Indiana Tribüne, Volume 24, Number 214, Indianapolis, Marion County, 21 April 1901 — Page 2
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Andtana Tribüne, Sonntag, 21. April 1901.
Zwei Brüder.
Von Svnd Leopold. sie kam aus dem Krankenzimmer d ging in die Laube hinüber; dort Jjie sie sich nieder, um in Einsamkeit i weinen. Ganz in eine Ecke kauerte t sich, denn nun mußte sie sich einmal usweinen. ' alte Garten draußen lag in schimmernder Nachmittagssonne, die Blüthen auf den Terrassen Urnen so seltsam roth in dem starken Licht, ein tettzer Hauch kam von der Rosenhecke herüber; und dann der Vogelgesang! Gerade jetzt wollte sie weinen, da lles so schön und fröhlich war. Sie drückte den feinen Kopf ganz in das Geißblatt hinein, verbarg ihn in seinen Blättern und Blüthen. Die unablässige Spannung, die ständige Ungewißheit eines langen hal den Jahres, und nun, hoffnungslos, keine Rettung mehr! Sie hatte es beim ersten Blicke gestern früh gesehen, als er ankam. Wie er 'da langsam aus der Reisekalesche herausschwankte, sah sie, wie in einem Lichtschein, der Wahrheit ins Auge: ihr Bräutigam, der da auf sie zukam, 'war ein dem 2ode Geweihter. Eine so weite und theuere Reise, und dann , so heimkehren. Sie hatten ja alle auf Besserung gehofft, und er selbst auch. Warum sonst so heitere Reisebriefe schreiben? Oder hatte er sie dadurch täuschen wollen? Die Bergblumen, von denen ganze Schach4tln ankamen, Edelweiß und wie sie alle hießen, und was die Aerzte an den Kurorten dort unten alles gesagt und versprochen hatten. Es war gar nicht hübsch, seine Braut zum Narren zu haben, sie, die in Angst und Bangen tagaus, tagein umhergegangen war. auf Hochzeit im Frühling gehofft und an der Aussteuer genäht hatte, als gelit es ihr Leben. Na, Maja und Ernefiine würden recht schadenfroh aussehen, wenn sie von der Hoffnungs losigZeit hier im Hause hörten. Sie saß da und dachte sich ganz in Wuth und Grimm hinein, und dann konnte sie nicht weinen. Die Nachmittagssonne war so warm nd mild, so bezaubernd schön, wenn das Leben so düfter war; und dann all' die Laute, die Hähne, die dort nedenan krähten, und die weißen Kühe Don Konsiftorialraths, die unten auf der Strandwiese brüllten. Niemals wurden die Thiere zur rechten Zeit gemolken. Und die Mücken, hu, die einen in den Nacken stachen. Nein, weinen tonnte sie nicht. Nun begannen alle Reseden zu duften; was für ein wehmüthiger Duft, dachte sie, so recht zum Traurigsein, und da waren mit einem Mal die Thränen da. sie kamen so behaglich sacht, eine-und dann wieder eine, nun zwei; sie rannen an der Wange herab, so lind und mild und still. Sie hörte nicht, wie draußen in dem sonnenhellen Gang jemand kam. Ein langer, dunkler Schlagschatten fiel über das Gebüsch, dann fühlte sie eine große, weiche Hand über ihr Haar ftreichen. Sie wußte sogleich, daß es Henning war, der aus der Kanzlei kam; aber sie wollte nicht aufblicken. Sie waren beide ganz still, dachten beide an dasselbe. Ei drückte sein o T ftm i Jf w Avis C a -y fe UUillUU iWÜlllÜ UP UCllJlUll' leirüfegeu und setzte sich neben sie auf die Bank. Weinst du über Gerhard. Voletie?" fragte er nach einem Weilchen ernft. Bisi du es Henning?" murmelte sie, ohne aufzublicken. Du wirst sehen, er erholt sich dock; noch, die Reise hat ihn nur sehr angegriffen; aber er ist ja stark " .Du bist so gut. Henning." sagte sie sanft und ergriff seine Hand, so gut bist du, denn du willst mich trösten; aber du solltest mir lieber die Wahrheit sagen, gerade heraus. Sage mir nun. glaubst du das. glaubst du es selbst?Was denn Bolette?" fragte er etvas unsicher. Sie saß lange, ohne etwas hervorbringen zu können. Ach." stöhnte sie dann, das .Schrecklichste, das Schrecklichste, was mir im Leben widerfahren kann du glaubst es, denn du antwortest mir sa nicht, und nun sehe ich es dir an, ganz deutlich, versuche nicht, mich zu belügen, das ist böse und häßlich von diratz du mich trösten willst, wenn ick- sie und nicht aus noch ein jUber ich habe ja nichts gesagt; komm doch zu dir!" Sie fuhr mit einem Ruck in die Höhe, trocknete eilig ihre Augen ab und wollte gehen. Er ergriff ihre Hand, hielt sie lange fest, küßte sie sogar, und sie zog sie nicht zurück, sondern seufzte nur tief! Henning Henning," es klang wie ein Vorwurf. Die ganze Laube strahlte jetzt im goldenen Licht, das durch den schmalen Eingang hineinströmte; das Sp'nngewebe wiegte sich wie ein düner Silber'chleier davor, hie und da phbte rOfclich eine ganz kleine, gelbe Spnne durch die leuchtende Luft herWAWr. ihr lanaer ftaden blinkte und f&ittmtrit fnä r rtitf X ithFrTnI "7 -..., V U U Vll IUVÜV' tt r Mahagoniplatte des Tisches has ten dned. m ich dir denn in all' dieser Zeit ariichis gewesen, da wir beide hier Herangegangen sind und auf ihn gewaite! haben?" :nning, ja. aber nicht jetzt, hörst VZenn das geschähe, vor dem du so : bist dMveißt doch ..." ( )enning, äJfcing, er ist doch dein' sie ihn heftig, doch 4,, daft terte er toset vor
