Indiana Tribüne, Volume 24, Number 75, Indianapolis, Marion County, 2 December 1900 — Page 2
Fndiana Tribüne, Sonntag, 2. December 90.
Herbst undHaide. Von Ernst Behrend. Das Kor?, ltgt unter Dach und Fach. Das Obst reift an den Bäumen. Der Sommer rüstet sich gemach. Dem Herbst das Feld zu räumen. Da regt es sich gar wundersam Im weiten Reich der Heide, Es ist, als ob ein König kam In festlich schönem Kleide. als ob auf golder Bahn Das Jahr zurück möcht' schwrben. :r hebt kein herbstlich Sterben an, Hxr quillt jjetzt junges Leben, y Va!d blühet, purpurn Strauch an Strauch Tas Zwerggewächs der Heide. Mich dünkt dies schier wie Osterbrauch, Wie Maren-Augenweide. Spat zog fürwahr der Lenz hier ein Mit einem Rest von Gaben: Die Haide wNI für sich allein Stolz ihren Frühling haben. Moltke und die Musik.
In der Familie Moltkes war die Liebe ur Musik blich, und der große Feldherr selbst, der durch seine musikal'.sche Mutter früh in die Sphäre dieser Kunst eingeführt war, blieb ihr treu bis in die letzten Momente seines Lebens. Schon im Jahre 1828 schrieb er an seinen Bruder Ludwig: Ich besuche jetzt oft das Theater." Als Moltke im Jahre 1841 Gelegenheit hatte, im Berliner Opernhaus Sivori, einen Schüler Paganinis und den ßtttn seiner Geige zu hören, enizückte ihn das Spiel des Virtuosen so. daß es ihn zu der Abfanung eines anmuthigen Märcbens, denen Vüttelpuntt Paganini und seine Geize ist, anregte. In einem Briefe an seine Vraut sandte er eine Abschrift dieses äräens mit und bemerkte zum SeMue: ch habe gar nicht geglaubt, daß du für Musik besondern Sinn hast. Wenn das der Fall ist, fo bitte ich dich, den Unlerc.ch: ja wieder aufzunehmen. Du brauchst ja keine Virtuosin zu werden, die Hauptsache ist. daß es dir Vergnügen macht, und ich höre auch g Zu gern? Musik." Auch mährend der Feldzüge lauschte der Lenker der Sch!ach:en in den Ruhestunden gern den Tönen der Musik. In den späteren Leben-iabren besuchte er nur noch selten Concerte, aber um so eifriger pflegte er Hausmusik. Zu seinen schönsten Freuden gehörte es. wenn in Berlin Profeffor Joachim Abends zu ihm kam, um ihm vorzuspielen. Dann saß er stundenlang in seiner Sofaecke, fast ohne sich zu rühren, und der Meiste? wurde nicht müde,. vor diesem stillen Zuhörer zu spielen. Wenn im Hause musicirt werden sollte, brauchte man den Feldmarschall nicht erst zu rufen. Behütsam die Thür öffnend, kam e: hinein, sobald die ersten Töne erklungen waren. und setzte sich auf den nächsten Stuhl. Seinen Beifall gab er selten zu erkennen; daß ihm ihre Musik gefiel, merkten die Ausführenden meist nur daran, "daß r sitzen blieb; wenn sie ihm nicht zusagte, stand er nach eiitiaereii auf und verschwand ebenso flf rche er gekommen war. Für techKunststücke besaß er keine Emchkeit. alles Virtuosenhafte war rchvider. dagegen fesselten ihn im1 melodisches Adagio und eine ic Cantilene. Neben den Arien der Mozartschen Opern war sein Liedlingslied dasBeethooensche in jih'sta toniba oscura", das er immer wieder zu hören verlangte. Am Abend seines Todestages, des 24. April 1891 war der Componist Treßler geladen worden. Kurz bevor er das Spiel begann, hatte der Feldmarschall einen seiner gewöhnlichen asthmatischen Anfälle gehabt, auf die er aber nicht viel Gewicht legte. Er betrat den Musiksaal, als sich der Künstler präludirenü an den Flügel gesetzt hatte. Die folgende Scene schilderte der Neffe des Feldmarschalls, der damalige Major Hellmuth v. Moltke. wie folgt: Ich fragte nun Herrn Dreßler, welche Noitn ich ihm hinlegen sollte, worauf er sagte: Ich werde ohne Notn spieJen." Er begann hierauf eine eigene Composition vorzutragen. deren ffchwermüthiger Rhythmus mich betroffen machte. Ich wußte, daß Onkel Hellmuth, wenn er sich nicht ganz wohl fühlte, es liebte, durch heitere Melodien abgelenkt zu werden. unD war im Begriff, Herrn Dreßler zu bitten, ein anderes Musikstück zu wählen, all Onkel Hellmuth plötzlich aufstand irnd mit leisen Schritten, um den Spieler nicht" zu stören, in das Nebenzimmer ging." Als fian kurze Zeit darauf in das Zim? :r trat, fand min den leldmarschall, regungslos auf entern Stuhl sitzen. Er hatte die Ellenbogen auf die Knie zelegt und der Oberkörper war tief nüber auf die Knie gebeugt. r7 trug man den Kranken auf ltx in seinem Schlafzimmer. . Minuten später hatte er still iedlich seine Seele ausgehaucht."
