Indiana Tribüne, Volume 23, Number 76, Indianapolis, Marion County, 3 December 1899 — Page 2
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Veisevegegnung. JtJlaä) Konitz, Dirschau. Königs berg, Eydtkuhnen! Einsteigen meine Herrschaften, einsteigen!" Die Klingel des abrufenden Schaffners schrillte durch die Wartesäle, die Reisenden suchten eilig ihre Gepäckstücke zusaminen und drängten durch die breiten Thüren an die Treppen, die emporführten auf den großen, düstern Perton des Bahnhof Friedrichstraße in Berlin. Als einer der letzten näherte sich dem Schnellzug ein nach neuester Mode, mit etwas gigerlhafter Eleganz gekleideter Herr. Die Gestalt, ehedem offenbar groß und stattlich, in müder, nachlässtge? Haltung etwas nach vorn geneigt, das bereits stark gelichtete Haar, die schönen, aber schlaffen Züge des blasseit, schmalen Gesichts vollendeten den Typus eines alternden Lebemannes. Er blickte in mehrere Coupees, sah, daß sie vollständig besetzt waren und wandte sich schließlich an den Schaffner, der mit dem Billetabstempeln fast fertig war. Ist kein einigermaßen leeres Coupee mehr vorhanden? Zweiter, Dirschau." Der Schaffner riß eine Thür auf. Hier mein Herr, noch drei Plätze frei. Bitte einzusteigen, es ist die höchste Zeit." Der Schaffner stempelte das Billet, und der Herr stieg mit mißmuthigem Achselzucken ein. Die Thür wurde hinter ihm zugeschlagen, und kaum hatte er den Koffer ins Gepäcknetz befördert, so pfiff auch schon die Lokomotive und der Zug setzte sich in Bewegung. Jetzt erst, nachdem er sich niedergelassen, warf er unter den meist halb gesenkten, breiten Lidern hervor einen gleichgiltizen Blick auf die Mitreifenden, ein altes Ehepaar und eine Dame mit zwei Kindern. Und plötzlich öffneten sich seine eben noch so schläfrigen Augen schreckhaft weit in ungläubigem Äaunen und begegneten einem Paar großer, klarer, grauer Augen, in denen das erste Erschrecken rasch einem feindseligen, kalt verächtlichen Ausdruck Platz machte. Und dann sah eins vom andern fort mit einer kleinen, eigenthümlichen Bewegung, als wollten sie beide sagen: Was gehst Du mich noch an?" Die Mitreisenden hatten nichts bemerkt; die Kinder schauten aus dem Fenster, und das alte Ehepaar war mit Bädeker und Kursbuch beschäftigt. Durch die Ritzen der Fenster drang ein feiner, scharfer Zug. Er wickelte sich fester in die schmiegsame Felldecke, verschränkte die Arme und lehnte sich in die Ecke, und während er nun angelegentlich auf die öden, vorbeihuschenden Felder schaute, zuckte ein häßliches, cynisches Lächeln um seinen Mund. Verrückter Zufall, der ihn hier mit seiner ehemaligen Frau in dasselbe Coupee geführt, nach jahrelanger Trennung! Ah, was ging es ihn an tempi passati! Er gab sich Mühe, an sein Programm für die nächsten Tage zu denken: heute also in Dirschau übernachten, morgen nach Marienburg, die Burg besichtigen, und dann weiter nach Oflerode zu den Jagden bei Herrn von Selben. Wo sie nur eigentlich hinfährt," irrten seine Gedanken wieder ab; Ostpreußen ist doch wahrlich nicht das Land, das sich lohnte, m jetziger Zeit zu besuchen, wenn man nicht einen bestimmten Zweck mit der Reise verbindet." Ohne daß er es wußte, hatte er den Kopf nach ihr gewandt und beobachtete sie heimlich. Ihr wohlgeformtes, energisches Profil hob sich frisch und blühend von oem grauen Wagenpolster ab; die ehedem etwas zu schlanke Gestalt schien voller geworden, der elegante Pelz schmiegte sich weich den schönen Formen an. Wie roohl sie aussah! Viel blühender und schöner als damals. Ah, jetzt wandte sie den Kopf. Die Sensibilität für das Angeftarrtroerden war also noch dieselbe wie damals die großen, dunkelgrünen Augen streiften ihn mit jenem kühlfragenden, leicht indignirt:n Blick, mit dem die gebildete Frau das zudringliche Martern eines Unbekannten abzuweisen pflegt. Er wich diesem Blick aus und versuchte spottisch zu lächeln, aber es gelang nicht recht. Sollte er auf der nächsten Station umsteigen? Nein, er wollte ihr zeigen, wie gleichgiltig ihn dies Zusammentreffen ließ. Und sie?. Nun. sie würde aus demselben Grunde sitzen bleiben er kannte