Indiana Tribüne, Volume 23, Number 34, Indianapolis, Marion County, 22 October 1899 — Page 2
-Mir ein Straßenjunge. Con E.Vlanchi. ES ist nur ein Straßenjunge! sagte eine junge weißgekleidete reiche Dinie. aus dein Fenster ihrer EquiPage scheuend; weder ward sie erregt durch das Geschrei der Volksmenge, die sich versammelt hatte, noch durch den Blutstrom, der den Beweis dafür lieferte. 'daß der arme Junge durch einen Hufschlag des Pferdes der vornehmen Dame schwer verwundet war. Die Equipage rollte ihre Straße weiter, und hielt vor dem Eingange der Kirche Maria Maggiore, wo bereits mehrere Damen und Herren die Braut erwarteten. Der Graf B., financiell ruinirt, heirathete, um sein verrostetes Wappen neu zu vergolden und seine Ehre zu retten, die Tochter des reichen Comrnercienraths I. Nach der Trauung kehrten das junge Ehepaar und die Gäste dieselbe Straße zurück, wo man noch die frischen Blutspuren des unglücklichenStraßenjungen sehen konnte. In d.m Hause der jungen Eheleute ging es fröhlich zu; indessen stöhnte der unglückliche Knabe vor Schmerzen im Bette eines Krankenhauses. Ein alter Arzt untersuchte die Wunden des Knaben, und sonderbar! Dieser Mann, der gewöhnt war, so manches Elend zu sehen, war von dem Anblick des unglücklichen Knaben tief ergriffen. Was haben Sie, Doctor?" fragte ein anderer Arzt, welcher eintrat und über denAnblick seines College betroffen war, der Fall scheint nicht hoffnungslos zu sein?" O! mein Freund, Gott wolle es!" erwiderte der Alte, dem Knaben die Locken streichelnd und mit Thränen in den Augen, rsic ähnelt er doch meinenr armen Sohne! Doctor, ich will ihn nach Hause bringen; meine arme Frau wird mir dankbar sein, sie hat nie wieder gelacht, seit der Tod uns unseren einzigen Sohn geraubt hat. Aber sagen Sie, Doctor, glauben Sie, daß man ihn transportiren kann? . . . Ich nehme diesen armen Waisenknaben zu mir... ich glaube, Gott hat ihn mir geschickt!" Viele Jahre sind seitdem vergangen. Ein blasser Sonnenstrahl stahl sich durch das klein: Fenster eines Dach stübchens, in welchem eine sterbende Frau lag. Am Bette kniete betend in junges schönes Mädchen. Die beiden Frauen, die in dieser ärmlichen Stube wohnten, waren die Wittwe und Tech ter eines Grafen, der nach einem verschwenderischen und wüsten Le&n im Elend gestorben war und diese beiden Frauen hinterlassen hatte, die sich durch ihrer Hände Arbeit kümmerlich ernährten. Das Mädchen zuckte zusammen und erhob flch, denn sie hörte die bekannten Schritte des trefflichen jungen Arztes, der der Beschützer der Mutter während ihrer Krankheit war. Es war nicht die Kranke allein, die den jungen Arzt in die Dachstube zog, sondern auch die Liebe, die er zu diesem braven, unglücklichen Mädchen vom ersten Augenblicke an siiKie. Die Tochter nahm die Hand der Mutter und flüsterte ihr einige Worte in' Ohr. EinStöhnen rang sich aus der Brust des Kindes; die Kranke schien es gehört zu haben, denn mit matter Stimme sagte sie? Wir sind zu Ende! Mir ist weh zu Muth! Ich bin . . . müde . . . sehr... müde!- Sie schien daran zu denken, daß sie eine arme Waise im Elend zurücklassen müsse, dabei sah sie ihr unqlückliche Tochter schmerzlich an. Ah!" rief der Doctor, in den Blicken der Sterbenden lesend. Verzweifeln Sie nicht, ich habe die Liebe dieses Herzens gewonnen!" und mit diesen Worten schloß er das bebende Mädchen in seine Arme, führte sie der Kranken zu und sagte: Wollen Sie uns segnen?" Bei diesen Worten schien das Leben in der Kranken wiederzukehren, er staunt sah sie den Zungen Doctor an und sprach: Sie, reich, schön, angeseHerr, wollen die Tochter eineS Wüstlings. eines Spielers heirathen?" Ja!" erwiderte der junge Mann, die Hand des Mädchens ergreifend .jetzt bin ich geachtet und lebe in alücklichen Verhältnissen, aber viele Jahre zurück war ich weiter nichts lls nur ein Straßenjunge.- Die Sterbende erbebt sich mit aller Anstrengung und sieht ihm starr in's Gesicht. Sie erkennt ihn, den kleinen Straßenjungen mit Blut überströmt ... Sie nimmt die Hand ihrerTochter, legt sie in die Hand des Zungen Doctors und murmelt unverständlich einige Worte, macht das Zeichen des Kreuzes und sagt dann mit ner letzten Anstrengung: Seid glücklich!" Ter Doctor beugt sich über sie. küßt sie. und sie hört zum ersten und letzten Mal. wie er sie voll InnZgkeit Mutter nennt... Wünsche.