Gewissenhaft. Fritz ; in'-j Schlafzimmer seiner frani Gouvernante stürzend): Maheißt es nun Ie fen oder la Vveiß es nicht aber brennen t uns auf jeden Fall! v?s tt Schule. Sprachder Schule): Wer kann mir ren, in welcher Hinsicht die alhtn uns .voraus waren?" ö (schwer seufzend): Sie nicht Griecksch zu lernen!" $s de r JntzructionsEinjähriger: Nach den Ttzen müßte das Geschoß Unterofficier: Unsinn! tct$t gibt's keine Naturgesetze, ieos Militäraestze merken sl tüh Ti,
(5in Tchuß.
Von Reinhold Crimann. Nein, ich lasse micnicht länger darüber täuschen. Aus krassem Egoismus hast Du mich geheirathet. nicht eus Liebe! Ein Spielzeug wolltest Du haben und eine klavin. die sich Deinekt tyrannischen Launen demüthig fügte. Man hat meine Unerfahrenheit benutzt, um das beklagenswertheste Geschöpf unter der Sonne aus mir zu wachen." Unter Schluchzen hat Frau Elli diese geharnischte Rede zu Ende gebracht. Nun sinkt ihre anmuthige Gestalt, ganz in Schmerz aufgelöst, wie der in die Sophaecke zurück, und reichlicher als zuvor netzen die Thränen das Tüchlein, darin sich ihr Gesicht verbirgt. 2 er grausame Urheber ihres Herzeleids aber steht finsteren Antlitzes und anscheinend unbewegt ihr gegenüber am Tische. Seine Brust muß fürwahr von Stein oder Eisen sein, daß solcher Jammer ihn nicht erschüttert. ' Wenn ich Dich recht verstehe, bedauerst Du also heute bereits, meine Frau geworden zu sein?" Die runden Schultern der Frc'U zucken noch heftiger, und halb unverständlich klingt es zurück: Frage mich nicht danach, Rudolf! In diesem Augenblicke könnte ich nicht lügen." Das ist allerdings deutlich genug, um jede weitere Frage überflüssig zu machen. Und nach solchem Geständniß haben wir einander wohl eigentlich nichts mehr zu sagen." Er wendet sich kurz ab und macht ein paar Schritte gegen die Thür. Auf dem halben Wege aber bleibt er doch noch einmal stehen. Sagtest Du etwas. Elli?" Ein heftiges Schluchzen ihres braunen Köpfchens antwortet nein", und Rudolf Helbig könnte seinen Weg fortsetzen, wenn ihn nicht augenscheinlich irgend ein unsichtbares Hinderniß zurückhielte. Uebrigens bistTu Dir wohl schwerlich über die Bedeutung des häßlichen WorteZ klar geworden, das Du da ausgesprochen." beginnt er nach einem kleinen Zaudern von Neuem. Bei ruhiger Ueberlegung wirst Du es. wie ich hoffe, bereuen." Aber es ist offenbar ein sehr schlechsei Mittel, das er gewählt hat, um dem Gespräch eine versöhnliche Wendung zu geben. Denn Frau Elli richtet sich mit einer ungestümen Bewegung auf, und aus ihren Augen wie aus ihrer Rede schlagen die hellen Flamin der Entrüstung. , Nein. nein, nein! Ich bereue nichts als die leichtgläubige Unbesonnenheit. mit der ich meine goldene Mädchenfreiheit geopfert habe." Er fährt zusammen, und sie muß es auf seinem Gesicht leisen, wie tief ihn das böse Wort in innerster Seele getroffen. Aber er weiß sich zu beHerrschen und seine männliche Würve zu bewahren. Wenn es so ist, wird sich ja vielleicht ein Mittel finden lassen. Dir diese goldene Freiheit zurückzugeben," erwidert er mit einer Betonung, um die ihn der Darsteller "des Helden m einem französischen Ehedrama beneiden könnte. Ich gehe einstweilen in meinen Club, damit Du Gelegenheit hast, ungestört darüber nachzudenken." Und diesmal geht er wirklich. Als F?rau Elli die Thür hinter ihm zufallen hört, sieht sie ihm mit großen Augen nach und lauscht noch geraume Zeit mit verhaltenem Athem, bis ihr der verhallende Klang seiner Schritte und das Klappen der Wohnungsthür die Gewißheit geben, daß er es wahrhastig über's Herz gebracht hat, sie zu verlassen. Xa drückt sie zornig das thränennaye Taschentuch in der kleinen geballten Faust zusammen, und leidenschaftlich heftig kommt es über ihre Lippen: Er geht! Das verzeihe ich ihm nie. Nun ist Alles aus zwischen ihm und mir Alles und für immer!" Ihr Gatte aber hat es gar nicht sehr eilig gehabt, den kurzen Korridor zu durchschreiten, und an Zeii. ihn zurückzurufen, hätte es ihr wahrlich nicht gefehlt. Selbst auf der Treppe noch bleibt e.r ein paar Mal stehen, als erwarte er, daß ihm Jemand nachkom,men werde, und er seufzt tief auf. als er erkennen muß, daß WUfß Erwartung ihn betrogen. Im Club, wo er zn seinem Aerger von den guten Freunden aus