Indiana Tribüne, Volume 22, Number 242, Indianapolis, Marion County, 21 May 1899 — Page 2
Waldmeister.
-4 Von Rcwh. Ortmann. Der junge Doktor Ewald Fernbach liegt ' in behaglicher Nachmittagsruhe auf dem Copha, als seine Wirthin ihm ein fort angekommenes Briefchen übergibt, t'in zierliches schmales Billet, das von vornherein jeden Gedanken an eine Rechnung oder ähnliche unangenehme Ueberraschungen ausschließt. Doktor Fernbzch scheint das Format und die Handschrift sogar sehr gut zu kennen. denn es geht wie ein freudiges Leucyten über sein hübsches frisches Gesicht, während er behutsam den Umschlag löst und den "darin legenden Bogen so .vorsichtig entfaltet, als ob es ein übercus kostbarer und zerbrechlicher Gegenstand wär.'. Abei mit einer Geberde höchsten E7siaun:s wirft er den Kopf zurück, als er bie ersten Worte gelesen. Denn wLnn &uitj seine Vermuthung hinsichtlich der Absenderin zutrifft, so muß es mit dem Briefe doch in irgend einem crnderen Punkte nicht ganz seine Nichtigkeit haben, da die Anrede nicht, wie er .auf Grund der bisherigen Eifahrungen erwartet Lieber Vetter!", fondum mit zweifelloser TeutlichkU Liebster Herzensschatz!" lautet. Vi?lleicht würde der Doktor garnicht Ernstliches dagegen einwenden, wenn sein munteres Väschen sich neuerdings entschlossen hätte, dieser etwas vertraulicheren Formel den Vorzug zu geben. Aber er ist nicht eitel genug, um daan 'zu, glauben und kommt vielmehr nach kurzem Nachdenken zu dem scharfsinnigen Schluß, daß der Brief überhaupt -.garnicht für ihn bestimmt, sondern'nur durch einen Irrthum rn das init seiner Adresse versehene Couvert gerathen sei. Fremde Briefe soll man nun zwar nicht lesen, und DoktorFerndach nimmt es in Sachen der Discre iion sonst sehr genau, diesmal aber geht es über seine Kraft, der lockenden Versuchung zu widerstehen. Daß die reizende kleine Elfriede, die ixt vor drei Monaten als eine fertige jung: Dame aus der Genfer Pension auf das väterliche Gut zurückgekehrt ist, Corrcspondenzen mit einem Herzensschatz" führt, hätte er sich ja nimmermehr träumen lassen und die unerwartete Entdeckung ist ganz und gar nicht danach angethan, ihn sonderlich heiter .zu stimmen. Er ist also zum ersten Male in seinem Leben mit vollem Bewußtsein indiskret und beginnt zu lesen: Liebster Herzensschatz! Soeben habe ich mit vielem Seufzen und nach zwanzig zerrissenen Anläufen auf Papa's Befehl einen Brief an meinen Vetter Ewald geschrieben, um ihn für Sonntag und Sonnabenld zu nns einzuladen. Er wird natürlich annehinen, denn er kommt immer, wenn er eingeladen wird, und manchmal auch ohne das. Ich aber bin ganz trank bei dem Gedanken, wieder zwei Tage m seiner Gesellschaft zubringen und mich von ihm wie ein kleines Mädchen behandeln lassen zu sollen. Ich will ja nicht gerade sagen, daß ich ihn nicht ausstehen kann nein, so mußt Du es nicht auffassen; aber ich spüre in seiner Nähe immer eine so merkwür dige Befangenheit, ich komme nur neben ihm immer so dumm und unbedeutend vor, daß ich gar nicht einsehe, weshalb ich mich diesem unbehaglichen Zustand aussetzen soll, so lange es eine Möglichkeit gibt, ihn zu vermeiden. Und diese Möglichkeit, liebste, theuerste Ilse, mußt Du mir verschaffen. Ich lade mich für Sonnabend und Sonntag bei Dir zu Gast; doch muß es natürlich für meine Eltern den Anschein baben, als ob die Aufforderung voll Dir ausgegangen wäre und zwar ganz ohne mein Zuthun. Denn sie halten sehr viel von meinem Vetter Ewald, und ich glaube gern, daß sie gegründete Ursache dazu haben. Ohne dies fatale Gefühl, das ich nun einmal nicht los werden kann, würde auch ich ihn vielleicht für einen sehr netten und liebenswürdigen Menschen halten. - Es wird also am Besten sein, wenn Du Deinen Papa bestimmst, mir am Sonnabend Vormittag zugleich mit der Einladung Euren Wagen zu schicken. Dann kann ich doch nicht gut ablehnen und bin wenigstens für diesmal der gefürchteten Qual entronnen. Ich werde um elf Uhr sehnsüchtig nach dem wohlbekannien Gespann ausschauen und hoffe,Du lässest nicht vergeblich warten Deine ewig getreue und . zu allen Gegendiensten stets