Indiana Tribüne, Volume 23, Number 27, Indianapolis, Marion County, 15 October 1899 — Page 7

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Trauds Hraö. t IJT Von Sophie v. Adelung. Cs war Frühling. Auf dem lKmen Dorffriedhofe jubelten und schluchzten bi Nachtigallen, als wollten sie all das Lud und all die Lust, die seit Menslhengedenken die Welt erfüllen, in den milden Lenzabend hinaussingen. Sein Enkeltöchterchen an der Hand ging der alte Friedhofaufseher langsam die schattigen Gänge entlang. Er hatte die Stelle erst seit Kurzem angetreten und außer der alten Magd war noch die kleine Gertraud, seiner Toch--ter Kind, mit ihm hergezogen; denn er war Wittwer und in der Tochter kinderreichemBauernhofe wimmelte es von kleinem Zeug. Traudl aber ging gern mit dem alten Großvater; wußte er doch so hübsch zu erzählen. Sie war ein nzchdenksames Mägdlein, und so lieb sie auch ihre Eltern daheim gehabt und die Geschwister alle, so war sie doch am allerliebsten bei dem alten Manne: mit dem ließen sich so vernünftige Ge spräche führen und er ging auf alles ein, was sie beschäftigte. Auch gefiel ihr das einsame Friedhofhäuschen gar gut, das zwischen blühenden Fliedersträuchen drin steckte, wie ein Vogelnest, und wo unter den Wohnstuben die kleine Capelle lag, mit den vielen verwelkten Kränzen, den rothen Herzlamden -und dem hohen Katafalk. Auf die sem stand bisweilen ein Sarg; in dem arge aber lag eine unbewegliche 0e statt mit wachsbleichem Gesicht und auf 'der Brust gefalteten Händen. Die blieb so lange dort, bis der Großvater mit Dilfe des langen Jacob und des BalMs das Grab geschaufelt hatte: dahinein wurde sie dann unter Trauergeleite. Sang und Gebet hinabgelassen. Das war alles sehr merkwürdig für die Kleine und sie sah sich eine jede Leiche ernst und genau an. wenn sie in der Capelle aufgebahrt lag. Aber Furcht kannte sie keine: wovor hätte sie sich denn fürchten sollen? Sie war ja beim lieben Großvater, wo ihr nichts gescheben konnte, und dieTodten waren stille, friedliche Leute, die thaten Niemandem etwas zu leide. Gelt. Großvater!, sagte sie, während sie jetzt neben dem Alten hertrippelte: In jedem Grab schlaft einer, der auf den lieben Gott wartet, bis er ihn ruft? Der Alte nickte, sprechen konnte er nicht, denn mit den Zähnen hielt er ein Büschel Bast, das er immer in der Tasche trug, um einen langen Rosenzweig festzubinden, der sich auf ein Nachbargrab verirrt und liebevoll um dessen Kreuz geschlungen hatte. Können denn die Leut da drunten schlafen, wenn man hier oben spricht, und die Vögel so laut singen? fragte die Kleine. Der Alte nahm den Bast aus dem Munde: Die schlafen fest, sagte er. so fest, daß sie nix wecken kann. Aber schau nur, wie viele Leute mit Kränzen! Du mein! Fast ein jedes Grab kriegt seine Vlumenl Die Kleine sah eine Weile den verschiedenen Gestalten zu, die sich zwischen den Gräbern hin rrnd herbewegten. Dann sagte sie: Weißt, Großvater!, ich möcht auch ein Grab haben. Was sagst denn da. Kind? Ein Grab? ja, zu was denn, um's Himmelswillen? bist noch klein und lustig und g'sund, zu was denn ein Grab, rnn's Himmelswillen? widerholte er, sie besorgt anschauend, ob ihr nichts fehle. Bloß zum Liebhaben, Großvater!, erwiderte die Kleine zutraulich; schau, alle Leut' haben ihr Grab, wo sie hingehen und Vlumerln hinpflanzen und Kränz drauflegen, und ich hab gar keins. Meine Gräber sind auch nicht hier, Traudl. Du hast aber alle die vielen, vielen Gräber z'samm, Großvater!, gelt? denn die gehören doch dir, weil du sie b'sorgen mußt. Und ich möcht auch eins haben, gar so gern, für mich allein. Geh. Großvater!, schenk mir eins, gelt? drängte sie in ihn. Du narret's Ding! ich kann dir doch keins schenken. Ach geh, Großvater!, thu's doch! ich bitt dich halt gar so schön! Ich will's ja gewiß gut pflegen und gar so liebe Blümerln drauf Pflanzen, sollst sehen. Dort drüben ist ein Grab, das schaut ganz nacket aus und so allein. Das schenk mir. Großvater!! Bist ein recht'S Dschapei du! Einem so kleinen Dirndl, wie du. ein Grab schenken! Die Gräber gehören ja gar nit mein. Aber er ließ sich doch willig von der ungeduldigen kleinen Hand dorthin ziehen, wo ein morsches Holzkreuz stand, an dem Regen und Sonne die schwarze Farbe abgewascken und verblaßt hatten. Kopfschüttelnd li trachtete er die vernachlässigte Stätt. auf der nur Vogelkraut wucherte und Löwenzahn seine kleinen gelben Sonnen ausbreitete. Hast recht, sagte er dann, das sieht bös aus. Da ruht ein altes Weib, der ihr einziger Sohn weit fort ist. und für der ihr Grab Niemand mehr sorgt, Marianne Attenkoferin hat sie geheißen. Morgen komme ich so wie so daran. Großvater!! die Kleine sah ihn mit flehenden Augen an und legte die Hände zusammen. N i. meinetwegen, sagte derAlte, das Grab soll dein sein, zum Pflegen und Hüten. Aber schau, Traudl, mußt dann auch dabei bleiben, hörst? G'wiß, Großvater!, gewiß! bis daß der liebe Gott die Marianne Attenkofer ruft, soll sie ein Grab haben, so schön, wie alle andern. . . . Jahre sind seitdem vergangen, aber Traudl hat Wort gehalten. Auch als sie anfing, in die Schule zu gehen, und nachher, als sie dieselbe wieder verließ, hat sie nicht aufgehört, ihr Grab" zu flezen. Das. morsche Kreuz ist aus-