der Junggesellenzeit mit allerlei diskreten 'Scherzen und Fragen empfangen wird, begibt er sich sogleich m das Lesezimmer. um sich da hinter einen ganzen Wall von Zeitungen zu verschanzen; doch interessiren ihn natürlich die Tagesneuigkeiten nicht im Mindesten, und in Zwischenräumen von zwei bis drei Minuten sieht er auf die Uhr. deren Zeiger niemals mit so unerträylicher Langsamkeit von der Stelle gerückt sind, als gerade heute. Aber er hat sich vorgesetzt, nicht vor Mitternacht nach Hause zu gehen, und er bleibt diesem Gelöbniß treu; denn diesmal will er keinen Beweis von unmännlicher Schwäche geben diesmal gewiß nicht! Soll er denn nicht mehr berechtigt sein, seine Frau darauf auf merksam zu machen, daß sie ihre ehemaligen Ballka'oaliere aus der Mädchenzeit nicht mit so kameradschaftlicher Vertraulichkeit behandeln dürfe! Und war es vielleicht ein Verbrechen, daß er ihr sein Mißfallen übe? einen nach seiner innersten Ueberzeugung viel zu auffallenden" Hut mit der zwischen Eheleuten gebotenen Offenheit kundgegeben? Als eine vernünftige Frau hätte sie ihm dankbar sein müssen für die Rathschläge, mit der er ihrer zwanzigjährigen Unerfahrenheit zu Hilfe kommen wollte. Und es ist geradezu empörend, daß sie ihm statt dessen seineu Donnerstags Skat und einige andere harmlose Ueberbleibsel aus .der
Junggesellenzeit als Beweise seiner Brutalität",seiner Herzlosigkeit" und aller erdenklichen anderen schlimmen Charaktereigenschaften vorgeworfen. Nein, diesmal darf er nicht schwach sein, oder es ist für immer um seine eheherrliche Autorität geschehen. Beim ersten Schlag der Mitternachtsstunde springt er auf, voll gerechten Stolzes über die Festigkeit, die er bewiesen, und beinahe im Laufschritt legt er den Heimweg zurück. Schon von der Straße aus sieht er, daß Elli nicht zur Ruhe gegangen ist, denn die Fenster des Wohnzimmers sind erhellt. Wenn sie aber so geduldig auf seine Rückkehr gewartet hat, ist sie sicherlich inzwischen zur Erkenntniß ihres Unrechts gekommen. Er wird es ihr nicht schwer machen, ihn zu versöhnen; war es doch der erste ernsthafte Streit in ihrer nun schon sechsmonatlichen Ehe. Mit heiterer Stirn, ein Lächeln auf den Lippen, tritt er über die Schwelle, glücklich, daß seine Ahnung ihn nicht betrogen. Denn da sitzt sie wirklich mit einer Handarbeit am Tische, anscheinend ganz ruhig und nur mit einem kleinen herben Zug an den Mundwinkeln, der ihm nicht recht gefällt. Er hat es eigentlich ihr überlassen wollen, das erste freundliche Wort zu sprechen; aber wenn er nur ihres Entgegenkommens gewiß ist, kann er sich schon ein wenig von seiner Wünde vergeben. Er geht also auf sie zu und sagt herzlich: Guten Abend, Elli! Wenn ich gewußt hätte, daß Du mich erwarten würdest, wäre ich wohl schon früher nach Hause gekommen." Langsam erhebt sie den Kopf. Und da er eine Bewegung macht, als ob er sie umarmen wollte, biegt sie abwehrend den Oberkörper zurück. 0, ich wünsche durchaus nicht, daß Du Dir meinetwegen Zwang auferlegst. Du magst Deine Gelage von nun an in Gottesnamen bis zum hellen Morgen ausdehnen. Es ist mir vollkommen gle-chgiltig." Wie? Tu schmollst also noch immer?" Es gefällt ihr, diese Frage zu überhören. Ich habe Deinen Rath befolgt und darüber nachgedacht, wie sich unser Verhältniß künftig gestalten solle. Es ist wohl am besten, daß wir darüber gleich heute in's Reine kommen." Aber.Elli, was für Reden sind das! Laß uns doch vernünftig sein! Ich habe es ja gar nicht so ernst genommen, was Du vorhin in Deiner Aufregung gesprochen." Für die Zukunft wirst Du mir aber doch wohl die Eh'.e erweisen müssen, mich ernsthaft zu nehmen. Ich dachte natürlich zunächst daran, Dein Haus zu verlassen. Aber ich habe diesen Gedanken vorläufig wieder aufgegeben." Ihre eisige Ruhe und empörende Gelassenheit, mit der sie während des Sprechens in ihrer Häkelarbeit fortfährt, bringen sein Blut nun doch wieder in Wallung. Das ist ja sehr liebenswürdig; nach dieser vielversprechenden Einleitung bin ich einigermaßen neugierig. Deine weiteren Entschließungen zu vernehmen." Ich werde versuchen, auch ferner unter Deinem Dache zu leben und meine Pflichten als Deine Wirthschafterin zu erfüllen. Nur aber als eine solche wünsche ich von Dir behandelt