Indiana Tribüne, Volume 24, Number 129, Indianapolis, Marion County, 26 January 1901 — Page 7
Jndiana Tribüne, S. Januar ISN1.
Argus nugen. v!o?::an reit Paul Z I a r Höcker.
(Formung.) Nun iccfte es aber das Unglück Thco Hüttl's, daß ihn ein durchaus glaubhafter orrcarib kurze Zeit nach der That an die Mordstelle süyrte. Er ist der erste Zeuge. Aber er kann nicht zum Schwur zugelassen werden, weil er der Angeklagte ist. Mit welchem Recht so frage ich aber wollten Sie jenen Mr. Stanway zuin Eide zulassen? Ist Hüttl nicht glaubwürdiger als Stanway? Wie wenn nun Stanway auf der Anklagebank säße? Würden Sie einem Manne von dem unbescholtenen Vorleden Hüttl's es dann verweigern können. daß er vor Ihnen bei Gott dem Allmächtigen schwört? Und würden Sie dann nicht seiner Aussage Glauben schenken müssen? Er hat das Haus verlassen, ohne von der That zu erfahren. Ein Mann wie Hüttl. der nach der einstimmigen Aussage seiner Verwandten, seiner Freunde und auch derer, die nur in losem Zusammenhang mit ihm standen. durch und durch ein Ehrenmann war. würde es nicht über's Herz gebracht haben, freimüthig und glückstrahlend vor seine Braut zu treten, wenn er uw das schreckliche Verbrechen auch nur gewußt hätte. Nun hat der Herr Staatsanwalt an die Befangenheit .Hüttl's erinnert und uns Allen ist noch die treffende und mir aus dem .Herzen gesprochene Bemerkung der Zeugin Frau 2r. Fincke im Gedächtniß, die erwiderte, daß das bräutliche Glück sich bei jedem cmpfindungsvllen Menschen verschieden äußert. Eine gewisse Befangenheit Hüttl's Oibt ich auch ohne Weiteres zu. Sie rührt daher, daß Hüttl an die Unaufrichtigkeit. ja a,n eine Schurkerei Beyer's glauben mußte. Es ist menschlich und so leicht erklärbar, daß er die Harmonie dieses für ihn i:nb seine Braut weihevollen Tages durch die Erinnnerung hieran nicht trüben wollte. Tiefes schonungsvolle Schweigen allein brachte ihn später dem Criminalcorninissar Weindel geocnübcr in cwen so furchtbaren Verdacht. Es war aber.nur eine Nothwendigkeit für ihn, daß er vor seiner Gattin das einmal bewahrte Geheimniß auch weiter beobachten wollte. Sein Schreck, seine Bestürzung aber über die 'Mittheilung von Beyer's Ermordung sprechen gerade dafür, daß er um die Unthat bis zu jenem von Weindel geschilderten Moment in Freschwater nicht gewußt hat. Erklärt ist ferner euch der Grund seiner plötzlichen Ab.reise von der Insel Wight. Er konnte seiner Gattin nicht anvertrauen, daß Beyer todt sei, ohne ihr gleichzeitig zu gestehen, daß er jene von ihm angeführte Unterredung mit dem Unglücklichen. in der ihm die Zusendung der wichtigen Briefe zugesichert worden sei. nicht gehabt hatte. Hüttl wußte nichts von dem gleißnerischen Brief Stanways an die Gesellschaft Hammonia". Hätte er davon Kenntniß gehabt, fo würde er vielleicht gleichfalls keinen Verdacht gegen Stanway geschöpft haben so aber mußte er sich sagen: Es ist zum mindesten auffällig, daß Beyer, nachdem er sich vor kaum einem halben Jahre zu Gunsten seines Compagnons versichert, und zwar so hoch versichert hat, noch vor Fälligwerd:n der zweiten Halbjahrsrate erschlagen werden mußte. Und als pflichtgetreuer Beamter, der das Interesse seiner Gesellschaft wahrzunehmen gewohnt ist. trennte er sich von seiner Gattin, so hart es ihn ankam, sie auf der Hochzeitsreise mitten im ersten jungen Glück zu verlassen. Nach seiner Festnahme hielt man alle Betheuerungen. daß er Stanway mißtraut habe, für leere Ausflüchte ja. sogar für die Befriedigung einer tückisehen Rachlust. Nun, meine Herren Geschworenen, der Eifer, die