bereite Freundin Elfriede:" Das Gesicht des Doctors hat wa Ttird der Lektüre einen sehr nachdenklichen Ausdruck angenommen; aber das Ergebniß seines Nachdenkens scheint 1)och kein ganz unerfreuliches zu sein, tenn zuletzt huscht es wie ein Lächeln um seine Lippen. Warte, kleine Elfriede!" sagte er vor sich hin, während er ihr durch die Tücke des Zufalls so ganz in die unrechten Hände gerathenes Briefchen noch einmal überfliegt. Wir werden fürchterliche Abrechnung halten." Nach kurzer Eisenbahnfahrt hat Doctor Jernbach am nächsten Morgen ias freundlich in junges Grün eingebettete Herrenhaus von Siebenlinden reicht. Die Herrlichkeit des Frühlmgs, von der drinnen in der Stadt so wenig zu spüren ist, offenbart sich hier draußen in all ihrer berauschenden Pracht, und dem jungen Manne geht das Herz weit auf, während er durch den schonen alten Park dahinfchreitet, den kommenden Ereignissen mit einer aus Hoffnung und Bangen seltsam gemischten Empfindung entgegensehend. Man hat ihn erst mit dem nächsten Zuge erwartet, und Fräulein Elfriede hat darum nicht Zeit gefunden, sich unter irgend einem Vorwande vor ihm ! zu verstecken. Sie wird bei der Begrüßung, die in Gegenwart ihrer Eltern stattfindet, so rotfi hslto ihr do ftslfe I I ' - ' 7 U "7- I - i Gewissen förmlich von dem süßen Ge-' ittütcken abzulesen ist. Ewald aber
spielt den Unbefangenen mit einer Meisterschaft, die ihn selbst fast in Erstaunen setzt. Bald ist die Unterhaltung zwischen ihm und dem jovialen Oheim im besten Gange, und es klingt völlig natürlich und absichtslos, als der Doctor im Laufe des Gespräches hinwirft: Weißt Du, Onkelchen, wonach ich heute ein ganz unbezähmbares Verlangen trag:? Nach eine" Maibowle, wie sie in gleicher Vorticfflichkcii kein Mensch auf der weiten Welt ansetzen kann wie Du. Wie wär's, wenn ich jetzt in den Wald ginge, um ein paar Hände voll Waldmeister zu pflücken, und wenn wir dann Abends draußen auf der Terrasse ein echte und rechtes Frühlingsgelage abhielten?" Mit tenflischer Berechnung hat er den Gutsherrn von Srebenlinden an seiner schwächsten Stelle gepackt, und alles Weitere gestaltet sich ganz so wie er 'es vorausgesehen. Elfriede mag noch so bange und sehnsüchtige Blicke auf die Uhr werfen, deren Zeiger erst auf zehn und ein Viertel weisen es hilft nichts, sie muß sich entschließen, den Vetter zu begleiten; denn sie, die jedes Fleckchen im Walde kennt, weiß natürlich auch am besten, wo das für die Maibowle so unentbehrliche aromatische Kräutlein gedeiht. Aber es scheint, als hätte sie sich vorgenommen, zur Strafe nicht ein Wörtchen mit ihm zu sprechen, in so trotzigem Schweigen geht sie neben ihm dahin. Hätte er nicht ihren Brief gelesen, er würde sicherlich bald genug den Muth verlieren, auch nur den Versuch einer UnterHaltung zu wagen. Aber er ist gerade heute von einer ganz merkwürdigen Heiterkeit und Gesprächigkeit. Und da Elfriede doch nicht nuch ihre kleinen -rosigen Ohren verschließen kann wie ihre Lippen, so will es ihr allgemach vorkommen, als ob er heute überhaupt ganz anders sei wie sonst. Alles, was er sagt, ist so schlicht und natürlich und herzlich, daß sie ihm sehr wohl darauf zu antworten wüßte, wenn fie sich nicht so fest vorgenommen hätte, ihn ihren Acrger über den aufgezwungenen Spaziergang entgelten zu lassen. Wäre nur der Aerger selbst etwas dauerhafter! Als habe sich alles verschworen, ihn aus ihrem thörichten Herzen .zu verscheuchen, strömt die ganze zaubcrgewaltige Schönheit des Frühlings über sie herein, sobald sie aus dem Park in den Buchenwald einäreten. Alles ist anders und alles ist tausendmal herrlicher als sonst. In so wundervollem smaragdnem Grün hat Elfriede dieBlätter noch niemals leuchten sehen, so lieblich haben die Vögel noch niemals gesungen und so süß haben die Veilchen noch niemals geduftet wie die, welche sie gedankenvoll im Vorübergehen pflückt. Sie muß sich schier gewaltsam daran erinnern, daß sie ärgcrlich auf den Vetter sei, sonst hätte sie es wahrhaftig längst vergessen. Und da sieht sie nun auch den ersten Waldmeister. Rasch bückt sie sich nach den zarten Pflänzchen, um