Indiana Tribüne, Volume 23, Number 90, Indianapolis, Marion County, 17 December 1899 — Page 2
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per Witternachtsgruß.
Von Alfred Friedmann. 1 Em frischer Herbsttag war's, als ich nach Sanct Leonhard im schönen Tirol kam. Im Gasthof zum Posthorn stieg ich ab, und dort gefiel's mir wohl. Von meinem Fenster aus sah ich die Passeyer ihr romantisch Bergthal entlang nach Meran zu, in's Etschgebiet fließei. Stille Alpenriesen blickten majestätisch zu mir herab und von der zerfallenen Jaufenburg konnte ich in Eidanken über's Timlerloch nach dem Oetzthal und mit der unfernen Brenncrstraße in's herrliche Land Italien ziehen. Es zog mich aber gar nicht hinweg. Die alte noch schöne Wirthin zum Posthorn besaß zwei muntere Töchter, die mir drei-, wohl auch viermal am Tage und in der Nacht Speise und viel Trank vorsetzten, denn die reine Lust und das viele Bergsteigen machten lustig und hungrig. An den Wänden hingen Bilder des Passeyerwirths Andreas Hofer, und gar oft summte ein neuer oder ein alter Gast das schöne Lied: Zu Mantua in Banden Ter treue Hofer war . . ." Auf einem alten Clavier lagen zerlesene Bücher Ludwig Steubs, wohl eines Nachkommen jenes Josef Steub, der mit Speckbacher und Hofer und dem rothen Capuzwer Haspinger und Peter Meyer 1809 gegen die Franzosen gekämpft. Es wurde von jenen Sagen noch immer und immer gesprochen, und es freute mich, die Kunde von der Befreiung Tirols noch so frisch wie damals im Herzen des Volkes fortleben zu sehen. Wie's kam, weiß ich nicht, aber ich mochte aus dem gemüthlichen Orte gar nicht mehr fort. Besonders am Abend war's im Posthorn gar angenehm leben. Da kamen Fremde mit Führern, meistens Originalen, die den beiden Wirthstöchtern den Hof machten und mit ihnen in die Küche verschwanden, ihnen halfen, die Speisen in's Gastzimmer tragen, und allerlei muntere Schnurren und Geschichten erzählten. Alle waren sie handfeste deutsche Manner, die Gefahren überstanden und die überwundenen für nichts achteten, dann aber dreinhieben, wie Gargantua, und den reinen Tiroler- Rothen tranken, als sei er klares Gebirgswasser. Dann räucherten sie das Gelaß ein, daß man oft glaubte, eine Nebelwand habe sich von einem Gletscher hereingelassen, und an solchen Abenden wanderte ich dann nochmals oft bis Mitiernacht durch's Dörfchen, und war ganz glücklich, wenn das reine Mondlicht über den klaren Umrissen der hohen Ferner stand, es rings um mich rieselte und rauschte, und kein profaner Laut alltäglicher Außenwelt mich aus meinen Träumen riß. Immer aber, wenn ich an ein kleines Haus nahe bei der Hofergasse kam ein Haus, das mir viel älter schien, als seine jetzige Umgebung und Nachbarschaft, und es zwölf Uhr schlug, da stellte sich der Nachtwächter auf, rief seine Stunde aus, tutete in's Horn, zog den Hut, verneigte sich und sagte laut und vernehmlich: .Gute Nacht, Tonerl! Tonerl, Gute Nacht!" Das stachelte endlich meine Neugier. Ich hörte keine Antwort, sah kein liebend Mädel sich aus einem Fenster des gespenstischen Häusleins beugen, und der alte Nachtwächter, dem ich einmal den Weg vertrat, sagte auf meine Frage: Was ist denn das für ein Toner!!- . Oi woas, des is mei Amt." Eines Abends, als es zufällig ein wenig geregnet und kein Fremder zum Nachtlager angekommen, erzählte ich mein Erlebniß der alten Wirthin zum Posthorn, neben der die Braune und die Blonde, ihre Töchter, spannen. Da begann Gizi. die Braune, nach einer stillen Weil': Das will ich schon deuten, wann Ihr G'duld habt und kein' Störung von außen kommt." Sie trank ein wenig von mehtem Rothen und begann leise beim Summen der Räder: Zur Zeit, als Tirol bayrisch war und unter dem Hofer wieder österreichisch werden wollte, und sich gegen die französischen Generale Lefevre und Baraguay d'Hilliers erhob, da lebte hier im Orte em Jüngling, Tonerl Tereol, der Sohn einer armen Wittwe. Der Bursch war ehrgeizig und hoher Pläne voll, besonders als die Namen der großen Patrioten an sein Ohr schlugen. Es nützte ihm sein schönes Wollen aber nicht viel, denn sein Können war schwach, da er einmal, von der Alm herabgestürzt, auf eines Felsens scharfe Kante aufgeschlagen und das rechte Bein gebrochen hatte. Nie wurde es ihm recht geheilt. Er blieb ew Krüppel, immer an einer Krücke durch's Dorf hinkend und ein Spott der grausamen Mädchen, die lieber mit gradbeinigen Menschen ein G'schbusi hatten. Er mochte besonders die feine Marei. des Ortsmeisters Tochter leiden, die ihm in der Seele gut war, doch ihn wegen seines Gebrechens und seiner