Indiana Tribüne, Volume 22, Number 332, Indianapolis, Marion County, 20 August 1899 — Page 2
Seröflsonne. Von W. Westenberger. Dreißigtausend Mark, ganz hübsch, aber doch nur eine Lumperei! So dachte Herr Melchior, als er seine Dachstube abschloß und langsam die Treppen hinunterging, griesgrämiger noch als sonst. Und doch hatte er eben in der freien Mittagsstunde sein Vermögen überrechnet und . festgestellt, daß es heute mit der Einlage von hundert Mark, die er, wie jeden Monat, als Gehaltsersparniß auf dir Bau- und Sparbank getragen hatte, aus rund dreißigtausend Mark augewachsen war. Nichts Geschenktes, Ererbtes oder Erspieltes alles sauer erspart. Seit Jahren rechnete er auf diesen Tag, doch als er sich eben em wenig der langersehnten Thatsache freuen wollte, fiel ihm sein Bruder ein, und es wurde ihm wieder kalt ums Herz. Sein Bruder ja der? Der hatte es auf gut Hunderttausend gebracht, als Kellnerjunge angefangen.und hat schon lang ein Prachthaus draußen Auf der schönen Aussicht" O, wenn er dem . Bruder damals gefolgt und ihm das Geld zugeschossen hätte, womit sie beide, wie er vorschlug, diese Goldgrnbe Zum weißen Eck" übernehmen wollten. Er darf gar nicht daran denken! Aber sein schönes Sparsümmchen that ihm zu leid, und obendrein iie Angst, der Bruder könnt' es nicht ganz ehrlich meinen; er gab nichts heraus, und so beschaffte sich der Bruder das kleine Capital wo anders und wurde als Wirth im Weißen Eck" reich und immer reicher, und wo er ihn sah, höhnte er: Na, langts immer noch nicht?! Er hatte nämlich damals gesagt, er wolle sein Geld fein für sich zusammenhalten, daß er einmal als Rentner sein Leben genießen könne. Nun, mit den Dreißigtausend ging es für ihn als Junggesellen schon an, aber der Bruder chat Hunderttausend! Darum ging er fo vergrämt die Treppen hinunter. Draußen schien die Sonne. So warm und köstlich lau war die Luft. Er athmete auf, und seltsam: es wurde ihm anders, i Dreißigtausend Mark, dachte er jetzt, das soll mir einer einmal nachmachen! Ein schlichter Buchhalter, vierzig Jahre auf demselben Sitz und ein Capital von dreißigtausend Mark zusammengespart! Wie schön an diesem 13. October die Sonne schien! Er knöpfte den Neck auf. was er sonst nie auf der Straße that. Verwundert schaute er sich um. Es leuchtete alles um ihn her, das Pflaster, die Häuserwände und gar die Ladenscheiben in einem hellen milden Glänze. Auch die Menschengesichter sah er darauf an, und er meinte, sie blickten alle freundlich drein. Und so hübsch waren die Leute angezogen, daß er einmal zum Vergleich an sich selbst heruntersah, und er schämte sich zum erstenmal. Wie verschabt der braune Rock, und dazu graue Hosen, das paßte doch gar schlecht. Er knöpfte seinen Ueberzieher. wieder zu. Da in dem Putzladen war ein Spiegel aufgestellt; er mußte einmal hineingucken. Er sah ein gar dürres, eingefallenes gelbliches Gesicht mit grau durchschössenem, struppigem Bart. Doch ehe er sich noch über sein Aussehen wehere Gedanken machte, sagte Jemand im Vorbeigehen mit Heller Stimme: Guten Tag, Herr Melchior! Er rückte seine Brille zurecht. Ah, Sie sind es, Fräulein. Warten Sie. ich gehe mit. Es war sonst nicht seine Art, mit den Angestellten des Geschäftes auf der Straße zu sprechen, und" ganz und gar nicht mit dem jungen schnatterhaften Volk der Ladenfräulein. Aber seitsam, heute hatte er Lust zum Plandern. Fräulein Grethe, wie sie kurzweg im Geschäft genannt wurde, war ihm etwas bekannter als dir andern. Bei dem Bilanzmachen wurde ihm , Fräulein Grethe bei der Aufnahme des Lagers zur Hilfe überlassen, und da er es sehr genau nahm, sie dagegen gern überhurtig voranmachte, so waren sie schon öfter in kleine Zwistigkeiten geratben; auch kam es vor, daß er die Schreibstubenthür aufmachte und sich das Gekrähe" verbat, wenn Fräulein Grethe durch irgend einenSchnickschnack nach ihrerArt ihre Kameradinnen hatte laut lachen machen. Mädchenlachen und Hähnekrähen waren ihm nämlich gleich schrecklich. Fräulein Grethe drehte sich ob seiner Anrede überrascht um, und auch er ward etwas verlegen und wußte nichts anderes zu sagen als: Nein, wie ist das schön heute! worauf sie etwas spitz meinte: Finden Sie das auch? Noch etwas verwunderter schaute sie ihn an, als er fragte, warum sie denn durch die Neugasse nach dem Geschäfte gehe; über den Stadtgraben" sei es doch schöner. Aber Herr Melchior, das thun Sie selbst ja nie; das hier ist der kürzeste Weg, und Sie sind ja sonst so pünltlich. Allerdings. Aber heute! Heute? Heute ist's gar so schön. Kommen Sie, wir machen den kleinen Umweg. Auf fünf Minuten kommts nicht an. Da schritt er auch schon quer über die Straße der Anlage zu die sich im Bogen um die Altstadt zog. Wollte sie nicht unhöflich sein, so mußte sie mit ihm gehen. Wie schön die Rosen blühen! sagte er nach einer Weile und deutete auf ein Gebüsch, woraus es ihm roth entgegenleuchtete. Mit den Rosen ist es ziemlich vorbei. sagte sie, das sind Georginen. Ach so, er putzte seine Brille und nahm sich vor, eine andere zu kaufen, 'die besser zum Gebrauch auf der Straße geeignet sei. . Das Laubdaa) der Platanen übe?