gebessert und frisch angestrichen wvrden. der Name der stillen Schläferin darunter mit frischen deutlichen weißen Buchstaben zu lesen. Auf dem Grabe aber blüht es wie in einem Gärtlein, und wenn es auch meist nur wilde Blumen sind, sie duften doch süß. Die Nachtigall ruft und lockt und flötet heute wieder einmal so srühlingsselig vom nahen Busch herüber. Der greise ffriedhofaufseher geht wie damals in den Gängen auf und ab: nur ein wenig gebückter ist er seither, die Gänge noch schattiger. Von Zeit zu Zeit schaut er nach dem Gitterthürchen, wo seine Enkelin herkommen muß, die gegangen ist, einer kranken Nachbarin Suppe zu bringen. Es ist still im Garten. Die Leute haben heutzutage auch auf dem Lande nicht mehr so viel Zeit wie früher, um die Ruhestätten ihrer Lieben zu besuchen. das Leben eilt und drängt und hastet zu sehr. Da kommt ein Mann .zur fZriedhofspforte herein: auf dem Rücken trägt er ein Mnzl. das Gesicht haben Wind undWetter gebräunt. Von fern her, denkt der Alte und beobachtet den fremden, wie er einen Augenblick unschlüssig im Mittelweg stehen bleibt und dann mit langsamen Schritten der Nordseite zugeht, wo die bescheidenen armen Gräber liegen. Er kennt seinen Weg, denkt der Alte. Aber, wenn er mich brauchen sollt', ich bin ja so weit nit weg. Wo nur die Traudl bleiben mag? Mittlerweile werden des Fremden Schritte immer lanzsamer. Er nimmt den Hut ab und wischt sich über die Stirn. Dann sieht er sich wehmüthig um. So allein, so ganz allein in die Heimath zurückzukehren, es ist hart. Er ist jetzt ein gemachter Mann, ehrlich und redlich hat er seine Zukunft gesichert, das Leben liegt offen vor ihm, aber er steht einsam in der Welt. Die alte Heunath und das Grab der Mutter sah er beide so oft im Traume, bis er aufgebrochen war, d& weite Ueberfahrt von Amerika gemacht hatte und nun tlopfendenHerzens wieder dastand, grade am Todestage seiner Mutter, wo er einst so heiße Thränen geweint, als er von seinem Glück und seiner Jugend Abschied genommen. Wie würde er das Grab wiederfinden? Würde er es gleich erkennen? Würden nicht Wind und Wetter, Sturm und Winterschnee die Inschrift auf dem alten Holzkreuz verwischt haben? Ja, stand dieses überhaupt noch da? Eine ganze Weile zögerte er noch, dann bog er in den schmalen Seitengang ein, der zum Grabe der Mutter führte, und stand gleich darauf vor dem niederen Hügel. Zwei- und dreimal mußte er sich über die Augen fahren: War das ein Traum, war es Wirklichseit, was da so lieblich und duftend vor ihm lag, ein sorgsam gepflegtes Gärtlein, aus dem das Kreuz hervorragte? An' seinem Stamme aber hing eine mattschimmernde Herzlampe, die einen rosigen Schein über das schwarze Holz und die hellen Buchstaben verbreitete, die ihm schon von weitem entgegenleuchteten: MariaAttenkoser. geb. 1830 gest. 1890. 6 Mutterl, Mutterl! Es hielt ihn nicht länger; laut aufschluchzend kniete er am Grabe nieder und schlang beide Arme um das Kreuz. So ein liebli.ches Willkommen! es dünkte ihm fast, .wie ein Gruß aus himmlischen Höhen, als spreche die Todte zu ihm aus all dieser duftenden Blüthenpracht, als wolle sie ihn an ihr Herz ziehen. Lange lag er so da, in sich versunken, voll Rührung und Wehmuth. Wer, wer in aller Welt mochte so für das Grab seines Müterleins gesorgt haben, während er draußen in weiter Fremde den Kampf um's Dasein kämpfte? Als er sich endlich langsam aufrichtete und die Augen erhob, begegnete er dem Blick zweier anderer Augen, und vor ihm stand ein Mädchen in der heimathlichen Tracht, das ihn voll Theilnähme betrachtete Unwillkürlich redete er es mit dem trauten Du" an, das er in der Fremde mühsam verlernt hatte. Hast etwa Du mein liebeö Grab so geschmückt, Deandl? Sie stutzte. Das Grab da ist mein, sagte sie. Dein? Ja, das ist mein, schon viele, viele Jahre. Betroffen schaute er sie an, die zierliche und doch kräftige Gestalt, den schweren flechtenumwundenen Kopf mit den treuherzigen Augen. Dein? wiederholte er langsam. Ihm war wundersam zumuthe: reisemüde wie er war, betäubt und ergriffen, meinte er jeden Augenblick, es könne das alles vor seinen Blicken wieder spurlos zerrinnen: das blumengeschmückte Grab, die fremde liebliche Gestalt des Mädchens, der ganze stille GotteSgarten mit seinen herben und doch süßen Erinnerungen. Seit ich denken kann, hab ich es lieb und versorg es mit Blumen, nahm sie wieder das Wort. Mußt wissen, wie ich noch ein ganz kleines Deandl war, hat mich das Grab da erbarmt, weil es gar so verlassen und vergessen war. Kein Mensch hat danach geschaut, denn der einzige Sohn der