Indiana Tribüne, Volume 24, Number 68, Indianapolis, Marion County, 25 November 1900 — Page 2

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m i gndiana Tribiine, Sonntag, 25. November 1900. ?

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(ine Resormerm. Von Tagobert von Gerhardl.Zlrmyntor. Ein schon lange nicht mehr jugendliches Dämchen, tlein, zierlich, altfran. tisch, mit scharf geschnittenem, etwas verhutzeltem Gesicht. Schwarzes Wollkleid von veraltetem Schnitt, schwarze Glanzlederhandschuhe tadellosen Sitzes und in unserer Zeit der federgeschmüäien Hutungeheuer e.ne winzig kleine, fast komisch wirkende Toque aus schwarzem Spitzenstoff auf dem schon leicht angesilberten, glatt angekämmien Haarscheitel. Zwei breite, schwarze, seidene Bindebänder, unter dem spitzen Kinn verknüpft, halten diese altmodische Toque fest, und das von tausend Fältchen durchkräuselte Gejichtchen, das urüer der Toque hervorschaut, ist so streng, so stolz, so selbstbewußt, wie das Antlitz Marie Anto!nettens auf ihrem Todesgange. Sie sitzt mir im Straßenbahnwagen gegenüber und hat ihren Pompadour uf den Schooß genommen und geöffet, um dem vor ihr stehenden Schaffner den Fahrschein zu bezahlen. Sie Jucht nach ihrem Geldtäschchen, das auf dem tiefsten Grunde des Pompadours verborgen sein mag. Der Schaffner wartet geduldig und lächelt über die ergebnißlose Hast der kleinen, nervös-unsicheren Hände. Diese Hände wühlen in einem Wust don allerlei möglichen und unmöglichen Dingen. Ein Taschentuch, stark nach Lavendel duftend, kommt zum Vorschein. Dann ein kleines geschliffenes Glasfläschchen mit einer dunklen Flüssigkeit ist es Tinte oder Baldriantinctur? Das Dämchen allein weiß es. Dann erscheint ein Schlüsselbund, eine Apothekenschachtel, ein Feuerzeug, ein Leihbibliothetband (sehr fettig und unappetitlich), eine Düte mit gebrannten Kaffeebohnen (der strenge Duft verräth es), ein Ausgabebuch, ein Srnef zusammengerollter Stramin zu irgend einer Stickerei. Das Geldtäschchen ist noch immer nicht zum Borscheingekommen. Der Schaffner bemerkt höflich, aber in etwas dringenderem Tone: Darf ich um das Geld für den Fahrschein bitten?" Mein Gott!" erwidert sie spitz, fast beleidigt, Sie sehen doch, daß ich es suche." Die anderen Passagiere im Wagen sehen dem Vorgange belüstigt zu und lächeln. Ich bewundere die Engelsgeduld dieses Musters von einem Schaffner. Die kleinen zitterigen Damenhände in schwarzem Glnzleder wühlen weiUn weiter und weiter in dem scheinbar unergründlichen Pompadour. Mehlere Strähne verschiedenfarbignWolle kommen ans Tageslicht. Aergerlich stopft sie die Dame wieder in den seidenen Beutel. Dann holt sie aus dem Pompadour einen festen Gegenstand von der Form und Größe eines Portemonnaies hervor, entdeckt aber sofort, daß er nicht dem gesuchten Object entspricht. Es ist ein Staubkamm aus vulkanisirtem Kautschuk den sie wohl eben erst eingetauscht haben mag. Untvillig schleudert sie ihn in die Pandoratasche zurück und thut einen scheuen, schämigen Blick in die Runde, ob man nicht auch diesen discreten Theil ihrer Toilette gesehen hat. Aber, meine Dame, ich habe wirklich nicht so viel Zeit," bemerkt in bescheidenem Tone der noch immer dereblich harrende Schaffner. Wenn Blicke Dolche wären, so würde der Brave von dem Blicke, den ihm jetzt die empörte Dame zuflammt, tödtlich getroffen zu Boden sinken. Das ist stark!" zischte sie durch das Gehege ihrer vielfach plombirten, metallisch glänzenden Zähne. Sie sehen doch, daß ich suche." Fast mitleidig zuckt es um die Lippen des Beamten. Er will etwas erwidern, aber er unterdrückt es, zieht nit stummer Geberde die Schultern hoch und wendet sich einem anderen Fahraaste Das Dämchen sucht wert und weiter. Sie kramt den ganzen Inhalt ihres Pvmpadours aus und breitet ihn in ihrem Schoße aus. Da ruft sie freudig und gänzlich unle fangen aus: Endlich! Hieristes!" Sie hat den Pompadour entleert und entdeckt jetzt erst, daß das Porten knonnaie in einem kleinen Seitentäschchen ganz oben, nahe dem Verschlußbügel. steckt. Jetzt lernte ich erkennen, wie das weibliche Geschlecht in Wahrheit das stärkere '.st und nicht so leicht aus dem seelischen Gleichgewicht gebracht werden kann. Ein Mann würde sich nun beeilt 'haben, den Groschen hervorzulangen und den gutmüthigen Schaffner, uuter Hinzufügung eines kleinen Schmerzensgeldes, schnell zu befriedigen; nicht so die unbefangene und durch nichts zu erschütternde Dame. In aller Ge znüthsruhe packte sie erst ihre sämmtlichen sieben Sachen umständlich wieder in den Pompadqur zurück, und nun öffnete sie das Geldtäschchen und sucht vergeblich nach einemZehnpfennigstücke Sie mußte schließlich eine Mark in die Hand nehmen, und rief nun dem Schaffner zu: Hier ist mein Geld. Bitte, wechseln. Sie." Der Schaffner wandte sich dem Dämchen zu, nahm lächelnd das Markstück in Empfang, ließ es in seiner Le dertasche verschwinden und brachte ein Häuflein Groschen zum Vorschein. Er begann diese in die schwarzbe lederte Hand der Dame, Stück für Stück, hineinzuzählen: Eins . . . zwei . . . drei . . . sieben . . acht . . . neun." Sie ließ ihn wirklich bis neun zählen. Ich yatte geglaubt, s würde bei acht Xfy Hand schließen und freundlich Lager: .Lassen Sie nur! Das ist für

