Indiana Tribüne, Volume 22, Number 277, Indianapolis, Marion County, 25 June 1899 — Page 2
AcrZayn. Humoreske von Max Orth. Vor Kurzem habe ich meinen alten reund Max besucht. Wir hatten uns lange nicht mehr gesehen; denn als w!r in der kleinen Provinzialstadt das Reifezeuaniß erhalten hatten, ginz er nach S3cl; um seinem Studium obzuliegen, mich dagegen trieb es hinaus auf die wogende See. Jetzt nun kam ,ch zurück in denselben kleinen Ort im Herbst, fco die schönen Alleen mit gelben Blättern und braunglänzend: Kastanien bestreut waren, während dort, wo mein Fuß lange Zeit vorher unsere alte Erde betrat, die immergrünen Palmen im Seewind schwankten. Vor neunzehn Jahren, hatten wir uns hier zum ersten Male gesehen, mein Freund Max und ich. Damals war die Aufnahme - Prüfung im Gymnasium und der kleine neunjährigeKnirps hatte durch sein schüchternes Auftreten allgemeine Heiterkeit erregt. Ich, der Vierzehnjährige, hatte bald genug zu thun, um meinen kleinen Schützling vor den Hänseleien seiner kräftigeren Gefährten zu bewahren. Nun waren neunzehn Jahre vergangen, in den letzUn zehn hatten wir uns nicht mehr gesehen. Wie würde ich wohl den früher so unselbständigen Freund wiederfinden? Ich wußte, wo er wohnte; dort glänzte mir an dem einfachen, netten Hause das Porzellanschild entgegen: Max S.. praktischer Zahnarzt." Hier also hauste er. Bald stand ich in dem schön ausgestatteten Empfangszimmer. wirklich, der Zahnarzt wohnte cuf jeden Fall molliger als der Seemann auf den ungebändigten Meeren. Ein rascher Schritt weckte mich aus meinen Betrachtungen. Ein untersetzter, kräftiger Mann stand vor mir, mich in artiger, zwangloser Weise begrüßend. Ja, das war er, ich erkannte ihn wieder, trotz des dunklen Vollbartes, trotz des bestimmten Wesens, das uiich doch um so mehr an den schwächlichen Schulfreund erinnerte, je größer die Veränderung war. Aber er wußte nicht, wen er vor sich hatte; sein fragender Blick sagte es mir, noch ehe das geschäftsmäßige: Womit kann ich dienen, mein Herr?" ausgesprochen war. Aber Max, sieh mich doch an. kennst Tu mich nicht mehr, oder hast Du mich vergessen?" Er sah überrascht empor. Wahrhaftig, Du bist's, Edwin! Verzeih. Du hast Dich verändert, bist braungebrannt, dann die Uniform " Wir haben uns Beide verändert; auch ich würde Dich an einem anderen -Orte als hier nicht wieder erkannt haben." v Wir schüttelten uns herzlich die Hände, um dann von den alten Zeiten, von unserem bisherigen Schicksal zu plaudern. Plötzlich sprang er auf: Verzeih, daß ich Dich hier sitzen ließ. komm, ich muß Dich meiner Frau vorstellen." Deiner Frau?" Ja, da hätte ich bald vergessen. Dir zu sagen, daß ich verheirathet bin. Du mußt schon verzeihen, daß es so ist. Ich weiß, Du warst von jeher ein FrauenVerächter, nur fremde Meere, fremde Länder reizten Dich. Meine Frau kennt Dich übrigens sehr gut, ich habe ihr oft genug von Dir erzählt." Wir traten in einen Nebenraum, ein behagliches Wohnzimmer, in dem mich Max auf eine junge Dame zuführte, die soeben damit beschäftigt war, dem Dienstmädchen das Th:eservice abzunehmen. Hier bringe ich meinen alten lieben Freund Edwin, der direct von Havana zurückgekommen ist. um uns zu besuchen. Du kannst ihm nun persönlich Deinen Dank abstatten, daß er Deinen Mann früher vor manchen Gefahren unter seine Fittiche genommen hat," sagte Max zu ihr, und sie empfing mich mit einem reizenden Lächeln. Wahrhaftig. Max hatte da einen guten Geschmack gezeigt, daß er sich eine so niedllche Frau nahm. Meiner Vormundschaft war er entwachsen. Den verführerischen Bitten der schönen Dame konnte man unmöglich widerstehen, und so saßen wir denn bald alle drei am wohlbesetzten Tisch, wo ich den flinken Händen der Wirthin folgte, die mit solcher Anmuth ihres Amtes als Hausfrau waltete. Von diesen Händen die Schale gefüllt zu bekommen, war für mich, den Seemann, noch ein weit höherer Genuß, als für gewöhnliche Sterbliche, bei dem ich mit Wehmuth an den letzten harten Schiffszwieback zurückdachte. Nach einer guten Stunde, in der ich so viel als möglich mit der kleinen Frau geplaudert hatte, trat ich mit Max in sein Studirzimmer. Unsere alten Erinnerungen, die wir bisher nur mangelhast ausgetauscht hatten, verlangten auch ihr Recht. Als jedoch die Ringe einer prächtigen Havana in der Luft zerranmn, mußte ich unwillkürlich meinen Gedanken Worte aeben.
