Indiana Tribüne, Volume 23, Number 41, Indianapolis, Marion County, 29 October 1899 — Page 2

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In der Fasse. Eine lustige Radler.Geschichte von L. Vur? ner. Herr Hermann Georg (sprich Schorsch) Hagemann, im bürgerlichen Leben Stadtrath und Rentner in einem jener sauberen, romantischen Rheinstädtchen, die sich hart zwischen Fluß und Fels drängen, war seiner sonstigen hervorragendsten Eigenschaft nach Radlerfeind. Das war'za nun seine Privatsache! Es gibt Katzenfeinde und Klavierhasser, es gibt Menschen. Vxt keine Erdbeeren oder Krebse essen können, ohn Fleckfieber zu bekommen, warum sollte also Herr Schorsch Hagemann nicht Radlerfeind sein? Daß sein Antrag im Stadtrath, nicht nur die Räder zu nummeriren. mit gräulichen grünen Emailleschildern und eine? weißen Riesennummer, sondern auch jeden Radelsmann, jede Radelsfrau und jedes Radelsmadel mit einer grünen Nummer im weißen Felde auf dem Kücken zu bekleben, zuerst mit schüchterner Ablebnnng, dann mit entschiedenem Protest verworfen worden war, vergrößcrte natürlich seinen Haß noch bedeutend. Er nannte seine Gegner, die außer Stadtvätern auch noch Väter radelnder Söhne und Töchter waren, Schwachmatikusse", und während cr in seinem Stammlokal sich bei verschiedenen Schoppen von seiner Niederlag: erholte, vermag er sich hoch und theuer, daß er seine Eva", seine zwanzigjährige Einzige, nie und nimmer so 'nem Chausseezumpler, so 'nem Pumphosenfex zur Frau geben werdet .Das nenn ich deutlich geredt sagt Herr Weinhändler Schmitt ärgerlich, deutlich genug! Also weil mei Fritz nu Rad fährt, soll's nu nix werde mit dene Zn?eie? Die Aweie habe nu doch mal ihr Herz aneinander gehängt. Soll denn Wege so ner Dummheit nu Alles zu End sein?" .Dummheit," 'knurrt Herr Schorsch Hagemann wüthend, Dummheit! Daß Du's nur weißt, ich will kei Schwiegersohn mit Pumphose. Ich will keinen, der an 'nem schöne Dag mit zerbrochene Arme und Beine und vielleicht mit ne kaputne Kopf meiner Eva heimgebracht wird! Ich will's ritt, und ich leid's nit! Basta!" So," schnaubt Herr Schmidt nun auch seinerseits wüthend. Na, und mei Fritz, der wird dann auch kei Schwiegervater wolle, der ä Vogel im Kopp un ä Brett vorm Kapp hat! So will mei Fritz kei Schwiegervater, un in so ä Familie wolle mir nit nein! Settche, bezahle. Adjes, Herr Stadtrath und Rückschrittsmann!" Eva," tröstete Fritz Schmidt am nächsten Morgen sein weinendes Schätzchen hinter dem Fliederbusch am Gartenzaun, Eva, weine nur nicht. Dein Papa ist jetzt bloß ärgerlich, weil sein Antrag abgelehnt worden ist. Aber auch so was Dummes auszuhecken! Es ist unglaublich! In vierzehn Tagen hat er sich wieder beruhigt." Ach Fritz," schluchzte Evchen, Du weißt doch, was Papa für einen harten Kopf hat." Ich will nachher noch einmal mit

:hm reden! sagte Fritz. Ach Fritz, thue das lieber nicht. Papa ist noch zu böse, er wird sehr zornig werden. Dann hat er auch zu heute Abend alle Herren vom Stadtrath zum Essen eingeladen. Und weil sie nun gestern seinen Antrag wegen der Nummern abgelehnt haben, ärgert er sich, er kann doch die Einladung nicht zurücknehmen. Ich wünschte nur, das Mittagessen wäre schon vorüber und er glücklich fort auf seinem Spaziergang nach dem Forsthause." Na, lange behalte ich die Sache nicht auf demHerzen," entscheidet Fritz, ich rede sobald als möglich mit ihm, sei Du nur beruhigt und komm morgen früh wieder hierher." Ein paar Thränen .in Evas Augen werden noch mit vielen Küssen getrocknet, dann trennen sie sich. Groß ist daher die Erleichterung, als Schorsch" Hagemann am Nachmittag zu seinem gewohnten Spaziergang sich anschickt. Aergerlich stapft er den Waldweg dahin. Er ärgert sich über Alles. Ehausseezumpler, Nixthuer. Leuteärgerer." schimpft er in sich hinein, und nu soll der Fritz grad die Eva nit habe, nu grad nit! Basta!" Erhitzt und verärgert kommt er auf dem Forsthause an. Kei Mensch da, trotz des schönen Frühlingstages, nur Leni, die hübsche, frische Nichte des Försters, sitzt strumpfstrickend unter den hundertjährigen Eichen vor der Hausthüre. 'n Tag, LenU" 'n Tag, Herr Hagemarm! Na, dcs Zs schon, das nur mal tin Mensch kommt! Bei dem schöne Wetter isAlles wie ausgstorbe Aber .wisse Sie, Herr Hagemann, was dar?n schuld is? Das verflixte Radfahre is schuld! Tu setz: sie sich jetzt auf's Rad iiitd fahre de halbe Rhein ernimer oder enauf, des is dann freilich ä anner Sach, als in der Hitz hier enauf zu krabbele!" Leni," ruft Herr Schorsch Hagemann begeistert und thut einen langen Zug aus seinem Riesenglas, Leni, Sie sind die einzige gescheute Person auf der Welt! Die verdammte, nixnutzige, vermaledeite Radfahrer sein an Allem schuld! 's Gewitter soll se alle hole! Leni, dafür muß ich Jhne ä Kuß gewe!" Und unternehmend springt er auf. Die Leni retirirt. Nei, nei, Herr 'Hagemann! Mei Küss' sind kei Brombeere! Küsse Sie doch Jhne Ihre Frau, .wann Se küsse müsse!" ' Was, Leni, Sie wolle mir kei Kuß gewe? No, das wär doch noch scheener. Meine Sie, ich hätt neilich nit gesehe, wie Sie den junge Förster von owe geküßt hawe?" Das mach ich. wie ich will!" lacht die Leni. Un Jhne will ich kei Kuß gewe!