Ihr Warten." Aber nein! Beschämt mußte ich mir eingestehen, daß sie viel besser war, als ein Mann, der immer zu kleinen Bestechungen durch Trinkgelder geneigt ist. Artig händigte der Schaffner dem Dämchen den Fahrschein aus, und gutmüthig bemerkte er nur: Es hat diesmal ein wenig lange gedauert." Das weiß Gott!" flüsterte ein Nachbar mir zu, der den ganzen Vor gang mit entrüsteter Ungeduld betrachtet hatte. Es giebt doch wohl keine Vorsehnst," erwiderte spitz die Dame dem Schaffner, wie viel Sekunden dem Fahrgast zur Bezahlung seiner Fahrt bewilligt werden." Der Schaffner quittirte dieseBemerkung durch eine stumme Verbeugung und verließ das Wageninnere, um aus der Rampe seinen Platz einzunehmen. Das schlagfertige Dämchen faltete den Fahrschein mit der Vorsicht zusammen, mit der man etwa einen Tausendmarkschein inFalten bricht; dann steckte sie ihn in ihr Portemonnaie, stand auf und barg nun das Portemonnaie in ihrer Rocktasche. Aha! dachte ich, sie will ihn schneller zur Hand haben, im Falle der Eontro-

leur ihn zu sehen wünscht. Ich hätte freilich an ihrer Stelle den Fahrschein in derHand behalten oder in den Handschuhschlitz geschoben; aber, du lieber Gott, wir Männer sind eben anders geartet, und wer wollte behaupten, daß wir immer das Richtigere thun? Wenn wirklich der Controleur kommt," raunte mir mein schadenfroher Nachbar vergnügt in's Ohr. geben Sie acht, dann giebt es einen neuen Aufenthalt." Das von dem spottsüchtigen Herrn sehnlichst Erwartete trat in der That ein: nach einigen Minuten stand ein Controleur vor der Dame und sagte: Bitte Ihren Fahrschein." Erst warf die also Aufgeforderte dem unbequemen Mahner einen bitterbösen Blick zu: konnte er nicht andere Leute incommodiren? warum mußte er gerade ihr lästig fallen? Dann stellte sie den Pompadour vorsichtig neben sich, stand auf, fuhr mit der Rechten hinter sich und versuchte, die entspreckendeRockfalte zu erwischen, in der sich die Tasche befand. Vergeblicbes Bemühen! Immer wieder, wenn sie mit der Hand tiefer fuhr, um in die Kleidtasche hiueinzutasten, machte sie die ärgerliche Entdeckung, daß sie die richtige Rockfalte verfehlt hatte. Bitte, beeilen Sie sich etwas, meine Dame! Ich habe keine Zeit." bemerkte der ungeduldige Controleur. Empört schaute sie zu ihm empor. Sehen Sie denn nicht, daß ich mich beeile? Die Fahrgäste sind doch nicht wegen der Beamten da; ich glaubte, da Umgekehrte wäre der Fall!" Da hatte er es! Oh. die kleine kampfbereite Dame war nicht so leicht einzuschüchtern. Ich bewunderte im Stillen ihre Geistesgegenwart und Schlagfertigkeit. Immer weiter suchte sie ihren Oberk'örper zurückzudrehen, um eine Ansicht ihrer eigenen Nordseite zu gewinnen ; sie machte den Eindruck eines riesig großen Pfropfenziehers. Da sie das Vergebliche ihrer peinvollen Verrenkungen endlich einsah, versuchte sie nun mit der anderen Hand in die unauffindbare Tasche zu gelangen. Die Passagiere erstickten vor heimlichem Lachen Ich ärgerte mich über diesen Mangel an Theilnahme. Mir that das arme Dämchen leid, ras so zum grausinn verspotteten Opfer einer unvraktischen Mode wurde. Wenn mich alle5errschaften so lanae wollten warten lassen," hob der Controleur ärgerlich an. Sie l.eß ihn nicht vollenden, sondern siel ihm in's Wort: Sehen Sie sich doch erst die andern Fahrscheine an; ich werde den meinen inzwischen finden." Das Ei des Columbus! Sie hatte wirklich Recht. Der Controleur konnte so in der That ohne Versäumniß seine Pflicht erfüllen. Er kam auch höflich der Weisung nach und das Dämchen begab sich nun auf's Neue und mit aller Seelenruhe auf die Suche nach ihrer Rocktasche. Der Wagen hielt, und ich sprang ab, da ich mein Ziel erreicht hatte. Mein Nachbar, der ebenfalls ausgestiegen war. rief mir spöttisch lachend zu: Haben Sie so etwas schon erlebt? Wissen Sie, wer die Dame ist? Sie macht in Reformkleid-Bestrebungen und ist eine der eifrigsten Kämpferinnen für fck Emancipation des weiblichen Geschlechtes. Di' Dame sollte erst die Erfindung machen, daß man eine brauchbare Tasche nicht hinten, sondern vorn anzubringen hat; der kürzeste Weg zwischen zwei Punkten ist allemal die gerade Linie." Ich eilte weiter und überließ den Sonderling seinen mathematischen Betrachtungen. S cy t a g s e r t i g. Hausfrau (die Köchin mit zwei Soldaten in der Küche überraschend): Aber Franziska, was muß ich sehen? Gleich zwei auf einmal!" Köchin: Gnädige Frau kommen nämlich gerade zur Ablysung." I m E i f e r. Besitzer einer Mcnagerie (zum Wärter, der den Tod eines Nilpferdes infolge seiner Nachlässigteit auf dem Gewissen hat): Sie sind ein ganz unverantwortlich leichtsinniger Mensch! Oder glauben 3ie, ich schüttle die Nilpferde nur so au den Aermeln?" Die Macht der Gewöhnh e i t. Studiosus Süffel schickt sich bei nächtlicher Heimkehr an. die Treppe wie gewöhnlich auf allen Vieren zu erklettern. Donnerwetter," ruft er plötzlich, sich besinnend, was mache ich denn jetzt ich bin heut ja nüch tan!" . .