Frau, die darin liegt, ist fortgezogen, weit fort, ich mein gar, nach Amerika. Und weil ich halt auch gern ein Grab gewollt hab, das mir allein g'hören sollt, wie ichs bei andern Leuten g'sehn hab, du mein! ich hab dazumal freilich noch nix gewußt von Tod und Sterben! so hab ich mein Großvater so lang bitt', bis er mir das Grab da geschenkt hat. So, jetzt weißt alles. Maria Attenkofer hat' f g'heißen, die Frau, und heut ist grad' ihr Todestag, siehst? Damit bog sie die Zweige der beiden Büsche zu Seiten des Kreuzes auseinander, damit er die Inschrift noch besser lesen könne. Und darum brennt auch heute ein rothes Herzlamperl auf dem Grab. Gelt, gar lieb und schön sieht's aus? jAber wer bist du denn eigentlich? fragte fr etwaö schüchtern. .

Er deutete nach dem Namen auf dem Kreuze. So heiß auch ich. sagte er: Attenkofer. Anton Attenkofer. Sie trat einen Schritt zurück. In ihrem Gesicht malte sich ein freudiger Schreck. Maria und Joseph! So bist du am End gar . . . Ich bin der Sohn. Mehr brachte e? nicht heraus. Sie schlug die Hände zusammen, in ihre freundlichen Augen traten Thränen. Jetzt so was, nein, so was! wiederholte sie einmal über das andere. Aber der ist ja drüben in Amerika! setzte sie naiv hinzu. Es gibt Schiffe zum 'rüberfahren, meinte er lächelnd. Sie sah ihn an, dann streckte sie ihm treuherzig die Hand hin. So grüß dich Gott, sagte sie warm. Weil du doch gar Niemand hast, hier, in deiner alten Heimath, der dich begrüßen könnt, so muß halt ich es thun. Er ergriff ihre Rechte, er drückte sie in seinen beiden Händen und sah ihr dabei tief in die Augen. Deandl, was du da mir und meinem Mutterl gethan hast, das soll dir unser Herrgott vergelten, sagte er mit bebenden Lippen. Ich kann's nie und nimmer. Hätt'st du nur mein Mutterl gekannt, so wüßtest du. was mr an dem Grab da liegt. Aber da zog sie plötzlich ihre Hand aus der seinen. Du mein! Da hab ich nit gleich darauf gedenkt! Das Grab, das g'hört ja jetzt dein, weil es dein Mutterl ist, das darin schläft. Weißt, darfst mir's nit übel nehmen, wenn mir's ein bisserl schwer wird, z' denken, daß es nimmer mein ist. Wenn man so ein Fleckerl Erd' lieb g'habt hat. wie sein Gärtl, fast ein halbs Leben lang natürlich, 's g'hört jetzt dein, aber ein bisserl leid thut mir's halt doch, es abz'geben. Vergeblich suchte sie ihr Gesicht vor ihm zu verbergen. die Augen standen ihr voll Wasser. Deandl, sagte er nach einer Weile, während welcher er sie schweigend beobachtet hatte, schön reden kann ich nit, s' ist nit meine Art. Aber sagen muß ich dir. wie mir's ums Herz ist. Schau, du hast jahrelang das Grab da, das dir fremd war, g'Pflegi und g'hütet und lieb g'habt, dieweil ich, der Sohn, in der weiten Ferne war und nix für das Grab hab thun können. So wollen wir uns halt jetzt, wo ich wieder daheim bin. in das Grab theilen. Wie eine liebe Tochter bist du g'wesen, alle die Zeit, für mein Mutterl und so soll's auch jetzt bleiben, wo der Sohn wieder da ist, gelt? Dann wären wir ja zwei beid' Geschwister, sagte sie schüchtern und sah ihn dabei lächelnd an. Ja, G'schwister, sagte er warm. Aber da fällt mir doch was ein; er sah sie unschlüssig an, das geht doch nit so recht. Weißt, eine rechte Tochter kannst du doch eigentlich nicht sein, weil du nit Attenkofer heißt. Ja. was sollen wir nachher thun, fragte sie. wenn wir doch 's Grab zusammenpflegen sollen? Was meinst? er fuhr sich durch das lockige Haar und sein ernster Mund wurde schalkhaft: Ich will dir einen Vorschlag machen. Es müßt halt ein anderer Titel sein, als Tochter, aber eben so schön. So zum Beispiel, ja, zum Beispiel, was meinst zu Schrote grrtochter? Weißt, dazu braucht man ja nicht denselben Namen auf d' Welt bracht haben. Ihr war plötzlich eine heiße Nöthe in die Wangen gestiegen. Da kommt mein Großvater! rief sie hastig und im nächsten Augenblick war sie seinen Blicken entschwunden. Wieder ist es ein schöner ZlarerFrühlingsabend. Die Nachtigall flötet in den Büschen, aber heute sind es lauter selige, jauchzende Liebeslieder. Auf der Friedhofsbank sitzen zwei, die sich an der Hand halten und gar nicht wieder los lassen können, so viel haben sie sich zu sagen, in Worten oder auch in süßem Schweigen. Jetzt weiß ich doch, auf wen ich drüben immer g'wartet hab', sagte er und schaut ihr dabei ins Auge. Und ich weiß, für wen ich mein liebes Grab so schön gepflegt habe: schau, wie das Herzlamperl herüberleuchtet! Wieder schweigen sie eine ganze Weile. Das ist unsere Lieb', die so hell brennt. Traudl, sagt er bewegt. Die Lieb', die über den Tod hinausreicht, sagt sie leise, Toni! ist's auch recht, auf dem Friedhof von Lieb' zu reden? Er sieht sie an und zieht sie fest an sich. Von unserer Lieb' schon, die darf der Herrgott sehen, und was der sehen darf, das können auch die stillen Tod ten da drunten hören, gelt Traudl? O. was hätt' sich mein Muterl über uns zwei beide g'freut!

