Indiana Tribüne, Volume 23, Number 186, Indianapolis, Marion County, 25 March 1900 — Page 7

Wo loch ' tzyre.

Von Philipp Wengeröoss. tc Nachfeier deMhonecljcyn jqocd zeit fand in Heilicjendamm statt. Dtt balbstündige gemeinsame Fahrt von dem Rittergut Landen nach dem Seebadeort war in ebenso amüsanter Act in dem Festprogramm dieser Tage als das darauf folgende Diner im. Kurr . e. iJian hatte in dem zweiten Saal für diese große Gesellschaft, die unter sich bleiben wollte, gedeckt, und der junge Herr, nach dessen Anweisung es geschah, entschädigte sich für seine Mühe dadurch, daß er den Platz einnahm, von dem aus man durch die geöffnete, vierflügeligc Thüre auch die im Hauptsaale stehende Tafel, an der die Gäste des Hotels speisten, übersehen konnte. Und der Lohn blieb nicht aus. Den Sitzihm gegenüber nahm die lieblichste,' zarteste Blondine, die er je gesehen zu haben meinte, ein, und das sichtliche Interesse, das sie der etwas sehr geräuschvollen Heiterkeit der Hochzeits-esellschaft widmete, das süße Lächeln, mit dem sie von den hellen Lachsalven Notiz nahm, steigerte das Entzücken des Beobachters. Wie reizvoll war dieses fein geschnittene rrif :i. w:.r. .ir suau uiiiiy, eine vqiuu, ivit y.u ziös und a- .nuthig jede Bewegung und doch wie voll Stolz und Würde die Haltung des auf schlankem Halse ruhenden, zierlichen Hauptes! Sie war mit einer älteren Dame, augenschein lich ihrer Mutter, als Letzte zum Sbu uer gekommen und diese Beiden waren dann wieder die Ersten, die den Saal verließen, der, nachdem die weiße Gestalt daraus verschwunden war, ihrem Gegenüber sonnenlos und dunkel dünkte. Ein Blick rief den Kellner herbei. Er wollte den Namen der schönen Unbekannten erfragen, aber, als er schon die Lippen geöffnet hatte, verschloß er sie wieder. Es erschien ihm plötzlich wie Profanation, mit dem Kellner von ihr zu reden. Am oberen Tischende saß neben dem Gastgeber dessen Freund, ein Regierungsrath Kramer aus Westpreußen. des hier als Kurgast weilte. . Das Interesse der beiden älteren Herren galt ausschließlich dem jungen Kreise, der um diese Tafel versammelt war. Ueber dein 'hemaliges Mündel kannst du dich wohl freuen meinte der Regierungsrath; welch' fröhliches, frisches Kerlchen ist dein Fritz. DaS Erziehungswerk ist als geglückt zu bezeichnen." Herr, von Rhoneck machte eine ablehnende Bewegung. ' t Nicht mein Verdienst," sagte er. Sein Vater hatte ihn noch selbst nach dem Cadettcnhause gebracht, er war von ihm zur Osficierscarriöre bestimmt. Und sein Geld lag auch, als ich mein Amt antrat, bereits wohlverwahrt auf der Reichsbank. Wo es sich um Millionen handelt, entzieht sich ein Vermögen der Selbstverwaltung." Um Millionen? Ist er wirklich so ich?" Freilich. Sonst hätte das Caval-lerie-Regiment, zu dem er jetzt versetzt ist, was er ja als solche außerordentliche Ehre empfindet, sich nicht so lebhaft um den hübschen Jungen bemüht." Du warst nicht dafür, daß er Ofsicier wurde?" , warum nicht? Es ist ein hochangesehener Stand, und wenn seine Neigung ihn diesen wählen ließ, wäre es mir schon recht gewesen. Aber hat man nach solcher Erziehung noch eine Wahl? Die Anschauungen, die ihm eingeimpft sind, passen nicht für Civilverhältnisse, namentlich nicht bei Fritzens schroffem und leidenschaftlichem Charakter." Aber er ist doch dein Herzblatt und dein Stolz." Natürlich ist er das, sorgte ich sonst wohl so um ihn. Wäre er nur erst reifer und ruhiger und zugänglicher anderen Ansichten und Vorstellungen! Sage mir, ist darin Logik, für sich als Officier, eine andere Ehre zu beanspruchen, als jeder Ehrenmann sie hat? Nach einem anderen Ehrencodex sich beurtheilt wissen zu wollen, nach änderen Ehrbegriffen handeln zu müssen, als unser einer?" Der Negierungsrath zuckte die Achsein: Wenn du in Preußen wohntest, hörtest du das alle Tage." O. lange nicht so schroff! Und mit diesen Ansichten geht er nun zu einem Regiment, dessen Officiercorps sich aus dem vornehmsten Adel des Landes zusammensetzt er, Fritz Wahlmann. Ich schaud're ordentlich vor den Consequenzen. Sind solche auf die äußerste Spitze geschraubten Ehrbegriffe nicht wie ein Tanz auf der Messerschneide?" Die junge Gesellschaft war mittlerweile aufgebrochen und trat nun einen Spaziergang nach dem herrlichen Bu chenwalde an. Die