ihnen war schon gelichtet. Wo die Sonne durchschien, da war es, als seien die Strahlen zu einem feinen, nebelar-tig-duftigen Gewebe verwoben. AltWeibersommer flatterte da und dort in langen Streifen. Kaum ein Lüftchen wehte, doch rieselte und raschelte es leise in dem fahlen Laube, und langsam schwebte Blatt um Blatt herab. Das Mädchen plauderte vom Herbst. Die Sommerhitze vertrüge sie, seitdem sie in der Stadt sei, nicht gut. Sie sei deshalb froh, daß sie in ein Porzellangeschäft gekommen sei, Porzellan habe doch immer etwas Kühles an sich. Wenn es nicht grade vom Herd kommt, warf er ein, und freute sich groß ob seines Einfalls. Der Herbst sei aber insofern schlimm für sie, als sie dann immer Heimweh bekomme, wegen der Weinlese! Dann thue es ihr freilich leid, daß die Mutter in die Stadt gezogen sei. Aber an einem der nächsten Sonntage wolle sie doch einmal mit der Mutter aufs Land. Nahe vor der Stadt gebe es ja auch Wein, schon in Niederhollbach. Hoffentlich gibt's Most und neue Nüsse und frisches Brot ei ! Herr Melchior erinnerte sich nicht, je in seinem Leben in Most, Brot und Nüssen geschwelgt zu haben; doch leuchtete ihm ein, daß dies etwas ganz Außerordentliches sein müsse. Ei, so gehen wir doch gleich hin, sagte er vergnügt. Sie lachte. Heute ist Montag. Herr Melchior! Eben drum! An die dreißig Jahre habe ich keinen Tag freiwillig verfäumt, und heute, ja, wissen Sie, heute ist mein Geburtstag! Wirklich!? Sie reichte ihm die Hand und machte einen lustigen Knicks. Er hielt ihre Hand ein wenig fest; sie blieben stehen, und er schaute über die Brille in ihr von der Sonne hell beleuchtetes Gesicht. Nein.wie dieSonne warm macht! sagte er und knöpfte den Ueberzieher auf bis auf den untersten Knopf. Wir gehen also nach Niederhollbach! Sie lachte. Ja, wenn es nur darauf ankäme, ob ich Lust habe, ein wenig über Land zu laufen o Sie sollten sich wundern! Aber da schlägt es schon! Lassen Sie schlagen, was es will! Ich lade Sie ein und werde es schon verantworten. Aber nein! Aber ja! Und so ging es eine Weile weiter, währenddessen sie bis an den Ausgang der Anlage gelangten, an die Landstraße, wo der Wegweiser stand: Nach Niederhollbach 4,5 Kilometer. Endlich versprach sie, ihn ein Stückchen zu begleiten; und sie gingen weiter und in den hellen, warmen, lockenden Sonnenschein hinein. Wieder und wieder sagte er: Wie schön das heute ist! Mit einem Male sprang sie lustig den Rain herab auf den Wiesenpfad. Ei kommen Sie doch, hier gehen wir wie auf Sammet. Er ward verlegen ob dieser Einladung, faßte ojber Muth, setzte den Stock vor sich hin, und ehe er es noch dachte, rutschte und holperte er glücklich hinab, doch zitterten ihm die Beine stark. Nun schritt sie ihm fröhlich voran. Sehen Sie, da drüben sind schon die Weinberge. Wahrhaftig, sie sind in der Lese! Sie läßt ihr Taschentuch flattern und ruft übermüthig mit aller Kraft hinüber: Juhu! Juhu! Gleich heben sich da und dort die weißen Kopftücher aus dem Grün, und ein Bursche schwenkt die Mütze: Heijo! Heijo! Und da regt sich der Widerhall drüben im Walde: Ei jo! Ei jo! Sie klatschte in die Hände vor Vergnügen; ihm aber dünkte alles so wunderlich, so er wußte selbst nicht wie. Wenn sie nur nicht so laufen wollte, im linken Knie schmerzte ihn etwas mit jedem Schritt. Er dachte an das zugige Fenster im Geschäft, wo er sein Pult hatte, und nahm sich vor, schon morgen ein ordentliches Fensterkissen zu verlangen. Auch der Ofen taugte nicht. Ueberhaupt. . . Da ist er! ruft sie laut. Vor ihnen glänzt hell im Sonnenlicht der Mühlteich auf. Sie erklärt, es sei herrlich, in dem Nachen überzufahren. Und als die Müllersfrau durch ein Winken mit der Hand von drüben die Erlaubniß ertheilt, löst sie flink die Kette und springt keck in das Boot. Das Fahrzeug scheint ihm sehr bedenklich, doch hört sie gar nicht auf seine schüchternen Einwendungen. Rasch, rasch! Und sie reicht dem Zaghaften die Hand, um ihn, beim Einsteigen zu helfen. Nun sitzen sie sich gegenüber. Sie legt die Ruder aus, stemmt die