Sie wolle net? Und' nu grad! Sie müsse! Ich werd Sie schon kriege." Und mit jugendlicher Leichtigkeit sucht er die Leni zu haschen, aber sie schlüpft ihm davon. Die läuft wie der Blitz um das Haus herum und in die offensiehende Thür der Waschküche hinein! Aber Herr Schorsch Hagemann ist auch flink, stolpert nach, läuft gegen zwei große Waschzuber und pardautz, fällt Zängelang über einen dritten hin! Die Leni schreit vor Lachen. So, nu küsse Se mich! Jetzt bleibe Se mal ä bißchen bei de Zuber eingesperrt, Sie Schwerenöther Sie!" Klatsch! Die Thür fällt in's Schloß und ein Riegel wird draußen kräftig vorgeschoben. Nu, adjes, Herr Hagemann, amüsiere Se sich mal gut da drinne!" Leni! Mache Sie die Thür auf!" Warum denn, Herr Hagemann, 's muß Jhne doch in der Waschküch gefalle! Sie sin ja wie besesse eneingerannt! Warum wolle Se denn schon wieder enaus?" Leni! Lasse Se mich augenblicklich enaus, sonst lann'ö Jhne deuer zu stehe komme." Ei guck mal an! Deuer zu stehe komme! Hör nur Einer de Herr

Stadtrath an! Nu bleiwe Se grad drinne! Was meine Se, was Jhne das deuer zu stehe komme dhät, wenn's heiße dhät, die Leni vom Forsthaus hat den Herrn Stadtrath Hagemann in die Waschküch gesperrt! Was da die Leit' en Spaß hätte! Und Jhne Ihre Frau, was die sich freue dhät!" Jetzt schäumt er vor Wuth, er stampft, er brüllt. Er lauscht an der Thüre, steigt mit Lebensgefahr auf einen Waschzuber und späht durch das Fenster. Da sitzt die Leni, friedlich, strumpfstrickend, singend: Wenn ich ein Vöglein wär!" Ach ja! Herr Hagemann theilt diesen Wunsch bis in's tiefste Herz hinein. Er flöge schleunigst hinweg von diesem Ort, nach Haus, in seine kühle Stube, wo es nicht nach Seifenbrühe riecht und wo Himmelkreuzdonnerwetter! Wie von einer Tarantel gestochen, fährt er in die Höhe, um dann entgeistert auf den Waschzuber zurückzusinken. Das Abendesse für die Stadträth! No jetzt wird's gut!" Er schaut wieder zum Fensterchen hinaus. Da steht ein einzelner Gast und spricht eifrig mit der Leni, die verschmitzt lachend mit den Achseln zuckt. Aber, das ist ja, Herr Gstt, das ist ja Fritz Schmitt. Jetzt spricht die Leni: Der Herr Stadtrath is weiter 'n Wald nauf spaziere gange! Aber in 'er Stund vielleicht will er zurückkomme. Ich dring Jhne gleich en Schoppe! Ae Schnitte Brot? Gleich, Herr Schmitt!" Drin in der Waschküche stöhnt Herr Hagemann. Die boshafte Hexe. Die Leni wird natürlich Alles haarklein erzählen. Und seine Frau! Seine Frau! Unter den Eichen trinkt Fritz Schmitt auch ziemlich unbehaglich seinen Schoppen. Er kennt den harten Kopf seines Schwiegervaters und sieht sehr unerquickliche Kämpfe voraus. Plötzlich ertönt ganz in der Nähe ein klägliches Pst, pst!" Verwundert schaut er sich um. Nanu, was ist denn los?" Ach Fritz, mach doch auf! Ich bin's ja, Hagemann!" Hagemann? Das kann Jeder sagen!" Aber Fritz, erkennst Du mich denn nicht an der Stimme? Steig doch nach dem Fenster 'nauf und guck 'nein." Auf's Höchste verwundert steigt Fritz auf das Gesims. Wahrhaftig, sein Schwiegervater in spo! Wie kommt denn der da hinein? Er springt schleunigst herab und greift nach dem Riegel. In dem Augenblick durchzuckt Fritz ein kecker Gedanke! Da hat er ja den Widerhaarigen eingesperrt! Und durch die Thür ruft er: Wie sind Sie denn da .eneingekomme, Herr Nachbar?" Das geht Dich nix an.'" Oho, nix an?" Fritz lacht. Sie haben es wohl eilig, herauszukommen?" Zum Kuckuck, mach auf! Die Stadträth warte aus mich." Eben kommt Leni dazu. Na, Leni, was is denn da passirt?" Leni lacht: Was soll passirt sein? Der Herr Stadtrath hat sich wolle die Waschküch von inne begucke, un da is die Thür zugefloge und der Riegel ist eingeschnappt, und da hawwe ich gedacht, er könnt noch ä bißchen drin bleiwe." Fritz versteht und trwmphirt. Er gibt der Leni einen Wink und sie derschwindet. Mach auf!" ruft Hagemarm.' Gleich, Herr Hagemann, aber nur unter einer Bedingung. .Die Eva wird mei Frau!" Ein Wuthschnauben und ein Trommelwirbel an der Thüre antwortete ihm. Frecher Bub! Unverschämter Bub! Mach auf!" Die Eva wird mei Frau?" Ich tret die Thür ein!" WO Treten Sie nur! Morgen weiß die ganze Stadt das Späßchen!" Schäm' Dich! Mach' die Thür auf!" Noth kennt kein Gebot! Wenn Sie nicht wollen, bleiben Sie drin sitzen!" Ich verklag' Dich! Des is Freiheitsberaubung, da steht Zuchthaus drauf." Blamiren Sie sich nicht, Herr Hagemann. Denken Sie mal an, was das ein Aufsehen wird, wenn Sie heute Abend nicht nach Hause kommen! Die Leni wird's überall erzählen!" Ein dumpfes Grunzen antwortete ihm: Ich thu's net." Und Ihre Frau! Denken Sie nur mal. was wird Ihre Frau sagen?" Tiefe Stille innen! .Sagen Sie schnell ja, fien Lage-