Armuth nimmermehr geheirathet hätte, selbst wenn die stolzen Eltern ihre Einwilligung gegeben. Da war es denn Tonerls einziger Trost, als die meisten mannbaren Leute gegen den Landesfeind ausbrachen und er nicht mitkonnte, . daß er doch an Mareiles Fenster vorüberschleichen und ihr hie und da einen Strauß Edelweiß oder Alpenveigerln hinein schleudern durfte, die er mit doppelter Lebensgefahr brach; denn ihm wurde das Klettern nicht so leicht, wie Ziegen oder gar Gemsen. Oft verkaufte er seine Blea merln in'5 Thal,' hackte Holz für die Nachbarn und verdiente sich seine und der alten Mutter Leben durch allerlei Handleistungen. Da lag der arme Bub einmal . im Schlaf, und da hatte n einen 'curioseu
Traum. Der heilige Leonhard stand vor ihm am Bette und rüttelte ihn wach und sprach zu ihm: Wach auf To nerl! Die Zeit ist da! Die Franzo. sen kommen! Denkt an den Paß; wenn sie den ungehindert erreichen und durchschreiten, ist unser schönes Land ihnen, und Gott weiß, was sie dann damit anfangen!" Tonerl wußte nicht, wie ihm geschah. Kalter Schweiß rann ihm von der Stirn, bebend stand er aus und sagte nur: Vaterland . . Nachtwandelnd schritt er zur Thür hinaus, nachdem er dem alten Mutterl einen Kuß auf die Stirne gedrückt. Durch wohlbekannte, schwer zu ersteigende Steige, hoch emporführende Höhen, grad aufstrebende Grate hinan, immer an seiner Krücke humpelnd, so ging er aufwärts. Die Tiroler hatten damals auf allen Höhen große Holzstöße errichtet und in hohlen Bäumen oder sonstwie Brennmaterial bereitet und aufgeschichtet. Wer Gefahr witterte, sollte ob den Paßhöhen die Scheiter entflammen machen, und hohe Feuersäulen, das Volk zu den Waffen rufend, sollten alsbald von Berg zu Berg mtt Flammenzungen reden: Die Franzosen sind da!" Mit unsäglicher Mühe klomm Tonerl seinen Berg hinan, und der Holzsoldat sprach immer, wenn er ermatten wollte: Kamerad, thu' deine Pflicht Vaterland..." Endlich stand Tonerl oben. Lang athmete er auf und sog die köstliche Morgenluft ein. Und siehe, unten, im Dämmerschein, wand sich eine blitzende Schlange von Bajonetten, Säbeln, Kanonen, die Heersäule des Feindes. Jetzt vergoldete sie das Mondeslicht noch, nun fiel blutig der kommenden Sonne früher Strahl darein da aber flammte mächtig auf die warnende, kündende Feuersäule hoch ob Sankt Leonhard im Passeyerland. Blutrothe Antwort kam alsbald vom Etschthal bis zum Zillerthal, vom Timblerjoch und Oetzgebirge Flammen grüßten sich wie jauchzend, Flammen reichten sich die Hände. So reichte im Alterthum ein Fackelläufer mit Sieges- oder Todesnachricht, zusammenbrechend, dem Nächsten die Leuchte. Alsbald donnerten Schüsse, Felsblöcke auf die nichtsahnenden Eindringlinge hinunter. Wie das immer ausging Tonerl begann den noch schwierigeren Abstieg. Seinen Soldaten an sich pressend bald springend, bald stürzend, taumelnd, todtmüde, trunken vor Freude, fiebernd kam er unten an da traf ihn eine verirrte Kugel in die Brust. Der Ortsmeister fand ihn blutend vor der eigenen Hütte liegend. Was hast angestellt! Tonerl?" fragte der Mann. Feuer anzünden, vorm Feind gewarnt, Franzosen sind unten im Thal, paßauswärts steigen sie!" Feuer hast anzünden, dein lieb's Tirol gerettet, das soll dir nimmer vergessen werden, Tonerl!" Tonerl lachte unter furchtbaren Schmerzen vor Freude über des Ortsmeisters Versprechen." Gizi war müde, und da fuhr Olga, die Blonde, fort: Ja, und drei Tage hat der arme Tonerl noch gelebt. Man that alles, um ihn zu retten, er aber lag im Wundfieber. Das Wunder war geschehen, die Franzosen zogen unten im Thale ab, und Tirol erschien fürerst gerettet. Als Tonerl zum Sterben kam, standen der Ortsmeister, der Doctor und der Pfarrer an seinem Lager. Sie sagten: Tirol wird dir ewig dankbar sein, für deine Mutter wird gesorgt," da ging ein Leuchten über sein erdfahl Antlitz aber dir ein Denkmal gesetzt werden." Da schüttelte er sein müdes Haupt und schüttelte es wieder und sprach: Nein, das laßt! Aber immer um die Mitternachtstund', da denket mein und laßt mich grüßen! Da werd' ich im Geiste unter Euch sein und danken!" Damit verhauchte er seine Seele. Mit dem Amt des Nachtwächters ist aber noch heut der fromme Brauch verbunden, der Wittwe einzig Kind, den Krüppel Tonerl Tereol, u grüßen mit den Worten: Gute Nacht, Tonerl! Tonerl, Gute Nacht. " Lange noch saßen wir bei einander, stille oder ernst plaudernd. Und nun, im Herbstwehen, in meinem stillen Weltstadtzimmer, wie oft noch denk' ich Dein, liebes Sankt Leonhard im Passeyerthal und Gizis und Olgas, der lieben Mädel aus'm Posthorn" !
