Indiana Tribüne, Volume 22, Number 290, Indianapolis, Marion County, 9 July 1899 — Page 7
Sseurige Koylen. ; von B. Herwi. Vor Uz Kirche Kurde flott gearbeitet. Man goß neuen Asphalt auf den Boden, der schadhaft geworden war. Der Karren stand dicht am sprießen den Buschwerk, das die Anlagen einsäumte, die rothglühende Flamme, die unter dem eisernen Kessel brannte, versengte fast die ersten, feinen, grünen Blättchen. Der Mann mit dem othblonden Stoppelbart und der dunkelblauen Blouse arbeitete unverdrossen. Ein Gehilfe schürte das Feuer und gab Acht, daß die Mischung gut kochte. Beid? waren schweigsam, es spricht sich nicht gut in dem die Brust beklemmenden Dampf. Der am Boden hüsielte viel, jetzt reckte er sich einen Augenblick empor und athmete tief mit vorgehaltener Hand. Auch der Cyklop bielt an und zog eine Flasche aus der Blouse Da, Normann." sagte er mit rauher Kehle, nimm 'nen Schluck, es thut gut. es stärkt doch, man hält's ja sonst nich aus." Werde es schon aushalten," brummte der Rothe, habe längst den Strich darunter gemacht." Und er ging aus 's neue' an die Arbeit und goß und walzte darüber und glättete, nur eine kleine Spalte war noch übrig geblieben, dann war's genug für heut, dann konnte auch Feierabend gemacht werden. Feierabend! Er athmete schwer. Ja, früher, wie das da schön gewesen war, wenn die Frau, seine Marie, mit dem Rocke auf ihn wartete, wie das Heine Lottchen durchaus immer Baters Blouse nach Hause tragen wollte, wie sie dann heim gingen, heim, wo Ruhe und Erholung war nach des Taxes Arbeit. Wie eine Vision stieg es vor ihm auf: Das kleine, saubereStübchen neben der Küche, das große, weiß verhangene Bett mit den bunten Vorhängen im Hintergrunde, daneben des Kindes Lager, das weiße Lämpchen auf dem Tisch ... die dampfenden Kartoffeln noch, wie oft hatte er daran gedacht in den traurigen Wochen, in denen er abgeschnitten von der Menschheit, in einsamer Hast gelebt hatte, in denen die ehrliche, heiße Reue ihn bezwungen. Da war ihm die Besinnung zurückgekehrt, wie er sein stillcs Glück vergeudet, gewaltsam von' gestoßen, in Uebermuth, in Wahnsinn, wie er die wilden Triebe nicht gezügelt, so daß sie das Bessere in ihm überwucherten, wie er sich hinreißen lassen konnte, seine sanfte Frau, seine Marie, in sinnloser Trunkenheit zu mißhandeln. Ein Schauder ging durch die starken Glieder. Einen Augenblick hielt er mit der Arbeit an, dann erhob er sich von dem Brett, auf dem er gekauert und ging zu dem Kessel, um noch eine letzte Schaufel der feurigen Flüssigkeit zu holen. Jetzt hatten sich Kinder an derStelle versammelt, die bisher in den Anlagen gespielt. Neugierig waren sie näher getreten, eins dem andern folgend. Wie hübsch das war, dieser tiefe, schwarze Kessel mit dem großen, gelbrothen Feuer darunter, und wie präch-. tig sich das umrühren ließ .... es sah ganz leicht aus. Feine Suppe," sagte einer der Knaben, da könnte man sich gehörig den Mund verbrennen." Ob der Mann sich nicht leicht verbrennen kann," meinte die Kleine weiter, wenn Mutter plättet, habe ich auch immer solche Angst, ihre Bolzen sind ganz ebenso roth wie das da, und die feurigen Kohlen glühen auch so." Es zischte heftig, dielleicht daß ein Tropfen in dieFlamme gekommen war, jetzt stand der Arbeiter am Kessel und nahm noch eine tüchtige Schaufel heraus, sein stoppelbärtiges Gesicht ward gerade hell von der Flamme erleuchtet. Vater!" gellte es da aus dem Knäuel der Kinder, eins stürzte vor, das kleine, blonde Mädchen war's, das ängstliche. Vater!" rief es noch einmal. Der Mann wendete sich erschreckt beim Klänge der kindlichen Stimme, er sieht das zärtliche Geschöpfchen mit den vorgestreckten Armen, sieht es in dem hellen Kattunkleidchen, das er so gut kennt. Lotte," ruft er, Du, meine kleine Lotte." Schon ist sie bei ihm, will an ihm heraufklettern, der Gefahr nicht achtend, die er da in seinen Händen trägt, mit der Linken wehrt er Lottchen ab, heftig, drohend. Aber unvorsichtig, macht er eine hastige Bewegung, die glühende Masse in dem riesigen Löffel ergießt sich wie schwarze Lava über seinen Arm, seine Hand, ein furchtbarer Schmerzensschrei vermischt sich mit dem Jammerrufe des Kindes. Er sinkt nicht zu Boden, er hält noch immer krampfhaft die halbvolle Schaufel fest. Fort, fort, fort," ruft e? der schreienden Kleinen zu. Dann erst gießt er den Asphalt auf den noch weichen Boden, dann erst laßt er sich vom Gefahrten stützen . . 7. Dann erst sinkt er nieder. von wahnsinnigen Schmerzen gefoltert, fast betäubt. ; So liegt der starke Mann auf der Erde, wimmernd, hilflos. Schluchzend kniet das kleine Mädchen neben jihm und starrt auf die unglückselige, verbrannte Hand. In wenigen Minuten ist der Platz von Menschen angefüllt, ein Unalücksfall auf der Straße lockt zahllose Neugierige, manche Warmherzige herbei. auch ein Arzt ist bald zur Stelle Wasser und Tücher der erste Beistand wurde geleistet, durch die grenzenlosen Schmerzen kommt der Verunqlückte zur Besinnung. Trinkt einen ! Schluck, Normann." bittet der Gehilfe nd hält ihm die Flasche an den Mund