Die Schuld Der Zilutter. ?on Paul Nichter. Fast ganz dunkel ist's in dem kleinen Dachstübchen. Ein Oellämpchen, daZ auf dem wackligen Tisch steht, müht sich vergeblich, mit seinem röthlichenSchein das Zimmer zu erhellen. Ein stöhnender Husten dringt aus der einen Ecke, er kommt von einer bleichen, altenFrau. Sie sitzt aufrecht im Bette, die hagern Hände krampfen sich fest am Bettge'stell, sie hustet. Hohl, qualvoll, verzweifelt, wie der Todesschrei eines verwundeten Thieres klingt's durch die Stille der Nacht. Ach, Fritz!" Dann lächelt sie wieder. Ihre Hände fahren über die Lcttdecke, als streichelten st: einen li:b:n Kopf. Nicht immer war's so. Ach nein! Freilich, lang ist's her. Da war das bleiche, kranke Weib eine junge, blühende Frau. Die Rose nannte man sie. Schön war sie. Und sie wußte es auch. Und glücklich? Ja, auch glücklich. Sie liebte ihren Mann, der sie auf Händen trug. Und dann der Junge, ihr Junge, der Fritz! Wie konnte er lachen, fo hell, so übermüthig! . Dabei ftllfeten

seine kleinen weißen Zähnchen. Und schmeicheln konnte er! Alles mußte sie thun, wenn er seine weichen Aermchen' ihr um den Hals legte und so süß sagte: Du bist meine liebe Mutter." Dann kam die Schuld! Sie weiß nicht mehr, wie's angefangen. Sie will nicht mehr daran denken. Und doch, so oft, immer wieder tappt die Erinnerung durch ihr Hirn. Wie eine dunkle Hand kommt's immer näher. Immer größer wird sie. Sie legt sich um ihren Hals, sie preßt sich zusammen. immer fester, immer starrer. Sie möchte schreien, sie kann nicht. Dunkle Ringe tanzen ihr vor den Augen. Sie will entfliehen. Ihre Glieder sind gelähmt. Kalter Schweiß bedeckt sie. Ja die Schuld! Die scheußliche Schuld! Sie weiß es noch, wie wenn's heute gewesen, wie es endete, alles, alles! Das Gericht entschied. Die Scheidung wurde vollzogen. Das Kind wurde dem Vater zugesprochen. Sie stand allein, ganz allein ohne Eltern, ohne Mann, ohne Kind, ohne Ehre! Niemand kümmerte sich um sie. Warum machte sie damals nicht ein Ende? Jedes Mal. wenn sie's wollte, war's ihr. als fühle sie zwei weiche Kinderarme an ihrem Hals und hörte ein helles Stimmchen: Du bist meine liebe Mutter!" Sie konnte es nicht. Aber wär: es nicht besser gewesen? Jahre vergingen. Keiner von ihren alten Bekannten kannte sie mehr, keiner auch er nicht mehr, ihr Fritz. Sie sah ihn oft. Er ging zur Schule, sein Ränzel auf dem Rücken, mit ernstem, wichtigem Gesicht. Sie stand verborgen hinter einem Baum, hinter einer Thür, bis er vorüber war. Dann ging ste hinter ihm her, - immer in großer Entfernung, scheu wie eine Verbrecherin. bis er in das Schulgebäude trat. Er durfte sie nicht sehen! Aber was hätte sie gegeben, wenn er sie erkannt und jubelnd aus sie zugestürmt wäre: Du bist meine liebe Mutter!" Aber nein! Seine Mutter war ja todt! So hatten sie ihm alle gesagt, auch der Vater. Und Vater lügt nie. Eine Blutwelle schoß ihr in's Gesicht. Sie zog das alte Umschlagetuch, das sie über den Kopf gebunden hatte, tiefer in's Gesicht. Er ging vorüber. Wie traurig der kleine Kerl aussah! Seitdem war sie vorsichtiger. Da kam er eines Tages nicht. Unruhig wartete und wartete sie. versäumte ihre Arbeit. Gequält ging sie fort. Auch am nächsten Tage kam er nicht. Sollte er krank sein, sollte er gar ? Sie wagte es nicht auszudenken. Sie konnte es nicht fassen. Als er den nächstenTag noch nicht kam. war sie verzweifelt. Den ganzen Tag lief sie umher, fürchtend, hoffend. Als es dunkel war, schlich sie nach dem Haus, nach seinem Haus. Nach ihrem Haus? Nein. Sein Haus war nicht mehr ihr Haus. Sie hatte es verscherzt, sie war ja eine Ausgestoßene! Die Fenster waren verhängt. Eine entsetzliche Angst packte sie. O Gott! Nur das nicht! Sie wollte fragen. Aber wenn man ste erkannte? Sie kämpfte. Aber sie mußte. Ein alter Mann trat aus dem Hausflur. Sie erinnerte sich nicht, ihn je gesehen zu haben. Ihn konnte sie fragen. Sie that's. Der Alte sah sie verwundert an, halb neugierig, halb theilnahmsvoll. Ja, unser Herr ist gestorben, unser guter, unglücklicher Herr!" Er wandte sich ab und fuhr