Was anbetrifft das Wünschen, Bin ich Homöopath. So kann mich's schon erfreuen. Wenn ganz am Rock die Nahi. Erfüllung allen Wünschen!" Der Gratulant wohl schreibt: Ich wünsch', daß stets mir etwas Au. wünschen übrig bleibt. Gute Freundinnen. Hausfrau (die zwei Freundinnen zum Besuch hat): Ach. wenn doch die endlich gehen würde, ich habe der anderen über sie so viel zu sagen!" Letzter Versuch. Photograph: Frau, wenn Du mich noch lange ärgerst. Photographire ich dich mal vor Deiner Morgentoilette!" Aneiferung. Neugeadelte Frau (zu ihrem Gatv.n): Laß Dir das nicht gefallen. Otto, und la Dein blaueZ Blut M?n 4
Versuchung. Z?on Wlhelm Scöaer. Noch hat der eigentliche Gottesdienst nicht begonnen. Noch ist die Kirche fast menschenleer. Aber die Orgel spielt schon leise. Auf einer der Bänke, die ganz in der Nähe der Kanzel stehen, hockt eine junge Frau. Ihr schlichtes, fadenscheiniges Kleid, das sich eng um die kräftige Ge statt schmiegt, verräth, daß Ärmuth ihr Loos ist, und die reichlich fließenden Thränen zeigen, daß trotz aller Wangenröthe ein tiefer Kummer ihr Herz erschüttert. Den Gatten hat man ihr genommen, den Vater ihrer Kiuder ins Zuchthaus gebracht. Zu bitterer Noth hat sich die Schande gesellt. Ihr Gatte ist zum Diebe und Einbrecher geworden, dank glücklicher Fügung nicht auch zum Mörder. Und während die betende Frau in rührender Herzenseinfalt wähnt, auf der Bank unter der Kanzel Gott und Gottes Wort am nächsten zu sew.schaut ihr Knabe hellen Auges um sich. Er vergißt den Hunger, der ihn quält. Er hört die Engelein musiziren und ist beim Christkind zu Besuch. Gute Frau, dieser Platz ist vermieihet! Aber drüben hinter der Säule dort stört sie niemand!" Die stille Beterin blickt auf. Grell und gefühllos starrt ein Paar Augen sie an. Blondes Haar umrahmt ein rothes, scharf gezeichnetes Gesicht. Hut und Mantel der Dame glitzern. Stehen Sie doch auf, gute Frau!" Da erst versteht sie's! In namenloser Verwirrung fährt sie empör. Zitternd reißt sie den Knaben mit sich. Und der flüchtenden Frau ist es, als müsse ein jeder sie und ihre grenzenlose Schande kennen, als habe sie in diesem Augenblicke selber Hand an fremdes Eigenthum gelegt, einen Diebstahl begangen. Auf der Bank hinter der Säule sinkt sie nieder. Da fallt der Blick der unglücklichen Frau auf ihren Knaben. In süßem Schlummer der Unschuld ruht er neben ihr, ein Ebenbild dessen, durch den aller Kummer und alle Schande über sie gekommen sind, den wiederzusehen ihr Heiz bislang nicht über sich vermocht hat, und nach dem es jetzt plötzlich verlangt, heiß und lang, in verzehrender Qual. Schimmernden Auges schaut die Mutter auf ihr Kind, dem sie kosend die Wangen streichelt. ' Mir träumte von Vater!" flüstert der Kleine, indem er erwacht. Der liebe Gotte war bei ihm. Laß uns zu ihm gehen, Mutter!" Leidenschaftlich preßt sie den Knaben an sich. Ja", haucht ihr Mund, Gott ist bei Vater!" Abend ist es. Die Kinder liegen in den Betten. Nur Mutter schafft noch mit nimmer müder Hand. Nach Mittag ist sie bei ihm gewesen. Sie hat ihn gesehen in der grauen Sträflingsjacke. Sie hat ihn gesehen mit dem kurz geschorenen Haar. Vor ihr niedergelassen ist er, hat ihr die Hände geküßt, geweint und gelacht wie ein Kind, ihr alles gestanden und nur den Glauben an eines nie zu vergessen sie beschworen: Nicht um meinet-, um der Kinderwillen that ich's! Die Liebe Eure Noth in arbeitsloser Zeit haden mich elend gemacht!. . ." Ueber die Wangen der Frau, die an den Betten ihrer Kinder wacht, perlen heiße Tropfen. Denn, was ihre Seele so lange vergeblich gesucht hat: Trost, sie hat ihn gefunden und zwar dort, wo sie ihn am wenigsten zu finden erwartet hat. Aber sie hält ihn fest, den süßen, bittersüßen Trost und wird ihn nie wieder lassen. Nicht um meinet-, um der Kinderwillen that ich's. Die Liebe, Eure Noth haben mich elend gemacht!". . . Ja, Hunger schafft Schmerzen! Das hat sie erfahren. Die Sorge ums tägliche Brot drückt schwer. Wie sie nur an Vater zu zweifeln, wie nur so lange seine Nähe zu fliehen vermocht hat! Vor ihr liegen ihres Mannes sauer verdiente Groschen. Tiefe Beschämung überkommt sie. Bis auf den letzten Pfennig hat er sie ihr gegeben. Alles für die