gewaltsam flöß! er ihm ein paar Tropfen ein. Wo bin ich?" fragt der Arbeiter und starrt umher. Allmälig. besinnt er sich und kann dem Doctor schon antworten. ' Wo er wohnt, soll er sagen. Er athmet schwer. Ob er in die Unfall - Station möchte oder in ein Krankenhaus. Was der Herr Doctor für gut finder," preßt er endlich heraus. Ich will Mutter rufen," entscheidet Lotte, da drüben auf dem Hofe wohnen wir ja Mutter ist zu Hause sie plättet." Mutter!" Das eine Wort wiederholt der Verletzte und schüttelt den Kopf mit den wirren Haaren. Sie soll nicht erschreckt werden fährt er fort, nicht hier, nicht auf der Straße komm, Lottchen, führe mich zu ihr." Der Arzt und der Gehilfe stützen ihn, langsam geht es vorwärts, das tapfere Kind zeigt ihnen den Weg. Ein trauriger, kleiner Zug. Die Frau hat vom frühen Morgen an fleißig geplättet, rastlos, unverdrossen. Sie gönnt sich nur wenige Nachtstunden zur Ruhe. Seit der Ernährer nicht mehr da ist, muß sie tüchtig schaffen, um sich und das Kind durchzubringen. Die Arbeit
thut ihr aber gut, sie laßt sie nicht viel zur Besinnung kommen. Nur manchmal übermannt sie die Erinnerung in der Nacht, wenn sie nicht schlafen kann und an ihn denken muß, der seine Strafe abbüßt. Nicht für das tägliche, schleichende Unrecht, das er seiner sanften Frau zugefügt, solche Sünden rächen sich nicht öffentlich; aber für die Nohheiten, die ihm nach außen hin verhängnißvoll geworden waren, für die führende Nolle bei Aufreizungen und Schlägereien. Schlechte Gesellschaft hatie ihn schon längst dem Hause entfremdet, das alte Lied, das ewige Klagelied! Die Frau litt namenlos. Die Schande hatte sie ganz niedergeworfen. Aber das Kind war ja da! Sie mußte sich aufraffen! War sie ihm nicht als Gefährtin an die Seite gegeben, bis der Tod sie scheidet? Sie gab die bisherige Wohnung auf. Weit fort von dort zog sie, in das ganz entgegengesetzte Ende der Stadt, wo Niemand sie kannte. Das Kind wußte nur von einer langen Reise des Vaters. Damit hatte die Mutter es beruhigt. Als fleißige, geschickte Wäscherin hatte sie längst Arbeit gefunden, regelmäßige, lohnende. Oft wusch und plättete sie von Sonnenaufgang bis spät in die Nacht. Heute mußte noch zum morgenden Feiertag ein gut Theil fertiggestellt werden. Hoch' aufgestapelt lag die blüthenweiße Herrlichkeit neben ihr auf dem Tische, immer höher wurden die Stöße, aber auch immer heißer ward es im kleinen Zimmer, die Luft immer dumpfer vom Plättgeruch. Die warme Nachmittagssonne hatte auch das ihrige dazu beigetragen. Frau Marie hielt einen Augenblick inne und öffnete das Fenster. Balsamische Luft zog von dem kleinen Resedabeet herein. Ah, wie das wohlthat! Tief athmete die Frau die Erquickung ein, ordentlich andächtig wurde ihr zu Muthe; denn gerade läuteten die Kirchenglocken von drüben bim bim bam, bim bim bam. Die Hände falteten sich einen Augenblick. Ein schwerer Seufzer hallte durch das Gemach. Mutter, Mutter," hörie sie da ihr Lottchen rufen, so ängstlich klang die Kinderstimme, da sah sie auch schon das kleine Mädchen über den Hof und die paar Stufen hinauf stürzen wie ein Alp fiel es ihr auf's Herz. Gott im Himmel, da war etwas geschehen. Schnell eilte sie ihr entgegen, riß die Thür auf und zog das bebende Kind herein. Der Vater er kommt aber Du sollst nicht erschrecken das Feuer in dem großen Kessel und da hat er sich verbrannt und siehst Du, Mutter, da ist er schon." Wie leblos hing das Lottchen jetzt in ihren Armen es kamen auch bereits die schweren Tritte die Treppe herauf langsam, wuchtig und dann doch wieder vorsichtig, leise, und da stand er plötzlich auf der Schwelle, gebeugt vor Schmerz und Scham Ich habe es bis jetzt nicht gewagt, Marie, Dich zu suchen, nun war das Schicksal mächtige? als ich. Ich habe