Indiana Tribüne, Volume 24, Number 103, Indianapolis, Marion County, 30 December 1900 — Page 2
' Jndiann Tribüne, Sonntag, 39. Deccmbfr 1900
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In dn Zylveflernachr. Von Hans Land. Mahlzeit, Herr Planer ... Der Buchhalter ging. Der Alte hörte nicht, seine Augen richteten sich starr auf die Ziffern deS Kassenbuches, das er mit der .Reinen Caffa" collationirte; wie eine Abtheilang Soldaten standen diese Ziffern, fieif und grade, sein Blick starrte darauf hin, als sei ihm unter diesen schnurgraden. endlosen Zahlenreihen etwas Gespenstisches aufgetaucht, grauenhaft zu sehen . . . Ja, da stand es: am 1. October, ton Friedrich Berckholz. Zahlung 750 Mark. Ter Alte stützte den Kopf ,,s di ftefc zitterte in seiner föand.
es flimmerte ihm vor den Augen. Er sah ins Leere, wie in tiefem Nachdenten. Welch ein sonderbarer Posten! Friedlich Berckholz. der alte Chef, sein lieber Freund, war seit Jahren aus der Firma ausgeschieden, nicht die ge ringsten Beziehungen pflog er mehr zu dem alten Haus, selbst sein Conto hatte er aufgelöst. Er war mit Sack und Pack zur Reichsbank übergegangen, gleich als wollte er auch nach außen hin bekunden, daß er mit dem nach so modernen Grundsätzen jetzt geleiteten Patricierhause ganz und gar geJvrocfcen hatte. Was also sollte diese Buchung be'deuten? Unstet blickte der Alte in der Buchhaltere' umher, es war niemand mehr da, alle waren zu Tisch gegangen. Von seinem Schemel stieg Plann hercf, gebückt stand er da, es schimmerte in seinen wasserklarm alten blauen Augen, und um die Mundwinkel unter dem milchweißen herabhängenden chnurrbart zuckte es. Der Alte strich die dünnen weißen Strähne auf seiem Greisenhaupt glatt, dann knöpfte r seinen spiegelblank geriebenen Ar ibeitsrock zu, wie in energischen Entschluß. und ging in den Tresor. Beim Schimmer des elektrischen Glühlichtes suchte er drei große Folianten herus, auf deren Rücken in fingerlangem Golddruck das Wort Cassa" erglänzte. Planer schleppte die drei Ungethüme uf seinen Arbeitsplatz, putzte seine Brille und erstieg seinen Sitz. Mit zitterigen Händen begann er nun nachzuschlagen.Vierteljahr aus Vierteljahr, ßvie ein steter Refrain zu jedem Quartalsbeginn kehrte dieser Posten wieder, dieser Posten, der wie eine erdrückende Anklage vor seinen alten Augen sich jetzt erhob. Planer blätterte und blätterte, fieberhaft durchirrten seine hafügen welken Finger, seine matten Auen diese dicken Bücher, Quartal um Quartal regelmäßig erschien diese Zahlung wieder, immer und immer wieder. Da bis zum 1. April 1893 reichte sie zurück, mit diesem Tage setzte s ein. Planer stützte den Kopf auf. er schloß die Augen, seine Lippen preßten sich fest aufeinander. Am 1. April 1895. ja, damals nahmen sie ihm die Primanota. die er fünfundwanzia r 1 v j - Jahre geführt. Damals war ihm von dem jungen Chef gekündigt worden, über die Kündigung ward rückgängig gemacht. Man gab ihm die Contocor-rent-Auszüge, eine Copirarbeit, ein Lehrlingspensnm, es war damals, als zuerst seine Athmungsbeschwerden begannen und dieses arge Herzklopfen. iUudnsar, kurz nachdem man ihm gekündigt. Friedrich Berckholz gekoinwen, sein alter Chef, der jejt alsRenter lebte, und war zum jungen Chef hineingegangen, alle Thüren wurden geschloffen, und nach zehn Minuten kam Berckholz von seinem Neffen ;nit hochrothemKopf heraus.stampfte erregt durch das ganze Comptoir und warf die Thür hinter sich mit Krachen zu, ohne seinem alten Buchhalter, wie sonst bei seinen seltenen Besuchen im Bureau, die Hand zu schütteln. Seit diesem Tage kehrte vierteljährsich in den Cassenbüchern die Zahlung des alten Chefs wieder, jene 750 Mark, die auf den Pfennig Planers Viertelahrsgehalt ausmachten, und dieser Entdeckung war der Alte soeben auf die Spur gekommen. Soeben bei der Reinschrift der Casse. zu der sie ihn neuerdings degradirt hatten. Planer sank der Kopf herab, er griff nach der Kante des Pultes, seine alten gichtigen Finger klammerten sich dort fest, sein Unterkiefer sank ihm herab wie in greisenhafter Schwäche. Als wenige Minuten später der Telegraphenbote das Comptoir betrat, fand cr den Alten auf einemStuhl zusammengekauert, bU Linke auf das Herz gedrückt. Herrn Wendelin Planer, für Sie selbst, der Bote überreichte das Telegramm. Ist Ihnen was, Herr Planer? Bißchen Herzklopfen. Jaa, sagte der uniformirte Grauköpf, bei mir sitzt ett in de Knochen. Linket Been. Dett Altwerden, faule Sache, meldt sich an alle Eck?n! Na, Mahlzeit! Er ging. Planer entfaltete das Teamm. Er lächelte wehmüthig. Qie alljährlich