Max, Tu bist ja der reine Glücks-' Pilz. Wer hätte Dir das zugetraut, sich hier ein so wohnliches Rest einzurichten und eine so göttliche Frau heimzuführen." Diese Bezeichnung für sie muß wohl richtig sein, da sie selbst Dich, den alten Weiberfeind, gewonnen hat. Ja, ich kann nicht klagen, und doch gab es ein paar Tage, in denen ien meinte, daß dies Alles zerschellt sei für immer." O. erzähle! Das muß interessant sein!" Max blickte eine Zeit lang sinnend vor sich hin. Dann wies er auf die Wand. Du siehst jenen Rahmen dort?" Ich sah ihn. Dort hing ein zierliches Kästchen von Ebenholz mit einer Glaswand, im Innern, mit rother Seide austapeziert. Als einzigen Inhalt hatte es einen Zahn, der geschickt in Gold gefaßt war. Ich sehe. Das ist gewiß der Zahn
einer Fürstin, daß Du ihn auf diese Art aufbewahrst." Einer Fürstin, damit hast Du für mich das Richtige getroffen. Es ist ein Zahn meiner Frau. Dies kleine Gewächs wäre um ein Haar Schuld daran gewesen, daß ich meine Frau wieder verlor. Es sind jetzt zwei Jahre her. als ich Marga zum Altar führte. Wer war damals glücklicher als ich! Es war Herbst wie jetzt, aber für uns Beide schien ein knospenreicherMai angebrochen. Weißt Du. das kann ich Dir tausendmal erzählen. Du verstehst es gar nicht so, wie wir es damals empfänden. Du mußt auch heirathen " Pardon, mein lieber Junge, Du schweifst ab; übrigens verträgt sich eine Heirath mit meinem Berufe schlecht." Na, ich weiß schon, davon darf man Dir nicht sprechen, wir wollen es abwarten. Deine Zeit wird schon auch noch kommen. Also es schien ewiger Frühling für uns, obwohl der Winter begann. Aber wenn ihn unsere Geister auch nicht wußten, körperlich wurden wir doch bald daran erinnert, daß s ein recht kalter, harter Winter war. Meine Marga hatte einen gehörigen Schnupfen " Nun, das passirt mir auch manchmal." Du unterbrichst mich. Sie erkältete sich und bekam fürchterliche Zahnschmerzen. Du weißt wohl, wie das thun kann, denn als wir früher noch bei der Wittwe B. zusammen wohnten, hast Du mich manche Nacht nicht schlafen lassen, so stöhntest und fluchtest Du, wenn es Dir ebenso ging. Meine Frau fluchte nicht " Das müßte sich auch wunderbar anhören, wenn eine so zierliche Frau fluchte." Max beachtete meinen Einwurf gar nicht. Sie warf auch nicht mit den Schu hen gegen die Thür vor Wuth, wie Du es thatest, aber sie weinte. Und Du weißt, eine geliebte Frau weinen sehen, ist hart. Ich litt also fast noch mehr als sie. Marga wurde unfreundlich, mürrisch, launisch. Das Schlimmste aber war, daß sie mir die Schuld gab an ihrem schmerzhaften Leiden. Oft genug rief sie: Du willst Zahnarzt sein und kannst Deine eigene Frau nicht einmal von Zahnschmerzen befreien. Geh, wenn Du nur wolltest, könntest Du mir gewiß helfen." Ich suchte alle möglichen Mittel anzuwenden, aber der kleine Quälgeist dort behielt immer die Oberhand. Er war eben ganz verdorben und hohl. Wenn ich aber sagte, daß er nur durch Ausziehen unschädlich gemacht werden könnte, dann wurde mein Frauchen blaß und nannte mich einen Barbaren. Sie hatte eben eine furchtbare Antipathie gegen meine Zangen und den Operationssessel. In das Zimmer, wo er stand, ging sie nur mit Widerwillen. Sie behauptete, es röche nach Blut. So war denn durch den dort, der jetzt so selbstbewußt in seinem Schaukästchen thront, der Unfriede eingekehrt in meinen jungen Ehestand. Eines Tages, als Marga wieder steinerweichend jammerte, riß mir aber die Geduld. Ich beschloß, zu einer List zu greifen. Ich holte auf unverdächtige Art eine meiner kleinsten, aber geschicktesten Zangen und sagte zu meiner Frau, die sich in eine Sophaecke gedrückt hatte, so ruhig, wie mir möglich war: Höre, laß mich den Zahn noch einmal sehen, vielleicht hilft ein Mittel, das wir bis jetzt noch nicht angewandt haben." Sie ließ mich ahnungslos in ihr kleines Mündchen sehen. Der große Augenblick war gekommen, ich mußte mich jetzt auf meine Geschicklichkeit verlassen. Mit ungewöhnlicher Erregung, die mich sonst nicht überkommt, selbst wenn ich Schwieriges zu leisten habe, nahm ich schnell das versteckte Instrument, und da eheMarga Zeit hatte, irgend eine Bewegung zu machen, war der kleineTeufel auch schon herausgebracht. Die Wirkung dieses kühnen Unternehmens war eine sonderbare. Meine Patientin blieb vorläufig völlig starr sitzen, ohne der kleinen Blutstropfen