Umsicht, die rastlose Thätigkeit der kaum vom Siechbett aufgestandenen Frau Felicia Hüttl haben seltsame, höchst seltsame Enthüllungen zu Tage gefördert. . Edward Stanway, der Hauptzeuge der Anklage in diesem Proceß, ist ein Betrüger! Durch die ten Frau Felicia Hüttl beigebrachten Zeugen ist klar erwiesen, daß nicht Beyer die auf ihn lautende Lebensversicherung mit der Hammonh" abgeschlossen hat, sondern Stanway, und zwar in schlauer Weise zu einer Zeit, da er sich mühelos in den Besitz von Beyer's Legitimationspapieren zu setzen vermochte. Dieses Manöver hat aber nur dann Sinn, wenn er annehmen konnte, Beyer zu überleben. Ja. wenn er es darauf a n 1 1 g i c, Beyer zu überleben. Und da Beyer, von seinem acuten Leiden bald genesen. sich einer dauerhaften Gesundheit erfreute, Stanway aber bei seinen schlechten Finanzen garnicht imStande war, die hohen Prämien regelmäßig zu erlegen, so mußte er eben darauf sinnen. seinen Compagnon gewaltsam be! Seite zu schaffen. Und so sehen wir denn dies mit der Thatsache übereinstimmen, daß Anfang October im Eisenwaarengeschäft des hier erschienenen Zeugen ein Stilett angekauft wird, dessen Existenz im Haushalt Beyer's bis zum Tage des Mordes eine geHeime war. Der ewige Referendar" Fritz Beyer mochte Wohl selbst nicht darum gewußt haben.daß imHandwerkskästen in der Küche seiner kleinen
Wirthschaft das scharfgeschlifsene Dolchmesser ruhte, das ihm in der Frühe des denkwürdigen 12. März den Gar ms machen sollte!" Es wurde unruhig im Auditorium. Ein paar Damen, die ihren Nerven zuviel zugetraut hatten, begannen, von
der unheimlichen That durch Helm s Darstellung gefoltert, zu weinen. Es mußte für ihre Fortführung Sorge ge tragen werden. Der Präsident hatte aber nicht nöthig, erst nach der Glocke zu greifen, denn im Augenblick ward es dann wieder todtenstill. Doch weiter!" hob der Vertheidiger wieder an. Hüttl ist nach der Darstellung des Herrn Staatsanwalts der Thäter und Sie, meine Herren Geschworenen. haben die Schuldfrage zu prüfen. Prüfen wird also. Stanway ist der Einzice, dem durch Beyer's Hintritt ein Vortheil erwuchs aber Hüttl ist dir Mörder.. Stanway kann ja gar nicht der Mörder sein, denn Herr und Frau Kleist haben ihn ja an dem fraglichen Morgen um sechs Uhr sein Haus verlassen sehen. Und es ist ja nicht möglich. daß er in diesem Augenblick von der Mordthat gerade kam!" Wieder ging ein Murmeln durch die Reihen, das aber sofort erstarb, als der Vertheidiger mit erhobener Stimme fortfuhr: Nun denn, meine Herrn Eeschworenen. all diese Schlüsse sind Trugschlüsse. Und ich will nicht anstehen, Ihnen das zu beweisen. Den Vortheil, den Stanway durch den Tod seines Compagnons erzielte, habe ich Ihnen schon dargethan euch die Nothwendigkeit, baldigst die Erbschaft Beyer's anzutreten. Sobald Si? nun davon überzeugt sind, daß Vertheil einerseits, Mittellosigkeit andererseits diesen raffinirten Amerikaner endlich zwangen, an's Werk zu schreiten. fehlt kein Glied in der Kette der Argumente mehr. Welche Zeit wäre günstiger für das blutige Werk gewesen als die gewählte? Beyer hatte sich schwach gezeigt gegen seine Cousine und deren Gatten und andererseits war zwischen ihm und der Miß Worcester eine gewisse Gespanntheit, ja. eine gewisse Fcindseligttit entstanden. Wenn man Beyer also plötzlich erschlagen auffand, so mußte sich doch der Verdacht hundertmal eher gegen eins von diesen Dreien wenden als gegen ihn, den Freund Beyer's, der gleich nach dem Bekanntwerden des Mordes nach allen Seiten hin ausposaunte, wie schwer er auch materiell durch das