Indiana Tribüne, Volume 22, Number 242, Indianapolis, Marion County, 21 May 1899 — Page 7

List gegen List. Ton Tr. Tlai HirsZiseld. Wer die Gattin des Fabrikanten Wieland mit ihrer siebzehnjährigen Tochter Eva über die Straße gehen sah, hätte, ohne mit den Damen genauer bekannt zu sein, nicht vermuthet, in ersterer die Mutter Evas zu sehen, so stattlich und noch jugendlich, sah Frau Wieland aus, und ihre wohllautende Stimme war von der ihrer Toch5er kaum zu unterscheiden. Freilich war sie auch noch nicht vierzig Jahre

Qii. Die beiden Damen schritten zur Mittagsstunde dem Comptoir des Fabrisanten zu, um diesen abzuholen; aber sie kamen schon zu spät, dasComptoi? war bereits gänzlich verlassen und die letzte Buchhalterin eben im Segriff, die Thüre abzuschließen. Lassen Sie nur, Fräulein," sagte Frau Wieland, möglicherweise hat mein Mann im Comptoir eine schriftliche Mittheilung für mich zurückgelassen, ich werde die Schlüssel selbst mit nach Hause nehmen." Die Buchhalterin dankte und ging. Frau Wieland überzeugte sich, daß eine schriftliche Mittheilung sich nicht im Comptoir befand und wollte wieder den Rückweg antreten, als plötzlich am Telephon scharf geläutet wurde. Wie dumm!" rief die Dame, sie konnten sich doch denken, daß sich jetzt Niemand im Comptoir befindet. Aber jedenfalls nill ich einmal nachhören, was es da gibt. Hier M. A. C. Wieland." Hier Eduard Schleier, Baumwollen en ros. Ist Herr Wieland selbst nicht mehr im Comptoir, Fräulein?" Nein, bereits zu Mittag gegangen. Schluß?" Noch einen Augenblick, Fräulein Buchhalterin, nehmen Sie mir eine Bemerkung nicht übel. Sie haben die reizendste Stimme, welche ich je gehört habe." Frau Wieland sah sich verstohlen uach ihrer Tochter um, und da diese ganz ahnungslos zum Fenster hinaussah, erwiderte sie: Shr angenehm! , Sonst noch etwas?" Bitte. Fräulein, seien Sie nicht hartherziq, lassen Sie mich noch einen Augenblick die Musik Ihrer Sprache genießen." Ich wüßte aber nicht, was 9 . Sie haben recht. Ort und Zeit sind schlecht gewählt. Auf die Gefahr hin, bei Ihnen sogleich in Ungnade zu fallen. wage ich eine Bitte. Gewähren Sie mir eine Zusamrnenkunft am drit. ten Orte." JUltm Herr Bitte, bitte, diesen Sonntag Nachmittags um vier Uhr an der Siegessäule. Darf ich darauf rechnen?" Ich werde es mir überlegen. Schluß!" Auf dem Heimwege war Fluii Wieland recht schweigsam, was aber dem Töchterlein nicht auffiel, da dieses geuug damit zu thun hatte, die Blicke der ihnen entgegenkommenden jungen Leute zu vermeiden. Nach dem Essen, als Herr Wieland, wie gewöhnlich, rauchend in seinem Lehnstuhl ruhte, benützte die Gattin die Gelegenheit zu einer Unterredung unter vier Augen Was mir aber heute aus Deinem Comptoir passirt ist!" Nun, ohne lange Vorreden!" Du kennst die Firma Eduard Schleier?" Baumwollen cn gros, junger Anfänger, weiß!" Er telephonirte im Comptoir an und wollte mit Sbvz sprechen. Bei der Gelegenheit machte er mir ein Eompliment mewer schönen Stimme" wegen und lud mich zu einem Rendezvous Sonntag an der Siegessäule ein." Hm!" machte Herr Wieland phlegmatisch. Plötzlich aber sprang er erg! auf und rief: Donnerwetter!" Wie? Du bist ihm deshalb böse? Er hielt mich natürlich für eine Deiner Buchhalterinnen." Ach was, daran denke ich gar nicht. Hast Du das Rendezvous acceptirt?" Wie kannst Du so von mir densen!" Also nicht? O, das war dumm von Dir." Aber ich habe nicht abgelehnt, ich sagte, ich würde mir die Sache überlegen. Ich dachte nämlich, zur Strafe für seine Unverschämtheit mag er doch cn der Siegessäule vergeblich warten." t Du bist ein Prachtweib. Daraufhin kann ich meine Idee ruhig in's Werk setzen. Hast Du eine Ahnung, was ich meine?" Nicht die geringste." Denke doch einmal nach, er hat sich nur in Deine Stimme oerliebt, hat also von Deiner Person keine Ahnung, denn wenn er wüßte, daßDu etwa zehn Jahre älter bist als er doch lassen wir das. Hast Du gar nicht an unsere Klara gedacht?" An Deine Schwester Klara?" Ja, sie ist jetzt sechsundzwanzig Jahre alt, also in einemÄlter, in welchem ledige junge Damen durch ihre übergroße Empfindlichkeit unerträglich werden." Ach ja! Empfindlich ist sie!" seufzte Frau Wieland. Nun also, der junge Schleier ist im, gefähr ebenso alt, wie sie, folglich " Du denkst doch nicht etwa daran. ! daß wir Klara zu dem Rendezvous j schicken konnten! i Eben daran denke ich." Aber er wird an ihrer'Stimme sofort werden " Du kennst die Macht verliebterEinbildung nicht, ihm wird der Unterschied in der Stimme nicht ausfallen." Aber Klara' ist keine solche Schön heit, daß sie ihn diesen Unterschied vergessen ließe." Mein Kind, Klara ist nicht auf den Kopf gefallen, sie wird ihm bald zu verstehen geben, daß mit ihrer Person

