottasche gezogen, denn sie hielt eine Anzahl Paketchen auf dem Arm; das Schloß sprang auf, und fröhlich eilte sie in den schmalen dunklen Gang, entledigte sich dort ihres Mantels und Hutcs, erfaßte sicheren Griffes die Klinke des Wohngemaches und trat grüßend ein. Guten Abend, Papa." Ueber die Lehne eines vielbenutzten alten Lederstuhles, in entsprechender Nähe zur Tischlampe, neigte sich ein ergrautes Haupt. Mein Töchterchen, guten Abend." Ich habe alles mitgebracht, Papa, was die dumme Aufwärterin vergessen hat. Wir werden einen schönen Thee trinken. Draußen ist ein Nebel, brrr! Schlecht Wetter für Dich, armer Papa!" Sie war zur Seite des Sessels getreten und erfaßte die hagere Hand, welche sich ihr entgegenstreckte. Ganz schlechtes Wetter für meinen armen Papa!" wiederholte sie, die rheumatischen Finger, welche so oft Schmerzen litten, anmuthig gegen ihre Lippen drückend. Du sonst zu dieser Zeit nicht ausgehen," sagte der Vikomte. Aber der Vorwurf, welcher in diesen Worten lag, verhallte in einem Seufzer, einem bitteren Seufzer. Wenn die Aufwärterin doch solch' ein Spatzengedächtniß hat und alles vergißt, was man ihr eingetrichtert hat" Der Vikomte hielt seine Augen starr aus die gestickte Decke über seinen Füßcn gehestet. lind Furcht." fuhr die kleine Vikomtessc fort, habe ich nicht viel! Wer soll mir etwas zu Leide thun? Und dann, Papa," sie beugte sich tief über die Hand, welche sie fortfuhr zu liebkosen, es gibt gewif; viele vornehme Damen, die sich selbst bedienen müssen." Leider, leider!" murmelte er, ohne den Blick zu heben, in welchem die Strahlen des Zornes und der Verachtung zugleich aufblitzten. Kind, Du weißt gewiß nicht, was Du sagst!" Aber wenn wir nun heute keinen Schinken und keinen Thee hätten. Papa! Nein, da hole ich's doch lieber selbst!" Du!" murmelte der Vikomte. schwcrmüthig aufblickend. Du läufst im Nebel zu Fuß umher wie ein Proletarierkind, und der reichgewordene Pöbel rollt an Dir vorüber, wirft Dir Staub und Schmutz in den Weg. Meine Kasse ist zwar fast geleert, bis der nächste Erste die wenigen Zinsen hineinwirft, von denen wir nothdürftig leben, aber das wird mich nie hindern hörst Du, nie! diesen Heraufgekommenen zu zeigen, in wessen Adern edles Blut rollt und in wessen der Mischmasch der Allgemeinheit." Wer hätte hierzu ein größeres Recht als Du," sagte das junge Mädchen, als der Vikomte, von dem aufgewandten Pathos erschöpft, zu hüsteln begann. und heftete ihre dunklen Augen voll tiefster Verehrung auf die hageren Züge des Sprechers. Sieh Dir die heutigen Zustände an," fuhr der Vikomte mit schwächerer Betonung fort, was ist oben auf? Geldsack und Protzenthum. In jenen gesegneten Zeiten vor der Revolution. der meine Großeltern entfliehen mutzten, um ihr Leben zu retten, gab's noch Unterschiede. Der Adel der Geburt, der das Unveräußerliche am Menschttl ist, weil er damit bevorrechtet zur Welt kommt, diente den niederen Klassen noch nicht zur Zielscheibe des Spottes. Sie wagten noch nicht, sich Seite cm Seite mit den Edelsten des Landes stellen zu wollen. Und diese Edelsten schmeicheln heutzutage wohl noch gar der Masse, die man mit Wohlthaten erdrücken könnte, ohne Dank zu ernten." Rege Dich nicht auf. Papa!" bat die kleine Likomtesse. Ich will gewiß stets daran denken, wer ich bin." .Wie könntest Du anders," sagte der