Hinscheiden seines Compagnons geschädigt sei. Ich bin also überzeugt, daß der Mordplan schon an dem Abend im Hirn Stanway's gereift war. als er anscheinend friedlich im Alsterpavillon neben seinem Freunde" saß und mit ihm, fröhlich poculirend, anstieß. Ich bin ferner überzeugt, daß er der Absender des Briefes an Miß Worcester war. Als er meinem Clienten Hüttl an jenem Montag Nachmittag die Comödie vorspielte.. in der er sich für Beyer ausgab, hatte er wahrscheinlich die Papiere aus dem mit V gezeichneten Archivkasten schon herausgenormen. Jedenfalls belastet es ihn. daß er ein Nachhausegehen Bcyer's den Rest des Tages über verhindert hat. Heimlich hatte er sich aus dem Frühstückskeller entfernt unaufällig mischte er sich wieder in unseren fröhlichen Kreis, der keine Ahnung davon hatte, das man mit einem Verbrecher zusammen saß. Vor unseren Augen bestieg er mit Beyer einen Wagen. In Stanway's Wohnung wurde ein paar Stunden lang der Ruhe geflogen. Stanway schlief neben seinem argloscn Opfer; denn er brauchte den Schlaf, um zu feinem Mordwerk am andern Morgen Kraft zu haben. Dann vervollständigten beide die Tafelrunde im Alsterpavillon. Mit Händedruck verabschiedete sich Stanway um Mitternacht von seinem Freund, den er im Morgengrauen des folgenden Tages mit der Mordwaffe zu wecken gedachte. Er schloß ihm selbst das Haus auf und ohne daß Kleist's es merkten, zog er den Schlüssel hinter ihm wieder ab. Von dem Ehepaar Kleist trennte er sich erst, um in seine Wohnung einzutreten. Nicht lange brauchte er im Flur gewartet zu haben. Drei Minuten später schon kann er das wichtige .Document, dessen Adresse zweifellos mit Beyer's Handschrift geschrieben war. in den Postkasten geworfen haben. der von Beyer gewöhnlich benutzt zu werden pflegte. Hätte Beyer an jenem Abend das Archiv geöffnet, so hätte ihm schon da der Raub ausfallen müssen; noch immer wäre dai:n Stanway die Ausrede geblieben, er habe des Manöver auf eigene Faust ausgeführt, um Beyer vor seiner Cousine unverantwortlich erscheinen zu lassen. Doch Beyer war müde, er hatte wacker gezecht, und sank todtmüde auf sein Lager hin. von dem er sich nie wieder erheben sollte. In der Frühe des folgenden Tages um einviertel vor sechs etwa schlich Stanway, der Tags zuvor den Thorschlüssel des Gebäudes Große Bleichen 11c in so auffälliger Weise in seinen Besitz gebracht hatte, aus seiner Wohnung fort, kam unbemerkt in das Bureau des Argus", zu dem er eine Entreeschlinge besaß, schlich in die Küche, holte das Stilett und begann sein bkutiges Werk. Kaum mag der Schläfer gewußt haben, wer sein grau-
samer Mörder war. Verblutend blieb Beyer am Boden liegen, während Stanway, um den Verdacht abzulenken. an die Beraubung seines Opfers g'ng und dann das Zerstörungswert im Archiv vornahm, das eins von den unglücklichen Dreien belasten sollte!" Ebenso heimlich, wie er gekommen, entfernte er sich dann wieder. Zu feinem Schrecken entdeckte er unterwegs, daß er mit Blut besudelt war. In dem Augenblick, als er sich wieder in seinHaus schleichen wollte, ward cr angerufen. Schnell gefaßt, stellte er sich, als ob er foeben das Haus verlassen wollte. Und die fiist aelana. (Schluß folgt.) m in Ein Muscntcmpkt. ' Die Stadtgemeinde von Lembcrg bat der polnischen Nationalöühne ein prächtiges Theater gewidmet, das vor Kurzem unter großer Feierlichkeit tU ner Bestimmung übergeben wurde. Das Theater ist nach den EntnürZez: des Direktors von Gorgolewski. Leiters der Gewerbeschule in Lemberg, i
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Ohne Frieden.