ein: recht schone Mitgift verknüpft ist, und das ist für einen Geschäftsmann einer der schönsten Charakterzüge an seiner besseren Hälfte." Aber es schickt sich doch nicht Da sei Du unbesorgt. Klara hat Haare auf den Zähne und weiß genau, wie sie die Sache zu einem guten Ende bringt, ohne etwa ihren Ruf zu schädigen." Vier Wochen später fragte Her Wieland gelegentlich seine Gattin: Nun. wie steht es mit Klara und ihrem Verehrer?" Es scheint sich zu machen. Sie h ben bis jetzt alle Sonntage ein Rendezvous gehabt. Er wollte auch noch einen Wochentag dazu nehmen, aber das verbot ich auf's entschiedenste." Da hast Du recht gethan. Er hat also an Klaras Stimme kein-n Anstoß genommen?" Muß doch wohl." Aber aufrichtig, mir dauert der Roman, soweit er außerhalb des Hauses spielt, schon etwas zu lange." Das habe ich Klara auch schon gesagt. Sie wich Anfangs auf meine Fragen au3; versicherte mir aber schließlich, er werde nächstens zu Dir als Bewerber kommen." Das geschah schneller, als das Ehepaar erwartete. Bereits am anderen Tage machte Herr Eduard Schleier rn Frack und weißen Handschuhen seine Aufwartung und begehrte Herrn Wieland zu sprechen. Dieser musterte den Eintretenden mit Wohlwollen, es war ein hübscher stattlicher Mensch. Wenn er nur etwas Vermögen hätte." dachte Wieland bei sich, dann könnte er auf ganz andere Partien Anspruch machen, als auf meine Schwester Klara." - Er lud ihn ein, Platz zu nehmen und fragte formell nach seinem Begehr. Ich wollte", sagt: Herr Schleier mit liebenswürdigem Lächeln, um die .Hand Ihrer Tochter Eva bitten." Wieland stutzte. Meine Schwester Klara meinen Sie?" Nein, durchaus nicht, ich meine Ihre Fräulein Tochter." . Meine Tochter? Kennen Sie sie denn?" Ich habe die Ehre. Auf die Gefahr hin, mir Ihren Zorn zuzuziehen, Herr Wieland, bekenne ich einige Rendezvous " Doch nicht mit meiner Tochter?" Allerdings; aber Sie können ganz unbesorgt sein, wir hatten dabei eine ganz einwandfreie Zeugin, nämlich Ihre Fräulein Schwester." Meine Schwester? Ich gerathe von einem Erstaunen in's andere. Meine Schwester ist doch sonst nicht so, daß sie großmüthig entsagt, um das Glück Anderer zu begründen. Aber wie, in alle? Welt, lernten Sie meine Tochter überHaupt kennen?" Nun, sie kam gleich beim ersten Rendezvous mit dem Fräulein Schwester " Jetzt wurde Herr Wieland zornig. Er riß die Thür auf und schrie: Frau, komm doch einmal herein!" Was gibt es?" fragte Frau Wieland, nachdem sie die respektvolle Verbeugung Schleiers mit einem Kopfnicken erwidert hatte. Sag einmal, als Klara zu den verschiedenen Rendezvous ging, wurde sie da etwa von Eva begleitet mit Deinem Wissen und Deiner .Zustimmung?" Allerdings," erwiderte die Dame erbleichend, da sie sofort den Zusammenhang zu ahnen begann; Klara wollte nicht gerne allein gehen, und so willigte ich denn ein, daß sie von Eva begleitet wurde, aber nur bis zur Siegessäule. Dort sollte Eva umkehren und die Rückkehr Klaras in einer Konditorei abwarten." Abermals öffnete Herr Wieland die Thüre und rief hinaus: Klara, Klara!" Diese trat zagend ein. Du hast Dich von Eva zu Deinem Rendezvous mit Herrn Schleier begleiten lassen?" Ich bitte sehr." entgegnete Klara gereizt, von .einem Rendezvous mit Herrn Schleier kann keine Rede sein. Im Gegentheil war es Eva " Erlaube einmal, meine Frau hat doch ausdrücklich bestimmt, Eva solle in der Konditorei auf Dich warten." Jawohl," rief Klara höhnisch, darauf bestand ich auch; aber wer sich durchaus um kein Verbot kümmerte, war Fräulein Eva. Sie war furchtbar neugierig, wie es bei so einem Rendezvous eigentlich zugeht." Glücklicherweise!" nahm jetzt Herr Schleier das Wort, denn so lernte ich die reizende junge Dame kennen, und sie war so gütig, mir wiederholt eine Zusammenkunft zu bewilligen." Und Klara war ganz still und duldete das neidlos?" fragte Frau Wieland, die Hände vor Verwunderung zusammenschlagend. Das Fräulein," erwiderte Schleier, wurde, ich darf wohl sagen, hinlänglich dadurch entschädigt, daß mein Onkel sich erlaubt, ihr seine Verehrung zu Füßen zu legen, denn ich glaube, ohne mir schmeicheln zu wollen, mein Onkel ist ein Mann, den zum Verehrer zu haben, jede Dame stolz sein darf. Sie mögen sich überall erkundigen. Herr Wieland, mein Onkel, der Versicherungsdirektor Schleier..." ist mir bekannt," nickte Herr Wieland, ein Schwager, wie ich ihn mir nicht besser wünschen könnte, vor-

ausgesetzt, daß er es wirklich ernst meint." Das meint er." erwiderte der junge ! Mann, denn ich bin beauftragt, bei ! Ihnen, Herr Wieland. anzufragen, ob Ihnen seine Bewerbung um Fräulem Klara angenehm wäre." Herr und Frau Wieland sahen sich mit einem raschen Blicke an, ohne zu antworten. Sie fürchteten offenbar.