Ta? Age des Todten.

Nach dem Cn ilischi'n von (5. Wefzner. Vor mir auf dem Schreibtisch liegt, während ich diese Geschichte niedersclireibe. eine photographische Platte. Breimal im Lcden habe ich das Bild gesehen, da sie auf den Wandschirm wirst und jedesmal rann mir ein eisigcr Schauder durch dieAdern, jedesmal orach der kalte Schweiß auf meiner Stirn aus. Keine Spur von dem entsetzlichen Bilde ist aus der Platte, während sie hier liegt, sonst würde ich sie nicht auf meinem Schreibtisch liegen lassen. Wenn man darauf sieht, gewhrt man nur einen kleinen, dunklen &is. Bei näherem Betrachten erweist sich dieser Kreis als von einem Schatten umgeben, aber so nebelhaft, daß man kaum eine Form feststellen kann. Dem Anschein nach ist das alles und doch birgt die Platte etwas, das man. einmal gesehen, nie wieder vergessen kann. Und eine Geschichte ist damit verknüpft, so wunderbar. daß sie kaum zu glauben ist. Während der letzten vier Jahre wobne ich in einem der westlichen Bororte, und obgleich ich noch sehr jung bin. ist meine Praxis doch eine recht ausgedehnte. Eines Bormittags gegen 10 Uhr stand ich in meinem Sprechzimmer, mit dem Rücken gegen den Ziamin gelehnt, und sann über eine Entdeckung nach, die ich gemacht, während ich Versuche mit meinem neuen Elektoqraphen angestellt. Ich hatte nikich bemüht, ein Verfahren zu erfinnen. vermöge dessen man das menschliche Gehirn Photographiren könne. Ich stand vor meinem photographischen Apparat, meine Stirn auf die Linse gerichtet wie ich dachte. Als ich die Platte herausnahm, bemerkte ich jedoch, daß ich die Camera zu tief gestellt hatte; es zeigte sich nämlich nur ein kleiner Kreis auf derselben, der, mit Anwendung des Elektrographen vergröert auf den Wandschirm geworfen, mein eigenes Auge darstellte. In der Mitte des Augapfels zeigten sich die Umrisse einiger allerdings sehr verschwommener Gesichter, so verwischt und undeutlich, daß ich keins derselben erkennen konnte. Die einzige Erklärung dieses Phänomens schien mir die, daß ich, während ich vor der Camera stand, an verschiedene Personen gedacht haben müßte, deren Gesichter sich in meinem Auge ausprägten. Tief in Gedanken versunken, über dies Problem nachgrübelnd, stand ich da, als es plötzlich klingelte. Mein Diener war nicht zu Hause, ich öffnete selbst. Vor 'mir stand ein hochgewachsener Herr von ungefähr 50 Jahren, mit einem regelmäßig geschnittenen, intelligenten Gesicht und 'starkem, gut gepflegten Schnurrbart. Sein Haar war grau, sein Mund groß und auf Entschlossenheit deutend, unter den starken buschigen Brauen blitzten ein Paar kühner stahlblauer Augen. Ein flüchtiger Blick in dies Gesicht lehrte mich, daß ich einen Mann von hoher Intelligenz und scharf ausgeprägtem Geist vor mir hatte. Ich ließ ihn eintreten. Habe ich die Ehre. Herrn Doctor Kettenberg zu sprechen?" fragte er. in ruhigem, gleichmäßigem Tone sprechend, während ich doch fühlte, daß er mich während dieser Zeit sozusagen mit den Augen secirte. ..Mein Name ist Ronnebeck." Er nahm seine Visitenkartentasche heraus und überreichte mir eine Karte. Ich nahm dieselbe und las. Dann sah ich meinen Besucher scharf an. Was mochte er von mir wollen? Als Patient kam er sicherlich nicht zu mir. das glaubte ich bestimmt zu wissen. Ach. Herr Ronnebeck. Sie kommen von der Criminalpolizei!" rief ich erstaunt. Darf ich fragen, was Sie zu mir führt?" Ich möchte Sie um Beantwortunq einiger Fragen ersuchen, die sich auf den verstorbenen Herrn Victor Kayser beziehen Mitinhaber des bekannten Bankhauses Kayser und Sprenger. Sie waren doch mit ihm bekannt?" Was? Der verstorbene Victor Kayser?" wiederholte ich erstaunt. Aber, mein Herr, Sie scheinen sich in einem großen Irrthum zu befinden. Ick habe ihn gestern Abend halb zehn Uhr noch gesprochen und bis an die Ecke der Parkstrahe begleitet. Sie wollen doch nicht sagen, daß er todt ist?" Sie haben Ihre heutige Zeitung noch nicht gelesen, wie ich sehe. Herr Doctor". sagte er. auf das noch fest zusammengefaltete Blatt deutend. Da haben Sie freilich recht Nein, nein, lassen Sie das jetzt", sagt? er, als ich die Zeitung ergreifen wollte, ich will es Ihnen lieber erzählen. das c,eht schneller. Also Victor Kayser wurde gestern Abend, zwischen neun und zehn Uhr. an der Ecke der Park- und Schloßstraße ermordet aufgefunden. Nach eingezogenen Erkundiqungen habe ich festgestellt, daß Sie, Herr Doctor, zuletzt mit ihm gesehen worden sind. Verstehen Sie nun. weshalb ich hier bin?" Mir war, als gerinne das Blut in meinen Adern zu' Eis. Mein Gesicht muß sich äh verfärbt haben denn , eine furchtbare Ahnung, man könne j mir am Ende diesen Mord zutrauen, packte mich und zagte mir emenSchauer des Entsetzens über den anderen durch die Glieder. Ich ich war zuletzt mit ihm gesehen worden! Wollen Sie damit sagen. Herr Ronnebeck," stammelte ich fassungslos, daß Sie mich im Verdacht haben, meinen Freund " Aber er unterbrach mich schnell. Entschuldigen Sie. Herr Doctor". sagte er in vollendet höflichem Ton. ich fagte Ihnen bereits, ich sei gekommen, um Sie um Beantwortung einiger fsragen zu bitten. Es sollte mir leid thun, wenn sie mich mißverstanden hätten." Immer derselbe ruhige, gleichgiltige Ton.