sich über die Augen. Als er sich zurückwandte, sah er in ein verzerrtes Gesicht. Sie kannten ihn wohl?" wollte er fragen. Aber es erschien ihm so plump. Er ging ohne Won weiter. Sie stand wie erstarrt. Alles tanzte ihr vor den Augen. Sie mußte sich an der Thüre festhalten, sonst wäre sie gefallen. Sie setzte sich auf den Stein, der seitlich am Eingänge stand. Plötzlich schrie sie auf. Dann schluchzte sie. thränenlos. bis sich ihr Schmerz löste. Dann weinte sie, weinte immerfort. Keiner sah sie, es war ganz dunkel dort. Ja, warum weinte sie? Er. er, Fritz, er lebte ja! Weinte sie vor Glück, oder war es Schmerz, Reue, die wieder so gewaltig aufflammte? Am nächsten Morgen sah sie ihn wieder zur Schule gehen. Er hatte einen schwarzen Flor um den Arm. Sein Gesicht war blaß, seine Augen geröthet. Es schnitt ihr in's Herz. Sie vermachte nicht, il,m wie sonst aus der Ferne zu folgen. Wenn er sie angesehen hätte! Es wäre ihr Tod gewesen. Nein, nein! Wieder waren Jahre vergangen, die Großeltern. die sich seiner angenommen, waren gestorben. Er stand ganz allein. Allein? War sie nicht da? Nein, sie war ja todt! Er hatte die Schule durchgemacht. Dann sah sie ihn lange nicht wieder. Er war wohl fort von B.. er studirte wohl gewiß draußen in der Fremde. Du armes Kind! Ohne Vater, ohne Mutter! Wo mochte er jetzt sein? Fritz. Fritz! Und wenn sie ihm alles sagte? Würde er ihr verzeihen? Nein, nein! Sie hatte es ja gelobt. Sie war ja todt! Aber wo mochte er sein? War er gefund? Lebte er noch? Da sah sie ihn eines Tages wieder. Sie hätte jauchzen mögen. Wie hatte er sich verändert. Groß und stattlich war er geworden. Ein blonder Vollbart umrahmte sein ernstes Gesicht. Ja, die Augen, die blauen Augen, sie waren dieselben geblieben. Sie blicktcn noch immer so froh, so rein in die Welt. Sie hätte weinen mögen vor Glück. Aber sie. konnte nicht mehr weinen. Das war das letzte Mal, daß sie ihn gesehen; dann nie mehr. Sie wurde kränker und kränker. Schließlich konnte sie nicht mehr fort(,.hen. Und dann kam die Noth. Das Wenige, das sie zurückgelegt hatte, ging Zur Neige, Niemand kümmerte sich um

sie. Was sollte daraus werden? Barmherziger Gott! Sterben? Nein, nein! Nur nicht sterben! Es war eine dunkle Winternacht. Dichte Flocken fielen nieder und bedeckten die Straßen mit einem weichen Tuche. In einer Nebenstraße hielt eine Droschke. Ein Schutzmann stieg soeben heraus, ging geräuschlos über den schneebedeckten Bürgersteig zu dem Gitter, das an seiner Seite hinlief. Dicht an der Straße lag ein dunkles, kleines Gebäude. Gleich daneben war eine Pforte im Gitter. Er öffnete sie und ging gerade aus. Dort wurde es Heller. Er sah mehrere Gebäude, die einzelnen Pavillons des Krankenhauses. Auf das Hauptgebäude ging er zu, klingelte und meldete dem Pförtner den Thatbestand. Bald darauf er- ' schienen einigeKrankenwärter mit einer Bahre. Aus der Droschke hoben sie einen kleinen, abgezehrten Körper. Die Kranke hustete und stöhnte. Als sie auf das kleine, dunkle Gebäude sah, lief gerade das aufflackernde Licht der Straßenlaterne über das Portal hin, hin über die goldenen, schneegekrönten Lettern, die es umkränzten. Es blitzte hell auf. einen Augenblick nur. Doch die Kranke hatte es gelesen: Gedenke, daß Du Staub bist!" Ein Schauer schüttelte sie. Zu Ende? Alles zu Ende? Sie trugen sie vorüber, über den Platz hin, in einen der Pavillons. Der dienstthuende Arzt war geweckt worden. Es war ein junger Mann mit bartlosem, fast kindlichem Gestcht. Er sah verschlafen aus und mürrisch. Das dichte Haar fiel ihm in die Stirn. Die Kranke phantasirte. Er machte ihr eine Einspritzung, gab der Wärterin seine Anordnungen und ging. Keine Nacht Ruhe! Das halt ein Andrer aus!" Er fuhr mit der Hand durchs Haar. Wenn man nur helfen könnte!" Es klang traurig und grollend zugleich. Am nächsten Morgen unterschrieb er den Todtenschein. Im Sectionssaal des Krankenhauses auf einem Tische, halb im Dunkeln, in einer Nische, liegt eine Gestalt. Es ist eine alte, arme Frau. Das weiße Haar ist glatt gescheitelt. Das magere, eingefallene