Kasernenhofblüthen. Unterofficier: Offen und ehrlich seid ihr Kerle, das muß euch der Neid lassen, denn ihr haltet mit eurer Dummheit nie hinter dem Berget' Kerl, machen Sie nicht solche komische Figur wie ein Trampelthier, das sich nach dem Hofceremoniell bewegen will!" Wachtmeister : Sagen Sie, Einjähriger, Sie wollen Ihr Jahr wohl nicht abdienen, sondern abfallen?" . Sergeant : Donnerwetter Meier, Sie sind wirklich ein verkörpertes Attentat auf den gesunden Menschenverstand!" Nicht so düster drein sehen, ein Gesicht müssen Sie machen wie ein Doktor, der den ersten Patienten kriegt!" . Mißverstanden. Baronin (entsetzt zu ihrem vor Kurzem engaguten, etwas angeheiterten Diener): Johann, Sie trinken auch!" Johann: Jawohl; also Sie auch, gn'ä'Frau!?. . ... . t ..:
Wamas Holdjunge.
Von L. Maren. Man muß nur nicht glauben, daß man über diesen Ausdruck gleich die Jcat rümpfen darf. Man denke lieder nach, ob nicht hinter diesem Worte eine ganze kleine Welt von Poesie und Sonnenschein liegen kann. Mamachen mußte ihn bewundern, das war nicht anders! Und Mädchenherzen zu fangen, darin war er unwiderstehlich! Er war groß und schlank wie eine Fichte im Walde, fein und geschmeidig. Und diese Augen! Von dunkelgrauer Farbe und tiefliegend unter scharfgezeichneten Bogen. Dazu der feine, blonde Schnurrbart in zierlichster Schwingung über einem rothen Kindermund. Wenn r schelmisch und zugleich muthwillig sich in das Sopha warf, mit der Cigarette zwischen den Lippen was half dann alles Schelten? Gleich legten sich zwei Arme um Mamachens Hals, und ein zärtlicher Kuß schloß ihren Mund. Bin ich nicht mehr dein Goldjunge, Mama?" Ach, welche Waffe! Und wie listig benutzt! Man konnte nicht widerstehen. Mamachen ergab sich immer. Mamachen war nicht einmal halb so groß wie ihr Goldjunge. Er konnte auf sie herniedersehen wie aus das kleinste Jungchen. Und wenn er ihren Mund suchte, was sehr oft geschah, mußte er seinen Rücken ordentlich krümmen. Sie war niedlich und fein, sein Mamachen, und liebte alles, was schön war. Ihr Goldjunge hatte ihren Schönheitsdrang geerbt. Er liebte auch feine Kleider und schneeweiße Wäsche, Sammet und Seide in zarten Farben, Spitzen undJuwelen, geschliffenes Crhstall und bunte Blumen. Musikalisch waren sie Beide. Ma machen spielte Clavier, am liebsten in der Dämmerung. Es war Weber, Schumann oder Chopin. Bisweilen saß ihr Goldjunge dabei im Schaukelstuhl und drehte seinen Schnurrbart. Er selbst spielte allerhandJnstrumente. Er besaß keine technische Fertigkeit, aber natürliche Begabung. Das pflegte wenigstens Mamachen immer zu sagen, wenn er auf der Flöte spielte, der alten Ebenholzflöte seines Vaters mit den weichen, dünne Tönen. Denn die Flöte war eigentlich das Jnstrument, auf dem er am geschicktesten war. Von den alten, lustigen Bauerntänzen wie den wohlbekannten wehmüthigen Volksliedern spielte er eine ganze Reihe. Lieder, die man fast vergessen hat, und andre, die man alleTage hört. Aber da war besonders eins, das Mamachen wie ihr Goldjunge liebten. Ich weiß nicht recht, ob ich es nennen soll, denn es ist allzu bekannt. Es war: ,Des Sommers letzte Rose." Wie wunderbar konnte die . Flöte von der letzten Rose erzählen! Die Weise wurde so lebend schön und Poetisch. Sie entlieh gleichsam ihren Glanz der behaglichen Wärme des Salons, dem rothen Lampenschirm, der Pracht der Blumen und dem feinen Duft. Mamachen konnte stundenlang sitzen und auf das Lied, die feinen Uebergänge. die schmelzenden und reichen Üccorde lauschen. Nach dem Ritardando paßte sie es immer ab, seinen Blick abzufangen. Denn dann erhob er regelmäßig seinen Kopf, während seiner selbsterfundenen Pause, mit strahlend innigem Lächeln, bevor er zu der Wiederholung der Melodie zurückkehrte. Aber eines schönen Tages' schlug die Stunde 'der Trennung. Mamachen stand am Hafenquai und sah ihn abfahren, und sie hatte ein Gesühl, als wenn sie ihr eigenes Herz in die See geworfen hätte. Das Boot verschwand in der Ferne. Es führte ihn fort nach England, zu der großen Weltstadt, zu der Hauptstadt der Arbeit und des Riesenerwerbs. Er fand dort eine gute Stelle, er arbeitete und verdiente viel Geld. An all' dies dachte Mamachen, w'ahrend sie in der Dämmerstunde vor ihrem Kaminfeuer saß, einen