so schnell als möglich den nöthigen Vorrath zusam men zu bringen. ' Aber auch Ewald hat die grünen Vlüthensterne gesehen, und wie sie nun beide gleichzeitig danach greifen, müssen sich wohl ihre Hände berühren. Elfricde wird wieder sehr roth, und trotz ihrer Vorsätze geht es von diesem Augenblick an mit dem Finden wie mit dem Pflücken nur ge? langsam vorwärts. Es wäre auch gar ZU kindisch und eigensinnig, wenn sie .sich noch länger verhehlen wollte, daß das Geplauder des Vetters viel, viel hübscher und unterhaltender sei als das ihrer Freundin Ilse und daß sie eigentlich gar keinen vernünftigen Grund mehr habe, vor ihm zu entfliehen. Verstöhlen blickt sie auf ihre Uhr, und sie erschrickt, als sie sieht, daß nur noch fünf Minuten an der elften Stunde fehlen. Ich glaube, für eine Bowle ist es schon Waldmeister genug," sagteEwald in diesem Augenblick. Wenn Dir's recht ist. kehren wir jetzt in das Herrenhaus zurück.Nem, nein, wo denkst Du hin!" widerspricht sie eifrig. Wir brauchen noch viel, viel mehr!" Und als wäre nun endlich der Bann ihres Schweigens gebrochen, gibt sie von nun an Antwort auf alle seine Bemerkungen nnd Fragen. Tief und tiefer dringen sie in den grünen Buchenwald ein, wonniger immer umwebt sie der zanbermächtige Frühling, und obwohl sie schon so viel Waldmeister haben, daß man eine Maibowle sür ein ganzes Regiment damit ansetzen könnte, ist es der emsigen Elfriede doch immer noch nicht genug. Da kann der glückliche Ewald es zuletzt nicht länger für sich behalten, und indem tx Plötzlich die ganze duftige Kräuterfulle. rnit der sie ihn bepackt hat, auf den moosigen Waldboden niederwirft, ruft er hell und fröhlich in den sonnigen Lenztag hinein: Aber der Wagen, dem Du entrinnen willst, kommt ja gar nichtHerzensschätz! Ich habe ja den Brief, der für Deine Freundin Ilse bestimmt war, in der Tasche." Erst starrt sie ihn an, als hätte er in einer fremden Sprache geredet; dann, als sie das Fürchterliche begreift, läßt sie ihren Waldmeister ebenfalls zu Boden gleiten und bedeckt das Gesicht mit den Händen. Er aber ist schon an ihrer Seite, und die zärtlichen Worte, die er ihr ins Ohr flüstert, besiegen allgemach ihre Verlegenheit und ihre heiße Scham. Spät erst kehren die Beiden aus dem Walde zurück, und nur zwei winzig: Sträußchen Waldmeister sind es, die sie gefunden haben. Aber für die Bowle, die am Abend getrunken wird, reichen sie doch aus und besser hat dem Doctor der würzige Trank niemals gemundet, als da er dem Oheim mit dem ersten Glase Bescheid thut auf seinen dem jungen verlobtet Paa gewidmeten Toast. -
Flltime Seindilmcn. Von E. Fahrow. Mit feindseligen Blicken maßen sich die beiden schönen Frauen. Die Gewitterluft, die an diesem ganzen Nachmittag in dem zierlichen Rotokosalon geherrscht hatte, schien eium Ausbruch als Abschluß des lebhaften Fünfuhrthees herbeiführen zu wollen. Fast alle Bcsucherinnen hatten sich schon entfernt, nur noch einige harmlose ältere Damen, denen das Fortgeh:n nicht mehr so leicht wurde wie dasjkommen, saßen noch in den Nischen und Ecken herum. Es war immer so überaus gemüthlich" bei dieser reizenden Frau Maggie Holm, die ihre amerikanische Eigenart trotz zehnjährigen Aufenthalts in der Hauptstadt noch nicht abgelegt hatte! Auch Fräulein von Gerwien, eine der unantastbaren Bühnengrößen am Stadttheater, sagte zum zehnten Male, daß es bei ihrer lieben Freundin Maggie immer so überaus gemüthlich" sei. Dennoch flogen gerade aus ihren feurigen braunen Augen jene finsteren Blicke auf die schöne Wirthin. Maggie Holm fühlte sie und erwiderte sie. Beide Damen warteten aber, bis sie allein sein würden, um dann die Fehde mit Worten zu eröffnen. Endlich gingen auch die Letzten. Geräuschlos trug der Diener d Tassen und Gläser hinaus, beaufsichtigt von der unscheinbaren jungen Gesellschaftsdame, die sich Maggie feit ihrem Wittwenstande hielt. Bitte, liebe Marie, lassen Sie unZ ein wenig allein," sagte jetzt Frau Holm in ihrem gewohnten, kühl herablassenden Tone zu der Gesellschafterin. Fräulein von Gerwien sah der Gesellschafterin mit einem verständnißvollen