Roman von Alcrand-:? Rünicr.
D a s T h e a t e ?. mit einem Kostenaufwand von zwei Millionen Gulden erbaut worden. Die bedeutendsten polnischen Künstler. Maler wie Bildhaun, rechneten es sich iiur Ehre, den Bau mit Schöpfungen ihrer Kunst zu schmücken; der HauptVorhang ist ein Werk von Heinrich Siemiradzki, dem berühmtesten polnischen Male? der Gegenwart.
D e p l a c i r t. Schmicrendirektor (zum Schauspieler, der um Vorschuß bittet) Sie lassen sich jetzt ja alle Augenblicke von mir etwas vorschießen: glauben sie denn, ich sei ein Schnellfeucrgeschük?"
Für die Suche.
zumenkoylialar mn Sahne. Man kocht einen schönen Kopf Blumenkohl in schwachem SllzWasser mit etwas Essig oder durchge se'chtem Citroncnsaft gar. doch nicht zu weich, läßt ihn abtropfen, pflückt die Stauden auseinander und übergießt sie mit folgender Sauce: Dicke, saure Sahne wird mit einigen hartgekochten Eigelb verrührt und nach und nach Oel. Citronensaft, gestoßener Pfeffer. Salz, eine Prise Zucker und ein klein wenig Muskatblüthe taan gegeben. Man kann sie mit Kapern garniren. Apfelreis. 1 Pfund Reis in Milch und Zucke? weich kochen; 1 Pfund säuerliche Aepfel schälen und in feine Schnitten schneiden; eine Emailoder irdene Form wird gut mit Butter ausgestrichen und mit Weizenmehl ausgestäubt, dann gibt man auf den Boden eine Lage Aepfel mit Rosinen und Zucker, darüber Reis und so fort, bis die Form gefüllt, resp. Reis und Aepfel aufgebraucht sind. Obenauf gibt man Stückchen frische Gitter und ein Glas Weißwein. Im mittelheißen Ofen läßt man den Apfelreis so lange backen, bis der Wein voll ve?dampft ist und servirt in der Form, die man mit Papier oder einer Serviette umwindet. Fischfrikassee. Man wiegt einige Zwiebeln ganz fein und kocht sie in Butter gar. Nun rührt man vier Eßlöffel voll feinstes Weizenmehl an die Sauce und löst sie mit der Brühe, worin Blumenkohl gekocht wurde, auf, oder mit dem Wasser, worin Spargel gekocht oder in Blechbüchsen eingemacht wurde. Jede beliebige Art von Fisch wird nun enthäutet, in kleine Stücke zerpflückt und von allen Gräten aus das Sorgfältigste befreit. Diesen Fisch fügt man mit kleinen Blumenkohlröschen oder Spargeln und sechs gehäuften Eßlöfftln voll Parmesankäse zu dem Frikassee, das sodann angerichtet und, mit ungesüßtem Blätterteig garnirt, aufgetragen wird. Am besten sieht es in einem Rande vonBlätterteig aus, in welchem man eö bergartig anrichtet. Gefüllte Omeletten mit C r e m e g u ß. Drei Eier, vier Lösfel Mehl, iz Pint Milch und etwas Zucker wird zu einem Teig gemacht und davon zehn Stück Omeletten gebacken, jede derselben mit dick in Milch, Zucker und etwas Butter gekochtem Reis gefüllt und zusammer.gerollt. Nun kocht man von 3j Unzen Mehl, vier Löffeln Zucker, vier Eidottern. Vanille und 1 Pint Milch ein Mus und giebt, ausgekühlt, den Schnee der vier Eiweiße darunter. Ein mit Butter bestrichenes Blech oder eine Porzellanform belegt man mit den gerollten Kuchen, eine Lage, giebt eine Lage Creme und so fort, bis die Form ge nügend voll ist. In 25 Minuten ist die Speise im .Rohr gebacken.