Füße, wieder das Querbrett und zieht kräftig an. Plumps, plumps, springen vom grasigen Ufer die aufgeschreckten Frösche ins Wasser. Dann wird es still, nur der Ruderschlag tönt. Die Sonne durch einen dünnen Nebelschleier scheinend, übergießt das ruhige Wasser mit gelbrothem Glanz. Wie auf geschmol zenem Golde fahren sie dahin. Wie schön, sagt Herr Melchior, nachdem er das erste Unbehagen überwunden. wie schön! Und' als er jetzt den Blick seiner jungen Fährmännin zuwendet, da staunt er ordentlich. So groß und stark kommt sie ihm vor. Weit lehnt sie sich zurück und zieht die Ruder kräftig durchsWasser. DasKleid spannt sich über der Brust, den vollen Armen. Unter dem schwärzen Hutrand leuchtet ihr lächelnd Gesicht in . lieblicher Röthe. So sieht er sie vor sich, in ihrer Anmuth und Kraft, ganz Freude, ganz üeben. . . Es war fünf Uhr geworden, als sie im Hof der Goftrnen Traube" ankamen. Er war müde und streckte mit Behagen seine Beine aus. Sie horchte auf. Richtig, :n der SHeune knarrte
die Kelter. Ein eigenthümlicher süß. würziger Duft! Zwei Männer drücken am Kelterbaum, und jedesmal, wenn sie im Halbkreis gehend, am Standbalken ankommen, schlägt die Stange knarrend an: Pang! Das haben wir gut getroffen, meint sie vergnügt, und als die Wirthin Gläser bringt, springt sie selbst an die Kelter und läßt sie volllausen. Nicht wahr.' das schmeckt? Jetzt aber Nüsse, Frau Wirthin, und frisches Weißbrot. Dann ist der Blaue-Mon-tagsschmaus" fertig. . Alles ist da. Bald schiebt sie ihm ein ganzes Häufchen der weißen Kerne zu. So seltsam ist ihm zu Muth. Niederhollbach! Da hätte er sonst keine zehn Minuten dafür hergegeben, und jetzt sitzt er da am Montag Nachmittag, mit Fräulein Grethe. Sie erzählt von der Heimath, wie sie fischen balf, wie die Sonne brennt, wenn die Reben aufgebunden werden, von der Mutter ihrem steifen Arm, dann vom Geschäft, und wie sie ihn alle für einen gar wunderlichen Kauz gehalten, und er sei doch ganz gemüthlich heute wenigstens. Ja, heute. Er nickt träumerisch vor sich hin. ' Ach so, Ihr Geburtstag. Sie stoßen an, doch der Most ist ihm bald etwas zu süß. und er läßt auf ihr Zureden einen Schoppen Alten" kommen. Er weiß nicht recht, wie Wein schmeckt, aber er lobt den dünn-säuer-lichen Niederhollbacher sehr, und er trinkt in großen Zügen. Ach, Fräulein Grethe, wie das heute schön ist. Es ist ihm so seltsam warm und weich ums Herz. Er greift mit einem Male nach ihrer Hand und fragt: Fräulein Grethe. was wäre denn im Augenblick so recht Ihr HerzensWunsch? Sie schaut einen Augenblick ernsthaft vor sich hin und sagt dann ruhig: Daß Gott mir meine Mutter noch recht lange läßt. Er blickt in sein Glas. Was weiß er von seiner Mutter? Seine ganze harte Jugend fühlt er in dem Augenblick nach, und dann kommt es wie Zorn über ihn. Hatte er denn nichts, dessen er sich freuen konnte? So nachdenklich. Herr Melchior! Er greift nach ihrer Hand. Ach, Fräulein Grethe, mir ist gar so wunderlich. Mein Geburtstag ist heute nicht T- wissen Sie, ich meinte nur so vergleichsweise. Und nun kommt stoßweise heraus, was ihn innerlich bewegt, die Erinnerung an sein Darben und Entsagen, .halb vollBitterniß und halb voll Stolz, wie er gespart von dem Tage, wo er als junger Schreibgehilfe seine ersten zehn Gulden in die Hand gedrückt bekam; er meints noch heute zu fühlen, wie ers endlich zum Buchhalter brachte und nun jeden Monat hundert Mark und manchmal noch mehr auf die Bank that zwanzig Jahre lang. Sie hört ihm neugierig zu, und er fühlt sich fehr gehoben. Jawohl, das Zuckerstückchen zum Kaffee habe ich mir nicht gegönnt. O, man lernt sich zwingen. Da hatte ich mir einmal ein Stübchen am Garten vom Hessischen Hof" gemiethet, wissen Sie, wo Sonntags immer die Bataillonskapelle spielt, und wenn ich dann oben am offenen Fenster saß das war hübsch und kostete nichts, und Musik hör ich wohl gern, aber eben der Musik wegen zog ich aus. Denn sehen Sie. ich hatte mich ertappt, wie ich lässig da saß und auf das lustige Getöne lauschte, aber das verträgt