sie. Mütterchen," sagte da plötzlich eine weiche helle Kinderstimme, gibt es denn hier gar keine Berge?" Und da fuhr er herum, sein Herz that einen ganz eigenthümlichen raschen, starken Schlag, während sich seine Blicke in das zartblzsse, liebliche Kmdergesicht bohrten, aus dem ein Paar stiller, ernsthafter Augen zu der Mutter aussahen. Das war Ina, seine kleine Ina, sem Kind! Wie alt war sie doch gewesen damals? Kaum drei Jahre wohl. Er hatte nur eine unbestimmte, aber seltsam wohl- und wehthuende Erinnerung an ein zierliches, elfenhaftes Geschöpschen mit langen, blonden Locken und zärtlichen Augen, das sich oft in zaghafter Liebkosung an ihn geschmiegt. Wie groß sie geworden war in den sechs Jahren so lange war es wohl her. Und der stämmige, kaum siebenjährige Junge, der sich jetzt mit dem euergischen bei uns zu Hause ist es schoner als hier" in das Gespckch mischte, das war sein Junge. Damals war er ein dickes Baby, dessen Gegenwart ihm so oft lästig gewesen, war solch ein stämmiger, frischer, echter Junge geworden, der mit blitzenden, schwarzen Augen unternehmend in die Welt schaute, mit seinen Augen. Ein seltsames Gefühl erwachte in ihm, ein niegekanntes, aber sobald er zur Erkenntniß kam, schüttelte er es energisch ab. Lächerlich! Sollte er
Mt aus um alten Tage noz.gejuhls-,
duselig werden er, der es stets für das Dümmste und Unvortheilhafteste gehalten? Aber er war entsetzlich ner vös und abgespannt, daher wohl diese Anwandlung. Er wollte versuchen zu schlafen; sein gewohntes Schlafmittel konnte er zwar leider jetzt nicht nehmen, aber vielleicht wirkte das eintönige Gerassel der Räder einschläfernd, und jetzt, wo er die Augen geschlossen hielt, sah er wenigstens nichts von denen da drüben in der anderen CoupeeHälfte. Mutti, ob Lisette auch nicht vergißt, meinem Hänschen Futter zu geben? Weißt Du noch, wie es herausflog und auf meinem Finger pickte, gerade als wollt es Adieu sagen?" Mutti, sieh doch mal, sieh! Dort läuft ein Hase! Hei, wie schnell der laufen kann ich glaube fast, noch schneller als ich." Sind wir nun schon über die ostpreußische Grenze?" Weißt Du, Mütterchen, ich habe schrecklichen Hunger." So klang es durcheinander wie liebliches Bogelgezwitscher, die weiche, helle Stimme des Mädchens und die etwas tiesere, kräftigere des Knaben, und dazwischen immer die der Mutter, weich und voll wie eine Glocke. Nein, an Schlafen war nicht zu denken, das sah er wohl ein. Er blinzelte unter den gesenkten Lidern nach ihr hinüber, und wieder fiel ihm auf. wie wohl sie aussah. Aus ihrem Gesicht lag klare Ruhe und sriedvolles Glück ein beneidenswerther Ausdruck! Nichts mehr von dem nervösen Zucken um den Mund, nichts mehr von dem herben Trotz von damals! O. er kannte dies Gesicht! Er hatte es gesehen in holder, mädchenhafter Scheu und vom Glanz der Liebesseligkeit Übergossen? und später voll zitternder Unruhe, voll bangem Mißtrauen, voll wilder Verzweiflung und endlich dann voll starrer Abwehr und voll Verachtung. Er knirschte leise mit den Zähnen bei der Erinnerung. Warum war sie so lächerlich albern und unmodern, nicht einzusehen, daß einem Manne, wie sie ihn gewählt, eine Frau auf die Dauer langweilig werden müsse, und daß er, der schöne Wilm Bernsdorf", nicht gewillt war. wie jede? gewöhnliche, ehrsame Spießbürger zu leben? Warum hatte sie alles so thöricht tragisch genommen, statt sich in ähnlicher Weise zu trösten, er hätte ihr wahrlich kei.ien Stein in den Weg geworfen; seine Devise war immer gewesen leben und lebenlassen!" Wie gut hätten sie zusammen c lskommen können, wenn sie vernünftig gewcsen wäre! Und ein Narr war er gewesen, daß er ihr damals so gutwillig die Kinder überlassen. Freilich, er hatte es ein wenig gar zu toll getrieben, sie hatte in jeder Weise recht bekommen, und die Kinder waren ihr ohne weiteres zugesprachen worden. Aber das war wohl auch, weil man einsah, ihm lag nichts an den Kindern. Er hatte gewußt, wie unglücklich sie an seiner Seite gewesen war, aber jetzt, jetzt zum erstenmal, dämmerte in dem Manne die volle Erkenntniß aus, wie furchtbar, wie tief sie damals gelitten haben mußte. Sie