Indiana Tribüne, Volume 23, Number 83, Indianapolis, Marion County, 10 December 1899 — Page 7

Die Andere.

Von Annie Latt.Jelsderg. Sie drehte das Heine Couvert lange In den Händen, ehe sie eS öffnete. Eine seine, energielose Frauenhandschrift ohne besonderen Charakter. Sie ahnte, von wem das Briefchen kam. Zögernd öffnete sie endlich den Umschlag. .Verehrtks Fräulein! Warum sieht man Sie gar nicht? Wir, mein Mann, ich und die Kinder sehnen sich. Sie in Berlin zu begrüßen. Wir empfanden jeden Mittwoch unser? Freunde. 311 denen wir Sie in allererster Linie rechnen. Mein Mann ist so froh, daß er Sie wiedergefunden hat. Morgen chnen wir also bestimmt auf Sie." Noch sine höfliche Schlußformel beendet die Einladung. Er ist froh!" Es zuckte bitter um !hre Lippen. Was wußte er davon, welche Qualen ihr dieses Wiedersehen bereitet hatte, damals, als sie unverhofft in Bad Kissmqen zusammentrafen! Seit zwölf Jahren wartete sie auf ihn. Sie lachte jetzt auf, sich selbst verHöhnend. Ich komme wieder, sobald ich kann, dann dann soll nichts uns mehr trennen!" hatte er beim Abschied et stammelt. Wie mit Diarnanffchrift waren die Worte eingegraben in ihr Herz, das so jung und feurig schlug. Auch jetzt noch irotz der zwölf Jahre, die darüber vergangen warerr. Die Zeit hatte ihrer Empfindunz für ihn nickts anhaben können. Sie hatte ihrer Liebe einen Altar aufgebaut, darauf opferte sie Jahr um Jahr. Ihre ganzeJugendblüthe schmückte ihn. den QpferaUar. Meine alte Jugendliebe!" hatte er sie seiner Frau vorgestellt mit einem halb scheuen, halb freudigen Lächeln, als sie ihn wiedersah nach zwölf Iahrea als Gatten einer Anderen. Sie lachte jetzt Äber ihren felsenfesten Glauben an ihn. Er hatte ?hr nie seine Liebe bekannt, nur die wenigen bedeutsamen Worte beim Abschied, von einem langen Blick, einem innigen, nicht endenwollenden Händedruck begleitet, das war Alles, an dem sie festhielt, die ganzen langen Jahre hindurch. Was man wünscht, das glaubt man." Sie wünschte und glaubte. Er sollte sie seiner harrend finden, aber er kam nicht. Jetzt wußte sie warum. Die Andere hatte ihn festgehalten, hatte ihn sie vergessen lassen. Die Andere! Sie biß sich auf die Lippen, um den wilden Schmerzensschrei zu ersticken. Jetzt schrieb sie, seine Frau, an sie freundliche Einladungsworte. Thränen perlten ohne ihr Wollen über ihre Wangen. Enttäuschung- Schmerz. Eifersucht bewegten ihre Seele in wildem Durcheinander. Sollte, tonnte sie gehen? Sie kämpfte lange. Dann setzte sie sich an den Schreibtisch und schrieb: Verehrte Frau! Leider ist es mir nicht möglich, Ihrer gütigen Einladung zu folgen. Ich will offen und wahr gegen Sie fein. Weil ich den Frieden Ihres Haufes nicht stören will, deshalb komme ich nicht. Fürchten Sie nicht die Macht einer alten Liebe? Sind Sie Ihres Gatten so gewiß? Hüten Sie sich, mit lächelnden Lippen eine alte Liebe wieder anzufachen. So sicher ist Niemand im Besitz, daß er nicht den Verlust zu fürchten hätte. Sehen Sie nicht, wie die alten Fäden sich weiterspinnen? Daß Erinnerungen ein mächtiges Band sind, das zerrissen und wieder angeknüpft unzerreißbar wird? Unsere Erinnerungen gipfeln in Wünschen, Sehnen ohne Erfüllung! Wissen Sie nicht, daß ungestillte Liebe nie stirbt, daß sie nur schläft, bei leisester Berührung zu er- . wachen bereit ist? Ich fühle die Macht in mir, Ihren Gatten wieder an mich zu fesseln, wie damals. Reizen Sie m& nicht mit Ihrer Siegesgewißheit Ihrem verbrieften Rechte!"., Sie hielt inne, mächtig eruj bei dem G :danken an die lächelnde Sicherheit, die seine Gattin ihr gegenüber zur Sch2' trug. War sie denn wirklich so ungefährlich? War sie denn schon zu alt geworden, um Eifersucht ween zu können? Ihr weibliche: Stolz, ihr Trotz bäumte sich auf. In Fetzen flog der Brief in den Kamin, dessen leise Gluty gierig das Papier ergriff, in lichten Flammen auflodernd. m9lux neuer Nahrung bedarf es!" lächelte sie. .Ob sie kommt? Abgeschrieben hat sie nicht!- , So wird sie kommen," gab er zurück mit anscheinender Gleichgiltigkeit. Weißt Du, wen ich ihr zum Tischnachbar bestimmt habe?" .Wie soll ich das wissen!" .Oder soll ich sie an Deine Rechte setzen?" Macht es, wie Du willst.Er blickte fourn von seiner Zeitung auf, so gleichgültig erschien ihm das Thema. Seine Frau war zufrieden. Für ihren Gatten fürchtete sie nichts. Die Andere sollte siö beneiden, sollte eifersüchtig sein auf ihr Glück, das sie nicht für sich selbst erhofft. Den besten Freund ihres Gatten placirte sie neben seine Jugendliebe. Wer weiß, vielleicht spinnt sich da etwas an, eine Genu.ithuung war sie ihr schließlich schuldig. Der Sieger soll immer großmüthig sein," dachte die kluge Gattin. - JBlc überraschend gut Sie usfchen.