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.Ja, aber nicht jetzt, nur nicht jetzt!" jammerte sie. .Liebst du mich, Bolette, lbst du mich noch?" Nein, nun muß ich wirklich gehen!" .Gehen! So gehst du fort von mir?" Henning, er ist doch dein Bruder, Henning," schrie sie fast, und erholt er sich, sündigen wir an ihm er ist doch so gut, und wir haben ihn so lieb, nicht wahr? Er hat uns doch nichts Böses gethan, nicht ..." Er stand auf und ergriff ihre beiden Hände; sein Gesicht war bleich. Ach. sag mir nichts, du mußt nicht." bat sie schmerzlich. Doch, ich muß. Bolette. und nun mußt du es auch hören, du bist weder schwach noch überspannt Dr. Ahrens sagte uns heute früh alleS. Mama weiß alles; du bist die einzige, der wir nicht gewagt haben, es zu sagen. Gerhard erholt sich niemals mehr wir müssen in diesem Herbst auf alles vorbereitet sein . . . ober meinst du etwa, das schmerzt mich nicht auch?" 'eine Augen standen voll Thränen, und seine Stimme versagte. Es war, als glitte ein Schimmer über Bolettes Gesicht hin. sie stand da gerade im Eingang und sah ihm forsehend mit ihren großen blauen Kinderaugen an, die durch die Thränen unnatürlich klar geworden waren. Henning." sagte sie ganz leise, ich sah es gleich heute Morgen, als er ankam. Ich wagte nur nicht daran zu glauben." Dann ging sie langsam fort, hinaus in den alten Garten, wo die farbigen Blumen des Spätsommers auf den lauen Terrassen glühten. Er ging ihr langsam nach. Ein Weilchen spater standen sie auf der obersten Terasse. Sie dachten beide an dasselbe, und als sie ihr Selbstgespräch abgeschlossen hatten, ergriffen sie fast unwillkürlich ihre Hände und drückten sie leicht. Hier oben konnte man so weit umherblicken, und gerade heute Abend war der schönste Sonnenuntergang. Die stillen Strandwiesen mit den braunen Rohrpflanzen, die Bündel weißer Schornsteine mit dem schläfrig treibenden Rauch, der blaue Sund mit den breit ausgespannten Segeln der Schiffe, die grüne Mldniß der Glacis und Gärten, es war, als strahlte das alles und flammte in Licht. Über alle Scheiben am Giebel und Dach strömten rothgoldige Wogen, und da waren große, stumme Vögel, die in der rothen Luft stiegen und stiegen, bis sie ganz in flammenden Höhen verschwanden. Sie standen da noch neben einander, dem Sunde zugewandt, und fühlten sich schmerzhaft glücklich. Und sie schwiegen noch immer. Wie in einem Traumgesicht sahen sie in weiter Ferne die uralten Pappeln drüben auf dem Friedhof; diese starren Bäume standen da wie eine schwarze Mauer mit einigen allzu frühen Sternen darüber, die in den hohen Kronen flimmerten. Die strenge Grabeswacht der Bäume zeichnete sich düfter gegen den lichten Himmelsgrund ab, und ein großer Strandvogel verschwand, in unruhigem Bogen der Stadt zufliegend, im dunklen Laub. Sahst du, wie der Vogel sich dort niedersetzte?" flüsterte sie ergriffen. Glaubst du an Wahrzeichen. Boleite?'" fragte er ärgerlich. Komm, gehen wir!" Dann gingen sie zu dem weißen Hause hinauf, das still und verschlossen mit seinen vielen schläfrigen Fenftern der sinkenden . onne zugewandt stand. ; Der Kranke lag auf einem Lehnstuhl am Fenster; er wollte auch den Sonnenuntergang sehen. Die hellen Fenstervorhänge waren seitwärts aufgesteckt, damit das Licht ordentlich hineinfallen könnte. Die Luft im Zimmer war drückend warm und dumpf, das Feuer im Kamin brannte. Briefe, Blumen. Kästen und Papiere lagen durcheinander auf allen Tischen, dazwischen standen Medizinflaschen. Eine Uhr in der Ecke tickte mit dem lustigsten Glockenspiel bei jedem Viertelstundenschlag, und in einem Bauer pfiff ein Vogel. Na, da seid ihr ja!" sagte er lächelnd. ohne sein Gesicht vom Fenster fortzuwenden. Es waren Henning und Bolette. die sich auf den Zehenspitzen hineinschlichen. Sie kamen jeder durch eine Thüre, einer ein paar Minuten nach dem anderen. Rein, wie strahlend du aussiehst, mein langer Junge," sagte Bolette; sie flog zum Lehnstuhl hin und küßte ihn auf die eingefallene Wange; aber sie zog sogleich den Mund zurück, denn die Wange war so kalt und feucht. ali hätte sie einen Todten geküßt. Aber du sitzest da auch recht im Sonnenschein," fügte sie ein Weilchen später mit ihrer hellen Stimme in ihrem alten heiteren Ton hinzu. Es ist so seltsam mit der Abendröthe." sagte der Kranke genau dieselben rothen Farben in langen Strcifen sah ich dort unten bei Eomo, im Serbelloni - Garten. Die Wolken !agen, gerare wie t vier, o langgestreckt, ich sehnte mich so schrecklich nach dir. Bolette." Ach du Armer!" Henning stand am Fenster und beschrieb mit nervösen Fingern Figuren auf Kr Scheibe. Nun sollt ihr hören." sagte der
Kranke munter und richtete sich in den Stiiycn auf; aber er konnte nicht zu grnde erzählen, der Husten war wieder da und knickte ihn zusammen. Es ist schlimm mit dem Husten." fuhr er hernach gleichsam entschuldigenö fort, die Reise hat mich angegriffen; es werden sicher ein bis zwei Wochen vergehen, bis ich mich wieder ganz erhole; aber sehe ich nicht weit n aus ali bei meiner Abreis?