1. Unter den alten Nußöäumen der Abtei Heisterbach im Siebengebirge ertöntkn brausende Gesänge. Das Corps d Westfalen feierte fein Stiftungsfest. Die grün wein - schwarzen Farben leuchteten im Sonnenschein, sie kamen über den Rhein von Bonn herüber, diese stattliche Schar der deutschen Jugend, und an der. langen, weißgedeckten Tafel auf dem arünen Rasen klangen die mit dem goloiunkelnden Wein gefüllten Gläser lustig aneinander. Da wurde geredet, gelacht, gesungen, getoastet. In riesigen blauen Steinkrügen stand das edle Naß kunstvoll gebraute Pfirsichbowle auf dem Rasen umher, und Sam und Joseph, die wohl eingeschulten Kellner der Heisterbacher Wirthschaft, fchlepplen in emsiger Geschäftigkeit immer neue Füllung in die rasch geleerten Behälter. Der Himmel strahlte in wolkenloser Bläue, ein leiser Wind rauschte in den Kronen der alten Bäume, zu denen das vielstimmig:: Deutschland. Deutschland über Alles" hinauf brauste, und die altersgrauen Ruinen der Abtei wurden vergoldet von dem strahlenden Sonnenlicht. Auf dem weiten, schier Tausende fassenden Rasenplatz hatten sich noch andere Gruppen im Schattcn der Bäume niedergelassen, fremde Touristen, welche gekommen waren, die berühmte Abteiruine zu sehen, und nun diese fri fche, fröhliche Festscene als Gratisbeiaabe erhielten, Bürgerfamilien aus Bonn, rheinländische Nachmittagszügler. Auf allen Gesichtern lag fröhliehe Theilnahme an dieser kraftstrotzenden, frischen Juaend, Teutschlands Zukunft. Deutschlands Stolz und Hoffnung. Die grün - weiß schwarzen Schärpen der Chargirten wehten im Winde, die Farben der Cereviskäppchen glüyten im Sonnenlicht, die strammen Gestalten in den kurzen Kneipjacken und engen Lederhosen, die frischen, meist von tüchtigen Schmissen verunzierten Gesichter, in denen nur ein sprossendes Schnurrbärtchen, mehr oder weniger auf der weichen Oberlippe entwickelt. prangte, es war ein herzerquickender Anblick. Der alte Mönch von Heisterbach. der Über seinem Grübeln über den Ewigkeitsgedanken hundert Jahre im Walde droben verträumte, hier hatte er die Lösung. Ewige Jugend, nickt des Individuums, aber der Art, neue Geschlechter, aber dasselbe Sprudeln und Schäumen, derselbe Sturm und Drang. Austoben des Ueberschusses an herrlicher Kraft, Jubel im Vollgefühl unbändiger Freiheit, sorglose Lust, überschwengliche Hoffnung, enthusiastische Bruderliebe, unangetasteter Glau be. Das geistige Fluidum war es, was noch schwebte über dieser Schar. ob in den Herzen der einzelnen das alles noch unangetastet lebte, ließ sich vielleicht nicht mehr in positivem Sinne aufrecht erhalten. Der erste Cbargirte da oben an der Tafel, mit einem auffallend schönen, aber schon reifer erscheinenden Gesicht, winkte sich jetzt seinen Leibfuchs heran. Der schlanke, noch knabenhaft aussehcnde Jünglinq mit den feinen Zügen, den von dunkeln Wimpern beschatteten schwärmerischen Augen, die er wohl seiner Frau Mutter ererbt. neigte sich ehrlich erbietig zu dem vergötterten Senior. Du, schaff mal da unten unter den Füchsen Ruhe, sie saufen wie dieWölfe und halten gar keinen Comment. Heut soll das ordnungsmäßig hergehen. Und dann sag dem Sarstedt. daß er sich die Manschetten anknöpft, sie hängen ihm ja über die Fäuste, und er weiß doch, daß solch angeknöpfte Lumpen ganz