So sagen Sie mir nur vor allem, auf welche Weise wurde Kayser ermorbet?" Erschossen! Man fand ihn mit zwei Kugeln in der Brust, die beide in it Lunge gedrungen waren, unter dem hellen Schein einer Straßenlaterue. Weder seine goldene Uhr, noch seine Kette, noch das Geld fehlen. Ein Raubmord ist also von vornherein ausgeschloffen. Der Beweggrund zu der That ist uns bis jetzt ein Geheim- ! L " NIN. Schrecklich! Entsetzlich!" murmelte ich vor mich hin. Darf ich mir die Leiche ansehen?" ..Gewiß. Kommen Sie mit mir. Wir können unterwegs über die Angeleqenheit sprechen." Wenn Sie mich einige Minuten entschuldigen wollen, mache ich mich sofort bereit." Bitte sehr." Ich wandte mich um und verließ das Zimmer.

Durch den Corridor gehend, begab ich mich in mein Arbeitszimmer, wo ich meine chemischen Experimente anzustellen pflegte. Als ich die Tbür öffnete, drang mir ein Heller Lichtschein entgegen. Ich stutzte. Ah, wahrscheinlich hatte ich vergessen, meinen neuen Elektrographen abzustellen! Auf dem Wandschirm zeigte sich noch immer das Bild meines Auges. Die Wirkung beim Anblick desselben war eine seltsame. Das Auge schien jede meiner Bewegungen zu verfolgen. Als ich das Glas abstellte und die Jalousien in die Höhe zog. zuckte plötzlich ein Gedanke durch mein Hirn, den ich auszuführen beschloß, falls man mir die Erlaubniß dazu ertheilte. Ich trat an meinen Schrank, nahm eine kleine, viereckige Camera heraus, die ich nebst drei photographischen Platten in einen Holzkasten legte. In einen anderen Kasten packte ich eine kleine elekirische Batterie und einen starken, lufidicht verschlossenen Glascylinder, an dessen beiden Enden Drähte eingeschaltet waren. Nachdem ich alle zur Aufnahme einer Photographie erforderlichen Gegenstände eingepackt, trat ich wieder in mein Sprechzimmer, in den Händen die zwei Holzkästen und einen pboiographischen Ständer haltend. Herr Ronnebeck blickte von der Zcitung auf, in der er gelesen. Ich glaubte mindestens, er werde ein erstauntes Gesicht machen, wenn er mich so wie zu einer länaeren Reise ausgerüstet sah. Aber nichts dergleichen, nicht ein einziges Wort äußerte er, nicht einmal der Schatten einer Verwunderung glitt über sein undurchdringliches Gesicht, das mit keiner Muskel zuckte. Glauben Sie, daß ich eine Aufnähme des Todten machen darf?" fragte ich. X Gewiß, wenn Sie es wünschen " Ja, es ist mein ganz besonderer Wunsch. Ich habe nämlich eine Idee, Ihnen von, Nutzen sein zu können." Es mag Einbildung von mir gewese l ' aber ich glaubte wahrzunehr. er Ronnebecks Brauen sich ein i. - n die Höhe zogen. Er erwiderte rulig: Wenn Sie fertig sind. Herr Doctor. können wir gehen. Gestatten Sie. daß ich Ihnen einen Theil Ihrer Last tragen helfe." Dabei nahm er mir den einen der beiden Holzkästen aus der Hand. Wir mußten über eine Viertelstunde gehen, bevor wir eine Droschke fanden; nach einer Fahrt von weiteren fünfzehn Minuten hielten tojr vor einem Hause, dessen Adresse mein Begleiter dem Kutscher genannt. Unterwegs hatte ich Herrn Ronnebeck allerlei Mittheilungen über den Ermordeten gemacht. Ich folgte dem Geheimpolizisten durch einen langen Flur über einen Hof, an dessen Ende sich eine kleine steinerne Halle erhob. Er öffnete die Thür; wir traten ein und standen vor einem großen Tisch, auf dem der Ermordete lag. Nach flüchtiger Untersuchung der Leiche traf ich meine Vorbereitungen zur Aufnahme eines Bildes, wobei Herr Ronnebeck mir hilfreich zur Hand ging. Die starren Augen des Todten standen weit offen. Ich stellte meinen Apparat ungefähr sechs Zoll von seinem Gesicht entfernt auf. so daß das