Und er hielt einen großen Handspiegel in die Höhe und betrachtete sich mit großer Freude. Ja. du strahlst förmlich." sagte Bolette lebhaft. Sie meinte wirklich einen Augenblick, er sähe in dem rothen Abendscheine ganz gut aus, und sie fühlte sich fast ein wenig verlegen und bedrückt, weil Henning nun da so dicht bei seinem kranken Bruder stand und sie mit verzehrenden Blicken ansah. Ja. ich bin gewiß dick und rothwangig geworden. Aber warum seht ihr beiden so ernst aus? Ist denn etwas vorgefallen? Setzt euch doch!" Sie setzten sich still, jeder auf einer Seite des Lehnstuhles und sie begannen beide mit fast denselben matten und gewundenen Worten das Aussehen des Kranken zu rühmen. Ja, nicht wahr?" sagte er ganz befriedigt; er war ihren Worten mit leichtem, ermunterndem Nicken gefolgt, das sie gleichsam bat, fortzufahren, damit er selbst in seinem Glauben an diese gründliche Heilung bestärkt werden könnte. Und plötzlich wurde er ganz übermüthig. Er schlang seine langen, mageren Arme um Bolettes Leib, als wollte er sie niemals mehr von sich lassen, lachte mit seinem kurzen, schwerathmigen Lachen und sah sie mit seinen großen, fieberstrahlenden Augen an, die schon so tief drinnen lagen und von dunklen Schatten umrahmt waren. Zu Weihnachten. Bolette . . . . " Zu Weihnachten, Gerhard, was dann?" fragte sie schnell und versuchte zu lächeln. Küsse mich." sagte er. danke, du Liebe, noch einmal, halt, meine Hand, so auch du, Henning ja du, es wird natürlich nur eine kleine, gemüthliche Haushochzeit, hier oben im Saal, ohne große Feier, und dann reisen wir sogleich wieder dort hinunter! Na, was sagst du dazu?" Er legte sich ganz in die Kissen zurück; er sah blaß und ermüdet aus. Draußen am Himmel erloschen alle Farben ine nach der andern. Nur ein einziger großer, mattgelber Streifen war noch da, mit einem großen Stern darüber. Sollen wir nicht gehen, Gerhard," fragte Henning liebevoll, bedarfst du nicht der Ruhe?" Er beugte sich ganz über den Bruder hinab, der völlig in sich zusammensank und gleichsam immer kleiner wurde. Nein, nein, bleibt," kam es ganz ungeduldig von seines Lippen, legt eure Arme unter meinen Rücken, das stützt so schön, danke, ach das ist so gut! So. haltet mich nun so, ihr könnt euch bei den Händen fassen, dann weiß ich. daß ihr beide hier seid. Ich bin nur so em bischen müde; schlafe ich ein. so müßt ihr auch hier bleiben! Hörst du. Bolette!" Es war lange ganz still in dem Gemache, das Feuer im Kamin flammte prasselnd .um das trockene Holz empor, das war der einzige Laut. Ach wie schön ist es. heim zu kommen," sagte er ganz leise, der Ton kam gleichsam von weit her wir drei werden es nun so gemüthlich miteinander haben, nicht wahr, es kann eine gemüthliche Zeit werden für uns alle?" Und dann wurde es wieder ganz still. So, nun schläft er schon," flüsterte Henning. Ihm standen Thränen in den Augen; er war wirklich gerührt, denn er hatte seinen Bruder sehr lieb. Welk und ganz erschöpft sank der Kranke in all seinen Kissen und Decken völlig zusammen. Es kam einer nach dem andern von der Familie ins Krankenzimmer geschlichen, und sie waren ganz erschrocken, ihn auf zu sehen; dann setzten sie sich still ringsum an den Fenstern und sahen in die beginnende Sternennacht hinaus. Der Mond stand im Aufgehen gerade draußen über dem Sunde wie ein rothes Horn. Drüben in den Gärten leuchteten bunte Lichter zwischen den Bäumen hindurch, Schiffslaternen, die angezündet wurden. Die Dämmerung senkte sich mehr und mehr herab, wuchs in der stillen Stube, und niemand sprach. Die beiden, die da saßen, wachten Stunde um Stunde. Als die Dunkelheit sich mehr und mehr herabsenkte, beugten sie sich langsam zu einander hinüber, Wange lag nun fast an Wange, ihre Blicke irrten nach dem Himmel hinaus, wo stille Sterne blinkten. Hinter den weißen Kissen trafen sich ihre Hände wie in stillem Einverständ nift fürs Leben. trugen fast den scylarenven, der sich schwer auf ihre Arme stützte, denn sie brachten es nicht über Herz, ihn zu wecken.