Unglück gehabt beim Asphaltgießen das. Kind unser Lottchen führte uns hierher, nimmst Du mich auf?" Stockend hatte er's vorgebracht. Sie hörte es nur wie im Traume; aber sie sah das abgehärmte Gesicht, die vielen grauen Stellen in dem rothblonden Bart; schon hatte der sorgsame Arzt ihn aus einen Stuhl niedergesetzt. Sie umfing ihn voll Erbarmen und legte den Kopf an seine Brust. Du Armer!" sagte sie einfach. Dann nxn dete sie sich hastig fort, riß die Decke, vom Bett herab und machte das Lager zurecht für den Kranken. Darauf küßte sie das Kind und schickte es zur Nachbarin. Es sollte vor de? schmerzensvollen Stunde bvahrt bleiben. &t selbst holte Alles herbei, was nöthig war. Normann benahm sich wie ein Held; mit zusammengebissenen Zähnen und sckmerzlich verzogenem Munde saß er da und rührte sich nicht, die Augen nur verfolgten die junge Frau, die dem Arzte geschickt hals. Und auch sie sprach kein Wort, nur ab und zu streichelte ihre harte ArbeitsHand so sanft wie möglich den Leidenden, und als er gebettet war und der Doctor sich entfernt hatte, erst dann beugte sie sich über ihn und flüsterte ihm m's Ohr: Halt aus, Wilhelm,
hatt auS!" Und thut es noch sehr weh?" So fragte sie ihn nach einem Weilchen leise und mitleidig. Er schüttelte den Kopf. Da die Hand jetzt gar 'nicht mehr," sagte er, aber hier, hier inwendig" er pochte mit dem gesunden Finger auf dieBrust, da rumort's schrecklich herum. 'Daß Du. noch so gut zu mir sein kannst, Marie, das verdien' ich nicht; aber " nun brach es mit heftigem Schluchzen, hervor, daß der Oberkörper erbebte, ich will wieder gut machen, so wahr mir Gott gnädig sein soll " Sie rührte sich nicht von seinem Bett, beruhigte ihn und erquickte ihn, und er ließ, es sich gefallen wie ein krankes, müdes Kind. - Dann kam ein tiefer, beruhigender Schlaf. Die breite Brust hob und senkte sich, die verbundene SchmerzensHand lag still auf der Decke, unförmlich, Angst erregend. Frau Marie nahm die so jäh unterbrochene Arbeit wieder auf. Sie zündete sich ihr Feuer wieder an; denn die Bolzen waren inzwischen längst kalt geworden. Dann nahm sie sich ihre Wäsche vor, die sie fertig plätten wollte; denn morgen, ja morgen war Feiertag! Und die Eisen mußten wohl sehr glühend gewesen sein, so recht, wie Frau Marie sie zur Arbeit liebte; sie zischten plötzlich, als wenn Tropfen darauf gefallen wären, schwere Thrä-
nentropfen. auch heiß und glühend, aber doch Versöhnung bringend und neue Hoffnung. Und als ihre Arbeit beendet war, suchte sie dennoch ihr Lager nicht auf. Sie beobachtete den Schlaf des so schwer getroffenen Mannes, ihr geistis Auge sah in die Zeit voraus, in der sie ihm mehr als je Stütze und liebende Gefährtin würde sein müssen. Und dazwischen starrte sie in den Ofen, der noch immer nicht verlöschen wollte, starrte in die feurigen 5lohlen, bis langsam, langsam eine nach der anderen zusammenfiel. Nun war es ganz dunkel im kleinen Zimmer; aber in ihrem Herzen war's hell vielleicht kam doch noch einmal ein Feiertag! Vielleicht! Ll nobvl'ö ttlüft'l. Da Nazi is auf Freiersfüß' 'gangen, und um si' bei seiner Res'l auf der Kirta a weng 'rausz'reiß'n, denkt er si': Muaßt dir amal a nobl's Klüst'l anschaff'n. 'grad' wia's d' Stadtleut a hab'n." Am nächsten Samstag geht er nei' in d' Stadt und steckt si' da a Handvoll Kronathaler ein; er hat a große' Hand, der Nazi, d'rum hat er g'laubt, es könnt' scho' langa, und es hat a g'langt. , , S'erst, was ihm aufg'fall'n is, war, daß die meisten feinern Leut' Cylinder trag'n, drum hat er si' auch ein' kauft; ob er ein zum z'sammenklapp'n will", hat ihn d' Ladnerin g'fragt. Da Nazi denkt an Kirta und moant, des war' net nothwendi'. Drum hat er si' ein' andern g'nomma und hat si' g'sagt, Wenn's a net so bequem is wia mei Zipfelhaub'n, na schaugt's wenigstens was gleich. Und bald hat er g'merkt, daß auch d' Leut mehr auf ihn Obacht geb'n. Aber es geht mir noch was ab," moant da Nazi und glaubt, weil beinah' alle Leut' Augengläser tragen, es g'hörat zum guten Ton, a Brill'n z' haben, weil er aber ganz gute Augen hat und durch a Glas'l nix sieht, so moant er, kaufst dir so a oa'schichtigs,' des is net so theuer und mit'n andern Aug sieh'st ja do was. G'halten hat's ihm freili net recht, aber so ein' Zeitlang ist scho' 'gangen. Krawattl braucht's kein's. denn er hat g'sehn, daß recht viel feine Leut' mit so seidene Tüchl'n rumlauf'n wie er oan's hat, wenn's a net so schön tipfelt waren. Aber halt, koan hat er g'seh'n. der net Handschuh g'habt hätt'; also Handschuh' müssen her. Was er für eine Nummer hätt'," hat ihn der Kommis g'fragt. 