Indiana Tribüne, Volume 22, Number 270, Indianapolis, Marion County, 18 June 1899 — Page 2

SchwcdischeLausKunst.

Cen Anna Brunnemann. .eben den großen Naturschönbeiken n mannigfaltigen geistigen ?An der herrlichen Jnselstadt tcdiwlm, dem Venedig des Nordens". wird Liebhabern dort auch eine reiche, auf einer hohen künstlerischen Etufe stehend? Volksindustrie geboten. Noch unberührt von moderner Massenfabrication undConcurrenz. arbeitet das Volk den alten Traditionen getreu und bewahrt das von den Vätern ererbte Kunstgefühl. Diese Volkskunst bildet die Grundläge des schwedischen Kunstgewerbes überhaupt. Ueberall begegnen wir ihren Formen, ihren Farben; die Echauläden Stockholms bieten der geschickten Hände Werk dar; selbst die Wohnungen der wohlhabenden Großstädter zeigen neben ihrer vornehm modernen englischen und französischen Ausstattung eine blondere Bevorzugung der soliden Schöpfungen des heimathlichen Kinstgewerbes, die sich überall, in geschmackvoller Weise angebracht, vorfinden. Den vollkommensten Ueberblick über die schwedische Volkskunst bietet das nordische Museum in Stockholm, der Verein der Freunde der Handarbeit" und der Ausstellungsseal des Vereins für nordische Kunst" Ueberall finden wir, vom Schlichtesten bis zum Kunstvollsten vereint, was rege Hände fr die einfachen Bedürfnisse des armen Bauern bis zu dem kostbaren Besitz des vermögenden Grundherrn geschaffen haben. Alle Provinzen Schwedens zeigen sich in ihrer charakteristischen Eigenthümlichkeit. Zunächst fesselt die Tertilindustrie. Alle die gediegenen Stoffe werden aus Schafwolle angefertigt, im Hause gespönnen und gewebt. Tie Farben sind goldecht, nur aus heimischen Pflanzen und Mineralien gewonnen. Darum freilich ist die Farbenskala eine nur beschränkte: leuchtendes Gelb, kräftiges Roth, ebensolches Grün, ferner intensives Blau, Weiß und Schwarz. Ohne vermittelnde Töne keck nebeneinandergesetzt, ergeben die Farben eine frische, kräftige Gesammtwirkung. Wer hat nicht schon die buntgestreiften schwedischen Schürzenstoffe gesehen, die ebenso farbenfreudig erscheinen wie die Tücher der Neapolitanerinnen und sich von den weichen, warmen Tönen einer nordischen Sommcrlandschast oder von den weißen Schneefeldern freundlich und heiter abheben? Ueberrascht ist das Auge im hohen Norden wie im sonnigen Süden über den Farbenreichthum. Je todter, je trostloser die Natur, desto bunter kleiden sich die Bewohner jener Einöden, und in den kahlen Steppen Lapplands sinden wir das leuchtendste Roth und das heiterste Blau. Selbst das kleine Heim des Landrnanns, das mehr oder minder kunstvoll mit Schnitzwerk verzierte Holzhaus, das, idyllisch an blauen Seen oder am grünen Waldessaume gelegen, buntfarbig in die Landschaft hineingestimmt ist, zeigt in seinem Innern eine ungemein behagliche, fast künstlerische Einrichtung. Bunte Stoffe schmücken als wärmende Behänge Decken und Wände. Die einfachen Streifen der Schürzen sind durch feinere, complicirtere Webereien verdrängt worden. Vornehme Muster in harmonisch abgestimmten Farben erinnern an die reiche und doch harmonische Farbenpracht orientalischer Gewebe nur sind sie schlichter im Ornament und noch ruhiger und einheitlicher in den Farben. Allerdings wandern die schönsten ErZeugnisse der Hausweberei aus der Hütte hinaus, in die Gemächer der reicheren Städter, wo sie als Kissen, Bezüge und Behänge eine wahre Augenweide bilden. Die Bäuerin begnügt sich mit einfacheren Geweben, bei denen sich niemals etwas Grelles, Geschmackwidriges störend aufdrängt. Daheim gesponnenes Leinen verziert sie mit breiten Stickereien und bekleidet damit gleichfalls in rnalerischerAnordnung die Wände. Die alterthümlich, oft kunstvoll geschnitzte oder grotesk bemalte Bettstelle wird ganz hinter solchen Behängen verborgen. $Y)m und Bezüge sind mit Stickereien und breiten, daheim gefertigten Spitzen verziert. Alle Stickmuster entstammen der nordischen Fauna und Flora: wie sinden allerhandWaldthiere, Rehe. Füchse, Wölfe, den seltsamen Elch mit schaufelartigem Geweih, Schneegänse, Möven