war eine so fein--fiihlige, vornehme Natur, sie hatte immer einen fast physischen Ekel vor allem nicht ganz Lauteren gezeigt. Wie waren doch die Worte, die sie damals bei ihrer Auseinandersetzung gesprochen? Wir müssen uns trennen um der Kinder willen, denn sie dürfen nicht unter der Obhut eines solchen Vaters aufwachsen, und wir müssen uns trennen um meinetwillen, denn ich werde schlecht, ich gehe physisch und moralisch zu Grunde an Deiner Seiten Er hatte, um sie nicht auf's neue merken zu lassen, daß er sie beobachte, die Augen wieder geschlossen. Da durchfuhr es ihn plötzlich wie ein elekirischer Schlag. Ein weiches, dickes Händchen hatte sich auf seine Rechte gelegt, und, aufblickend, sah er in die dunklen Schelmenaugen seines Knaben, die ihn zutraulich anblickten. Du, Mann, ich wär bald über Deinen Fuß gestolpert und hätte einen, tüchtigen Bumms bekommen sagte das Kerlchen lachend. Wilm," rief seine Mutter erregt, was fällt Dir ein, was thust Du da drüben?" Der kleine Bursche sah sich erstaunt um. Aber Mutti, diesmal ist doch die Station auf der Seite. Siehst Du. da ist schon der Bahnhof. Wie heißt das denn? Ina, komm, lies mir das mal. wie die Station heißt." In Dem Moment -riß der Schaffner, der mit einer gr'ößern, platzsuchenden Familie draußen gestanden, die Thür auf, um zu sehen, ob noch genügend Platz sei, und das Kind wäre unfehlbar hinausgestürzt, hätte sein Vater nicht blitzschnell zugegriffen und es zurückgerissen. In demselben Moment aber, wo seine Hände den Knaben berührten, ging etwas Unbeschreibliches, Niegekanntes m ihm vor. Eine rasende Lust packte ihn, dies kleine, stämmige Körperchen an sich zu pressen und das weiche, bräunliche Gesichtchen mit Küssen zu bedecken. Aber zur gleichen Zeit stand auch des Kindes Mutter nicht neben ihm. und zog ihren Knaben so ungestüm an sich, als müsse sie ihn vor einer Gefahr schützen. Siehst Du, Bubi, das kommt davon, wenn Kinder vorwitzig sind," sagte sie mit nicht ganz fester Stimme. Du wärst hinausgestürzt, wenn der Herr Dich nicht gehalten hätte." Und dann mit einem leichten Kopfneigen: Ich danke Ihnen." Keine Ursache, gnädige Frau, das war ja selbstverständlich." Seine Stimme klang müde und bedeckt. Wilm Bernsdorf hatte sich inzwischen aufgerichtet und zog aus der Seitentasche seines Ueberziehers feint Reiselektüre, ein aus dem Bahnhof erstandenes, neues Buch. Zwischen sei
nen Brauen lag eine finstere Falte. Er war entschieden entsetzlich nervös heute; nicht einmal ausschlafen hatte er am Morgen können, da der Zug so zeitig ging, und nun dies unerwartete, fatale Reiseintermezzo es war kein Wun-
; der, daß ihm seine Nerven nun so lacherlrche Possen spielten. Zum Teufel, er würde doch Herr darüber werden können! Er rief all feinen nicht geringen Cynismus zu Hilfe und vertiefte sich in sein Buch. Etwas sehr Pikantes"' hatte ihm der Verkäufer mit verständnißvollem Lächeln versichert. Eine Weile ging es denn auch, dann machte er plötzlich die Bemerkung, daß er nicht mehr'recht wußte, was er las, und daß er immer öfic: übe? das Buch hinweg zu den Kindern hinüberblickte. Bubi" hatte seinen kleinen Schreck längst vergessen und widmete sich jetzt eingehend dem Inhalt der Reisetasche, die Mütterchen" ausgepackt hatte. Wie hübsch das aussah, wenn die weißen, kleinen Zähnchen so energisch in das Brödchen bissen! Ina, die beim Auspacken der Tasche geholfen, war ihm bei dieser Beschäftigung etwas näher gerückt, und das blonde Lockenköpfchen gaukelte ihm jetzt fast gerade gegenüber, wenn er aufsah. Es schien ihm. als ob die ernsthaften Augen ihn zuweilen nachdenklich, wie in scheuer Frage streiften. Ein zitterndes Verlangen packte -ihn, dem Kinde beide Hände hinüberzustrecken und zu fragen: Kennst du mich denn garnicht mehr, kleine Jda? Hast du mich denn ganz vergessen?" Bbi kreischte plötzlich vor Vergnügen laut auf. Mutti, guck doch nur, es schneit! Es schneit wirklich! Nun merkt man doch erst ordentlich, daß Weihnachten kommt!" Auch Ina stieß einen leisen Jubellaut aus, drückte ihr Gesichtchen an die I Scheiben und sah mit strahlenden Au- ! w-ji . : 1 rn-t. gen in oas