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juji inccu ii vua ioau Lzt eljUllguilg, das sieht man an Ihnen. Dazu diese Toilette!" Himmel, sie sieht bezaubernd aus!" entfuhr es den Lippen ihres Gatten leise genug, daß seine Frau nichts davon hörte. Er küßte ihr die Hand, die ein sieht wenig in der seinen zitterte. Wie schön Sie sind! sprach er offen seine Bewunderung aus. Trotz der zweiunddreißig. Jahre!" lächelte sie ungläubig. Sie werden es immer sein. Sie gehören zu den seltenen Frauen, denen das Alter nichts anhaben kann." Seit wann sind Sie ein solcher Schmeichler geworden? Ihre Frau hat Sie so gut erzogen! Früher kannte ich das nicht an Ihnen." Nun hatte sie ihn erinnert an Früher" er zuckte zusammen, er fühlte sich doch schuldbewußt. Eine liebe Jugendfreundin." stellte er sie seinem Freunde vsr. Lebhaft wandten sich Beide einander zu. Sie gab sich Mühe, so entzückend wie möglich zu sein, um seine Gattin aus ihrer für sie beleidigenden Sicherheit aufzurütteln und ihren eigenen Schmerz zu betäuben. Ein kleiner, häuslicher Krieg zw'sehen den Beiden, das sollte ihre Rache sein. Sie gefiel Allen. Besonders ihm. feinem Freunde, den man neben sie placirt hatte. Sie achtete nicht darauf. An einer neuen Eroberung lag ihr gar nichts, Sie hatte sich abgefunden mit dem Leben und der Liede. Sie fühlte sich stark s genug, ohne Gatten mit ihrem Dasein fertig zu werden. Jetzt fehlte ihr der Glaube, der früher zu stark gewesen, an Männerliebe. Nur eine Sehnsucht überkam i. Wenn sie seine Kinder sah, dann fühlte sie den ganzen Schatz unverbrauchte? Liebe in ihrer Brust sich regen. Ein Kind, ein Wesen, das ihr ganz gehörte, danach sehnte sie sich. Das würde die Leere ihres Lebens ausfüllen. Irgend ein kleines, süßes, verlajzenes Geschöpfchen, ein liebes Menschenkind an ihr Herz ziehen, hegen und Pflegen, das wollte sie. Danach suchte sie jetzt. Sie würde es schon finden unter all' denArmen. die elternlos aufwuchsen in der Großstadt. Donnerwetter. Deine Jugendfreundin ist ein famoses Frauenzimmer!" Beinahe wäre sie meine Frau ge wordcn!" I wo das ist ja interessant!" We!ß Gott. ich. liebte sie innig. Aber die Trennung, die Unmöglichkeit, mich schon zu verheirathen. Dann das Leben in Berlin, und schließlich fand ich meine Frau " Na ja da bliebst Du eben hängen." Er sprach es sehr überlegen, der Junggeselle. Daß er selbst Feuer gefangen, das merkte er gar nicht einmal, er war so sicher, daß er nicht hängen blieb. Jeden Mittwoch kam man in dem gastlichen Hause zusammen. 1 Niemals fehlten seine Jugendliebe und sein Freund. Paß auf, das wird ein Paar" sprach die kluge Gattin und sah ihren Gatten scharf an. Meinetwegen," knurrte dieser und sah in einen anderen Winkel. Du Du bitte, sieh mich einmal an." Ach, Unsinn, laß mich zufrieden." Da bist ja merkwürdig verändert in letzter Zeit. Nun seit sie wieder in Deinen Gesichtskreis getreten ist. Du ich merke, daß sie Dir noch immer sehr lieb ist." Er wurde dunkelroth und schwieg verlegen. Nun war der häusliche Krieg da mit Eifersuchtsscenen. Sie weinte und er schlug die Thüren und eilte aus dem Hause. Am nächsten Mittwoch war allgemeine Verstimmung. Die Gäste litten unter der bösen Laune der Wirthin. Aber sie, die Andere", das Mädchen seiner Jugendliebe, konnte zufrieden sein, sie war gerächt! Dann erhielt sie einenBrief von ihm, dem Jugendgeliebten, dem Treulosen, dem Gatten der Anderen. Haben Sie Erbarmen mit einem Treulosen! Wie bereue ich so heiß, so glühend, wie nichts Anderes in meinem Leben den Treubruch an Ihnen! Was habe ich verloren durch eigene Schuld eine Perle tauschte ich gegen Flitter ein! Ihr Anblick, nach dem ich mich krank sehne, martert mich zugleich. Kommen Sie nicht mehr in unser Haus. Ich ertrage es nicht länger, Sie neben meiner Frau zu sehen. Die alte Liebe ist in -.mir mächtiger erwacht wie je, und ich 'bin gebunden. Frei gibt sie mich nicht, dazu ist sie nicht edel genug. Ich muß den Treubruch büßen büßen! Sie haben längst überwunden, das sehe ich. Ich tröste mich damit, daß Ihre Liebe nicht so groß war, um Ihnen großes Leid zu bereiten. Ein bitterer Trost. Ich leide grenzenlos. Wir dürfen uns nicht wiedersehen niemals!" Mit brennenden Augen und zucken den Lippen las sie das'leidenschaftliche Bekenntniß. Nun war es aus zwischen ihm und ihr. Am nächsten Jour fehlte sie Allen. Man pries sie, bedauerte ihr Nichterscheinen, nur die Wirthin machte den Lobpreisungen ein Ende mit der kurzen, scharfen Bemerkung: Mir ist sie zu gefallsüchtig. Natürlich in ihren Jahren muß man so kettiren, wenn man nicht in spätes : Mädchen" bleiben will." Erlauben Sie mal!" wehrte der Freund ihres Gatten ab. .Ach Sie Sie haben sich ja perb-