u. s. w. Daneben gelangen die Hausthiere, vor allem der Hahn, zu ihrem vollen Recht. Die bildlichen Darstellungen erscheinen etwas grotesk stilisirt und werden mittelst einfacher Kreuzstiche gestickt. In ihrem künstlerischen Streben versteigt sich die Bauernhand sogar zu Wandmalereien. Lange, breite Papierstreifen, auch zu Behängen bestimmt, werden mit biblischen Scenen in grellsten Farben und äußerst primitiver Auffassung bemalt. Vorherrschend sind Gelb. Ziegelroth und schreiendes Grün. Die originellsten dieser Kunstleistungen entstammen zumeist dem vorigen Jahrhundert und schildern die Vorgänge der heiligen Geschichte im Costüm, das-zu Lebzeiten des Künstlers von hohen Persönlichkeiten getragen wurde. Besond'ers reich sind die Kirchen an älteren Gemälden sehr grotesker Natur. So giebt es ein heiliges Abendmahl" im Costüm der Edelleute des 18. JahrHunderts wie es Kinderhänden darzustellen gelingt fliegende Engel im gestickten Galafrack blasen dazu Posaune. Bemalt werden ferner Schränke und Truhen, vor allem jedoch die wundervollen hohen Standuhren, die sich fast in jedem Hause finden. An den langm Winterabenden bildet die Holzschnitzerei die Hauptbeschäftigung der Männer; auch die Frauen ttriteben die weniaen Werkzeuae. mit

denen alle nur erdenklichen Hausgerathe künstlerisch verziert werden, geschickt zu handhaben. Die schwedischen Holzschnitzer sind nicht sehr erfinde risch. Sie halten den alten Stil aufrecht, den sogenannten Almogestil", dem primitive Thier- und Pflanzenmotive zu Grunde liegen. Das Ursprünglichste darunter ist wohl der Pferdekopf, der vielfach noch die Hausgiebel ziert. Den größten künstlerischen Werth besitzen unstreitig die im romanischen Stil gehaltenen Schnitzereien : kernige, kräftige, doch zu einer wohlthuenden Harmonie verflochtene Linieornamente schmücken Thürfüllungen, Taufbecken, Spinde, Truhen u. s. w. Eine Fülle geschmackvoller Decorationen ergiebt die heute immer mehr verbreitete und vervollkommnete Kerbschnitzerei. Kaum sind die Hausgeräthe alle aufzuzählen, denen auf die eine oder andere Weise eine künstlerische Verzierung verliehen wird: Webstühle, Spinnrocken, Mangelhölzer, Nadelbüchsen, Messer, Löffel, Krüge. Schüssein. Teller u. s. w endlich Pferdegeschirr, Wagen und Schlitten. Zu all dem finden wir auf den dreiten Borts ode? dem alterthümlichen Buffett buntfarbige, grotesk verzierte Erzeugnisse der Bauerntöpferei aufgestellt; ihnen reihen sich uralte Zinnund getriebene Kupfer- und Messingarbeiten an. Eine ruhige, ausgeglichene, von angeborenem Kunstgefühl und reicher Ueberlieferung unterstützte Schaffensfreude scheint all diese unbekannten regen Künstlerhände zu beseelen, und was Museen undTrödler aufstapeln, ist nur ein geringer Theil von dem, was sich noch in den Vauernhäufern entlegener Provinzen und in uralten Ritterburgen vorfindet. Reia? sind die Wohnstätten besonders an Wandund Standleuchtern aus getriebenem Meing alle zeigen einfache, strenge Formen und wenig abwechslungsreiche, aber äußerst geschmackvolle Ziermotive. Ebenso werden die silbernen Schmuckstücke mit der Hand ausgeschlagen und zumeist mit altromanischen und gothischen kirchlichen Motiven geschmückt. Wenn der kurze, flüchtige Sommer mit seiner nimmermüden Sonne zur Rüste gegangen und die rasche, rastlose Thätigkeit auf den Feldern beendet ist. findet dies fleißige, genügsame Volk Freude an einem behaglichen Heim, das es sich, der Urväter Sitte getreu, selbst geschaffen hat. Auch höher im Norden, bei den heimathlosen, nomadischen Lappländern. die allerdings nicht stammesverwandt mit den Schweden sind, ist der Kunstsinn und die Farbenfreude nicht erstorben. Einmal im Jahre leuchtet dieSonne in wunderbarer Schönheit, ohne unterzugehen, und versenkt die stille, winterliche Natur in einen kurzen Freudentaumel. Die Erinnerung an ihrenFarbenzauber bleibt so rege im Sinne dieser einsamen Nordländer, daß sie sich in der Oede des Winters mit sonnenheiteren, frischen Farben umgeben und sich in grelles Roth und tiefleucht:ndes Blau kleiden.