ihre Zustimmung könnte zu begeistert herauskommen. Und wenn Sie mich gütigst alZ Schwiegersohn acceptiren wollten " Ach ja. Papa!" rief Eva. welche bis dahin natürlich an der Thüre gelauscht hatte. Wir werden uns die Sache überlegen." nahm jetzt Frau Wieland das Wort. Himmel, diese Stimme!" murmelte Schleier, mir ist es, als hätte ich fast dieselben Worte mit derselben Stimme erst neulich gehört." FraU Wieland lächelte und crröthete. Auf morgen also," schnitt sie jede weitere Erörterung ab. Am nächsten Tage wurden zwei Verlobungen gefert. ikcrbrcchcrlsllic stauen. Von A. Oökar Klaußmann. Die Kriminalsiatistik belehrt uns darüber, daß die Frau wenicer zum Verbrechen neigt, als der Mann, und zwar ist die Frau an der Verübung von Verbrechen fünfmal weniger' betheiligt, als der Mann, das heißt also: auf sünf verbrecherische Männer kommt erst eine verbrecherische Frau. Es spricht- dies entschieden zu Gunsien der Frauen, und man müßte daraus eigentlich schließen, daß das Weib sittlich höher stehe, als d:r Mann und 'öaß es ein weit edleres Gemüth besitze, als dieser. Es maq das auch in der That sehr oft der Fall sein, gegen die Frau in derCriminalstatistik aber sprcchen die Umstände, daß sie erwiesenermaßen leichter rückfällig wird als der Mar.n, daß sie also zäher ist als er, wenn es sich um Verbrechen handelt. Ferner steht fest, daß das zarte und schwache Geschlecht" gerade bei grausamen Verbrechen (zum Beispiel Verwandtenmord) fast stärker betheiligt ist. als der Mann, und daß endlich Frauen fähig sind, aus ziemlich nichtssagenden Motiven große und abscheuliche Verbrechen zu begehen, aus Motiven. um derentwillen der Mann niemals daran denken würde, ein Verbrechcn zu begehen. Durch diese Umstände wird die Frau für den Kriminalisten entschieden intcrcssanter" als der Mann, für die Menschheit ist es dagegen nur bedauerlich, daß es sich so verhält, wozu aber gerade die gesellschaftlichen Einrichtunexn und die Stellung, welche die Frau im modernen Staat und in der Gesellschaft einnimmt, beitragen. Die häufige Rückfälligkeit der Frau, wenn sie st einmal Verbrecherin geworden ist, beruht darauf, daß eben die derartig belastete Frau noch viel schwerer, als der mit einer solchen Schande bedeckte Mann in der Gesellschaft wieder Fuß fassen kann. Die Frau, der ein derartiger Makel anhaftet, muß eigentlich immer wieder dem Verbrechen verfallen, denn sie ist in der Gesellschaft vcrfehmt, verachtet, verloren und findet hier keinen Halt mehr. Daß die Frau an grausamen Verbrechen, besonders am Verwandtenmord, stärker betheiligt ist als der Mann, läßt sich wohl zum Theil darauf zurückführen, daß die durch ihre sociale Stellung mehr oder weniger an das Haus gebundene Frau unter unangenehmen verwandtschaftlichen und ehclichenZusiänden mehr leidet, als der Mann, der sich derartigen Zuständen im Hause und in der Verwandtschaft leichter zu entziehen vermag. Immerhin bleibt noch etwas Unerklärliches, Dämonisches übrig, das die Frau unter Umständen zum Verbrechen geradezu zu treiben scheint. Man denke nur an die berühmten Giftmischerinnen, die mitunter Dutzende von Personen nur aus Lust am Morden tödteten, oft sogar Leute, die ihnen nie etwas gethan hatten, und mit denen sie im besten Einvernehmen lebten, ja manchmal selbst solche, die ihnen fast vollständig fremd waren. Dieses Dämonische im Weibe wird auch Veranlassung, daß die Frau fähig ist, aus ganz kleinlichen und kleinen Motiven, die Männer mehr oder weniger kalt lassen, schwere Verbrechen zu begehen. Vielleicht steht ihr dabei die Entschuldigung zur Seite, daß sie tiefer empfindet als der Mann, daß ihre Gefühle heißer sind, als die seinigen, und daß sie daher von Beleidiaunaen.