Vikomte, die liebreizende Gestalt seiner Tochter zärtlich betrachtend, so lange Du den Nanlen trägst, welcher wie em Kleinod an unserer Familie haftet: Marie Antoinette." Glaubst Du, Papa. daß dieserName Glück bringt?" fragte sie leiser. Es hänat ibm so viel Trauriges an," Schäme Dich!" fuhr 'der Vikomte auf. Es war in den Glückstagen der edlen Königin, als sie der Tochter ihrer ergebensten Freundin den eigenen Namen in der Taufe beilegte. Seitdem erbt sich der Name in unserer Familie als köstlichstes Kleinod fort." Natürlich bin ich stolz darauf. Papa, und wünschte von Herzen, es hätte keine scheußlichen Revolutionstribunale und Guillotinen gegeben und wie all das böse Zeug noch heißt. Ich wünschte, es wandelte wieder eine so holdselige Königin. wie Du sie schilderst, durch das Versailler Schloß. Dir gäbe sie gewiß den ersten Posten bei Hofe und machte Dich zum reichen Manne, wie die arme Marie Antoinette es so gerne that. Und ich " sie lächelte schelmisch ..für die kleine Debellaire fiele vielleicht ein Ehrenfräuleinpöstchen ab." Ganz erbaut von ihrem Phantasiegebäude klatschte sie in die Hände und verneigte sich dann tief. Ergebensten Dank. Eure Majestät, wollen Sie allergnädigst über mich befehlen. Nur bitte ich, meine Ungewandtheit huldvollst zu verzeihen! Was, Papa, ich mache micl gut!" Armes, liebes Kind," sagte er bewegt. Weißt Du, was ich denke?" flüsterte sie. seine Wange streichelnd. So mancher und so manche sind nicht vernlögender als wir und leben doch vergnügt." Ich bin nicht mancher, und Du bist nicht manche," fiel der Vikomte grollend ein. Wenn Dir's zulässig erscheint, einst die Nadel zur Hand zu nehmen und Dich ablohnen zu lassen von Ich könnte so schön in ein Fräuleinstift gehen. Papa!" unterbrach sie ihn ungekränkt und schalkhaft. Denk', ich sei schon ein Altjüngferchen. Den Mops kannst Du mir schon zu Weihnachten schenken." Kindskopf!" Ja. wahrhaftig, da hast Du recht." sagte Marie Antonie. und ihre Haltung ward zusehends unsicherer, während sie die Pakete von der Tischplatte aufnahm, sie in die Küche zu tragen. Jcb war heute aber böse darfst Du nicht sein ich habe vorm'n eine kolossale Dummheit gemacht. Am liebsten möchte ich mich selbst ohrfeigen. Bitte, thu Du's, Papa!" Sie hielt ihm ihre weiche Wange hin. Klatsche nur ordentlich zu, Papa! Ich verdien's!" Eine Dame Deines Standes" Ach. mein Stand hat damit gar nichts zu thun, Papa, blos meine Kurzsichtigkeit. Am Theeladen ist's passirt. auf der letzten Steinstufe. Jemand sprach mich an. Verstanden hab' ich blos das Wort .bitte!' Und weil ich gerade selbst so schönen Appetit hatte, schenkte ich ihm einen Groschen. ,Da essen Sie sich satt!' ,Danke,' sagte der