beiden alten Herten schlössen den Zug. und Leutnant Fritz Wahlmann schritt schweigend neden ihnen her. Da kamen ihnen aus einem SeitenWege zwei Damen entgegen, bei deren Anblick des jungen Mannes Pulse lauter klopften. Ja. das war sie, sein holdes Gegenüber, und ihr Erröthen durfte er wohl so deuten, daß auch sie ihn erkannt hatte. Der Negierungsrath grüßte, woraus die ältere mit leichtem' Neigen und die jüngere mit freundlichem Lächeln ihm dankte. Potz Blitz", sagte Herr von Rhoneck, so etwas sehen meine alten Augen doch noch immer gern. We: ist das reizende Geschöpf, Kramer?" Sahst du sie nicht schon bei Tische?" fragte der lächelnd. ES ist bei Star der'Saison, die schöne Gräfir : Brunn." ; Wie doch diese Augusthitze dem Of- ; freier das Blut zu Kopse trieb! E, bückte sich schnell nieder, um dieses zr

verdecken, und hob dabei etwas WeißcS vom Rasen auf, das sich als ein Batisttüchelchen erwies Wohl den Damen entfallen," meinte der Rath und deutete auf das Zeichen, das unter der neunzackigen Krone ein verschlungenes S. B. wies. Comtesse Sidonie" erklärte er. die Mutter zeichnet mit einem R., sie ist eine Fürstin Rohrbach." Ich will doch den Fund der Besitzerin zustellen," sagte Leutnant Wahlmann, drehte sich kurz um und ging schnell den noch in Sehnähe besindlichen Damen nach. Dem jungen Mädchen mochten di: hastigen Schritte wohl hörbar geworden sein, sie wendete das Haupt und erschrak sichtlich bei seinem Anblick. Er hielt ihr das Tüchelchen hin. Gnädigste Gräfin, ich wage es, Sie anzusprechen, um Ihnen Jht Eigenthum auszuliefern." Dann, sich noch tiefer vor de? alten Dame verneigend, nannte er seinen Namen: Leutnant im I'schen Husaren-Regiment." Vielleicht wäre ihm kein so freundlicher Blick geworden, wenn die Gräfin nicht in ein so jugendlich schönes, cbaractervolles Männergesicht gesehen hätte. Der Ernst schwand aus ihren Zügen, sie lächelte und sagte ein paar freundliche Worte, die auch Comtesse Sidonie einen Dank für seine Mühe finden ließen. Die Unterhaltung spann sich weiter, bis man das Kurhaus erreichte, vor dem sich die Damen verabschiedeten. Fritz Wahlmann fühlte wieder den Erdboden unter seinen Füßen, der ihm durch den Einfluß dieser wunderbaren Augen ganz entschwunden war. Am andern Tage wurde das Hotel um einen Gast reicher. Mit dem ersten Zuge langte der schneidige HusarenOfficier wieder hier an. Er war in Uniform, die ihm vortrefflich stand, und er versicherte sich dessen vor dem

Spiegel seines Zimmers immer wieder und wieder, als ob er heute an seine Unwiderstehlichkeit gar nicht glaubte. Endlich entdeckte er vom Fenster aus, wonach er spähte. Unter einer breitästigen Buche auf einem Bänkchen saß Comtesse Sidonie, während die Frau Gräfin in einem Strandkorbe Platz genommen hatte, der nahe an den für eine Mahlzeit gedeckten Tisch geschoben war. Seine Begrüßung wurde fast mit mehr Ueberraschung als gestern ausgenommen, indessen lag ein sirnt liches Wohlgefallen an ihm in der Art. wie die alte Dame seinen Handkuß duldete. Sie bot ihm auch den zweiten Sitz auf dem Bänkchen an. und als ihr Sldonie dann eine Tasse Thee einschänkte, reichte sie diese Leutnant Wahlmann hin. So sah sich dieser plötzlich im zwanglosesten Verkehr mit der, die nur aus der Ferne zu sehen, ihm in den letzten zwölf Stunden als das Ziel seiner Wunsche erschienen war. Die Unterhaltung wurde bald leb hafter und vertrauter; man ging vom Allgemeinen in's Persönliche über, und sein liebenswürdiges Wesen, sein vor nehmer Character und seine noble Ge sinnung kamen, ihm selbst vielleicht ganz unbewußt, zum Ausdruck. Man blieb auch bei einander, speiste zusam men im Saal und spazierte Nachmittags im, Walde. Der freiere Ton, der in jedem Badeort herrscht, kam ihm zu .Hilfe und Abends schon, . als die alte Dame sich früh zurückgezogen hatte. fafe er allein neben Comtesse Sldorne auf den Stufen der Anlegebrücke und sah dem Spiel der Wellen zu. Der zweite Tag brachte die gleichen Freuden, aber nun dem vom Geschick so sehr verwöhnten Manne auch schon die rrt i c r n c rienninin inner unyelioaren Leidenschaft für die junge Gräfin und damit eine Herzensunruhe, die mit jeder Stunde wucbs. Durste er es wagen. sich um ein Mitglied der hohen Ansto kratie zu bewerben, würde sie so vorurtheilslos sein, aus jenem bevorzugten Kreise zu ihm herab zu steigen, und wenn nicht, blieb dann nicht ewig ungestilltes Sehnen sern Theil? So war eine Woche vergangen, die neben dem Glück des Beisammenseins, ihm die wechselvollsten Empfindungen gebracht, als in der Qual tines solchen Augenblicks ein leises Wort seinen Lippen entfloh, das ihr Kunde von dem Zustande seines Herzens geben mußte. Die Gräfin war gerade zu ihnen at treten und blieb neben ihrer Tochter, sodaß der Abend verging, ohne ihm Cf 1. 