heute Abend nach elf .r Sylvesterfeier inKühns Weinstube. Jnife. Berckholz. Der alte Berckholz saß schon bei seiem Rothmein, als Planer das trauliche Sonderzimmer bei Kühn betrat. Die mächtige Gestalt hinter dem Tisch hob sich, und ein glatt rasirtes. volles frisches Greisengesicht wandte freudig tan Ankömmling sich zu. Einen Moment war es Planer, als risse ihn et was seinem Freunde entgegen, daß er ihm die Hände küsse. Etwas wie ein Schluchzen wollte aus der bewegten Brust empor. Er zwang es nieder, regungslos, wie an den Boden gewurzelt, mit gesenktem Haupte blieb Planer stehen. Ueberrascht blickte Berckholz herüber. Ist Ihnen was? fragte 1 fast rauh. Sein Mund legte, sich in
cte Falten argwöhnischer Gespannt heit. Planer schüttelte den Kopf, legte seinen Ueberzieher ab und setzte sich an den Tisch. Regt Sie denn der Sylvester imm?r noch so auf? fragte Berckholz erleichtert. Wozu, wir wollen uns das neue Jahr, wenn es jetzt eingeläutet wird, mit einem guitn Tropfen, ohne alle Feierlichkeit anwärmen. Bloh nicht das Herz schwer machen! Apropos, das Herz wie stehts denn damit? Na, sagte Planer, es klang, als risse er alle Kraft zusammen, um im Tone seines Freundes zu bleiben, na, das alte Ding klappert ja so sachte weiter. Hm. Beschwerden nachgelassen? Ja. So. Berckholz winkte dem Kellner; dieser brachte eine Flasche Sect und schenkte Planer ein. So, nu trinken 3ie mal, Planer, aber einen festen Schluck, und nun essen! So! Na also, wie ist der Caviar? Fein? Was? Beluga kann der kränkste Mann dertragen! Also Prost! Der Rothspohn ist noch das einzige auf derWelt. was nicht schlechter geworden ist, aber für Sie ist Sect gesünder. Prost. Alter! Prost, Herr Berckholz! Und nun plauderten sie von vergangenen Zeiten, von Weltmarkt und Politik, sehr ange. regt und eingehend, und dann plötzlich gab es eine große Pause. Berckholz steckte bedächtig eine Cigarre in Brand, goß Planer ein frisches Glas ein. räusperte sich und begann etwas unsicher: Wissen Sie, Planer, Sie sehen schmal aus, hören Sie mal, ich gehe in drei Wochen nach San Remo und Sie sollen mit. Planer blickte erstaunt auf. Mensch, machen Sie schon wieder Ihre K'önig-Lear-Augen! Ach, reden Sie erst nicht, ich weiß schon! Ihr Stolz würde drunter leiden! Sie hätten keine ruhige Stunde! Na, auch wenn ich Ihnen sage, daß mir ein Gefallen geschähe? Ich möchte diesmal nickt so mutterseelenallein fort. Kommen Sie. ich verschaffe Ihnen Urlaub bei meinem Neffen. Nein. Herr Berckholz! Gut. gut. wollen gar nicht erst weiter drüber reden, ich kenne Sie! Ist nichts zu wollen: Will auch gar nicht weiter drüber nachdenken! Wie lange haben Sie nicht ausgespannt? Keine Ferienreise gemacht? Ich habe nie eine Fenenreise gemacht. Weiß schon! War ja nie was dazu übrig bei Ihnen. Sie haben ja immer noch Ihre kranke SaZoester erhalten. die vorm Jahr starb. Na. und nun kommt ein alter Freund und will Sie mitnehmen, unter die Palmen mitnehmen, in den blauesten Frühling, an das blaue Meer da unten. Würde Ihr altes Herz da nicht aufleben? Urlaub möcht ich schon nehmen, Herr Berckholz. aber für immer;; es ist nicht mehr schön dort bei Ihrem Neffen. Glaub ich, glaub ich, und Sie sind solch ein Kind, fühlen sich gekränkt, wenn man Ihnen auf Ihre alten Tage eine beschwerliche Arbeit gegen eine leichtere eintauscht. Aber die Casse abschreiben. Herr Berckholz. . . Ja, ja. das halten Sie nicht für gentlemanlike! Na, Alter, es gibt unehrlichere Beschäftigungen! Ist denn aber mit Ihnen zu reden? Hab ich Sie nicht, als ich aus der Firma schied, auf Ihr Altentheil setzen wollen? Hab ich Ihnen nicht eine Rente ausgesetzt? Haben Sie die nicht zurückgewiesen? Herr Berckholz! Herr Planer! Wie alt sind Sie jetzt? Dreiundsiebzig. Nun, ich als Fünsundsiebzigjähriger nehme mir die Freiheit. Ihnen zu sagen. daß Sie ein Kind sind. Sie wollen die Rente von mir nicht annehmen. Wenn ich aber morgen früh