Mann es war namllch ern Mann, und, Gott sei Dank, noch ein junger. sonst wär'S noch schrecklicher gewesen .ergebensten Dank, mein Fräulein, für Ihre Güte. Ich wollte Ihnen eigentlich Nur dieses Paketchen überreichen, welches Sie fallen ließen, ohne es zu bemerken.' Denk Dir diese Blamage. ?apa!" Und Dein Groschen?" Richtig, den hat er behalten. Ich war so erschreckt und beschämt, daß ich daran gar nicht mehr dachte. Hätte ich denn sagen können: jetzt geben Sie mir meinen Groschen zurück?" So. so!" murmelte der Vikomte. das lebhaft gefärbte Gesicht seiner Tochter betrachtend. Das kommt also doch vor! Ich wünsche, mein Kind, ja, ich befehle es, daß diese Gänge in Zukunft unterbleiben. Lieber will ich nichts zu Abend essen!" Gewiß, gewiß, Papa! Ich werde es der Aufwärterin noch kräftiger eintrichtern, was sie nicht zu vergessen hat. Du solltest nur wissen, wie dumm ich war." Hast Du einen Begriff, wie der Mann aussah?" fragte derVikomte mit väterlichem Mißtrauen. Groß war er, sehr schlank ich glaube blond," sagte Marie Antonie arglos. Sehr weiße Zähne hatte er auch. Ich sah sie deutlich genug bei dem fatalen Lächeln." So, so. Nun, sieh jetzt zu. daß wir bald eine Tasse Thee haben. Und höre um Groschenalmosen zu geben, müßten meine Einnahmen größer sein." Sie nickte lächelnd. Kommt nicht wieder vor, Papa!" Damit eilte sie aus der Thur. Ihm war heiß geworden bei der Unterredung, ein schmerzhafter Druck lastete auf seiner Brust. Seine dreiundfünfzig Jahre waren's nicht, welche ihm dieses Angstgefühl bereiteten, es war der innere Feind, den er mit sich herumtrug, feit ein schwer überstandener Gelenkrheumatismus das Herz in Mitleidenschaft gezogen hatte. Diese nachgebliebene Herzschwäche, welche durch Sorgen und Kümmernih noch verschlimmert wurde, verfehlte niemals, sich dem Vikomte bei jeder Erregung merkbar in Erinnerung zu bringen. Freilich wäre für solchen Gesundheitszustand eine trockene, sonnige Wohnung ersprießlicher gewesen, aber für die geringe Miethe, welche er zu zahlen im Stande war. hätte ihm in den eleganten Quartieren keine Wohnung zur Verfügung gestanden, es sei denn eine unterm Dach. Und dagegen sträubte sich sein Standesbewußtsein.
Der Momte hörte den Schritt seiner Tochter, und seine Gedanken kehrten zu ihr zurück. Was sollte aus diesem reizenden Kinde werden, wenn er ihre Hand ungestützt aus der seinen gleiten lassen mußte? Der Stamm der Debellaires starb mit ihm aus, und er hinierließ so gut wie nichts. Einige reiche Heirathen auch die letztverstorbene Vikomtesse hatte hübsches Heirathsgut in die Ehe gebracht hatten die einstigen Grandfeigneurs zwar zeitweise in die Möglichkeit verseht, gut zu leben, ohne zu arbeiten; aber das Kapital wurde dabei leider immer kleiner, der Zinsfuß sank auck immer tiefer und so war man mit dem Gelde immer schnell fertig, und das alte Elend fing wieder an. Weshalb hatten nach Beendigung der Revolution nicht auch seine Großeltern eine erfolgreicheRückkehr undAufnahme an den Hof des achtzehnten Ludwig angestrebt? Wenn der Vikomte auf diese Frage kam, hörte jede Gemüthlichkeit für ihn auf. denn mit eiserner Hartnäckigkeit versteifte er sich darauf, in dieser allerdinas befremdlichen Thats ache die Quelle aller Entbehrungen und Sorgen um die Zukunft seiner Tochter zu ehen. Bei solchen Grübeleien spann sich der alternde, weltfremde