1 ... n ' eine Anilvori zu oringen. Aver als man sich trennte er mit einem todtwunden Herzen und sich abschied nehmend die Hände reichte, fühlte er einen warmen Druck ihrer Hand, der ihn in wen Taumel von Seligkeit versetzte. Ihn faßte ein Rausch, eme B: geisterung. In der Einsamkeit seines Zimmers weinte er. von diesem mächtigen Glucksgesuhl uberwaltlgt: S:do nie sein halte viele sug.ii in einem Menschenherzen Raum? Und dazu brachte die Geliebte ihm das an äußeren Ehren zu, was er allein sich ie gewünscht, den hohen Rang, den ed len Namen., Mit dieser Gattin an seiner Seite war sein Haus ebenbürtig dem seiner Regiments Kameraden Mit der neunzackigen Krone wollte er ihr Heim schmu-ken und wie schmücken! Ach. er war glücklich, daß er wenigstens nach dieser Richtung der Gebende war! Erst gegen Morgen suchte er das Bett auf und fiel in einen unruhigen Schlummer. Wie stark dufteten die Rosen, die sich um ihn häuften Rosen, Rosen, auf ihm, über ihm, neben ihm Rosen, Rosen, von bezaubernder Farbenpracht und Schöne aber was ist das? Ein Steinkoloß, ein Un aeheuer wächst aus den Blumen heraus höher, immer höher. Ein Stierkopf mit aufgerissenem Rachen gähnt ihn an, und aus dem Haupte des llnge thüms. das ihm die Arme entgegenbreitet, strahlt mit augenblendendem Glänze eine neunzackige Krone. Mit einem lauten Schrei erwacht er

und fahrt vom Läger auf. Im, Osten erstrahlt schon der Himmel in rosiger

Gluth, und durch die unveryullten Fenster drang der Schein und füllt das Aimmer 'mit magischem Lichte. Wie schnell ist der häßliche Eindruck verwischt auf welchen glucklichen Menschen sieht doch die eben aufgehende Sonne! Rosen, Rosen ja die Erklärung ist bald gefunden und die Freude an der Krone hatte er mit hinübergenommen in den Schlaf. Aber das Ungeheuer? Nem, wie die erregten. Gedanken wandern hatte ihm nicht als er Knabe war ein Blatt seines Bilderbuches dieses aus vorchristlicher Zeit stammende Götzenbild enes asiatischen Volksstammes gezeigt? Richtig. der Moloch, der die Menschen verschlungen haben sollte, war ja der Schrecken seiner Kinderstube geWesen! ' Er hatte schon Toilette gemacht, im Zimmer konnte er nicht bleiben mit diesem hochklopfenden Herzen, und als er hinaustrat unter den lichten Himmelsdom. trat sie ihm entgegen, der jeder Pulsschlag, jeder Tropfen Blutes in ihm zustrebte. Welche wonnevolle Stunde für zwei junge, liebende Menschenherzen! Als später die Mutter ihnen folgte, fand sie ein seliges Brautpaar und legte ohne Zaudern die Hände der beiden Glücklichen segnend ineinander. So war alles erfüllt, was sein Herz ersehnte. Daß die Gräfin sehr ernst, fast trübe schien, sah er wohl, aber, war das nicht natürlich, da sie die Tochter fortgab? Und wenn sie auch gemeint hatte, ihres Kindes Glück stünde ihr höher als Standesrücksichten. konnte er es ihr verargen, daß eS ihr, einer Fürstin Rohrbach, schwer wurde, ihre Tochter Frau Wahlmann werden zu sehen. Sidonie protestirte gegen diese Auffassung. 63 ist allein dieErinnerung." sagte sie. Du weißt es wohl nicht, daß ich einen Bruder habe. Er hat nicht gut gethan. Das ist Mamas unstillbarer Gram." Auch die Gräfin sagte in der ersten Minute des Alleinseins mit ihm: Lieber Wahlmann, ich . muß Sie fragen, ob Sie es wissen, welchen ungeheuren Schmerz mir mein einziger Sohn durch seinen Leichtsinn zugefügt hat?" Die Thränen hatte dabei ihr Antlitz übersluthet und, dieses mit den Händen verdeckend, stieß sie die letzten Worte schluchzend hervor. Er ergriff ihre Hand, drückte einen Kuß darauf und bat: Theure, hochverehrte Frau, solche Rückblicke dürfen nicht diesen glücklichen Tag trüben. Sie haben mich als Ihren Sohn angenommen, lassen Sie den einen gut machen, was der andere verschuldete." Das war der einzige Mißklang in diesen glücklichen Tagen. Die