zu werden, selbstverständlich unter Beobacktung derjenigen Rücksichten, die Du meiner peinlichen Lage schuldig bist. Ich hoffe. Du wirst mich auch ohne weitere Erklärungen verstehen." Ich verstehe nur soviel, daß dies eine offenbare Verrü , eine offenbare Thorheit ist. Wie in aller Welt stellst Du Dir denn solches Zusammenleben vor r C.itf) denke, es wird sich ganz gut pinrichten lassen. Für den Anfang sind ja vielleicht einige Unannehmlichkeiten nicht zu vermeiden. Aber sie sind doch wohl immer noch leichter zu ertraaen als der öffentliche Skandal einer Trennung. Wenn ich Dir eineS Tages auch in meiner Stellung als Haushälterin lästig werden sollte. kostet es Tich nur ein einziges Wort. uns ganz zu scheiden." Die Kaltblütigkeit ihrer wohlgesetzten Rede nimmt dem jungen Ehemanne auch den letzten Zweifel, daß es ihr ernst sei um Alles, was sie sagt. Sein töctlich beleidigter Stolz verwehrt ihm, ihr jetzt noch gute Worte zu geben. Kalt und feierlich richtet er sich empor. Da Du, wie es scheint. Alles so reiflich überlegt hast, bleibt mir wohl in der That kaum etwas Anderes übrig, als mich Deinen Wünschen zu fügen." Elli nickt so gleichmüthig. als ob er ibr seine Zustimmung zu dem Menu des nächsten Tages erklärt hätte. Ueber Einzelheiten brauchen wir ja vorläufig nicht weiter zu reden. Ich habe Dir unter Minna's Beistand die Fremdenstube als Schlafzimmer hergerichtet, und " Was? Die Fremdenstube? eine reizende Ueberraschung, das muß ich sagen." Mit efner Miene des Erstaunens, die von überwältigender Natürlichkeit ist, sieht sie zu ihm auf. Aber, mein Gott, es ist doch nur selbstverständlich. Ich habe für Alles gesorgt. Es wird Dir in Nichts an der gewohnten Bequemlichkeit fehlen." Er preßt die Lippen zusammen und schweigt. Frau Elli greift zur Scheere und schneidet behutsam ein überflüssiges Fadenendchen ab. Ihm aber ist es. als ob sie damit sagen wollte: So habe ich auch das letzte Band zwischen uns zerschnitten und er rafft sich energisch auf. Also, wie eö Dir beliebt! Da ich aber rechtschaffen müde bin, gestattest Du wohl, daß ich mich in mein Schlafzimmer zurückziehe." Bitte." . Drei lange Schritte, und er ist an
der Thür. Ein kleiner Hustenanfall nöthigt ihn, noch einen Augenblick zu verweilen. Gute Nacht. Elli!" Gute Nacht!" klingt es eiskalt zurück. Der Stiefelknecht steht " Aber er will nicht wissen, wo der Stiefelknecht steht. Er will überhaupt Nichts mehr hören; denn er fühlt, daß es mit seiner Fassung zu Ende ist. und um Nichts in der Welt will er ihr zeigen. wie es in seinem Herzen aussieht. Krachend fällt die Thür hinter ihm in's Schloß, und bald nachher ist auch das Licht im Wohnzimmer erloschen. Während Elli fröstelnd die seidene Decke bis zum Kinn hinaufzieht, bemerkt sie zum ersten Mal. wie unbehaglich groß und düster das Schlafzimmer eigentlich ist. Der schwere, altmodisch dunkle Plafond hat etwas so merkwürdig Bedrückendes, und die sonderbar verschnörkelten Tapetenmuster sehen aus wie unheimlich verzerrteMenschengesichter. Am fatalsten aber ist ihr der riesige, uralte Danziger Schrank, der noch von ihren Urgroßeltern herstammt, und auf den sie bisher nicht wenig stolz gewesen ist, weil, der Familientradition zufolge, ein kunstliebender oder spleeniger Engländer einmal nahe daran gewesen sein soll, ihn für dreihundert Pfund Sterling zu kaufen. Mit seinem vorspringenden Gesims, seinen betenden Engelsfiguren und seiner ganzen altarähnlichen Gestalt erinnert er sie heute plötzlich an ein Erbbegräbniß, das sie mal irgendwo auf einem Friedhofe gesehen. Und so ganz nimmt die einmal geweckteVorstellung Besitz von ihrer Phantasie, daß sie zuletzt sogar etwas wie dumpfen Modergeruch zu spüren meint. Wie sonderbar, daß ihr solche Einbildungen während der verflossenen sechs Monate nicht ein einziges Mal gekommen sind! Es sind natürlich nur chre armen, mißbandelten Nerven, die heute die Schuld daran tragen. Wenn t nicht ohnehin schon so fest von der herzlosen Grausamkeit ihres Gatten überzeugt wäre das bange Herzklopfen, von dem sie jetzt in dieser unbehaglichen Einsamkeit befallen wird, mußte ihr nothwendig die ganze Größe des an ihr verübten Unrechts zum Bewußtsein bringen. Wäre nur diese Nackt erst vorüber! Sie wagt