die Arbeit nicht; Sonntags trag ich nämlich des Nebenverdienstes halber privatim für ein Dutzend kleiner Geschäftsleute die Bücher nach oder schreibe Adressen. Jawohl, ich zog aus. Das soll mir einer nachmachen! Nicht ein einziges Mal bin ich vor die Stadt gekommen. Dafür bracht ich aber ein Vermögen zusammen. jawohl, ein Vermögen! Was sagen Sie dazu, Fräulein Grethe? Sie sieht ihn ernst an. Das ist alles sehr schön, Herr Melchior, aber mein Gott, Sie haben ja gar nicht gelebt! Dann steckt ja Ihr ganzes Leben in Ihrem Gelde. Verwirrt schaut er sie einen Augenblick an. Was sie da so leicht sagt, fällt ihn wie ein Stein auf das Herz, und es schreit mit einem Mal auf in ihm: Was hast du mit deinem Leben gemacht, du Narr? Wie träumend sieht er um sich mit nervös nickendem Kopf. Er thut ihr leid. Ich Habs nicht bös gemeint, Herr Melchior.Der sanfte Ton thut ihm wohl, sein Gesicht belebt sich wieder, und wie er ihre hellen Augen so milde auf sich ge richtet sieht, fährt es ihm heiß durch den Kopf. Sein ganzes Leben setzte er um in Geld. Glück gegen Geld! Ei. wars nicht noch Zeit, es wieder auszuwechseln: Geld gegen Glück? Und da da sitzt es ja vor ihm, das Glück mit rothen Backen Ach. Fräulein Grethe! Seine Augen glänzen; die dürren Hände streckt er mit . ausgespreizten Fingern wie ein Hungernder über den Tisch. Sie haben recht, Fräulein Grethe, aber das ist hinter mir; heute bin ich am Ziel, heute jang ich mein Leben an, heute! Mit zitterndem Tone stößt er das heraus und greift nach ihrer Hand. Doch sie zieht scheu die Arme an sich. Er erhebt sich halb und beugt sich über den Tisch. Leben will ich. Fräulein Grethe. Kikeriki! Er fährt heftig zusammen. Ein Hahn war auf die Bretterwand hinter ihm geflogen und kräht aus vollem Halse. Es geht ihm durch Mark und Bein. Sie muß lachen über seinen Schrecken, und er ärgert sich über sich selbst. Auf einen Zug trinkt er sein Glas aus. Einen Augenblick verschiebt sich alles vor seinen Augen. Das Blut steigt ihm zu Kopf. Seine
Gedanken verwirren sich. Was will er eigentlich? O, er will ihr sagen, waS dreißigtausend Mark eigentlich sind, ba& ?r ihr eine ganz hübsche Häuslichkeit bieten kann, schöner jedenfalls als sie sonst so ein armes Ding zu erwarten hat. Sein Glück soll sie sein, sein Glück. . . Und wieder erhebt er sich. Fräulein Grethe, jetzt weiß ich. was ich will. . . Sein hochrothes Gesicht, der zuckende Mund, die'zitternden, nach ihr greifenden Hände erschreckt springt sie auf. Betroffen hält er inne, und als er nach einem Augenblick aufs neue anhebt: Fräulein Grethe, da unterbricht sie ihn: Herr Melchior, nichts für ungut, da fällt mir heiß ein: grade die eiligste Bestellung vergaß ich heute morgen im Geschäft aufzugeben. O je, gleich muß ich fort. Und sie eilt zur Wirthin ins Haus, um auf den Fahrplan zu schauen. Stumm schaut er ihr nach. Da kommt sie wieder. Ein Glück, in zehn Minuten geht ein Zug nach der Stadt. Aber es heißt springen. Er will aufstehen. Nein, sagt sie ganz ängstlich; er dürfe sich nicht stören lassen. Später geht für ihn ein Zug. Sie rafft Handschuhe und Sonnenschirm auf, reicht ihm mit einer scheuen Bewegung die Hand und springt davon. Unentschlossen geht er ihr einige Schritte nach, aber die Wirthin meint freundlich am Hofthor: Bleiben Sie nur, das ist nichts für alte Beine. Er schaut ihr wehmüthig nach. Er weiß: sie floh vor ihm; er sah ja den bleichen Schreck auf ihrem Gesicht. . . Schon liegt die ganze Straße im Schatten; nur an einer schmalenStelle, wo die Längsseite der Häuser unterbrochen ist, liegt noch ein Streifen Sonnenschein, und dort dreht sie sich einmal rasch um und winkt. Ihre ganze Gestalt leuchtet einen Augenblick auf da biegt sie seitwärts ein. Er sieht sie nicht mehr. Langsam wendet er sich um. Dort gingen sie vorhin im Sonnenschein. Nun liegt der Mühlteich ganz im Dunkel, wie eine schwarze Platte. Das letzte rothe Dämmerlicht schwindet von der Straße. Kühl weht es ihn an, und fröstelnd wischt er sich das Altweibersommergespinst vom Aermel. . .