5364 sagt der Nazi, der si' vorige Woch' bei der Musterung freig'lost hat. Der ander moant, des hätt' er net wissen woll'n; was fragst na so dumm?" antwortet da Nazi schon a bißl greizt. Gla?e kriegt er net, weil's für seine Transchiertellerl keine g'habt hab'n, dafür nimmt er sich so g' strickte mit braun-weiß-gelbe Tipferln. Die san a leichter zum anziehen und halt'n wenigstens a bisserl warm! Jetzt muaß i ata noblsam aus'schau'n, denn wia mi d' Leut anschau'n, des is mir no net vürkemma." Damit ihm aber gar nix abgeht, kauft er sich ein paar feine gelbe Schuh'; denn seine g'nagelten passen zu de? feinen Ausstaffierung - nimmer. So jetzt bin is," moant er, und überlegt si' g'rad'. ob er si' net no a neue Hos'n und an Janker kauf'n soll. Aber wie er so 'rum spaziert und nachdenkt, merkt er net, wia ihm a Gendarm nachgeht, auf d' Schulter klopft, und ihn freundlichst ersucht, seine Maskerade abzulegen. Umsonst sagt der Nazi, daß ja alle andern g'rad' so rumlaufen roia er, aber es hat ihm nix g'nutzt und in's Wach stübl haben's ihn 'neig'führt, wo er einen Theil seines nobleren" Menschen hat ablegen müssen. D' Schuh und seine Handschuh' hat er b'halten, aber an Cylinder und sei' Monocerl hab'n sie b'halten. Schön 'theilt Haben's wenigstens denkt si' Nazi, und macht sich auf den Heimweg. Wie er so allein auf der Landstraß'n heimrollt, hat er aber arg mit'n Kopf g'schüttelt und vor si' hinbrummt, und war gar net im klaren, warum er. der Hachinger Nazi, si' net so anzieh'n derf wie d' Stadtleut'! Nur eines hat ihn 'tröst und sell war des. daß er sich net a noch a Hos'n und an Rock kauft' g'habt hat, wia da Schandarm kemma is, denn sonst, hat er g'moant, ' hätten's mi sich vor a 14 Tag' aus 'n G'fängniß nimmer raus'lassen." Gage einer Frau, daß sie schon sei und sie wird finden, daß du geistreich seiji.
Eine Enttäuschung. ' . Bon Alfred of hedenstjerva. Herr Emil Land fühlte sich körper lich und seelisch besonders wohl. Er htte sich für einen-Monat von allen Geschäften freigemacht und wollte sich amüsiren. Die Geschäfte gingen so gut, daß er ohne Bedenken zweitausend Mark auf Reisen mitnehmen konnte, die ausgegeben werden durften. Er war noch jung, nur siebenunddreißig Jahre alt, und konnte das Leb:n noch in vollen Zügen genießen. Seine Zähne waren wohlerhalten, er war frisch und stark, Junggeselle, elegant und nicht verlobt, aber mit viel Sinn für weibliche Schönheit. Für einen solchen Mann ist es ein Vergnügen, hinauszureisen und sich ein wenig auszulüften. Er war auch sehr zufrieden mit sich selbst und der Welt, als er in den Eisenbahnzug einstieg, der ihn nach dem Norden führen sollte. Aber er war noch keine fünfzig Kilometer gefahren, so war er schon weniger zufriedcn. Ahnungen begannen in seinem Innern aufzusteigen, daß es aus der Erde, ja in seinem eigenen Coupö noch glücklichere Menschen gab als ihn. Da saß nämlich ein junge?, schönes Paar in fast ebenso feinen Nleidern, wie er selbst,' blühend vor Gesundheit, in-. Lenz des Lebens, glücklich und offenbar in inniger Liebe verbundn. Emil Land seufzte. Er reiste alle'n! Dann gab er dem anderen Herrn seine Karte und meinte, es sähe danach aus, daß sie eine weitere Strecke zusammenreisen würden, und daher Der fremde Herr, der nur gebrochen deutsch sprach, sagte, er hieß: Louis Negard, und stellte die Dame als seine Schwester, Mademoiselle Josephinc, vor. Seine Schwester"! Mademo': feile"! Mademoiselle Josephine war ein: reizende Reisegefährtin. Als sie hundert Kilometer gefahren, waren, liebte Emil Monsieur Regard wie einen Bruder und beschloß, zu stcrben oder sein Schwager zu werden. Es gab Augenblicke, da er gewünscht hätte, Mademoiselle Josephie wäre etwas weniger zurückhaltend gewesen, denn trotzall' ihrer Lebhaftigkeit und Offenherzigkeit war sie doch fo, daß Herrn Emil Land die z'artliche.i Werte im Halse stecken blieben, wenn er die weicheren Gefühlssaiten berühren wolltc; aber hatte er sie nur erst gefaßt, dann würde er über diese noble Art, die Leine von sich fernzuhalten, noch viel stolzer sein. , ' In einem anderen Augenblick lieh cr Monsieur Louis siebenhundec: Francs. Qmxl war in seinen Freundeskreisen dafür bekannt, daß er silch? klein: Dienste nicht gern leistete. Abc? es