gar nicht, das Licht auszulöscken, aus Furcht vor den unheimlichen Fratzen an den Wänden und vor dem düsteren alten Schrank, den sie immer vor sich sieht, auch wenn sie das Ges'cht nach der anderen Seite wendet. Endlich aber faßt sie doch eine muthigen Entschluß, und die Kerze erlischt. Hich, wie abscheulich diese rabenschwarze Finsterniß ist! Wie viel schwärzer in der undurchdringlichen Dunkelheit mit einem Male auch alle ihre Gedanken werden! Nicht, daß sie Reue empfände über das. was sie gethan! O nein, sie hatte ja gar keinen anderen Weg als diesen. Aber das Gesicht ihres Mannes, als er das Zimmer verließ sie kann an dies Gesicht nicht denken, ohne daß es ihr wie eisiges Erschauern über den Rücken läuft. Es war eine so düstere Entschlossenheit darin. Großer Gott, wenn er vielleicht einen fürchterlichen Vorsatz gefaßt hätte wenn er sich zu einer That der Verzweiflung hinreißen ließe! Sie faltet die Hände und betet, daß der Himmel etwas so Entsetzliches nicht geschehen lassen möge. Da was ist das? Sie hat deutlich das Knarren ein.'r Thür gehört und einen leichten Schritt, wie wenn Jemand aufStrümpfen oder auf bloßen Füßen durch das Wohnzimmer ginge. Eine kleineStille, dann klavvt nock einmal ein? Tbür und wieder umgibt sie das tiefe, beängstigende Kirchhofsschweigen wie vorhin. Der da durch das anstoßende Gemach geschritten ist. kann nur Rudolf gewesen sein. Aber was. um des Himiels willen, hat er da gesucht? In einem Fache des Schreibtisches liegt sein-Revolver. Wenn es die Todeswaffe gewesen wäre, die er sich geholt? Es schüttelt sie ein Fieberfrost bei dem grauenhaften Gedanken. Sie möchte aufspringen und zu ihm eilen, um das Gräßliche zu verhüten. Aber dann sagt sie sich wieder, daß alle ihre Befürchtungen wahrscheinlich nur Hirngespinnste sind, und daß sie vor Beschämung vergehen müßte, wenn er sie nachher wegen ihrer grundlosen Angst verlachte. So wirft sie sich in den quälendsten Zweifeln von einer Seite auf die andere, bis endlich die erlösenden Thränen kommen und mit ihnen allgemach der friedenbringende Schlummer. Ja, sie schläft, und der Traumgott ist sogar barmherzig genug, allerlei liebliche Bilder vor ihre Seele zu zaubern, bis sie plötzlich mit einem Schrei aus den Kissen emporfährt und voll namenlosen Entsetzens in die nächtige Finsterniß starrt. Ihr Herzschlag stockt, und das Blut in ihren Adern scheint in Eis zu gerinnen. Denn das Fürchterliche, das sie geweckt, es war keine Täuschung, keine Vorspiegelung ihrer erregten Phantasie. Sie hat ihn zu deutlich gehört, den dumpfen, lang nachhallenden Knall den Knall eines irgendwo in ihrer nächsten Umgebung gefallenen Schusses! Es ist also geschehen, das unsagbar Grausige und sie, sie ist die Mörderin ihres Gatten! Wie mit Krallen des Wahnsinns greift es in ihr Gehirn. Sie will um Hilfe rufen, aber sie bringt keinen Laut über ihre Lippen. Ihre zitternde Hand tastet nach dem Feuerzeug auf dem Nachttischchen; doch sie findet es nicht. Und dann, von der verzweifele ten Angst ergriffen, daß jede weitere Sekunde des Zauderns für die Rettung des vielleicht nur Verwundeten verhängnißvoll werden könnte, springt sie aus dem Bett und tastet sich in der Dunkelheit auf nackten Füßen zur Thür. Ein Wunder ist's, daß sie sie findet ein Wunder, daß sie bis an das Fremdenzimmer gelangt, ohne sich unterwegs an einem Möbel oder an einer Ofenkante zu stoßen. Sie legt ihre Hand auf den Drücker und tritt
Über die Schwelle bereit, das Schrecklichste zu erfahren, und fest entschlössen, mit dem heißgeliebten Mann zu sterben, wenn es wirklich schon zu spät ist. Pechdunkle Finsterniß gähnt ihr entgegen und die feierliche Stille des Todes. Und plötzlich entsinkt ihr der Muth, noch einen weiteren Schritt zu thun. Aber die Sprache wenigstens kehrt ihr zurück, und mit Lauten, wie nur die höchste Verzweiflung sie ein-?r Menschenbrust entquellen läßt, ruft sie den Namen ihres Gatten einmal zweimal zum dritten Mal daß es gellend wiederklingt von den Wänden des kleinen Gemaches. Doch sie ruft umsonst! Nichts antwortet ihr nichts nicht einmal ein ersterbendes Röcheln! Ihre Kniee wanken. Aber sie rafft sich noch einmal zusammen und setzt ihren Fuß vorwärts mitten hinein in eine gräßlich blutwarme