Rlunlen. Lon Mad. Alvbonse Daudet. Blumen und Blüthen! Welch' ge heimnißvolle Reize stillen, inneren Lebens gehen von ihnen aus was für ein bestrickender Zauber, was für eine Mannigfaltigkeit der Farben. Welche wunderbareGewebe und köstliche Düfte liegen tief in ihnen geborgen! Der ganze Strahlenkranz der Sonne, die ganze Scala ihres leuchtenden Prismas hat über ihre Kronen sich ergossen, und noch zittert in dieser Fluth der frische Glanz der Ursprungsquelle, des ewig goldigen Lichts. Was können sie uns nicht Alles sein, welch' süße Worte zu unserm Herzen flüstern, wie können sie unser Denken anregen zu stillen Betrachtungen! Als kleines Kind schon forschte und tastete ich nach ihren feinen Hüllen, den Uinrissen und Nervenfasern, und nach dem Duft ihrer Säfte und später gar wollte ich menschliche Züge an ihnen herausfind:n. In den purpurnen, goldgelben Blumenblättern eines Stiefmütterchens erblickte ich träumend den warmen Augenaufschlag einer Brünetten, und aus den Heller, milder gefärbten, den lila oder mattgelben, schauten die müden Augen einer Blondine mit ihren Seidenwimpern mir zwinkernd entgegen. So klein und winzig das Gänseblümchen, in seiner runden Form erinnerte es mich täuschend an ein regelrechtes Rad mit Achse und Speichen. Wie die auf ihrem hohen Stengel lang aufgerichtete Sonnenblume nach dem im Westen untergehenden Tagesgestirn sich zuneigt, erschien mir wunderbar, und wenn am Rande der Wässer die Narzisse ihre reich entfaltete Blumenkröne bespiegelte, sah ich in ihr das Symbol einer reinen, makellosen GLttin. Welch' schwermüthigen Eindruck macht die lange Jrisblüthe mit ihren spitz zugehenden Blätterlanzen, und wie einsam wirken im Gehölz verborgen gewisse Giftpflanzen, deren gefleckte Blätter vom kahlen Boden sich abheben im Vergleich zu den Veil-chen-und Maiglöckchenbeeten mit ihrem dichten Laubwerk, die von jenen abseits stehen. Gewiß, es muß in ihrem Aeußeren, ebenso wie in ihrem Leben und Werden, ein Zusammenhang bestehen zwiscren den Pflanzen und ihren Jahreszelten. Wenn im Frühling scheinbar die Sonne noch durch kalte Regionen hindurch wandelt, da sieht man allerwegen nur Gelb und Violet, da kommen die' Stiefmütterchen und Hya--inthen, die Butterblumen, Wasserund Alpenrosen, all' jene Farbenschattirungen, die eine cokette Halbtrauer bedeuten, da kommen Malven, Flieder und Veilchen. Entfaltet sich später dasBlumenprisma in vollstem Glänze, dann erscheinen im Juni und Juli Roth und Blau, die kräftigeren, satteren und saftigeren Farben; dann ragt und guckt die Klatschrose über die höchsten Halme hinweg, dann entwickeln sich Kornblumen, Rittersporn und die vielfarbige Rose von dem tiesen Roth der chinesischen bis zu dem reinen Rosa der La France, dem Safranfarbenen der Gloire de Dijon und der Niel, dann erblühen in Ueppigkeit Geranium und die Kresse. Mit der Entfärbung, der Verkummerung der Säfte. . mit den immer schräger fallenden Sonnenstrahlen keb ren die farbloseren, verblühteren Abtönungen wieder zurück bis zum tief dunklen Purpur und dem Mattgold der Chrysanthemum-Arten. Nur zuweilen schimmert, als ob an einem
kurzen Herbstnachmittag uns noch ein mal eine flüchtige, südliche Wärme überrascht, ein mattes Violett oder auch ein schönes Gelb durch die herbstliche Flora. Ganz weiß, fast in demselben Tone, wie die Farbe des Schnees, brechen vor dem Eintritt des Winters Schneealöckchen und Weihnachtsrosen hervor. Während der Strenge der Jahreszeit herrscht wiederum Weiß, ähnlich, wie bei steigender Hitze das Weiß von Orangen und Myrthenblüthen, aber ohne die würzigen Düfte dieser dicken Blumenhüllen, die gewissermaßen die von herben, scharfen Essenzen strotzenden Behälter jener Pflanzen zu sein scheinen. So ergiebt es sich wohl natürlich. daß die Sonnenbahn, der gerade oder schrägere Fallwinkel ihrer Strahlen das Aeußere, sowie die Entfaltung von Blumen und Blüthen beeinflussen. Aber welcher Reiz