Gräfin war so gütig zu ihm. Seine Bitten um baldige Hochzeit gewährte sie, und feine Wünsche machten Mutter und Tochter nach jeder ?tichtung zu den ihren. Man reiste zusammen ab, machte gemeinsam die Bestellungen für den neuen Haushalt und, nachdem Lieutenant Wahlmann seine Braut und Schwiegermutter nach dem kleinen Bergstädtchen an der schlesisch-Lsterrei-chischen Grenze, in dem sie seit einigen Jahren lebten, begleitet hatte, begann für ihn in seiner Provinz - Garnison eine arbeitsvolle Zeit. Der Dienst war streng und. da er bisher bei der Infanterie gestanden hatte, ihm neu. Schnell waren die wenigen Wochen entschwunden, und er stand vor der Reise zur Hochzeit. Nur noch die AbMeldung beim Regimentschef, dann geht's fort hurrah! zu Sidonie. seiner täglich leidenschaftliche? geliebten Braut. Als er das Arbeitszimmer desObersten betrat, fand er den ältesten Major dort und hörte uä; noch einige von diesem offenbar in heftigster Erregung gesprochene Worte: Er kann dem Regiment. er kann uns allen das doch nicht anthun!" Worauf der Obesst erwiderte: Wenn man nur erst Sicherheit hätte." Man empfing ihn sehr zurückhaltend und entließ ihn so schleunig als möglich, so daß trotz der Aufregung, die ihn erfüllte, dieses Verhallen ihn stutzig machte. Er merkte nun aus, und es erschien ihm plötzlich sonnenklar, daß seine Kameraden ihm neuerdings geflissentlich aus dem Wege ge'gangen waren. Hatte'er elnxls versäumt? Verübelten sie es ihm, daß seine Gedanken nur bei seiner Braut weilten? Nun, das lichtete sich bald, wenn sie erst hier war. Den Vorabend der Hochzeit verlebte Fritz Wahlmann allein neben Sidonie und ihrer Mutter in einem Rausch von Seligkeit. Am andern Tage sollte nach der Trauung ein kleines Frühstück, zu dem die Zeugen geladen waren, stattfinden, ehe das junge Paar adreiste, und vu Morgenstunden wa ren also für die Neisevorbereitungen bestimmt. Als er damit fertig war, wollte Wahlmann zu seiner Braut at hen, als er, das Restaurationszimmer oes Hotels durchschreitend, sprachlos vor Erstaunen sich 'einem RegimentsKameraden gegenüber sah. Baron Führing! sehe ich recht?! wie überraschend " Und wie erfreulich hatte er sagen wollen, aber, das Wort versagte nach einem Blick. in das starre, unheilverkündende Antlitz. Ich bin Ihretwegen hier. Herr Kamerad. vomObersten dazu beauftragt." sagte jener. Lassen Sie uns ins Freie gehen, man ist dort am sichersten vor Lauschern. Sie traten auf die Straße vor dem Hause. Seit einigen Tagend begann der Baron tauchte em Gerücht tm, Regimente auf, das uns alle schwer beängstigte. Sie' wissen, die Famie der Grafen Brunn ist sehr verzweigt und

einzelne Linien führen einen Doppelnamen. Ein Graf Brnnn - Rohrbach ist vor circa fünf Jahren wegen Wechselfälschung und falschen Spieles aus dem W.'schen Dragoner-Regiment gestoßen. Sollten Sie es nicht wissen, daß dieses der Bruder der Gräfin Si donie ist?Nein, bei meiner Ehre nicht!" rief Wahlmann fassungslos. Ich hörte nie davon, natürlich durch meine eigene Schuld" setzte er schnell hinzu. Man hat mich auf diese Nachricht hin," fuhr Baron Führing fort, nach A., der damaligen Garnison des Negi-

ments, geschickt, um es m discretcr Weise festzustellen. Mutter und Schwester jenes jenes Menschen waren verzogen, der Doppelname fallen gelassen, so allein war der anfänglicheZweifel erklärlich. Erst gestern konnte ich nach dieser Feststellung heimkehren, und bin nach Rücksprache mit dem Officiercorps die ganze Nacht durchgereist, um es Ihnen noch rechtzeitig mitzutheilen." Ja. mein Gott." stieß Wahlmann hervor, was soll ich was kann ich " Herr Lieutenant Wahlmann" sagte der Andere mit hartem Ton, Sie können unmöglich beabsichtigen. dem Regiment es anzuthun, den Schwager eines Zuchthäuslers im Officierscorvs zu haben." Wahlmann sah ihn wild an und stöhnte laut auf. Meine Mission ist beendet." fuhr Führing' fort, eine traurige Mission. Aber die Ehre des Regiments, muß jedem von uns das Höchste sein."' Er grüßte, wandte sich ab und ging, ohne dem Kameraden die Hand zu reichen. ins Haus. Wahlmann stolperte ein paar Schritte vorwärts und blieb wieder stehen es schwindelte ihm er mußte sich besinnen. Da stand, wie aus der Erde gewachsen, plötzlich eine andere Gestalt vör ihm, und er wich nach einem Blick in das Antlitz