Flüssigkeit, die offenbar eine große Lache auf dem Fußboden des Zimmers bildet. Das ist das Letzte, was ihr noch zum Bewußtsein kommt; denn im nächsten Moment bricht sie mit einem schrillen Aufschrei ohnmächtig zusammen. Als sie die Augen wieder aufschlägt, liegt sie auf dem Ruhebett im bell erleuchteten Wohnzimmer und sieht in das ehrliche Gesicht der alten Köchin, das mit sorgenvollem Ausdruck über sie herab geneigt ist. Es bedarf nur des Bruchtheils einer Sekunde, um die Erinnerung an das schreckliche Geschehniß dieser Nacht in ihrer Seele wachzurufen. Trotz der lähmenden Schwäche, die sie noch in allen Gliedern fühlt, richtet sie sich hastig auf. Mein Mann? Was ist mii meinem Manne? Sagen ?ie mir die ganze Wahrheit. Minna! Er ist todt?" .Todt? Der Herr? Jesses. Maria, gnädige Frau, was für ein Gedanke! Der Herr ist gelaufen, den Toctor zu holen. Sein's nur ganz ruhig. Gleich ist er wieder da." Nein. Du belügst mich Du willst mir das Gräßliche schonend beibringen. Wenn er noch am Leben gewesen wäre, hätte er mir ja geantwortet, als ich seinen Namen gerufen." Ja gewiß, das hätt' er gethan, wenn er noch drinnen gewesen wär' in der Stuben. Aber er war ooch hinüber in's Arbeitszimmer von wegen der Wärmflaschen." Frau Elli griff sich an die Stirn. ..Wegen der Wärms lasche? Was soll das heißen. Minna?" ..Na, es war eben halt nicht mehr wasserdicht, das Ding, das ich auf Befehl der gnädigen Frau dem Herrn hatt' in sein Bett legen müssen. Da konnt' er natürlich nicht drüben bleiben und hat sich in sein'm Zimmer auf's Sopha gelegt, bis'n das Geschrei von der gnädigen Frau geweckt hat. Na, das war ein Schrecken für den armen Herrn kann ich Ihnen sagen." Um Frau Elli her wird es mit einem Male so licht, als wären hundert Sonnen gleichzeitig aufgegangen. Wenn das die blutwarme Flüssigkeit gewesen wäre, in die ihr nackter Fuß getreten! Aber der Schuß! Sie wird sich nicht ausreden lassen, daß sie ihn gehört hat. und sie fragt mit Herzensangst nach ver ewandtniV dieses Schusses. Bei meiner Seele, gnädige Frau, ich weiß von keinem Schuß. Wenn sich einer hier im Haus umgebracht hat, kann's nur der alte verdrießliche Kanzleirath gewesen sein im oberen Stock, der schaut doch wohl eher danach aus als unser Herr." Die letzten Worte aber hat Frau Elli schon nicht mehr gehört, denn mit einem jauchzenden Freudenschrei ist sie trotz ihrer Schwäche aufgesprungen, um sich ihrem Gatten an den Hals zu werfen, der eben in Begleitung eines würdig dreinschauenden alten Herrn auf der Schwelle des Gemaches erschienen ist. Rudolf! O Tu mein lieber, geliebter Mann! Kannst Tu denn Deiner schlechten Elli noch einmal vergeben?" ITcr alte Herr zieht sich diskret zurück, da er sieht, daß die Gefahr bier wohl keine allzu dringende ist. Und als nach einer kleinen Weile der junge Ehemann zu ihm in's Vorziinmer kommt, um etwas verlegen wegen des fruchtlosen Bemühens um Entschuldigung zu bitten, da seine Frau keines ärztlichen Beistandes mehr bedürfe, sagt er lächelnd: Lassen Sie's nur gut sein, lieber Freund! Solche Fälle sind mir in meiner Praxis schon öfter begegnet, und ich möchte mir wohl wünschen, recht häufig derartige Schnellkuren zu erleben." D.ann erhält auch Minna die Erlaubniß. sich wieder in ihre chlafkammer zurückzuziehen: denn was die Ehegatten einander jetzt noch zu beichten und zu geloben haben, sagen sie sich doch lieber unter vier Augen. Der nächsteMorgen aber bringt auch die Erklärung des räthielha?ten Schufses in Gestalt eines klaffenden, fingcrbreiten Risses, der die eine Seitenwand des allen Danziger Schrankes von oben bis unten durchzieht. Er steht zu nahe beim Oftn." meint Rudolf bedauernd. Elli jedoch sieht in dem Bersten des alten Holzes das Walten einer höheren Macht, der sie in der Stille des Herzens ihren heißen Dank abstattet und ihre verschw'egenen Gelübde ablegt. Das Fremdenzimmer aber ist seitdem niemals anders als bei gelegentlichen Logirbesuchen in Anspruch genommen worden. Kurzsichtiger Sonnt a g s j ä g e r. Da schlag' doch gleich e' Wetter d'rein! Mit dem Feld-j mann da hab'n Se mich schön ang'schmiert; is das Vieh schlecht dressirt! Denke' Se nur: da schieß ich gestern en Hase, und da apportirt m: das Luder I' - ad!
Die kleine Näherin.