Lächeln nach. Du hättest das arme Wurm nicht hinauszuschicken brauchen," sagte sie. .sie ging schon eben auf die Thür zu." Armes Wurm?" machte FrauHolm verwundert. Weshalb nennst Du Marie so? Hat sie es etwa nicht gut bei mir?" Oh! Was Essen und Trinken und Gehalt betrifft aber Deine Behandlung ich weiß nicht . . . ." Nun, wenn Du nicht weißt, so ist es auch besser. Du sagst nichts," bemerkte Maggie kurz. Und nun sage mir, meine Liebe, da wir nicht auf der Bühne sind was bedeuteten vorhin Deine wüthenden Blicke, als ich von Dr. Berndt sprach?" Willst Du Dich mit mir zanken, liebe Maggie?" Durchaus nicht. Nur weißt Du, daß ich ehrliches Spiel liebe, Du fielst mir mehrmals in die Rede, als ich das Stück des guten Berndt besprach, es war gerade, als spräche ich von etwas, was eigentlich Dein Eigenthum sei. Gehört Dir das Stück oder dem Doktor?" Das Stück ist. wie Du weißt, sozusagen sür mich geschrieben worden " Haha! Und ich versichere Dir, Alfred dachte gar nicht an Dich, als er es schrieb." Alfred? Seit wann stehst Du so intim mit ihm?" Oh er ist ja bei mir wie Sohn im Hause! Ein so viel jüngererMann, weißt Du, und er hat unbegrenztes Zutrauen zu mir." In der That! Sein Vertrauen kann aber doch nicht so sehr groß sein, wenn er Dir vorenthalten hat, was er mir sagte, daß er die Figur der Stella in feinem Stück allerdings und positiv für mich geschrieben hat. Es hilft nichts, eS ist wirklich so!" Die braunen Augen tanzten jetzt förmlich in boshaftem Feuer, während d:r rothe Mund gelassen lächelte. Maggie ward blaß vor innerer Erregung. Der Kampf um diesen Mann zwischen ihr und der ehemaligenFreundin währte nun schon über ein Jahr. Jede wollte jhn besitzen. Die Eine, weil, er der gefeierte Modeschriftsteller war, und die Andere, weil sie alZ Schauspielerin besonders Verständniß für den genialen Mann zu haben meinte. Beide aber auch, weil sie ihn liebten; denn Dr. Berndt war ein schöner Mann und bei all' seiner reservirten Vorsicht ein unwiderstehlich liebenswürdiger Mensch. Maggie stand auf und klingelte nach ihrer Gesellschafterin. Zum Unterschied von den Dienstboten hatte diese nur auf dreimaliges Klingeln zu erscheinen. ' Als Marie gleich darauf eintrat, sah Frau Holm sie verwundert an. Halloh!" sagte sie mit ibrem ausländischen Accent, was bedeutet Ihre Toilette?" Marie hatte ein weißwollenes Kleid angezogen und um den Hals ein Collier aus Amethysten gelegt, ein Erbstück ihrer Mutter. Das stille, bescheidene Gesicht mit der freien Stirn unter der schlichten Frisur leuchtete in rosiger Frisch.'. Es ist heute Symphonieconcert, gnädige Frau." Ach so! Ich vergaß aber ich will Ihnen Ihren Ausaehetag natürlich nicht kürzen. Gehen Sie nur." Marie ward wiederum purpurroth. Daß Frau Holm vor dieser Schauspielerin jetzt gar von ihre": Ausgehetag" sprach. Entschuldigen Sie, gnädige Frau, aber ich möchte bitten, daß Sie meine ausbedungenen Musikabende nicht mit dem freien Tanz-Abend der Köchin verwechseln." Frau Holm ' ließ vor Ueberraschung die Photographie fallen, die sie soeben wie zufällig in die Hand genommen. W7.s bedeutet dieser Ton?" fragte sie streng. Haben Sie mir etwas zu sagen, so thun Sie das gütigst, wenn wir allein sind." Oh. Fräulein v. Gerwien stört mich nicht," sagte ruhig das junge Mädchen. das mit einem Schlage seinen Muth wachsen fühlte. Das Fräulein wird sich sogar vielleicht für das interespren.
waS ich Ihnen heut noch mittheilen wollte." Die Schauspielerin hatte sich inzwischen schnell gebückt und die Photographie aufgehoben. Es war ein Kabinetbild des jungen Dramatikers; quer über die Ecke war eine Widmung geschrieben: An meine theure, innig verehrte Freundin." In eifersüchtigen Wellen schlug das Blut in der Lesenden hoch. So war es doch vielleicht richtig, was die hübsche Wittwe sich einbildete. Zu ihrer Equipagc, ihrer Villa und ihren Toiletten legte sie sich jetzt gar noch den berühmten Mann zu! Aber das würde sie nicht lächelnd mit ansehen! Mindesiens wollte sie der perfiden Freundin ihre Feindschaft offen zeigen. Ohne auf das erregte Gespräch der beiden Anderen einzugehen, sagte sie: Du hast mich mit Absicht die zärtliche Inschrift auf diesem Bilde sehen lassen, liebe Maggie. Ich erlaube mir. Dir zu bemerken, daß ich dasselbe Bild mit derselben Inschrift habe." Natürlich! Wer so entgegenkammend ist wie Du, der erreicht ja dergleichen leicht! Uebrigens möchte ich Dich doch fragen willst Du einen Zank provoziren? Gelüstet es Dich nach einem sensationellen Damenducll? Ich bin dazu bereit, mußt Du wissen." Die beiden Gegnerinnen sahen sich jetzt mit ganz farblosen Wangen und unverhohlenem Haß in die Augen. Beide hatten für einige Sekunden die Gegenwart der Gesellschafterin vergessen. Thörin!" zischelte Maggie. Ich liebe ihn, hörst Du?" ' Ich liebe ihn!" sagte die Andere, heiser vor Erregung. Oh! Eine Komödiantin!" sagte Frau Holm verächtlich. In diesem kritischen Augenblick Lffnete sich die Thür und der anmeldende Diener rief: Herr Dr. Berndt." Das Erscheinen eines regierenden Herrschers hätte keine größere Veränderung in den Mienen der Betheiligten hervorbringen können als diese Meldung. Der schlanke junge Herr mit dem geistvollen, bartlosen Gesicht verneigte sich dreimal sehr correct. küßte Frau Holm und Fräulein von Gerwien die Hand und wies dann lächelnd auf seinen Abendanzug. Sie fehen mich im Feierkleide, gn'adige Frau. Möge Sie das auf die ohne Zweifel überraschende Frage vorbereiten, die ich an Sie zu richten habe." Die beiden Feindinnen erbebten; die eine vor Freude, die andere vor Entsetzen. Ich freue mich, gleich meine besten, treuesten Freundinnen hier beisammen zu sehen, an deren Glückwunsch mir am meisten gelegen ist, ich habe mich vor einigen Tagen verlobt, gnädige Frau, und komme nun, um Sie um Ihren mütterlichen Segen zu bitten für Marie und mich." Bei diesen Worten umschlang" das zitternde junge Mädchen und führte es zu Frau Holm hin. Augenscheinlich ahnte er nichts von dem Sturm, den er soeben unterbrochen und der nun zum Abschluß gelangt war. Frau Maggie erwies sich in diesem Augenblicke als eine nicht minder gute Schauspielerin als Fräulein von GerWien. Sie lachte in der natürlichsten, lustigsten Weise auf, schüttelte dem Brautpaar die 5ände und erklärte, daß sie schon längst dergleichen geahnt habe. Auch Fräulein von Gerwien gratulirte mit vieler Haltung. Die beiden Exfeindinnen, jetzt wieder Freundinnen, umarmten sich herzlich beim Abschiednehmen. Du!" flüsterte Maggie der anderen in's Ohr, beinahe hätten wir uns ja bodenlos blamirt!" Beinahe? Na. weißt Du, vor uns selbst haben wir das doch schon recht reichlich gethan!" Doctor und Apotheker. In keinem Lande der Welt sind Arzt und Apotheker, die man ja seit Alters her in einem Athemzuge zu nennen gewohnt ist, enger liirt mit einander als in der Türkei. Wenn man von Konstantinopel und vielleicht noch von Smyrna absieht, so halten in den übrigen Städten und Gemeinden stets zwei oder drei Aerzte zu einem Apotheker. Die Recepte, welche ein Arzt ausschreibt, wandern immer nur in eine bestimmte Apotheke, wobei natürlich der Arzt den Leuten versichert, daß gerade diese die beste sei. In Wirklichkeit bezahlt der Apotheker dem Arzt von jedem Recepte, das er ausführt. 33 Procent. Infolgedessen wird von den Aerzten sehr viel verordnet, gewöhnlich zwei Medicinen zugleich, gleichviel, was dem Kranken fehlt. Es ist übrigens allenthalben Sitte in der Türkei, daß die Patienten, welche ambulatorisch, d. h. außer Bett, behandelt werden, den Arzt in der Apotheke consultiren. Es besteht zu diesem Zwecke ein Consultaticnszimmer in der Apotheke, wohin die Leute ebenso gern gehen wie in die Privatwohnung des Arztes. Andererseits läßt es sich auch der Apotheker angelegen sein, für den mit ihm verbündeten Arzt in jeder Weise Reclame zu machen. Eine Hand wäscht die andere das gilt nirgends mehr als im Lande der Ottomanen.
Schlau. Frau (vor dem Mcdegeschäft): Nicht wahr, Männch:n. den Hut mit dem Vogel kaufst Du mir . . . Du wolltest ja schon lange einen Vogel anschaffen!" 'Berufsfreudig. Der Schornsteinfeget Dunkel geht wohl mit rechter Freude feinem Berufe nach?" Allerdings, der fühlt sich im rußigsten Kamin wie im siebenten Himmel."