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mann! Ich sorge schon dafür, daß kein Mensch Etwas merkt." Eine Pause! Was im Herzen Herrn Hagemanns vorgegangen ist, wiß uur er allein. Dann kommt ein zorniges, dumpfes: Du versprichst mir. daß kein Mensch was merkt?" Keine Seele!" Na meinetwegen denn!" Wahrhaftig?" Ja doch! Mach' auf!" Der Riegel knarrt, die Thür fliegt auf, Fritzens kräftige Arme zerren den Gefangenen an's Tageslicht, umschlingen ihn und ziehen ihn in einen wilden Tanz: Hurrah hoch! Schwiegervater, hoch! Dreimal hoch! Die Eva wird mei Frau, und im Herbst ist Hochzeit!" Die Leni hat reinen Mund gehalten. Sie ist am nächsten Sonntage in einem prachtvollen rosa Gewan) zur Kirche gegangen und hat eine golden; Brosche, die den glühenden Neid alle: ihrer Freundinnen erregt. Aber von wem sie stammt, weiß Niemand, Niemand als Fritz Schmitt. Mein Jugendfreund. Von Siegfried Raabe. Keine angenehmen Erinnerungen knüpfen mich an meinen Jugendfreund Reschk In der untersten Klasse des Gymnasiums saßen wir zusammen auf der Schulbank; durch den starren. Zwang des Alphabets, nach welchenl unsere Plätze bestimmt worden. Ich war des nicht froh; meinem Jugendfreund war nichts heilig, nicht einmal meine lateinischen Exerritten; Reschke beging Raub an ihnen; rz sah ihnen ihre Vorzüge ab und benützte sie für sich, leider auch ihre Fehler. Kopfschüttelnd verglich der Lehrer unsere Hefte. Einer von Euch beiden muß vom andern abgeschrieben Haben!" Wer war nun derjenige? Beide betheuerten ihre Unschuld. Meine linkische Wortkargheit brachte mir Schaden, Reschke war gewandter in den Künsten dieser Welt. Er ging frei aus, ich bekam eine Ohrfeige und mußte eine Stunde nachsitzen. Doch am Tage der Schulversetzung triumphirte ich doch über Reschke; ich wurde in die nächsthöhere Klasse versetzt, er blieb in der Sexta sitzen. Jahrelang sahen wir uns nicht; erst die in uns beiden erwachte Begeisterung für darstellendeKunst brachte uns im Heimathlichen Musentempel wieder zusammen. Im Verein mit einigen anderen holden Jünglingen gründeten wir ein LiebHabertheater. Reschke wollte Bonvivants spielen. Er war auch hier faul und lernte seine Rollen schlecht. Er war stecken geblieben, ich übernahm die Pause, die er im Dialog gemacht hatte. Natürlich glaubte das Publikum, ich hätte den Fehler begangen und Reschke sei ein großer Kunstler. Drei Jahre sahen wir uns dann wieder nicht. Ich hatte es mittlerweile zum ersten Charakterspieler an einem Stadttheater gebracht. Da ertönt eines Nachmittags ein kei neswegs schüchternes Pochen an meiner Thur. Eine sehr fragwürdige Gestalt erscheint; dann stürzt ein junger, recht defekt aussehender Mann auf mich zu und redet mich mit dem traulichen Du an. Ich fühle mich plötzlich brüderlich umarmt. Mensch, kennst Du mich denn nicht?!" Mein Auge gleitet über den zerrissenen und nicht sehr sauberen Rock und die am unteren Ende reich mit Fransen geschmückten Hosen meines Besuchers und über seine klaffenden Stiefel. Endlich, da ich die listig zwinkernden graugrünen Augen sehe, dämmert es in mir auf. Reschke?!" fragte ich zweifelnd. Na natürlich!" Alter Junge," fuhr Reschke fort, habe Pech gehabt, bin momentan in kleiner Verlegenheit auaz äußerlich etwas abgebrannt. Mach' 'mal, bitte, Deinen Kleiderschrank auf." Zögernd gehorchte ich. Reschke traf seine AusWahl. mit gutem Geschmack, wie ich zugeben muß; er wählte den besten Anzug, den ich besaß, den ich selber dem Schneider noch schuldig war. Hast Du Geld?" frug er darauf drinSend. Erröthend reichte ich ihm mein Portemonnaie. damit er sich selbst von dessen bescheidenen Inhalt überzeuge. Reschke zählte die Baarschaft auf das genaueste. 