Ihre Hände. Von KranziSka Schulz. Die Klinik ist heute sehr überfüllt und die meisten müssen lange warten. Der Geruch ist betäubend und ein Schrei, der ab und zu aus dem Opera, tionszimmer dringt, markerschütternd. Endlich öffnet sich die Thür des Operationszimmers und ein Knabe mit verbundenem Kopfe und großen I Thränen in den Augen tritt heraus. Nun geht eine gut gekleidete Frau hinein. ein etwa 12jähriges Mädchen an der Hand führend. Der Arzt, ein hübscher, junger Mann, tritt auf sie zu. Was ist mit dem Kinde?" Die Frau streift dem Kinde den rechten Aermel etwas höher und ein Ueberbein auf dem Handgelenk kommt zum Vorschein. Der Arzt betrachtet es einen Augenblick und sagt dann: JiuB operirt werden! .
Mit großen entsetzten Augen blickt ihn das Kind an. Wird meine Tochter den chloroformir:?" fragte die Mutter. Nein, sie ist zu schwach und dann, es ist auch gar nicht schlimm, das Kind kann es sehr gut so aushalten!" Ach nein." sagt das Kind, nicht chloroformiren, ich will auch ganz still halten!" So. nun komm, mein Kind." sagt freundlich der Arzt, willst Du lieber stehen oder sitzen?" Stehen." sagt die Kleine zitternd. Es treten noch zwei Aerzte in das Zimmer, und plötzlich fühlt das Kind, wie ihm die Augen zugehalten werden; seine Hand wird ergriffen und operirt. Das Kind schluchzt nur und sagt weinerlich: Es thut ja so weh." doch hält es ganz still. In Kurzem ist die Operation vollbracht. Befreit athmet die Kleine auf. Die beiden älteren Aerzte entfernen sich wieder. Siehst Du, Du bist ein braves Kind." sagt der junge Arzt, so schön still hat noch nie ein Kind gehalten!" Das Kind wischt mit der gesunden Hand eine Thräne aus den Augen. Welch wunderbar schöne Hände doch dieses Kind hat." denkt der Arzt wieder wie schon vorhin bei der Operation, schade, daß von dem Schnitt eine Narbe bleiben wird." Es sind wicrklich selten schöne Hände: sehr klein, sehr weiß und sammetweich mit rosigen, gut gepflegten Nägeln. Er. der Arzt,' hat noch nie so schöne Kinderhände gesehen; er umfaßt das Kind und kützt es auf den kleinen rothen Mund. Erschrocken entwindet sich ihm das Kind. Flammend roth ist das Gesichtchen, und 'ötzlich fängt es an zu schluchzen un, weint, als sollte ihm das Herz brechen. Auf's höchste erstaunt, sieht der Arzt das Kind ent: Aber, Kleine, was ist Dir denn?Ach. sie wird wohl Schmerzen haben," sagt besorgt die Mutter, komm. Hsirzchen, zu Haus kannst Du Dich schlafen legen." Morgen wiederkommen,- bestimmt der Arzt noch, und die Mutter faßt ihr immer noch schluchzendes Töchterchen bei der Hand und führt es hinaus. So oft sie noch nach der Klinik gehen, immer tritt da? Kind dem Arzt mit gesenkten Augen entgegen und weicht ihm scheu aus, sobald es kann. Und jedesmal bewundert der Arzt von Neuem die schönen Kinderhände. Die letzten Male ist das Kind allein hingegangen. Als ihm endlich erklärt wird, es brauche nicht wiederzukom men, reicht es dem jungen Arzt zum Abschied das Händchen. Adieu, mein Kind., nun bist Du wohl recht froh, daß Deine Hand wieder gesund ist?" und er beugt sich nieder, um das Kind, welches ihn lebhaft interessirt, wieder zu Wissen. Doch da schlägt ihn eines der schönen Händchen mitten in das Gesicht. Wie eine Katze entwinvet sich ihm das Kind und eilt hinaus. Fünf Jahre sind vergangen. Die resolute kleine Elfe ist eine 17jährige Jungfrau geworden. Ihr Vater, ein mittlerer Beamter, ist vor vier Jahren gestorben, und da die Pension, welche die Wittwe bekommt, nur klein ist, ist Elfe darauf angewiesen, mit zu verdienen. Sie ist Comptoristin geworden und hat vor einigen Tagen ihre letzte Stellung aufgegeben. Wie sie au ihrer Mutter sagte, weil sie ein grotzcreS Gehalt haben wollte, tit Wahrheit ist es jedoch ein anderer Grund. Soeben hält sie eine Antwort auf eines ihrer Bewerbungsschreiben in der Hand. Mamachen, denke doch nur. ein Angebot als Secretärin bei einem Arzt mit 75 Mark Monatsgehalt; wäre das nicht reizend, wenn ick das bekäme? Und um drei Uhr soll ich mich schon vorstellen!" Geh nur recht pünktlich hin. Els chen, jedenfalls ist es ein gutes Gehalt Pünktlich um drei Uhr steht Elfe an der Thür des Arztes und klingelt. Das Dienstmädchen öffnet ihr und führt sie in das Wartezimmer. Bald erscheint auch der Arzt und stellt ihr die Bedingungen: acht Stunden Arbeitszeit. 