Kinder, nichts für sich selbst!. . . Und wie morgens in der Kirche schon einmal sinkt die Frau des Verbrechers jetzt vor den Betten ihrer Lieblinge nieder. Um der Kinderwillen hat sich das Furchtbare trennend zwischen sie und ihren Gatten gestellt. Aber auch eines seiner Kinder ist es. das ihr von neuem den Weg der Pflicht gezeigt hat: sie geht zu Vater, und aller Trost ist bei ihm! Mutter!" Was, Kind?" Brot! Brot, Mutter!" Das arme Weib ringt die Hände. Betteln gehen? Lieber sterben! Aber die Kinder wollen leben, darum: Arbeit! Gebt Arbeit!" Ihre Worte klingen halb wie eine Drohung. Als sie auch heute mit ihrem Semusekarren vergebens von Thür zu Thür gezogen 'ist. hat Verzweiflung ihr Herz ergriffen, ist sie todesmuthig in eines der großen, vornehmen Häuser getreien. Sie bettelt ja nicht! Nur das Recht auf Arbeit soll man ihr zuerkenr.cn. Ärbeii gute Frau?" Da schreckt die Unglückliche jäh in sich zusammen. Vor ihr steht die Frau des Hauses, deren Gesicht sie zu kennen meint. Und als sie, sich besinnt, weiß sie auch, zu wem das Schicksal sie geführt hat, will sie schon forteilen fliehen! Aber der starre Ausdruck in den Zügen der reichen.vornehmen Frau ändert sich. Ein Lächeln des Wohlwollens umspielt ihre Lippen. Sind Sie nicht die nämliche Frau, die mit ihrem Kna- j pe auf meinem Kirchstuhle saß? Ich 1
dächtt schon, Sie wollten betteln. Nun bitten Sie um Arbeit. Das ist waS anderes. Treten Sie ein!" Die Arme schöpft Muth. Der schlichtgraue Morgenrock und das Schlüsselbund verrathen, daß die Dame eine praktische Frau ist, die trotz der funkelnden Brillanten im Ohrgehänge sich tüchtig um ihren Haushalt bekümmert. Bald hat die Fragestellerin alles, was sie zu wissen wünscht, erfahren. Denn Theilnahme in Noth macht geschwätzig. Ihr Mann scheint mir ein gefährliches Individuum zu sein. Doch Arbeit sollen Sie haben. Gleich morgen können Sie antreten. Wir waschen im Hause." Schon bereut die Erzählerin ihre übergroße Offenherzigkeit. Der Vater ihrer Kinder ein gefährliches Jndividuum! Schon will ihr eine bittere, abstoßende Entgegnung entschlüpfen. Aber sie denkt an ihre hungernden Kin der. Sie schweigt, hat Arbeit gefunden und Brot! Von nun an kommt die Frau des Zuchthäuslers regelmäßig ins Haus der reichen Frau. Täglich darf s Fleisch und Suppe holen. Und zu Weihnachten schenkt die Consulin" den Knaben und Mädchen warme Hosen und Röcke. Freilich, bei der einmal vor ihr gefaßten Meinung verharrt sie. Ihr Mann ist ein gefährlicher Mensch. Gut, daß er sitzt! Ich möchte ihm wirklich nicht begegnen!" Aber er wird nicht immer sitzen", sagt sich die arme Frau. Und am Ende denkt sie laut, was ihr Herz bis zum Uebermaß erfüllt, was sie aus geheimer Scheu ihrer Wohlthäterin bislang nicht anzuvertrauen gewagt hat: Mein Mann wird vorzeitig frei werden! Er selber hat es mir verrathen." Ja, aber besuchen Sie denn Jhren Mann?" Die Frau des Verbrechers nickt und erzählt fliegenden Athems, wie schwer der Aermste büßt, wie nur der Gedanke ihn aufrecht erhält, infolge guter Führung eher frei zu werden, um mit ihr und den Kindern wieder vereint zu sein. ' Mit mit den Kindern vereint! Nein, nein! Mein Mann wird mit Ihnen reden! Wir interessiren uns doch für Sie! Das sollten Sie wissen! Mein Mann wird Ihrem Manne eine Stelle verschaffen, meinethalben in einem seiner Warenhäuser. Aber daß Sie mit den hindern sich aller sittlichen Gefahr von neuem aussetzen nein, das soll, das darf nicht sein!" Die Frau des Geächteten lächelt. Sie schüttelt den Kopf. Aber die andere redet lange. Allmählich stellen sich Zweifel ein. Wie, wenn die kluge Frau, die es zweifelsohne ehrlich mit ihr und den Kindern meint, schärfer sieht als sie? Wie, wenn ihr Mann zum zweiten Male zum Verbreche? wird, wenn das schlechte Beispiel die Sitten ihrer Kinder verdirbt, wenn ihreWohlthäter die rettendenHändevon ihr nehmen und sie abermals in Elend und Schande alleinsteht? Schon wankt sie. Schon scheint sie der Ueberredungskunst der vornehmen Frau zu erliegen. Doch als sie dann heimgekehrt, in wildem Schmerze alle Vorsicht beiseite läßt und ihre Lieblinge fragt: Wollt Ihr bei der reichen Dame wohnen und alle Tage was Schönes essen oder mit Vater, unserm