eine Auge direct von der Linse getroffen werden mußte. Ueber die Kammer stellte ich den Glascylinder und brachte die Drähte desselben mit der elektrischen Batterie in Verbindung. Alsbald begann der Cylinder in einem bleichen Lichte zu erglühen. Nun nahm ich die Kappe von der Linse, und wir warteten etwa sieben Minuten. Nach Verlauf dieser Zeit steckte ich die Kappe wieder über die Linse, trennte die Drähte von der Batterie und packte mit Ronnebecks Hilfe meine Utenstlien wieder zusammen. Er versprach mir. mich am nächsten Vormittag zu besuchen, und ich begab mich nach Hause. Erst spät am Nachmittag konnte ich an die Entwickelung des Bildes gehen. Ich ging mit der größten Sorgfalt zu Perke. denn ich wollte ein so vollkommenes Bild, wie nur iraend möalich. herstellen. Gegen suns Uhr war alle? fettig. Ich drehte das Knallgas auf und ließ es auf den Cylinder fallen. Einige Augenblicke wartete ich, bis das Licht klar und ruhig leuchtete. Dann schob ich die Platte hinein. Alles war nebelhaft und undeutlich. Wahrscheinlich hatte ich den richtigen Brennpunkt nicht getroffen. Während ich die Platte immer nur ganz wenig weiter rückte und das Bild ; dann plötzlich klarer und deutlicher ' wurde, da dämmerte allmählich das Bewußtsein in mir auf, daß ich einen i Anblick erleben würde, den ich mir nie I und nimmer hätte träumen lassen. Erst nachdem ich ein ganz klares Bild vor mir hatte, begriff ich die entsetzliche Bedeutung des Resultats, das ich erzielt. Auf dem Schirm hob sich ein

Auge ad ein furchtbar starrendes Auge das Auge eines Todten. Und es übte eine so überwältigende, unheimliche Wirkung auf mich aus, daß ich Anfangs die wunderbar getreue Wiedergabe des Bildes gar nicht bemerkte. In der Mitte des Auges befand sich ein Gesicht. Ich trat dicht heran, um mich zu überzeugen, daß ich mich nicht täuschte. Aber es war kein Zweifel das Gesicht war da. Während ich es näher betrachtete, glaubte ich zu träumen. Ich fürchtete, den Verstand verloren zu haben, denn ich erkannte diese Gesichtszüge ganz deutlich. Unwillkürlich kam mir der Name über die Lippen. Sprenger!" murmelte ich entsetzt. Mein Hirn glühte, aber meine Hände waren eiskalt und starr. Die Fäuste gegen die Schläfen gepreßt, taumelte ich nach der Thür. Dort hielt ich inne und sah noch einmal auf das Bild zurück. Das Auge schien sich zu bewegen. Ich glaubte, es träte aus dem Schirm heraus und käme auf mich zu. Schnell das Licht ausdrehend, stürzte ich aus dem Zimmer, die Thür hinter mir zuschlagend und verschließend. Zum ersten Male in meinem Leben fühlte ich namenlose Furcht. Zehn Minuten später saß ich in einer Droschke und fuhr in die Stadt. Es schlug gerade 6, als ich das Privatcomptoir des Bankhauses Kayser & Sprenger betrat. Herr Sprenger, der jüngere Mitinhaber der Firma, erhob sich hastig von seinemSessel und streckte mir zum Gruß die Hand entgegen. Ah, Doctor Kettenberg!" sagte er. Freut mich. Sie zu seben. Sie haben jedenfalls von dem furchtbaren Unglück schon gehört, das unsere Firma betroffen hat? Bitte, nehmen Sie Platz!" Ich setzte mich und sah ihm forschend in's Gesicht. Er war nervös und unruhig. Ja." erwiderte ich. ich habe von Ihrem schweren Verlust gehört. Aber ich bin nicht gekommen, um darüber mit Ihnen zu sprechen, sondern um Sie zu bitten, mich in meine Wohnung zu begleiten. Ich muß Ihnen eine Entdeckung zeigen eine photographische oder vielmehr elektrographische Entdeckung die ich gemacht habe. Nein, nein, keine abschlägige Antwort. Ich versichere Sie, die Sache wird Sie im höchsten Grade interessiren!" Eine merkwürdige, wahrhaftig, eine