gegen das Reglement sind. Uebrigens, paß auf ich schieße gleich los mit meiner Rede. Will diesem Knirps, dem Reichsunmittelbaren da drüben, einmal den Standpunkt klar machen. Schaff mir inmittelst die Bowle hier auf meinen Platz." Hans Arnstedt, der neunzehnjährige Leibfuchs, nickte, seine Augen strahlten den Gewaltige, der ihm wie einer der Heroen des Alterthums erschien, bewundernd an. aber er kannte ihn genau und sah. daß heute eine Wolke auf seiner Stirn lag. eine drohende Wolke des Unmuths, des Zornes. Und er war auch in diesem seinem ersten Semester so weit eingeweiht worden in die intimen persönlichen Beziehungen seines Leibburschen, daß er ungefähr ahnte, woher diese 'drohende Wolke stammte. Da drüben auf dem Rasen, am Rande des Fliederbosketts. saß eine gewisse schöne junge Dame in rosa Ge wand mit ihrem Verlobten, einem reichen Bergwerksbesitzer. Sie war durch mehrere Saisons die Königin der Stu dentenbälle in Bonn gewesen, und was war natürlicher, als daß der schöne, forsche Robert Preuß. der erste Chargirte der Westfalen, der Löwe bei allen Festlichkeiten, sich mit der gefeier. ten Anna von Heidberg zusammenfand. Und nun dieser schmähliche Abfall da sah sie mit ihrem Kohlenbaron, diesem Affen mit dem breiten Pedal und dem Ziegenbart. Na ein Robert Preuß trauerte so einer sicher nicht nach, aber für den Augenblick Die Steinbowle, aus der etzliche Trinkhörner der alten Teutonen hätten gefüllt werden können, war vsr dem
Platz deS erstcn Char-zirtün aufgepflanzt, die beiden ihm sekundirenden Chzrgirten in Wichs, welche rechts und links von ihm saßen, klopften mit den Schlägern auf und geboten das Silentium, und er, derVorsitzende desCorps, der Aelteste unter der ganzen Schaar, erhob sich in seiner ganzen stattlichen Höhe. Der ernste, gebietende, fast finstere Ausdruck in seinem Gesicht, das volle, dunkle Haar, das sich leicht über der hohen, gewölbten Stirn wellte, die kühne Adlernase, der dunkle Schnurrbart über den vollen Lippen, die ve?narbten Schmisse um Kinn und Wangen gaben dem Antlitz einen Ausdruck männlicher Reife, der ihn unterschied von seinen viel jugendlicher erscheinenden Commilitonen. Er hatte schon vorhin die Begrü-ßungs-und Einweihungsrede für das Fest gehalten, und man hatte sich im Kreise gewundert über die trockene, schwunglose Art, in der er sich heute dieser Pflicht entledigte, war er doch sonst unbestritten der feurigste Redner im Corps. Jetzt reckte er seine Gestalt, holte tief Athem in feinem mächtigen Brustkästen, warf m paar leuchtende, gebietende Blicke in diz Runde, die in diesem Moment aber über den Tisch der Commilitonen und ihre Reihen hinausschweiften, hinüber zu jener Ecke am Fliederaebüsch. wo die schöne Anna von Heidberg mit ihrer Gesellschaft Mutter. Freundinnen und Bräutigam saß. Jetzt räusperte er sich und begann. Robert Preuß' Stimme klang voll und tönte weithin in der klaren Luft des Maientages. Es ward auch still ringsum an hin andern Tischen, man interessirte sich für die Rede des Corpssührers. Wohinaus wollte er denn mit dieser sonderbaren Einleitung. das klang ja beinahe wie ein Abschiednehmen. dann aber ein schwungvoller Hymnus auf die Freiheit, auf die Freiheit des Individuums, auf feine unantastbare Selbstbestimmung, auf das eigene