Beschimpfungen schwerer getroffen, von Haß und Eifersucht mehr gequält und erregt wird, als jener. Die nachfolaenden. aus der illnasten Zeit gewählten Fälle sind besonders cyarakterlstlsch und mögen darthun, mit welchem Raffinement mitunter Freuen um Kleiniakeiten willen Verbrechen ausführen. Em auffallendes Beisviel für die Verschlagenheit einer beleidiaten ftraii bietet nachstehende Kriminalgeschichte. In Baltimore starb im Jahre 1884 ein vielfacher Millionär, der nur einen einzigen Erben, nämlich seinen Neffen, hinterließ. Außerdem bedachte er in seinem Testament reicklick seine Wirtbschafterin. Der Neffe bestritt die Erbanprucye ver letzteren; besonders beyauptete er, die außerordentliche Hohe der Summe, welche der Onkel der Wirthschaften vermacht habe, stimme Nlcyl mit den Angaben uberem, die ihm der Onkel selbst bei Lebzeiten über die von ihm zu erwartende Erbschaft gemacyt habe. Es kam zu einem Erbsckaftsvroiek. der aber kaum im Ganae war. als der tt verhaftet wurde und zwar unter dem schmählichen Verdacht, der Mörder des eiaenen On!els m sein. Das Hauptverdachtsmoment gegen ihn war ein Papagei. Dieses Thier befand sich in dem Zimmer des Onkels, der mit dem Neffen zusammen ein Haus, aber nicht dieselbe Etage bewohnte. Der Papagei stieß beständig den Ruf aus: J&al habe ich gethan, ich habe, meinen armen Onkel gemordet!" Es ging eine Denunciation beim Gericht ein, und da man annahm, der Mörder habe, von Reue geveinigt. in Gegenwart des Vo-

gels itnt Selbstbeschuldigung öfter ausgestoßen, so schritt man zur VerHaftung des Verdächtigen. Zum Glück schlug der Wirthschafterin noch im letzten Moment das Gewissen. Bei der Eigenthümlichkeit der amerikanischen Geschworenengerichte wäre der Angeschuldigte sicherlich an den Galgen gekommen, weil den Geschworenen der Papagei als Zeuge über alles imvonirte. wenn nicht die Gesnerin des Angeklagten gestanden hätte, sie hab dem Papagei jene Worte so lange vorgesprochen, bis er sie mit großer Sicherheit nachsprechen konnte. Es wurde außerdem festgestellt, daß der Papagei ganz besonders gelehrig und im Stande war, lange Sätze nachzusprechen, wenn man sie vier- bis fünfmal wiederholt hatte. Die Wirthschafterin wollte sich wegen der Schwierigleiten, die ihr der Nesfe wegen Erlangung des ihr vermachten Legates in den Weg legte, an ihrem Gegner rächen, indem sie ihn in so seltsamer Weise in den Verdacht des Mordes brachte. Die Zähigkeit, die von Frauen mit verbrecherischen Instinkten entwickelt wird, sobald sie es sich einmal in den Kopf gesetzt haben, sich zu rächen oder einen Gegner zu vernichten, ist wahrhaft staunenswerth und übertrifft bei weitem die Energie, die der Mann in solchen Fällen jemals aufweist. Am Ende der achtziger Jahre wurde die streng in sich abgeschlossene Gesellschaft der Hamburger Großkaufleute durch eine Fluth von anonymen Ariefen in Ausregung versekt, die großes Unheil über weite Kreise brachten. Diese Briefe wurden Veranlassung, daß Ehegatten sich trennten, daß Verwandte in schwere Feindschaft geriethen, daß langjährige Freundschaft in die Brüche kam. Monatelang dauerte der Unfug mit den anonymen Briefen fort, welche die schmählichsten Verdächtigungen, die gemeinsten Schmähungen enthielten und mit gefälschten Einladungsschreiben, Absagebriefen, Vestellungen auf Todtenkränze und Leichenwagen abwechselten. Unzweifelhaft rührten alle diese Briefe von ein und derselben Hand her, und ebenso unzweifelhaft war es, daß ein weibliches Wesen die Verfasserin sein'mußte. Ihren ganzen Haß schien die Briefschreiberin aber auf die drei' undzwanzigjährige Tochter eines Hamburger Großkaufmanns zu concentriren, die wir mit Weglassung des Familiennamens blos Betty nennen wollen. Diese junge Dame erhielt nämlich täglich Briefe, in denen ste geschmäht, bedroht, dann zur Abwechslung wieder vor ihren eigenen Angehörigen gewarnt wurde. Eine Zeitlang ließ die Dame sich diese moralische Tortur durch die Schandbriefe gefallen, endlich aber ertrug sie es nicht länger, sondern rief ihren Vater um Hilfe an. Dieser wandte sich an die zuständige Behörde, und gleichzeitig mit ihm meldete sich noch eine Anzahl von Familien, welche durch die Erbärmlichkeit der Briefschreiberin schon vorher gelitten hatten. Betty sollte bei den gerichtlichen Aussagen der Voruntersuchung zunächst angeben, gegen wen sie überhaupt wohl Verdacht hege, und erklärte daraufhin, sie müsse dann, so leid es ihr auch thue, doch