zu achten, die über ihre Lippen tröpfelten. Dann, nachdem sie gleichsam sicher geworden war, was ihr geschehen, brach sie in ein krampfhaftes Weinen aus, so daß ich mich bei diesem betrübenden Anblicke fast selbst einen qrausamen Menschen schalt. Ich suchte ihr mit den sanftesten Worten vorzustellen, daß sie jetzt zwar einen Zahn weniger besäße, daß es aber gar nicht zu sehen und daß die bösen Schmerzen nun fort seien. Aber ich hatte gut reden. Sie hörte gar nicht auf mich. Als ich aber nach ihrerHand griff, schien ihr plötzlich das volle Verständniß für meinen unerlaubten Eingriff in ihren Besitz zu kommen. Sie stieß mich mit Bitterkeit zurück, um dann aus dem Zimmer zu stürzen, dessen Thür dröhnend zuflog. An diesem Vormittage behandelte ich meine Patienten ziemlich zerstreut. Ich mußte fortwährend an Marga denken. Als endlich der letzte gegangen war, suchte ich sie wieder auf. Sie war nicht im Wohnzimmer, und als ich das Mädchen fragte, bekam ich die verwunderte Antwort, sie sei ja verreist. Ich war betroffen, machte aber doch schnell ein Gesicht, als ob ich diese Worte nicht ungewöhnlich fände, im Gegentheil mich erst jetzt daran erinnere, daß meine Frau wirklich eine Reise beabsichtigt hatte. Das einfältige Mädchen, das, wie sie erzählte, ihrer Herrin den Koffer zur Bahn getragen hatte, brauchte eben nicht zu wissen, daß
meine Frau davongegangen war. In ein paar Tagen würde sie ja sicher wieder bei mir sein, und dieser kleine Besuch bei ihren Eltern in D. mochte ihr ganz gut thun. Sicherlich würde ihr der alte, originelle Papa schon das Trotzköpfchen wieder zurechtsetzen. Ich richtete mich also so gut wie möglich ein als Strohwittwer und lauschte oft auf die Hausglocke. Aber so ost sie auch schellte, meine Marga kam nicht.
Der Himmel mochte wissen, wie sie iu ihrem ersten Zorn bei ihren Eltern angelangt war und welche Grausamkeiten sie den alten Leuten von mir aufgetischt haben mochte. Jedenfalls mußte sie schon ganz gehörig aufgetragen haben, das deutete der Brief an, der endlich kam. Ihr Vater schrieb mir in dürren Worten, daß seine Tochter nach dem, was zwischen uns vorgefallen sei, ein ferneres Zusammenleben unmöglich halte und gewillt sei, die Ehescheidung zu beantragen, in die ich ja, meiner Handlungsweise nach zu schließen, willigen würde. Ich wurde nach diesem Briefe sehr nachdenklich. Wußte der Alte auch wirklich genau, was vorgefallen war? Und Marga? War es wohl möglich, daß sie so unversöhnlich sein sollte, wo sie mir eigentlich Dank schuldete? Das wäre jedenfalls der sonderbarste Scheidungsgrund, weil ein Zahnarzt seiner eigenen Frau einen Zahn ausgezogen hatte. Aber genügend mochte er wohl sein. Es würde gewiß als schwere Mißhandlung betrachtet werden. In meiner Angst lief ich zu Frank. Du kennst ihn ja wohl noch, unseren alten Schulfreund. Er besitzt draußen ein flottgehendes Kohlengeschäft und hat aus seinen schwarzen Edelsteinen schon manchen goldenen Gedanken herausbuchstabirt. Frank war schon länger verheirathet, und wir Beide waren immer Freunde geblieben. Er hörte mich mit gelassener Miene an und rieth mir zum Schluß, nur hübsch ruhig zu bleiben. Die Sache sei nicht weiter von Belang. Es sei vielmehr nur ein Versuch meiner Frau, mich unter den Pantoffel zu bringen. Aber nur nicht nachgeben," sagte er, sonst hast Du bei Deiner Frau für immer verloren. Wenn sie die Nutzlosigkeit dieses Putsches einsieht, wird sie ganz von selbst wieder, zurückkommen." Ich glaubte ihm und ging beruhigt wieder heim. Aber ich wartete Tag für Tag vergebens auf meinen Flüchtling, und endlich wurde ich sehr böse. Wenn ich ihr so gar nichts mehr galt, daß sie mich auf diese Art allein lassen konnte, wenn sie sogar noch von ihren Eltern in ihrem verwerflichen Trotz bestärkt wurde, so mochte sie denn auch bleiben, wo sie war. Mein Haus sollte sie denn auch nicht wieder betreten; ich befahl dem Mädchen, dem inzwischen auch schon eine Ahnung des Geschehenen aufzudämmern schien, meiner Frau, falls sie etwa kommen sollte, nur gleich an der Thür zu sagen, daß sie wieder umkehren möchte. Auf jeden Fall hatte ich jetzt ebenso viel Recht, eine Schcidung zu beantragen, als sie. Aber während ich mich in solche Gedanken hineinredete, horchte ich doch ost auf, wenn im Flur eine weibliche Stimme mit dem Mädchen sprach. Nein, das war sie wieder nicht.