todt auswache, und mein Testament wird eröffnet, dann werden Sie die Rente nehmen nicht wahr? Und das ist doch so dumm! Es würde mir doch den dreifachen Spaß machen. Sie in Ihrer wohlverdienten Muße Ihr b'ßchen Leben noch genießen zu sehen. Aber dazu muß ich absolut erst sterben. wozu ich doch noch gar keine Lust habe. Läge ich dann da, die Nase in der Luft, dann würden Sie kommen und meine Hände drücken. Planers Gesicht verzog sich schmerzhaft, jetzt stieß er es heraus: Hrr Berckholz. ich drücke sie heute schon und laufe ja heute schon herum mit meinem gebeugten blutenden Stolze. . . Er hlt ein, Berckholz hatte aufgehorcht, wieder ging dieser gespannte mißtrauische Schatten über sein Gesicht, er hatte sich über den Tisch vorgeneigt, als müßte er nun zu hören bekommen, was der andere nie erfahren sollte, als hätte jenem irgend ein hämischer Zufall dieses dumme kleine Geheimniß enthüllt und ihm so seines Selbstbewußtseins letzte Stütze genommen. So reden Sie doch aus! Blutender Stolz! Warum? Warum blutet denn der? Warum blutet denn dieses für einen alten Mann so vermaledeite, überflüssige, beschwerliche Stück G?pack? Mit scharf prüfenden Augen blickte Berckholz herüber zu seinem alten Freund, dieser sah scheu vor sich hin und antwortete nicht, und zwischen diesen beiden Alten, unsichtbar, lagerte sich etwas Unausgesprochenes an diesem Tisch, das ihnen beiden denAthem beengte. Trinken Sie. Planer, der Sect thut Ihnen gut, Sie haben schon Farbe bekommen. Ihre Augen leuchten. Sagen Sie 'mal. wenn es jetzt zwölf schlagen wird, welchen Wunsch haben Sie dann für sich? Für mich? . .
Jawohl, aber fassen Sie 's mcht so allgemein, wie etwa Gesundheit oder Herzensfrieden; ich möchte 'mal sehen, wie es in Ihnen aussieht. Aber wie ich Sie kenne, haben Sie nur einen heißen Wunsch. . . Und der wäre? Die Primanota wieder zu bekommen. Was? Nein! Also ist es doch etwas anderes? Ja. Nun, erzählen Sie!, Planer schüttelte den Kopf. Wenn ich Sie bitte, auch nicht? Ich habe einen heißen Wunsch, ich möchte nicht mehr leben. Ich fühle mich gelitten und überflüssig. Nun habe ich ruhig und still vor mich hingeleöt und möchte nicht mit etwas Gewaltsamen
abschließen. So ein rasches gutes, leises Ende, das das wünsch' ich mir. . . .Es wurde still in dem Stübchen. nur die alte Uhr an der Wand tickte schwer und langsam. Planer trank sein Glas aus, leise den Kopf schüttelnd sah Berckholz herüber, er schenkte dem Freunde ein. Ich habe 'mal ein altes Märchen gelesen, suhr Planer leise, mit zitternden Lippen fort, von dem Dänen Andersen wars. Es hieß: die Galoschen des Glücks. Wer die Galoschen anzog, dem wurden sofort seine Wünsche erfüllt. Viele, viele Wünsche hatten die Galoschen zu gewähren, am Ende wünschte sich, der sie besaß den Tod. Und dieser Abschnitt des Märchens, der trägt die Ueberschrift: Das Beste, was die Galoschen brachten. Planer brach ab. wiederum trank er sein Glas langsam aus. Hm. hm. Lieber Planer, der Däne, ich kenne ihn sehr gut. der sollte doch der letzte sein, der Ihnen mit solchen Dingen den alten Kopf verdreht. Wissen Sie. wie ich in Kopenhagen war. da hörte ich Sachen von ihm, die solche unsinnigen Überschriften denn doch in einem sonderbaren Lichte erscheinen lassen. Was körten Sie denn? Als hoher Sechziger, mein Lieber, allabendlich wenn er schlafen ging.wissen Sie, was er da that, der holde Dichter mit seiner lyrischen Todessehnsucht? Er legte auf den Nachttisch einen Zettel! auf den er die Worte schrieb: Ich bin nur scheintodt!" Sie lachten beide auf. Kommen Sie mir bloß mit denDichtern. lieber Planer, das sind die Menschen. denen man überhaupt nichts glauben kann. Ich bitte Sie, ein Stand, der davon lebt, zu flunkern! Wieder lachten sie. Na das muß ich sagen, eine schöne Sylvesterunterhaltung! Wie kommen Sie nur fortwährend auf solche Ideen, Planer? Sie sind ein Hypochonder geworden. Es ist überhaupt etwas so Unstetes heute an Ihnen. Trinken Sie. trinken Sie, im Wein ist Friede! Sie stießen an. Planer setzte sein Glas bedächtig hin. Nun gucken Sie mich wieder so von der Seite an! Ich werde den ganzen Abend das verdammte Gefühl nicht los. . . Welches Gefühl? fragte Planer. Berckholz zog seine Sammetweste mit einem Ruck herunter. Daß Sie gegen mich etwas aus dem Herzen haben, sagte er unwirsch und fächelte sich mit dem Taschentuche Kühlung zu. Die Uhr schlug dröhnend Mitternacht und draußen auf den Straßen erhob sich Geschrei. Ich habe etwas aufem Herzen, sagte Palmer. und das soll nun jetzt herunter. Berckholz stand auf. auch Planer erhob sich, schwankend stand er da. Prosit Neujahr! sagte Berckholz. sie reichten sich die Hände. Ich habe ein wenig rasch getrunken. Herr Berckholz. aber auch das hat sein Gutes. Also denn, so hören Sie es nun: Friedrich Berckholz. Sie sind wohl der beste von allen Menschen, die ich in meinem langen Leben traf! Na. Planer, das spricht nicht sehr für die andern. Ja. ja. ich sage es Ihnen, Sie sind der beste Mensch auf der ganzen Welt! Jetzt müssen Sie, nach Hause, Planer, denn jetzt werden Sie pathetisch! Der Sect, der Sect; na, Ihre Flasche haben Sie wenigstens aus und nun werden Sie himmlisch schlafen. Berckholz ließ einen Wagen holen und fuhr seinen alten Freund nach Hause. Planer