Schicksalshämmern. auf daS volle Ausleben der eigenen Jndividualität. Ein seltsam bitterer, ein drohender, ein rücksichtsloser Ton, durch keinen Anlaß der Stunde geboten klang aus der jetzt des gewaltigsten Schwunges nicht ermangelnden Rede, und stutzige. befangene, fragende Gesichter waren :n Menge unter der großen bunten Reihe. Nur die Füchse unten an der Tafel, um ihren Fuchsmajor gruppirt, starrten urtheilslos begeistert hinüber zu dem allgemein verehrten obersten Eorpsburschen, der ihnen in allem, was er that, mächtig imponirte. Und nun kam: der Bürgerstolz an Fürstenthronen, und wie gemein und eines freien Deutschen unwürdig es sei, die eigne Meinung knechten, servil in eklem Streberthum das freie Wort sich bannen zu lassen, in hohe Aemter hinauf kriechen zu wollen, um dort ein Sklave der herrschenden Parole zu sein, oder um Geld sich zu verkaufen, um schnödes Geld, wie es Heuer Männlein und Weiblein thaten. Carriere machen, ja Carrien machen, ihr Brüder, die Väter, die Mütter rufen es uns zu ihr müßt Carriere machen, euch hineinpressen in die Form, die gerade leer ist und in der ihr noch einen Platz findet hinein, ohne Besinnen, ohne Wahl, ohne Frage nach der innern Stimme in der eignen Brust. denn der Platz ist eng und das Gedränge groß, und auf der hohen Leite? stürzen die Zaghasten. Aber Donner und Doria! heut, an dem Tag, da ich vielleicht zuletzt zu euch rede, ich. der ich schon zu lange zu euch geredet und das freie Leben der Burschenschaft zu lange schon gekostet habe in vollen Zügen, im vollen Bewußtsein sein:r Köstlichkeit und Unwiederbringlich!:'.!, heut also rufe ich mit donnernder Stimme es hier hinaus in diesen deutschen Wald: Pereat all den glatten Strebern mit der doppelten Zunge und dem feigen Achselzucken der Gesinnungslosigkeit! Pereat all diesen Heuchlern, die innerlich knirschen und äußerlich schweifwedeln! Pereat auch allen, die sich noch auf Geburtsvortheile stützen und darauf ihre Herrlichkeit gründen wollen frei, frisch und
lühn sei der deutsche Mann! Und ob das alte Bollwerk des Hergebrachten einstürzt. Gefühle zertreten weiden und unser Weg uns über Trümmer führt, hinauf und hinan zu der Freiheit des Gedankens, zu der Freiheit der That und der Gesinnung! Lieber darben und hungern, als kriechen und schmeicheln, lieber den schlichten Rock des einfachstenBürgers als die blitzende Uniform im Thronsaal! Wollt ihr darauf mit mir trinken. Brüder! freie Westfalen?! Es lebe die Freiheit in diesem Sinne, hep! hep. Hurra!!" Voll und brausend klang lasHurra in den deutschen Wald hinauf, aber doch fragten die einzelnen, die Robert Preuß fo gut kannten: Was hat er heut ? Fürs Darben und Hungern, und für den schlichten Rock des einfachen Bürgers hatte er sich bisher gerade nicht begeistert, weder in Rede, noch in seinem Gehaben, er, der Flotteste, Ueppigste. mit reichem Wechsel Ausgestattete, der nirgends zu kargen oder sich einen Genuß zu versagen geliebt. Ja, was hatte er heut? aber zu reden verstand. er Donnerwetter! schneidig und Freiheit!" brüllte die jugendliche Schaar, und die Gläser klangen, und die Bowlen leerten sich, und drinnen im Hause brauten sie neue, die Sam ' und Joseph unermüdlich herausschleppten, selbst nicht unerheblich koftend, wie es ihre flammenden Köpft bewiesen.