sehr merkwürdige Welt!" versetzte er lächelnd. Jeder geht nur in seinen eigenen Interessen seinem eigenen Ich auf! Ich sitze hier mitten im tiefsten Jammer. Da kommen Sie. nehmen nicht die geringste Rücksicht auf mein Unglück und denken an nichts Anderes. als eine wichtige Entdeckung, die Sie berühmt machen wird! Ja. ja. die Welt ist egoistisch und wird es bleiben! Aber ich will Ihnen den Gefallen thun und sie begleiten, Herr Doctor." So kommen Sie gleich mit, Herr Sprenger, wenn es Ihnen paßt." Oh ja. es paßt mir schon," antwortete er. Ich war gerade beim Aufräumen, als sie eintraten." Er legte einige Briefe und Bücher beiseite, schloß den Schreibtisch und den Geldschrank zu. zog den Paletot an und setzte den Hut auf. So, nun können wir gehen." Wir verließen das Haus, ich winkte eine Droschke heran. Während der Fahrt ich konnte mich bemühen, so viel ich wollte, die Unterhaltung auf ein anderes Thema zu lenken, es gelang mir nicht redete Sprenger nur von seinem verstorbenen Socius. Endlich langten wir in meiner Wohnung an. Ich führte ihn sofort in mein Experimentirzimmer. Dasselbe lag völlig im Finstern. Als ich das Gas angezündet, verschloß ich die Thür. Sprenger hatte sich in einen Armstuhl fallen lassen und ich nahm ihm direkt gegenüber Platz. Vielleicht. Herr Sprenger," begann ich langsam, sollte ich Ihnen die Entdeckung, die ich gemacht, erst etwas näher erklären. Sie steht nämlich mit dem gestern Abend begangenen Morde in Verbindung!" Es kam mir vor, als ob er leise zusammenzucke. Ich bin überzeugt, daß Niemand den Urheber dieses furchtbaren Verbrechens sehnlicher zu entdecken wünscht, als Sie!" Ja, ja. Niemand mehr als ich!" sagte er mit seltsam hohler Stimme. Nun. ich will Ihnen nicht sagen, welche Bedeutung ich der seltsamen Entdeckung beimesse, die ich Ihnen zeigen will. Dieselbe betrifft Sie viel mebr als mich!" Kein Wort kam über seine Lippen. Ich trat an meine neue Laterne heran, die mit der einge,'choöenen Platte noch so daitand wie ick sie am Nachmittag verlassen. Dann zündete ich daS Knallgas an und drehte das Leuchtgas aus. Und dann, als das Bild allmählich auf dem Schirm erschien, beobachtete ich meinen Besucher auf das schärfste. Das aus der Rückseite der Laterne strömende Licht fiel voll auf sein Gesicht, und als das Bild immer diutlickxr und klarer sich abhob, sah ich. daß seine Züge aschfahl und verzcrrt wurden. Jetzt starrte das schreckliche Auge deutlich aus dem Schirm heraus Spr.mger schlug die Hände vor das Gesicht, um es nicht sehen zu müssen. Was ist das?" stammelte er mit heiserer Stimme. Eine Elektrographie!" gab ich zurück. Aber warum starrt es einen so fürchterlich an?" fuhr er fort, wieder auf das Bild sehend. Weil es von einem Todten ausgenommen wurde." Er erhob sich von seinem Stuhl. Sein Gesicht war bleigrau, er zitterte am ganzen Leibe. O Gott! O Gott!" ächzteer. .E ist sein Auge! Und dort dort was ist das ? Das ist ia mein Gesicht !

Barmherziger Gott! Nehmen Sie es weg nehmen Sie es weg," schrie er mit gellender Stimme. Ich stellte das Licht der Laterne ab und zündete das Gas wieder an. Sprenger war in den Stuhl zurückgesunken.. 'Anfangs hielt ich ihn für ohnmächtig, aber er begann zu sprechen. Und so, Doctor, haben Sie den Mörder entdeckt!" murmelte er tonlos. Das Bild lügt also nicht?" Nein." flüsterte er. es ist nur zu wahr." Und warum haben Sie es gethan?" Ich will es Ihnen sagen." antwortete er. den kalten Schweiß trocknend, der in großen Tropfen au seiner Stirn stand. Ich habe mit dem Gelde der Firma spekulirl. und habe verloren. Siebenhunderttausend Mark auf einen Schlag verloren! Ende dieser Woche haben wir Wechsel im Betrage von dreihunderttausend Mark einzulösen. Und wir haben keine zehntausend Mark! Ich allein nur ich weiß, wie unsere Lage ist. Er wußte nichts von meinen Spekulationen. Es blieb mir nur ein Ausweg. Wir hatten unser Leben gegenseitig jeWr für fünfhunderttausend Mark versichert. Dieses Geld mußte einem von uns beim Tode des Anderen sofort ausbezahlt werden verstehen Sie mich? Ich brauche wohl nicht ausführlicher zu sein? Nein, ich verstehe Sie!" Er taumelte auf die Füße. Was wollen Sie nun mit mir machen?" Ich glaube, ich muß Sie dem Gericht übergeben." Nein, ich bitte, ich beschwöre Sie,