Mann rettungslos in die Schattenherrlichkeit eines zermorschten und fortgefegten Herrscherthrones ein, so daß er für sich und sein heranwachsendes Kind keine bessere Lektüre zu finden wußte, als Bücher und Berichte aus jener längst vergangenen Periode, die das altfranzösische Königthum priesen. Da war es ihm nun eine Lust, zu sehen, wie auch Marie Antoniens Augen in Staunen und Entzücken aufstrahlten, nicht anders, als wenn eine gütige Muhme die gläubige Phantasie der Kinder mit Himmels- und Erdenwundern in Gluth versetzt. Bei der spärlich leuchtenden Petroleuinlampe, einen Bratapfel vor sich, den Strickstrumpf in der Hand, sah sich dann die kleine Vikomtesse am Arme ihres hochgestellten Vaters reichgeschmückt über das Spiegelparkett des
Versailler Schlosses rauschen, umgeben von köstlich gekleideten Herren, vollendeten Mustern von Eleganz und höfischem Wesen. Und eine wahre Todesangst beklemmte ihr Herz, diesen geistreich scherzenden Herren eine witzelnde und doch würdevolle Antwort geben zu sollen und nicht geben zu können. Darüber wurde der vergessene Bratapfel kalt, und der Strumpf sank ungestopft in den Schooß. Wer vermochte auch bei solcher Herrlichkeit die Stopfnadel zu regieren oder den betrüblichen Zustand der verlöschenden Lampe zu gewahren? Bleib nur sitzen, Papa!" schreckte Marie Antoniens helle Stimme den vor sich Hinbrütenden auf. Ich stelle alles vor Dich hin!" Sie sah allerliebst aus in der hellen Hausschürze, welche sie sorglich um ihr Kleid gebunden, da in diesem Jahre unmöglich eine Toilette für sie abfallen konnte. Und als sie mit ihren schönen Händen einem Erbtheil ihrer Urgroßmutier, deren Reize am Hofe Ludwigs des Sechzehnten ebenso berühmt gewesen waren wie ihre Hurtigkeit, dem alternden Gemahl den letzten Rest Vermögen aufzehren zu helfen wie Marie Antonie mit diesen ererbten schönen Händen dem Vater die Semmelschnitten belegte und hinreichte, verbreitete ihre Anmuth und Herzensfreudigkeit über das ärmliche Mahl nen wahrhaft verklärenden Schimmer. Du sprachst von Deinem großen Appetit," scherzte der Vikomte, als sie ihm die dampfende Tasse Thee reichte. Jetzt beweise ihn durch die Thatsache. Ich bin hiermit vollständig befriedigt, der Rest des Schinkens ist für Dich." Jetzt reut mich doch mein schöner Groschen," sagte das junge Mädchen lächelnd. Mich auch," versetzte er. Aber still, Kind, es kommt Jemand!" Ein scharfer Zug an der Flurglocke erschreckte Vater und Tochter. Du bleibst!" befahl Herr v. Debellaire, seine Decke zurückschiebend, um sich langsam in Bewegung zu setzen. Wie darfst Du daran denken, einem Fremden Abends die Thür zu öffnen!" Der Vikomte ergriff die Tischlampe und ging nach der Flurthür. Wer ist da?" Ein Telegraphenbote." Ein Telegramm an den Vikomte v. Debellaire?" fragte er mißtrauisch. Jawohl." Die Linke des Grafen hob den Eisenhaken der Schutzkette a".s der Krampe. Ein Spalt that sich auf, just weit gcnug. daß die das Telegramm haltende Hand sich hindurch sirecken konnte. Amadeus v. Debellaire nahm das Telegramm und hielt es prüfend gegen das Licht, als wollte er durch den Umschlag hindurch den