4 Mark 85 Pfennige. das Dein ganzes Geld?!" frug fast mitleidig mein Jugendfreund. Nein, mein alter Junge, mehr als 3 Mark nehme ich keinesfalls davon!" Und Reschke that so, als erwiese er mir damit ine Wohlthat. Da mußt Du also bei Deinen Collegen für mich eine Collekte machen. Dalltt Dalli, mein Sohn! Hier ist Dein Hut, schütze keine Müdigkeit vor. und mach' Dich schnell auf den Weg." Seufzend trat ich den Bettelweg an. Ist das alles?" frug er mich streng und sah mich mit einem Inquisitorblick an. als ob er mich im Verdacht habe, ich hätte heimlich etwas von seinem Eigenthum in meine eigene Tasche verschwinden lassen. Na, weißt Du. mein Junge, nimm mir's nicht übel," fuhr Reschke foit, und sein Ton drückte tiefe Verachtung aus Du schienst mir, als wir damals noch zusammen am Liebhabertheater mimten, so talentvoll zu sein; ich hätte damals doch gedacht, daß Du's einmal weiter bringen würdest, als zu einem Engagement. wo man für einen armen, in Noth gerathenen Collegen bloß 11 Mark zusammenbringen kann!" Und verächtlich drehte er mir den Rücken zu. Ich habe von ihm seit jenem Tage nichts wieder gehört. Von meinem Anzug und meinen Stiefeln leide: , auck nickt. . .

Amända,s Schmuck. Won ti. Hildedrandt. Fräulein Amanda von Branitz hatte

bisher ein sehr stilles und unbeachtetes Leben geführt. In dem kleinen Orte, wo ne gelebt, sah sie wenig von der Welt. Derselbe lag abseits von der Bahn und nicht einmal eine Chaussee führte dorthin. Amanda konnte aber ihren Wohnsitz nicht gut wo anders aufschlagen, da ihre Mittel dies mcht erlaubten. Das sollte nun mit einem Male eine Umgestaltung erfahren; denn Fräulein Amanda machte von einem Onkel des einst sehr berühmten und reichen Hauses Branitz eine Erbschaft eine Erbschaft, die ihr nicht allein ein bedeutendes Vermögen, sondern auch die gesammten Brillanten der Familie zuführte, ein Schmuck, der selbst für eine fürstliche Stirn nicht zu gering gewesen wäre und schon an sich ein Vermögen bildete. Fräulein von Branitz stand mit einem Male im Mittelpunkt des gesammten Interesses. Der Adel der Umgegend, der sich bisher herzlich wenig um sie gekümmert hatte, suchte plötzlich Annäherung; vornehme Familien erinnerten sich jetzt erst, daß sie mit ihr derwandt seien. Sie erhielt Besuch über Besuch und so viele Einladungen, daß sie diesen kaum gerecht werden konnte. Sogar Fräulein Amanda erröthete ziemlich heftig, als ihr das zum ersten Male passirte an Heirathsanträgen fehlte es nicht. Erst war sie verwirrt, dann aber sagte sie sich, daß sie doch gar keinen Grund habe, allein durch das Leben zu wandeln. Nur war sie klug genug, nicht dem ersten besten, der sich um ihre Hand bewarb. Gehör zu schenken. Der Spiegel meldete der guten treuen Seele, daß sie für einen jungen Kavalier doch nicht recht passe; aber ein ansehnlicher Mann in mittleren Jahren, der die ersten Stürme des eoens veretts hinter ich hatte wa rum sollte sie den nicht beglücken? Fräulein Amanda war offen genug dies auch einer ihrer neu gewonnenen Freundinnen mitzutheilen. Diese, eine Heirathsstifterin aus Ueverzeugung und vielleicht auch em we nig aus Vortheil, beschloß nun, Amanda unter die Haube zu bringen. Zu diesem Zweck setzte sie eine kleine Festlichkeit in Scene, zu der außer Amanda-und einigen anderen Familien auch der Heirathscandidat eingeladen werden sollte. Fräulein vonBranitz machte sich also auf den Weg. Da sie noch immer in dem abgelegenen kleinen Orte wohnte. nahm sie ein Fuhrwerk, ließ sich' bis zur Bahnstation fahren und wollte von hier aus die Fahrt nach dem Orte antreten, wo die Gesellschaft stattfinden sollte. Der Zug kam. Er hielt nicht lange. da es nur eine ganz kleineStation war. raulein Amanda's Dienstmädchen, die in Folge der schnellen SchicksalsWendung ihrer Herrin plötzlich zur Zofe avancirt war, stieg eiligst mit dem Gepäck in ein Coupö dritter-Classe, während Fräulein Amanda in gleicher Hast eins erster Classe aufsuchte. Dasselbe war ganz leer. Amanda hatte nur eine Handtasche bei sich, in welcher sich auch der kostbare Bnllantenschmuck befand. Schon ertönte der Pfiff der Locomotive, a!s plötzlich die Eoupthüre aufgerissen wurde und ein Herr hereinstürmte. Fräulein Amandas Herz klopfte ungestüm. Ein