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Im Lciratßsöureau. VerUner Skizze, von Max Krctzer. Ein Abend bei Bilse ist für den musikliebenden Berliner und in noch höherem Maße für die notenkundige, zartere Hälfte des Millionenvölkchens an der Spree der Inbegriff einer langen glänzenden Reihe von zu erwartenden Genüssen, wechselvollen Ueberraschungen und des voraussichtlich sich wieder bewährenden Cokettirens mit dem eigenen lieben Ich. Der Gedanke an Bilse ist gleichsam zum Monopol aller heiratsfähigen Töchter gut bürgerlicher Familien und jener Backsische geworden, die Pensionat und Kinderschuhe hinter sich haben; in ihm culmittirt das gesellschaftlich-musikalische Leben der Wintersaison, durch ihn eröffnet sich eine glänzende Perspective von Kerzenglanz, rosigen Frauengesichtern, famos" frisirten Männerköpfen, berauschenden Tonwellen und neuen T'.'kanntsckaften. Was wäre oie Leipziger Straße ohne den Ruhm ihres Concerthauses, was wäre das Concerthaus ohne Bilse, und was wärendie Bilseabende ohne ihren berühmten Donnerstag! Der Berliner findet für jede außergewöhnliche Erscheinung, der nur der leiseste Anflug von Humor, Witz oder Satire zu erpressen ist, sofort eine treffend: Bezeichnung, die ihr ewig anhaftet und ihr zur eigentlichen Popularität verhilft. Den Donnerstagabend hat der Volksmund einfach tzeirathsbureau" genannt. Edle Muse, die Du die heiligste aller Künste vo-stellst, verhülle Dein Antlitz ob dieser prosaischen Persiflage Deines göttlichkn Strebens; neige weinend Dein Haupt ob der Entweihung der Stätte Deiner göttlichen Mission, aber räche Dich gleich an der richtigen Stelle, binde , mit Schalk Amor an, der im Solde sämmtlicher Geheimrathsfamilien und ihrer Sitzengebliebenen" steht ! Der Donnerstagabend im Berliner Concerthauses ist ein sogenannter leichter" Abend. Gott Amor ist in leichter Patron, den man nicht mit Unrecht gemeiniglich als kleinen Buben ohne jedes Anhängsel, schelmische Grübchen in den Wangen, darstellt. Wo er sein Wesen treiben will, müssen Heiterkeit und Frohsinn herrschen, und die Herm werden bekanntlich niemals rebellischer, als beim Klänge einer munteren Tanzweise. Das weiß der lose Bursche, der deshalb nur nackt einherläuft, um sich gleich zu geben, wie er ist, nur zu genau, und daher, so erzählt die Fama, schloß er eines Tages einen Vertrag mit Meister Bilse und bat um gewisse Rechte. Der stets höfliche Musikdirector, der die Freundschaft mit dem einflußreichen kleinen Mann nicht vcr'oerben wollte, gab bereitwilligst nach, und so entstand das lustige Donncrstagsprogramm und brachte den Famllienabend mit sich, sammt Strickzeugen und Häkelarbeiten mit Müttern und deren wohlerzogenen Töchtern daran. Dann, an diesem vielgelobten, vielgepriesenen, aber auch vielbespöttelten Abend, wenn nach dem Takte der schönen blauen Donau" sich unter den Tischen Hunderte von kleinen Füßchen verstohlen in Bewegung setzen, wenn durch den belebenden Rhythmus der Musik die Gefühlsstimmung-eine animirtere wird, die Laune eine keckere, herausforderndere, dann finden sich die Blicke gleichgesinnt, liebebedürftiger Seelen und suchen einen Herzensbund anzubahnen, par distance vorläufig! Erst senkt man verschämt den Blick, dann lächelt man leise und in gewissen Perioden. Das ist der erste Donnerstag des Bewußtwerdens gewisser heiliger Gefühle. Man verläßt an diesem Abend das Concerthaus mit der leise dämmernden Ahnung, am nächsten Donnerstag das Vergnügen des abermaligen Wiedersehens genießen zu dürfen. Man hatte sich nicht geirrt. Der dritte Donnerstag läßt es für gut befinden, die Plätze in unmittelbarer Nähe zu wählen, der vierte gestattet bereits eine höfliche Begrüßung, und am fünften findet in der Regel eine direkte Annäherung statt, meistens mit fein diplomatischen Manipulationen von Seiten erfahrener Mütter eingeleitet, ähnlich jener Ueberlegenheit des Potsdamer Viertels, mit der die verwittwete Ministerialräthin X. die Netze für ihre hclustigen Töchter über ahnungslose junge Männer, denen nur ein blasser Schein vom Heirathscandidaten anhaftet, auszuwerfen versteht. Besagte Ministerialräthin ist mit ihren vier Töchtern aus naheliegenden Gründen eine ständige Besucherin der berühmten Donnerstagabende: Seit wie lange, läßt sich nicht genau angeben. Böse Zungen behaupten, seit der Confirmation der Jüngsten", und das muß lange, lane her -,ein. Die Frau Ministerialräthin pflegt gewöhnlich sehr früh mit ihren Schutzbefohlenen zu erscheinen und belegt seit ihrem ersten Debüt im Ciincerthaus immer ein und denselben Tisch mit ihren Handarbeiten, die in allen Farben prangen. Dieser Tisch befindet sich vis-ft-vis dem Orchester, dicht am Mittelgang gelegen, und besitzt seit Jahren eine Merkwürdigkeit: An ihm lehnt stets ein reservirter Stuhl", 'der so lange sein unbesetztes Dasein fristet, bis nach Beginn des Concerts die scharfen Augen der Ministerialräthin eines den Gang entlang kommenden honetten" jungen Mannes unsichtig werden, dessen.umherirrenderBlick nach einem Platz zu spähen sucht, der ihn für sein Zuspätkommen angenehm entschädigen könnte. Jetzt ist der Ahnungslose in der Nähe - der Scylla, das Unglück ist unvermeidlich. Die Ministerialräthin commandirt ihren vier ' Töchtern verstohlen : Augen links", und versteht es mit wunder-