Es war spät am Abend, als mir das Dienstmädchen noch eine Patientin meldete und gleich als Entschuldigung hinzufügte: die Dame habe das Gesicht verhüllt, sie hat jedenfalls Schmerzen, denn sie that sehr ungeduldig und wünschte sehr bestimmt, noch heute Abend vorgelassen zu werden. Ich warf das Journal, in dem ich gelesen, mürrisch zur Seite. Nicht einmal des Abends um zehn Uhr hat man Ruhe. Könnte sie nicht ebenso gut morgen früh wiederkommen? Aber wenn die Frauen eine Kleinigkeit haben, glauben sie, gleich sterben zu müssen.' Ich ging in das Zimmer.' Die Dame saß in einer halbdunklen Ecke mit fast ganz vom Tuche bedeckten Gesicht, aus dem nur die Augen unheimlich zu mir herüberleuchteten. Auf meine Frage antwartete sie, daß sie arge Schmerzen im Zahn habe, und daß sie mich deshalb noch so spät aufsuche, um durch meine hilfreiche Hand einer schlaflosen Nacht zu entgehen. Sie sagte das mit zitternder, vor Aufregung leise bebender Stimme. Sicher hatte sie nur die äußerste Pein hierhergetrieben. Ich bat sie, ihr Tuch abzulegen. Zu meiner Verwunderung nahm sie jedoch in ihrer Vermummung im Operationssessel Platz. Ich rückte ein Licht in die Nähe und sagte noch einmal: Sie müssen natürlich Ihr Tuch ablegen, meine Dame; so weit sind wir leider noch nicht, daß föz Ihnen mit XStrahlen in den Mund sehen können." Sie stieß einen leisen Seufzer aus, während ihre Brust wogte. Natürlich wieder so eine Schwachnervige, dachte ich. die jetzt am liebsten wieder draußen auf der Straße sein möchte. Aber jetzt griff sie mit schneller Hand empor, und im nächsten Augenblicke starrte ich in das bleiche Gesicht meiner Frau. Du, Marga?" rief ich bestürzt, was soll das bedeuten?" Und dann wachte der ganze Zorn wieder auf, den ich in den letzten Tagen gegen sie herumgetragen hatte. Nun, wagst Du es jetzt auf einmal, wieder in das Haus Deines Mannes zurückzukehren, der Dich so schwer mißhandelt hat, daß Du Ehescheidung wolltest?!" Sie war vollständig in sich zusammengesunken. Verzeihe, Max," antwortete sie endlich mit weinerlicher Stimme, ich war im Unrecht. Ich sehe es ein. Und um es Dir zu beweisen, sitze ich hier." Und dann mit einem kleinen schalkhaften Lächeln, w'ahrend ihr doch die Thränen aus den Augen fielen: Wohlan, Herr Zahnarzt, walte jetzt Deines Amtes. Wieverhole, was Du damals thatest und wofür ich Dir nach mancher gut durchschlasenen Nacht schon dankbar gewesen bin. Du wirst dann einsehen, wie sehr ich mein Unrecht wieder gut zu machen wünsche, denn Du weißt ja, wie sehr ich das blitzende Instrument in Deiner Hand fürchte." Ich legte dieZange fort und gab meiner kleinen Frau einen herzhastee Kuß. Seit jener Zeit haben wir uns nicht wieder gezankt. Wenn es aber fast unvermeidlich scheint, dann führt eines das andere .hierher vor jenes Kästchen, in dem wir jenen Zwietrachtszahn zum Andenken
ausbewahren, ' und dann gib: ZedeZ nach." Max schwieg. In der Portiere hinter. uns raschelte es. Die lächelnde Frau Marga trat ein. Als ich später ging und draußen an dem geöffneten Fenstervorbeikam, trug mir der Wind folgende Worte von ihr zu: Höre, Max. weshalb ging Dein Freund Edwin so nachdenklich fort?" Ich will Dir's verrathen." antwortete Max, er will heirathen."