mittheilen, daß sie ihre beste Freundin, eine gleichalterige junge Dame aus vermögender Familie, für die Briefschreiberin halte. Das Gericht ließ Schriftvergleichungen zwischen den anonymen Briefen und der Handschrift der betreffenden Dame anstellen, und die Sachverständigen fanden in der That eine bedeutende Ähnlichkeit. Die Verdächtige wurde nun ebenfalls gerichtlich vernommen und war außer sich, daß man ihr derartige Gemeinheiten zutraue. Der Untersuchungsrichter war ein Menschenkenner und gewann die Ueberzeugung, daß die Angeschuldigte nicht die Thäterin sein könne, trotzdem verschiedene Verdachtsmomente gegen sie vorlagen. Da entdeckte man im Lesezimmer des Clubs, dem beide junge Damen, sowohl die Beschuldigerin als auch die Verdächtigte, angehörten, zufällig die Entwürfe zu den anonymen Briefen, die in Büchern der Clubbibliothek versteckt waren. Diese Entwürfe ergaben nun aber ganz unzweifelhaft die Schuld von Fräulein Betty selbst. Sie war die Schreiberin der anonymen Briefe, sie hatte in der letzten Zeit an sich selbst geschrieben und alle die anderen Briefe verfaßt. Und dieses Alles nur, weil sie ihre Freundin, die sie des Briefschreiöens beschuldigt, verNichten wollte. Der Grund zu diesem unerhörten Vorgehen Betty's war Eifersucht. In den Gesellschaftskreisen, worin die beiden jungen Damen sich bewegten, war in letzter Zeit ein Rechtsanwalt erschienen, der zuerst Betty huldigte, sich aber dann ihrer Freundin zuwandte und sich auch mit ihr verlobte. Von langer Hand bereitete Betty nun die Vernichtung der Nebenbuhlerin vor. Sie übte sich so lange im Nachahmen der Handschrift ihrer Freundin, bis sie fast genau so schrieb, wie diese selbst.

Dann schrieb sie monatelang die anonymen Briefe an fremde Persönlichkeiten, bis sie zum Schluß auch sich selber solche Schmähbriefe zugehen ließ, um dadurch ihren Vater zur Anzeige bei Gericht zu bewegen und dann durch ihr falsches Zeugniß den Verdacht auf die ehemalige Freundin zu lenken. Ein höchst merkwürdiges ähnliches Drama aus den Kreisen der oberen Zehntausend" bietet folzender Fall. Vor ungefähr zwölf Iahren gerieth die Herzogin von Beauffremont. die in Paris lebte, mit ihrem Gatten in heftigen Zwist. Die Herzogin war die Tochter eines bürgerlichen, sehr reichen Wechselagenten, der seiner Tochter bei seinem Tode neun Millionen Francs in baarem Gelde und außerdem sechs Millionen in werthvollen Grundstücken hinterlassen hatte. Der Herzog Beauffremont heirathete die Erbin, irrte sich aber, wenn er glaubte, er würde Herr

des Vermögens" werden. Die Gattin behielt die Verwaltung des Vermöaens tn eigener Hand und gab dem Herzog nur ein verhältnißmäßig kleines Taschengeld. Dieser Lebemann hatte, wie ws ja unter solchen Verhältnissen fast immer geschieht, die Tochter des bürgerlichen Wechselagenten nur geheirathet, um in den Besitz des Geldes zu kommen, und wollte nun mit Gewalt seinen Willen durchsetzen. Es kam zu außerordentlich heftigen Auftritten zwischen den jungen Ehegatten, und eines Tages vergaß sich der Herzog so weit, daß er seine Gattin mit einer eisernen Gardinenstange an der Schulter verwundete. Das französische Gesetz ließ damals noch keine Ehescheidung zu. Die beiden Ehegatten mußten also zusamme weiter leben, und die Frau beschloß, sich zu rächen, indem sie ihr gesummtes Vermögen verschleuderte. Man kann selbst fünfzehn Millionen Francs in Paris in verhältnißmäßig kurzer Zeit unter dje Leute bringen. Die Herzogin begann damit, daß sie sich zur Königin der Mode machte und derartig mit kostbaren Toiletten wirthschaftete, daß sie innerhalb dreier Jahre vier Millionen Francs nur für Toiletten verausgabt hatte. Zweiundneunzig Pariser Lieferanten ersten Ranges beschäftigte die Frau und sie verstreute das Geld mit vollen Händen. Dann trennte sie sich von dem Gatten und gab Hunderttausende zur Errichtung von Stiftungen und Mädchenschulen aus. Sie ging dann nach Italien, um dort ebenfalls das Geld mit vollen Händen zu verstreuen. Der Gatte, der gezwungen war, sich mit den bescheidenen Alimenten zu begnügen, die seine Frau für ihn zahlte, und der jetzt in einer dürftigen Junggcsellenwohnung lebte, nachdem seine Frau von ihm gegangen war, versuchte nun, sie wegen Verschwendung unter Kuratel stellen zu lassen; aber diesen Proceß verlor er. Um sich noch gründlicher an ihm zu rächen, adoptirte die Herzogin endlich eine kleine Neapolitanerin, die sie auf ihrer italienischen