ersparen Sie mir das. Ich habe zwar nicht das geringste Recht. Sie um Mitleid anzuflehen, aber haben Sie BarmHerzigkeit mit mir und retten Sie mich vor dieser Schmach. Leben um Leben so heißt es so soll es sein! Lassen Sie mich nur fort von hier in einer Stunde soll das Gesetz befriedigt sein. Wenn der Mond durch das Fenster meines Arbeitszimmers schaut, soll er einen Todten bescheinen." Armer Mann! Wie er so vor mir stand, ein Mann in der Vollkraft des Lebens und doch mit dem geisterhaft verzerrten Gesicht, dem fest zusammengepreßten Mund, dem man den Entschluß ansah, in einer Stunde mit dem Leben abgeschlossen zu haben da stieg es feucht in meine Augen, und ein tiefes Mitleid erfüllte meine Brust. Wollen Sie mir schwören, daß Sie tbun, was Sie soeben gesagt?" fragte ich. Ja." erwiderte er hastig, ich schwöre es Ihnen bei allem, was mir das Liebste auf dieser Wett was mir heilig ist bei der Liebe zu meiner Frau und meinen unschuldigen Kindern binnen einer Stui.de werde ich mir das Leben genommen haben." Ich konnte sehen, daß er sich mit Anstrengung all seiner Kraft beherrschte, bei diesen Worten brach er jedoch völlig in sich zusammen, verbarg das Gesicht in den Händen und schluchzte wie ein Kind. So mögen Sie gehen." sagte ich erschüttert. Ich ich danke Ihnen schluchzte er. Leben Sie wohl!" Ich begleitete ihn bis an die Hausthür und sah ihn die Straße hinunter gehen. Als ich mich umwandte, mußte ich mir die Augen trocknen. Diese Nacht fand ich wenig Schlaf. Unruhig warf ich mich hin und her, um von Zeit zu Zeit aus einem mit schreckliehen Bildern erfüllten Halbschlummer aufzufahren. Endlich erhob ich mich. Es war noch sehr früh am Morgen. Ungeduldig wartete ich auf das Erscheinen der Zeitung. Als sie endlich kam. überflog ich sie mit brennenden Augen. Ja. da stand es der Mann hatte sein Wort gehalten. Dann wartete ich wieder eine Zeit in aroßter Ungeduld auf Ronnebeck. Endlich kam er. Sein Gesicht war undurchdringlich, wie immer, und zeigte keine Spur von Erregung oder Verwunderung. Als er mein Zimmer betrat, begann er in seinem ruhigen, abgemessenen Ton: Guten Morgen, Herr Doctor. Ich sehe, heute haben Sie die Zeitung schon geöffnet; ich brauche Ihnen also nichts Neues zu erzählen." Ich glaube, eher kann ich Ihnen etwas erzählen, wenn Sie Platz nehmen und zuhören wollen. Dann gab ich ihm eine ausführliche Beschreibung der Vorfälle des vergalt genen Tages, die er aufmerksam anhörte, ohne mit der Wimper zu zucken. Als ich meinen "Bericht schloß, sagte er: So haben wir es also Ihnen zu danken. Herr Doctor. daß uns die Kosten iines Gerichtsverfahrens erfpart werden. Für uns. für die Dienste der Polizei würden Sie sich freilich nicht eignen." Wahrscheinlich nicht," versetzte ich. Wenn Sie mir folgen wollen. Herr Ronnebeck. so möchte ich Ihnen die gestern mit Ihrer Hilfe genommene Photographie zeigen." Die Jalousieen in meinem Experimentirzimmer waren noch herabgelas-. sen. sodaß das Zimmer völlig im Dunklen lag. Ich zündete sofort die Laterne an. Langsam, allmählich trat das Todtenauge auf den Wandschirm, bis es klar und deutlich mit seinem harten, kalten, unheimlichen Ausdruck vor uns stand. Der furchtbare Eindruck, den dieses Auge auf den Zuschauer machte, spottet jeder Beschreibung. Das Allerschrecklichste an die. scm entsetzlichen Bilde war. daß das Auge direkt auf einen zuzukommen schien. Selbst von Ronnebeck's Lippen brach ein Schrei. Herr Doctor. ich würde Ihnen das nie und nimmer geglaubt haben, wenn ich es nicht mit eigenen Augen gesehen hätte. Noch nie zuvor habe ich eine solche Aufregung über t etwas empfunden. Ich habe schon manchen schrecklichen Anblzck gehabt,