offenen Brief in der Hand. Dieser Brief verkündete ihr, daß ihr Goldjunge nach achtjähriger Abwesenheit mit seiner jungen Gattin aus England Heimkehr ren wolle. Das war viel auf einmal für Mamachen, um darüber so allein zu grübeln. Die Nachricht von seiner Verlobung und Verheirathung war ihr wie ein Traum gewesen, lebendig und doch unwirklich. Sie konnte anfangs gar nicht fassen, daß es niemals mehr so wie früher werden sollte. Jetzt, erst setzt begann sie die beängstisende Wirklichkeit zu verstehen, nun, da er davon sprach, mit Harriet heimzukommen. Im ersten Augenblick war der Schmerz so hestig, daß sie zu ihrem Schreibtisch hinging und schrieb : Kommt nicht!" Sie schrieb natürlich noch viel mehr, brachte eine Menge Gründe vor, aber den eigentlichen verschwieg sie: ihre Eifersucht. Nach einigen Stunden bereute sie es jedoch, zerriß den Brief und schrieb einen andern. Sie zwang dabei ihre Lippen zu einem Lächeln, obgleich es bitter war, und schrieb mit zierlichen Buchstaben ein Herzlich willkommen", das ihr wie grelles Licht in die Augen schnitt. Es vergingen acht Tage, ' vierzehn Tage. Dann kam wieder ein Schreiben mit dem Londoner Stempel. Mamachen las und las. Ah sah sie recht, wirklich recht? Sie wagte kaum ihren Augen zu trauen: Harriet erkältet, komme allein!" Noch einmal ihr Goldjunge,- und er gehörte ihr, ihr ganz allein! Wie glücklich sie du Brief machte! ......
Wo waren nun die echt entschwun denen Jahre?! Er war noch immer ihr großer, schlanker Junge mit den wunderbaren dunklen Augen und dem blonden, seidenartigen Schnurrbart, ihr Junge mit dem schelmischen Blick und dem heiteren Gemüth. Für Mamachen war strahlender Sonnenschein und jauchzender Frühling. Als sie auf- dem Perron stand, um ihn zu empfangen, war es, als wenn eine Fluth goldenen Lichtes sie umfloß, so froh war sie. In Wirklichkeit aber war es ein nebliger Novembertag. Der Zug! Der Zug! Ach! Ein Gefühl des Schwindels ergriff sie. 'Vie Freude, der Schmerz, das Vergangene, das Gegenwärtige, das Zukünftige alles strömte zusammen und ergriff sie so unwiderstehlich in diesem einen Augenblick. Geliebtes Mamachen!" Das war seine liebe Stimme. Mein Junge! Mein Junge!" Nein doch aber nein das war er und er war es nicht. Das war ein Wann, der da vor ihr stand, groß und stark und breitschulterig, mit ernsten, dunklen Augen und einem leichtgekräuselten Vollbart. Bin ich nicht mehr dein Goldjunge, Mamachen?" Der alte, echt kindliche Tonfall war nicht mehr da, es wurde eine gekünpelte Nachahmung. .Ja. gewiß, geliebtes Kind!" Aber Mamachen mußte sich Gewalt anthun, daß ihr nicht die Thränen in die Augen traten. Es war Abend, die Lampe mit dem rothen Schein war angezündet, Mamachen saß auf dem Sopha und ihr Junge auf dem Schaukelstuhl. Noch einmal wie früher", aber doch nicht so wie früher"! Mamachen mußte an seine Unmanieren denken, die Cigarette zwischen den Lippen, die Füße auf dem Fauteuil. Diese Erinnerung bewegte sie so, daß sie sehen mußte, ob es wirklich so wäre. Aber nein! Ihr Junge saß da, gerade und aufrecht mit niedergeschlagenen Augen und gekreuzten Armen, ohne jede Spur von Jungenhaftigkeit im Gesicht. Woran denkst du?" fragte die Mutter. An Harriet!" erwiderte er. Du fragst mich gar nicht nach ihr!" Doch, gewiß, mein lieber Junge wie geht es ihr?" Sie war fast wohl, als ich ibreiste. Sie hätte mich gern begleitet!" Ach ja, warum nahmst du sie denn nicht mit?" Mamachen wollte gerade ihrem Jungen Vorwürfe machen, begegnete dann aber seinem ernten Blick und schlug die Augen nieder. Wie alt. sagtest du, daß sie Ware?" Neunzehn Jahre!" Noch solch ein Kind. Du hast wohl ein neues Porträt von ihr! Laß mich es sehen!" Mamachen war so eifrig, ihre Vergeßlichkeit gutzumachen. Sie nahm ihre Brille vor und außerdem das Vergrößerungsglas zur Hand. Eine schlanke, geschmeidige Gestalt, voll Anmuth in jeder Linie, feine Gesichtszüge. ein ganz. ganz kleinerMund, große, tiefe Augen unter scharfgezeichneten Augenbrauen und blondes, welliges Haar. Sonderbar, wie dieses neunzehnjährige Kind ihrem Goldjungen von ehemals ähnlich sah. Na, Mama?" In einem Augenblick, fast gegen ihren Willen, war ihr Herz erweicht, aber sie schwieg. Alle sagen, sie ist mir ähnlich!" So?" Sie ist so heiter und