Gesicht ist friedlich, fast verklärt. Im Zimmer ist ein Arzt. Er hat bis jetzt an einem der Tische gesessen. Jetzt erhebt er sich. Wie groß, schlank und doch so kräftig sich seine Gestalt abhebt. Jetzt wendet er sich. Das Lampenlicht fällt hell auf sein Gesicht, läuft über den blonden Vollbart, der wie Gold glitzert, spiegelt sich in den Kneifergläsern, hinter denen zwei blaue Augen so ernst und doch so fröhlich in die Welt blicken. Er lächelt glücklich vor sich hin. Gott sei Dank! Die Arbeit wäre für heute mal wieder vorbei! Nun geht's zu ihr! Ich sollte sie nicht nehmen, weil sie arm ist? Hab' ich denn etwas? Und wer sollte uns denn hindern wollen? Wir haben uns lieb. Stehen wir beide nicht ganz allein auf der Welt? Vater, Mutter. alles, alles todt! Und wieder lächelt er. zieht seinen großen Mantel an, stülpt seinen Hut auf und geht hinaus. Die Leiche seiner Mltter bleibt allein. Der Schein der Straßenlaternen huscht wieder über die goldenen Lettern dort über dem Portal. Er aber sieht nicht, wie sie leuchten: Gedenke, daß Du Staub bist!"

Ein Cato. Won Anna Pawlitschek. So, ha bin ich wieder." Sie steht noch draußen vor dem hohen Spiegel und rust es herein zu dem leidenden Gatten auf den Divan. Dann lomm nur schnell!" giebt er ungeduldig zurück. Und sie eilte mit raschen Schritten zu ihm. Da hast Du mich!" Dann, nach einer Pause: Sag 'mal, bin ich zu lang geblieben?" Ach, nicht doch. Ueörigens hab' ich Dich doch selbst fortgeschickt, damit Du Dir rothe Backen holst. Nun, wie war's denn ? hübsch draußen? " Sie lacht still vor sich hin. Also ?" Ein kostbarer Spaß!" Er horcht auf. Wenn Du wüßtest !" Nrni ? Doch kein Abenteuer?" Aber ein ganz regelrechtes, dummer Will!Er macht böse Augen. hätte es nämlich werden können wohlgemerkt. Aber man ist doch ein ehr- und rugendsames Ehetveib! Ach was, Dummheit. Man liebt sein süßes Hausthier!" Also was gab's denn?" Neugierig ?" neckt sie. Wenn ich nun aber nicht reden will?! Hm, was dann?" Du willst aber doch, keline Frau.Klein? Da sieh 'mal" Und sie reckt und streckt sich. ' Ja, sie ist schön. So hoch und schlank gebaut. So vornehm in jeder Beziehung. Er betrachtet sie entzückt. Dann zieht er sie zu sich nieder und küßt sie auf's Ohr. So. Und jetzt beichte." Oho. Ich hab' nichts zu beichten. Ich stehe da. wie ein Tugendengel. Aber erzählen will ich Dir." Gottlob endlich." Ja, stören darfst Du mich nicht. Das merke schön. Also ich ging. In all dem neuen, eleganten Zeug, das Du in solcher Fülle bestellt hattest, und das eben angekommen war. Ich ging damit in den Lnkenden Winterabend hinaus. Kein Mensch hatte mich noch gesehen in der neuen Pracht. Und reiner erkannte mich auch darin. Du, das macht riesigen Spaß!" Wirklich?" Ja. Glaub's nur. So war ich an Apothekers, an Krause's, an weiß

Gott wem vorbeigekommen. Alle guckten, wer das wohl wäre . . . Keiner kam d'rauf. Und ich lachte in mich hinein und ging weiter. Es wurde immer dunkler. Von Beleuchtung aber noch keine Spur ... Na, und dann dann kam's" Das Abenteuer?" Sie nickt. Ich bog in's Vorstadtviertel ein. . . ein Wagniß vielleicht. Aber ich wollte doch 'mal wissen, wie es dort aussähe, wenn kleine Nähmädchen von der Arbeit nach Hause huschten, vom Galan begleitet. Ich ging so und dachte . . . ein Herr mir nach " Der Unverschämte!" O, es kommt noch besser " Er wagte?!" O, sie wagen Alle." Aber ohne Entgegenkommen doch nicht" Meinst Du?! Na, ich kam ihm gewiß nicht entgegen. Bolzengerad ging ich meines Weges . . ." Und er?" Nun, man kennt das doch: hin zurück. Unter den Hutrand gesehen. Wieder nachgestiegen " 'Empörend! aber er sprach Dich doch nicht an, was?" Das eben ist das beste. Er wollte gerad' ... er hatte den Hut schon gezogen ... ich hörte ihn was flüstern da flammte Licht auf ; und ich? um ib)m eine große Vesch'amung zu ersparen, mache ich eine scharfe Schwenkung rechts und trete in einen Hausgang, wo ich mein Lebtag nichts zu suchen hatte." Ich verstehe nicht recht: um ihm Veschämung zu ersparen?! . . . solcheRücksicht. solche Zartheit. Kanntest Du ihn denn? einen Herrn