plötzlich in ihr erwachter Instinkt sagte ihr, daß es mit diesem Herrn eine besondere Bewandtniß haben müsse. An dieser einsamen Station stiegen sonst höchstens Bauern em. Dagegen wußte sie, daß der Mann, den man ihr zugedacht hatte, allenfalls den $m benutzen konnte. Denn das Gut, das ihm gehörte, und wo sie vielleicht demnächst als Herrin einziehen würde, lag nahe bei dieser Station Immer wilder klopfte ihr Herz. Sie wagte kaum den Blick zu erheben. Jungfräuliche Rothe überzog ihre Llp pen; inzwischen blinzelte sie heimlich zu ihrem Reisegefährten hinüber. In der That .... er konnte es nur sein .... so ungefähr hatte man ihn beschrieben . . . Das gutmüthige Gesicht mit den treuherzigen Augen, die Biederkeit in jeder Miene, - der ganze Wuchs, die Schmarre aus der linken Wange, die Art und Weise, sich nach Jägerart zu kleiden: es war kein Zweisel, es mußte der Landrath von Barstenstedt sein! Nach einer Weile fragte er sie in höf lichem Tone, ob sie wisse, wie lange der Zug bis Braunbera fahre. Sie errothe te, diesmal vor Vergnügen, und antwartete freundlich, daß der Zua in einer halben Stunde Braunberg erreiche. Zugleich fugte sie hinzu, daß sie auch dort ausstelge, um m dem nach Elm felde gehenden Zug umzusteigen. Nach Elmfelde?" rief er freudia überrascht, während sein Gesicht formlich strahlte. Das ist ja entzückend. Auch ich will nach Elmfelde. Das muß eine geheime Inspiration gewesen sein, die mich diesenZug benutzen ließ," setzte er galant hinzu. Sie plauderten eine Weile, wobei Amanda nicht umhin konnte, zu fragen, ob sie die Ehre habe, Herrn Landraih von Barstenstedt vor sich zu sehen, was dieser überrascht bejahte. Nun nannte sie auch ihren Namen und das Ziel ihrer Reise merkwürdig, es war das seine! Sie hatte sich also nicht getäuscht. Nun, Fritz Waldenfels und seine liebenswürdige Frau werden große Augen machen, wenn sie uns zusammen ankommen sehen!" meinte er lustig lachend. Als ich das letzte Mal bei ihnen war, mußte ich leider bekennen, daß ich noch nicht 'das Vergnügen hatte, gnädiges Fräulein zu kennen." Amandas Augen strahlten vor Wonne. Sie überlegte schon im Geiste, ob

sie zu lhrem Hochzeitskleid creme AtlaA oder weißen Damast nehmen sollte. Und den ganzen Familienschmuck wollte sie tragen! Er war wirklich ein charmanter, liebentwürdiger Mann. Und wie fesselnd

er erzählen konnte! Man wurde mcht müde, ihm zuzuhören. Fritz und ich haben zusammen in Heidelberg studirt," erzählte er seiner eifrigen Zuhoherm. Wir waren stets die besten Freunde. Er hat mir unzählige Gefälligkeiten erwiesen. Am meisten dankbar bin icn ihm aber dafür, daß er mich Ihre Bekanntschaft heute machen ließ." Nun begann er, das Waldenfels'sche Gut. die Ställe, den Park: kurz. Alles zu schildern und schloß mit den Worten: Ich bin dort wie zu Hause." Im Gespräch zog Amanda ihren rechten Handschuh, aus. wobei ein Ring mit einem kostbaren Solitair zumVorschein kam. Im Allgemeinen war sie nicht eitel, jetzt aber stieg der Wunsch in ihr auf, dem stattlichen Mann da drüben eine leise Andeutung ihrer Schätze zu geben. Schaden konnte das nichts. Was haben Sie da für einen Herrlichen Ring?" fragte ihr Begleiter, mit Interesse das Kleinod betrachtend. Amanda hob die Hand ein wenig, er griff danach und küßte sie. Nun erglühte sie über und über. Dann zog sie den Ring vom Finger und gab ihn ihm hin, damit er ihn besser betrachten konnte. Es ist ein sehr altes Erbstück. Sehen Sie nur, der Reif stellt in kleinen Perlen die zwölf Himmelszeichen vor; der Solitair soll die Sonne sein", erklärte sie. Ich interessire mich ungemein für alte Schmucksachen", entgegnete er, indem er den Ring auf einen seiner Finger schob. Ich selber besitze einige werthvolle Ringe, finde es aber unpassend für einen Mann, sich mit solchem Tand zu schmücken. Man soll das dem schönen Geschlecht " hier verneigte er sich höflich gegen Amanda überlassen." Stürmisch wogte das Blut durch Amandas Adern, als sie ihren Ring an seiner Hand sah. Wenn er doch vergessen möchte, ihn zurückzugeben! Dann würde man in der Gesellschaft sofort erkennen, daß sie schon Beziehungen zu einander hatten und dann dann war eine Verlobung unvermeidlich! Was aber würde