lag in die Ecke gelehnt und lauschte mit leuchtenden Augen den Glocken, deren Geläute hell durch die V.axt Winternacht ging. Ist Ihnen gut? Planer nickte wie ein glückliches Kind. Der Wagen hielt, langsam stieacn sie aus. Planer erscblok die .firnis thLr, dann wandte er sich zu seinem Freunde, einen Moment sahen sie sich fest in die Augen, die beiden Greise, dann umarmten sie sich und tauschten einen Kuh. Noch einen Händedruck und schweigend schieden sie. Die Thür fiel hinter Planer ins Schloß. Langsam war er emporzestiegen zu seinem stillen Zimmer und jetzt saß er leise lächelnd auf seinem alten Sofa. Die Treppen hatten ihn außer Athem gebracht, aber jetzt erholte er sich und lauschte mit großen freudigen Augen durch die geschlossenen Fenster hinaus. Läuteten die Glocken noch immer? Oder r?ar es nur ein Nachklang in seinen Ohren so sanft so fern so feierlich? Schon auf. Herr Planer? sagte die'. Wirthin am leuchtenden Neujahrs-, morgen. Der Alte lag in das Sofa -zurückgelehnt und blickte sie lächelnd an. Er antwortete aber nicht. Sie faßte seine Hand, kalt war sie, wie Stein. Wendelin Planer hatte die Neujahrsnacht seines heißesten Wunsches Erfüllung gnädig beschieden.
Die alte Uhr.
Clne Tylvestcrgcschichte von ?lnna Fromm. Willst Du schon die Lampe anzünden. Charlotte? Es ist noch nicht dunUV Doch, Papa. Ich wiell diese Arbeit heute noch fertig machen und forttragen." Der Schein der aufflammenden Lampe fällt auf ein angenehmes, junges Gesicht mit einem Paar schöner, blauer Augen, weiterhin auf die ärmliche Einrichtung eines kleinen Zimmers im vierten Stock. Ein Weilchen ist nichts zu vernehmen als das Raschein des Fadens, den Charlottes flinke Hand durch denStoff zieht, dann fängt die müde, grämliche Stimme von vorhin aus der Ofeneckc an. Während Du des Morgens fort warst, kam der Mensch aus dem dritten Stock wieder einmal herauf wegen der Uhr. Er will sie durchaus haben. Ich habe Bedenkzeit bis übermorgen, bis zum zweiten Januar verlangt." Wir werden sie doch verkaufen müssen, Papa." sagt das Mädchen leise. Wir brauchen das Gcld so nöthig." Wenn es nur nicht er wäre," sagt der alte Herr unwillig. Und wenn ich denke, daß ich sie da unten wieder hören soll!" Er erhebt sich mühsam, eine hagere, gebeugte Gestalt in einem sorgfältig geflickten Schlafrock, mit einem schwarzen Käppchen aus dem spärlichen weißen Haar. Aber der alte Rock und die dürftige Umgebung können nicht hindern, daß Jeder auf den ersten Blick in ihm den Mann aus guter Familie erkennt. Er 'hat einst in Glück und Wohlstand gelebt, aber Schlag auf Schlag ist das Unglück über ihn gekommen, seine Kinoer sind ihm gestorben bis auf diese eine Tochter, seine Vermögensverhältnisse wurden zerrüttet, und zuletzt geschah ihm das Härteste, seine treue Lebensgefährtin starb. Die Uhr, von der er sprach, eine große Wanduhr mit reichen Bronzeverzierungen. war ein altes Erbstück aus der Familie seiner Frau, sie hatte ihnen manche glückliche und manche schwere Stunde geschlagen. Aber als die Gattin ihm genommen war, hatte er die Zeiger angehalten und ließ sie nicht wieder in Gang bringen. Sie soll nicht die Stunden meines Elends zählen." hatte er gesagt. Aber er hing an ihr, als an dem Letzten, was ihm aus der glücklichen Zeit geblieben war, und jetzt stand er davor und sah mit trüben Blicken zu ihr hinauf. Wenn wir sie doch behalten könnten. Charlotte," sagte er in kläglichem Tone. Es geht nicht. Papa." entgegnete sie mit sanfter Festigkeit. Der Doctor muß bezahlt toerden. Wir haben so viel Ursache, ihm dankbar zu sein. Wie sorgsam hat er Dich behandelt!" Der Alte schüttelte den Kopf. Ich glaube." sagte er. er würde die Uhr selber gern nehmen. hat das alte Kunstwerk öfters gelobt,' und wir bekämen dann noch etwas heraus. Ihm wollte ich. sie gönnen, denn er ist mir lieb geworden, fast wie ein Sohn. Wenn man ihm sagte " Papa. Du denkst doch nicht daran!" rief Charlotte heftig. Wenn er selbst noch davon anfinge, aber so!" Nun, nun. ich sage weiter nichts," murmelte der alte Herr. Die Tochter stand jetzt auf und faltete die Arbeit zusammen, dann rückte sie den Lehnstuhl vom Ofen vor den Tisch. So liebster Papa, nun setze Dich her, hier ist die Zeitung von gestern und Deine Brille. Ich gehe jetzt zum Magazin; ehe Du ausgelesen hast, bin ich zurück. Ich bin so glücklich. Papa," sie schmiegte ihre junge Wange an sein runzliges Gesicht, daß Du das alte Jahr in Gesundheit beschließen kannst." Geh nur, geh." sagte der alte Herr, gut. gelaunt, sein Zeitungsblatt entfaltend. Sie nickte ihm durch die halboffene Thür