lich m sie verliebt. Heirathen Sie sie doch!" Das werde ich auch!" Du?" fuhr der Wirth auf. .Ja. ch! Ich hole nach, was Du versäumt, mein armer Junge. Ich hoffe, daß sie mich haben will!" Am nächsten Mittwoch wurde die Verlobung der Beiden von Allen freudig besprochen. Der Wirth allein blieb blaß und stumm und schützte Kopfscymerz vor. Seine Frau aber lachte spöttisch: Dein Kopfschmerz sitzt im Herzen!" Sie hatte ihre alte Sicherheit wiedergewonnen. Eoralka.

Von Oöcar Geller. Weiter hinter den Steppen der Ukraine, durch die der Don seine schäumenden, brandenden Wogen drängt, mitten durch die Zeltlager der freien Kosaken erheben sich die schneebedeckten Goralen. die Vorläufer des Uralgebirges. Hier ist der Eintritt in das asiatische Reich, das hinter Perm liegt, und das sich nur öffnet, Unglückliche in seinen Scyoß aufzunehmen, wclt- und lebensverlorene Existenzen, die mit diescmDasein abgerechnet haben und hoffnungslos einem neuen Schicksal entgegensteuern, das nur Grauen und Angst und Elend kennt. Die freien, wilden Kosaken sind die Hüter dieses Schlüssels des großen, weiten sibirischen Reiches; ihre Lanzen, ihre Wachtfeuer reichen bis nach Perm unter dem Schatten der Gorale. Da kleben an dem Gebirge die verlassenen Dörfchen. Einige armselige, zusammengefallene Hütten bilden schon eine Niederlassung. Der Wind wühlt in dem Strohdache, wühlt in dem morschen Holzgebälk, pfeift durch hundert Lücken. Aber das an harte Mühsal gewohnte Bergvölkchen " ist glücklich in seiner Anspruchslosigkeit, es trotzt den Stürmen der Natur und kräftigt sich markig in diesem Kampfe, in diesem Ringen um das bischen Lebcn. So gedeiht hier ein gesunder Menschenschlag, zähe wie die Gebirgseiche und knorrig wie ihr Geäst. Die Kosaken wissen dies, und darum meiden sie die Goralen, deren Tochter nichts von der Weichheit der Tiefebene kernen, nichts davon an sich haben. Die Goralka ist ein starkes Weib mit scharfen Zügen, ein wenig eckig und derb in der Bewegung und mit finster-traurigem Blick in den dunklen, schwermüthigen Augen. Was ist diesem Volke der Goralen nun geblieben?! In das kahle Gebirge hat es eine wilde Macht verjagt, ihm seinen Stol) und Ruhm geraubt, den alten Glauben der Väter und es unter das Joch des zweibalkigen Kreuzes gebeugt. Seine Macht ist längst gebrochen; es kennt jetzt blos die Erinnerung, die Geschichte seiner Vergangenheit und haßt den Kosak, vor dem es zittert, haßt den Bedränger und Sieger. Der Kosak weiß dies nur zu gut. Er rühmt sich dessen, von dem Goralen gehaßt und gefürchtet zu sein; lagert er sich um das Nachtfeuer auf der Haide, dann fließt muntere Trutzrede hinüber und herüber, dann ertönt auch manches höhnische Lied, daß der Gorale in stillem Grimm, in ohnmächtigem Zorn die Lippen zusammenbeißt, und mit finsterem Blicke den lästigen Krieger mustert, dem der Wutky die Zunge gelöst. Besonders einer that es darin allen voraus. Man feierte damals das Fest eines hohen Heiligen. Das Gebirgsvolk ist gläubig, wenn ihm diese neue Religion auch nur eine aufgedrängte ist; aber der Gorale hat sie einmal angenommen, und er hält zähe an ihr fest, wie dies in seiner Natur schon liegt. Der leichte Kosak freilich, der fürchtet weder Kirche noch Teufel. , so lange seine Blechflasche voll ist. hat er auch Witz und Lustigkeit; ist sie einmal leer, dann erst wird er traurig. An diesem hohen Feiertage nun waren die Kosaken herübergekommen, um im Wirthshause sich gütlich zu thun. Da giebt es Musik und Tanz, und so lange der rothe Jtzenko Kreide hat, so lange wird poculirt und Tollheit getrieben. Obenaus sitzt auf einem Tische der halblahme und blinde Gawrilo und bearbeitet seine Violine, neben ihm sein Sohn, der die hölzernen Klöppel über die Metallseiten des Cymbals tanzen läßt hei, das giebt eine lustige Musik, die das Blut erhitzt. Da macht der Kosak seine Podskadki, seine Kolomyjka und rast in tollem Tanze über die