Vater, vom sauren Brote der Armuth zehren und nie vergessen, daß Vater um unseretwillen im Zuchthause war?" da weiß ihr armes, gequältes Herz, daß es gewählt hat, daß auch die letzte Versu chung von ihm genommen ist. Denn sie schaut im Geiste, wie die Thür sich aufthut, Vater über die Schwelle wankt, sie alle der Reihe nach umfängt und weint und lacht: ein Bild besserer Zukunft! Und die Zukunft hat der trefflicher: Frau die Verwirklichung ihres Traumes gebracht. Heute sitzen Mann'vnd Weib vereint oor der Thür ihres Hauses. Ihr Loos ist ein bescheidenes. Denn niemand in der Stadt hat es wagen wollen, dem gefährlichen Menschen" Arbeit zu geben. Aber durch die Vermittlung des Anstaltsdirektors ist es dem arbeitswilligen Manne gelungen, für sich und die Seinen Unterschlupf aus dem Lande zu finden. Nach gethaner Arbeit ist gut ruhen! Holder Sonntagsfriede umgiebt das glückliche Paar. Sie hat gebeichtet, ihm alles erzählen müssen, auch wie die Versuchung an sie herangetreten ist nfc ihr und den Kinoern. doch fern . cm Gat en und Vater, ein: sorgenfreie .ulunsl verheißen hat. Und er ? Be.'.egt blickt der große, stattliche Mann, dessen frische Wangen durch nichts mehr die Spur einer häßlichen Vergangenheit verrathen, auf jene, die er liebt. Aus seinen Zügen leuchtet seit' samer Glanz. Sein helles Auge blitzt. Sein Mund will reden, doch er kann's nicht. Endlich umfaßt er sein Weib. Wä rest Du von mir gegangen in Verzweiflung und Tod hätt' 'S mich getrieben! Und Dich ?- Angstvoll schaut die Gefragte zu ibm
auf, während er mit zitternder Hand einen kleinen, schmalen Zeitungsausschnitt hervorsucht. Schon tagelang hat er ihn bei sich getragen, doch immer nicht gewagt, ihn vor seinem Weibe zu entfalten, ihr kund zu thun, was die fettgedruckten Buchstaben besagen: Der Eonsul August Eberhard Berg ist infolge betrügerischen Bänkerotts verhaftet worden. Seine Ehe. frau, deren Räume durchsucht wurden, hat offenbar in einem Anfall von Geistesstörung versucht, sich das Leben zu nehmen."
Sprachlos starrt die Frau des ehe maligen Zuchthäuslers auf die gefühllosen Zeilen der Druckschrift. Ein heißer Thränenstrom macht ihrem übervollen Herzen Luft. Arme unglückliche Frau!. ." Lautaufstöhnend ruht sie an ich? Gatten treu liebenden Herzen. Leöesgaöe. Humoreske von Wilhelm Herbert. .'Es ist ein großes Glück, wenn man über alles Schöne, was die Natur dietet, entzückt sein kann. Fräulein Mizzi Sanden war ein solches Glückskind. Während der sechs Wochen, die sie mit ihren Eltern am Kochelsee verweilte, strahlte sie täglich, stündlich, ja, man möchte sagen, jede Minute neu über die Herrlichkeiten, welche sich ihr aufthaten. Die ragenden Berge, die rauschen-
, den Wälder, die leuchtenden Fluthen, die jodelnden, einfachen, gemüthlichen Leute Alles bezauberte sie. Sie ging mit einer Liebe auf das Volt und feine Gewöhnheiten und Gepflogenheiten ein, wie sie den wackeren j Menschen, die doch alljährlich viele Fremde sehen, noch nicht begegnet war. Du wirst Dich ja zu Tode langweilen", warnte ihre Mutter, wenn Du wieder nach Berlin zurückkommst!" .Ach, sprich mir jetzt nicht von BerIm!" gähnte das Mädchen. Dieses Häusermeer dieses Hasten und Lärmcn ich wollte, ich tonnte ewig hier bleiben?" Da ertönte ein. greller Pfiff vor dem Fenster. O", jauchzte sie und schnellte empor, mein Sckatz!" Was?" riefen ihre Eltern entsetzt. Dein Schatz? Was soll denn dieser kecke Ausdruck auf Deinen Lippen? Was fällt Dir ein?" Sie eilten ans Fenster in der bangen Befürchtung einen Lieutenant in Civil, aber mit um fo mehr Schulden, oder einen durchgefallenen Referendar außen stehen zu sehen. Aber der da außen stand, hatte weder Schulden noch Schuhe. Es war ein kecker Sechzehnjähriger, ein braungebrannter Hirtenjunge mit nackten Beinen, über deren festen Waden kurze Kniestrümpfe saßen. Die schwarze Lederhose hatte die Zeiten ihres Glanzes offenbar lange hinter sich, aber das derbe Hemd war blühweiß und auf dem verschossenen, grüngelbenFilzhut staken ein paar Bergblümlein, die genau so frisch lachten wie die Augen des jungen Schelmen. Geh, komm außi!" sagte er. I treib's Vieh auf'n Berg auf! wenn Du mitgehst, zeig' i Dir Eichkatzeln und Kukuzer grad' g'nug!" Aber