derselben entsetzt zurück; denn Sidoniens Züge, ins Männliche übertragen, sahen ihm entgegen. Sie werden, auch ohne Vorstellung, wissen, wer ich bin," sagte der Fremde kurz. Ich traf in der Nacht hier ein und, auf dem Wege zu Ihnen, wurde ich ungesehen Zeuge Ihrer Unterhaltung mit Führing. meinem ehemaligen Regimentskameraden. Der Inhalt ist leicht errathen. Da wollte ich Ihnen nur sagen, thun! Sie meiner Schwester die Blamage an. sie jetzt, zwei Stunden vor der Trauung, zu verlassen, so schieße ich Sie nieder wie einen tollen Hund. Sie haben's gehört!" Der Osficier richtete sich stolz auf. Ihre Drohung kann mich nicht schrecken, aber Sidonie verlieren jetzt verlieren nein, nein ich bin auch nur ein Mensch." Er drehte sich fort und ging den Weg weiter wie im Traum befangen einem bösen, bösen Traum.' Draußen auf dem freien Fekve. kam Sidonie ihm entgegen, . marmorweiß anzusehen. Ihre Augen tauchten in die seinen, aber die Hand gab sie ihm nicht. Da breitete er die Arme aus und zog sie an 'sein Herz. Sage mir alles, Fritz " Er that's. Er sprach von der Begegnung mit ihrem Bruder, von Führing und dessen Mission, von der UnMöglichkeit, sie zu lassen, von der UnMöglichkeit, zu leben, nachdem das Regiment ihn fortgestoßen. Zur Trauungsstunde waren sie pünktlich zurück. Der Bruder verließ das Zimmer, da Wahlmann es betrat, und die alte Gräfin sank aufschluchzend an seine Brust. Ruhig, ruhig. Mamachen. sagte er, es wird sich alles lichten!" Nach der Trauung reiste das junge Paar sogleich fort. Mutter und Sohn entschuldigten es gegenüber den Gästen mit eingegangenen Drahtnachrichten. Mit reichsten Blumengewinden hatten die Dienstleute das neue, schöne Heim geschmückt, als am folgenden Abende das junge Ehepaar anlangte. Die junge Frau war so blaß wie die weiße Nose, die sie an der Brust trug, und die Dienstboten raunten sich ihre Verwunderung zu über dieses starre, stumme Liebespaar. Du frierst, Sidonie," sagte ihr Gatte, als er eine zitternde Bewegung ihres Körpers bemerkte, lassen wir doch heizen, Septembernächte sind herbe, und dann schnell heißen Thee." Es ist noch kein anderes Brennmaterial als die Kohlen für den Herd vorHanden," meinte das Mädchen. Ganz schön, werft nur; einen tüchtigen Eimer voll davon in den Ofen." ' Das Feuer prasselt?, der Thee stand auf dem Tische, und die Dienstboten waren entlassen. Nun Sidonie?" fragte der junge Ehemann, und sie warf sich aufschluchzend in seine Arme: Mit Dir. mit Dir!" rief sie leidenschaftlich. Jetzt warf er den letzten Rest der Kohlen in die Gluth. schloß vorsichtig die Thüren, drehte die Ofenklappe zu und leerte den Inhalt eines kleinen Fläschchens in die Tassen. Sie schauderte. Gift?" fragte sie leise. Behüte." sagte er lächelnd, ein Schlafmittel. Geliebte, weiter nichts." Sie tranken gleichzeitig, sie mitHast, er mit einem gewissen Wohlbehagen. Dann setzte er sich zu ihr aufs Sopha, legte seinen Arm um ihre Schulter, jog ihr Haupt an seine Brust und löschte das Licht. Durch das kleine Garnisonstädtchen ging am andern Morgen ein Schrei des Entsetzens. Ein Unglück, ein na menloses, noch nicht dagewesenes! Die Menschen rangen die Hände, und vo? dem Hause, in dem das Unerhörte geschah. daß ein' junges, vom Geschick begünstigtes, zum Glück berechtigtes Paar in der üockzeitsnackt an Koblendunst erstickte, stand den ganzen I c . tr m. w cuic rouagcnTC uuckqc uu9 cc

zählte einander die Einzelheiten dieses tragischen Ereignisses, und wie, der Oberst geweint bei der Nachricht und die Officiere stumm und starr mit sahlen Gesichtern-einher gingen. Das Begräbniß erfolgte unter den höchsten militärischen Ehren. Die Särge verschwanden fast unter der Blumenfülle, und das Schluchzen des Publikums übertönte die Trostworte des Geistlichen. Neben den frischen Hügeln blieb, als alle sich dann entfernt hatten, nur ein alter Herr zurück, dem sich in zweiter, der während der Ceremonie gekommen war, jetzt näherte. Lieber Rhoneck, welch ein Schmerz für Dich! Dein Pflegesohn, dieser liebe, prächtige Mensch und das süße, junge Frauchen! Wie konnte ein solcher Unglücksfall passiren?" Der Angeredete legte seine Arme um seines Freundes Schultern: Kein Unglücksfall, Kramer." flüsterte er mit thränenerstickter Stimme, wieder einer, den Moloch Ehre ver-schlang."