unwillkürlichen Sichversenkens liegt darin, den Uebergängen und dem Zusammenhang nachzuspüren zwischen dem reinen, noch ganz ursprünglichen Frühlingsgrün auf Rasen und Bäumen und der ersten Herbe der jungen Frucht, zwischen dem vom Rost geäderten Purpur der fallenden Blätter und dem reifen Saft und Wohlgeschmack der ganz ausgewachsenen und entwickelten Trauben, Pfirsiche und Aepfel zu der Zeit, wo jene herbstlichen Färbungen sich wieder vollziehen. Und ist nicht sogar das Schweigen desGartens beredt und vielbedeutend? Wenn mitten im frühen, frischen Moroenthau oder in der dunstigen Spannung vor dem Gewitter, die plötzlich ein schriller Amselruf durchtönt, wir in jedem unserer Nerven eine elektrische Berührung, ja eine Art von Lähmung verspüren, ist es nicht dann als ob das Band, die Verkettung zwischen Dingen und Wesen, zwischen Belebten und Unbelebten zerrisse und Alles, was uns bekümmert und empört, einen Zusammenhang gewänne mit den Krisen in der Natur? Alles beeinflußt uns. Alles tritt mit Forderungen an uns heran, der erste schüchterne Versuch des Frühlings, die kalte, nur leuchtendeSonne, der scharfe, pfeifende Wind, der über die noch feste, unter unseren Tritten wiederhallende Landstraße und die noch kahlen Haiden und Felder dahinjagt. wie der durchsichtige, crystallklare Junimorgen, sowie die staubdurchdrungene, dunstbeladene Luft des Hochsommers. Von ganz besonderer Empfindlichkeit jedoch ist unser inneres und äußeres Behagen für jene Täuschungen, jene verfrühten Boten der verschiedenen Iahreszeiten, so wie es zuweilen geschieht, daß wir am Tage nach einem Juligewitter den Herbst in uns einathmen mit seinen Nebeln und mahnenden Kälteschauern, oder auch, daß wir mitten in einem Januarthauwetter im weichen Straßenkoth, von der schon warmen Sonne beschienen, eine Vorahnung zu kosten bekommen von den Wonnen des Frühlings.
Bahnhof'Tkizzen. Von Tb. Ebner. Grau und neblig der Morgen. Dün ner Reif liegt auf der. Bäumen und ringsum Ruhe Todesstille. Wie ausgestorbe?.iegt das kleine StationsHaus da. Der da allein auf und abgeht stramm und aufrecht das ist der Herr General", wie ihm seine alten Kriegskameraden, der Herr Baron", wie ihn die Leute von der Umgegend nennen. Durch den Nebel hindurch sieht er den Zug sich nahen. Er zuckt zusammen. . . Sei stark, alter Mann," murmelt er. . . Wie in einem Anfall von Schwäche stützt er sich auf seinen Stock . . . dann aber richtet er sich straff empor. Zwei Offiziere eilen auf ihn zu. . . Stumm schütteln sie ihm die Hände. . . In ihrer Mitte schreitet er dem letzten Wagen des'Zuges zu. Einen Sarg heben sie heraus. Und der drinnen liegt, ist sein einziger Sohn. . . gefallen im Duell. Warum? Der alte Herr weiß es, und die zwei neben ihm wissen's auch. . . Aber die Welt soll's nicht wissen. Auf dem Wappenschild feines Geschlechtes soll kein Flecken sein. . . vor ihren Augen. Sie haben ihn allein gelassen in dem Wartezimmer des Bahnhofs. Nach Minuten tritt er heraus hart und fest sind feine Züge. Hinter ihm bringen sie die Bahre. . . Durch den Herbstnebel hindurch schreitet langsam de? kleine Zug. . . Den letzten seines Stammes bringen sie zurück in's alte Herrenhaus. . . einen todten Mann. Gefallen im Duell.Gedankensplitter. Was glaubt ihr jenen stets, die fröhlich scheinen? Ich hab' schon oft gelacht um nicht zu weinen. Ein begabter Mensch wird von den Leuten meist für eingebildet gehalten, weil der Neid ihnen sagt, daß er es sein könnte und weil sie selbst es. an seiner Stellen wären. So mancher, den wir seiner Vorzüge wegen lieben könnten, meiden wir. weil er sich zu viel darauf einbildet. Kräuter - Eier. Man kocht Eier ganz hart und legt sie in kaltes Wasser, damit sie sich gut schälen. Dann schneidet man sie in Hälften und bestreut sie entweder nur mit fein gewiegtem Schnittlauch oder mit gemisch tenKtäutern und gießt über das Ganze kochend heiße braune Butter..
Umgekcnrte Welt.