Ja, daö Denken. Die Compagnie ist in Abtheilungen zum Detailexercieren ausgerückt, eine einzige Corporalschaft in Drillichhosen, die übrigen in Tuchhosen. Sobald der Hauptmann dies bemerkt, ruft er den Unterofficier jener Corporalschaft zu sich. Hauptmann: Ja, zum Teufel, was soll denn das bedeuten? Warum tragen denn Ihre Leute allein Drillichhosen?" Unterofficier: Herr Hauptmann, H dachte " Hauptmann (ihn unterbrechend): Kreuzdonnerwetter! Wie oft habe ich schon gesagt, daß Ihr nichts denken sollt! Dabei kommt doch nur Unsinn heraus!" Nach einer Viertelstunde betritt der Major den Kasernenhof, der natürlich auch sofort die staatsgefährliche EntDeckung macht, daß die siebente Compagnie ungleich bebeinkleidet sei. Er interpellirt zunächst den Hauptmann und entbietet dann den unglücklichen Unterofficier zu sich. Major: Wie kommt es denn, daß Sie Ihre Mannschaft bei dieser kühlen Witterung Drillichhosen tragen lassen?" Unteroffieier (schweigt). Major: Haben Sie denn nicht bedacht, welche Verantwortung Sie auf sich laden, daß Ihre Untergebenen krank werden können? Wozu hat Ihnen denn der Himmel Ihre fünf Sinne verliehen? Aber natürlich, nur nichts denken! Dazu ist man zu faul und zu bequem! Ich behalte mir das Weitere vor!" Endlich führt der Teufel auch noch den Obersten herbei. Auch seinem scharfen Auge entgeht das Ereigniß des Tages nicht. Er versammelt sämmtliche Officiere und Unterofficiere um sich; auch der Major muß mit antreten. Oberst: Wie heißt der Korporalschaftsführer, dessen Leute DNllichhosen tragen?" Hauptmann: Unterofficier Krause, Herr Oberst." Oberst: Krause! Schön! Ich begreife nicht, daß die übrigen Unterofficiere so wenig auf Schonung des ärarischen Eigenthums bedacht sind. Lange Tuchhosen bei diesem Schmutz! Der Mann ist der einzige von der ganzenGesellschaft, der etwas gedacht hat." Kleines Mißverständniß. Major von Streber gibt ein Souper, zu dem sich auch der Brigade - Commandeur eingefunden hat. Da die Bedienung im Hause des Majors nicht ausreichte, so hatte er einen Soldaten, Hampel mit Namen, zur Aushilfe herbeigezogen. Hampel stellt sich aber leider sehr dumm an und der Major hat daher den übrigen Aufwärtern aufgctragen, ihn nur im äußersten Nothfalle beim Serviren thätig eingreifen zu lassen. Der Herr General ist zur Freude des Majors sehr aufgeräumt und spricht den Speisen mit bestem Appetite zu. Besonders der Lachs scheint ihm sehr zu munden; er hatte schon zweimal davon genommen und sah sich eben wieder, wie suchend, um, jedenfalls um sich noch einmal nachserViren zu lassen. Der Major überzeugt sich mit einem raschen Blick, daß außer Hampel, weil ein frischer Gang kommt. Niemand von der Bedienung anwesend ist, und so ungern er es thut, zwingt ihn doch die Noth dazu, da man den General nicht warten lassen kann, Hampel heranzurufen. Bringen Sie dem Herrn General eine Platte!" sagt er laut und deutlich, damit in dem Gehirne Hampel's kein Zweifel darüber entstehen kann, was er zu thun hat, und zu gleicher Zeit winkt er mit dem Kopfe gegen das Büffet, auf dem ein paar Platten von der gewünschten Speise stehen. Hampel hatte sehr wohl verstanden, der Herr Major hatte ja laut genug gesprochen. da ihn aber die übrigen Aufwärter den ganzen Abend schon so sehr geneckt hatten, so wollte er doch einmal zeigen, daß er nicht gar so dumm wäre, als man von ihm dachte, und hier vor so vielenVorgesetzten wollte er erst recht nicht den Aufgesessenen" spielen. Er' entgegnete daher, nachdem der Major nochmals wiederholt hatte: Sie sollen dem Herrn General eine Platte bringen." mit seinem pfiffigsten Grinsen, indem seine zwinkernden Aeuglein den kahlen Kopf des Generals streiften: Entschuldigen, Herr Major eine Platte haben der Herr General schon!" FalscheKosmetik. Wie würden sich die Frauen grämen, Wenn vonNatur zur Welt sie kämen So, wie um Liebe zu entfachen Sie jetzt durch Künstelei' sich machen. Immer ärger. Mit dem Professor Müller wird es in neuester Zeit stets ärger: wenn er jetzt, seitdem seine Frau todt ist, des Nachts heimkommt, legt er sich in das Bett seiner Frau und hält sich selbst eine donnernde Gardinenpredigt! Starker Nebel. Erster Student: Was fangen wir denn nur heute Abend an?" Zweiter Student: Folgen wir dem Beispiele der Natur! Benebeln wir uns ebenfalls!" .
Aie Sternschnuppe.