Inhalt herauslesen, so sehr überraschte ihn dieses ganz außergewöhnliche Ereigniß. Langsam kehrte er in's Zimmer zurück, wo Marie Antonie neugierig ibm entgegensprang. Räume ab, mein Kind!" Der Tisch war rasch leer geworden. aber der Vikomte drehte noch immer mit nervöser Unruhe das Telegramm uneröffnet in den Händen. Ich kann mich mit diesen modernen Elnrichtungcn niemals befreunden. sagte er lebhaft. Es sind elektrische Ladungen, die dem Feinveranlagten einen Schlag versetzen. Welche Wichtigkeit, frage ich Dich, maßt sich die Persönlichkeit an. die uns spät Abends einen Telegraphcnboten über den als jagt! Warum hat sie sich nicht neu
standesgemäßen Brief abgemüßigt? Bin ich dafüi verantwortlich, daß die heutige Memchheit stch einbildet, keine Zeit zu haben? Zeit haben gehört zum Anstand. Ich habe Zeit! Ich habe Zeit!" Er trachtete die schädliche Nervenspannung durch einen Spaziergang im Zimmer auszugleichen, indem er die Versicherung seines Reichthumes an Zeit etliche Mal wiederholte. Endlich hatte der Vikomte sich so weit beruhigt, daß er seinen Lehnsessel wieder einnehmen konnte, zum Entzücken des vor Neugier glühenden jungen Mädchens. Er schlug das Papier auseinander. Sebr seltsam! Da lies! Verstehst Du?" Ja das heißt, ich weiß nicht, wer das ist." Deine verstorbene Mutter hatte eine Stieftante, deren Tochter muß es sein. Ich wundere mich, den Namen im Gedächtniß behalten zu haben." Er las noch einmal halblaut: Werde morgen Vormittag das Vergnügen habcn, Sie aufzusuchen. Freifrau Klementine v. Lüttmig." Was will sie denn diese Klementine?" fragte Marie Antonie kleinlaut. Das mußt Du sie fragen, nicht mich. Jedenfalls wird sie aufgefordert werden, das Mittagessen bei uns einzunehmen, mein Kind. Suppe, Gemüse, Fleisch. Braten. Torte, Kaffee!" Aber Papa!" rief die kleine Vikomtesse, jedes neue Gericht mit lautcrem Händeklatschen begleitend. Du spaßest!" Der Debellaires soll sich kein Mensch zu schämen haben. Und frische Blumen besorgst Du auch." Blumen? Aber Papa" Der kleinen Vikomtesse bangte vor all' dem Glänze, der sich um sie der verbreiten sollte, und doch schlug ihr
dabei das Herz vor Freude und ErWartung. Noch nie hatte sie das Morgenlicht so froh begrüßt wie am folgenden Tage. Der Hotelkoch hatte Pünktlichkeit angelobt, der Konditor desgleichen. Schwieriger gestaltete sich die Sache beim Gärtner. Ach. für einen hübschen Topf chinesischer Primeln forderte er siebzig Pfennig, für ein Alpenveilchen eine Mark achtzig Pfennig. Und gar die blühende Rose! Marie Antonie fragte nicht mehr. Sie umklammerte ihr dünnes Geldtäschchen fester und fester. Endlich war auch dieser Kauf abaeschloffen. Eine Handvoll Blätter für das Tischtuch, ein Tellerstrauß für die Baronin, zwei Blumentöpfe für den allaememen Schmuck da waren vier Mark dahin. Das Geschäft des Tafeldeckens erforderte auch Bedenken, insofern das sogenannte Familiensilber längst in alle Winde geflogen war, ausgenommen eine Zuckerzange, die kein Mensch gebrauchte, und eine vergoldete Lichtscheere mit Untersatz, welche aus mehrfachen Gründen für diese Feierlichkeit unzeitgemäß erschien. Aber auf