schelmisch. Und so lieb!' Du glaubst gar nicht, wie lieb sie ist!" Doch, das glaube ich wohl!" . Und sie wünscht so sehnsüchtig, deine Bekanntschaft zu machen. Sie liebt alles, was zu mir gehört!" Natürlich!" Ich bin nun ernst und langweilig geworden, weißt du, ein richtiger trockener, practischer Geschäftsmann. Und darum liebe ich sie so sehr, sie ist mein früheres Ich, das, was du so sehr bei mir vermißt. Ja, ja. leugne es nicht. Mama! Sie ist die Jugend und Poesie, weißt du, sie ist der Frühling und Sonnenschein, Gesang und Blumenpracht!" Mamachen schließt ein wenig die Augen; aber ihre Hand streicht über seine weichen Haare hin. als wollte sie die Erinnerung wachrufen, ach. die Erinnerung an die verflossenen Tage, die so reich waren. Er lacht flüchtig, wehmüthig und erwidert, als läse er ihre Gedanken : Ich habe seit acht Jahren nicht die Flöte angerührt. Mama. Aber Harriet singt, weißt du, und sie kann das Lied singen, so, wie du es bisher niemals gehört hast, in ihrer Mutterspräche, so ergreifend " Sie konnte nicht mehr widerstehen: Schreibe sogleich nach ihr, hörst du, sogleich und sage ihr daß ich mich nach ihr sehne!" Mutter und Sohn hielten sich innig umschlungen, und ihr Augen trafen sich in einem Blick, der mehr ausdrückte, als Worte. Du böses Mamachen, die es uns nicht gönnte, zusammen reisen zu dürsen weiter, als bis Malmö; denn bis dahin nahm ich sie in jedem Fall mit. Sie wartet nur auf ein Telegramm von dir." Du böser Junge! Erst an mir zweifeln ud mich dann so zum Narren machen! Aber nun erkenne ich endlich meinen Goldjungen wieder!" Sie ging sogleich zum Schreibtisch hin und schrieb folgendes Telegramm: Mrs. Harriet Florell, Hotel Kramer, Malm'ö. Mein Goldjunge hat für unö beide aewäblt! Komm sofort! Mama."
Kaus und Wett.
Endlich, mein Lieb, schlafen die Kinder, in der Küche ist auch alles besorgt, nun kann ich mit ruhigem Gewissen gnädige Frau" spielen." Während dieser Rede hatte die noch junge Frau die Lampe angezündet und war an das Sopha getreten, wo ihr Mann in liegender Stellung ein wenig träumen oder lesen wollte; aber er hatte wohl beides zu thun vergessen und schlief. Eisig überlief es die junge Frau. Sie hatte ein überaus phantastisches Köpfchen und so tiefes, warmes Gefühl für den Herrn Gemahl, und da hatte sie geglaubt, während sie sich in Kinderstube und Küche noch plagen mußte, sitze der Gatte und träume von ihr, und nun sah sie, daß er schlief ganz prosaisch schlief. Auf den Spitzen, leise wie ein Kätzchen huschte sie in die Kinderstube zurück, nahm ganz prosaisch ein Strickzeug in die Hand und strickte. Diese Beschäftigung sagte ihr im Augenblick am besten zu, dabei durften die Gedanken wandern, und das thaten sie fleißig; aber auch die Hände rührten sich, und so wurde Arbeit und Mißmuth zu gleicherZeit reichlich gefördert. Ja, Mißmuthi Wie kam es eigentlich, daß die jauchzendeStimmung, welche sie stets übermannte.wenn sie mit den Kindern an der Thür den Mann erwartete, nicht lange Stand hielt ? Wie kam es, daß sie jetzt oft so traurig und verzagt war? Lag die Schuld an ihr" an ihm"? Freilich die Hauptsache war ja da, sie liebten sich treu und wahr, und er ging nie ohne sie" und sie nie ohne ihn" fort, aber ein Etwas" war da, das sich nicht überbrücken, nicht ver winden ließ. Es gab Jahr ein, Jahr aus, Tag ein, Tag aus, von früh bis spät nichts als Pflichten für sie beide, keine Ruhepause, keine Erholung, keine Zerstreuung, nicht ein einfacher Spaziergang war ihnen zu Zweien vergönnt. Immer, wo sie gingen und standen, zwölf Augen, sechs Mäuler mit und neben sich, da war kein Wort, kein Blick möglich, denn die neugierigen Augen sahen alles. Das Frauchen war bescheiden in seinen Ansprüchen wie wohl selten ein Weib, aber schließlich wollte es auch etwas mehr vom Leben sehen als Küche und Kinderstube. Es gab so viel Schönes, sie wußte es, aber es war für sie unerreichbar. Sie waren beide noch jung, und die Jugend fordert ihr Recht. Aber da die Forderung immer im Ausstand blieb, wurden alle beide müde und still. Ja, wie sie jetzt so stille dasaß und strickte, kam sie sich vor, als wäre sie längst, längst Großmama", die für die Enkelkinder Strümpfe strickt und wunschlos den Rest des Lebens verbringt. Aber freilich, war