Du wirst doch nicht!" rief Frau Salden. Mizzi bog sich vor Lachen. Gelt", sagte sie, der gefällt Euch? Meine erste vollkommen selbstständige Eroberung! Er weiß nichts von meinem Geld, nichts von Papas angesehener Stellung, nichts von meiner theuren Bildung seine Freundschaft, die ich mir auf den Wiesen draußen erwtirb, wo er seine Herde weidete, 7st eine durchaus selbstlose! Gleich komm ich, Schatz!" Frau Sanden schlug die Hände zusamnxn. ' Ihr Mann lachte. Laß doch den Uebermuth gewähren!" jagte er. Ein harmloser Ferienscherz!" Ach", entgegnete sie und schaute besorgt hinter den jungen Leuten her, die in lebhaftem, unbefangenem Geplauder die Torfstraße hinaufgingen, wie oft hat man schon die unglaublichsten Dinge gehört und erlebt!" Aber daß unsere Mizzi sich ernstlich in einen Hirtenjungen verschaut und Frau Hüteraspirantin wird, das erlebst Du richt!" tröstete er mit guter Laune. Da hab 'nur keine Sorge! Scherz muß sein, Kinder müssen spielen, und sie ist ja noch ein Kind!'' Nach ein paar Stunden kam das Madchen seelenvergnugt wieder. Seht da", sagte sie triumphirend, die seltensten Berggewächse hat er mir mit gemscnartiger Keckheit vom Gestein heruntergeholt das Schönste sucht er auf den Fluren." Nun hör' aber wirklich auf!" rief Frau Sanden erbost. Was müßten Deine Freundinnen von Dir denken, wenn Du hier mit einem albernenJungen herumschäkerst!" Oho!" antwortete Mizzi und ihre Augen blitzten. Er ist nicht so albern!" Uebrigens", setzte sie geheimnißvoll hinzu, er hat mir heute etwas versprochen!" Versprochen? Er Dir! Das geht zu weit!" sagte Frau Sanden und sprang auf. Hörst Du, Alfred, jetzt rufe ich ganz energisch Deine Autorität an! Daß sich unsere Tochter von einem jungen Mann auch Hirten sind junge Männer Gescheute machen läßt, das geht zu weit!" Herr Sanden legte die Zeitung weg. In der That. Mizzi". sagte er. Deine Mutter hat recht! Geschenke anzunehmen, kann ich Dir nicht erlauben!" Daß der arme Teufel vielleicht seinen Vierteljahreslohn an irgend etwas hin setzte!" eiferte die Mutter. Pfui, . so spiel: man nicht mit dem sauer er- ; worbenen Gelde dieses dürftigen Jun- ' gen!- . ,Aber ich weiß ja noch gar nicht, - was er mir schenken will!" schmollte Mlzzl, iand aus, stampfte Mit einem ihrer zierlichen Fllßchen und rief: Und ich will's einmal haben und er hat mir's versprochen! Koiillonsträußchen von seinen, parfümirten Herren und Ansichtskarten von gezierten Freundinnen kann Jede bekommen aber ein Geschenk von einem solchen NaturmenZchen Hai ganz anderen 5ieiz!" . Beide QlUm sahen sich bedeutsam an
und im Auge eines TZeden lag der Vor-
Wurf: Das ist Deine Erziehung Verziehung vielmehr!" Du", sagte Mizzi Abends zu dem Hirten, als er die Heerde ins Dorf trieb und sie ihm mit ihren Eltern begegnete, ist es denn etwas so Besonderes, was Du mir schenken willst?" lli!" rief er und schnalzte mit der Peitsche. Das wird wohl was B'sondcres sein! Das kriegst's ganze Iah? nimmer!" Hab' ichs nicht gesagt!" seufzte ihre Mutter. Man muß ihm zureden, man muß ablehnen!" Na, na", sagte der Junge, der ihre halblauten Worte offenbar mißverstanden hatte. Du kriegst nix Du bist mir z' alt aber die Jung' gel', Du!" Und er lachte mit beiden blendenden Zahnreihen. Entsetzliche Menschen das!" stöhnte Frau Sanden. Noch von weitem schwenkte der Hirte den Hut und rief: Am Sonntag Mittag komm' i! Da bring' i's! Juhuhui!" Frau Sanden wollte am Samstag abreisen; die Sache regte sie zu sehr auf. Aber Mizzi hatte einmal ihren Kopf aufgesetzt und sie wußte wohl' daß es gegen ihre Macht bei den Eltern kein Ankämpfen gab. So kam der Sonntag. Die Mutter alle Augenblicke von einem Frösteln überrieselt saß halb krank in einem Fauteuil. Ihr Mann las anscheinend ruhig in der Zeitung, hielt aber doch zum sofortigen Ausgleich ein paar Zwanzigmarkstücke in der Tasche und, wenn etwa nöthig, ein energisches Wort auf den Lippen bereit. Nur Mizzi lag in Heller Ungeduld am Fenster und seufzte alle fünf Minuten: Er kommt nicht! Er kommt nicht!" Plötzlich jauchzte sie laut auf. Jetzt", rief sie, jetzt!" Alfred", sagte Frau Sanden halblaut, während das Mädchen zur Thüre eilte, sei ein Mann!" Grüß Gott bei einander!" machte