ist ein Unterschied, ob ein alter bekannter Trottel daherkommt und Geld leihen will, oder ein feiner, junger Franzose mit solch' einer Schwester die Samme in Francs" haben will. Sie blieben ein und einen halben Tag an einem dieser Nordlandsplate, die der liebe Gott in strahlender Sonnenlaune geschaffen zu haben scheint. Aber auch hier verstand es Mademoiselle Josephine, ihn durch entzückende Schamhaftigkeit daran zu verhinoern, ihr sein Herz zu öffnen. Statt dessen durfte er vier Flaschen Pommery öffnen. Unterwegs hatte er schon einen Sprachführer gekauft, um zu sehen, ob es. leichter sein würde, in ihrer eigenen Muttersprache zum Bekenntniß zu schreiten; aber da stand nur von Hotels, Eisenbahn, Besuch in Läden und dergleichen. So versuchte er es denn mit der Augensprache, mit dem Erfolge, daß Josephine mit wahrnehmbarem Erschrecken rief: Mein Gott, Sie haben sich wohl beim Baden erkältet! Sie sehen ja aus, als wollten Sie sterben!" Am Abend darauf wurden seine Gefühle übermächtig, und über seine Lippen brach eine brausende Fluth von Worten hervor. Mademoiselle lauschte seinen Vertraulichkeiten gerührt; als er dann aber zum Angriff überging und sie in seine Arme schloß, ließ sie sich allerdings einige Male küssen, riß sich dann aber in holder Verwirrung los, versprach, sich am nächsten Tage näher zu erklären, und eilte auf ihr Zimmer. Herr Emil Land lag in Liebe und Schmerz und Leid bis 3 Uhr Morgens wach. Als er dann endlich einschlief, forderte die Natur ihr Recht, und er schlief bis 9 Uhr. Da erhielt er ein kleines Billets das ihn benachrichtigte, die geliebte Reisegefährtin wäre mit dem Frühzuge um 5 Uhr abgereist, dankte ihm für die angenehme Gesellschaft und drückte die Vermuthung aus, daß sie sich kaum im Leben wiedersehen würden. Es kann wohl für die Stärke seiner Gefühle Zeugniß ablegen, daß-Emil Land in diesem Augenblicke seinen siebenhundert Francs keinen Gedanken widmete. Er kam als enttäuschter Mann nach Hause, aber reicher an Erfahrung. Im folgenden Jahre trieb es ihn wieder hinaus, nicht gerade das Verlangen, sich zu amüsiren, sondern die geheime Hoffnung. Mademoiselle Josephine wiederzusehen. Und seine Hoffnung sollte sich ersüllen! Nicht in einem Eisenbahnwagen, nicht in einem eleganten Badeort, nicht in einem Theater oder auf der Straße sondern zuerst ans einem Circu5-Pro-gramm und dann im Circus selbst. Gesiebte! Dein Beruf war atfo der Grund, weshalb Du nicht die Meine werden wolltest! Du schämtest Dich Deiner Lebensstellung und flohest aus zarter Rücksichtnahme! O, ich werde Dich besitzen, .ob Du nun am Trapez arbeitest oder auf einem Brett unter'm
Dache wie eine Fliege aus- und abgehst!" '
So sprach Emu Land zu sich selbst. Nicht einmal jetzt dachte er an seine siebenhundert Francs, wiewohl er Monsieur Louis -Regard in einem Clown erkannt hatte. Herr Land war jedoch durch Leiden und Unglück geläutert, er stürzte nicht auf die Geliebte zu, um sie in die Arme zu schließen, er machte sich vielmehr mit einem der Stallmeister bekannt, lud ihn zu Mittag ein und machte ihn betrunken. Und dann fragte er: Ist Monsieur Louis Mademoiselle Josephinens Bruder?" Ja." Jst Mademoiselle Josephine eine tadellose, correcte Frau?" O ja, eine fe'in Dame." Weiß man von ihr hat sie hm jemals ein galantes Abenteuer gehabt?" Niemals!" Alles Blut strömte Herrn Land zum Herzen. Die Geliebte! Mit seinem Bilde im Herzen hielt sie sich allen Anderen fern! Mit Jubel in der Stimme fragte er weiter: Man weiß nicht, warum Mademoiselle Josephine so kalt gegen Männer ist?" Ach, Monsieur! Sie ist, wie ich schon sagte, eine feine Dame, die sich nicht compromittirt. Bdt fünf Jahren ist sie glücklich mit dem Schulreiter Martins verheirathet und hat ein entzückendes kleines Baby!" Herr Emil Land fuhr sofort ,nach Hause, ohne seine Geliebte wiedergeselben zu haben, und war drei Wochen später mit der Tochter eines Stadtraths in seiner Vaterstadt verlobt. ?ie Schwitzkur. Humoreske von M. Gippert. Wann geht der nächste Schnellzug nach M.?" In einer Stunde, mein Herr," erwidert der freundliche Stationsvorsteher. Der kleine dicke Reisende, welcher obige Frage gestellt, wendet sich seufzend nach dem Wartesaal der kleinen Bahnhofshalle, wirft dort mürrisch sein weniges Handgepäck auf einen Stuhl und bestellt bei dem verschlafenen Kellner ein Glas Bier. Der Dicke hat den Zug verpaßt und muß nun auf der abgelegenen Station