tfioarngeumiuiici. iry doch Mutti, wie groß die Flocken sind und wie hübsch nun gleich die Tannen aussehn! Wie richtige Weihnachtsbäume!" Mutti! In Rothenkirch kommt aber doch auch der Weihnachtsmann, ja? Wenn er uns nur findet weißt du weil wir doch diesmal nicht zu Haufe sind." Bubi machte ein sehr bedenkliches Gesichtchen. Sei ganz ruhig, er findet dich schon. Wenn mein lieber Junge nur recht artig ist, dann kommt der Weihnachtsmann auch nach Rothenkirch." Ach. wie ich mich schon freue, wie ich mich freue!" Bubi seufzte vor Glückseligkeit tief auf. Das Buch, in dem Wilm Bernsdorf gelesen, flog plötzlich auf das Polster gegenüber, er hatte es an der pikantesten Stelle weggeworfen. Und nun stand er, denReisegefährten den Rücken drehend, am Fenster und starrte mit wunderlichem Gesichtsausdruck in das Schneetreiben. Die alte Dame, die schon lange mit verliebten Blicken die Kinder betrachtet hatte, wandte sich jetzt lächelnd zu der Mutter. Was haben Sie da für ein paar Prachtkinder, gnädige Frau!" Ueber das Gesicht der Angeredeten flog ein strahlendes Lächeln. Machen Sie mir die Schelme nicht eitel!" sagte sie trotzdem, mit einem raschen Blick auf die aufhorchenden Kinder; Ina ist ja meistens artig, aber der da," sie drohte dem Knaben scherzend mit dem Finger, ist ein kleiner Eigensinn. Der braucht strenge Zucht und eine feste Hand." Nun. dafür ist ja der Herr Papa da." bemerkte der alte Herr, sich in das Gespräch mischend. Mein Papa ist todt," sagte Bubi mit seiner lauten Kinderstimme und baumelte mit den dicken Beinchen. Der Mann am Fenster fuhr herum, als hätte man ihn geschlagen. Aus seinen jetzt weit offenen, dunklen, noch immer schönen Augen flammte ein Blitz voll wilden Zorns zu der blaß gewordenen Frau hinüber. Aber die klaren, grauen Augen hielten diesem Zorn festen Stand, und er verstand, was ihm ihr strenger, kalter, unerbittlicher Blick antwortete: Sollte ich den Kindern von einem Vater erzählen, der ihre Mutter verrathen und betrogen, der ihr die schönsten Jahre ihres Lebens vergiftet und nun das Leben eines gewissenlosen Wüstlings führt? Ist es nicht besser, wenn sie ihren Vater todt wähnen? Und ist er es denn nicht auch für sie?" Er ließ sich in die Ecke fallen; ihm war, als bräche etwas in ihm zusammen, als sei er wirklich todt, als habe ihm der frische Mund seines Knaben d.is Urtheil gesprochen. Und dann horchte er wieder auf, mechanisch und unwillkürlich. Vubi, der sich nach den bedauernden Worten des alten Ehepaares, daß er keinen Papa mehr habe, unsäglich wichtig vorkam, schnitt plötzlich ein verschmitztes Gesichtchen und schmiegte sich zutraulich an die alte Dame. Du, ich will dir auch was verrathen. Wir kriegen einen neuen Papa, und einen famosen!" Schweig, Wilm!" riefFrau Magda dunkel erglühend. "Du schwatzst Sachen, die die Herrschaften unmöglich interessiren können." Die alte Dame lächelte und reichte ihr die Hand hinüber. Nicht doch, liebe, gnädige Frau, so dürfen Sie nicht denken. Sie waren mir von Anfang an ganz ungewöhnlich sympathisch und ich freue mich aufrichtig. daß Ihnen ein neues Glück erblühen foll." Ich danke Ihnen," stammelt Magda, die dargebotenen Hände dei Ehepaares herzlich drückend, in sich:licher Verwirrung. Und gut ist der neue Papa, nicht wahr Ina? So gut fr gut, wie Bubi suchte nach einem Ausdruck, der annähernd die Güte dieses Papas
verdeutlichen konnte und schloß dann strahlend: wie der Weihnachtsmann." Die alte Dame strich über sein dunkles Köpfchen. Ich sehe, Sie haben gut gewählt, gnädige Frau. Kinder haben ein sehr feines Gefühl dafür, ob es Jemand gut mit ihnen meint oder nicht." Frau Magda lächelte nur schwach, aber ihre Augen strahlten auf. Ich hätte mich nie wieder zu einer Heirath entschlossen, wenn ich nicht die felsenfeste Ueberzeugung gehabt hätte, daß der Mann, den ich liebe, auch mcinen Kindern ein liebevoller, musterhafter Vater sein würde." Das glaube ich Ihnen." versicherte die alte Dame warm, auch wenn Sie es nicht ausgesprochen hätten." Wir reisen jetzt zu unserem lieben Papa und seinen Eltern," sagte Jna schüchtern, aber mit überglücklich leuchtenden