der Hirte und ging auf den Tisch zu. Du, da wirst schauen!" meinte er dort mit stolzem Triumph zu Mizzi und schlug ein nicht gerade übermäßig sauberes Tuch auseinander. Das Mädchen hatte sich tief darüber herabgebeugt, fuhr aber jetzt enttäuscht zurück. Was ist das?" stammelte sie. Das!" sagte der Junge, der ihr Erstaunen für einen Ueberschwung der Freude zu halten schien. Das ist ein Geburtstags - Speck - Knödel von meiner Frau Ahndl! Iß nur! Ganz g'hört er Dein!" Frau Sanden stand sprachlos ihr Mann begann zu schmunzeln. Mizzi kämpfte offenbar zwiscl')en Trotz und Widerwillen mit sich hin und her. Als sie aber den gutmüthigen Spott auf dem Gesicht ihres Vaters las, griff sie herzhaft nach einem Messer, schnitt einen Bissen ab und steckte denselben in den Mund, um ihn im nächsten Moment wieder hervorzusprudeln. Nee", rief sie im echtesten Berlinerisch, das Knödel schmeckt nicht schön!" Was?" sagte der Hüterbub', starr vor Staunen und Entrüstung. Meiner Frau Ahndl ihr GeburtstagsSpeckknödel schmeckt Dir nct? Du wärst mir der richtige Schatz! Nachher iß ich'n selber hab eh' bloß dreizehne 'kriegt! B'hüt' di' Gott, Du g'scheerte Moll'n!" Mizzi stand wie übergössen da. Na, was?" lachte ihr Vater. Dein erster Korb, aber gleich ein kräftiger! Scheinst ja hier wenig Glück zu haben als Schatzfinderin! Vielleicht doch wieder mal 'n bischen Berlin gefällig, he?" Fretz'Kahle. Einen berühmten Fresser dieses sprichwörtlichen Namens hat es gegeben, wie wir aus den Chronistischen Aufzeichnungen eines Berliners von 1704 bis 1758" ersehen. Dort heißt es unter den Notizen vom Jahre 1737: Zu Wittenberg ist den 28. Juni ein Gärtner Namens Jacob Kahlens verstorben, welcher bei seinen Leben nicht nur eine ungeheure Menge von Speisen. sondern auch fremde und ungewöhnliche Dinge zu sich nahm, zum Exempel hat er auf einmal 8 Schock Flaumen mit sammt den Kernen aufgefressen, auch 4 Metzen Kirschen ebenfalls mit den Kernen, sondern auch der menschlichen Natur ungewöhnliche Dinge vergnügen konnte, so daß er zuweilen die Speisen mit sammt den erdenen Töpsen, Schüsseln, Tellern, Stücken von den Oefen, Glas und Steine fraß und dabei mit solchen scharfen Zähnen versehen, daß. wenn er auf einen Stein biß, die Zähne zu sehen warm; lebendige Vögel, Mäuse, Raupen u. dergl. wurden von ihm mit der größten Delicatesse verzehrt, ja er soll kein Bedenken getragen haben, ein blechenes Schreib-Zeug sammt der Tinte und Streusand, Feder und Fe der-Messer aufzufressen, wie solches von 3 vereideten Zeugen, die es selbst gesehen haben, ausgesagt ward, ferner machte er sich ein andermal in Gegenwart vieler Leute, um etwas Geld zu verdienen, über einen Dudelsack her, fraß ihn auf. und die es gesehen haben, sprangen aus Furcht, daß ihnen ein gleiches begegnen würde, zum Fenster raus, um sich zu retten. E r fühlt sich. Baronin: Jean, ich bin doch genöthigt, Ihnen zu kündigen Sie leisten gar nichts, sind t überhaupt zu nichts zu gebrauchen, i Jean: .So, Frau Baronin, zu nichts ' bin ich zu gebrauchen? Und wenn! Gnädige auöfahrcn, wer ist die Ds!oratton?" z ' '
Züngerinnen des Mars. Won Elifa Jchenhäuser. Ein beliebter Einwand gegen die Forderungen der Frauenbewegung macht geltend, daß die Frauen nicht dieselbe Blutsteuer wie die Männer trügen und deshalb nur auf eine mindere RechtsstufeAnspruch erheben könn ten. Ist nun hiergegen schon längst mit Recht erwidert worden, daß die Mütter der Nation eine menschlich weit höher zu bewerthende Blutsteuer als die Söhne derNation entrichten, ist ferner erwiesen, daß ein großer Theil der Männer durch schwächliche Constitution zu der kriegerischen Blutsteuer ebenfalls nicht herangezogen werden kann, ohne daß jemand daran denkt, ihm deshalb die bürgerlichen Rechte zu entziehen, sind schließlich ganze Generationen durch mangelnde Kriege niemals in der Lage, die vielberühmte Blutsteuer zu leisten, während ganze Nationen dieBlutsteuer überhaupt nicht kennen, so ist es doch nicht uninterssant, zu constatiren, daß es nicht die absolute Unfähigkeit und Mangel an Tapferkeit sind, welche die Frauen von der Theilnahme an Kriegen abhalten. Die Fronde" hat kürzlich die Namen einer ganzen Anzahl von Französinnen, die