on Wetrud Triepel. Machen Sie das Kleid aber auch recht schön. Fräulein Gustel, damit ich wunderbar hübsch darin aussehe!" &0 schmeichelt die junge Braut und streicht bewundernd über die knisternde Seide, die in milchweißen Wellen an ihrer hohen Gestalt herabrieselt. Gewiß, Fräulein Helene, da seien Sie nur ganz außer Sorge. Ihr Brautkleid soll mein Meisterstück werden." spricht die kleine, verhärmt aussehende Schneiderin und trippelt geschäftig um die vor ihr Stehende herum. hier ein Fältchen zupfend und da eine Nadel steckend. Soll ich's im Taillenschluß noch enger machen, oder ist es Ihnen gerade so bequem?" Nein, nein, nicht zu eng. Gustel. mein Schatz kann das durchaus nicht leiden, und am Hochzeitstage will ich ihm die Laune doch nicht gern verderben. Ach. die Schleppe fällt aber brillant, Fräulein Gustel, Sie übertreffen sich ja selbst!" und leuchtenden Auges überfliegt sie die anmuthige Gestalt, die ihr der Spiegel zurückstrahlt. Dibd streift ihr Blick das dürftige Figürchen der Näherin, die. in Bewunderung verfunken, hinter ihr steht, und wie ein Stich geht es ihr durch's Herz, hier das strahlende, lachende Glück, dort ein.Leden voller Arbeit und Sorge. Einer plötzlichen Eingebung folgend, legt sie die weißen Arme um den Hals des erschrockenen Mädchens, und ihre weiche Wange an deren blasses Gesicht schmiegend, flüstert sie: Gustel sehen Sie nicht so traurig aus sind Sie denn nie, nie auch einmal so glücklich gewesen, wie ich jetzt?" Ueber Gustels Antlitz huscht ein Schatten, und schnell bückt sie sich, um irgend ein Stäubchen von der Schleppe zu entfernen, das gar nicht da ist. Als sie sich wieder erhebt, ist ihr die Gluth in die Wangen gestiegen, und ihre Stimme zittert etwas bei der Antwort: Na einmal vorJohren, da war's wohl beinahe ebenso wie bei Ihnen, aber das ist nun lange her, und es wurde auch nichts draus." Aber warum denn nicht. Fräulein Gustel?" fragt Helene und blickt mitleidig auf das vergrämte Gesicht vor ihr. Ja, warum?" Tie kleine Schneiderin seufzt, und Helene fühlt, daß die Hände, die geschäftig das flimmernde Gewand lösen, ganz kalt sind. Er war eben ein feiner Herr, der nur sein Spiel mit mir hatte, und ich dummes Ding merkte das erst, als es zu spät war. Ich hatte dazumal noch eine Stelle in einem großen Eonfectionsgeschäst inne. und da kam er einmal mit seiner Mutter, um ein Kleid auszuwählen. Bon da ab stand er Abends öfter r-or der Thür, und schließlich begleitete er mich allabendlich nach Haus. Ach ja. Fräulein Helene, das war eine schöne Zeit, und Eltern hatte ich ja nicht mehr; er war so zuthunlich und herzlich ich hatte ihn doch sehr, sehr lieb!" Gustel, wußten Sie denn, daß er Sie nicht, nicht " Helene stockt verlegen. Nicht heirathen würde?" hilft die Schneiderin ein, und ein herber Zug legt sich um ihre Mundwinkel. Nein, das wußte ich nicht, sonst " eine heiße Gluthwelle jagt über ihre blassen Wangen und die schmalen Lippen pressen sich fest aufeinander. Ach, lassen ie das nur ruhen, Fräulein Helene, es ist zu unerquicklich. Er hat mich eben sictzen lassen, wie es so mancher feine Herr mit einem armen Mädchen macht!" Aber das war schlecht von ihm. Gustel." unterbrach sie Helene, psui, wie kann ein Mann so handeln!" Ja, was wollen Sie. Fräulein? Er hatte einen reichen Onkel, den er beerben sollte, dem hatten's die Leute aesteckt, daß er ein ein Verhältniß mit einer Ladenmamsell habe, und da hat der Neffe denn Knall und Fall fortgemußt, sonst hätte er bei der Erbschaft das Nachsehen gehabt; da können Sie sich ja denken, daß er eine Flucht vorzog. Er hätte aber ruhig sein können, ich wäre ihm sicher nicht nachgelaufen. Zuerst freilich, da hab' ich meinem Leben ein Ende machen wollen, aber als ich dann am Wasser stand und Alles noch einmal an mir vorüberzog, da schämte ich mich vor mir selber und vor meiner Feigheit. Pfui!" sagte ich mir, fliehen, wegen eines falschen Mannes, zu der einen Sünde die andere, nein, und tausendmal nein." So hab' ich's denn getragen. Es sind nun zehn Jahre her." Der Faden fltegt durch den Stoff, und die weiße Seide knistert unheimlich laut in dem stillen Zimmer. Da legt Helene ihre Hände auf die kalten der Schneiderin und sieht ihr strahlend in die Augen. Sie sind nicht alle falsch. Gustel." sagt sie dabei innig, und eine felsenfeste Zuversicht leuchtet aus ihrem glücklichen Gesicht, mein Schätz gewiß nicht. Haben Sie schon sein Bild gesehen?" Gustel schüttelt den Kopf. Helme springt auf, eilt in's Nebenzimmer und holt eine große Photographie, die sie stolz der Schneiderin hinhält. Da sehen Sie. Gustel. die Augen können doch nicht lügen!" Es ist ein schöner, ausdrucksvoller Männerkopf, der, der kleinen Näherin entgegenlacht nicht mehr in der ersten Blüthe der Jahre, aber doch noch in jenen, von denen man sagt, daß sie die besten sind. Die Hand, die das Bild hält, bebt plötzlich so. daß es zur Erde fällt. .Ist Ihnen nicht wohl?" fragt Helcne ängstlich und springt herbei. Ach. es ist weiter nichts, nur ein wenig Herzkrampf." flüstert die Näherin und zwingt sich zur Ruhe Dann fragt sie stockend: Das also ist Ihr -". " Ja, das ist mein Schatz," fällt Helene ein, Dietrich Werner - Schlicht; ist er nicht herrlich?" Die Näherin nickt, und es dauert