Verlobung in Italien. Die berühmte neapolitanischeSchriftstellen MathildeSerao macht folgende Mittheilungen über die Vorschriften, die man in Italien bei der Verlobung zu beobachten hat. Zunächst sind VorVerhandlungen nothwendig, um über die Bedingungen der Heiea-th. die Mitgift u. s. w. in's Klare zu kommen. Diese Vorverhandlungen schließen oft mit dem Rückzüge des Verlobungslustigen, weshalb es nöthig ist, sie so geheim zu führen, daß Unbeteiligte überhaupt nichts von ihnen wahrnehmen. Die vornehmen Familien betrauen mit ihnen ibre Verm'ögensverwalter. bürgerliche Familien in der Regel ihren Beichtvater oder einen alten vertrauten Freund. Steht der Verlobungslustige schon im reiferen Alter und hat er selbstständige Stellung, so kann er die Vorverhandlungen auch persönlich sühren. Kommt eine Vereinbarung zu Stande, dann hält der Verlobungslustige förmlich um die Hand der Signorina an. Der Gefahr, einen Korb zu bekommen, setzt er sich also nicht aus. Der Antrag wird aber nicht von dem Verlobungslustigen selber gestellt das wäre sehr unfein vielmehr begiebt sich sein nächster Verwandter (in Gehrock und Cylinder) zum Vater der Signorina und bringt den Heirathsantrag vor. Die Signorina darf dabei um keinen Preis zugegen sein. Hat der Vater dem Antrage stattgegeben, so ist dem Bräutigam am nächsten Tage ein kurzer Besuch erlaubt. Er findet die Braut im Empfangszimmer und überreicht ihr ein Geschenk, in der Negel einen Ring. Es zeugt von gutem Geschmack, wenn das Geschenk nicht allzu kostbar ist, denn eine Braut, bemerkt die Signorina Serao, ist kein indischer Götze, den man mit Gold und Edelsteinen behängt. Die Braut erwidert nach einiqen Tagen nicht etwa sogleich! das Geschenk des Bräutigams. Bei seinem Besuche trägt der Bräutigam Gehrock und Cylinder, nur Leute ohne feinere Erziehung kommen im Frack. Im Hause der Braut bietet man ihm Kaffee, Thee oder Liqueure an, keinen Champagner oder kostbare Weine. Macht derGewohnheit. Richter (zu dem wieder eingebrachten Sträfling): Sie haben nun schon mehr als die Hälfte ihres Lebens im Zucht hause zugebracht, und jetzt sind Sie abermals hier Sträfling: ZPissen Sie, Herr Richter, ich habe mir halt gedacht: überall ist es gut aber zuhause ist es doch am besten. Ein zähes Leben. A.: Habe Sie schon gehört, daß sich der Kaufmann N. erschossen hat?- B. Der erschießt sich ja schon das zweite Mal." . , , .

Irci Wittwen. 8?o:i Marie Schramm'Macdonald. Frau Commercienrath sind drin gend beschäftigt und lassen bitten, einige Minuten hier im Salon verziehen zu wollen. Frau Commercienrath werden so bald wie möglich erscheinen." Ich winkte der in tiefe Trauer gelkideten zierlichen Kammerjungser freundlich zu und ließ mich in einen der goldbrocatenen Lehnsessel nieder. Mir gerade gegenüber stand aus einer goldenen Staffelei das lebensgroße Oelbild des verstorbenen Commercienraths. Es war ein Brustbild; eigentlich in doppeltem Sinne. Was einem nämlich an diesem Portrait zunächst in die Augen fiel, war nicht etwa das Gesicht, sondern die ordengeschmückte Brust, die so recht dazu geschaffen schien, mindestens ein Dutzend Dekorationen auf ihrer breiten Oberfläche zu beherbergen. Das Gesicht kam erst auf den zweiten Blick in Betracht. Es war rund, nicht ohne eine gewisse Gutmüthigkeit, zeigte aber überwiegend Selbstbewußtsein, ja sogar Hochmuth. Jedenfalls war es ein geistloses Gesicht. Die großen, runden Augen sagte nichts, rein gar nichts. Sollte man es wohl glauben," dachte ich bei mir selber, daß dieser Mann einer der schlauesten und glücklichsten Börsenspecnlanten gewesen ist, ein Mann, der sein colossales Vermögen lediglich seinem unfehlbaren Instinct für jeden Vortheil auf dem großen Geldmarkte zu verdanken gehabt hat?" Ich sah mir den deutschen Nabob nochmals aufmerksam an. Nun ja: Jnstinct", dachte ich dann weiter, da haben wir's ja. Dazu braucht man eben keinen Verstand." Merkwürdig, hier im Salon, wo der Verstorbene aufgebahrt gelegen hatte, roch es heute ähnlich wie am Begräbnißtage. Die dicke Blumenguirlande, welche das Portrait umgab, die mächtigen Blumensträuße, welche davor standen, mochten das Ihrige dazu beitragen. Es wurde mir in der eigenthümlich bedrückenden Luft dieses Zimmers plötzlich wie ohnmächtig. Soeben trat die Commercienräthin herein. Sie fand mich blaß aussehend und besprengte mich aus einem