noch einmal lustig zu, als sie aber draußen war, legte sich ein tiefer Schatten über ihr Gesicht. Wie einen Sohn liebte der Vater den jungen Arzt, aber wie viel mehr liebte ihn die Tochter! Ihr war, als lebte sie erst von dem Tage an, wo der alte Herr plötzlich erkrankte und die gutmüthige Nachbarin den ersten besten Arzt von der Straße heraufrief. Wie umsichtig und vertrauenerweckend war er ihr von Anfang an erschienen, wie geduldig war er den Launen des Vaters gegenüber, wie zart wußte er auf ihre ärmlichen Verhältnisse Rücksicht zu nehmen, mit einem Worte, was für ein edler, liebenswerther Mensch war er. Sie liebte ihn von ganzer Seele und sagte sich doch jederr'Tag. daß es eine Thorheit war; aber ihr Herz zwang sie damit mcht zur Rehe. Nun war der Va ter gesund und sie sah den Doctor noch einmal, vielleicht nie wieder. Vorüber, vorüber! Sie lieferte ihre Arbeit bei dem In haber des Magazins ab. der ihr das Geld dafür mit einem freundlichen Gluckwunsch zum neuen Jahre ein händigte. Als sie wieder in's Zimmer trat, wehte ihr eine eigenthumliche Luft entgegen. Auf dem Tische lagen mehrere Päckchen in weißem und blauem Papier, und dahinter stand ihr Vater und hatte eben eine Flasche entkorkt. (5h, was ich hier habe!" rief er chr lustrg entgegen. Alle Jngredien zien zu einem Sylvesterpunsch! Frau Schwag war so gut. sie für mich zu ho len fFt bekvmmen beute Abend nämlich einen Gast, rathe men! Den Doctor!" Doctor Hellwig?" stammelte Charlotte. Derselbe. Er war hier, um sich noch einmal im alten Jahre nach meinem Befinden zu erkundigen. Ich sing an. von meiner Schuld zu sprechen, er unterbrach mich und saate. er hätte eine
Bitte an mich, deren Erfüllung ihn z
meinem Schuldner machen würde. Ich wußte sofort, was er meinte, er sah ja immer nach der Uhr hin, und ich woll! ihm Alles versprechen, was er sich wünschte, aber er ließ es nicht zu. "Ihr Fräulein Tochter muß auch ihre Zustimmung geben." sagte er. Ja, er kennt meine kleine Tyrannin. Da er nicht Zeit hatte, zu warten, bat er um die Erlaubniß, wiederkommen zu dürfen. Cs könnte acht Uhr werden bis dahin, meinte er. Thut nichts," sagte ich. wir haben ohnehin vor, bis Mitternacht aufzubleiben." Also, Kindchen, halte warmes Wasser m der Küche bereit, um acht Uhr kommt cr." ..Ja. Papa." sagte Charlotte wie betäubt vor Freude und ging hinaus, um zunächst die Abendfuppe für den Vater zu bereiten. Das Abendessen war vorüber. Charlotte hatte das Zimmer aufgeräumt und sich dann mit einer Handarbeit dem Vater gegenübergesetzt. Cs schlug acht, halb neun, neun Uhr vom Thurme, Niemand kam. Cr kommt nicht Papa," sprach Charlotte leise und verzagt. Ter Vater war schon wieder eingenickt; si: nähte emsig weiter. Clf Uhr. Aus dem Stockwerk unter ihnen schallten die Töne eines Klaviers, mitunter Helles Jubeln und Lachen heraus. Auch dort erwartete man das neue Jahr, aber wie anders als hier! Halb Zwölf. Jetzt ging die Hausthür, ein Schritt kam die Treppe herauf, den sie wohl kannte. War es denn noch möglich?! Jetzt klingelte es an ihrer Thür, sie ging und öffnete. Verzeihen Sie," sprach er eintretend, während der alte Herr aufstand und sich die Augen rieb. Es ist eine ganz ungehörige Stunde. Ich wurde auf das Land hinausgeholt, und als ich zurückkam und hier noch Licht sah. dachte ich, ich könnte den Versuch noch machen." Sie sind zu jeder Stunde willkommen!" rief der alte Mann fröhlich. Geh. Charlotte, und besorge heißes Wasser. Sie werden doch ein Glas Punsch mit uns trinken, Herr Doc tor?" ' Bleiben Sie noch einen Augenblick hier, Fräulein Charlotte," sagte er. Ich habe auch mit Ihnen zu sprechen Er sah sie mit strahlenden Augen an und fuhr fort: Ich sagte vorhin zu Ihrem Herrn Vater, ich hätte etwas von ihm zu erbitten, etwas, dessen Erlangung mich zu seinem Schuldner machen würde. Errathen Sie, was es ist?" Sie sagte nichts, sondern deutete nur mit den Augen und der Hand auf die alte Uhr hin. Jene Uhr?" sagt er augenscheinlich überrascht. Sie haben öfters Ihr Gefallen an ihr geäußert," sprach Charlotte, ohne zu ihm aufzusehen, und wenn Sie wünschten Ja. freilich," unterbrach er sie. sie immerfort mit seltsamen Blicken betrachtend. Die Uhr hätte ich gern. Aber Ihr Herr Vater hat mir erzählt, die Uhr wäre ein Erbstück, und ein solches muß in der Familie bleiben. nicht wahr?" Er hatte ihre Hand gefaßt, und ohne daß sie zu ihm aufsah, fühlte sie doch, wie seine Augen an den ihren hafteten. Wenn ich die Uhr besitzen könnte, ohne sie Ihnen zu nehmen. Wäre das möglich?" Sie fing heftig an zu zittern. Der alte Herr stand regungslos