barer Eleganz, ohne jeden Schein von
Ausfalligkett, den reservirten Stuhl in die Sehlinie des jungen Mannes zu rücken, daß nur dieser den innigen, theilnehmenden Blick zu verstehen im Stande ist. der ihn aus den Augen der besorgten Mutter ihrer Töchter trifft. Jetzt sitzt er für den ganzen Abend fest o, wie ihn vier Paar feurige Augen in ihren Zauberbann nehmen, o, wie ihn die Ministerialräthin nach allen erlaubten Mitteln des Heirathsbureaus unter ihre Obhut nimmt und zu bearbeiten" versteht, dabei einen günstigen Augenblick benutzend, der rieben ihr sitzenden Jüngsten" zuzuflüstern: Er scheint noch frei zu sein, ich sehe keinen Ring ich glaube, Du hast Eindruck auf ihn gemacht " Armer junger Mann, wehe, roenn Du ein paar Tische weitergehst zum nächsten reservirten Stuhl". Du kommst aus der Scylla in die Charybdis! Und über diesem großen Comödienspiel, das man Leben nennt, schwingt Meister Bilse seinen Tactstock und ahnt oft nicht, wie viele Segen er auszutheilen hätte, wollte sich jedes Pärchen bei ihm bedanken, das den lustigen Reigen bei einer Strauß'schen Melodie begann und beim Standesamt fortsetzte. Koömctika. Unzählig oft tritt die Frage auf: .Wie erhalte ich meinen Teint frisch, oder, was für Mittel gibt es, einen klaren, reinen Teint zu erzielen? Hygieniker von Fach haben sich wiederholt dahin ausgesprochen, daß nur Reinlichkeit und Hautkultur einen fehlerlosen Teint ermöglichen. Die Zahl der sogenannten Verschönerungsmittel ist sehr groß, wer es aber gut mit sich meint, sollte alle jene unbekannten Pasten, Auflegepulver. Schminken und Salben, die empfohlen werden, meiden. Nur von Aerzten als unschädlich befundene, von Chemikern analysirte Präparate dürfen in Anwendung kommen. Was wird nicht alles gegen Hautfinnen, Mitesser, Sommersprossen, Leberflecke, Pusteln, Hitzblättcrchen etc. empfohlen? Wirkliche Hilfe kann meist nur dadurch werden, daß nicht die äußere Haut, sondern die Unterhautzellgewebe beeinflußt werden. Sind diese nicht durch gute Blutbildung, rationelle Kleidung, richtige Schweißabsonderung gesund erhalten, so nützen alle Auflagen und Salben nichts, sie schaden zumeist noch, indem sie die Poren der Haut verstopfen und eine Art klebrigen Hauttalg bilden. Rationelle Hautpflege ist viel einfacher zu erzielen, als die meisten Menschen glauben. Vor Allem wichtig ist: gewissenhafte Reinigung des ganzen Körpers, Baden.Frottiren etc., zweckmäßige Kleidung, keine einschneidenden Bänder und Corsets, genügende Bewegung in frischer Luft etc. Wer diese Mittel gewissenhaft zur Anwendung bringt, hat zumeist weder über Mitesser noch Pusteln oder sonstige Unschönheiten zu klagen. Waschungen, Abreibungen und Bäder werden aber von den wenigsten mit jener Consequenz gebraucht, die absolut nothwendig ist, um die Farbe der Gefundheit aus die Wangen zu zaubern. Es ist ja viel bequemer, ein wenig Roth aufzulegen, mit Puder einzustäuben etc. Ach. sähen die Betreffenden nur, wie ironisch diejenigen lächeln, denen sie gefallen wollen, viele würden gewiß Puder und Schminke verbannen, denn diese Mittel tragen nichts zur Schönheit bei; die dem Innern entstammende seelische Schönheit ist es, die das Wesen durchgeistigt und selbst unschöne Personen anziehend erscheinen läßt. Um eine empfindliche Haut vor allerHand schädlichen Einflüssen zu bewahren, ihr Reinheit.Weichheit und Transparenz zu verleihen, ist allerdings eine gewisse Vorsicht nöthig; man vermeide geringwerthige Toilettenseifen, welche überflüssiges Aetznatron enthalten, das die Haut spröde macht; entschieden schädlich sind spirituöse Fabrikate, die den Hauttalg mittels ihres AlkoholgeHalls auflösen und dadurch die Haut trocken und rissig machen; ganz zu vermeiden sind in diesem Falle alle die Poren verstopfenden Schminken und Pasten etc. Wo der Teint derart gestört ist, daß eine Einwirkung geboten erscheint, da vertraue man sich einem Arzte an. Sommersprossen beispielsweise sind nie durch äußere, kosmetische Mittel zu beseitigen, Haare an unrechten Stellen ebensowenig. Leichtere Störungen der Haut, wie Rauheit, Sprödigkeit, lassen sich durch Einreiben mit Goldcreme beseitigen. Fettiger Teint entsteht zumeist dadurch, daß die Talgdrüsen zu viel Hauttalg absondern, der.durch die Blutwärme schmilzt und sich alsdann über das ganze Gesicht wie eine dünne Fettschicht lagert; hier ist Seife zu vermeiden, concentrirtes alkalisches Waschwasser wird gar bald das auf der Hautoberfläche abgelagerte Fett zersetzen und der Haut ihre Durchsichtigkeit wiedergeben. Hitzblätterchen, durch eine Reizung der Schweißdrüsen bedingt, verlieren sich leicht durch Anwendung von VeilchenToilettenessig, Hautjucken wird, sofern nicht eine innere Erkrankung zu Grunde liegt, in vielen Fällen durch den Gebrauch von Theer- oder Creolinseife beseitigt. Elephanten alö Kindermädchen. Siamesische Frauen überlassen ihre Kinder nicht selten der Obhut von Elephanten, und man sagt, daß das auf die Dickhäuter gesetzte Vertrauen so gut wie nie betrogen werde. Die Kinder spielen ahnungslos zwischen den dicken Beinen der Elephanten umher, und diese hüten sich sorgsam, die kleinen Wesen zu beschädigen. Droht irgend eine Gefahr, so fassen die klugen Thiere ihre Schutzbefohlenen ganz fanft mit dem Rüssel und setzen sie auf den breiten Rücken, wo sie in sicherem Schutz sind.