es wohl möglich, daß das Herz einer Großmama so laut und ängstlich pochte bei dem Gedanken: Was macht aber er"? Er", so jung, so lebenskräftig!" Sie. ja sie war es schließlich gewöhnt, alt" zu sein, denn auch als Aelteste von sechs sechs Kindern aufgewachsen, wäre sie nie Kind gewesen, wenn sie nicht eine überaus reiche Phantasie und ein kindliches Gemüth besessen hätte. So rettete sie sich ganz tief im Innern einen kleinen Schein des Bewußtseins ihrer Jugend, während es in ihren Ohren brauste von Reden wie: Na, wer soll es thun,die Olle", wer sonst?" oder Na, dazu wird sie doch wohl groß genug sein!" Und so mußte sie Besorgungen und Wege machen, welche das damals zehnjährige Mädchen von Mittags ein Uhr bis Abends zehn Uhr unterwegs hielt Wege, welche ihr kein Mensch beschreiben konnte, die sie ausfragen und suchen mußte. Es war niemand in Angst um ihr Leben und Seelenheil, sie war die Größte und mußte gehen. Dann lag die Kindheit hinter ihr, die Zeit des Backfisch-Alters war da. Aber war sie, die Alte" mit 17 Iahren, nicht schon alt genug, um Hunderte pro Monat zu verdienen? Wenn sie die jungen Schwestern sah, kam sie sich so alt vor, daß sie es nicht wagte, sich eine helle Schleife vorzustecken oder eine helle Blouse anzuziehen. Dazu war sie ja zu alt; auch fürchtete sie, man könne meinen, sie wolle eben so jugendlich erscheinen wie die Schwestern, und da unterblieb auch bald das heitere Lachen und Singen. Sie verstummte; aber ganz tief, tief im Herzen, da wuchs und schwoll übermächtig die Sehnsucht nach der Jugend, nach Liebe und Sonnenschein. Und ein gütiges Schicksal sandte ihr alles! Jugend, Liebe, Sonnenschein und Seligkeit. Es sandte ihr einen Mann, so ljeb, so treu, so jung und gut, und der machte sie jung. Sie lachte, sie sang, sie war jetzt mehr Kind, als in ihrer Kindheit, denn es traf sie kein Blick, der sie fragte: Na, Olle, was ist Dir, was fällt Dir ein, ln Deinem Alter, so kindisch?" Nein, er lachte und jubelte mit ihr, sie gehörten sich in heißer, uneigennütziger Liebe, und da spielt das Alter keine Rolle. Aber nach und nach verstummte auch in der Ehe das Lachen. Es aab soviel Sorgen mit den Kindern, soviel Arbeit und Last von Tag zu Tag, und kein Mensch war da, der ein junges Menschenkind mit seinem Freiheitsdrang verstand. Immer allein mußte sie bleiben, und sie mußte sehen, wie der Mann sich abhärmte, weil er dem Weibe, das er liebte, kein besseres Loos schaffen konnte; alles, was r kann, ist, dasselbe Loos theilen, und das thut er, und das tröstete sie auch sonst, warum nun nicht mehr? . Ach, nur ein Mal. seit Jahren schon, wünschen sie es sich beide, ein Mal das Theater zu besuchen oder ein gutes Concert zu hören, nu? ein Mal. aber
niemand bleibt bei den Kindern, sie können nicht fort, sie müssen die Alltäglichkeit und das alltägliche Einerlei tragen. Und den Tod dürfen sie sichnicht einmal wünschen, denn sechs Kinoern rusen: Vater und Mutter!" Sie strickt, sie strickt immer emsiger, aber Thräne auf Thräne rinnt und verdunkelt ihr die Arbeit. Aber sie kann es nicht hindern, denn einen Ausweg giebt es nicht: Das Leben nicht genossen, getragen will es sein!" Ihr Schluchzen wird heftiger, die Arbeit entfällt ihrer Hand, sie weint, als sollte ihr das Herz brechen. Da ruft ein feines Stimmchen: Mama, nicht fortgehen, Hierbleiben sollst!" Sie springt auf, nimmt ihren kleinen, zweijährigen Jungen auf den Arm, küßt ihm den rothen Mund, die verschlafenen Augen, herzt und küßt und lacht unter Thränen. Die Thür geht auf, und herein tritt ein großer, blonder Mann, der erst ihr einen herzhaften Kuß giebt, dann den Jungen auf den Arm nimmt und sich mit ihm neckt. Nun ist ihr so wohl zu Muthe, aber die noch weiche, aufgeregte Seele findet auch für die Freude keinen anderen Ausdruck als Thränen. Liebevoll beugt sich der große Mann dem schwachen Weibe zu, hebt ihr das Kinn in die Höhe, schaut ihr tief in die Augen, und fragend ertönt seine milde Stimme: Thränen?" Von seinem Arm umschlungen, rinnt ihr das erlösende Naß lindernd und heilend noch ein Weilchen, dann, unter Thränen lächelnd spricht das Weib die beruhigenden Worte: Ich glaube, ich habe nur schlecht geträumt! Wie konnte ich sonst so thöricht sein, da Du doch mein bist!"