aus diesem Stadttheil?!" Aber freilich, dummer Will! Und Du kennst ihn auch. Wie gut noch dazu! Und jetzt denke Dir: wenn ich so ohne Weiteres unter die Laterne trete, dann muß er mich doch erkennen, trotz Barett und Rundmantel neuester Form nicht? . . . Und wie steht er denn da? Wie der blamirte Europäer! Und wenn ich ihm dann morgen bei Raths beim Thee begegne, dann weiß er natürlich nicht, was für Gesichter er schneiden soll " Die Sache wird immer verwickelter: bei Raths, zum Thee ? Ja, wer verkehrt denn dort? So viel ich weiß, doch nur " Sie lauert mit lustig blitzenden Augen. Na nur nur heraus damit endlich! Nur' der Cato!" Aber nicht möglich unser Cato! Nicht daran zu denken! Wann hat der sich wohl je um Frauen bekümmert?!" Jetzt lacht sie unbändig. Ja, ja, der Cato. Ja, man kann sich täuschen! Uebrigens hab' ich unlängst schon so etwas von ihm gehört. Ich sag' Dir, das ist ein Heimlicher." Da klingelt's draußen. Ach Gott, diese lästigen Besuche. Wie sie Dich mir nicht gönnen!" und er küßt ihr die Hand. Sie geht hinein. Die Thür bleibt angelehnt. Ein reizendes junges Mädchen schält ftf) im Boudoir aus den Hüllen. Dabei flüstert's und kichert's, daß man kaum was Rechtes versteht: Liebe liebe gnädige Frau ! Hu, kalt draußen . . . und finster . . . Ach, aber ich mußte Sie sehen " Mein? süße Anni. was gibts denn nur Neues?" und sie küßt das kleine Rathstöchterlein zärtlich auf die Wangen und den frischen Mund. Ach. gnädige Frau !" Mehr bekommt man vorderhand nicht heraus aus dem zierlichen Persönchen, das mit seinen hellen Kinderäugen unter dem krausen Gelock in die Welt guckt. Geduldig setzt sich die junge Frau neben sie. Sie wird warten, bis die erste Aufregung sich gelegt hat. Sie liebt sie, ihre kleine Freundin. Gnädige Frau " Was, mein Liebling?" Wollen Sie hören?" Aber gen iß! Sobald Sie nur sprechen könnm " O, ich kann schon. Ach, das Glück! Es ist fast zu groß!" Doch nicht gar die Liebe?" Ja. die Liebe!" Ei. ei. Ein so junges Mädelchen?" O Sie glauben mir nicht?! Ach, da ist er doch ganz anders! Er glaubt an mich, trotz meiner Jugend. Er sagt, so gerade will er es haben: so eine erste Liebe, wie die meine, die wird ihn mit dem Leben versöhnen. Denn er Sie müssen wissen, er hat noch nie geliebt, er will von allen Frauen der Welt nichts wissen, nur mich allein hat er in's Herz geschlossen " So soll's ja sein, mein kleiner Schatz!" Rührung befällt die schöne, Frau. Wie könnte der auch anders empfinden, der eben die Hand ausstreckt nach der thaufrischen Knospe? Muß für ihn nicht alles Andere ringsumher im reichsten Garten werthlos sein? Und sie tritt hin zu dem kleinen, bewezlichen Dingelchen und schließt es mit dem Glückwunschkuß in die Arme. Aber wie kam das nur so schnell. . . so vollständig als Ueberraschung für uns Alle, die wir Anni lieb haben'. . .? Ich weiß doch von gar keinen Herren, die meinen kleinen Liebling kennen; steckte man doch noch bis vor Kurzem hinter dem strengen Fräulein" . . ., war man doch noch nicht auf dem kleinsten Studentenkränzchen . . ." Stimmt, gnädige Frau. Und doch wußte mich Einer zu finden. Ach Sie kennen ihn gut! Nein, daß Ihnen aber nichts aufgefallen ist !" Mir?" Ja, sah ich Euch denn zusammen?" In letzter Zeit gar ost. Na, wer ist's? Bitte rathen" Die junge Frau denkt nach. m m

Ich komme nicht daraus", erklärt t endlich. Wer kommt denn auch zu Raths? Ein paar reiche Tanten, die Anni ihr Vermögen hinterlassen werden. und er der Cato!" Na. aber der Cato!" ruft da? kleine Fräulein endlich laut. Es berührt die Frau wie einSchlag. Er, der heimliche Sünder, er wagt es, die holde Kleine für sich zu verlangen! Er will ihr zarte Jugend an sein, verbrauchtes Herz nehmen, er O, sie könnte ihn hassen dafür. Und nicht genug,, daß er den frechen Raub begehen will nein, sogar in der heiligen Zeit, wo die kleine Unschuld ihm ihre Liebe schenkt,- geht er in die Vorstadt und sucht Zerstreuung! Das verzeiht sie ihm nie! Und sie tritt hin vor das Mädchen. Sie mu&. grausam sein. Sie muß. Meine liebe Kleine, wir Frauen " Doch jubelnd fällt Anni