hinter den Beiden, die Hand auf den Tisch gestufet. Könnten Sie sich entjchl:eßen, Charlotte, mich als ein Mitglied Ihrer Familie anzunehmen? Wollen Sie meine Frau werden?" Sie sah einen Augenblick zu ihm auf und stieß einen leisen, glückseligen Schrei aus. Dann sank sie an sein Brust. Da ertönte eine helle, metallene Stimme. Dicht hinter ihnen schlug es zwölf in klaren, gemessenen Schlägen, und jetzt schlug die Mitternachtsstunde auch von allen Thürmen. Die alte Uhr hatte geschlagen! Charlottes Vater war's, der die Zeiger gestellt und das alte Werk wieder in Gang gebracht hatte. Ein glückliches, neues Jahr, meine Kinder," sagte er mit zitternder Stimme, als die Beiden an seinem Halse hingen, und auf die alte Uhr deutend, die ruhig weiter tickte, setzte er hinzu: Mag sie fortan heitere oder trübe Stunden schlagen, sie wird Euch immer lieb und werth sein, da sie die erste Stunde Eures Glückes schlug." Sylvesier. Die Christglocken sind verklungen, die fröhliche Weihnachtszeit ist vor--übergerauscht, und in der Sylvesternacht schwebt mit verschleiertem Antlitz ein neues Jahr vom Thron der Ewigteit zur Erde hernieder. Was .vird es uns bringen?" fragen sich bang und hoffend zugleich die Menschen. Und um sie zu beantworten, greifen die Menschen zu wunderlichen Mitteln. Bei den Sitten und Bräuchen der Neujahrsfeier erheben sich merkwürdige Widersprüche. Da heißt es in manchen Gegenden: Wer in's neue Jahr hineinlacht, weint sich hinaus", und in anderer wieder: Man muß das neue Jahr anlachen, soll's kein Griesgram werden!" Wohl mögen jene Stimmen recht haben, die laut rufen, man solle die Syloesterfeier stiller Einkehr in sich selbst weihen, das Herz über den Tand des Lebens erheben und überk dem Hoffen" nicht das Danken" vergessen; aber es sind auch jene nicht zu schelten, die in dem Jahreswechsel so viel Grund zu unschuldiger Fröhlichkeit und heiterer Feier erblicken. Wer möchte den 5abrestanz verdammen. wenn die fröbllcke .uaend sich bei rm-
lodischen Weisen wsegr und beim Klang der Sylvesterglocken sich jubelnd ein Prosit Neujahr!" zuruft? Jeder handelt eben nach persönlichem Empfinden, nach Anlage, Erziehung und geleitet durch seine speziellen Lebenserfahrungen, aber wohl nicht einen Menfchen giebt es. der nicht mit treuen Wünschen das neue Jahr begrüßt, der nicht ein Prosit Neujahr!" hinausruft, und dem man nicht zuruft: Viel Glück zum neuen Jahr!" Es ist eben eine alte, liebe Sitte, sich an der Iahreswende gegenseitig mit dem Glückwünsch zu begrüßen, und ihm schließen sich all die mannigfachen Bräuche an, die bald ernst, bald heiter in Festlichleiten ihren Ausdruck finden. Schon im heidnischen Rom wurde der Beschluß des alten Jahres und der Beginn des neuen mit den übersprudelnden Lustbarkeiten der Saturnalien begangen, und die noch heute in Frankreich üblichen Neujahrsgeschenke .trennos" sind ein Ueberbleibsel der heidnischen Janusfeste, welche man beim Jahreswechsel feierte und wobei man der Göttin Strenna" Opfer darbrachte. Der Sabinerkönig Tullius erhielt am ersten Tage des Jahres aus einem der Göttin geheiligten Walde grüne Zweige, die er für eine gute Vorbedeutung hielt, weshalb es in Rom üblich wurde, sich beim Jahreswechsel Geschenke zu geben, die man stivnnao nannte. In manchen Gegenden Süddeutschlands und der Schweiz spinnen die Frauen vor der Sylvesternacht ihre Nocken ab. weil keine angefangene Arbeit in das neue Jahr hinübergenommen werden soll, welcher Brauch aus der Zeit unserer germanischen Vorväter stammt, wo in den Rauhnächten alle Arbeit ruhte und alle Rocken leergespönnen sein mußten. In manchen Gegenden des Hessenlandes zerbricht man in der Neujahrsnacht alle schadhaften Töpfe und Teller, indem man sie gegen die Hausmauern wirft, denn Scherben bringen Glück". In anderen Gegenden ist das Bleigießen, Lichter-schwimme-n oder Flachsbrennen üblich, und wieder andere schlagen um Mitternacht in einem dunklen Raum einBuch auf, um die mit Stift bezeichnete Stelle am Neujahrsmorgen zu lesen, weil sie Deutungen für das Jahr enthalten soll. Das alles sind nur abergläubische Volksbräuche, die sich cto den Jahreswechsel angeschlossen haben, und so vielfach sie auch ausgeübt werden, giebt es auch wieder Menschen, die es für frivol halten, die Sylvesternacht mit solchen Spielereien zu verbringen, und die im Familienkreise, beim dampfenden Punsch dem Schall der Neujahrsqlocken entgegenharren. Ueberall aber, bei den Ernsten wie bei den Frohlichen. den Reichen und Armen, bei Vornehmen und Geringen klingt die innere Stimmung in einen GlückWunsch aus.