eine volle Stunde nutzlos verbringen. Dazu herrscht ein Wetter, welches angethan ist, die Stimmung keineswegs zu heben, denn der Regen schlägt an die Fenster, und der Sturm heult fürchterlich. Der mürrische Reisende hat das Bier kaum angetrunken und ist in tiefes Nachdenken versunken. Jetzt wird die" Thür aufgerissen. Ein mit Reisedecken und zwei zusammengeschnürten Packten versehener Herr betritt das Bahnhofsrestaurant, zieht seinen von Regen tiefenden Mantel aus, hängt ihn an den Garderobehaken und setzt sich dem Dicken gegenüber, diesem einen guten Abend bietend. Der Dicke erwidert den Gruß nur mit einem mürrischen Grunzen, nimmt aber von dem Ankömmling sonst keine Notiz, sondern vertieft sich in eine vor ihm liegende Zeitung. Schauderhaftes Wetter!" kommt es jetzt von des anderen Lippen, da möchte man ja keinen Hund hinausjagen." Der Dicke antwortet nicht. Kellner, bringen Sie mir ein Glas Grogk,- wendet sich jetzt der eben eingetretene Reisende an den befrackten Diener Bacchus'. Der wieder in Schlaf versunkene Kellner krabbelt aus seiner Ecke hervor und bestellt gähnend das Gewünschte. Scheußliches Wetter," beginnt der zweite Gast jetzt wieder zu dem Dicken gewendet. Dieser verzieht das Gesicht, als ob er weinen wolle und fängt plötzlich furchtbar an zu nießen. Aha, Sie scheinen sich erkältet zu haben," meint sein Gegenüber, ist auch kein Wunder bei dem furchtbaren Wctter,' sollten 'mal eine ordentliche Schwitzkur machen. Schwitzen ist bei solchen Sachen das einzige Mittel." Das Eis ist gebrochen. Der Dicke sieht dm Fremden etwas freundlicher an und meint: Sie haben recht, ich habe einen, fürchterlichen Schnupfen und will, wenn ich nach M. komme, ein Dampfbad nehmen." Dazu würde ich Ihnen aber nicht rathen. Ein Dampfbad ist immer eine gefährliche Sache. Habe Erfahrung darin. Gestatten Sie übrigens Dr. M." stellte sich der Fremde dem Dicken vor. Sehr angenehm, Herr Doktor," erwidert dieser, ich heiße Müller, Rentier aus X . . . dorf." Wie ich Ihnen schon sagte," fährt der Herr Doktor fort, ein Dampfbad ist meist eine gefährliche Sache, namentlich bei Ihrer Corpulenz. Ich würde Ihnen rathen, eine Schwitzkur zu machen; das ist viel billige? und wirkt schnell und radikal." , Ich bin Ihnen seh?! dankbar, Herr Doktor, aber wo soll ich dies machen. Ich habe in M. Verwandte zu besuchen und komme voraussichtlich erst in acht Tagen wieder nach Hause." Das macht nichts," meint der Herr Doktor. Eine Schwitzkur können Sie in jedem Hotel machen. In zwei Stunden ist die Sache abgemacht, und Sie sind Ihren Schnupfen los. ' Ich fahre ebenfalls nach M. und bin in einem dortigen Hotel gut bekannt. Wenn Sie wünschen, bin ich gern bereit, Jhnen in der Kur Unterweisung zu geben." Sehr liebenswürdig," erwidert der Dicke, aber ich möchte doch Ihre kostbare Zeit nicht in Anspruch nehmen, Herr Doktor." Bitte sehr, das thue ich' gern," meint böttick der üerr Doktor. Es ist
ja unsere Pflicht und unser Beruf, der !
leidenden Menschheit zu helfen. Der Herr Doktor führt hundert Falle an, in denen seine Kur stets geyolsen, und lucyt den fielen zu uocrzeugen, daß seine Kur die beste sei. .Einsteiaen zum Scknellzua in der Richtung nach M. . . . tönt jetzt der monotone lange Rus der Bahnhossbediensteten. Die beiden Reisenden greifen nach ihrem Gepäck und steigen in den bereitstehenden Zug, welcher sich kurz darauf in Bewegung setzt. Inzwischen ist der Dicke mit dem freundlichen Doktor näher bekannt geworden. Man verabredet, in dem von dem Herrn Doktor vorgeschlagenen Hotel in M. Wohnung zu nehmen und dort die Schwitzkur auszuführen. Der Zug läuft in Station M. ein, und der Schaffner ruft in die geöffnete Coupeethür: Station M., vier Minuten." Die beiden Reifenden raffen ihr Gepack zusammen und begeben sich zum Droschkenplatz. Hotel Kaiserkrone," ruft der Herr Doktor dem Kutscher zu. Dieser ergreift die Zügel, und das Gefährt setzt sich in scharfem Trabe in Bewegung. Bei dem Dicken hat der Schnupfen den höchsten Grad erreicht, und er kommt aus dem Nießen nicht mehr heraus. .Moraen ist alles wieder in Ordnung." bemerkt der freundliche Doktor. Passen Sie auf, die Kur wird Ihnen bekommen." Im Hotel angekommen, verlangt der Herr Doktor ein Zimmer mit zwei Betten. Der Dicke muß sich auf 'Anordnung des Herrn Doktor sofort entkleiden und ins Bett legen. Im Ofen brennt ein lustiges Feuer. Der Herr Doktor bestellt bei dem nachfragenden Kellner