Augen. So. so. Du hast ihn wohl auch sehr lieb?" Sehr lieb," wiederholteJna schlicht, aber mit der eigenthümlichen InnigZeit, die ihr schon als Kind eigen geWesen. Ja. und er hat ein großes Gut," rief Bubi enthusiastisch, und so viele Pferde und schrecklich' viele Schafe und Kühe!" Frau Magda sah jetzt, wo das Roth der Verwirrung von ihren Wangen gewichen, plötzlich sehr blaß und unruhig aus. Sie hatte mit scheuem Blick den Mann in der Ecke gestreift, der so regungslos dasaß. Seht einmal. Kinder, jetzt kommen wir schon auf die letzte Station vor Konitz," suchte sie die Kinder abzulenken. Ihr müßt euch doch auch ein bischen die Gegend betrachten. Schaut doch, wie lustig sich die Jungen da drüben schneeballen!" Die letzte Station vor Konitz." Sie hatte es ein wenig schärfer betont und Wilm Bernsdorf hatte verstanden. Sie möchte mich los werden." dachte er; er wird wohl auf dem Bahnhof sein. Die Situation ist ihr denn doch zu peinlich geworden. Aber ich bleibe." ' Ein unbezwinglichesVerlangen hatte ihn gepackt, den Mann von Angesicht zu sehen, der bald die Stelle einnehmen sollte, auf der er gestanden hätte, wenn er sich nicht in wahnsinniger Verblendung das Recht dazu verscherzt hätte. Und vor sich sah er zwei Bilder: Ein reiches, behagliches Haus, ein liebedurchwehtes, fröhliches Heim, ein gedeihliches Schaffen und Streben, ein friedvolles, freundliches Alter; und das andere: Ein alternder Mann mit siechem Körper und stumpfem Geist, allein in seiner hypereleganten Wohnung. von dienstbaren, falschen, fremden Kreaturen umgeben, und beständig frierend und nach Wärme verlangend nach Wärme. Station Konitz!" riefen die Schaffner in langgedehntem Ton. Die Wagenthür wurde aufgerissen, die auf dem Perron Harrenden drängten an den Zug. Ehe Magda ihn zurückhalten konnte, war Bubi, die große Fouragetasche im Arm, nach vorn gestürzt und stieß im nächsten Moment einen Jubelruf aus. Hier. Papa, hier!" Wilm Bernsdorf richtete sich auf. eine fieberhafte Spannung im Blick. Ein großer, breitschultriger Mann mit großem, blondem Bart und dem frischen, gebräunten Teint des Landwirths schwenkte den vor Lust zappelnden Knaben hoch in die Luft und setzte ihn dann behutsam aus dem Perron nieder. Dann hob er auch Ina heraus, mit einer ganz andern sanften Zärtlichkeit, und dann leucyieten seine Augen der Mutter der beiden entgegen und sein ganzes Herz lag in den Worten: Endlich, Magda, endlich!" Sie aber schmiegte sich nicht, wie er erhofft hatte, in seine Arme; ein bedeutsamer Wink ließ ihn auf eine stürmische Begrüßung verzichten. Noch einmal sah Magda, als sie das Coupe verlassen, zu dem Mann empor, der so zusammengesunken, mit schlafsen. matten, fahlen Zügen und halbgeschlossenen Lidern dasaß wie ein Todter und der jahrelange Haß, die unendliche Bitterkeit, die sie gegen diesen Mann empfunden, schwanden plötzlich hinweg. Sie wandte sich ab. blaß und ernst, sie hatte nichts mehr zu verzeihen, sie wußte es jetzt, sie war an ihm gerächt! Kindermund.
Die kleine Auguste war mit ihren Eltern zum Besuche bei den Großeltern. Sie war im Allgemeinen artig und die Großeltern halten ihre F:eude an ihr. Eine große Untugend jedoch hatte ihr schon manchen Verweis zuge zogen: sie ließ bei ihrem Buttilbrot immer dieKrusten übrig und man fand diese dann in allen Ecken versteckt vor, so daß selbst die nachsichtige Großmama die Enkelin darüber zur Rede stellen mußte. Eines Abends nun gab die Großmama, dem Kinde sein föuU terbrot mit dem Bemerken: Iß aber die Kruste, mein Kind, sonst wächst Du nicht und mußt immer klein bleiben." Auguste geht vergnügt mit ihrem Brot fort; nach einer kleinen Weile jedoch erscheint sie wieder mit der Brotkruste in der Hand, gibt sie der Großmama mit ernster Miene und sagt: Ich will lieber klein bleiben!" Ein Sophist. Adolf, so jung sind wir verheirathet und schon gehst Du in den Club?" Aber doch nur, damit meine Freunde sich ärgern, daß mich meine liebe Frau fortläßt!" Kleines Mißverstandn i ß. Frau (zur weinenden Köchin): .Sagen Sie, Nanni, wo liegt denn eigentlich die Ursache Ihres Grams?" Nanni: .Bei der 5. Compagnie!"
SelnFech.