eine Weile, bis sie die Worte hervor bringt: Ein seltsamer Name " Er hieß eigentlich nur Werner, aber irgend ein entfernter Verwandter vermachte ihm sein Vermögen unter der Bedingung, daß Dietrichjeinen Namen annehmen solle, und da5 hat er denn auch gethan!" Natürlich," sagt FrlZnlein Gustel fast mechanis, und starrt noch immer auf das Bild.' Dann gibt sie es der Besitzerin zurück, die es wieder auf ihren Schreibtisch legt. Die kleine Schneiderin ist noch um einen Schatten bleicher geworden, und hastig wischt sie sich eine Thräne aus den Augen. Nein, der ist nicht falsch, der nicht." murmelt sie dabei und erschrickt vor dem harren Klang ihrer ti genen Stimme. Die Braut kommt nicht wieder herein die Schneiderin hört sie im Nbenzimmer mit einer Freundin lachen, die sie abzuholen kommt. Bald klappt die Thür zu und Alles ist still. Da fällt ein heller Tropfen auf die glänzende Seide; erschrocken fährt die Hand der Arbeitenden darüber hin. Pfui, wie garstig, Thränen in ein Brautkleid und um den . Jetzt könnte ich mich rächen an ihm und sein Lebensglück zerstören, wie er es einst mit dem meinen gethan! Aber nein, da wäre ich ja nicht einen Funken besser als er. Nein, nein, man braucht noch lange nicht gemein zu sein, wenn man auch nur eine aus dem Volke ist!" Sie verstummt, ihre Augen blicken eine Weile mit leerem Ausdruck durch's Fenster in das Stückchen Himmel hin auf. das zwischen den hohm H'mterhäusern in den Hof herniederleuchtet, dann stößt sie einen tiefen Seufzer aus. fährt mit der Hand über die Stirn, als wolle sie da etwas Ekles, Häßliches wegwischen. Und dann näht sie weiter, emsig, obne aufzusehen, wie schon so manches lange Jahr! Vierzehn Tage später ist die Hochzeit. Auf einer Bank in einer dunklen Ecke, nahe dem Altar, hockt eine kleine, schmächtige Gestalt mit brennenden Augen, die sich in das Antlitz des schönen Bräutigams bohren. Er hat nicht Acht darauf, nur die Braut wirft ab und zu einen Blick in die stille Ecke hinüber, und ihr Auge nimmt einen wehwüthigen Ausdruck an. wenn es das schmerzbewegte Gesicht da drüben streift. Dann werden die Ringe gewechselt, die beiden Glücklichen schauen einander stolz und zärtlich an. und die
! erhobene Stimme des Predigers übertönt das bitterliche Schluchzen dort hinten auf der schmalen Bank. Nur die Zunächstsitzenden hören es und wenden sich unwillig um nach der Störerin, die in ihrem Schmerz nickt einmal bemerkt, daß sie die Zielscheibe all' der zürnenden Blicke ist. Dann steht sie leise auf und geht vorsichtig hinter dem Pfeiler herum und hinaus in die lärmende, sonnenbeschienene Straße. Die kleine Näherin preßt die Lippen fest zusammen und schreitet wieder tapfer hinein in die Welt, hinein in Arbeit und Sorge, die ihrer warten. Und es ist auch gut so. denn die Arbeit ist die einzige wahre Freundin der Armen. Fürstliche Redner. Die unangenehmste und lästigste aller Pflichten, denen sich Kaiser, Könige und Prinzen unterziehen müssen, dürfte wohl wenigstens für die Mehrzahl von ihnen das öffentliche Reden sein. Der deutsche Kaiser und König Oskar von Schweden galten als die einzigen regierenden Fürsten, die sich nickt davor ürckten. in derOeffentlichkeit zu sprechen, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil sie über eine ganz eminente Rednergabe verfügen. Kaiser Wilhelm soll unlängst gesagt haben: Als Herrscher einer groß.'n Nation fühle ich, daß ich meinem Volke viel zu sagen habe. Da ich mit Ueberzeugung spreche, fehlen mir auch nicht die Worte. Wenn ich einigermaßen ausgelegt bin, stürmen bei meiner Rede so viele Gedanken auf mich ein, daß ich oft weit mehr sage, als ich ursprünglich beabsichtigte." Ter schwedische König ist nicht nur sehr sprcchgewandt, sondern auch sprachgewandt. Erst vor wenigen Wochen hielt er in einem Verein, dessen Mitglieder sich mit dem Studium fremder Sprachen beschäftigen, mehrere kürzere Reden in nicht weniger als fünf modernenSprachen. Nikolaus II. von Rußland, der das Leben und seine Pflichten ziemlich ernst nimmt, meinte kürzlich zum Herzog von Aorki Die Stellung eines Staatsoberhauptes bringt viel Sorgen und manche Unannehmlichkeit mit sich. Was mir aber die meisten Kopfschmerzen verursacht, ist das Sprechen vor einer Versammlung, mag sie noch so klein sein. Man erwartet gewöhnlich sehr viel von einem Kaiser, aber wenn ich spreche, habe ich stets die Empfindung, daß nur jämmerlich wenig aus mir herausgekommen ist. Der Prinz von Wales gestand einst humorvoll: AIs ich noch sehr jung war. fand ich stets, sobald ich einen öffentlichen Speech halten sollte, daß der Saal für das Podium, auf dem ich stand, viel zu klein war. und daß ich selbst zu einem winzigen Zwerge zusammenschrumpfte. Damals hatte ich immer höchst wenig zu sagen und viel zu vicl Zeit, um dieses Wenige von mir zu geben. Jetzt erscheint es mir. als hatte ich eine Menge zu sagen und nur die Zeit wäre knapp, um mich ausführlich auszudrücken. Sehr wohl ist mir jedesmal zu Muthe, wenn ich die Rede hinter mir habe, am wohlsten aber, wenn ich überhaupt nicht zu sprechen brauche." Protzen-Werbung. Par- , venu' Fräulein Laura, wenn Sie die ! Meine werden, will ich Ihnen Pferoe, Equrpagen, Breycles, Automobils und sofort nach Erfindung einen lenkbaren Luftballon kaufen." .
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