ihr Begleiter erst sagen, wenn er ihren anderen Schmuck sah? Ihre Arm- und Halsbänder, Brochen, Ohrringe, Haarnadeln und Spangen? Als sie inBraunberg anlangten, waren sie schon ganz gute Freunde. Er hatte mit ihrer Erlaubniß eine Cigarette geraucht, ihr eine solche angeboten; sie hätte sie gar zu gern geraucht ihm zu Liebe; aber sie fürchtete, es könne ihr übel werden. Schade, er fand es so nett, wenn eine Dame Cigarretten rauchte. Nun, sie konnte es ja noch lernen. Und sie wollte es auch. In Braunberg mußten sie umsteigen. Der Landrath war äußerst zuvorkommend und ritterlich. Er sprang aus dem Coup6, half ihr beim Aussteigen, wobei er ihr die Hand herzlich drückte und sie mit verliebten Augen anschaute, und nahm ihr die immerhin schwere Tasche mit den Juwelen ab, um sie zu tragen. Amanda schwebte im siebenten Himmel. Sie war schon ganz verliebt und er er schien sich ja furchtbar für sie zu interessiren. So standen sie eine Weile, er mit der Tasche in der Hand, auf dem Perron und warteten auf den Zug. Als er einfuhr, eilte der Landrath die Wagen entlang, um ein Coup6 zu suchen. Sie sollte einstweilen warten, bis er ein passendes gefunden hätte, sagte er und fügte flüsternd hinzu, er werde dem Schaffner ein Trinkgeld geben, damit er ihnen ein Coup6 allein anweise. Der kleine Bahnsteig war dicht gedrängt voll Menschen, denn in Braunberg war Jahrmarkt. Als ihr Begleiter ein Stück gegangen war, verlor Amanda ihn plötzlich aus den Augen. Sie tröstete sich jedoch, er würde schon zur rechten Zeit wieder bei ihr sein, ehe der Zug fortfuhr. Plötzlich trat ein junger Mann in Livree auf sie zu, der sie im Auftrag seines Herrn ersuchte, in ein Coupö zu steigen; der Landrath komme gleich nach. Er habe eine Depesche aufzugeben vergessen, was er jetzt nachholen müsse. Amanda stieg zögernd ein und olfute unverwandt durch's Fenster. Die Thüren wurden zugeschlagen der Landrath kam noch immer nicht. Da wurde zum dritten Mal geläutet er war noch nicht da! Und plötzlich zu Amanda's größtem Entsetzen setzte sich der Zug in Bewegung. Sie schrie laut auf man solle doch warten umsonst. Von dem Landrath nirgends eine Spur! Wahrscheinlich hatte er sich verspätet und war dann im letzten Moment in den ersten besten Wagen gesprungen! Ach, wie sehr würde sich der liebe guie Mann über sein Mißgeschick ärgern! In Elmfeld angelangt, spähte Amanda nach allen Seiten aus. Kein Landrath war zu erblicken! Da bemiich tigte sich ihrer eine heiße Angst. In höchster Verwirrung und namenloser Angst bestieg sie den ihrer harrenden Wagen. In Waldenfels angelangt, hatte sie gerade noch Zeit. Toilette für dae Diner zu machen. Mit welchen Gefühlen sie das that, läßt sich nicht beschreiben. Inzwischen hatte sie ihre Zofe zu Frau von Waldenfels gesandt und dieser sagen lassen, sie mochte doch den Landrath, sobald dieser einträfe, u:r ihre Handtasche ersuchen; sie braucht ihren Schmuck. Die Antwort, die sie erhielt, btachtk sie einer Ohnmacht nahe. Die Haus frau kam selbst und sagte: Der Landrath meint. Du müßten

Dir einen schlechten Scherz erlaub! haben. Er weiß nichts von Deiner Tasche; er kennt Dich ja noch nicht einmal." Das ist aber unverzeihlich von ihm," eiferte Amanda. Er reiste mit mir von D. bis Braunberg in ein und demselben Eoup6; er war furchtbar aufmerksam und liebenswürdig und nahm mir beim Aussteiaen meine Ta-

sche ab, in welcher sich meine sämmtli chen Schmucksachen befinden!" Aber, liebe Amanda, der Landrath ist ja schon seit gestern Abend hier! Er hat heute noch mit keinem Schritt das Haus verlassen. Doch nun komme, Du kannst ihn selbst fragen." Die beiden Damen gingen in den Speisesal. Uebrigens", sagte die Herrin des Hauses unterwegs, sind meine schönen Plane in s Wasser gefallen. Denke Dir nur, der Landrath von Varstenstedt hat sich vor drei Tagen verlobt! Ich bin ganz trostlos!" Im Speisesaal angelangt, wurdc Amanda sofort dem Landrath vorgestellt. Nein, das war nicht ihr Reisebegleiter der hatte denn doch etwas anders ausgesehen Ich bin betrogen und bestohlen". jammerte Amanda händeringend. Sie war ganz verzweifelt. Wie hatte sie nur so leichtsinnig, so bodenlos harmlos sein können! Ihre Juwelen hat sie nie wieder