knarrenden Dielen, daß die Fensterscheiben klingend erzittern. Und allen voran der junge Onufry Antalowitsch Geciow, ein guter, leichtsinniger Bursche mit glühenden Wangen und lebhast blitzenden Augen schön, wie ein herrlicher Frühlingsmorgen. da es beginnt. Tag zu werden im Gebüsche, am Flusse, wo übermüthiges Leben schäumt. Er ist wegen der Anastasia Marianowna herübergekommen, der Tochter des Wujt von Radymow. Seit jener Stunde, da er sie zum ersten Male erschaut, fühlte er ein merkwürdiges Sehnen in seinem Herzen, das ihn mit aller Gewalt stets wieder nach Radymow, in die Niederlassung der Goralen zog. Sobald er eine freie Stunde am Tage hatte, sattelte er sein kleines Huzulen-Pferdchen, legte seinen schönsten Schmuck an, zierte seine Chodaky an den Füßen mit Silberbändern, und seine hohe Kutschma auf dem Haupte mit der kühnen Adlerfeder, die eine goldene Spange festhielt und ritt hinüber nur um sie zu sehen. Geduldig wartete er in der Kortschma, bis sie zufällig die Straße voruberkam; dann zwirbelte er fein Schnurrbärtchen auf und grüßte lachend sie aber wurde blutroth im Gesicht und senkte daZ öauvt. Auö den tiefen Auaen.

unter" den weichen, feuchten Wimpern schien dann ein blitzender Blick und traf seine Seele. Immer wieder dasselbe Spiel. Bis er endlich an dem hohen Feiertage sich zu einem entscheidenden Schritte entschloß. Dem Musikanten einige kleine Silbermünzen in den Schoß werfend, ließ er sich eine Dumka aufspielen, trat fein ritterlich vor Anastasia hin und forderte sie zum Tanz auf. Die Maid erzitterte und blickte hilflos um sich, auf ihren Vater, der beim Tische saß und mit einigen Bauern Schnaps trank und politisirte. Aber der Kosak ließ sie nicht lange überlegen; er nahm sie bei der Hand, zog sie leidenschaftlich an sich und begann zu tanzen. Die Goralen geriethen außer sich, auch die übrigen Kosaken waren über das Beginnen ihres Freundes verblüfft. Alles wich erschreckt den Tanzenden aus, drückte sich an die Wand und hielt den Athem an, erwartungsvoll, wie das enden werde. Und schon sprang der stolze Dorfrichter, der Wujt von Radymow, auf, stürzte sich und seine Tochter und riß sie wüthend vom Tänzer weg. Ehrvergessene Dirne," schrie er heiser auf, dunkelroth vor Zorn und bebend, was unterstehst Du Dich?" Die Musik brach ab die Gäste und Kosaken drängten sich in die Mitte des Saales, eine große Aufregung bemächtigte sich der Gemüther, laute Rufe und höhnische Worte, Herausforderungen und harte Anschuldigungen flogen hinüber und herüber. rV '. 1 Gebt Ruhe," donnerte der KosakenSotnik, seinen langen grauen Schnurrbart bis an die Augenbrauen aufzwirbelnd, mit der Faust drohend zur Thür weisend hinaus!" Niemand gehorchte. Die Frauen kreischten, die Männer geriethen hart aneinander. Der junge Kosak, der alles verschuldet hatte, blieb während dieser Zeit ruhig in der Mitte des Zimmers. Sein Gesicht war bleich, todtenähnlich; nur die unruhigen Augen verriethen einiges Leben. Um die blassen, blutleeren Lippen spielte ein leises, erzwungenes Lächeln. Er hatte offenbar diesen Ausbruch der Leidenschaften nicht erwartet; immer war Friede, wenn die Kosaken neben den Goralen sich zu unterhalten pflegten und nun auf einmal diese wilde Scene. Er wandte leise sein Haupt nach Anastasia, sie lehnte an der Mauer und weinte. Einige Frauen standen um sie herum, aber sie wehrte sie ab, wollte weder Trostworte noch Vorwürfe hören sie verhüllte ihr Gesicht mit den schneeigen Händen und schluchzte. Hinaus," polterte der Sotnik, seine Mütze tief in die Stirne drückend, pascholl," schrie er den Kosacken zu. die gute Miene machten, über die Goralen herzufallen. Diese wagten keine Widerrede; langsam verließen sie, einer nach dem Andern, die rauchige, dumpfige Stube der Kortschma, banden ihre Pferdchen vom Zaune los und trabten schweigend und düster davon. Onufry Antalowitsch Geciow, der junge Kosak, fehlte. Der Sotnik merkte seinen Abgang, da er in das Thor von Perm einritt; früher konnte er seine Schaar nicht übersehen, da einer hinist dem Andern sich befand, und der Sotnik an der Spitze seiner Mannen zu reiten pflegte. Wüthend sprang er vom Pferde und hob drohend die geballte Faust gen Himmel, daß der silberne Zierrath, den 'er am Gelenke der Hand trug, leise zusammenklang. Wo ist Onufry Geciow?" frug