sich in unserem Jahrhundert militärische Lorbern errungen . haben, veröffentlicht. Leider reicht das zur Zeit existirende Ordensbuch der Ehrenlegion, welchem die Angaben entnommen sind, nur bis auf das Jahr 1852 zurück. Namhafte und zuverlässige Schriftsteller, wie Labarre du Parc, Alfred Tranchant, Jean Allesson und Welder. haben zwar der Nachwelt die Namen von weiblichen Militärs, die sich das Kreuz der Ehrenlegion in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts errangen, überliefert, aber selbstverständlich kann deren Zahl nicht aufVollständigkeit Anspruch machen. Sie beläuft sich nur auf sieben, doch es sind Löwinnen. Virginie Ghesquiere ließ sich an Stelle ihres kränklichen Bruders, für den sie sich ausgab, in das 27. Linienregiment einreihen. Als sie mit den französischen Truppen unter dem ComMandanten Junot 1803 in Portugal focht, fiel der Oberst, in einer mörderischen Schlacht schwer verwundet; der Sieg verblieb den Franzosen. Als man beim Appell nach der Schlacht constatirte, daß der Oberst fehle, rief der hübsche Sergeant", wie Virginie Ghesquiere genannt wurde, sofort, daß man seinen Körper suchen und bringen müsse. Sie eilt fort, sucht und findet ihn. Der Oberst lebt noch; zwei englische Officiere reiten vorüber, der Sergeant gibt Feuer, tödtet den einen, verwundet den anderen, wird selbst verwundet, beherrscht seinen Schmerz, transportirt mit Hilfe der Kameraden, die endlich nachgekommen, denOfficier nach der Ambulanz, wo er gepflegt und geheilt wird. Dem hübschen Sergeanten" aber wird seine Verwundung zur Verrätherin. Trotzdem er sich weigert, ärztliche Hilfe anzunehmen, wird ihm dieselbe auf militärischen Befehl aufoctroyirt, und damit ist das sorgfältig gehütete Geheimniß der Öffentlichkeit preisgegeben, was aber die Verleihung des Kreuzes für die Heldenthat nicht hindert. Die militärische Laufbahn einer zweiten Iüngerin des Mars, Marie Schellinck, war folgendermaßen: 1792 Corporal, 1793 Sergeant, 1797 Kriegsgefangene in Oesterreich und Italien, 1793 nach Frankreich zurückgekehrt, 1806 zum Lieutenant avancirt, am 20. Juni 1808 pensionirt und zum Officier der Ehrenlegion ernannt. Sie machte 1792, 1793. 1794 die Schlachten in Belgien, 1795 in Holland. 1796. 1797 und 1800 in Jtalien. 1804 an der Secküste, 1805 in Deutschland, 1806 in Preußen und 1807 in Polen mit. In der Schlacht von Jemappes wurde sie sechsmal verwundet. in derjenigen von Austerlitz erhielt sie eine Kugel und wurde im Tagesbefehl rühmend erwähnt, schließlich wurde sie noch bei Jena verwundet. Als Napoleon ihr das Kreuz überreichte, sagte er ihr: Madame, ich setze Ihnen eine Pension von 900 Frcs. aus und ernenne Sie zum Ritter der Ehrenlegion. Empfangen Sie aus meiner Hand das Abzeichen der Tapferen. das Sie so ehrenvoll verdient haben." Und zu seinen Officieren gewandt fuhr er fort: Meine Herren, verbeugen Sie sich vor dieser muthigen Frau, sie ist eine der Ruhmestitel des Kaiserreichs." Josephine Trinquart, die Mttwe Perot und Annette Drevon waren Marketenderinnen, die sich durch hohe Tapferkeit das Kreuz der Ehrenlegion errungen haben; die Erstere, indem sie, um ein Pferd zu finden, auf dem sie den verwundeten Bataillonschef in die französischen Reihen zurückführen konnte, mehrere Feinde niederschoß und denBefehlshaber rettete, die Zweite. indem sie alle Schlachten in Algier mitmachte und auf dem Schlachtselde verwundet und ausgezeichnet wurde, die Dritte, indem sie bei Magenta zwei österreichische Soldaten, die sich der Regimentsfahne bemächtigt hatten, niederschoß, ihren Händen die Fahne entriß und sie unter einem Kugelregen im Triumph zurückbrachte. Als die Heldin dieser Geschichte später Hallendame wurde, da pilgerte ganz Paris zu ihr, um sie zu bewundern. Auch die Wittwe Brulon war Marketenderin. Wie sie aber Vater. Gatten und Vru-' der als Soldaten fallen sah, da ergriff auch sie die Äegierde, ihr Leben einzusetzen, und sie wurde ebenfalls Soldat. Sie trat ins 42. Jnfanterie-Regiment, avancirte, nachdem sie einen sehr wichtigen strategischen Punkt mit einer Hand voll Leuten bis aufs Aeußerste vertheidigt hatte und verwundet worden war, zum Corporal, sie folgte spater den kaiserlichen Fahnen, wurde.