Riechfläschchen mit Kölnischem Wasser. Ich erklärte dann offen, daß ich sehr starken Blumengeruch nicht vertragen könne. Sie Arme, Liebe! Mir ist er auch nicht gerade angenehm," meinte Frau von Silberstadel, aber was thut man nicht einem theuren Dahingeschiedenen zu Gefallen. Wir halten hier jeden Morgen vor dem Bild meines geliebten Arno eine kleine Andacht, zu der auch daS Hausgesinde erscheinen muß, und schmücken es dann feierlich mit frischen Blumen. Ach, es tröstet so wunderbarbar, wenn man auf solche Weise dem Andenken deS Verstorbenen leben kann!" Die Wittwe sah in der That wunderbar getröstet aus. Die tiefe Trauerschneppe senkte sich aus eine heitere, marmorglatte Stirn, auf welcher blonde Haarringe in rasfinirtester Anordnung lagen. Der Flechtenknoten am Hinterkopfe war augenscheinlich von einer Meisterin des Frisirfaches geschürzt. Was den Traueranzug anbelangte, so war derselbe im Maria Stuart-Stil angefertigt. Wem Frau von Silberstadel auf der Straße begegnete, wo sie ein winziges CapoteHütchen mit langem, faltigem Schleier trug, der ward unfehlbar an die unglückliche Schottenkönigin erinnert. Ich wußte den merkwürdig ruhigen, kühlen, blauen Augen gegenüber kein rechtes Wort des Beileids zu finden. Frau von Silberstadel machte meiner Stammelei indessen bald ein Ende. Genug, meine Liebe, Gute, ich weiß alles, was Sie sagen wollen, und bin von Ihrem tiefen Mitgefühl für mich vollkommen überzeugt. Wer meinen Arno gekannt hat, muß mich beklagen." Sie drückte ein schwarzgerändertes Spitzentaschentuch mit großem, schwarzem Monogramm zierlich an die Augen, obgleich keine Nothwendigkeit dazu vorlag. Aber," hier erhob sich die schöne Frau von ihrem Platz an meiner Seite, was sollte es frommen, wenn man sich in Schmerz und Klage aufriebe? Im Sinne meines verklärten Gatten wäre es sicher nicht, wenn ich mich mit nutzlosem Jammern zu Grunde richtete." Frau von Silberstadel warf hier einen raschen Seitenblick in den Spiegel. Er konnte mich nicht traurig sehen. Wenn ich manchmal über eine verpfuschte Toilette oder sonst etwas weinte, streichelte er mich und recitirte regelmäßig inen Vers seines Lieblingsdichters Ritterhaus: Feig verzagen? Nun und nimmer sich begraben In des Trübsinns Nebeldunst! Und an jedem Sonnenschimmer Freude haben, Ist die rechte Lebenskunst!" Sie zog mich jetzt in's Speisezimmer, wo auf dem mächtigenEichenholztisch ein kleines, aber ausgesucht feines Gabelfrühstück servirt war. Aus einem silbernen Champagnerkühler lugte eine goldenbehelmte Flasche. Sie müssen ein Glas Sect mit mir trinken auf das Andenken meines Arno. Er war mit seinen fünfundsechzig Jahren noch so jung! Wir tranten stets um diese Zeit ein Glas Sect zusammen, und dann erzählte er mir von seinen Planen. Ich halte mit strenger Pietät an den alten, lieben Gewohnheiten. Ueberdies bedarf ich der Stärkung. Man wird elend von den vielen Condolenzbesuchen. Nicht jeder Condolirende ist so angenehm wie Sie. Und dann" sie th4 einen tiefen Athemzug in merklicher Erregung habe ich mich heute schon drei (Stirn den mit meinem Schneider herumgeärgert. Dieser Mensch ist so capriciös!

Mit der sanftesten Manier von der Welt widerspricht er in einem fort und läßt nur seine Meinung gelten. Dabei will er mich armen Schmetterling entweder wie eine Raupe in geradezu nonnenhafte Trauergewänder einpuppen, oder er schlägt mir, wie zum Höhne extravagante Dinge vor, bei denen die nothwendige ernste Stimmung nicht zum Ausdruck kommt. Ach, man muß sich schrecklich über diesen albernen Menschen ärgern!" Sie trank hastig ein Glaö Champagner mit einem Zuge leer. Dann fügte sie wehmüthig hinzu: Wenn mein süßer Mann es wüßte, wie sich seine Liddy ärgern muß." Das schwarzberänderte Taschentuch kam wieder in Bewegung. Diesmal fing es eine wirkliche Thräne auf. Ein Diener meldete jetzt die Ankunft zweier Persönlichkeiten, welche die Wittwe zu sprechen gewünscht hatten. Ah, Madame Duvernois und ein Commis von Hillmann Hüte und Trauerschmuck lassen Sie sie in mein Zimmer eintreten. Bitte, Theuerste, helfen Sie mir wählen. Früher entschied Arno für mich jetzt bin ich so allein allein." Ich bedauerte höflich, der an mich gestellten Bitte nicht entsprechen zu können, und entfernte mich, ohne den Champagner berührt zu haben. Der Professor Erkmann. ein beliebter Lehrer des Gymnasiums, war ganz plötzlich