er wild. Wer mir ihn wiederschafft, soll in seinem Zelte ein georgisches Mädchen finden, das ich ihm als Lohn schenke." Und zwanzig Kosaken beugten ihre Oberkörper vor, und zwanzig Huzulen - Pferdchen sausten wie losgeschnellte Pfeile dahin, den steinigen Wüstenweg hinauf. Zurück nach Radymow. Onufry Antalowitsch Geciow, der zurückgeblieben war, dachte im ersten Augenblicke daran, Anastasia mit Gewalt an sich zu reißen und sie zu entführen. Bald sah er jedoch ein, daß dies ein wahnwitziges Beginnen sei, und so grübelte er nach, auf welche Weise er sich ihr nähern könnte. Denn die Goralen, deren Unterhaltung und Festtag eine so unerwartete und unliebsame Störung erfahren hatte, dachten nicht mehr daran, weiter in der Kortschma zu bleiben. Sie begaben sich alle nach Haus, verbarrikadirten ihre armseligen Hütten und warteten auf die Kosaken, die doch gewiß kommen würden, sich zu rächen. Der ganze Zorn der Dorfeinwohnerschaft richtete sich natürlich gegenAnastasia, die Tochter des Dorfrichters; sie hat etwas begangen, was einzig dastand, als Goralka mit einem Kosak getanzt! Rächstens wird sie einen Hajduck gar liebkosen. Alle Mädchen und Frauen des Dorfes sagten ihr dies unverhohlener Weise, der eigene Vater ließ sie die Verachtung fühlen, die sie herausgesordert chatte. Sie hatte kein Wort der Erwiderung auf alle diese Worte. Was sollte sie auch sagen? In stummem Schmerz ließ sie alles über sich ergehen, sie wußte, daß es in diesem Falle keine Vertheidigung gebe.. Sie konnte nur leise, still weinen. Und doch weilten alle ihre Gedanken bei dem göttlich-schönen jungen Kosak, der ihre ganze Seele für sich eingenommen hatte. Sie konnte ihm nicht zürnen, der so viel Jammer und Schmach über sie gebracht, sie mußte mit zärtlichem Sinn sich sein Bild ins Gedächtniß rufen, daß sie dabei vor innerer Glückseligkeit erschauerte. . Ihr Vater, der gestrenge Wujt, hatte sie auf ihr Zimmerchen verwiesen. Da lag sie am Fenster und blickte mit

verweinten Augen die Straße nieder die nach Perm führte. Wahnwitzige Sehnsucht fraß sich in ihr Herz Nun ist er dort weggezogen, dachte sie. und nicht mehr wird er wiederkommen sie abzuholen, daß sie ihm in sein Zelt solge. sein Weib werde ... Er wird in den Armen einer Anderen ihrer vergenen .... beim Lachen und Singen. Das erfüllte sie mit doppeltem Wehe, daß sich ihre Seele qualvoll zusammenkrampfte. Und öde und starr lag die Straße nach Perm. Die untergehende Sonne warf flammenden Schein auf die Felsen, daß die rosig erschauernden Kanten sich scharf und klar vom Himmel abhoben. Das dunkle Gebüsch verlor sich in blau-violetten Tinten. Da schlug plötzlich Pferdegetrappel an ihr Ohr. Ein freudiger Schreck überfiel sie er kehrt zurück! Sie strengt ihren Blick an; richtig, in weiter Ferne erhebt sich eine kleine StaubWolke, die, über dem Boden kriechend, sich fchlängelt; das Getrappel wird lauter und nun wird sie dessen gewahr, das ein ganzes Fähnlein Reiterei dem Orte sich naht. Eine entsetzlickie Angst ergreift sie, sie eilt zur T'r)ür, hinaus ins Freie. Vor ihr, beim Eingang in den Garten, steht der junge Kosak, gestützt auf sein Pferd. Unglückseliger,"' jammert sie auf, was suchst Du noch hier? Wenn man Dich hier findet! Rette Dein Leben hörst Du nicht den Hufschlag?" Onufry Antalowitsch Geciow, wachsgelb im Gesicht, richtet sich stolz auf. Was habe ich zu verlieren, da ich Dich verliere?" Sie wehrt ihn mit beiden Händen angstvoll zurück. Entfliehe, Unglückseliger! Rette Dich!" Keine Zeit mehr! Von der Straße tönt plötzlicher Lärm die Goralen stürzen aus ihren Hütten, rotten sich zusammen die Kosaken kommen! Schon biegen sie ins Dorf ein, schweißund staubbedeckt. Es gilt ja, eine georgische Sklavin sich zu verdienen. Entfliehe!" jammert das arme Weib. Der junge Kosak wirft sich in den Sattel, drückt dem Pferde die Sporen in die Flanken, daß es wiehernd sich aufbäumt, und saust den Berg hinauf, als würde er kaum den Boden berühren. durch die Lüfte fliegen. Die Kosaken haben ihn erblickt. Sofort werfen sie laut aufschreiend die Pferde um und sprengen ihm nach. Haltet ein," kreischt Anastasia auf, mordet mich und schont sein Leben." Sie stürzt sich den dahinstürmenden Kosaken entgegen und hält wie abwehrend und bittend ihnen die Hände entgegen. Die umstehenden Männer fahren