wieder verwundet und errang neueGrade, bis sie 1822 die Epauleten erhielt. 1851 bekam sie das Kreuz dcr Ehrenlegion. Der hellste Stern dieses Siebeng:stirns ist aber für uns AnneBiget ode? Schwester Martha, wie sie genannt, wurde. Sie schlug keine Wunden, sondern heilte sie.dabei schonte sie sich selbst . .f. 1 5, f . f? je. , . k, i. l sri
niaji, inveiu ne na) oeuanoig oer iefahr aussetzte. 1805 schon rettete sie mit eigener Lebensgefahr eine Frau und zwei Kinder aus einem brennenden Hause; 1807 zog sie, ebenfalls unter eigener Lebensgefahr, einen Greis, der am Ertrinken war, aus dem Wasser; 1809 wendete sie ihre Sorgfalt mehreren Hunderten von spanischen Soldaten, die in Besancon gefangen gehalten wurden, zu. 1814, 1815 hatte sie reichliche Gelegenheiten, ihren Landsleuten beizustehen, sie war die beliebteste und bekannteste Persönlichkeit bei den verbündeten Armeen, und als sie das Kreuz der Ehrenlegion, von den Oesterreichern das Verdienstkreuz und von den Russen die goldene rufstsche Medaille erhielt, da vereinigten sich 1815 Soldaten aller Nationen, um sie zu feiern. Außer diesen sieben Kriegsheldinnen. die das Kreuz der Ehrenlegion erhalten haben, sind im Buch der Ehrenlegion 27 Frauen eingeschrben, die seit 1851 die militärische Medaille erhalten haben. Von diesen ist eine Krankenschwester, die andere, Mme. Mario Witte, ist Organisatorin der Ambulanzen, zwei sind Telegraphendirectricen. die übrigen 23 sind Marketenderinnen, die sich auch in dieser bescheidenen Stellung durch Tapferkeit auszuzeichnen wußten. Man sieht demnach, daß es nicht in dem Grade mangelnder Muth oder mangelnde Fähigkeit sind, die Frauen abhalten, militärische Lorbeeren zu erringen, sondern vor allem die Erkenntniß, daß Wunden heilen eine edlere und schönere Mission ist, als sie zu schlagen. Eine Liste der Liebe. Friedrich Wilhelm, der letzte Kurfürst von Hessen, war ein großer Jäger vor dem Herrn und einer der launenhaftesten, unberechenbarsten Fürsten. Weil er ein wunderlicher Herr war, verfingen freilich bei ihm oftmals auch die wunderlichsten Mittel, jemand zu einem qewünschten Ziele zu verhelfen. Eines solchen bediente sich denn auch mit Glück Fräulein R., die Tochter eines Hofbeamten in Kassel und die Verlobte eines jungenGeistlichen, der Pfarrer in einem Dorfe nn Reinhardswald war. um ihren Bräutigam in eine vacante Pfarrstelle in der Residenz zu bringen, die der Kurfürst allein zu besetzen hatte. Der hohe Herr, der m seiner Residenz viel ohne jede Begleitung umher promenirte, kannte dort jedes 'Kasseler Kind, also wohl auch Fräulein R. Er wußte auch um ihre Verlobung, kannte auch den Pastor M. im Reinhardswald, ihren Bräutigam. Fräulein R. nahm die Gelegenheit wahr, dem Fürsten auf einer semer Promenaden in unverfängliche? Welse sich in den Weg zu stellen, in der ErWartung, daß er sie anreden werde und sie dann ihr Mittel in Anwendung bringen könne. Sie täuschte sich nicht. Der Kurfürst blieb stehen und redete sie mit den Worten an: Morgen. Mamsell R.! Bald heirathen, wie ich höre. Bräutigam Pastor M. im Reinhardswald. Prachtlger Wald das! Wird Ihnen schon gefallen da." . , , Ach ja, gewiß. Kurfürstliche Hoheit. Ich freue mich auch sehr auf den herrlichen Wald. Und all das schone Wildpret da! In der Jagdzeit werde ich iede Woche ein paarmal meinen Hirsch- oder Rehbraten in der Pfanne haben. Zwischendurch dann einmal einen Frischlingsrücken oder einen Kopf .Hoho!" unterbrach der Kurfürst siirnrunzelnd und die Brauen finster zusammenziehend die junge Dame, hoho! und woher will man denn die Braten nehmen. Mamsell R.. wenn gehorsamst danach fragen darf?" O, Kurfürstliche Hoheit! Wer lM Rohre sitzt, schneidet sich Pfeifen, das ist weltbekannt. Wer im Reinhardswald sitzt " Knappst Hirsche weg! Vortrefflich das! Den Herrn Bräutigam im Remhardswald doch als Wilderer gehörig einmal bei den Ohren nehmen, Mamsell R.. ganz gehörig!" , Als Wilderer? Meinen Bräutigam? Haben Ew. Kursürstl. Hoheit Jäger ihn schon beim Wildern erwischt?" r r .Leider nicht, Mamsell. Jager faule, dumme Kerls. Bräutigum sehr schlauer Fuchs, Mamsell. Aber schon das Handwerk ihm legen, Mamsell, ihm schon legen." Der Kurfürst kehrte sogleich ms Schloß zurück und ließ stehenden Fußes den Consistorial-Präsidenten kommen. Pfarre an St. B. Pastor M. Reinhardswald. Vocation in einer Stunde vorlegen. Ueber den anderen Sonntag eingeführt. Infamer Kerl das. aber verflucht schlauer Fuchs. Jetzt hier im Pfarrhause Mäuse jagen. Handwerk schon legen." Der geistliche Oberhirt, genugsam an die seltsamen Schrullen und Wunderlichkeiten seines fürstlichen Herrn gewohnt, kam dem Befehle unverzüglich nach, legte die Vocation vor, die der Kurfürst mit vergnüglichem Schmunzeln und den mehrmals gemurmelten Worten: Jetzt im Pfarrhause Mäuse jagen!" unterschrieb. So wurde Pastor M., den der Kurfürst natürlich für einen passionirten Jäger hielt, obgleich der gute Theologe gewiß in seinem Leben keine Flinte abgeschossen hatte, Pfarrer an St. V. in der Residenz durch die List der Liebe.