gestorben. Die Ehe des hochbegabten Mannes war eine verhältnißmäßig glückliche gewesen. Seine Frau betete ihn an, und um ihrer Vergötteuung willen übersah er es gern, wenn im Hause nicht alles immer so war, wie es sein sollte. Bedürfte doch auch er der Nachsicht, wenn er um eifrig verfolgter, allerdings edler Zwecke willen Haus und Familie bisweilen start vernachlässigte. Nun lag der schöne, talentvolle, lebensprühende Mensch bereits seit fünf Tagen in seinem kühlen Grabe. Frau Professor empfängt Niemand," sagte mir ein unordentlich aussehendes Dienstmädchen, nachdem es meine Visitenkarte in unverschämter Weise beguckt hatte. Die Person kannte mich nicht. Bei Professors gab es viel Dienstbotenwechsel, und ich war gerade in der letzten Zeit nicht bei ihnen geWesen. Plötzlich wurde die Kllchenthür aufgerissen. Der zehnjährige Ernst und die dreijährige Liesbeth stürzten Heulend heraus. Liesbeth hielt einen blutenden Finger empor. Beide Kinder sahen schmutzig, verwahrlost aus. Das Dienstmädchen warf ihnen einen wüthenden Blick zu. Was habt Ihr wieder angestellt, Ihr Satansbrut?" zischte es und knuffte den Knaben, während sie die Kleine am Arm zu sich heranriß, um den verwundeten Finger zu besichtigen. Ennst mir mit Tüssenmesser (Küchenmesser) denitten (geschnitten)!" jammerte das Kind. Infamer Bengel," rief das DienstMädchen mit unterdrückter Stimme, nichts als Unheil stellt er an, der Taugenichts. Wart', ich werdeDich " Ich zog die Kleine fort, befahl dem Mädchen, mir augenblicklich Verbandzeug zu geben, und verband des erstaunten ötindes Wunde, indem ich ihm sanft zuredete. Dann nahm ich beide Kinder bei der Hand und ging zum größten Erstaunen des unangenehmen Dienstmädchens direct mit ihnen in's Wohnzimmer, wo ich die Wittwe vermuthete. Da saß sie in einem großen Lehnstuhl und starrte vor sich hin, stumm, thränenlos. Die Haare, seidenweiche, lockige, braune Haare, hingen ungeflochten um ihren Kopf herums Ihre Kleidung war die denkbar nachlässigste. Ein großes, schwarzes Tuch umhüllte sie nur zum Theil. Als mich die Wittwe erblickte, streckte sie wie abwehrend die Arme aus. Dann schlug sie das Tuch über ihren Kops und brach in ein herzbrechendes Weinen aus. Ich setzte mich still neben sie und suchte ihre Hand. Sie war eiskalt. Ich streichelte sie sanft und legte sie dann auf das Haupt des Knaben. Die Frau schrak zusammen und schlug das Tuch zurück. D, ich weiß, was Sie sagen wollen." preßte jetzt die Wittwe unter Schluchzen hervor, ich fühle den Vorwurf. der in Ihren Blicken liegt! Aber ich kann es nicht ertragen, kann nicht ohne ihn sein! Ich will sterben, verhungern, auslöschen wie ein Licht, da er. er dahin ist! Das Leben ohne ihn ist mir eine Qual!" Die Kinder klammerten sich weinend an die Schluchzende. Aber sie hatte kein Wort der Liebe für diese zarten Wesen, die mit dem Vater zugleich die Mutter verloren zu haken schienen. Als ich nach langem, vergeblichem Mühen, durch Zuspruch jeder Art die selbstsüchtige Frau auf den Weg der Pflicht zurückzubringen, niedergeschlagen das Zimmer verließ, kam mir das Dienstmädchen entgegen. Gott sei Dank, die Tante kommt heute Abend an. die Schwester vom sel'gen Herrn; 's ist auch Zeit.' Man möchte selber verrückt werden. Wenn ich die Frau hätte bestehlen wollen und die Kinder verhungern lassen, gehindert hätte mich keiner daran. Das ist mir auch nicht die rechte Liebe für den Seligen, ich kann mir nicht helfen; der muß sich doch im Grabe herumdrehen!" Es war freilich nicht die rechte Liebe. Auch nicht die rechte Trauer. Verstimmt und bedrückt von den Eindrücken, die ich empfangen, wendete ich mich meiner Wohnung zu. Vor der Thür zu dieser traf ich mit einer jungen Frau zusammen, die äugenscheinlich im Begriff war, bei mir zu klingeln. .Frau Romer, Sie sind 3?" sagte

ich, sie erkennend, und fugte, nach einem j