erschrocken, entsetzt auseinander; nur der 'Wujt, Anastasias Vater, stürzt vor und will sein Kind retten, doch er kommt zu spät. Die Kosaken stürmen wild über sie hin, und Pferdehufe treten ihren blutenden, zuckenden Körper. Onufry Antalowitsch Geciow hat von der Anhöhe alles mit angesehen. Das Blut gerinnt ihm in den Adern, sein hohler Blick sieht jetzt blos wallende Schleier, Blutdünste, Grauen. Er spornt sein zitterndes Thier an den Abgrund; es reckt den Hals vor und stemmt sich mit den Vorderfüßen an die Steine, er aber peitscht wüthend seine Lenden und gräbt mit den Sporen blutige Furchen in seine Seiten. Das Pferd zittert und ächzt. Die Kosaken sind ihm schon ganz nahe. Da lacht Onufrv wild auf, hebt die Hände gen Himmel und drückt mit den Füßen das Pferd zusammen, daß es toll vor Angst in die Tiefe springt. Nach drei Tagen wurde er bestattet. Man hatte ihn mit schwerer Mühe aus den Tiefen herausgeholt.. Nun hatte auch kein Gorale etwas dagegen einzuwenden, daß er seinGrab mit der Goralka Anastasia theilte. Der Tod hatte sie verbunden. In der Gegend um Perm lebt das Andenken Beider fort; es wird im Liede gefeiert, in der Sage verherrlicht. Wenn die Kosakm - Wachtfeuer durch die Stadt flammen, dann singt wohl so Mancher das düstere Glück der schönen Goralka. Eine Zahlt natfj (Dmalja. Von Irene Ollendorff. Der Morgen war kaum angebrochen. Der feine Frühjahrsncbel deckte noch die Erde. Ich fuhr in einem überfüllten Omnibus durch das endlos flache Thal, wo sich der mächtige Platte-Fluß in klaren Fluthen dahinwalzi, bis sie in dem Strombette des schmutzig gelben Missouri verschwinden. Eine schöne Aussicht, so eingequetscht noch 30 englische Meilen auszuhalten, denn unser Aller Reiseziel war Omaha, der Knotenpunkt der Union Pacific - Bahn. Merkwürdigerweise schien mein Nachbar, ein behäbiger Farmer, die Unannehmlichkeiten dieser Fahrt gar nicht zu empfinden; er brach das allgemeine Schweigen und sprach mit Stolz von dem rapiden Wachsthum der amerikaNischen Städte. Wollen Sie glauben, liebe Misses, wo sich gegenwärtig die blühende Handelsstadt Omaha ausbreitet, stand noch vor 20 Jahren eine elende Bretterhütte; sie war .der Unterschlupf eines ffährmannes, der die wenigen Fußwanderer über den riesenbreiten Missouri hinüberruderte. Und jetzt verbindet eine der größten Brücken der Welk die beiden Ufer." Ich achtete kaum mehr auf sein weiteres Gespräch, da mich die scharfe Morgenluft ermüdete. Plötzlich machte mich das helle, herzhafte Lachen eines Mädchens wieder munter. Ich bemerkte, daß dieses Lachen inen vornehmen, blaß aussehenden Herrn ärgerlich berührte; ich hatte ihn schon vor Jahr und Tag einmal in Council Bluffs, der Schwesterstobt von Omaha, gesehen eZ war der

Minenbesitzer Harry Willens, der wie ein Murrkater in der Ecke saß. Er knöpfte seinen eleganten Ueberzieher mit Ostentation zu und warf einen wüthenden Blick auf das junge Mädchen, dessen Humor dadurch nicht getrübt wurde. Im Gegentheil, sie lachte noch herzhafter. Lachen Sie über mich?" fragteWilkens aufgeregt. O ja. Sie machen ein so furchtbar ernstes Gesicht, gerade wie der reiche Mister John aus St. Louis. Der war lebensüber'drüssig und wollte sich alle halbe Jahr erschießen nein, schütteln Sie nicht den Kopf, es ist wirklich so, er wollte sich alle halbe Jahr erschießen. Eines Tages bekam er wieder einmal seinen Rappel; er befand sich zufällig auf der Reise in einem Gasthause; der Wirth sollte eben gepfändet werden, der Oberkellner wollte sich in's Wasser stürzen, die Wirthstochter, seine Braut, schabte schon in heller Verzweiflung Zündhölzerköpfe ab da zeigte sich, daß Mister John ein Herz hatte! Er machte mit seinem Gelde aller Noth ein Ende. Sehen Sie, mein Herr, wie gut war es, daß sich der Griesgram nicht erschossen hat!" Willens sagte gar nichts. Doch betrachtete er jetzt die junge Person mit Aufmerksamkeit. Ihre schlanke Gestalt, ihr offenes, blaues Auge, ihr blondes, natürlich gelocktes Haar, das frei über die Schultern rollte wie hatte er sich dem lieblichen Anblick jugendlicher Frische ganz entziehen können? Aber einen auffallenden Gegensatz dazu bildete ihre geschmacklose Kleidung. Wie die richtige Landpomeranze sah sie aus. Sie trug ein lichtblaues Seidenkleid, einen schwarzen Sammetkragen, einen weißseidenen Hut