Reise aufgenommen hatte. Sie gab den Rest ihres Vermögens aus, um das Kind mit Juwelen zu schmücken und ihm eine Rente von Hunderttausend Francs auf Lebenszeit zu kaufen. Dann hatte die schwer. gereizte und gekränkte Frau ihren Willen durchgesetzt. Sie hatte sich ihres Vermögens entäußert und ging in ein Kloster, während der Gatte nun allerdings frei wurde, aber keinen Pfennig Vermögen erhielt, da nichts mehr vorhanden war. Die Französinnen scheinen besonders geneigt zu sein, im Affect und infolge von Kränkungen Verbrechen zu begehen. Die Beamten eines Ministeriums in Paris veranstalteten ein Kränzchen unter sich, an dem mehrere Hundert Personen theilnahmen. Es wurde zum Schluß ein Cotillon veranstaltet, und als die Paare Aufstellung nahmen, bemerkte man, daß nur eine junge Dame, Namens Marie Bartet, und nur ein junger Mann, Namens Dumont, nicht für den Cotillon engagirt waren. Dumont sah wohl, daß die Dame für den Cotillon frei sei, blieb aber ruhig in der Thür stehen und beachtete sie nicht. Einer der Herren, welcher als Arrangeur des Festes thätig war, machte den jungen Dumont auf die einsam sitzende Marie Bartet aufmerksam. Dumont aber weigerte sich, die Dame zum Tanz aufzufordern. Marie sah deutlich sein verneinendes Kopfschütteln und gewahrte, wie er bald darauf den Saal verließ. Als Dumont am nächsten Tage aus seinem Bureau nach Hause gehen wollte, trat ihm eine verschleierte Dame entgegen, die eine Flasche mit Vitriol nach seinem Gesichte schleuderte. Zum Glück wurde Dumont nur leicht verletzt. Die Thäterin wurde zur nächsten Polizeiwache gebracht, und hier stellte es sich heraus, daß sie keine Andere als Fräulein Marie Bartet war. Sie erklärte: Dieser Mann hat mir gestern eine tödtliche Beleidigung zugefügt Wäre ich ein Mann, so würde ich ihn gefordert haben; da ich nur ein Weib bin, mußte ich mich auf andere Weise rächen!" Ebenfalls eine heißblütige Pariserin war es, welche zur Diebin wurde, um sich an ihrer Familie zu rächen. Diese Dame, einer der ersten Familien des französischen Adels entstammend, gerieth wegen einer Heirath, welche die Ihrigen nicht zugeben wollten, in Differenzen und schließlich in Zwiespalt mit der ganzen Familie. Um sich an den Angehörigen zu rächen, beschloß sie nun, ihnen offenkundig Schande zu machen, und zwar durch einen Diebstahl. Sie fing die Sache noch dazu höchst originell an, so daß ihr Diebstahl das größte Aufsehen erregen mußte. Sie sah auf der Straße, wie ein alter Herr, vom Schlage' getroffen, umsank. Sofort eilte sie auf ihn zu, umarmte ihn unter Thränen und sagte zu den herumstehenden Leuten, sie sei die Schwester des Erkrankten. Sie ließ ihren angeblichen Bruder in eine Apotbeke bringen, wo man ihm indessen nicht helfen konnte. Dann ließ sie den Sterbenden in eine Droschke packen und fuhr mit ihm in eine Krankenanstalt. Unterwegs stahl sie dem in den letzten Zügen Liegenden alle Werthsuchen, die er bei sich trug, und verschwand dann vor der Thür des Krankenh'auses, um sich nun selbst der Polizei zu stellen. Die Dame erreichte ihren Zweck jedoch nur theilwcise. Die Familie gerieth in schwere Verlegenheit, denn die Zeitungen brachten den sensationellen Fall in aller Ausführlichkeit. Aber die Schande, welche die Rachsüchtige ihrer Familie anthun wollte, gelang nicht, denn infolge ' ihres offenen Geständnisses und der Angabe der Motive ihrer

Handlungsweise schickte sie das Gericht nicht m's Gefängniß, sondern m eme Nervenheilanstalt. Aehnliche Fälle ließen sich noch viele'

anführen, die alle dafür fprecyen, vaß. wenn die allgemeine Betheiligung des weiblichen Geschlechts an der VerÜbung von Verbrechen auch eine bedeutend geringere gegenüber den Männern ist, doch in der Criminalistik das Wort gilt: Drn geht es zu des Bösen Haus, Das Weib hat tausend Schritt' vor-