ein: Ja, ich weiß Alles, was Sie sagen wollen, theure, gnädige Frau! Wir Frauen, sind berufen, solch ein Glück, wenn 3 sich 'mal ausnahmsweise vom Himmel, auf die Erde verirrt, zu hüten, wie eineheilige Flamme. Nicht.wahr. das meinen Sie? Nun, ich hab' mir das selbst., auch gesagt. Und ich will es thun. Mein, ganzes Leben soll solchem Priesteramt geweiht sein. Ach, er verdient es. Er, er denken Sie doch nur, er! Ein solcher Mann! Und er steigt herab zu mir kleinem Mädchen! Da fallen der Frau die erhobenen,' Arme herab. Das Wort bleibt im. Munde. Da warnen, da abmahnen, wo solch'' festes Vertrauen, solch' heilige Ueberzeugung lebt, das kann sie nicht! Unv wer weiß denn auch, wie dann wohl. noch Alles kommt im Leben? Gerade.' ein solcher wird vielleicht noch ein guter Ehemann Das war ja wohl Alles früher Nur eine Frage noch. Und wann habt Ihr 'Euch denn ausgesprochen?" O jetzt, nicht lang ist's her, kaum eine Stunde. Er war bei uns zum Thee " So? Und dann ging er sogleich fort?" Wie Sie wissen?" Nein, nein; ich frage nur." "Nun ja. Er ging. In's Freie. Das' Herz war ihm so voll von Glück. Da--rum " ging er; so sagte er?" Ja, so war's. Und ist das nicht be greiflich?" O gewiß!" Sie hat keinen Ton mehr oder sie muß Alles sagen Da klingt ein Silberklang durch, den, Raum: des Kranken Qandalocke. Ich muß hinein" Drinnen wirft sie sich neben Will' nieder. Sie drüt ihr heißes Gesicht an . seine kühle Hand. Hast Du je von solchem Heuchlergehört?" Du wirst die Menschen nun 'mal.' nicht ändern, kleine Frau." Schmeichelnd gleiten seine Finger durch ihr Wellcnhaar.

Der spadhafte Marquis. Vor einer Reihe von Jahren war der jetzige französische KriegsministerMarquis de Gallipet ein schneidiger,, bei dem schönen Geschlecht sehr beliebter Kavallerieofficier. In dem Kriegender des unglücklichen Kaisers Maximi--lian von Mexiko wegen geführt wurde,, hatte er sich durch seltene Tapferkeit, ausgezeichnet. Zum ältesten Adel gehörig und mit einer berühmten Pariser Schönheit verheirathet, durfte er sid als eine der begünstigtsten PersönlichZeiten am Hofe Napoleons III. be-' trachten. Eines Tages aber fiel er in. Ungnade. Die Ursache war ein etwasstarker Scherz, den der übermüthigejunge Mann sich der Kaiserin Eugenie gegenüber erlaubt hatte. Man erwartete in Paris einige Abgesandte aus Siam,, welches Reich zu jener Zeit fast unbe--kannt war. Alle möglichen sonderba--ren Geschichten, die man in Bezug aus die außergewöhnlichen Sitten und' Manieren dieser neuentdeckten Orien--talen erfahren haben wollte, machten: in den Hofkreisen die Runde. Zur bestimmten Zeit wurde angekündigt, dafe; die Siamesen eingetroffen wären und sich um eine Audienz bei der schönen Kaiserin der Franzosen bemühten Eugen willigte ein. die Abgesandten, aus dem fernen Osten zu empfangen und zu dieser Gelegenheit umgab sich die prachtliebende Fürstin mit einem zahlreichen glänzenden Gefolge. Als die Kaiserin in großem Staat in ihrenr. Gallasaal in den Tuilerien Platz ge--nommen hatte, wurden die Flügelthüren weit geöffnet und herein traten zwölf dunkelhäutige Männer in phan--tastischen Costümen. .Auf ein Zeicherr ihres Anführers warfen sie sich zu Boden und begannen kriechend und den. Körper in merkwürdiger Weise windend, sich dem Thronsessel zu nähern. Es gewährte einen höchst komischen Anblick. Am sonderbarsten aber waren die grotesken Bewegungen des Hauptling", der so ungeheuerliche Verdrehungen ausführte, daß die Hofdamen tro der strengen Blicke Eugenies ein leichtes Kichern nicht unterdrücken konnten. In dem Moment, als die sich auf dem Parkett entlang schlängelnden Gäste aus dem Morgenlande am Fuße des Thrones angekommen waren, sprang der vermeintliche Anführer der Siamesen plötzlich auf und gab sich der entrüsteten Fürstin als Marquis de Gallifet zu erkennen. Diesen Scherz hat die stolze Kaiserin dem lustigen Kavalier nie verzeihen können.

Ein schlauer B.eod acht t r. Gast: Warum halten Sie denn so wenige Zeitungen?" Wirth: I wissen S', wenn die Gäst' zu viel zuuu Lesen haben, nachher trinken s' zu we-. ; . - - ' i Wfi. (