mit Straußfedern, eine rothe Halsschleife, von einer großen Similibrosche zusammengehalten, goldene Armbänder und lange, citronengelbe Glacehandschuhe welch' eine Toilette und noch dazu für eine Omnibusfahrt! Willens, ein kaum Genesener, der ohnehin nervös und aufgeregt war, wendete sich, mitleidig lächelnd, von diejfcr Geschmacksverirrung ab. Sie aber in ihrer Harmlosigkeit glaubte, sein unbequemer Platz sei die Ursache seiner sichtbaren Verstimmung. Sie scheinen nicht wohl zu sein, mein Herr. Gewiß ertragen Sie das Fahren auf dem Rücksitze nicht. Ich bin gerne bereit, mit Ihnen zu tauschen." SU sind sehr gütig; der Rücksitz stört mich nicht, aber das fortwährende Geschaukel des Wagens. Die zu enge Nachbarschaft mit der Bretterwand ist kaum zu ertragen." Da streifte sie rasch die Handschuhe ab, formte aus ihrem weichen Plaid ein Ruhekissen und fchob es unter sein Haupt. Ist Ihnen die hölzerne Nachbarschaft noch lästig?" Er schüttelte den Kopf und nickte ihr dankbar zu; die sanfte Berührung ihrer Hände that ihm wohl; er sank in einen leichten Halbschlummer und sein zufriedenes Lächeln zeigte, da'g ihr freundlicher Blick noch immer vor feinen Augen flimmerte. Er wäre beinahe behaglich eingeschlafen, wenn ihn nicht das laute Weinen eines Kindes gestört hätte. Der kleine Krauskopf saß auf dem Schooße einec ärmlich gekleideten, jungen Frau, deren feingeschnittenes Gesicht verblüht und abgehärmt aussah. Die Samaritcrin des Herrn Willens zog aus ihrem Täschchen schnell einen Bonbon und steckte ihn in das Mäulchen des ungeduldigen Schreihalses. Fahren Sie auch nach Omaha?" .Ja." Haben Sie dort Verwandte oder Bekannte?" Nein." Wo ist denn Ihr Mann?" Ein bitteres Lächeln flog über das Antlitz der Frau, ihr Mund zuckte schmerzlich zusammen. Ich habe keinen Mann." Verzeihen Sie. Aber was für ein herrliches, liebes Kind Sie haben! Wenn wir in Omaha sind, so besuchen Sie mich einmal. Ich heiße Gossie Green und wohne Nebraskastraße 14. Vielleicht kann ich Sie in unserer Vlumenfabrik beschäftigen; da bin ich Vorarbeiterin." Es klang ein milder, tröstender Ton aus ihrer Stimme, der Willens' Ohr nicht entgangen war. Das Feingefühl, mit dem sie die Verlegenheit der jungen Frau dämpfte, die Art, wie sie dem Gesprach eine heitere Wendung gab, hat.e Willens sichtbar tief ergriffen. Das aufgeputzte Mädchen erschien ihm jetzt wohl in einem anderen Lichte. Er neigte sich zu Gossie und wollte sich augenscheinlich in das Gespräch mischen; da gab es plötzlich einen Krach, und der Omnibus sank in ein tiefes, schlammiges Loch. Wir sprangen Alle von den Sitzen und klammerten uns im ersten Schrecken krampfhaft an einander; Köfferchen, Körbe, Reisetaschen, Hutschachteln, Stöcke, Schirme, Alles kollerte wie ein starkerHagelschauer auf uns herunter, und zum Ueberfluß schrie noch der Kutscher: Aussteigen, meine Damen und Herren, wir stecken im Moor!" Das resolute Mädchen war die Erste, die sich faßte. Schnell raffte sie ihr Seidenkleid zusammen, nahm, das Kind vom Schooße der erschrockenen Mutter und kletterte aus dem Wagen heraus; die ganze Gesellschaft wie an einer unsichtbarcn Schnur hinter sich herziehend, sagte. sie hciter: Freuen wir uns. Es ist ja nur das Wagenrad gebrochen, unsere Glieder sind ganz. Was meinen Sie? Wollen wir nicht zu? Erholung ein W:ilch:n durch das Moor waten, bis der Wagen wieder fahrbar ist? Dort seh' ich einen Schornstein, und wo ein Schornstein ist, gibt's was zu essen." Das leuchtete Allen ein. Die aufgemunterte Reisegesellschaft tapste ihr nach wie eine Heerde Schafe. Endlich erreich-

ten wir das Bauernhus, vor dem eine ältliche Frau stand, die entsetzt auSrief: O Himmel, ihr Leute, wie schaut ihr aus!" Ja, vom Balle kommen wir nicht," sagte Gossie. Wir sind ausgehungert, rein ausgehungert. Wo ist Küche und Keller?" Ich kann nur mit gebratenem Speck aufwarten." Bn;!" Soll ich ein paar Hühner abstechen?" Inzwischen sind wir todt. Mehl und Eier sind doch da?" Ja, ja, kommen Sie nur!" Wir trgten in die geräumige Küchv wo auf dem Herde ein helles Feuer Io derte. In kaum zwei Minuten stand Miß Gossie zum Erstaunen Aller als Köchin vor uns da. Sie hatte blitze schnell den 'Sammetkragen abgeworfen., die seidenen Aermel aufgestülpt undeine große bunte Schürze, die auf der Küchenbank lag, umgebunden. Jesus