aus. Das Zlllzrlycnrcis. Von Anna Cevssert. Bernhard Westphal zog mit einer gewissen Gemächlichkeit aus dem Schubfach seines Schreibtisches den Pistolenkasten hervor, öffnete ihn und nahm die Waffe heraus. Es war. als besitze der funkelnde Lauf derselben eine dämonische Anziehungskraft. Der junge Mann richtete die Mündung erst gegen die Schläfen und dann gegen das ganz normal gehcnde Herz. Ein Schuß in die Schläfen tödtet am sichersten," sagte er vor sich hin, nicht aufgeregter als er vor, wenigen Minuten bezüglich seines genial geknüpften weißen Lavallieres constatirt hatte: chic!" Reichthum, Unabhängigkeit und gänzliche Verwaistheit, diese drei für einen jungen Mann fast immer verhängnißvollen Faktoren hatten es bewirkt, daß Bernhard so tief untergetaucht war in dem Strudel des Genusses. daß er erst wieder an die schale Oberfläche gelangte, als er dicht vor dem Ruin stand, als es nur noch zwei Auswege für ihn gab: entweder durch eisernen Fleiß sich eine neue Existenz zu gründen oder eine Geldheirath einzugehen. Eines erschien ihm so wenig begehrenswerth wie das andere. Das Leben hatte jeden Reiz für ihn verloren ungeduldig sah er dem Ende" entgegen .... Heute aber wollte er noch einmal den liebenswürdigen Schwerenöther herauskehren zum letzten Male! Er hatte zugesagt, der Trauung seines Freundes Max beizuwohnen! . Die Comödie. die dort unter der hochgewölbten Kuppel des ehrwürdigen Domes in Scene gesetzt wurde, mochte ihm den endgiltigen Beweis liefern, wie recht er that, die Hülle von sich zu werfen, deren Erhaltung so überaus kostspielig ist für einen Mann mit noblen Passionen! Wenn er heimkam aus dem Festtrubel. der so gar nichts Lockendes mehr für ihn besaß, dann sollte die Erlösung vor sich gehen! Die Waffe war geladen, er brauchte sie nur emporzuheben, ein leichter Druck und alles war vorbei! .... Nach einigen Stunden stand Bernhard in dem lichterfüllten, kühlen Dom in der Nähe des Altars und wie heiliger Zorn erfaßte es ihn, als sich ihm die Pracht aufdrängte, mit der hier ein Betrug vollzogen wurde. Er wußte es so genau, daß den Bräutigam nicht das leichteste Band an die Braut knüpfte. Kalte Berechnung. empörender Egoismus waren die Beweggründe zu dieser Verbindung für's Leben Dort nahte sie im schweren Seidengewand am Arm des nüchtern dreinschauenden Gatten. dieBraut mit dem unbräutlichen Blick, der kurz und scharf das Arrangement am Altar musterte, um sich dann in leisem Triumph zu senken. Spitzenwogen, M 'denen die jungfräuliche Myrthe ruhte, umflossen das dunkle Haar, der kleine Fuß trat auf köstliche Blüthen, und die wallende Schleppe zog Rosen und Veilchen mit sich fort, so selbstverständlich, als kenne sie ihr gutes Recht. Im Halbkreis umstanden junge Mädchen die Braut, die Freunde den Bräutigam. Die älteren Paare hatten sich weiter zurück gruppirt. Soeben trat der Geistliche vor den Altar. Ein resignirter Zug in jedem Gesicht. Verhaltenes Seufzen unterdrücktes Gähnen Bernhard erkannte voll Hohn, was in all diesen oberflächlichen Menschen vorging! Sicher vervollständigte diese Scene die Kette der Erfahrungen, die langsam aber stetig den Wunsch in ihm reifen ließen, seineRolle aus der Posse, die man Leben nennt, ein für allemale zu streichen! Da bemerkte er plötzlich, wie aus den Reihen der Brautjungfern sich eine weißgekleidete, sylphenhafte Mädchengestalt loslöste. Sie umschritt das Brautpaar in leichtem Bogen und trat auf die Seite hinüber, wo die jungen Kavaliere sich gruppirt hatten. Bernhard glaubte, noch niemals etwas so Liebliches gesehen zu haben, wie dieses zartgefärbte Mädchenantlitz, das von einem so kindlich glücklichen Ausdruck beseelt wurde. Unwillkürlich milderte sich der Icharfe Zug um den Mund des jungen Mannes. Es war, als berühre etwas unendlich Liebes. Wohlthuendes seine erstarrte Seele. Mit verhaltenem Athem sah er der sich nähernden Gestalt entgegen. Wohin wollte sie? Zu ihm? Wie sein Herz pochte! Sekundenlang sah sie ihn an aus großen, strahlenden Sternen! Dann vernahm er es auch schon dicht neben sich, das leise Rauschen des duftigen Tüllgewandes. Eine kleine, von weißseidenem Handschuh umschlosseneHand streckte stch ihm entgegen und bot ihm ein blühendes Myrthenzweiglein dar! Bernhard hatte das blühende. Myrthenreis entgegengenommen mit der Haltung eines Mannes, den nichts aus der Fassung z bringen vermag, aber er wagte es nicht, sich zu regen, aus Furcht, der holde Traum, denn ein solcher konnte es doch nur sein, werde zerrinnen! Der Geistliche wendete sich, nachdem er seine Andacht vor dem Erlöser beendet, dem Auditorium z',