Von Karl Nosner. ' Es war einmal eine dicke Wirthin, und die hatte eine Bude zu vermiethen, hoch oben, im fünften Stock. Die Bude aber war in einer engen Gasse und die Gasse zog sich in einer alten Stadt, und die alte Stadt lag in Deutschland. Ich aber kam von weit drüben, aus einem schönen, warmen Lande in die Stadt, auch in die Gasse zur dicken Wirthin. Und weil ich arm war denn ich hatte nichts als ein paar Groschen Geld und mein bischen Leben so zog ich in die hohe Bude ein. Und weil die dicke Wirthin den Zins im Loraus wollte, so gingen auch die paar Groschen im Voraus drauf und ich behielt nichts, als mein bischen Leben. Meine Wirthin hielt auf Ordnung, und so befahl sie mir am dritten Sage, zur Polizei zu gehen und mich zu melden. Und weil sie sagte, daß jeder Fremde sich da melden müsse und das kein Entrce koste, so ging ich hin. Ich hatte einen solchen Gang noch nie gemacht und war daher schüchtern und erregt. An der Thür unten frug ich den Portier, wohin ich mich zu wenden hätte, und er wies mich in einen großen Saal, in dem hinter eisernen Gittern die Beamten saßen. Alle mit wilden, bösartigen Zügen, an ihr-n Federn kauend und auf die Opfer lauernd. Zögernd schritt ich auf einen zu und sagte ihm, daß ich ein Fremder sei und gekommen bin. um mich zu melden. Und weil er ein gar so böses Gesicht machte, so setzte ich hinzu, daß ich nicht vorbestraft sei. und nie ein schweres Verbrechen begangen hätte nur Dichter wäre ich. Er aber unterbrach mich mürrisch: Ihr Name!" Verzeihen Sie, bitte," sagte ich. mein Name ist Nasenstern Valduin Nasenstern." Balduin?" ' Ja aber ich kann nichts daf" u ur Woher lassen Sie mich nicht Alles zehnmal fragen!" Aus Wien Wien an der Donau. Hauptstadt von Oesterreich einundeinhalb Millionen Einw Metropole der Künste und " Sie sind ebenDichter," sagte er und zuckte verächtlich die Achseln. Dann holte er ein großes Buch und suchte lange. Endlich wandte er sich wieder zu mir. in kurzem, sicherem, überzeugtem Ton. Nasenstern giebt es nicht! Existirt einfach nicht!" Aber entschul " Widersprechen Sie nicht. Ich habe in meinem Register keinen Nasensiern" ein Mann dieses Namens existirt nicht, nicht in Wien und nicgends. Wenn Sie aber nicht im Register der Polizei stehen dann sind Sie einfach nicht!" Herr!" rief ich in schrecklicher Angst, Herr ich bin ich kann Ihnen das beschwören!" Gut," sagte er ruhig, wenn Sie Ihrer Sache so sicher sind, dann haben Sie weiter nichts zu thun, als mir den Beweis Ihrer Existenz zu erbringen. Ih, da könnte mir Jeder kommen. Nein, mein Lieber, da bringen Sie mir gefälligst eine Bestätigung, unterschrieben von zwei Zeugen, daß Sie wirklich auf die Welt gekommen sind." Entschuldigen Sie," sagte ich, ich bin eine arme Waise, ich kenne Niemand und meine dicke Wirthin " Und Ihre Eltern Ihr Vater?" Ich habe keinen Vater!" rief ich. Meine Mutter Was Vater haben Sie auch keinen na, da hat man's ja nein, mein Lieber, jetzt ist mir das zu toll. Foppen lasse ich mich nicht ich bin Amtsperson. Beweisen Sie mir, daß Sie geboren worden sind auf der Stelle!" Ja," begann er höhnisch, das ist's eben, Sie können es nicht beweisen! Da hat man's. Sehen Sie," und dabei holte er wieder ein dickes Buch von der Wand, das ist der Auszug aus den Protokollen der Wiener Polizei., Da stehen alle Menschen darin, die in dem Jahrhundert zur Welt gekommen sind. Sie stehen nicht darin, und das ist der Beweis dafür, daß Sie überhaupt nicht auf die Welt gekommen sind daß Sie nicht existiren!" Ich war dem Weinen nahe. Gentlcman!" rief ich, ich habe nichts als mein bischen Leben lassen Sie mir das!" Es entstand eine Pause. Endlich begann ich wieder, schüchtcrn, mit zitternder Stimme: Aber könnte nicht vielleicht ein Versehm der Polizei vorliegen meine Mutter sagte, ich sei stfon von frühester Jugend an sehr diskret gewesen; und dann ich weiß eben bestimmt, daß ich existire. Vielleicht hat mich die Polizei zu notiren vergessen?" Herr," sagte er mit väterlichem, mitfühlendem Ernste, die Polizei vergißt nichts. Es thut mir leid um Sie, junger Mann, sehr leid, aber Sie sind amtlich nicht geboren worden. ' Uebrigens hol' Sie der Teufel es ist zwölf Uhr und Vureauschluß." Ich aber schüttelte den Kopf und ging. Umschreibung. Herr Doctor, können Sie mir sagen, was jener Herr mit den vielen Brillantringen dort ist?" Gnädige Frau, das ist ein Mann, dem es seine Verhältnisse gestatten, nach dem Frühstück gleich Feierabend zu machen!" A e n g st l i ch. Kaufmann (auf einen Hundertmarkschein herausge bend): Darf ich Ihnen für fünfzig Mark Silber mitgeben?" Dienstmagd: Lieber nicht, wir sind gerade beim Silberputzen und da müssen wir das vielleicht noch mitputzen."
ergkner ruvc.