Poeseleien. Lieder des Esels Petruccio. von Ci Bretisch. I. Da Apulien meine Heimath bin ich dort zuerst gewesen. War erst klein, dann würd' ich größer und zuletzt ein großer Esel. Holde Jugendzeit, gedenk ich deiner, faßt es wie ein Rausch mich von Champagner; träumend wieder- käu' ich Jugendeseleien. Wurde älter und auch klüger, nicht ganz klug in Lieb' erglüht' ich für Asinia, die die schönste von zwei hochgeehrten Schwestern. Blühend wie 'ne junge Distel war ihr Fell, so weich wie einer Gans geschmeidiges Gefieder, Füßchen wie 'ne Ballerina. Jung, verliebt, und auch die Krippe voll des besten Heus, es war zu viel des Glücks, und bald erfahren sollte ich auch dessen Wendung. Denn Asinia, meines Herzens Inhalt, schenkte ihre Liebe und ihr F-a-Wort Petrino, da er läng're Ohren hatte, brach die Treu mir. Denk' daran ich, stehn die Haare mir zu Berge, stehn zu Berge mir die Ohren, krümmt mein Schweif sich wie ein Wurm. Tröstend kam mir der Gedanke, in die Ferne jetzt zu wandern, um des Herzens bangen Zwiespalt abenteuernd zu verkleistern. IL 's dehnt gen Süden, Norden, Westen, Osten sich mein Heimathdörfchen, voch da südlich Meeresgrenzen, so verließ ich es gen Norden. Doch nicht nur des Wassers Mangel war der Vorzug dieser Richtung, kaum ein Stündchen vor dem Thore stand die Osteria Crespos. Osteria nannt' profan man's und solang man trocken, nüchtern. Wenn die Wahrheit aus dem Wein stieg, wurde es ein Tempel Bacchus, in dem Crespos Hoherpriester. Keins verstand mit edlerm Eifer in den Geistern seiner Weine Adel, Seele großzuziehn. Doch auch dieser Prachtwirth hatte eine schnöde Schattenseite; sehr gewandt war er im Rechnen, irrte nie zu seinem Nachtheil. An den Fingern seiner Hände calculirt' er flink die Zeche, wo er manchen Finger über , manchen Soldo unterschlug. Ueber meine Ohren zog er mir das Fell 's kam hoch die Rechnung. Wohl ein Esel, doch kein solcher, blieb ich ihm die Zeche schuldig. Zwischen Gast und Wirthe bildet einen festen Kitt die Kreide. Inniger war das Gespräch nun, hob den Deckel meiner Seele. Zu 'nem dicken Käs geronnen sah die Milch er meiner Denkart , meint, es fei nicht jede Es'lin eine solche dumme Gans, die in innig-warmer Liebe eines schönenJünglings schmähe, (wurde roth unter dem Fellhaar) sollt' mich einer andern weihen. An der Größe des Gedankens rankte sich empor die Seele. Ja, das war's, war das Arcanum, das mein Herze gierig sog. Klüger als mein großer Ahnherr, der Buridan macht' unsterblich, hab' ich meine Wahl getroffen; mir im Herzen thront Rositta. IN. Wenn in meiner Seele Saiten rauh die Peitsche schwingt ihr Echo, wenn des Mehlsacks Centnerschwere meiner Würde Abbruch thut, wenn des Magens ird'schem Sehnen nicht Genüge trägt die Krippe, denk' ich dein, holde Rositta, und gebannt ist jeder Schmerz. In den Tiefen deiner Augen taucht die Seele felig unter, träumend deine zarten Formen, deines Aeußern himmelgrau. Eines großer Pinsels würdig wär' dein Bild gemalt zu werden. wär' ich Maler, malt' ich eine Symphonie von grau in grau. Wär' ich Dichter, schrieb auf deine Eselshaut ich Liebeslieder hehrster Uebermensch Gefühle, wie sie noch kein Dichter schrieb. Doch das Denken raubt dem Herzen Geltung, darum kennt die wahre Liebe nur ein echter Esel, der nicht denkt, nicht malt, nicht dichtet. .
Aic Höürkrinke.