Lächelnd verfolgte er die kleine Scene. Ihm mochte der liebenswürdiae Brauch bekannt sein, daß die jüngste der Brautjungfern vor dem Altar demjenigen ein blühendes Myrthenreis überreicht, welcher ihr als der Herrlichste von Allen" erscheint. Die lligen Augen des Predigers sahen, was in den Beiden dort vorging, und als gelte es. eine Seele zu retten, so eindringlich begann er zu sprechen von dem Zauber allgewaltiger Liebe, von ihrer Kraft und Demuth! Er betonte, daß die Liebe allein es vermöge, den Ertrinkenden vom Untergange zu retten, den Strauchelnden zu halten, daß er nicht falle, den Gefallenen aber wieder aufzurichten zu dem Streben nach Vervollkommnung, zu jener Größe. die da gibt, ohne zu fragen: was ist der Lohn Bernhard lauschte. Varg das Leben noch Geheimnisse für ihn? Er erinnerte sich plötzlich, daß er einst an bestimmten Tagen seine Mutter vor einer Truhe sitzend zu finden pflegte, der sie dann ein Kästchen entnahm, auf dessen verstaubten Inhalt ihre Augen mit feuchtem Glanz ruhten. Als Bernhard einmal neugierig fragte, welche Reliquie sie denn dort jo andächtig betrachte, antwortete sie, während Purpurgluth scheu über ihr alterndes Gesicht huschte: Es ist mein Brautkranz, er bestand aus lauter blühenden Myrthenzweigen." Das Amen des Predigers entriß Bernhard seinen grüblerischen Gedanken. Jubelnd brausten nochmals die Klänge der Orgel empor! Es kam Bewegung in die Gesellschaft. Man athmete auf. Beglückwünschend umringten Alle das Brautpaar. Der unfreiwillige Bann war gewichen, die Medisance gelangte Wieder zu ihrem Recht. Mit verstörtem Blick sah Bernhard in das zarte, warm belebte Mädchenantlitz. Das Erwachen aus dem holden Traum war für ihn vernichtend. Im Walzertakt hatten sie den Saal durchflogen. Nun führte er sie in einen Nebenraum, wo es sich köstlich ausruhen ließ von der Anstrengung des Tanzes Bernhardaber dachte nicht an Ruhe, in ihm war alles wilde, ringende Bewegung. Er hatte das Scheidewort von einer Stunde zur andern hinausgeschoben. Jetzt mußte es gesprochen werden, und doch rang sich kein Ton über die zuckenden Lippen. Sie sind unglücklich - hauchte das junge Mädchen. Wenn es nur das wäre!- löste es sich da in schwerer Selbstanklage von seiner Brust, wenn es nur das wäre! Aber ich bin nicht werth " Elsa wankte. Ihr vorhin so strahlendes Gesicht wurde todtenbleich, mit einem versagenden Blick streifte sie derc jungen Mann. In diesem Moment leate sich der starke Arm ihres Vaters um Elsa's Gestalt. .Geh in das Zimmer Deiner Tante und erwarte mich dort, mein Kind!" gebot er mit einer sanften Zärtlichkeit und geleitete Elsa bis zur Thür. Dann wandte er sich mit finsterem Vorwurf Bernhard zu: Und Sie waren gewissenlos genug, das Gift des Zweifels in dieses junge Herz zu streuen? Wenn ich ein weniger aufmerksamer Vater wäre, so hätten Sie durch eine ausführliche Beichte in meiner Tochter den kindlichen Glauben zerstört, der das Weiö begleiten soll, bis in's hohe Alter hinein!" Verzeihen Sie mir.- preßte Bernhard hervor. .Elsa ist noch jung, sie wird vergessen, was ihr heute begegnet ist ste wird mich ja niemals wiedersehen Nach einem stummen Gruß wollte er das Zimmer verlassen. Der alte Herr trat ibm in den Weg. Ein etwas in den Zügen des jungen Mannes erschütterte ihn. Was ist's mit Ihnen?" fragte er kurz. Sie sind mir zum mindesten eine Aufklärung schuldig!" Haben Sie nur Verpflichtungen. die sich durch Geld ausgleichen lassen, ode? " Ich schulde Niemandem etwas, weder Geld noch Pflichten, aber daraus kommt es ja nicht einmal mehr an. Sie würden einem Menschen, dessen Grundsätze dem vom Rost durchsetzten Eisen gleichen, doch nicht gestatten, um Ihre Tochter zu werben?" Ein befreiender Athemzug theilte die Lippen des bekümmerten Vaters. Er hatte Schlimmeres zu hören erwartet. Und wenn ich Ihnen nun sage: erringen Sie sich dieses Recht durch angestrengte Arbeit, durch unermüdlichen Fleiß! Fühlen Sie sich stark genug. Elsa's wegen zielbewußt vorwärts zu streben?" r t f . Ein erschütternder Ausruf, halb, vom Schmerz, halb von höchsterWonne diktirt. drang über Bernhards Lippen. Er warf sich dem. alten Herrn cn die Brust. Sie geben mich dem Leben zurück, mein einziges Streben vom heutigen Tage ab wird sein, mich dieses Vertrauens und Elsa's Liebe würdig zu erweisen." Soeben lugte das Vlondkopfchen durch die Thür. Als sie sah. daß die beiden Männer einander fest und herzlich die Hände schüttelten, flog ein seliges Leuchten über das junge Gesicht. -Jch wußte es ja. daß ich mich nicht täuschen konnte." flüsterte sie ihrem Väterchen lächelnd zu. nicht wahr, em herrlicher Mensch."

Ungleiches Loos. lZrde Freuden werden nicht ereckt stets zuaemenen: Die einen sprechen das-Tischgebet, Die anderen aber essen. V:rlockend. In der Klinik des Professors Schulze sind jetzt auch weibliche Aerzte angestellt?- Jawohl, dort können Sie sich von zarter Land Arme und Beine absähen lassen.-