Von Alois Ulreich. 15. Juli 2000. Gestern bin ich aus dem Pensionat gekommen. Mama hat gesagt, daß ich jetzt in die Gesellschaft eingeführt werde. Gleichzeitig soll ich auck die im Pensionat erworbenen Kenntnisse verwerthen. So muß ich von nächster Woche an kochen! Ach. es ist' schrecklich! Kochen war nie mein Lieblingsgegenstand. 21. Juli 2000. Tante Frieda meinte heute zu Mama: Nun wird Karl bald heirathen, er ist doch schon fünfundzwanzig Jahre alt!" Heirathen das ist reizend. Im Pensionat sprachen wir heimlich davon, was wir Jeder für eine Frau bekommen werden. Das Leben ist doch wunderschön. 23. Juli 2000. Heute habe ich zum ersten Male gekocht! Die Suppe ist angegangen. Der Braten brannte ein wenig an. Die Mehlspeise ist mir gänzlich mißlungen. Mama die eben aus der Vorlesung kam sagte mürrisch: Wozu warst Tu so lange im Pensionat, wenn Du nicht einmal eine einfache Mehlspeise machen kannst? Von einem fünfundzwanzigjährigen jungen Manne kann man schon verlangen, daß er ordentlich kocht." Und Papa sagte: Ja, ja. Karl, die Mama hat recht. Wenn Du nicht ordentlich kochen kannst, wirst Du nie eine Frau bekommen!" E5 war schrecklich. Ich habe den ganzen Nachmittag geweint. . 2. August 2000. Komme soeben von einem Kränzchen nach Hause. Noch in Balltoilette. Mein erstes Kränzchen ach, es war entzückend, einfach großartig! Die jungen Damen umschwärmten mich. Jede sagte mir eine Artigkeit. Aber besonders eine Fräulein Doctor Elsa! Oh ich werde gar nicht einschlafen können. Im Gedränge der Garderobe flüsterte sie mir zu: Ach, Herr Karl sehen heute entzückend aus!" Und dann fragte sie mich, wo sie mich treffen könnte. Ich erröthete bis über meinen Schnurrbart den alle Damen reizend fanden und sagte: Wenn ich morgen Musikalien eintauschen gehe um halb sechs Uhr Ecke des TheresienPlatzes " . 3. August 2000. Musikalien eingetauscht. Elsa getroffen, famos unterhalten. 12. August 2000. Toste rcstante großartige Einrichtung. Elsa schreibt mir jeden zweiten Tag. Wir mußten schon mehrere Male die Postämter wechseln, weil es sonst auffallen möchte, wenn man so oft auf einem Postamt Briefe erhebt. Mama weiß noch nichts. 16. August 2000. Der wichtigste Tag meines Lebens. Elsa machte mir eine reizende Erklärung. Ewige Liebe und Treue geschworen. Ich bin so glücklich. 20. August 2000. Heute Alles Mama gestanden. Mama war zuerst ein Vischen böse, meinte aber dann. Elsa wäre eine ganz gute Partie. Ihre Praxis mache es ihr leicht möglich, einen Mann zu erhalten. Auch Tante Frieda war von der Mittheilung entzückt. Du kannst froh sein." sagte sie zu mir. daß Du so rasch eine so hübsche Braut, in solch' glänzender Stellung gefunden hast. Es gibt nichts Schrecklicheres für einen jungen Mann als sitzen zu bleiben!" 26. August 2000. Elsa hat sich heute meinen Eltern vorgestellt. Allerseits gute Laune. Für 1. September öffentliche Verlobung verabredet. Elsa äußerte sich: Karl kocht ausgezeichnet!" In Wirklichkeit habe ich gar nicht gekocht, sondern Papa. 1. September 2000. Die Verlobung verlief glänzend. Meine Freunde beneideten mich Alle. Elsa hat mir eine reizende Krawattennadel präsentirt. Der kleine, dicke Theodor sandte einen Tigel Haarpomade. Einfach unverschämt von dem Menschen. . Anfangs October wird die Hochzelt stattfinden. 16. September 2000. Es ist Alles aus. Verlobung zurückgegangen. Die Mädchen von heutzutage sind schrecklich. Elsa beanspruchte eine bedeutende Mitgift, da sie noch Verbindlichkeiten aus der Studentinnenzei hätte. Wer würde aber auch geglaubt haben, daß ein so reizendes Mädchen Schulden hat! Ach. ich bin unter meinen Freunden schrecklich blamirt! Wie gut hatten es doch die jungen Männer des neunzehnten Jahrhunderts! Ehrlich. A.: Aber- lieber Herr' Doctor. wie kommt es nur, daß Sie in der gestrigen Gerichtsverhandlung so wüthend auf 'Zhren Gegner losfuhren und nachher Arm in Arm mit ihm über die Straße gingen?" B.: Ja. sehen Sie! Wir Rechtsconsulenten sind wie die Bügel einer Scheere, wir gehen sehr scharf aneinander vorbei, ohne uns nur im Geringsten zu schaden nur was dazwischen kommt, wird geschnitten!" Betrachtung. Armuth schändet nicht, heißt es. aber es ist doch 'ne Schande, wenn man kein Geld hat."
Vcrllner Höfe.