8!ou Pau! Ccbneerbart. Franz, mach' den Laden zu!" sagte V alte Tischler Dömpke. Und Franz ging hinaus und that das. Der Wind heulte durch's Dorf, in der Küche hustete die alte Marie, und die Laden gingen klappernd draußen zu. Franz kam wieder in die warme Stube und sagte: Die Thürklink' ist draußen kaputt." Der alte Tischler brummte 'was Franz ging wieder fort und legte sich schlafen. Die alte Marie that das auch. Und der alte Tischler saß nun wieder ganz allein in der warmen Stube ganz allein. Der Wind heulte durch's Torf. Der Tisch stand dicht am Ofen, und die Lampe auf dem Tische brannte trübe. Der Alte hatte in einem Reisebuche gelesen von Afrika, wilden Thieren und vielen, vielen Schwarzen, die immer grinsten und um ein großes Feuer herumsprangen. Dabei hatte er immer wieder an seine Knabenjahre denken müssen als Knabe wollte er Missionär werden es war aber anders gekommen. Jetzt saß der alte Tischler träumend da, nahm die Brille ab und legte sie auf's Buch, dachte an lange vergangene Zeiten und an die Thürklinke. Da hörte er's draußen im Flur knarren es flüsterte 'was und dann ging die Stubenthür auf. Und herein trat ein Matrose, mit einer Handharmonika unter'm Arm. Der Matrose setzte sich dem alten Tischler gegenüber auf einen Schemel, steckte sich eine Kalkpseife an und spielte ein bischen auf der Handharmonika. Als der Matrose zu spielen aufhörte, da ihm die Pfeife ausging, frug der Alte heiser: Wer bist Du?" Der Matrose lächelte und sprach: Das mußt Du doch wissen.. Wir kannten uns doch so vor vierzig Jahren nicht wahr?" Und nun sahen sich die Beiden lange an. Und der alte Dömpke nickte jeder Zug stimmte so sah er der alte Dömpke vor vierzig Jahren aus. Und ihm wurde so merkwürdig still zu Muthe. Er hatte immer gewünscht, sich noch einmal so zu sehen, wie er einst war. als er noch zu den Jungen gehörte. Matrose war er allerdings nie gewesen aber so, wie der da vor ihm so sah er aus mit der Kalkpfeife und der Handharmonika. Willst Du etwas trinken?" fragte der Alte. Ich hab's bei mir!" erwiderte der Junge, und dabei zog er eine Flasche mit Rum aus der Tasche. Sie tranken, und dann sprach der junge Matrose mit stiller, leiser Stimme: Ich bin der Mensch, der Du einst warst, bin der junge Dömpke frisch und lustig! Ich fürchte mich nicht vor dem Tode wie Du. Ich habe keine Angst; ich lache, rauche ,trinke und spiele Handharmonika." Er spielte wieder lustige Lieder, doch die klangen dem Alten alle furchtbal traurig. Wo wohnst Du?" frug der Alte. Der Junge aber lachte und meinte: Was weiß ich. wo ich wohne! Ich lebe und frage nicht so viel wie Tu. Ich trinke." Und er trank. Und dann spielte e, wieder. Und bei dem Spiel wurde dem Al ten so traurig, daß er weinen mußte, und während er weinte, ward ihm schwarz vor den Augen, daß er nichtL mehr sehen konnte. Die Musik klang ihm immer ferner. Mes wurde schwarz. Als am nächsten Morgen der Franz in die Stube trat mit Licht, sah ei den Alten noch immer aus dem Stuhle sitzen. Die kleine weiße Katze saß aus dem Tische. Die Lampe war ausgegangen. Der Franz erschrak und rief die alte Marie. Der alte Dömpke war todt. Künstliche Wimpern. Seit undenklicher Zeit weiß man, daß es falsche Haare, falsches Nackenhaar (Chignons), falsches Stirnhaar gibt, aber falsche Wimpern ... Jawohl! Die falschen Wimpern sind durchaus keine Fabel. Man hat das Mittel gefunden, die Augenlider von Leuten, welchen die Natur den Wimpernschmuck versagt hat. mit Wimpern zu bepflanzen". Die Sache ist sehr einfach. Man braucht nur mit einer feinen Nadel, die als Faden ein Haar von der Kopfhaarfarbe des Patienten aufweist, den Rand des Augenlids, zwischen der Gesichtshaut und dem fettigen Saume zu durchstechen. Dann verfährt man wie bei einer feinen Näharbeit mit feinen Stichen. - Wenn das Augenlid ganz benäht ist. schneidet man mit einer seinen Scheere das Haar entzwei,' so daß sich zwei Reihen von dichten Wimpern bilden. Es ist tm pfehlerswerth, die Wimpern oft zu fristen", denn' schöne Wimpern verleihendem Äuge einen besonderen Reiz und wachen' den Blick sanft und milde, f D.e r ' dumme Johann. Johann hat einen Auftrag, den ihm sein Herr, der Lieutenant Grimmig, gegeben hatganz verkehrt ausgerichtet. Da wird sein Herr wüthend und fährt ihn an: Daß dich das siedige Wetter tiifchl', du Dummkops! Wenn ich tlr.zrt Cs:l hatte schicken wollen, hatte i3 fcll:x cefccn können l"