Von L. Budde. Es ist Abend. Eine junge Mutter sitzt am Fenster, ihr Kind, ihr einziges, auf dem Schooße. Beiden macht es so große Freude im Finstern da zu sitzen und zuzusehen, wie die funkelnden Sterne auf dem dunkeln Blau des Himmels nach und nach sich entzünden und auch eine Sternschnuppe niedcrfällt. Die Mutter schlingt den Arm um den Hals des kleinen Knaben und sagt mit leiser Stimme: Sich', wie die vielen kleinen Sterne uns zulächeln! Ich bin gewiß, daß sie uns etwas zu erzählen haben." Erzähle du es, Mutter!" bittet der Kleine, und die Mutter fährt fort: Wir sind nur winzige Stäublein, sagen die Sterne zu dir und zu mir, im Vergleich zu dem Reichthum des Himmels. Aber bald fliegt der Engel in die dunkele Nacht hinaus, um den Kindern der Erde himmlische Gaben zu bringen. Der birgt sie unter seinen Flügeln und will dir alles geben, was du dir wünschest, damit du wissen kannst, daß er dich lieb hat." Hat er auch dich lieb. Mutter?" fragt der kleine Knabe, und die Mutter nickt. Und auch den Vater?" O, ja wohl", erwiderte sie, aber es klingt wie verhaltenes Seufzen. Er liebt uns so sehr, daß weder der Vater noch ich es so recht wissen, wie sehr..." Da bekam ich meinen Text!" sagt eine fröhliche Stimme, und der Vater steht hinter ihnen. Sie haben sein Kommen gar nicht bemerkt. Nun, was wünschest du dir denn, du Kleiner ? Wünsche dir" bei Zeiten etwas." Der kleine Bursche sinnt einen Augenblick nach und sieht ganz unschlüssig aus. Aber plötzlich ruft er mit strahlendem Gesicht: Ich wünsche mir, daß ich unter die Flügel des Engels kommen möchte." Na, du nimmst aber den Mund voll!" lacht der Vater. Ich bin genügsamer, als ihr zwei." fährt er. zu der Mutter gewendet, fort. Ich verlange den Himmel nicht, sondern lasse mir an der Erde genügen; denn da habe ich dich und den Jungen." Er küßt das ihm zugewandte Gesicht. küßt seinen Jungen und geht. Aber die Mutter bleibt gedankenvoll Wieder ist es Abend. Und wieder sitzt die junge Mutter da. ihr Kind, ihr einziges, auf dem Schooße. Seine Wange glüht und seine Augen glänzen nicht vor Sehnsucht und Freude, sondern weil der Husten ihn zu ersticken droht und seinen ganzen Körper erschüttert. Der Vater sitzt regungslos da und starrt sein Kind an. Plötzlich hört der Husten auf, die Züge des Kindes drücken Erleichterung aus, und es athmet wieder frei und leicht. Mutter, ist es heute, daß ich unter die Flügel des Engels kommen darf?" flüstert der Kleine. SeitWochen ist es sein einziger Gedanke, seine Sehnsucht gewesen. Die Mutter nickt nur, denn sie getraut sich nicht zu antworten. Küsse mich. Mutter! Vater komm'!" flüstert er wieder. Die Mutter beugt sich über ihr Kind, und der Vater küßt das kleine Gesicht, das sich ihm zuwendet. Ein glückliches Lächeln huscht darüber hin ein Sonnenblick zwischen düsterm Gewölk. Der Husten stellt sich wieder ein. Der Arzt ist da und beobachtet das Kind aufmerksam. Gehen Sie, gnädige Frau", sagt er mild und ernst zugleich. Es ist die Halsbräune. Wir müssen versuchen, Ihr Kind zu retten." Einige Stunden sind vergangen. Die Mutter harrt im Wohnzimmer, wohin der Arzt sie gesandt hat. Ihr Herz krampst sich zusammen. Die Thüre wird geöffnet, ihr Mann zeigt sich in derselben, und ein Blick auf sein Gesicht giebt Antwort auf ihre bange Frage. Todt?!" Ein herzzcrreißenderSchrei dringt durch den Raum, und wie gebrochen sinkt die Mutter langsam zu Boden. Gieb mir einen Trost!" schreit sie wild, und wie Feuer lodert es in ihren Augen, aber keine Thräne löscht die Gluth. Einen Trost! Gott im Himmel woher soll er Trost nehmen? Er hat ja selbst keinen. Entsetzt und verstört blickt er hilfesuchend um sich dann fällt sein Blick wieder auf seine Frau, und es durchzuckt ihn zäh. Wie er kämpft und ringt! Man sieht es. wie er im Kampf erbebt. Allmälig hellt sich sein Gesicht auf, und er beugt sich über seine Gattin. Die Sternschnuppe sprach die Wahrheit." sagte er. Der Wunsch unseres Kindes hat sich erfüllt: es ist unter dem Flügel des Engels, und. . . es ist wohl geborgen. Jetzt sind wir zwei, die dies glauben!" - Sie schlingt die Arme um seinen Hals, und Thränen stürzen ihr aus den Augen. Die Erde hat mit dem Himmel getheilt!" flüstert er. Und ich habe an ihr nicht mehr genug." Winke. Schusterjunge: Heeren Se. Frau Meestern. wenn Se jetzt een kleen bisken Schmalz in die Suppe thun thäten, würde die aber Oogen macken?" Vor dem Amtsgericht. Amtmann: Sind Sie verheirathet?" Landstreicherin (verschämt): New; ich bin noch zu haben!"