Notenwechsel. Die Sekretäre Tipsel und Strich:! sind im Auswärtigen Amt beschäftigt, wo sie ganz besonders die Noten zu kopiren haben, welche ihre Regierung mit den auswärtigen Mächten wcchselt. Tipsel und Striche!, sowie ihre Familien, waren schon seit lange eng befreundet und wohnten nicht nur in demselben Hause, sondern auch aus demselbenFlur. Eines Tages kam Tipsel aus dem Bureau nach Hause, als ihm seine Frau in höchster Erregung entgegentrat. Denke Dir nur," sagte sie, ich hatte Strichels meinen schönen großen Einmachetopf geborgt, und nun schicken sie ihn mir mit einem großen Sprung in der Mitte zurück und behaupten, der Sprung wäre schon gewesen." Tipsel suchte noch Einwendungen zu Gunsten der Frau Striche! zu machen. aber seine Frau wußte das Benehmen der befreundeten Familie in ein - so grelles Licht zu stellen, daß Tipsel sich von dieser feindlichen Gesinnung anstecken ließ. Er versprach der gekränkten Gattin, ihr jedenfalls Genugthuung verschaffen zu' wollen, setzte sich nieder und schrieb auf einen Kanzleibogen: Herrn Sekretär Striche!, hier. Durch meine Gattin, die in meiner Abwesenheit die Funktionen eines Stellvertreters des Familienoberhauptes inne hat, ist mir der Bericht erstattet worden, daß heute Vormittag ein diplomatischer Zwischenfall die bisher friedlichen Beziehungen unserer Familien zu stören droht. Die Behauptung Ihrer Stellvertreterin, daß der Ihnen geliehene Einmachetopf schon vorher einen Sprung gehabt hat, kann in keiner.Weise aktenmäßig belegt werden. Wir fordern die uns gebührende Genugthuung, widrigenfalls wir genöthigt sind, unsere diplomatischen. BeZiehungen zu Ihnen sogleich abzubrechen. Tipsel. Sekretär." Darauf lief folgende Antwort ein, überbracht von einem reitenden Kurier (nämlich dem auf einem Steckenpferde reitenden Söhnchen des Herrn Strichel): Herrn Sekretär Tipsel, hier. Nach Eingang Ihrer geschätzten Note vom Heutigen haben wir sofort unseren Familienrath Zusammenbaufen, um den Text der vorliegenden Not festzustellen. Wir sind zu dem Entfchlusse gelangt, Sie, wie sämmtliche Mitglieder Ihrer Familie zu einer Friedensconferenz einzuladen, in der unter allen Umständen der Streit um den Einmachetovf beigelegt werken soll, gleichgültig, ob er einen Sprung gehabt hat oder nicht. Die Kosten der Conferenz werden von uns in Gestalt von Kaffee und Kuchen getragen werden. Strichel, Sekretär." Es braucht wohl nicht erwähnt zu werden, daß die Conferenz das gewünschte Ergebniß hatte und der Frieden zwischen beiden Familien endgültig wieder hergestellt war. Eine Handvoll Patronen. Wir gingen am 2. December 1870 gegen Champigny vor. so erzählt ein biederer Pommer seine Erlebnisse in dieser Schlacht, ich kam in einen kleinen Graben und feuerte gelassen auf den Feind. Da läkt der Oberst das Aeichen zum Zurückgehen geben. Ich denke aber, erst verschießt du deine Patronen, dann hast du immer noch Zeit zum Zurückgehen. Wie ich im besten Schießen bin, kommt ein Adjutant angesprengt und schreit aus vollemHalse: Zurück!" Ach, was." antwortete ich, ich will erst noch die Handvoll Patro nen da verschießen!" Als ich nun die letzte Patrone im Lauf habe, waren die Franzosen keine zwanzig Schritt mehr von mir entfernt. Jetzt springe ich auf, und laufe immer hinter meinem Regiment her. Die Kugeln sausen wie Hagelwetter über meinem Kopf, aber treffen thut mich keine. Als ich endlich ingetreten war, kommt der Oberst auf mich . herangeritten, lacht und sagt: Kerl, sind denn wirklich deine Knochen noch heil?" Zu Befehl, Herr Oberst," fage ich. Am nächsten Tage werde ich zu Sr. Majestät befohlen. Man führt mich vor sein Haus und ich komme zuerst in einen Saal, wo eine große Tafel gedeckt stand. Jetzt kommt der König auf mich los, sieht mich freundlich an und sagt zu mir: Mein Sohn, wie war die Geschichte gestern nun mit deinen Patronen? Erzähle mir einmal alles ganz genau, was du davon weißt!" Ich sagte: Ew. Majestät, zum Com plimentemachen war keine Zeit, und man konnte auch vor dem Geknalle sein eigenes Wort nicht hören; da habe ich mich blos umgedreht und gerufen: Ach was,. ich. verschieße rg noch meine Pa-

tronen hier! Das ist das Ganze geWesen, Ew.-Majestät, weiter habe ich nichts verbrochen!" Da lachte der KLmg über's ganze Gesicht und hat mich auf die Schulter geklopft und gesagt: Das hast du brav gemacht, mein Sohn! Hast du schon zu Mittag gegessen?" Nein Majestät, ich bin noch mundnüchtern." Und hast ,wohl tüchtigen Hunger?" Zu Befehl," sagte ich. aber der Durst ist auch nicht schlecht." Da lachte der König wieder ud sagte, dann solle ich bei ihm mitessen." Ich mußte mich an die .Tafel setzen und ehe ich mich versehe, habe ich einen großenTeller Erbssuppe vor mir. Na. denke ich, die ist nicht von Berliner Erbswurst gemacht. Sie schmeckt mir heute noch gut. Als ich fertig war, ruft der König über den Tisch: Möchtest wohl noch etwas Suppe haben,' mein Sohn?" Zu Befehl, Majestät, wenn noch ein Bischen da ist!" Da lachen die Herrschaften alle, und ich bekam einen neuen Teller mit Suppe. Wie ich im besten Essen bin, geht die Thür auf, und ein mächtiger Braten wird auf einen neben mir stehenden Tisch gesetzt. Ein Herr tritt an die Schüssel und säbelt Stück auf Stück von dem Braten herunter. Bald darauf reicht mir so ein Kammerdiener eine Schüssel hin, die der Herr am Nebentische eben wieder