Von ff. G. Silberstrom. Studiosus Bonze hatte, da er zu spät in's Semester ging. Pech mit seiner neugemiethcten Bude". Vor Allem taugte das Bett nichts. Tisch und Stühle konnten sich kaum noch auf den Beinen halten und für seinen Bücherund Kleider Vorrath fand er kaum den nöthigen Platz. Was Wunder, daß er seinen im gleichen Hause im zweiten Stock wohnenden Äereinsbruder Schlot um sein famoses, über seinem Zimmer gelegenes Heim im Stillen beneidete und darüber nochdachte, sich, wie der Spatz im Nest der Schwalbe, in dem oberen behaglichen Stübchen seines Freundes einzunisten. Eines schönen Abends hatten nun Bonze und Schlot dem Gotte Gambrinus ergiebig geopfert, insbesonders bedurfte aber Schlot der thatkräftigen Unterstützung seines Vereinsbruders, um in später Nachtstunde nach Hause zu gelangen. Als der erste Stock und die Thür zur Bude des Bonze erreicht war, machte man Halt, und da suhr es demselben durch den Kopf, wie nett es wäre, wenn er sich einmal auf dem weichen Pfühl feines Vereinsbruders ausruhen und diesem sein hartes Lager zudenken könne. Die Ausführung diefes Planes fand bei dem benebelten Schlot, der es sich sofort in der ihm angewiesenen Bude bequem machte, kein Hinderniß und Bonze schlich seelenvergnügt in die Wohnung des Schlot hinauf. Am kommenden Morgen wurde Bonze durch heftiges Pochen an der Zimmerthüre geweckt. Als er sich mit Mühe in's Dasein zurückgcrungen hatte und öffnete, stand vor ihm der Gerichtsvollzieher. Habe ich die Ehre mit Herrn Studiosus Schlot?" hub dieser an. Bedaure," erwiderte erleichtert Bonze, da bemühen Sie sich nur in das Zimmer im ersten Stock unter mir. Herr Schlot ist gestern dorthin umgezogen." Als Bonze am Mittag in seine eigene Bude hinabstieg und steh mit geheuchelter Theilnahme bei Schlot erkundigte, wie er geruht habe, empfing ihn dieser mit freundlichem Grinsen, das sich Bonze erst erklären konnte, als er seine ganze fahrende Habe mit den blauen Pfandstegeln des Gerichtsvollziehers geschmückt sah. Verzeih, lieber Freund," tröstete ihn Schlot, ich habe dem Vollstreckungsbeamten dutzcndmal gesagt, daß ich nicht da wohne, aber er hat stch von seiner Amtshandlung nicht abhalten lassen mit demBemerken. das könne Jeder sagen; übrigens habe ihm der Herr im oberen Stock ausdrücklich versichert, daß i ch hier wohne." Glückliche Lösung. Das kleine Landstädtchen Gasstall feierte kürzlich ein gar denkwürdiges Ereigniß. Unter Böllerschüssen. Festreden und großartiger Betheiligung der Bürgerschaft wurden an einem Tage nicht weniger als sieben Denkmäler von hervorragenden Persönlichkeiten enthüllt theils, wie der Bürgermeister so treffend sagte, um eine längst fällige Ehrenschuld zu tilgen, theils um den bisher sehr spärlichen Fremdenverkehr zu heben. Ehe es jedoch zur Aufstellung dieser Denkmäler kam, hatte Gasstall erst die leidige Platzfrage es gibt dort nämlich. im Vertrauen gesagt, überhaupt nur einen Platz durchzumachen. Die Aufregung der guten Gasstaller war schon auf's Höchste gestiegen, man sprach von nichts mehr Anderem als von der Platzfrage da kam der städtisch: Maurermeister und Gipsgießer Jacob Schlaucherl, dem dieAusführuna der Monumente in lokalpatriotischer Weise übertragen worden war, auf eine glückliche Idee. Der geniale Meister brachte im Sockel des aus schön marmorirten Gipswänden hergestellten Denkmales ein großes Holzrad an und befestigte die einzelnen Statuen in entsprechenden Abständen an die Peripherie derselben. Nun war die Geschichte ungeheuer einfach: Der Gemeindediener brauchte, wenn er Abends vom rothen Ochsennach Hause ging, jedesmal blos eine Kurbeldrehung an dem Rad zu machen und die Frühsonne bestrahlte an jedem Tage der Woche eine andere Denkmalfigur! So hatten durch die Genialität des Meisters Schlaucherl die Statuen nicht nur den besten Platz gefunden, sondern und das war den guten Gasstallern die Hauptsache nun mußte jeder Fremde, der sämmtliche'Denkmäler der Stadt sehen wollte, mindestens sieben Tage in 'Vasstall verweilen. Derblaue Montag. Der Unglückstag der Woche, soweit Unfälle von Menschen in Betracht kommen, ist nicht der so vielfach verleumdete Freitag, sondern der Montag, an dem 16,74 Procent der Unfälle einer Woche vorkommen. Es ist das wohl eine Wirkung des unmäßigen Sonntagsgenusses. 15.77 Procent der Unfälle fallen auf Dienstag, 16.38 auf den Mittwoch, 15.73 auf den Donnerstag. 16,38 auf den Freitag, ebenso viel auf den Sonnabend und 2,63 Procent auf den Sonntag. Günstige Gelegenheit. Heirathsvermittler (zu einer Candidatin): Hier hätt' ich einen scbönen Aristokraten, der unter'm Pre!5 zu haben wär'!Schwieriges Deutsch. Bü'reauchef (zum faulen Schreiber): Thean S' do' net allewei' so. als ob S' 'was thocm thaaten Sie thean ja do' nix!" .
ssrayllng und dinier.