zwei Glas starken Glühwein. - Indessen entleert der Herr Doktor seine beiden Gepäckstücke, aus welchen sechs wollene Decken, zum Vorschein kommen. . Nun beginnt der Herr Doktor seine Thätigkeit. Er gibt dem Dicken das heiße Getränk und wickelt ihn hierauf in die Decken so, daß sich dieser nach- wenigen Minuten kaum noch rühren kann und wie eine große Wickelpuppe ausschaut. Die Arme und der ganze Körper sind bis zur Nase herauf eingerollt. Er fängt bereits zu schwitzen an, bemerkt aber zu demHerrn Doctor, daß er sich chon etwas wohler fühle. Jetzt nimmt der Herr Doctor zwei kräftige Stricke und bindeln. Dicken an die Bettstelle fest, indem er. bemerkt, daß dies deshalb geschehe, um ein Verrutschen der Bandagen zu verhindern. Dem Dicken wird jetzt doch etwas ängstlich zu Muth. Seine Angst steigert sich noch mehr, als ihm der Doctor plötzlich ein Taschentuch in den Mund stopft mit der Motivirung, daß der Dicke nur durch die Nase athmen darf. Nun beginnt der Herr Doctor ein: Thätigkeit, die dem Dicken den Angstschweiß auf die Stirne treten läßt. Er nimmt die Sachen des Dicken vor und unterwirft diese einer genauen Durchsuchung. Ironisch zu dem schwitzenden und keuchenden Patienten gewendet, meint er: Ich will nur sehen, ob Sie so viel bei sich haben, wie mein Honorar beträgt." Er hat die Brieftasche des Dicken vor, der er ein - Packetchen Hundertmarkscheine entnimmmt. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben Hundert Mark", zählt der Herr Doctor. Na, es reicht," meint er dann trocken. Im Portemonnaie haben Sie wohl auch noch etwas." Nachdem er diesem noch drei Zwanzigmarkstücke entnommen, legt er Portemonnaie und Uhr auf den Tisch, zieht seinen Paletot an und sagt , zu dem Dicken: Die kleine Münze und die Uhr lasse ich Ihnen, damit Sie weiter nach X . . . dorf reisen können. Im Uebrigen wünsche ich Ihnen einen guten Verlauf der Kur und bitte Sie, mich Ihren Bekannten bestens zu empfehlen." Hiermit öcrschwindet der Herr Doctor, schließt von draußen die Thür und zieht den Schlüssel ab, den Dicken seinem Schicksal überlassend. Unten in der Portierloge giebt er den Schlüssel zu dem gemeinsam gemietheten Zimmer ab und ertheilt dem Portier den Auftrag, den Reisecollegen nickt vor ackt Ubr früh zu wecken, da dieser noch fest schlafe und zum Schwitzen eingenommen habe. Dann besteigt der Herr Doctor den Hotelwaam und fäbrt zum Babnbof. Als der Dicke Morgens um acht Uhr geweckt wird, ist der Herr Doctor" längst über alle Berge. Zwei Tage später las man im Stadtanzeiger folgende Vekanntmachung: Ein geriebener Gauner, der sich als Dr. med. ausgiebt und harmlose Reisende durch seine Ueberredungskunst zu einer Schwitzkur gegen Erkältung zu überreden weiß, um sie dann zu berauben und mit dem Geraubten zu verduften, macht unsere Gegend unsicher. Es wird hiermit fcir demselben gewarnt." Zähneknirschend wirst der Dicke, der diese Notiz eben gelesen, das Zeitungsblatt von sich und murmelt: DieSchwitzkur hat ja geholfen, aber der Cpaß war mjr doch etwas theuer. Das nächste Mal nehme ich wieder ein Dampfbad." ' Hausfrau nud Mutter. Es kommt gerade nicht selten vor, daß die Töchter der umsichtigsten, emsigsten Hausfrauen häufig fehr unerfahren sind in denjenigen Kenntnissen und Geschicklichkeiten. welche eine Frau sich aneignen muß. Diese scheinbar paradox klingende Behauptung enthält aber leider eine tiefe Wahrheit, sobald man die Sacke etwaö näher in's Auge
r? faßt und ih'r weiter auf den Gruni? geht. Für eine thätige, umsichtige und fleißige Person ist es in der That eineschwierige Aufgabe, von ungeübten. Händen etwas ausführen zu lassen was sie selbst in viel kürzerer Zeit ungleich besser zu Stande bringt, wieder--holt Anweisungen zu geben und schließ lich die Arbeit doch nur langsam und unvollkommen vrn$ftt zu erhaltene Ehe ich erst viel sprechen muß. thue ich es lieber selbst," sagt wohl mancheHausfrau, vergessend, daß dieser Grundsatz nicht einmal der richtige ist, um gute Dienstboten auszubilden, daß er aber entschieden unrichtig, ja fafd sündlich ist, wo es sich um die Erziehung einer heranwachsenden Tochter handelt. Die ungeduldige Mutter vergißt ihre eigene Jugend in zweisacher Hinsicht. Sie denkt nicot daran, dafc. auch sie einst ungeübt und zagend ihre ersten Versuche in der Koch- und HausHaltungskunst gemacht, daß auch sie einst der Anleitung und Belehrung be durft, und sie gedenkt nicht der Zeit, da sie