zweiten Blick auf ihr Gesicht hinzu: Aber tzie sehen ja aus wie ein Geist. Fehlt Ihnen etwas? Kommen Sie schnell herein!" Im vollen Lichte des Zimmers fiel es mir erst recht aus, wie schmal und hohlwangig die Frau es wär meine Weißnäbrin geworden war, seitdem ich sie zuletzt gesehen. Sind Sie trank . gewesen, liebe Römer?" fragte ich theilnehmend. Da ging ein Zittern durch den schlanken Körper der Frau, unter den Augen, die todttraurig aus dem vurchsichtigen Gesicht herausschauten, lagerten sich bläuliche Ringe. Sie wollte sprechen, aber die Lippen versagten den Dienst. Setzen Sie sich, meine guteRLmer," bat ich besorgt. Die Frau gehorchte, nachdem sie zuerst bescheiden widerstrebt hatte. Ich brachte ihr ein Glas Wein; da traten ih? die Thränen in die Augen, und ehe ich's wehren konnte, hatte sie meine Hand leise geküßt. Dann nahm sie zögernd einen kleinen Schluck Wein. Die schneeweißen Wangen rötheten sich ein wenig, das Zittern ließ nach, der bebende Mund fand endlich Worte. Wenige Worte waren es, die er sprach, aber inhalt -schwere: Mein Mann ist todt, gnädige Frau!" Ich erschrak bis in's Herz hinein. Um Gotteswillen, Frau Römer" Ich konnte mir's ja denken." fuhr sie fort, daß Sie nichts erfahren haben. Es ging alles so furchtbar schnell, und ich wollte die Herrschaften nicht mit meinen Angelegenheiten behelligen." Wie kühl die Frau das sagte! Sie hat den herben Stolz der Armuth, der von den Besitzenden so oft als Hochmuth ausgelegt wird. Die Arbeit ist fertig," fuhr sie fort, gnädige Frau haben wohl die Güte, einmach nachzusehen, ob alles so recht ist." Nein, nein, Frau Römer," rief ich aus, erst erzählen Sie mir mein Gott, ist denn Ihr Mann krank gewefen? Wie unrecht, daß Sie nicht zu mir geschickt haben, aber es sieht Ihnen ähnlich. Sie würden eher verhungern, als den Schein erwecken, daß Sie Jemand um Hilfe anflehen wollten! Wie ist denn nur das Unglück über Sie gekommen?" Sie brachten mir meinen Gotthold todt heim, am Donnerstag vor acht Tagen war's, wie der furchtbare Sturm üder's Land gegangen ist. Er muß vom Trittbrett heruntergefegt worden sein, kurz ehe der Zug in den Bahnhof einfuhr. Es kann's Niemand begreifen, was er noch herumzusteigen gehabt. Aber im Dienst war's gewiß. Sie haben ihn verdächtigt, er habe irgendwo Trinkgelder einsammeln wollen. Aber mein Gotthold that nichts gegen die Vorschrift; keinen unrechten Groschen hätt' er je in's Haus gebracht. Er war so brav, gnädige Frau." Und wie, liebe Römer, und wie ! Ein so guter Gatte und Vater, ein so pflichttreuer Beamter. Seien Sie meiner herzlichen Theilnahme gewiß." Ich faßte ihre Hand und drückte sie warm. Die Frau kämpfte augenscheinlich mit sich, um nicht zu weinen. Ich danke Ihnen," sagte sie jetzt leise. Sie sind so gut. Und nicyt wahr, gnädige Frau werden mir weiter Arbeit geben und mich empfehlen? Es heißt jetzt tüchtig drangehen. Die drei Jungen wollen schon was heißen. Aber der liebe Gott wird mir Kraft geben, und der Gedanke, daß ich sie zu Männern erziehen will, wie mein Mann einer war, die nöthige Freudigkeit zum Schaffen." Bekommen Sie Pension, Frau Römer?" Ich fürchte, nein. Sie sagen, weil Gotthold durch eigene Fahrlässigkeit um's Leben gekommen sei." Und Sie sind schwach und elend, Frau Römer, Sie " Es ist der Kummer, der an mir zehrt, gnädige Frau. Aber " die Wittwe richtete sich auf, und ihr feines Gesicht bekam einen Ausdruck der Verklärung, ich werde seiner nun bald Herr werden mein Mann hat es mir nicht umsonst immer gesagt: Ueber alles die Pflicht. Ich muß den Kindern den Vater ersetzen. Ich will hart arbeiten Tag und Nacht, dann kann ich mir's auch schon gönnen, Sonntags mit meinen Jungen hinauszuwandern zum Friedhof, wo unser guter Vater schläft. Dort sollen's mir die Jungen immer wieder in die Hand versprechen, daß sie brav werden wollen, wie er es gewesen ist." Wie sagte doch Goethe? Die tüchtigste Frau ist diejenige, die den Kindern den Vater zu ersetzen vermag, wenn er abgeht." Ich stand am Fenster und blickte der Frau Römer nach. Sie ging eilig die Straße hinab. Nicht elastisch, wie ein glücklicher Mensch, aber festen Schrittes, zielbewußt. Da flüsterte ich. hoffnungsvoll für die Zukunft dieser achtungswerthen Wittwe .die Worte Lavaters vor mich hin: Freude fehlt nie. woArbeit, Ordnung und Treue ist." JneinerSackgasse. Herr: Ja. was wollen Sie denn von mir. daß Sie so zudringlich sind?" Strolch: Nur um eine Gefälligkeit wollte ich Sie gebeten haben." Herr: Und die wäre?" Strolch: Morgen werde ich heirathen und da wollt ich Sie nur gebeten haben, mir für diesen Tag Ihren Ehering zu leihen." Vorsorge. Aber daß Du jetzt, im Frühjahr, Deinen Mann um einen Herbsthut angehst?" O, bis der ja sagt, wird's auch Herbst." Im Zweifel. Verheirathete Schriftstellerin (am Vormittag): .Jetzt weiß ich nicht, soll ich mein EpoS vollenden, oder Knödel kochen?" . .