bis an den Rand votf von dem großen Braten heruntergesäbelt hatte. Ich nehme die Schüssel in , meine beiden Hände und letze sie vor mich hin. Sieh, denke ich, der hat's mir bequem gemacht! Ich fange also an, tüchtig d'rauf los zu essen und nehme auch dem Feldjäger so ein Schälchen Kartoffeln ab und stellte es neben meine Schüssel. 5Da sehen mich Alle am ganzen Tische mit großen Äugen, an. der König aber lachte und sagte: Brav, mein Sohn, laß es dir gut schmen und vergiß das Trinken nicht." Wie ichnun die Schüssel rein abgeputzt habe, fragte der König wieder: Mein Sohn, möch test wohl noch ein Stückchen Braten haben?" Ich lachte Se. Majestät an, und es fuhr mir so heraus: Zu Befehl. Ew. Majestät, wenn noch ein Bischen da ist." Da platzte die ganze Gesellschaft laut los bor Lachen, und unser lieber König lachte auch, daß er sich die Seiten hielt und sagte: Nein, nein! laß gut sein, mein Sohn, für heute ist es genug.. Ich bin mit dir zufrieden, jetzt kommt ein anderes Gericht zum Nachtisch. Dabei winkte er einem Herrn, der neben ihm saß. Der stand auf, kam auf inich zu und hing mir das eiserne Kreuz an die Brust. - Teraykkops alö Levenörcttcr. Es wa? im November 1870, nicht lange nach der Ecpitulation von Metz, als eine Schwadron des 5. ReserveHusaren - Regiments, vereinigt mit einem westfälischen Landwehr - Bataillon, das Städtchen Chatillon' sur Seine besetzte. Der Commandeur dcr betreffenden Abtheilung mochte, fest überzeugt, daß weit und breit . kein Feind mehr existire, die in Feindesland gebotenen Vorsichtsmaßregeln zu sehr außer Acht gelassen haben. Gcnug, Officiere und Mannschaften lagen in ihren, Quartieren in ihren Betten, in Morpheus Auren. Da plötzlich wurde mitten in der Nacht alarmirt, aber leider zu spät, um eine empfindliche Katastrophe zu verhüten. Eine größere Abtheilung jener Garibald!aner,.die sonst als HllfsccrpS für die Franzosen eine so jämmerlicheRollc gespielt haben, war bereits seit mehreren Tagen, als Civilisten verkleidet, in der genannten Stadt verborgen. Sie überfielen, als unsere Landwehrleute, nichts Böses ahnend, im Schlummer lagen, dieselben und machten eine wescntliche Anzahl derselben nieder und zu Gefangenen. Nur ein Theil vermochte glücklich zu entkommen und sich auf der nächst gelegenen Anhöhe , zu sammeln. ' Zu den unglücklichen Opfern bei diesei traurigen Veranlassung gehörte bekarnitlich auch der Major von Alvensleben, welcher für die Dauer d:s Feldzuges vom Gardes du Corps - R'giment dem Reserve - Husaren - Rcgiment als etatsmäßiger Stabsofficier zugetheilt war. Herr v. B.. ein junger Reserve-Of-freier des Regiments, hatte in den wenigen Tagen, seit er in Chatillon einquartiert war. trotz seiner vollendeten Kahlköpfigkeit einen tiefen Eindruck auf das Herz seiner Quartiergeberin, einer jungen Wittwe, gemacht." Das sollte ihm zum Glück, und seine Glatze ihm zur Retterin werden. Er hatte die Gewohnheit, sein kahles Haupt Nachts durch eine lange weiße Zipfelmütze ' gegen Erkältung zu schützen. In der verhängnißvollen Nacht, als die Garibaldianer in alle Häuser drangen, wurde er nun plötzlich durch seine Wirthw' aus tiefem Schlafe ausgcrüttelt. In fliegender Hast berichtete sie ihm, zitternd vor Aufregung, von dem Ueberfall der Garibaldianer und bat ihn, er möge in größter Eile das Haus durch die Gartenpforte verlassen, um sich zu retten. Aber zu fpät! Während Lieutenant v. B. noch nicht vermöcht hatte, die Situation zu erfassen und zunächst nach seiner Waffe zu grei fen, drangen .bereits zwei Garibaldianer in das Schlafgemach ein. 'Der eine stürzte sich mit gezücktem Dolch auf den wehrlosen Officier. In dem'selben Augenblicke aber warf sich d:e junge Wittwe laut schreiend über ihren Schützling. Indem sie ihm die Zipfelmütze vom Haupte riß. wandte sie sich flehend dem Mördergesellen zu mit den Worten: ' O laissez, donc ce pauvre vieillard!" Die Garibaldianer, überzeugt davon, daß sie ein greisenhaftes Mitglied ' der Hausbewohner vor sich hatten, ver- ' ließen unter höflichen Entschuldigungen das Haus, in dem. sie keine deut-

schen Krie&er vorgefunden hatten. Der Bursche des Lieutenants hatte zum Glück die Uniformstücke seines Herrn mit in die Stallkammer genommen, die von der Durchsuchung verschont blieb. Lieutenant v. B. entkam glücklich mit dem Burschen und den Pferden durch den Garten auf die nahe geleßene Anhöhe, die bereits von den Unsrigen be setzt war. Kurz nach diesem Vorgange war Chatillon selbstverständlich von den italienischen Abenteuern gründlich gesäubert und von den Hufaren und Landwehrmännern wieder besetzt. Lieutenant v. B. hatte natürlich sein altes Quartier wieder belegt, das er unter so fatalen Umständen geräumt hatte. Wir wollen es nun der Phantaste der freundlichen Leserin überlas sen, sich auszumalen, in welcher Weise der brave Offizier mit der großen Glatze der Lebensretterin seinen tiefempfundenen Dank bethätigt hat. " Berliner Carneval.