Die junge Dame in Rosa mit ihrer Begleitung war verschwunden, sie hatte Kopfweh vorgeschützt und zum Aufbruch gemahnt. Als Robert Preuß sein glühendes Gesicht in jene Richtung wandte, störte ihn das rosa Gewand nicht mehr. Die Corpssitzung wurde aufgehoben, in Gruppen löste sich d Schaar. Hans Arnstedt. der Leibfuchs, war an seinen Leibburschen herangetreten, er sah mit Sorge in dessen dunkel erhitztes Ge sicht. Komm, Hans sagte Robert, oö die Kerle, der Sam etwa.' Alcohol in die Bowle gegossen haben, mein Schädel brummt, als hätte ich ein Faß ge leert. Laß uns auf den Petersberg stAgen, die saufen hier doch noch weiter, und wir kommen noch immer rechtzeitig hinunter ans Boot und hinüber zum Commers. Erst einmal frische Luft da oben auf der Höhe, wenn man in der Stammkneipe noch etwas leisten soll.Bravo, Herzensbruder! ich bin da bei. du bist mir aber sonderbar heut, diese zahme Pfirsichbowle, bah! das red mir doch nicht ein, die wirft dich nickt um, das sind andere Dinge, und was sollte das mit dem letzten Mal?" Robert Preuß hatte seinen Arm um die Schultern des Jünglings gcschlungen und holte tief Athem. Ja, Kleiner, das ist nun nicht anders, mein Alter weigert mir den n'öthigen Kies, ich soll plötzlich so mit cinem Salto mortale ins Philistecthum hinein. Väter haben mitunter sonderbare
j Ideen, Examen machen, dann gleich
mit so em paar Sprüngen auf die Lei ter, mit einem Turnerkunststück nach oben heidi! solch ein väterlichMacht wort setzt Flügel. Das hilft also nicht, hier wird die Bude zugemacht es war ja auch Zeit, Kleiner. Wähl dir nur rasch einen andern Leibburschen, bis du selbst einer bist, du hast ja schon ein paar glänzende Abführungen im Paukbuch. Soll ich dich heut Abend auf dem Commers noch zum CorpLburschen vorschlagen, ehe ich gehe?" Robert! so rede doch nicht von mir, sondern von dir, ich kann's noch nicht glauben, fo plötzlich sag nein, sag, daß du Ulk machst " Na. ein bemoostes Haupt bin ich lange, mein Junge, und nun hilft daS einmal nicht; freilich, eine gewisse Rede werde ich meinem Alten noch halten, ich bin erst mal ich, und meineZeit muß ich abwarten, und läßt man mir die nicht, nun va banque! wenn mein Vaterhaus und mein deutsches Vaterland mich ausstoßen, mögen sie es verantWorten. Glaub's mir. Kleiner, manch Vollblut, manch einer von den Besten ist so übers Meer getrieben oder vor die Hunde gegangen in der einen oder der andern Weise, das erzählen die Hofchroniken und Regierungsblätter nicht, und in den Familienannalen setzt man einen schwarzen Strich unter den Namen des verlorenenSohnes und schlachtet ihm kein fettes Kalb, wenn er wirklich feinen Trotz beugen und wiederkehren wollte.Eine grimme Bitterkeit zitterte noch in des Redenden Worten. Dann schlug seine Stimmuna in wilde Luniakeit
um. Der Waldweg zum Petersberg hinauf widerhallte bald vom lauten Lachen, auch der andern. RobertPreuß und sein Leibfuchs behielten die VorHut, sie waren hinter den Biegungen den Augen der Nachfolgenden entfchwunden, aber man hörte auö der Höhe die hallende Stimme des ersten Chargierten und den Refrain feineZ wilden Trojliedes: Und sollt' ich auch dereinst noch in der Hölle wimmern, ' So hat sich doch kein Mensch, kein. I Mensch darum zu kümmern' j Es war spät am andern Morgen, als Robert durch das Klopfen seines Friseurs aus tiefem Schlaf geweckt wurde. Er fuhr empor und faßte an seinen schweren Kopf. I Donnerwetter, ist das aber ein Brummschädel!- murmelte er und tu hob sich langsam. Berghaus! ttaS fällt Ihnen ein, daß Sie so früh kommen?" Früh? Herr Preuß es ist bald Mittag." Ach so, ein düsterer Regentag, recht erquicklich!" Mit einer tiefen finstern Falte zwischen den Augenbrauen faß Robert von der Serviette umgürtet und überließ seinen wüsten Kopf den Händen desErfahrenen. Es ist spät geworden gestern bei den Herren Westfalen," sagte Berghaus, muß heut mal die Kopfbürste nehmen und das Eau de Quiuine na, Sie wissen ja. der Berghaus versteht sein Handwerk, ein Viertelstündöcn. und die Herren fühlen siri feiet er frisch, alü hätte es niemals tut Kneiperei gegeben, und der Frühschoppen schmeckt
dovelt.
Fortsetzung folgt.)
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Grabsteinen und Monumenten bei AUG. DIEI1ER, 449 Og Wali. Ct.
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