aber ich ,ann mich nicht entsinnen, mich jemals vor irgend etwas gefürchtet zu haben. Aber in diesem Zimmer möchte ich nicht zelm Minuten allein bleiben mit diesem Bilde nicht um alles in der Welt. Und das Gesicht in der Mitte eS ist gräßlich gräßlich' Ich stellte das Licht ab. und Rönnedeck verabschiedete sich. Ich kehrte in mein Zimmer zurück und nahm die Platte aus der Laterne. Und seit jenem Tage liegt sie nun stets auf meinem Schreibtisch. Das verkannte Bäumchen. In einer tiefdunkeln Nacht gingen die Musikanten Blashuhn. Tuterl und Paukchen von einer Landkirchweih nach Hause. Unterwegs kamen sie auf eine Chaussee, welche anscheinend mit Obstbäumen bepflanzt war. We Drei hatten einen fürchterlichen Durst und Hunger, da sie in dieser Beziehung von den tanzlustigen Bauern stark vernach. lässigt worden waren. Blashuhn und Tuterl kletterten gleich an den ersten besten Bäumen in die Höhe und griffen beherzt in die dichtbehangencn Zweige, die zum Glück voller saftiger Zwetschen waren, an welchen sie ihren Durst ge nügend stillten. Unterdessen stand der kleine Paukchen, welcher nicht klettern konnte, weil er ungeheuer dick war. unter einem Baume und seufzte etwas von einem Königreich, welches er demjenigen geben wollte, der ihn in die Zweige jenes von ihm scheinbar mit in Niger Liebe umklammerten Baumes befördern würde. Blashuhn und Tu

terl fühlten endlich ein menschliches Rühren mit ihrem darbenden College, stiegen von ihren olympischen Sitzen herunter und schoben Paukchen mit großer Kraftanstrengung auf das Bäumcben, wo er sich zwischen zwei gabelförmige Aeste setzte, in die er sich so fest hineinklemmte, daß er unmöglich herunterfallen konnte. Unterdessen waren Blashuhn und Tuterl wieder ihren Diebsgelüsten nachgegangen und saßen, um nunmehr auch ihren Hunger zu stillen, auf zwei anderen Bäumen, welche sich durch ihre wohlschmeckenden großen Früchte als Aepfelbäume legitimirt hatten. Da ertönte plötzlich von dem Nachbarbäumchen ein fürchterliches Schnarchen. Paukchen war dort oben sanft eingeschlummert, nachdem er mebrmals in das Bäumchen gegriffen hatte, ohne etwas gefunden zu haben. Wahrscheinlich hängen die Zwetschen auf der anderen Seite," hatte er noch philosophisch vor sich hingeflüstert und dann war er sanft eingeschlafen. Blashubn und Tuterl legten sich, als sie ihren Eollegen schnarchen hörten, unter das Bäumchen, auf welchem Paukchen faß und schliefen ebenfalls bald ein. Als die liebe Morgensonne hinter den Bergen hervorkam, huschte ein kleiner Sperling durch die Zweige, streifte mit seinen Flügeln Paukchens dicke rothe Nase, so daß derselbe kräftig niesen mußte, wovon alle Drei zu gleicher Zeit erwachten. Hungrig und durstig stieg Paukchen wieder von dem Bäumchen herunter und sagte zu den anderen, nachdem er sich die Augen mebrmals vor Verwunderung gerieben und den Baum von allen Seiten betrachtet hatten O ihr verflixten Kerle. Das ist ja eine Erle." Blashuhn und Tuterl hielten sich die Seiten vor Lachen und riefen: Das haben wir scbon längst gewußt. Deshalb hast Du hinauf gemußt." .loktcrttöc inver Wohl jeder Mensch, der mit tottern behaftet ist, wird die- als Unglück empfinden, denn solch' eine UnVollkommenheit erschwert nicdl nur den geschäftlichen 5!ertehr erheblich, sondern sie kann auch in Momenten, wo das Lebensschicksal eine- Menschen von einem beredten Wort abhängt, seine liebsten Hoffnungen zertrümmern. Alle gewissenhaften Eltern, denen das Wohl ihrer Lieblinge am Herzen liegt, werden daher darauf bedacht sein, sie von diesem Uebet zu cunren. Leider vergreift man sich nur zu häufig in der Wahl der Mittel. Im Uebereifer übersieht man gar zu leicht, daß das Stottern eine unwillkürliche Aeußerung des Kindes ist. Man sieht bisweisen Mütter und Bäter mit Ermahnungen, Schelten, Drohungen, ja sogar körperlichen Strafen dagegen antämpfen, wie gegen eine moralische UnVollkommenheit, die das Kind nach Belieben abstellen kann oder nicht. Noch schlimmer ergeht es den armen Kleinen, wenn sie in die Hände von Fremden fallen, bei denen sich zu der mangelnden Einsicht noch Herzensrohheit gesellt. Welcher Behandlung sie unterliegen, davon legen oft die Spuren von Mißhandlungen an ihrem Körper Zeugniß ab. Bedenkt man nun, daß das Stottern eine nervöse Störung ist. die sich übrigens auch bei ganz nor malen Kindern infolge von Berängstigung und roher Behandlung einstellen kann, so läßt sich leicht ermessen, welch' eine seelische Marter solch' kleines Geschöpf ausstehen muß. wenn es beftän big Strafe gewärtigt für eine Unvoll kommenheit. der es sich gegenüber ohn mächtig fühlt. Um einem Kinde das Stottern abzugewöhnen, ist vor allen Dingen seine Angst, seine Schüchternbeit zu beseitigen, ihm Muth und Selbstvertrauen in sein Können einzuflößen. Erst dann kann man es lebren. die körperlichen Hindernisse u überwinden, die sich seinem normalen Sprechen entgegenstellen. Dazu aber gekört viel Nachsicht. Geduld und Her zensgüte seitens seiner Umgebung, drei Eigenschaften, ohne die eine wirksame Erziehung überhaupt undenkbar ist. Eine feineTorte. .Meine Zsrau hat jetzt eine unzerbrechlicheMasse erfunden." So, wie kommt Sie denn dzu?- .Sie wollte Torte backn!"

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