75 Mark Gehalt; verlangt wird: schöne Handschrift, Stenographie. Briefe nach Dictat schreiben, Sprachkenntnisse. Elsas Kenntnisse genügen, und sie wird engagirt mit der Bestimmung: Antritt am nächsten Tage. Sonderbar." denkt der junge Arzt, als Elfe fort ist. dieses- Mädchen kommt dir merkwürdig bekannt vor, wo haft du sie schon einmal gesehen?" Alles an ihr scheint ihm bekannt; die ernsten grauen Augen, das niedliche runde Gesicht, vor allem aber der kleine, trotzige, rothe Mund. Er nimmt ihr Bewerbungsschreiben und liest den mit zierlichen Buchstaben geschriebenen Namen: Else Sanden. Nein, der' Name ist ihm nicht bekannt. Er Wirt)' sich wohl täuschen, vielleicht irgend eine Aehnlichkeit! Am nächsten Morgen tritt Else ihre Stellung an. Der Arzt legt ihr einige Arbeiten hin. Bitte, mein Fräulein, erledigen Sie erst diese Abschriften; nach meiner Sprechstunde werde ich Ihnen einige Sachen diktiren." Kennst du nicht diesen Arzt?" denkt Else, als sie allein ist. bist du denn schon einmal hiergewesen?" Doch sie kann sich dessen nicht entsinnen und macht sich auch weiter keine Gedanken darüber. Nach der Sprechstunde kommt der Arzt zu ihr. Nun, mein Fräulein, schon fertig mit den Abschriften? Das ging ja
schnell, tagt er ltevenswurbia. ..nun werde ich ?khnen einiae Briefe diel ren.Er dictirt ihr und Elfe schreibt. Darf lch einmal sehen, was schrieben baben?" saat er vlökli
und tritt z ihr. um auf bat Blatt zu sehen. Zufällig fällt sein Blick auf ihre auf dem Tische ruhenden Hände. Wie wunderschön." denkt er. wo habe ich doch schon einmal so schöne Hände gesehen?" Er besinnt sich einen Augenblick. Ach richtig, als ich noch in der Klinik war, das Kind, das ich küssen wollte und das sich so energisch wehrte! Aber nein, das war ja ein Kind von höchstens 12 Jahren! Und doch, es sind ja auch schon fünf Jahre her und 17 Jahre kann dieses junge Mädchen ungefähr sein." Und plötzlich fällt ihm ein. dah sie ihm ja auch gleich so bekannt vorkam. Ja. sie mußte daS Kind sein, welches durchaus nicht geküßt werden wollte. Und plötzlich weih er auch, wonach er immer eine unbestimmte Sehnsucht gehabt hat: nach dem kleinen trotzigen, energischen Kinde! Wenn er nur sehen könnte, ob sich auf ihrer rechten Hand eine Narbe befindet, doch die Aermel ihres Kleides fallen ziemlich weit auf ihre Hand. Blitzartig durchzucken ihn diese Gedanken. Plötzlich, ehe er selbst recht weiß, was er thut, ergreift er Elses rechte Hand und streift den Aermel ein wenig zurück. Wirklich, auf dem Handgelenk befindet sich eine kleine weiße Narbe. Doch die Hand erscheint ihm dadurch nicht entstellt, sondern fast noch schöner. Erschrocken springt Else auf und entzieht ihm ihre Hand. Was für schöne Hände Sie haben, Fräulein Sanden." sagt er merkwürdig erregt. Sie wirft stolz den Kopf zurück: Bitte. Herr Doctor. Sie haben mich nicht engagirt, um mir Schmeicheleien zu sagen ! Und dann feufzt sie tief und bedeckt die Augen mit den Händen. O Gott, soll ich schon wieder um dieser Hände willen meine Stellung verlieren?" Aber Fräulein Sanden. ist Ihnen denn das schon einmal passirt?" Sie sinkt auf den Stuhl zurück und schluchzt. Ach ja! In meiner ersten Stcllunq mein Chef und in der zweiten der Sohn meines Chefs, beide wollten mich küssen und um meiner Hände willen! O Gott, wären sie doch häßlich!" Er tritt dicht zu ihr heran. Fräulein Sanden, wissen Sie auch, daß Sie schon einmal wirklich Jemand geküßt hat um Ihrer Hände willen?" Verdutzt sieht sie ihn an. Doch plötzlich ergreift er ihre beiden Hände und küßt sie. Fräulein Else. entsinnen Sie sich noch, als Sie noch ein Kind waren, und Ihre Hand in der Klinik operirt wurde, daß der Arzt Sie damals küßte und daß Sie ihm in's Gesicht schlugen, als er es zum zweiten Male wagen wollte?" Ach. Herr Doctor. Sie sind es?" Weiter kann Sie nichts hervorbringen. Er hält ihre Hände fest. Fräulein Elschen. würden Sie es auch jetzt wieder thun, würden Sie es mir auch jetzt wieder wehren?" Sie antwortete nicht, sondern senkt nur erglühend das Kövfcken. Doch er hebt eS wieder empor und preßtIlet denschaftlich seine heißen Lippen Auf ihren rothen Mund: Else. liebe, süße, kleine Else!Da blickt sie glückselig , zu ihm auf und lächelt ihn an. so daß all die kleinen. weißen Zähnchen zum Vorschein kommen. Und dann küßt sie plötzlich zärtlich ihre eigenen Hände und jubelt: Sie haben mir mein Glück ge-bracht!"