erhalten. Der raffinirte Dieb war und blieb verschwunden. Getrennt auf ewig: Von O. Tussi. Ihr Entschluß stand fest; sie mußten sich trennen, für immer trennen! Qualvolle Nächte hatte er ihr bereitet, verzweiflungsvoll hatte sie gerungen und gekämpft; doch unabweisbar stand die Nothwendigkeit der Trennung vor ihren Augen. Es war furchtbar zu denken, es that ihr unendlich leid um ihn, so lange, lange Jahre hatten sie treu zusammengehalten; er hatte für sie gearbeitet und . geschafft, keine Anstrengung war ihm zu groß gewesen um ihretwillen, sc manche harte Nuß hatte er für sie geknackt und sie hatte ihn treu gepflegt und behütet. So war es gegangen all die vielen, glücklichen Jahre her. Und plötzlich war es über ihn gekommen, so daß sie ihn nicht mehr zu erkennen glaubte. Tief in ihm fraß etwas, nagte wie ein Wurm, immer tiefer, verderblicher; anfangs ließ er el sie nicht fühlen, aber allmählich spürte sie immer mehr, immer deutlicher bie furchtbare Umwandlung, die in ihm vorging. Er mühte sich noch für sie. aber für jede Arbeit, die er that, bekam sie kleine empfindliche Stiche zu fühlen, immer öfter, immer stärker. Hätte er brutal getobt und ihr noch so empfindlich wehe gethan, sie hätte es geduldig hingenommen, aber diese kleinen, bohrenden und tückischen Stiche, die sie unablässig folterten und nu: selten auf kurze Minuten zur Ruhe kommen ließen, machten sie rasend. Lange hatte sie's erduldet dieses Leben voll Qual; lange wälzte sie sich schlaflos auf ihrem Lager und versuchte ihr Schicksal zu tragen, auf Vefserung zu hoffen, sich mit dem Gedanken Es geht vorüber!" zu trösten; abez nun konnte sie nicht mehr, nun war sie entschlossen, sich von ihm zu trennen. Sie wußte, wie furchtbar sie dies alle Beide noch schmerzen würde; er hing ja trotz alledem noch mit allen Fasern an ihr. er folgte ja nur willenlos einer höheren Macht, die ihn trieb, sie zu verwunden und zu quälen, das wußte sie; und wenn sie sein Leben von dem ihren losriß, so tödtete sie auch seinen Lebensnerv, trennte den Faden, der ihrn Kraft und Stärke verlieh, die er nur durch sie erhalten hatte. Und sie wußte auch, wie viel sie an ihm ver, lor, wie sie ihn vermissen würde, den treuen, langjährigen Freund! Doch es mußte ein Ende gemacht werden. Sie kleidete sich an und verließ sicheren Schrittes ihre Wohnung; bald war sie an dem düstern, grauen Hause, wo sich die furchtbare Trennung vollziehen sollte. Mit hochklopfendem Herzen stieg sie die Treppen hinauf, dann zog sie mit Aufbietung ihrer letzten Kraft die Klingel, trat festen Schrittes ein in das düstere Zimmer und ließ sichzuzgizi uhvF uzihoh irntji Kasernenyofvlüt.lcn. Unterofficier (zu einem Dr. phil., rer keinen Bauchaufzug fertig bringt): Ha, nun werden Sie doch wohl einsehen, daß Ihr Leben verfehlt ist!" Lehmann III, Sie stehen schon wieder da wie ein gichtbrüchiges Fragezeichen. Thun Sie mir den einzigen Gefallen und werfen Sie keinen Schatten, sonst muß ich mich doppelt ärgern!" Na, Meier. Sie machen ja so ein dummes Gesicht wie ein GerichtsVollzieher, der beim Auspfänden mit Willkommen begrüßt wird." Leute wenn ich euch so ,chlapp und dämlich dastehen sehe, bin ich allerdings auch für die Abrüstung." Grenadier Müller, machen Sie nicht immer ein Gesicht wie ein Tausendfüßler, der an jedem Fuß ein Hühnerauge hat." Dame: Welche Krankheit halten Sie wohl für die gefährlichste, Herr Medicinalrath?" Medicinalrath: Immer die letzte, meine Gnädige!" Ein Pfiffiger Sammler. . Sind Sie auch Sammler?" Gewiß!" Was sammeln Sie denn?" .Küsse!"

Zweiter Frühllng. Von Helene Migcrka. Es weht ein Rauschen wundersam Durch's welke Laub im Haine; Das mahnt nicht an Vergänglichkeit, Das spricht vom Sonnenscheine. Der Himmel blaut, die Sonne strahlt Halb auf des Waldes Räume, Da wachen auf mit einemmal Vergess'ne Lenzesträume. Die alten Bäume werden jung, So frllhlingsfroh sie stehen; Und ach, vielleicht schon über Nacht Des Herbstes Stürme wehen. So scheint wohl auch ins Herz hinein In stillen Herbstestagen Noch einmal gold'ner Sonnenschein, Will Glückes Kunde sagen. O frage nicht, wie lang es währt. Das selig frohe Hoffen; Dich hat vielleicht vom Erdenglück Der letzte Strahl getroffen.