Zuerst das Haus des Gatten, den Schauplatz ihrer neuen eigenen Wrrf samkeit betrat. Kommen ihr aber Wirt lich diese Gedanken, so tröstet sie siH mit den Worten: Das hat ja noch lange Zeit!" Die Tochter hingegen ist in dieser. Beziehung ganz anderer Ansicht als dieMutter. Je mehr Zeit ihr bleibt zum Träumen, zu Vergnügungen aller Art zum Luftschlösserbauen, zum Romanlesen, desto früher ziehen Wünsche undHoffnungen in die junge Brust, destoeifriger lauscht sie der Stimme einer erwachenden Neigung. Das Kind ist bald zur Jungfrau geworden, welche, die Mutter jeden Tag überraschen kann, mit dem .Geständniß einer Liebe, tont alten Liede, das gesungen ward, solange die Welt steht, und das ewig neu bleiben wird, so lange Menschen unseren Erdball bewohnen. Die Jungfrau ist Braut geworden. Glückstrahlend sieht sie an der Hand des Verlobten vor der Mutter, die mir Stolz und Rührung sie betrachtet. Freilich verdunkelt wohl hier und da ein Schatten die Sonne der mütterlichen Freude; es ist der Gedanke, daß die Tochter noch sehr unerfahren sei in. der Ausübung der nicht leichten B& . rufspflichten, die zu übernehmen sieim Begriffe steht. Die wenigen Wochen des Brautstandes mit den erhöhten. Anforderungen der Geselligkeit, den: Arbeiten für die Aussteuer und Ein--richtung sind nicht geeignet, das Ver--säumte nachzuholen. Und wiederum sich mit dem Gedanken tröstend, die junge Frau werde, was ihr fehle, in derPraxis lernen, entläßt die Mutter die aus dem Elternhause scheidende Toch--ter. Ist eö aber wirklich noch Zeit, dannzu lernen, wenn der Ernst des LebenS an uns herantritt, wenn wir eine Stellung übernommen, für welche wir verantwortlich sind? Was würdet ihr Mütter wohl sagen von einem Manne der sich nicht auf einenLebensberuf vorbereitet hätte, der dem Amte, das tr übernommen, fremd wäre und es erst in der Praxis erlernen wollte? Würdet Ihr ihm Eure Tochter anvertrauen? Betrügt Ihr aber nicht in gleicher Weise den Mann, welchem Ihr eine den Pflichten ihrer Stellung fremde Gattin gebt, betrügt Ihr nicht auch dadurch Euer Kind selbst um das Glück des Lebens, die Liebe und das Vertrauenihres Gatten? Man könnte vielleicht den Einwurf machen, daß manches Mädchen, welches ganz unerfahren in den Stand der Ehegetreten, eine tüchtige, praktische Hausfrau geworden, daß ferner die Aufgaben und Pflichten des Mannes ' und die der Frau mit verschiedenem Maßezu messen sind, und daß endlich, wo der. Mann selbst thätig sein muß, die Frau, die ihr zukommenden Obliegenheiten wohl durch Andere verrichten lassen kann, sobald ihr nur die Mittel dazuzur Verfügung stehen! Zugegeben daß manches unerfahrene junge Mädchen eine gute Hausfrau geworden, so beweist die Bewunderung, welche einem solchen Falle gezollt wird, doch immer, daß er zu den Ausnahmen gehört. Eine solche Frau hat eben ein angeborenes Talent für die Haushaltung, das nur des geeigneten Raumes zu seiner Entwickelung bedürfte. Was ferner den Pflichtenkreis der Frau im Vergleich zu dem des Mannes anbelangt so ist der eine ebenso wichtig wie der andere. Dem Manne kann es nur wahrhaft wohl werden in einem Hause . das geleitet wird von einer erfahrenen, tüchtigen Hausfrau. Ist es endlich noch nöthig, auf die Unhaltbarkeit deZ. letzten Einwurfes, die zureichenden. Geldmittel, hinzuweisen? Die fast taglich sich uns darbietenden Beispiele von der Wandelbarkeit irdischer Glücksgüter sagen schon genug. Wenn wir uns umschauen unter unseren jungen Frauen und so viele erdrückt finden von der Last ihres Hausstandes, vor der Zeit qealtert. elenk aussehend, fortwährend kränkelnd, nervös, unglücklich, dann fühlen toir das tiefste Mitleid mit ihnen, weil sie für das leiden müssen, was sie nicbt verschuldet haben. Wir wollen daher allen Muttern -die mahnenden Worie zurufen: Sehet, das sind die Folgen Eurer Erziehung; das sin-d die Folgen, wen:-. Eure Töchter ausziehen lassei zum Kampfe mit dem Leben, ohne sie dazu ausgerüstet zu haben, wenrr Ihr, allzu eifrig und fleißig in der Besorgung Eurer Hausfrauen - Pflichten die der Mutter vernachlässigt! Beherziget es wohl, das Wort, so 'paradox es auch klingen mag: Man kann eine lobenswerthe Hausfrau und trotz alledem, nein, gerade deswegen, eine tadelnswerthe Mutter sein." ''Auch etwas. Vater: '.Thut der Maurer auch was, der draußen beitet?" Söhnchen: 0 ja, er sieft jeden Augenblick nach der Uhr!-
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