Maria," rief die Alte, einerr verwunderten Blick auf das lichte Seidenkleid werfend, Sie werden dochnicht selber kochen wollen?" Freilich, Mütterchen!" Willens, an den Thürpfosten ge--lehnt, sah mit offenem Munde der improvisirten Bäckerin zu, wie geschickt' und graziös sie einn Mehlteig bearbeit tete. Einige Wirbel mit dem Kochlöffel in der Schüssel und eine großo Pfanne voll Bisquits stand auf dem. Tische vor der hungrigen Schaar. Dazu mundete trefflich die frische Milche die uns die freundliche Alte vorsetzten Kaum war die Mahlzeit beendet, der. kam der Omnibus mit seinem geflickter Rade angerasselt. Wir brachen auf und Jeder zahlte seine Zeche. Ich sah, wie Willens' Blick die arme junge Frau streifte, als sie eben auch ihrerr. Antheil zahlen wollte. Es ist Alles irr Ordnung." sagte die Alte lächelnd, mifc dem Finger auf Gossie deutend. Wilkens' Gesicht wurde vor BeschämunU ganz roth. 'Als wir unser' Plätze irr. dem Omnibus wieder einnahmen wußte er es so einzurichten, daß er neben Gossie zu sitzen kam. Es war für mich belustigend, mit anzusehen, wie,aus dem steifen, mürrischen Willen?ein aufmerksamer Eavalier wurdc Das fröhliche Geplauder der Fahr---gäste, das eintönige Gcknarr und Ge--quietsche der Wagenräder störten ihn nicht mehr; er sah auch nicht den glühenden Untergang der Sonne, die mit.' ihrem letzten Abendgoldlicht die flie--henden Wolken umsäumte, er hatte nun Augen und Ohren für Gossie. Sir schlug plötzlich die Hände zusammen, und rief: Sehen Sie nur dieses Flammen---meer im Westen, sehen Sie nur!" Er schaute sie aufgeschreckt groß an und stammelte: Ach, Miß Gossie. Ihr Anblick ist mir tausendmal lieber, als die schön--sten Sonnenuntergänge." Was fällt Ihnen ein? GlaubenS! Mister Willens, Sie könnten sich mit gegenüber eine solche Sprache erlauben, weil ich ein armes Mädchen bin?" Nein, das sind keine Complimente, Miß Gossie, es ist die Sprache desHerzens, d aus mir redet; ich verstand es nie, auf Umwegen etwas zu. erreichen, ich gehe immer den geraden Weg. Sie haben mich durch Ihrekindliche Heiterkeit und Seelengüte wie umgewandelt. Denken Sie nur, tütläs ein unausstehlicher Geselle ich noch zu Anfang unserer Fahrt gewesen Uxu Und jetzt ist mir, als wäre ich wieder jung. Ein frischer Lebensodem wehd mich an, ich habe eine ähnliche ßm pfindung nie zuvor gekannt, nur daS Eine fühle ich: So muß es sein, wenn die Liebe über den Menschen kommt."' Das ist ja schrecklich Mister Wilkens!" Was ist denn da schrecklich?" ,Ja, es wäre ein Unglück für Sie und für mich, wenn ich Ihre Gefühle theilen würde. Sie vergessen ganz die. Kluft, die uns trennt, den weiten Ab stand unserer Lebensverhältnisse. Und wenn S i e sich auch über Alles hinwegsetzen wollten, ich könnte es nicht, ich wäre zu stolz, mich von Ihren reicherr Verwandten und Bekannten mit scheelen Augen ansehen zu lassen." , . . Das ist m e i n e Sorge, Miß Gossie. Was wäre das für eine Liebe, die sich von kleinlichen Rücksichten und con--ventionellcn Schranken bestimmen ließe? Ich preise den gesegneten Zufall, der uns Beid: zusammengeführt. Und doch würde Sie, Mister Wilkens, die Reue sicherlich erfassen, ein Mädchen zu sich erhoben zu haben. daS in Ihren Kreis nicht paßt, das so tief unter Ihrem Bildungsgrade steht." Ach was! Wir leben einige Jahre in Europa. Dort lernen Sie den gehör!gen Krimskrams, und es müßte mit dem Teufel zugeh:n, , wenn Sie mit Ihrem natürlichen Verstände, Ihrer, aufgeweckten Geiste, Ihrer raschen Auffassung und Ihrem feinen Empfinden, nicht als Lady zurückkommen würden. Nun verstummten Beide. Ich sah nur, wie Gossie ihm mit seligem Lächeln die Hand reichte. Inzwischen war tiefe Dämmerung hereingebrochen; die ersten Sterne blitzten aus int Act her. Wir waren endlich in dein g räuschvollen Omaha mit feinen, groß.artigen Verkehrsanstaltkn und Maschi--nenwerkstättcn angelangt und hielteir vor dem taghell erleuchteten sjzttl zum goldenen Löwen". Gossi-: schwang sich leicht wie ein Vogel aus dem Wagen; Willens drückte noch schnell einige knisternde Banknoten in die Hand der armen Frau und schoß dem lieben Mädchen nach. Als ich in der Vorhalle des Hotels an dem glückstrahlenden Paare vorbeihuschte, verbeugte er sich vor ihr. wie vor einer geborenen Lady. Ich hörte nur noch die Worte: J2loigte Gossie, morgen!"