Von ?. preise. 1. Frühling im Winter? Wie mag das sein? Guck in vier glückliche Augen hinein. Merkt man da. was von des Winters Gebraus? Schaut nicht der Frühling selber heraus? Drinnen im Herzen, da wogt's und glüht, Drinnen im Herzen, da knospet's und blüht. Wo sich zwei Herzen in Liebe vereint. Lächelt der Frühling, die Sonne scheint. ' 2. Winter im Frühling? Wie mag das sein? Schau in zwei traurige Augen hinein. Ob auch da draußen der Frühling lacht. Drinnen im Herzen ist's Winternacht. Denn seit dein Liebstes sie trugen zur Ruh', Schlössest du gerne die Augen zu. Und von des Frühlings lieblichem Sein Fällt keine Blüth' in dein Herz hinein. 3. Frühling und Winter muß sein, mein Kind, Frühling und Winter wechseln geschwind. Sendet der Himmel dir Sonnenschein. Sollst du dich freuen und glücklich sein. Kommt dann die finstere Winternacht. Sei nur getrost: der Vater wacht. Sonne und Kälte, Glück und Pein. Beides ist gut, drum schicke dich drein. Ehrgefühl der Kleinen. Ungefähr im dritten Lebensjahre lernt das Kind sein eigenes Ich von den anderen Gegenständen unterscheiden und gleichzeitig mit dem Selbstbewußtsein erwacht das Selbstgefühl in ihm. Es fühlt fein kleines Persönchen als ein werthvolles Gut und strebt dessen Förderung mit allen ihm gegebenen Kräften an. Und ich bin auch dabei gewesen, Mutter!" sagt der kleine Walter in Schiller's Wilhelm Tell (V. 2). Mich muß man auch mit nennen. Vaters Pfeil ging mir am Leben hart vorbei, und ich hab' nicht gezittert." Im Lause des weiteren Lebens kann dieses überaus mächtige Selbstgefühl durch Erfahrungen geläutert und beschränkt, niemals aber in einer gesunden Natur ganz beseitigt werden. Die mächtigste Förderung erhält das Selbstgefühl durch das Ehrgefühl. Für das Kind im zarteren Alter kann es allerdings noch gar keine Ehre geben, weil persönliche Tüchtigkeit noch gar nicht vorhanden ist. Dagegen empfindet auch das ftrnd bereits das Gegentheil der Ehre, die Schande. Darum vermag es auch schon sehr früh, sobald das Bewußtsein in ihm helle wird, sich zu schämen; darum fürchtet es sich, ausgelacht zu werden. Das ist die erste und auch die reinste Gestalt, in welcher das Verlangen nach Ehre im Kindcsleben zur Erscheinung kommt. Später erröthet das bescheidene Kind bei Lobsprüchen. Dieses mehr negative und passive Verhalten muß auch für das ganze sittlicheLeben als die Hauptfache angesehen werden, und danach hat die Erziehung ihre Maßregeln zu nehmen. Es handelt sich also um die Furcht vor Schande. Die erziehliche Leitung des Ehrgefühls muß hiernach ebenfalls mehr eine negative als positive fein. Man vermeide sorgfältig jedes Schimpfwort, jede Schmähung, je'.e entehrende Strafe, die das zarte Gefühl für Ehre zu verletzen, durch häufige Wiederholung aber abzustumpfen vermögen. Sehr fchön sagt Jean Paul in seiner Unsichtbaren Loge": Wo der Tadel das Ehrgefühl des Kindes Versehrte, da unterdrückte ich ihn. um meine College in der Runde durch das Beispiel zu lehren, daß das Ehrgefühl, das unsere Tage nicht genug erziehen, das Beste im Mnschen sei, daß alle anderen Gefühle, selbst die edelsten, ihn in Stunden aus den Armen fallen lassen, wo ihn das Ehrgefühl in seinen emporhält, daß unter den Menschen, deren Grundsätze schweigen, und deren Leidenschaften ineinander schreien, blos ihr Ehrgefühl dem Freunde, dem Gläubiger und dem Geliebten eine tiserre Sicherheit verleih:.- Daneben muh dann die positive Pflege des Ehrgefühls hergehen. Sie beschränke sich vorwiegend auf die Aeußerung lebhafter Freude über sittlich gefällige, die der Trauer und des Schmerzes über mißfällige Handlungen. Solange dem Kinde noch das Verständniß fehlt, das Gute des Guten wegen zu thun, thue es dasselbe aus Liebe zu seinen Eltern. Sehr treffend sagt der berühmte Pädagoge Herbart: Man soll keinen Ehrgeiz künstlich nähren, aber auch kein natürliches und richtiges Ehrgefühl unterdrücken." Auch ein Arrangement. Vater: Ich habe ja nichts gegen Deine Verbindung mit dem Assessor nur müßte er sich erst mit seinen Gläubigern arrangiren!" Tochter: Ist bereits geschehen, Papa er hat sie alle an Dich gewiesen!" U n n L t h ? g. Reicher Erbonkel: Was meinst Du, soll ich mich nach meinem Tode verbrennen lassen?" Nefse: Wozu, Onkelchen? Du hinftrläßt ja so schon genug Asche!"