ihren hübschen Untersatz wenigstens legte der Vikomte eigenhändig zwei silberne Theelöffel. Kaum war dieses Werk vollendet, als ein Wagen vor's Haus rollte. Marie Antonie. allerliebst ausschauend in ihrem blauen Sonntagskleid, wollte sich erregt an's Fenster drängen, als der Vikomte, der trotz seines altmodischen schwarzen Gehrocks höchst vornehm aussah, sie energisch daran verhinderte. Neugierige Dienstboten sehen aus dem Fenster, wenn Besuch erwartet wird, aber nicht die Vikomtesse v. Debellaire." Sie war glühendroth geworden vor Beschämung. Du mußt schon verzeihen, Papa, ich bin heute wirklich ganz närrisch!" Da erschallte die Glocke. Hast Du der Person draußen das Nöthige beigebracht?" Die Aufwärterin erschien schon und überreichte auf dem merkwürdigsten Mitteldina zwischen Untersatz und Tablett eine breite, wappengekrönte Karte. Der Vikomte, seine Nervosität hinter steifer Würde verbergend, betrachtete diese Karte so gkichmüthig, als würden ihm täglich einige Dutzend davon präsentirt. Empfange die Dame selbst, mein Kind." Die kleine Vikomtesse huschte nicht gerade würdcvoll aus der Thür und in den finsteren Gang, als sie plötzlich einer stattlichen Frau im Reisemantel und Boaumhüllung gegenüberstand, welche im Begriff gewesen war, ohne Umstände näher zu treten. Gnädige Frau " Na nu? Wer ist denn das? Haj denn meine gute Kmilla eine Tochter gehabt?" Die Freifrau, welcher Ablegen, Sprechen und Eintreten zugleich keine Schwierigkeiten machte, richtete diese Frage schon an den Vikomte. Darf ich Sie zunächst willkommen heißen, Frau Baronin?" Aber liebster Vetter!" rief diese, von solcher Empfangsfeierlichkeit etwas verblüfft. Ja. davon wußte ich kein Wort! Sie sind also auch Vater? Und das ist vielleicht aar nicht 'mal Ihre Einzige? Was, Kindchen?" Doch," flüsterte Marie Antonie schüchtern, ich bin die Einzige, gnädige Frau." Was fällt Dir denn ein, Kindchen, mich zu tituliren. wenn ich Dich duze. Ich bin Tante Tina für Dich, verstanden? Tante Tina!" Und dann beschaute sie sichtlich erstaunt das bestürzte Vikomteßchen. Wahrhaftig, Vetter, es ist mir leid, nicht schon früher dieses Weges gekommen zu sein. Das
Ist ja eine reizende Ueberraschung. Ich dachte, willst doch 'mal sehen, wie Vetter Amadeus lebt! Sie heißen doch Amadeus?" In Erwiderung all' dieser Herzlichkeit begnügte sich der Vikomte mit einem feinen Lächeln. Meine Tochter Marie Antoinette oder Marie Antonie " Die Freifrau, trotz ihrer stattlichen Größe von außerordentlicher Beweglichkeit, drehte das junge Mädchen hastig nach dem Fensterlicht. Vetter, die verbesserte Kamilla! Ich wollte sagen, viel Aehnlichkeit mit der verstorbenen Mutter. Wenn es Sie nicht genirt. Vetter, so bitte ich mich zu Gast bei Ihnen. Wie's Hausgebrauch ist, Kindchen, sonst gehe ich in den Gasthof zurück." ' Marie Antoniens ehrliches Gemüth sträubte sich gegen die schreiende UnWahrheit, als kämen täglich vier Gänge auf den Tisch, wo schon ein Braten Außergewöhnliches bedeutete. Hilfesuchend blickte sie auf den Vikomte, der mit vornehmster Ruhe sich einer Umschreibung der Wahrheit schuldig machte. (Fortsetzung folgt.)