Ncuerdings ist in Berlin eine orts. beschreibende Bezeichnung besonders bevorzugt worden, die zu dem ältesten fortbestand dieser Art gehört, die BeZeichnung einer Gebäude - Anlage als Hos. Theils nach dem Besitzer oder dem Begründer, theils nach der Straße. wo die Anlage, sich befindet, gehören ver neueren Zeit die Bezeichnungen Sandmannshof", Spindlershof", Markushof", Jakobshof", An dreashof". Alexanderhof", und verschiedene andere an. Während einige altere Bezeichnungen dieser Art verschwunden sind, wie Neandcrshof" Rother Hof". Kleiner Jüdenhof" (der rofc Jüdenhof" besteht in vollständig erneuerter Gestalt weiter) ist aus ganz alter Zeit nur noch einer vorhanden. Raules Hof." Der rerschwundene Neandershof" bezeichnete die erste Anlage der Neanderstraße. d:e von der Köpnickerstraße über den Bcjitz des Lack - Fabrikanten Ncander zum Wasser durchgeführt wurde, wahrend Rother Hos" das LeibRentenhaus" in der Dorotheenstraße 20 hieß, wo sich Wittwen aus den höheren Ständen gegen eine billige EinZahlung auf Leibrente geben konnten. Die interessanteste Geschichte aber bie. tet der winklige, mit mehreren Gebäuden besetzte Durchgang von der Alten Leipzigerstraße zur Adlerstraße, Raules Hof" genannt, nach dem Begründe? der preußischen Marine Benjamm Raule, der zur Zeit des Großen Kurfürsten hier wohnte. In diesem schlichten, alterthümlichen Bau mit der schiefen Mansarde unter dem Dach und den kleinen, quadratischen, häßlichen Fenstern, mit der altmodischen Freitreppe, ist die brandenburgischpreußische, also die deutsche, stolze Marine gegründet worden. Benjamin Raule, ein Holländer, trat im Jahre 1675 in kurbrandenburgische Dienste, blokirte mit der von ihm gestellten Flotte, d. h. zwei Fregatten und zwei Barkschiffen mit zusammen 50 Geschützen und 550 Mann Besatzung, die damals schwedischen Städte Stralsund und Greifswald mit Erfolg. Ende 1676 liefen bereits unter kurbrandenburgischer Flagge zehn Schiffe, voran drei Fregatten. Berlin" mit 15. König von Spanien" mit 18 und KurPrinz" mit 24 Geschützen. Raule trat auch mit Vorschlägen zu kolonialen Gründungen herv?r: das vom Großen Kurfürsten an der westafrikanischen Küste angelegte vortreffliche Fort Friedrichsburg wurde jedoch vom ersten preußischen König um ein Spottgeld an die Holländer verkauft. Raule tteß sich auch, wie es scheint, in ziemlich unsaubere Privat-Geschäfte ein und kam nach dem Tode des Großen Kurfürsten auf die Festung nach Spandau. Die Flotte wurde 1713 aufgelöst. Raules Hof" fiel an den Kurfürsten zurück und gelangte dann später zur Zeit Friedrichs des Großen an den bekannten Doktor Kurella, den Erfinder des von allen Berlinern Kindern gefürchteten Berliner Brustpulvers." An diese (neben dem Jüdenhof") älteste Stätte eines Berliner Hofes", schließen sich die wohl an die Namen ihrer ehemaligenBesitzer erinnernden Restaurationsgärten Albrechtshof" und MoritzHof", die in ihrer Gesammt - Anlage längst eingegangen sind, deren Namen aber noch ungefähr an ihrer ehemaligen Stätte an beiden Enden der von der Heydtstraße durch Gastwirthschaften fortleben. Der neueren Zeit als Straßen - Anlagen angehörig ist BlumesHof." im Jahre 1864 vom Bankier Blume über das ehemalige Jungdluthsche Grundstück durchgeführt, ferner Siegmundshof", eine Straße, die 1862 vom Rentier S. Siegmund als Privatstraße angelegt worden ist. In vorstehender schneller Zusammen- , stellung ist ein interessanter Kreislauf des Begriffes Hof" festzustellen. Während das Wort ursprünglich (Raules Hof) die Bedeutung einer großen Baum - Anlage hat, wie ein Gut, an t das sich allmälig mehrere Gebäude, ' (unter besonderen Umständen bis zur Ausdehnung eines Dorfes) heranbauen, wie noch auf dem Lande von dem Gutshof" gesprochen wird, so geräth der Ursprung allmälig in Bergessenheit. Die zweite Etappe ist die. daß die Haupt - Anlage verschwunden ist, und über den Besitz des ehemaligen Hofes" hinaus, sich der Verkehr erstreckt, daß aus der Kern - Anlage mit Heranziehung der benachbarten Gelände und kleineren Straßen eine größere Straße an die Stelle tritt. Drittens, und das ist das neueste, wird eine große neue Baugründung, vermuthlich zuerst in absichtlich gewählter und geschichtlicher Erinnerung, und dann von Anderen weiter nachgeahmt, als Hof" bezeichnet. Diese neuen Höfe erinnern in ihren großartigen kaufmännischen Bauverhältnissen an die heute noch besteh:nden Höfe 4n Meßstädten, wie Leipzig, wo es k Auerbach's Hof" (mit Auerbach's Keller). 'Barthelshof" und Andere gibt, wie Frankfurt an der Oder, wo Baswitzhof", MtznersHof", die Namen großer Speditionsund Großhäuser aufbewahren. In diesen Höfen stellten die Meßfremden in einzelnen Ständen", jetzt würde man sagen Kojen, ihre Waaren zum V'Nkauf. Aus der Schule. Karl, bilde mir 'mal einen Satz mit Haustyrann"." Mit Zittern und Beben faßt Vater Abends die Hausthür an." Im Wahlkampf. Ehesredakteur: Haben Sie den Artikel über den Eandidaten de? Gegenpartei bereits geschrieben? Also lesen Sie!" Leitartikler (liest): Der größte Schurke unseres Jahrhunderts..." Ehcfredak- -teur: Schärfer, lieber Freund, schärser! Das sind lcruter nichtssagende Phrasen!"