per neue Aemostsicncs. Humoreske von TL M. Hennig. Peter Schneuzlein ist Vorstand eines Vereins, der im Begriff steht, sein zehnjähriges Stiftungsfest zu feiern. Da eine solche Gelegenheit aber nur durch eine schwungvolle Rede würdig begangen werden kann, so fällt Peter Schneuzlein selbstverständlich die Aufgabe zu, sie zu halten. Peter Schneuzlein ist nun keiner der aufgeblasenen Tröpfe, wie man sie so häufig unter Gelegenheits - Rednern trifft, die da meinen, sie brauchen nur den Mund aufzumachen, um einer ganzen Versammlung zu imponiren. o nein, er weiß recht gut, Reden ist seine schwächste Seite. Aber was nicht ist, kann noch werden, und Uebung macht den Meister. In seinem Zimmer die nothwendigen
Studien zu mächen, kann sich Peter Schneuzlein nicht entschließen, denn er sieht im Geiste bereits seine beschränkten Hausgenossen in allen möglichen Stellungen profanster Neugier und das ist ihm bei der idealen Auffassung durchaus peinlich. Doch wozu hat uns denn die Geschichte große Vorbilder hinterlassen? Doch nur, um ihnen nachzuahmen. Voll Begeisterung eilt PeterSchneuzlein an den Meeresstrand. Ist doch das Brausen der Wogen die rechte Musik, um den Gedanken idealen Schwung zu verleihen und das Alleinsein mit der erhabenen Unendlichkeit die großartigste Gelegenheit, dieselben zu einem köstlichenRedestrauß zu sammeln. Meine hochverehrte Versammlung!" so beginnt Herr Schneuzlein. Die Stun de ist ge kom men " Da läßt ein gellender Hilfsschrei den Redner jäh verstummen. Ein rauschendes Etwas Peter Schneuzlein ist aus allen Himmeln gefallen, als er eine ältliche Dame, die, von ihm nicht gesehen, dort am Strande gezeichnet hatte, mit allen Zeichen des Schreckens die Flucht ergreifen sah. Aber Peter Schneuzlein gab sein Vorhaben nicht auf. Diesmal ging cr in einen großen, finstern Wald, wo kein Sonnenstrahl wärmend bind) das dichte Blätterdach dringen konnte. Meine, hochgeehrten Herren", begann Schneuzlein, aber er kam nicht weiter, denn er verspürte einen Stich in der Brust und mußte sich schleunigst auf einen Baumstumpf niederlassen. Aus dem Dickicht aber tönte eine Stimme: Ei herrjeses. nu äben, guden Abend ooch! Das ist ja sehr scheene, aber erlooben Se. glooben Se, ich bin vielleicht doob? Ich hör' Se ganz gut. Suchen Se noch Bilze? Säh'n Se. g'rad' hab' ich än sehr scheen'n gefunden, aber sonst nischt. wie kleenes Luderzeug! Nu äben!" Peter Schneüzlein aber raffte sich auf und floh wie von Furien gepeitscht diesen Ort. Tief traurig ließ er den Kopf sinken. Seine Rede mußte er halten und doch wie sollte er es anfangen, sie zu üben. Gab es denn kein Plätzchen auf der weiten Welt, wo die banale Alltäglichkeit nicht hinzubringen vermochte? Da entsann er sich plötzlich eines hohen Berges, der fünf Stunden weit entfernt war und gegen den die Jungfrau" die reinste Freitreppe .war. Zu diesem beschloß er zu wallfahren; hier konnte ihn nicht einmal der flüchtige Fuß einer Gemse stören. 'Die Mühseligkeiten, die Peter Schneuzlein bei seinem Aufstieg zu erdulden hatte, ließen indeß seinen Eifer für die gute Sache nicht im mindesten erkalten. Kaum gönnt er sich, auf dem Gipfel des Berges angekommen. Zeit zumVerschnaufen, denn die Gefühle, die in seiner Brust toben, drängen nach Gestaltung in beredtem Redesluß. Wer aber beschreibt seinen Schrccken, als er sich plötzlich von hinten mit nerviger Faust gepackt fühlt und frei über dem fürchterlichen Abgrund schwebt, während eine Stimme ihm grausenerregend in die Ohren tönt: .Uenn Sie vollen schreien, so sollen Sie gehen in ein Narrenhaus. Ick uerde schütteln, bis Ihnen ausgeht das Lunge!" Nur durch das feierlichste Versprechen, daß er in seinem ganzen Leben keinen Ton mehr von sich geben wolle, gelang es Peter Schneuzlein, sich von dem gewaltthätigen reisenden Engländer zu befreien. Cr gab daher sein Amt als Vorstand auf und lebte von da an glücklich bis an sein Ende. Armenhäuser für Thiere. Grenzenlose Milde gegen Thiere ist ein hervorragender Zug im Charakter jedes strenggläubigen Buddhisten. Der Fürsorge der Hindus für jedes hilfbedürftige Geschöpf verdankn die vielen Thier - Hospitäler und Anstalten zur Pflege altersschwacher oder sonstwie hilfloser Thiere ihre Entstehung, die man so viel auf der ostindischen Halbinsel antrifft. Eines der größten und bekanntesten dieser Thier - ArmenHäuser" befindet sichbei der Station Sodepur in der Nähe von Kalcutta. Es beherbergt augenblicklich 973 Insassen, nämlich 129 Ochsen, 307 Kühe. 171 Kälber. 72 Pferde, 13 Wasserbüffel, 69 Schafe. 25 Ziegen. 141 Tauben. 4 Hühner, 4 Katzen, 3 Affen und 5 Hunde. Am besten von Allen haben es die Kühe, denn da die Kuh in Indien eine ganz besondere Verehrung genießt, versäumen die Gläubigen aus der Umgegend nicht, gerade zur Pflege dieser Insassen der Anstalt nach besten Kräften beizusteuern. Aengstliche Menschen führen die Gefahr mit sich.
Sommernacht.