ine Schule für Prinzessinnen. In der Welt giebt es wohl nur eine Schule, deren sämmtliche Schülerinnen Prinzessinnen sind. Sie gehört einer englischen Dame und befindet sich in Bangkok; sie hat gegen 15 Schülerinnen, die alle der königlichen Familie von Siam angehören. Außer Lesen. Schreiben und Musik wird in dieser hohen" Schule freilich nur Unterricht in häuslichen Dingen gegeben. Die königlichen Damen sind in der Schule zugleich in Pension; sie kochen, scheuern, stauben mit Entzücken. Eine Lehrerin zeigt ihnen, wie sie ihre Kleider waschen, stärken und tollen müssen, und sie sind sehr stolz, daß sie ihr eigenes Linnenzeug einrichten können. Ade Schülerin kocht abwechselnd die Schulmahlzeiten, andere decken den Tisch, ordnen die Blumen und schreiben die Menüs. Alles, was mit dem Tisch zusammenhängt, geschieht nach englischer und französischer Art, aber die Prinzeßchen hassen es, auf Stühlen zu sitzen, sie ziehen den Fußboden vor. Das Alter der Mädchen reicht von zehn bis fünfzehn Jahre. Ein siamesisches Mädchen, das letzteres Alter erreicht hat, wird freilich schon als alt werdend" angesehen, es wird schleunigst ihre Heirath angeordnet, und vom Schulzimmer geht das Mädchen direct zu den Würden der Ehegattin über. Diese jungen Schülerinnen führen allmählich die Gebräuche und die Küche der Civilisation am siamesischen Hofe ein. Innerhalb der Mauern der königlichen Schule wird kein Mann geduldet, und es sind strenge Vorsichtsmaßregeln getroffen, damit kein Mann eindringen kann. Es ist gegen die siamesische Sitte, daß Mädchen aus hohem Stande mit männlichen Wesen, die ihnen nicht verwandt sind, zusammenkommen. Jeden Freitag Nachmittag kehren die Prinzessinnen unter der Aufsicht einer eingeborenen Pflegerin in ihren Palost zurück, denn jedes Mädchen hat eine oder zwei Dienerinnen, die sie bedienen und kleiden. Es sollen reizende, gut geartete Persönchen sein, die es vorziehen, lieber die Hände als den Verstand zu gebrauchen. Einfache Vor träge über häusliche Pflege und Lazaretharbeit werden periodisch ehalten, nußerdem lernen die Schülennnen Umschlage machjn und ein Krankenzimmer einrich
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Ihr Sohn.