Die srciattfiisch'polntstHc Jngenv. In der im Jahre 1886 gcgründctcn öeteiniguvg dcr Vereine der polnischen Jugcno im Auslande" (Zjednoczenio") traten nach etwa zehnjährizem Bestehen zwei Richtungen einander scharf gegenüber, deren Programme nicht mit einander vereinbar waren, eine national demokratische und eine social demokratische. Mehrcre Jahre hindurch wurde der Riß noch überbrückt; auf dem 13. Congreß im Jahre 1899 aber führte der innere Widerspruch zwischen beiden Tendenzen zu einem Bruche, der mit dem Siege der Nationaldemokraten endete. Die Socialdemokratem verließen geschlössen den Sitzungssaal und traten aus der Vereinigung aus, gründeten aber eine neue Vereinigung, den Verein der linksstehenden polnischen Jugend". Der letzte Grund des Zwiespalts lag in der Verschiedenheit der Stellungnahme beider Parteien zu den russischen Studenten - Unruhen von 1899. Die Socialdemokraten forderten Sympathiekundgebungen und Unterstlltzungcn für die bedrückten streikenden -tudirenden der russischen Universitäten, während die NationalDemotraten, getragen von Nationalitäts - Prinzip, der Bewegung der ru'fischen Studenten fremd und able y nend gegenüber standen. Auf der Antwerpener Jahres - Versammlung der Zjednoczenie besckäftigc man sich neuerdings mit der Frage, ob der Zwiespalt nicht wieder ausgeglichen werden könnte. Man beschloß aber, von einem entgegenkommenden Schritte abzustehen, weil man sich bei den Secessionisten nicht des nöthigen Vertrauens und des Willens zur Einigkeit versehen zu können meint. An mancherlei Beispielen wurde die Unverträglichkeit der Fortschrittler" erwiesen, die überall da, wo sie nicht das Uebergewicht erlangen könnten, ohr.e Weiteres die Verbindungen abbrächen und dabei nicht selten Neigung zu CC waltsamem Vorgehen geigten. Besonders hatte man dabei einen Fall in Bern im Auge, wo sie wegen einer gemeinsamen Lesl'haUe 'inen brutalen Bruch mit den Mitaliedern der Vereiriigung" berbeigefübrt haben. Auch erinnerte man sich noch sehr wohl, daß seitens der Secessionisten auf jenem 13. Congreß die harten Worte fielen: Es verbindet uns nichts?" Nachdem so aus der Absonderung der fortschrittlichen", rich:iger social demokratischen Polen eine dauernde Spaltung geworden ist. lohnt es sich, auch einen Blick auf die letzte Jahre--Versammlung der Secessions - Vereinigung zu werfen, die in Zürich stattgefunden hat. Die dort gefaßten Beschlüsse betreffen zumeist organisaterische Fragen. Die bisherige Sachsengänger - Commission wurde zur oberstcm Vildungs - Commission des polnischen Auswandererthums" ausaestaltet, welche die aesammte Thätigkeit der Jugend im Auslande" am polnischen Volke einheitlich und im Sinne der Auftraggeber leiten soll. Sie soll di? Berichte ih'er Mitglieder über dieThätigkeit an der Bildung des Auswanderertbuins entgegennehmen und auf den Congressen die ausländische" polnische Jugend über die Fortschritte der Volkssache in der Heimath unterrichten. Mehrere Beschlüsse dienen der Sicherung des Geheimnisses alles dessen, was die Vereine und Mitglieder schaffen und planen. Deshalb wird die äußerste Vorsicht beim schriftlichen Verkehr zur Pflicht gemacht, und start der officiellen Correspondenz die Form der Privatbriefe empfohlen. Ferner werden die Mitglieder - Vereine ausdrücklich darauf aufmerksam gemacht., daß gewisse, lediglich zu ..inrmatorisch,m" Zwecken dienende Bücher keinesfalls in den Lesezimmern der Vereine aufzulegen sind. Aus diesen Beschlüssen gebt zur Ge nüge hervor, daß man es auch hier mit einem Geheimbunde zu thun bat. der im Ganzen dieselben Ziele verfolgt nie die übrigen großen polnischen CkHeimbünde, von denen er sich nur durch den radikaleren Ton unterscheid.!. Auf Z a n t e , einer der jontschen Inseln, befindet sich eine ErdÖlquelle, die schon über 2500 Jahre lang bekannt ist, denn sie wird bereits vci Herodvt erwähnt.