Von b.'rs'.d. Die letzten Strahlen verglühten, Die Dämmerung senkt sich sacht; Nun schmachten viel weiße Blüthen In des Mondes silberner Prachl. Verschlafene Tauben girren.. Und düftetrunken schwirren Phalänen durch die irren Wunder der stillen Nacht. Die blassen Sterne gehen Um's blaue Himmelsrund, Und weiche Winde wehen Hervor aus wald'gem Grund. Die Luft durchschallt ein Klingen. Viel tausend Heimchen singen. Und heiße Wünsche schwingen Sich durch die stille Stund'. Nun möcht' ich mit dir wallen Hinaus in's liebe Land; Es schluchzen die Nachtigallen. Es rauscht vom Waldesrand. Johanniskäfer blinken. Verschilfte Weiher winken. Und holde Träume sinken Und weben der Liebe Sand. Charaktere und Farben. Die Gräfin Talmont sprach einst ihre Verwunderung darüber aus, daß die Marquise von Lafare auf einem Eliteballe in einem schreiend rothen Kreppkleide erschien. Das finde ich ganz begreiflich,"- erklärte der berühmte Schriftsteller Honore de Balzac und lachte boshaft, man müßte das menschliche Herz nicht kennen, wollte man sich darüber wundern, daß eine Dame, wie die kokette Marquise von Lafare, diese auffällige, lärmende Farbe zu ihrer Toilette gewählt hat! Jeder Charakter oder, wenn Sie wollen. seder Geist wählt sich eine Farbe, die ihm analog ist. Sie können, Frau Gräfin, mit ziemlicher Bestimmtheit bei den Frauen, welche orange-. amarant- oder granatfarbige, goldgelbe, fast- oder zeisiggrüne Kleider tragen, auf ein störrisches, eigenwilliges oder zänkisches Wesen rechnen. Trauen Sie denen nicht, welche violett lieben, noch viel weniger denen, welche stets helle Hüte tragen; aber vor Allem meidenSie diejenigen, welche sich stets und mit Vorliebe schwarz zu kleiden pflegen. Die schwarze Farbe wird mit Recht eine kabbalistische genannt; man muß sich wirklich gern den düstersten, unglücklichsten Gedanken hingeben, um sich mit schwarzem Flor und Flitter aufzuputzen; aber gerade solch' verdüsterte Menschen sind wie versessen auf diese Couleur und mißgönnen jedem Anderen ein helleres Colorit. Weiß ist die Farbe der Charaktere, die keinen Charakter haben: Frauen, me meist und viel weiß tragen, sind fast Alle kokett. Erinnern Sie sich, wasman von der Kaiserin Josefine. von Madame Tallien. von Frau Recamie? erzählt? Diese Damen erschienen immer und überall in Weiß. Rosi wird mit Vorliebe von den Frauen gewählt, welche ihre dreißig und darüber zählen. Junge Mädchen von fünfzehn Lenzen wollen höchst selten diese Farbe tragen. Sie ziehen meist dunklere Farben vor, aus keinem anderen Grunde, als weil sie den vornehmen Ton noch nicht kennen, und weil die Jugend, aus Mangel an Nachdenken und Erfahrung, die Welt immer im falschen Lichte sieht. Im Allgemeinen sind die Frauen, welche rosa den anderen Farben vorziehen, munter, geistreich, äußerst liebenswürdig, ferner lebensfroh und qut umgänglich und haben nichts von der eäigen. grillenhaften, meist boshaften Laune, die uns an den Dunkelgekleideten so sehr mißfällt. Himmelblau ist die Farbe der schönen" Frau; himmelblau liebt man in jedem Alter, und jedem Alter steht eg gut dem Kinde, dem man sein Zöpfchen mit himmelblauem Seidenbändchen umwickelt, dem jungen Mäd-, chen, das seinen Strohhut damit garnirt. der Frau, die ihr Sonntagshutchen damit schmückt, und selbst dem schneeigen Haupte des Großmütterchens, für die Kirchenhaube. Diejemgen. welche die Farbe des Himmels wählen, sind meist sanft und nachdenkend. Perlgrau ist die Farbe derselben Naturen, wenn sie traurig oder unglücklich sind. Man geht rosenroth oder hellblau in den Tagen desGluckes und wählt in trüben Tagen das sanfte Grau. Letzteres gefällt den duldenden Seelen zumeist.wenn muntere, lachende Farben den Reiz für sie verloren haben, und wenn ihr Gemüth doch zu sanft, ihr Gesicht zu frisch ist. als daß sie sich vom Kops bis zu den Füßen jn Schwarz verhüllen könnten. Grau ist eine Uebergangsfarbe; es nähert sich schon dem tröstlichen Hortensien- und Himmelblau. Lila wird fast nur von Frauen getragen, die einmal schon waren und es nicht mehr sind, oder Solchen, die es immer bleiben, selbst im Alter. Es ist die Pensionsfarbeder Frauen, die sich nach großen 2i umphen zurückgezogen haben. Die Mutter muß einen lila Federhut zum Hochzeitstaqe der Tochter tragen, und die fünfziqjahrige Dame, wenn sie Vlsiten macht. Alle Nuancen in Grün, mit Ausnahme des Maigrün, stehen selten einem Gesichte gut. Um sich in diese Farbe zu kleiden, muß die Tragerin sich eines sehr frischen, gesunden Teints erfreuen aber das Gesund-Aussehen-ist ja heut zu Tage gegen die Mode. Wählen Sie weiß und roth und himmelblau zu Ihren Toi leiten, schöne Frau, und Sie werden den Sonnenschein in jeden Salon zaubern!" Gelungene Ausrede. Warum versprichst Du mir immer den schönen Perlenschmuck und giebst ihn mir nicht?" Sehr einfach, wenn ich ihn Dir kaufe, dann kann ich ih Dir nicht mehr versprechen."