kon Karl Pault. 5S war in der Mittagsstunde, die Sonnenstrahlen schössen in beinahe senkrechter Richtung zur Erdt hernieder, sie prallten von dem grauen Asphalt zurück und glitzerten die Pferdebahnschienen entlang, in der Ferne zitterte die heiße Luft wie angezündeter Weingeist und aus den erhitzten Trot toirplatten strömte eine unangenehme Wärme. Die Straße war menschenleer, ein Soldat auf Posten, ein Kind mit einem Henkelkorb, ein Depeschenbote und eine Frau, die in einem Korbwagen einen jungen Menschen vor sich her schob, waren die einzigen Vertreter der Rasse der Zweihänder, welche zu sehen waren. Die Frau, welche den Wagen schob, war eine robuste Erscheinung, voll und rund, bekleidet war sie mit einem blauen Leinenkleid, dem große weiße Nelken aufgedruckt waren, das gutmüthige, von Gesundheit und Hitze geröthete Gesicht bedeckte ein schwarzer Strohhut billigster Sorte, eine sögenannte Schute. In dem Wagen saß ein etwa acht-zehn-bis zwanzigjähriger, hochaufgeschossener Mensch ein Blödsinniger derselbe war gut gekleidet, er trug einen rehfarbenen, für die Jahreszeit etwas dicken Anzug, braune Segeltuch - Schuhe und einen Strohhut. Sein Gesicht zeigte den stumpfsinnig - thierischen Ausdruck der Mikrocephalen. außerdem stand der Mund des Unglücklichen schief, ein Schlaganfall hatte die rechte Körperseite gelähmt. wie die gebrochene Haltung der Hand und des Beines zeigte. Gerade an einer Straßenkreuzung stießen wir aufeinander, und da es der Frau schwer wurde, den Wagen über die Bordschwelle zu heben, so half ich ihr. Dank scheen!" sagte sie. zu zweien geht halt Alles leichter!" Sie war stehen geblieben, nun zog sie ein großes, rothbedrucktes Taschentuch hervor, wischte sich den Scbweiß von derStirn und sagte: Es ist sehr heiß!" sie machte eine kleine Pause, in der sie starr vor sich niedersah und fuhr dann fort: Aber was will man machen!" Ich weiß nicht, was mich veranlaßte, gleichfalls stehen zu bleiben, vielleicht weiter nichts als das Gefühl, daß diese Handlung von mir erwartet werde, genug, ich blieb stehen, wischte mir, da ich nichts besseres zu thun wußte, gleichfalls den Schweiß und sagte:, Ja, man muß es tragen!" Man muß es tragen!" wiederholte die Frau nachdenklich und sah dann stille vor sich nieder. Mit einem leichten Seufzer fuhr sie fort: Jetzt ist es nun schon zwölf Jahre so!" War es denn früher besser?" fragte ich, auf ihren Jdeengang eingehend. Viel besser, lieber Herr!" gab sie zur Antwort. Früher konnte er laufen, aber seit dem dreizehnten Jahre ist er gelähmt!" Zweiundzwanzig Jahre ist er?" fragte ich. Zweiundzwanzig, lieberHerr!" antwortete sie, und ohne Verstand geboren!" Schrecklich!" Das Wort fuhr mir heraus, ohne daß ich es wollte, es schien dieFrau auch zu kränken, denn sie sagte in beleidigtem Tone: Oh. so schlimm ist es nun auch nicht, ja, wenn ich mehr Kinder hätte, aber ich ha5 man bloß den einen! Mühe, na ja, die macht er ja. aber zuletzt, was ist denn das groß, so 'n bißchen Wagenschieben, wenn's so heiß ist, wie heute, schwitzt man wohl, aber Andere müssen noch viel schwerer arbeiten, Geld, na freilich kostet er Geld, weil er nichts verdient, aber Gott sei Dank, wir Haben's ja, mein Mann ist städtischer Beamter und Abends macht er Tanzmusik und ich hab' eine Aufwartestelle bei einer einzelnen Dame, die macht mir mehr Vergnügen wie Arbeit bloß von Sieben bis Neune und dann kann ich meinen guten Junoen pflegen, denn gut ist er, so still und geduldig, niemals daß er wild wird wie andere Irre, denn er weiß doch nicht, was er thut und Kummer! Du lieber Gott! Andere Eltern haben mit ihren Kindern auch Kummer. Bei der Eglin, was meine Nachbarin ist, da haben sie ihren Sohn, ihren Rudolf, einen großen, kräftigen Menschen abgeholt, weil er gestohlen hatte. Gelt, mein Kurtchen." wendete sie sich zu dem Kranken, so'n Kummer machst Du Deinen alten Eltern nicht!" Lwlwl!" grunzte der Blödsinnige. Ein Schein stolzen MutterglückeS glitt über das Gesicht der Frau, ihre blauen Augen ruhten mit strahlendem Ausdruck auf mir, als wollte es sagen: Sehen Sie. was der Alles versteht!" Mit frohzufriedener Miene nickte sie mir lächelnd zu. und eine Melodie aus ihren Jugendtagen anstimmend, schob sie leise ünaend den Waaen weiter. Enttäuscht. Junge Frau (zärtlich zu dem vom Bureau heim' kehrenden Gatten) : Haft du auch heu' te manchmal an mich gedacht, Männ-chen?-Mann: O ja. jsdeömal, wenm ich den Rock zuknöpfen wollte, und' dann sah, daß noch immer der Knopf nicht angenäht war! " Schlau. Mann: Warum bezahlst du denn eigentlich die kleine Moderechnung nicht?" Frau: Ach. das verstehst du nicht. Männchen; die Modistin ist eine Französin, und da habe ich immer eine Gratis - Conversaiionsstunde. wenn sie mit der Nechnung kommt!" Da größte Glück ist für viele Menschen das, dah sie nicht merken, tvie gütlich sie hätten sein könn.
Die Siche.