ruoer tuoioe Umzu. Stud. med. Walther Bruming war verkatert. Das war zwar nichts Neues, aber gerade dieser Kater war von besonderer Hartnäckigkeit, weil er sich paarte irnt einer vllständigen Ebbe im Portemonnaie Aber wenn das Nicht-Geld-Besitzen am größten ist , es klopfte, hm. welcher Manichäer war denn heute wieder gegen ihn losgelassen? Na. ganzgleich. mehr wie nicht bezahlt konnten die ja nicht werden, also frisch gewagt: ..Herein!" Ein alter, jovial dreinblickcnderHeu entwickelte sich in's Zimmer. Was Tausend!" staunte Walther. Onkel Adalbert!" Ja. mein Junge. Onkel Adalbert!" bestätigte der; ich habe dringende Geschäfte. Aber die wurden schneller er' ledigt. als ich glaubte. Nun bin ich hierhergekommen, um Dich zum Mittagessen abzuholen." Oh. sehr verbunden." lachte Walther. Wenn wir ganz feudal speisen wollen, gehen wir nach dem grauen Bär". .... Onkel Adalbert bestellte zwei Cognacs als Magenschluß und brannte sich eine Cigarre an. Dd: Essen war gut." bestätigte er Und billig." dachte Walt.her laut fügte er aber hinzu: Ja gewii;. Ontdcfan. Man würde ja auch öfter 'mal hierher gehen. aber weißt Du, mit mcinem knappen Wechsel D weißt, Papa ist 'n bisken zähe von wc gen nervus rerum". Und sieh mal. gerade jetzt, jetzt bin ich ausgebrannte? wie die Heidelberger Schloßruine. Und da soll ich morgen umziehen. Du' weißt gar nicht, was hier so 'n Umzug kostet." Na. Junge, wieviel brauchst Tu denn?" fragte Onkel Azalbert. Erschrick nicht, fall' mir nicht vo Stuhl." bereitete ihn Walther vor. aber ich hatte so 200 Emchen colculirt." Unsinn Walther." lachte der Onkel, so viel hat ja zu meiner Zeit ein Studentenumzug nicht gekostet. Aber ich will nicht so sein; ich schlage einen Akkord mit 100 Prozent." Dabei drückte er seinemNeffen einen Blauen" in die Hand. ' Gegen Abend pflanzte sich eine etwas schwankende Gestalt im Hofe des Hauses Martinstraße 36 auf. Es war der stud. med." Walthcr Bru ming. Als er festen Fuß gefaßt hatte, rief er nach oben: Frau Meyer, hollah. Frau Meyer . . . Werfen Sie mir meine Papierkragen und den Stiefelknecht herunter, ich will umziehen !" SonntagLjäger - P a -t r o n e n. Sonntagsjäger: Sie kla gen über schlechte Munition meine Patronen haben noch nie versagt!" Förster: Ja. warum sollte man gerade Ihnen für Ihr gutes Gcld keine Hasen verkaufen!" Guter Wille ist schon ein Stück Kraft, aber wo er allein da ist, 1 kann's drum nur Stückwerk geben.
Im Hrrbfi.