Goldene Herzen. Goldene Worte klingen weithin, verbreiten sich, stiften Segen und leben noch fort, wenn auch der Mund, der sie gesprochen, schon längst verstummt ist; goldene Herzen aber schlagen im Stillen, gekannt und gewürdigt von wenigen und nur in der Erinnerung einiger leben sie noch, wenn sie aufgehört haben in Schmerz und Lust zu pochen. Goldene Herzen ein selten Ding, meinen wir! Doch ist dem nicht so! Viele, viele Menschen, die uns rauh, gefühllos, strenge und unfreundlich scheinen, tragen solch ein Juwel in der Brust, und nur ein paar Menschen, vielleicht gar nur einer, wissen um den Schatz, kennen und freuen sich seiner! Nicht oft treffen wir Wesen, die den köstlichen Inhalt ihres Gemüthes und ihrer Seele sofort dem Auge und der Wahrnehmung anderer darbieten. Was gut ist, liebt das Verborgene, was gut ist, meidet den Prunk und das Aufsehen! Darum bergen sich goldene Herzen so gerne in unscheinbarer Hülle! Die Güte, die Theilnahme, die Menschenfreundlichkeit und Liebe, die uns mit den Lippen entgegen gebracht werden, können uns nur für eine Weile freuen und blenden! Bald, recht bald wird uns die Erkenntniß kommen, daß von allen jenen schönen Worten keines seine Helmstatte im Herzen hatte, daß sie verwehten, wie sie gesprochen wurden. Oft werden wir jedoch erfahren, daß Personen, die uns empfindungsarm, hart, mürrisch und lieblos schienen, uns in schlimmen, kummervollen Stunden mit wahren Liebesworten zu trösten vermögen, mit ungeahnter Bereitwillizkeit uns zu helfen bestrebt sind! Es kommt überhaupt häufig vor, daß da, wo wir starkeEmpfindung und Opferfähigkeit, Begeisterung und Antheilnahme zu finden glaubten, wir eine bittere Enttäuschung in kritischen Stunden erleben; und da, wo wir Kälte und Gleichgiltigkeit vermutheten, bietet man uns Wärme und Liebe, Rath und That! Nichts ist trügerischer als die Liebenswürdigkeit der Menschen! Darum suche man ernsthaft zu ergründen, was wahr ist an den freundlichen Worten, mit denen man uns überschüttet, suche zu ergründen, wie tief das Gefühl ist, das man uns zeigt! Man übersehe nicht jene stillen, wortkargen Menschen, die oft in Wirklichkeit den goldenen Schatz in der Brust tragen, der nur auf den Lippen der anderen blüht und funkelt und verschwindet, so bald man ihn heben will! Manche Menschen verstecken wie viele indische Bäume unter äußeren Stacheln und dornigem Laub die weiche, kostbare Frucht - des menschenfreundlichsten Herzens!" So sagt Jean Paul. Und unter solchen Dornen und Stacheln verstecken manche ihr ganzes Herz! Ach, könnten wir nur manchmal hineinsehen, könnten wir sehen, wie es zuckt und zittert in Theilnahme, in Bangen und Sorge und sich nicht ans Licht wax! mit seinem schönen Gefühl aus Scheu, Menschenfurcht und falscher Scham! Einem oder dem anderen erschließt sich aber 'solch ein Herz in einer weihevollen Stunde doch, und heil ihm, wenn dieser seinen Werth erkennt und zu schätzen weiß! Er hat ein Kleinod gefunden, ein köstliches Gut, treu in schönen un bösen Stunden! Möge er es halten und behüten, er nennt einen Reichthum sein, dem kein Gold gleich kommt! Freilich giebt es auch Menschen, denen das echte, goldene Herz auch aus den Zügen und Blicken strahlt. Einen bezauberndenSchein wirft es über solch ein Gesicht, himmlische Güte und Barmherzigkeit spricht daraus! Magische Anziehungskraft übt es aus und erwet Vertrauen und Sympathie, wohin es sich wendet! Doch dasAeußere allein thut es nicht. Die wirkliche Herzensgüte hat nichts mit Aeußerlichkeiten zu schaffen. Einleuchtend. (Im Theater einer kleinen Stadt sind sämmtliche anwesende Honoratioren zu Thränen gerührt bei der entsetzlich schlecht gespielten Scene, in welcher Maria Stuart Abschied nimmt ; nur ein Herr ist fast zur Heiterkeit gestimmt.) Einheimischer: Wie?! Sie sind nicht gerührt?!" Fremder: Sie werden gütigst entschuldigen ich bin nicht aus hiesiger Gegend!" In der Markthalle. Schutzmann: Dieses Fleisch können Sie nicht kaufen ;es ist nämlich confiscirt und wird unbrauchbar gemacht !" Junger Ehemann: Dann geben Sie 's nur her; meine Frau rnachr's schon unbrauchbar!"

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