Von Alice ffreiin v. Gaudn. Frühling, deine Quellen schäumen. Deine warmen 'Winde wehn: In des Waldes dunklen Bäumen Drängt und webt ein Auferstehn. Nur der Eiche trotz'ge Krone Trägt noch die verdorrte Zier. Deinem lichten Grün zum Höhne: Welkes Laub paßt nicht zu dir! Rauschend zieht dein Lebensreigea Ueber die verjüngte Flur. Frühling, aus der Eiche Zweigen Tilge du des Todes Spur. Alles grünt in weiten Landen. Alles schmückt sich neu und schön Sie, nur sie. hat nicht verstanden Deines Weckrufs Sturmgetön! Und es grüßt des Frühlings Lachen Silberhell aus Buchengrün: Nur Geduld! Sie wird erwachen. Wenn die Veilchen sacht verblühn. Deutscher Sinn steckt ihr im Kerne, Der behutsam prüft und fest, Und für Gutes in der Fer Nicht Erprobtes fallen läßt.Eine merkwürdige Frau. Im Jahre 1651 erschien in Leyden eines der merkwürdigsten Bücher der damaligen Zeit, welches, in lateinischer Sprache geschrieben, den Titel führte: mDe ingenii muliebris ad doctri nam et meliores litteras aptitu dine" (Von der Geeignetheit des weidliehen Geistes zur Gelehrsamkeit und zu den schönen Wissenschaften). Die Verfasserin dieses für die damalige Zeit so seltsamen Buches war Anna Maria von Schürmann, der Stern von Utrecht", oder das Wunder des Jahrhunderts", wie man sie in gelehrten Kreisen nannte. Anna Maria war die 1607 in Köln geborene Enkelin eines Niederländers, der vor Alba seine Zuflucht am Rhein gefunden hatte. Von dem gelehrten Vater und Privatgelehrten unterrichtet, überflügelte sie bald ihre älteren Brüder an Kenntnissen und Wissensdrang bei weitem. Die wißbegierige Jungfrau entwickelte sich bald zu einem Sprachgenie ohne Gleichen. In ihrem 16. Lebensjahre, in w !chem ihr Vater starb und die Mutter mit den Kindern nach Utrecht übersiedelte, beherrschte die Hochbegabte bereits die alten Sprachen, das Deutsche, Holländische, Französische, Englische, Italienische und Spanische, vollständig. In der Universitäöstadt trat die Familie Schürmann in engen Verkehr mit den reformirten Theologen, trn deren Spitze späterhin Gisbert Voetius (1617 bis 1676) stand, der einen nachhaltigen Einfluß auf Anna Marias Geist ausübte, ihr Streben auf die Theologie hinlenkte. Unter Voetius' Anleitung studirte sie Hebräisch und daneben die verwandten orientalischen Sprachen, Syrisch. Ehaldäisch, Ärabisch. Aethiopisch. Bei alledem war sie eine Meisterin in weiblichen Handarbeiten sowohl als in der Portraitmalerei und in der Holzschneidekunst, ja ihre geschickte Hand lieferte sogar Kupferstiche und verstand den Meißel des Bildhauers zu führen. Weit über die Grenzen Hollands war der Ruhm des Sterns von Utrecht" gedrungen. Ihr Briefverkehr war ein enormer, correspondirte doch sogar die strenggläubige Protestantin mit Richelieu und dem Metropoliten von Ephesus. Von einem Dichter in Breslau und lateinische Verse auf sie erhalten. Ihre Sammlung kleiner literarischer Erseugniffe, Opuscula", in hebräischer, griechischer, lateinischer und französi scher Sprache erlebte innerhalb vier Fahren drei Auflagen, ein siir die damalige Zeit enormer Erfolg. Das Heim der Schürmann in Utrecht war das Ziel vieler hervorragender Personlichkeiten. So suchte sie die wissen?durstige Königin Christine on Schmeden, die Sibylle des Nordens", wie sie vielfach genannt wurde, auf. Prinzessin Elisabeth von der Pfalz, eine Tochter des unglücklichen ..Winterkönigs" und eifrige Jüngerin des Philosophen Descartes, stand schon damals mit Anna Maria in freundschaftlichem Verkehre. Als im Jahre 1645 die Königin von Polen. Gemahlin Wladislavs IV., auf einer Reise Ütrecht berührte, konnte sie sich es auch n!cht versagen, die zehnte Muse des Jahrhunderts" aufzusuchen. Bei diese? Gelegenheit unterhielt sich Anna mit einem Gelehrten im Gefolge der Königin. )er dies berichtet, in lateinischer, mit bim Leibarzt in griechischer, mit dem ?ischof in italienischer Sprache. Daß die Schürmann weit davon entfernt war. ein Mannweib zu sein, davo? zeugt vor allem die Weichheit des Ge müthes, die leicht nachhaltigen Eindrücken zugänglich roar. Wie sie in jüngeren Jahren sich ganz dem Einflusse von VoetiuS hingegeben, so ward , sie in späteren Jahren die eifrigste An- , hängerin Jean de Labadies. jeneS schwärmerischen Sektirers. welcher die reine Gemeinde der wahren Christen" um sich sammeln wollte und in seiner Genossenschaft in Amsterdam, später in Herford, wo der Labadiften - Gemeind: die Prinzessin Elisabeth von der Pfalz als Aebtissin &.t Schützerin war. die Gemeingüterschaft der ersten Christen mit peinlicher Gewissenhaftigkeit durchführte. 1672 von Herford vertrieben, folgte Anna Schürmann Labadie nach Bremen, von da nach Altona, wo Labadie 1674 starb. Nach dessen Tode zog sie sich nach Winwarden zurück, wo sie im Jahre 1678 starb. Zweifellos ist die Frau eine der merkwürdigsten Erscheinungen in der gesammten Culturgeschichte des 17. Jahrhunderts. Zwklevlei .Was m Schwiegermutter' X. ire " 1? enevtr g
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