Fliegende Hllänner". Auf der Tour von Marseille nach Bordeaux machte der Circus des rühmlichst bekannten Direktors Cesare Priantoni auch in dem südsranzösischen Landstädtchen S. eine Station von vierzehn Tagen. In dem sonst recht stillen Provinzneste herrschte ob dieser Sensation die größte Ausregung. Die schläfrigsten Gewürzkrämer fühlten plötzlich eine nicht zu bewältigende Vergnügungssucht und in hellen Massen strömte das Publikum dem auf der Place Napoleon stehenden hölzernen Rundgebäude zu. in welchem es so viel Nochnichtdagewesenes" zu schauen gab. Vor der Bude brillirte in hohen Reiterstiefeln der Prinzipal Priantoni mit einer langen Peitsche und einem martialischen Henryquatre - Bart. Die Geschäfte gingen gut, also konnte der grimme Cesare übermüthig die schwarzen Augen rollen lassen und seine weißen Zähne lachend zeigen. Tie Attraktionen des Circus waren Titus und Hannibal, die fliegenden Männer". und Melusine, die Wasserkönigin. Diese Drei spielen die Rollen in dem kleinen Drama aus dem Artistenleben, welches sich nun entwickelt und noch in der eben von demClown in der Parade angekündigten Vorstellung seinen Anfang nimmt. Noch eine vierte mitbetheiligte Person ist Manuela, die schlecht behandelte, kränkliche Ziehtochter des Prinzipals. Draußen stürmt die Bewohnerschaft von S. noch immer die Kassen, der Bretterbau des Circus ist aber bereits von Zuschauern dicht gefüllt. Die Entreenummern sind im Gang, eben springt Chiesi, der Bajazzo, in die Manage. Hinter dem rothen Vorhange lehnt Melusine im grün-silbern schillernden Kostüm einer Najade, die Herrlich geformte Gestalt reizend postirend, während ihr das Rothhaar über den Weißen Nacken herniederfließt. Ihre grauen, wie Stahl funkelnden Augen richtet sie mit. süß schmeichelndem Blick auf den jungen, zierlich und doch kräftig gebauten Luftgymnastiker Titus, welcher davon verwirrt, bezaubert zu sein scheint. Unweit sitzt die bleiche Manuela auf einem Feenwagen, der sich im Halbdunkel des Umrittes recht defect ausnimmt. Aber noch ein Augenpaar sieht das verheißende Lächeln der Wassernixe, die selige Betäubung des Jünglings. Hannibal, der Partner Titus' bei der Luftarbeit, erzittert vor Eifersucht und Rachegelüste. Seine Leidenschaft für Melusine grenzt an Raserei. Hannibal ergreift ein tödtlicher Haß gegen Titus, der Nichts ahnt. Die Beiden sind nicHt Brüder, aber von Kindheit an übten sie zusammen unter der oft grausamen Zucht eines strengen Lehrmeisters ihre Turnkunst auf dem Trapez. Jetzt sollte das Band der Eintracht zerrissen werden durch das Spiel der Coquetterie eines Weibes. Als Melusine im Wasser des Krystallglas - Bassins ihre Attitüden macht und jede Bewegung der Anmuthsvollen von Aller Augen förmlich verschlungen wird, zupft Manuela den ebenfalls in Betrachtung der blendenden Nixe versunkenen Titus leise an dem Kostüm und fleht ihn an: Laß' ab von ihr! ... Hannibal haßt Dich. Er wird Dich todten!" ... Titus streichelt dem blassen Mädchen die Wange. Ich liebe Melusine nicht!" sagt er. Sie will Jedem gefallen." Manuela's Wimpern sind feucht, doch beseligt lächelt ihr Mund. Die Schlußnummer, die bereits mit Spannung erwartet wurde, sind die fliegenden Männer". Kein Sicherheitsnetz wird gespannt, denn je tvghalsiger die Produktion ist. desto frenetischeren Beifall findet dieselbe. Die Behörden des kleinen Landstädtchens in der Gascogne kümmern sich wenig um das Wohl und Wehe der Circusmenschen. Die Musik schmettert einen Tusch. Hinter dem rothen Cammtvorhang flüstert Melusine, umwallt von einem eleganten Bademantel, dem finster blickenden Hannibal zu: Sei nicht toll! Ich liebe ja nur Dich!" Aber Hannibal glaubt ihr nicht. Einen tückischen Blick schleudert er auf Titus. Dann tritt er an dessen Seite hinaus in die Manage und der Beifall umtost Beide, als sie mit Katzengewandtheit an baumelnden Seilen hinaufklettern zu den fliegenden Trapezen. Sie arbeiten bravourös. Unten steht Prinzipal Priantoni und dreht sich den schwarzen Zwickelbart. Er ist stolz darauf, solche Künstler engagirt zu haben. Der Schlußessest soll jedoch Alles übertreffen, was die fliegenden Männer" bisnun geleistet haben. Titus hat einen groben, undurchsichtigen Lcinensack über seinen Kopf gebunden. Hannibal hängt aus dem zweiten Trapez in den Kniekehlen, den Oberkörper nach abwärts und die Hände ausgestreckt. Titus, der im Sack nicht zu sehen vermag, erfaßt mit den Händen sein Trapez., schwingt sich an diesem Halt tollkühn mehrmals durch die Luft des weiten Raumes der Circuskuppel Athemloses Bangen der hundertköpfigen Menge. Nirn muft der kühne Titus bald loslassen ein Salto im Aether machen die Hände ausstrecken und von Hannibal aufgefangen werden. Da fliegt Titus schon aber sein Partner greift daneben, er faßt Titus nicht an den Gelenken ... Ein Schrei aus vielen Kehlen erschüttert das Haus. Unten im Seitenausgange der Manage liegt Titus regungslos. Ein bleiches, zarteS Mädchen stürzt sich über den Gestürzten hin Manuela. Getöse. Entrüstungsrufe. Hannibal flüchtet aus dem Circus. denn man will ihn lynchen. Die Stallmeisier rennen herbei. Director Priantoni eilt in die Mitti des Sandes und