Es heißt' immer. Berlin hätte keinen Carneval, um so merkwürdiger ist es, daß man der Reichshauptstadt in alten Tagen sogar zu tolle Carnevalslust vorwarf. Am üppigsten scheint das Faschingstreiben während des dreißigjährigen Krieges gewesen zu sein. In einer Verordnung von 1629 wird erzählt, daß des Komödienspiels zu viel ist. und weiter heißt eS dann: We? aber an den Jammer und das Elend jetziger Zeit denket, bei dem wird oie Lust den Afsereien. so bei den Komodien vorlaufen, zuzusehen, gar leicht vergessen. Auch von den Fastnachtsputzen, welche wir über die Gassen laufen sehen, sollen wir alles Leid so liederlich vergessen und darin Freude suchen, worinnen doch keine ist.- Der Kanzler von dem Borne erzählt au3 dem Jahre 1641: An Fastnachtsund andern Freß- und auftagen werde bei allen Zünften und Gewerken die Zeit mit Maskeraden und anderer Unsinnizkeit und Ueppigleit hingebracht." 1659 wurde ein Edict gegen die allzu lärmende Faschingslust der Berliner erlassen, es heißt darin: Bei angehender und währender Fastnachtszeit soll sich niemand unterfangen einiges Fastnachtsspiel, Aufzug, Mummerei, Gaukelei. Prozession mit Musik über die Gassen. Sollicitirung einiges Geldes, Bratwürsten, Schinken oder anderer Victualien. Schmausereien Zechen. Zusammenkünften und HandWerksbergen. Krugen, Wein-, Vierund Branntweinhäusern vorzunehmen, zu üben oder anzustellen." Wer im Weinhause betroffen wurde, mußte 12 Groschen, im Bierhaus 6 Groschen und in der Branntweinschänke 3 Groschen Strafe zahlen, dementsprechend, wurde der Wirth auch bestraft. Diejenigen aber, so mit Spiellcuten, Auszügen , oder Affereien und Närretheien auf den Gassen und sonsien betreten werden, soll der Magistrat nach Befind:, der Sache mit Geld oder Gefängniß: abstrafen." Am 8. Februar 1670 wurde das harte Gebot erneuert. Mit ihm starb der letzte Rest des alten volksthümlich-fröhlichen Berliner Carneoals. -Das 18. Jahrhundert suchte den Fasching zwar neu zum Leben zu erwecken, es entstand aber nur ein kümmerliches Salongewächs, und ein solches ist es bis heut geblieben. Cheschlitkuttgen in Züblissinicu. Die Verehelichung einer Abyssinierin oder eines Gallamädchens giebt stets Veranlassung zu großen Festlichleiten, die gewöhnlichem Elternhause der Braut gefeiert werden. Dazu werden alle Verwandte und Freunde beider Familien eingeladen und vom Abend bis zum Morgen tanzt und singt man ununterbrochen, bis am nächsten Tage eine überaus üppige Mahlzeit aufgetragen wird, nach deren Schluß der Priester das Brautpaar einsegnet. Hierauf erfolgt eine Aufzählung von all dem Hab und Gut der Neuvermählten. Nun trinkt man fleißig weiter, während der Asmaris" ein Seitenstück der alten Dichter und Sänger des nördlichen Frankreichs die großen Thaten des Bräutigams und die Ehrentitel beider Familien singend lobpre!st. Jetzt erscheint die Braut mit stark eingesalbtem Haupthaar und gänzlich verhüllt in einer feinen Chama" aus weißer Baumwolle und besteigt ein prächtig aufgeschirrtes Pferd. Der Bräutigam sprengt im Galopp auf sie zu. während die erregte Menge Flinten abfeuert und das junge Paar auf dem Wege zum neuen Heim mit einem Höllenlärm begleitet. Hiermit finden die Festlichkeiten ab:r noch kein Ende, die Theilnehmer versammeln sich vielmehr noch an den nächsten drei Tagen bei dem oder jenem Ortsbewohner, um das freudige Ereigniß würdig weiterzufeiern. Je länger diese Festlichkeiten dauern, desto größerer Ruhm ist dem neuen Haushalte beschicken.' Kastanien in der Pfalz. Vor einer Reihe von Jahren würd: in der Pfalz eine Aufnahme des gesammten Baumbestandes erhoben, und jeder Besitzer bekam ein Formular, in welches er die Zahl der Bäume auf seinem Besitzthum. nach Sorten geordnet, einschreiben sollte. Bei der Durchsicht fand nun der Controlleur in einer Gemeinde.ganz auffallend viel KäschteBäume (Kastanienbäume) eingezeichnet und er wollte sich überzeugen, ob daS richtig sei. Als er hinkam, fand er, daß dort keine Kastanien-, wohl aber Pflaumenbäume standen. Er ließ sich also verschiedene .von den Besitzern, welche unrichtige Angaben gemacht, kommen und fragt: Ru sagt mol, sind daS Käschte? Rem," erhielt er zur Antwort, Käschte sind's eigentlich nicht; es sind Zwetsche, aber der Deibel schreib's!- . . . . i .