Von Paul Dcllmog. Oben im Harzgebirge fing der Walc zu bluten an. So sagten die Leute, und sie hatten Recht. Zwischen dem dunklen, unsterblichen Grün der Tan nenhänge war es Herbst geworden fahl und bunt hing das Laub am oürren Zlveig. Jeder Windstoß ließ die Blätter zu Tausenden niederrieseln. Das gab eine wunderbar wehmüthige Melodie- Keine Farbenpracht und kein Sonnenglanz konnten über diese Trauer der Natur hinwegtäusckn. Das Jahr ging zur Rüste, uno des Hirschhollunders dunkelrothe Blätter schienen wie Thränen, die der Wald weinte, blutige Thränen am Sterbelager des alten Jahres. Auch da unten in dem stillen LandHaus bei den alten Leuten war es Herbst geworden. Der alte Glasanbau, der nach dem Garten hinausführte, war der Lieblingsplatz der bey den Alten. Hier gab es Sonne urfb Sonnenschein, auch hier schaute das Auge hinaus auf die Farbenpracht der Natur; aber auch hier wehte derHerbstwind, auch hier gab es fallende Blätter und blutige Thränen. Sechs Kinder waren hinausgezogen in den Ernst des Lebens. Alle waren etwas Tüchtiges geworden, aber dieSorgen blieben nicht aus. Namentlich der jüngste Sohn machte dem Vater Kummer. Er war ihm ähnlich: anst und verschlossen. Beide waren selbständige Naturen. Sie verstanden einander nicht, trotz, aller Aehnlichkeit. Zwischen ihnen fast zwei Menschenalter, lag ein halbes Jahrhundert unserer rasch lebenden Zeit. Die Hauswand, an die sich die Glasveranda lehnte, war mit Epheu bewachsen. Trotz der engen Blumenkästen hatte er sich unter der sorgenden Hand der Mutter üppig herausgemacht. Mit dichten Ranken und großen Blättern war er emporgestiegen und hatte die ganze Wand erobert; nur die alten Bilder in ihren länglichen Rahmen waren frei geblieben; sie erschienen wie Inseln in einem grünen See. Wie artige, wohlerzogene Kinder schlangen sich die Ranken um Bilder und Geweihe; überall sah man die leitende' r v v f i r i . a . w . jriano oer anen cuic- ii;a& naqin oem Epheu seine Urwuchsigkeit, aber die Blätter schienen dankbar, und die Bilder schauten freundlich aus den grünen, lebendigen Rahmen. Eine Ranke aber dachte anders. Ihr wurde es eng in dieser Behaglichkeit. Wenn der Wind Nachts um das Haus blies, horchte sie auf, und in ihrer Seele erwuchs ein mächtiges Sehnen: hinaus wollte sie, in den Sturm des Lebens. Die Ranke war stark, richtete sich auf und hielt Umschau. Endlich hatte sie zwischen der Hauswand und dem Eckpfosten eine Spalt entdeckt. Hier wollte sie hindurch, hinaus in die goldene Freiheit. Das kostete einen schweren Kampf. Was mußte die Ranke nicht aufgeben und erdulden! Doch sie hatte Ausdauer und Willenskraft. und so zwängte sie sich hindurch unter unsäglichen Mühen. Aber sie hatte die Gefahren unterschätzt. Jetzt erst begann der eigentliche Kampf. Fast hätte der Wind sie abgerissen, der um die Hausecke tobte. Doch sie klammerte sich fest mit ihren kleinen Fäserchen und zog sich empor an dem harten Mauerwerk. Im Sturm ward sie stark, wuchs und fühlte sich wohl. Immer höher stieg sie hinauf: schon konnte sie auf das Glas der Veranda sehen. Ihre artigen Geschwister im Innern am Gitterwerk schienen ihr schwach und kümmerlich. Mehr und mehr vergaß sie. daß auch ihre Wurzeln im heimathlichen Boden standen, und daß auch sie der Mutter Pflege, Leben und Kraft zu verdanken hatte. Die alten Leute betrachteten sie mit Sorge, aber der Vater meinte, sie müsse allein der. Weg finden. Doch was sollte werden, wenn der Winter kam? Die Mutter hatte schon den Gärtner gefragt, ob er sie denn abschneiden und in einem besonderen Topfe überwintern könnte. Der alte Mann schüttelte den Kopf. Das geht nicht.- sagte er; sie hat ja keine Wurzeln Aber es kam anders- Ehe der Winter einzog, trug man den jüngsten Sohn hinaus auf den stillen Friedhof des kleinen Ortes. Es nxjr ein herrli cher Spätherbsttag. Draußen in der Natur war es still geworden. Kein Blatt fiel mehr zu Boden. Alle Aeste standen kahl; nur das zähe Laub der Eichen hing noch fest am dürren Stamm. Schweigend folgten die beiden Alten dem Sarg; mit ihm senkten sie ein Stück des eigenen Lebens in die Grube . . . Wieder fielen blutige Thränen . . . Dann ließ die Mutter einen Tischler kommen. Ganz vorsichtig mußte er oie Planke hinausnehmen, die es der Ranke so schwer gemacht hatte. Dinn löste sie selbst sie los. tief unten an der Wurzel und trr.g sie hinaus auf's fri!che Grad. Hier pflanzte sie sieoehutsam ein. netzte sie mit heißen Thränen i.nd deckte sie fest zu mit dem alten verwelkten Laub. Und siehe: was dem Gärtner unmöglich schien, gelang einer Mutter. Als das Frühjahr kam. schoß es hervor aus dem Grabe: grün und lebendig. Nun sollte der Epheu den ganzen Hügel überziehen. Aber d:e Ranke hatte Vre eigenen Gedanken. Sie stieg empor an einer alten Eiche. die am Rande des Grabes stand- Der Mutter traten die Thränen in die Augen. Sie dachte an die sehnende Seele ihres todten Kindes. Am Neujahrsmorgen. Student A.: Wie. höre ich recht. Tu willst Dich nicht erinnern, daß ich Dir vor vier Wochen zehn Mark gepumpt habe?" Student B.: Ach, verschone mich doch mit Geschichttti aus dem vorigen Jahrhundert; Du weißt, ich fcj Kiftni'is'fi hrnsAi !" Uil lllUl ll4UUUy wiuug.