schreit: Ein unbedeutender Zwischenfall! ... Morgen wieder große Vorstellung!" Der Arzt untersucht Titus. Schenkelbruch und Gehirnerschütterung. Man bringe den Verunglückten in das Hospital." Da erscheint eine greise Dame von imponirend hoher GeItalt. Nicht in die Charitf in mein Haus werde der Arme gebracht!" ... Alle starren die Sprecherin an. Es ist die Marquise von R. Man kennt sie allgemein, denn sie ist die reichste Inwohnerin des Städtchens. Aber es überrascht, daß sie im Circus anwesend ist, da sie sonst sehr zurückgezogen lebt, fast nie öffentlich sich zeigt. Die Marquise, ein altes Fräulein, trägt als Letzte ihres Stammes einen klangvollen Namen. Seinerzeit hatte sie viel Kummer erlitten wegen einer Tochter ihres verstorbenen Bruders, die sich damals in einen Kunstreiter verliebte und mit diesem in die weite Welt zog. Man hörte Nichts mehr über das Fräulein Marianne von R. Die Marquise hauste in den Mauern ihres klösterlichen Palais als wahre Menschenfeindin. Umsomehr Staunen rief es wach, als der bewußtlose fliegende Mann" von ihr Obdach und Pflege erhielt. Prinzipal Priantoni brach seine Saison ab, verließ Knall und Fall das Städtchen, in welchem sich nach dem Unglücksfalle kein Publikum für ihn und seine Truppe mehr fand. Hannibal und die Wassernixe wurden ein Paar. In der nächsten Stadt vermißte Priantoni seine Ziehtochter. Manuela war nicht mitgekommen. Sie sitzt an dem Lager des im Ficber liegenden Titus. Die Marquise hat es dem liebenden Mädchen erlaubt, das Haus zu betreten, vor dessenPfcrte Manuela bittend und in Thränen ausgelöst auf den kalten Steinen gelegen war. Die Greisin ist oft lange in den Anblick des dahinliegenden Titus versunken und Manuela vernimmt leise Worte: Es sind Mariannens Züge!" Im sammtgepolsterten Lehnstuble ruht die Marquise. Ein mildes Lächeln verklärt ihr edles Antlitz und langsam fließen die hellen Zähren über die abgehärmten Wangen. Ihre zurten, aristokratisch geformten Hände liebkosen denScheitel des jungen Mannes. der vor ihr kniet und innig zu ihr aufblickt. Titus ist es. Seine Erzählung hat die Marquise tief gerührt. Titus war der Sohn einerVethörten. Verlassenen, im Elende des untergeordneten Gauklerthums Dahingesiechten der Sohn Mariannes! ... Die Marquise berührt des nach langem Kampf mit dem Fieber endlich genesenen jungen Mannes Stirne mit ihren Lippen. Du sollst mein Anverwandter, mein Erbe sein!" Titus küßte die Finger der Marquise. Er. der seine Mutter ach nur allzu früh verloren hatte und von lieblosen, rohen Leuten grausam behandelt worden war, schwelgte in dem namenlosen Glück, ein ihm zugeneigtes Herz, eine Heimath qefunden zu haben. Da öffnet sich die Thür, tritt Manuela schüchtern ein. Verwundert betrachtet sie die Gruppe. Sie kann die Wendung in Titus' Schicksal' auch dann noch nicht fassen, nachdem er ihr Alles erzählt hat. Manuela schüttelt das Köpfchen. Es kann nicht so sein, mein Freund!" lispelt sie mit wehmuthsvollem Lächeln. Glaube nicht so fest daran, Titus. Oft neckt uns arme Leute ein boshafter Zauber, gaukelt uns herrliche Dinge vor und läßt dieselben, wenn wir danach haschen, in ihr Nichts zerfließen!" Aber die Marquise bestätigte des vor Wonne bebenden Titus Angaben. Da sinkt Manuela, ihr Gesicht mit beiden Händen bedeckend, .schluchzend nieder. Dumpf tönt's aus ihrer schmerzerfüllten Brust: So müssen wir scheiden, Titus! ... Ich kehre zum Circus xn die Sklaverei meines Ziehvaters zurück!" Die Marquise tritt zwischen das Mädchen und Titus, der seinen Arm um Manuelas Nacken legen will. Ja Sie müssen fort von hier. Manuela!" erklärt die Greisin und das liebende Mädchen schaudert. Fort in ein Töchterpensionat, aus welchem Sie nach einem Jahre wieder kommen sollen. um Titus' Gattin zu werden!" Jahre sind dahin geflossen in den Strom der Ewigkeit. Titus und Manuela sind ein glückliches Ehepaar, freuen sich ihrer Kinder und werden als Wohlthäter der Armen verehrt in der ganzen Stadt. Oft beten sie in der Gruft der Marquife von R.. welcher sie ihren Reichthum verdanken . . . Eines Morgens wird Titus gebeten, zu einem sterbenden Bettler zu kommen. den man auf der Straße aufgelesen hatte und d.'r fortwährend den Namen des ' fliegenden Mannes" Titus stammelte. Hannibal war es und Titus verzieh ihm. damit er in Frie den seine Seele aushauchen konnte. Auch eine Erklärung. Erster Bauer: Sag' mal. was ist eigentlich ein Kandidat?" Zweiter Bauer: Dös kann i' Dir schon sagen. Wenn man a' Kandedat werden will muß man a' große Eckschamen durch--machen. Doa heißt es nun: Kann de det? Kann de dat?" Und kann er dat, dann est er ebe a' Kandedat!" Gemüthlich. Richter: Be! Ihnen da draußen scheint's jeden Sonntag so eine kleine Schlägerei zu geben?" Angeklagter (freundlich): G'wiß! Kommen S doch 'mal 'raus, Herr Gerichtshof!" Man widerspricht oft nur, um eine eigene Ansicht zu heuc&clii