Himmelö schlüsscl. Von T. Resa. In Blüthen steht der Apfelbaum, Der Kuckuck ruft aufs neue Die ganze Welt gleicht cirein Traum Aus Goldlicht und Himnielsbläue. Trüb war mein Sinn mein Kopf war schwer, Mich wollte der Lenz nicht grüßen. Da trippelt's über das Feld daher Auf kleinen, nackten Füßen. Da schickt der Lenz, als Gruß und? Zoll Mir zu gar liebliche Boten Mit .Händchen, von Himmelsschlüsseln voll. Mit Lippen, lachenden, rothen. Get her gebt all die aoldene Pracht Was soll wohl Trübsinn taugen. Wenn strahlend der Himmel selber l-'f Aus Blumen- und Kinderc.uzcn! Vkitfrcudc.
Zuweilen vermögen sich Menschen nur dann über das Glück anderer zu freuen, wenn sie selbst ein solches oder ähnliches Glück besitzen, und manche gönnen sogar in diesem Falle dem anderen nicht, dasselbe zu genießen wie sie. Es schmeichelt ihrer Eigenliebe, bevorzugt zu sein, erhöht ihren Genuß, allein zu genießen, während andere darben. Von wirklichem Neid, diesem fast schlimmsten und häßlichsten unter den menschlichen. Fehlern, kann hier nicht die Rede sein. ' Doch auch die Besseren und Edleren unter uns sind oft von einem Anflug dieser Gefühlsvcrirrung nicht ganz frei. Wer viel im Leben gelitten hat, beinahe sich all' seine Lieblingswünsche versagen mußte, sich in. seinen liebsten Hofsnungen getäuscht, sah, kann sich wohl kaum einer bitteren Stimmung erwehren, wenn ersieht, wie das, was er vergebens vom Schicksal erfleht, wonach er gerungen, und gestrebt, oft mühelos solchen in den Schoß fällt, welche es unserer schwachen menschlichen Erkenntniß undunserem Eigendünkel nach, weit weniger verdienen und dessen würdig sind, als wir selbst. Doch solch ein bitteres Gefühl ist nicht nur ein Unrecht an uns selbst, es ist das Gift der Unzufriedenheit, welches uns blind macht für das Gute, das uns doch trotz manchem Mißgeschick noch geblieben ist und uns erst dann schätzenswerth erscheinen würde, wenn wir es auch noch verlören. Natürlich wird Mitfreude oft geheuchelt, aber das gezwungene, frostige Lächeln der scheinbaren Mitfreude denn Bildung und Gesittung verlangen unsere neidlose Antbeilnahme an fremdem Glück unterscheidet sich gar sehr von der reinen, selbstlosen, aufrichtigen, aus erfreutem Herzen quellenden Mitfreude, die nicht wägt, vergleicht und mäkelt, ob das' Glück auch dem Würdigsten zutheil geworden. Aber warum ist Mitgefühl sür fremdes Glück eine Blume, die so selten blüht, während Mitgefühl für fremdes Leid sich viel häufiger findet, oft bei dem rohesten Herzen zum Durchbruch gelangt ? Denn wer schon beides erlebt hat, Freuden und Schmerzen, wird wissen, daß er in Zeiten schwerster Trübsal nicht ohne die Tröstung und Theilnähme vieler gewesen ist. während bei einem unerwarteten Glücksfall die Zahl derer, welche sich wahrhast mit uns freuen, eine spärlichere ist. Vielleicht, weil das Mitleid dem Menschen im allgemeinen naturgemäßer ist, als die Mitfreude. weil den meisten Unglück und Leid bekannt und vertraut sind und sie sich leichter in einen schmerzlichen Zustand bei anderen hineinversetzen können, während das Glück für viele mehr ein vager Begriff, eine nebelhaste, unklare, goldene Lustspiegelung leibt, deren Werth sie überschätzen, die zu erreichen sie sich aber alle lebenslang bemühen. Vielleicht aber auch, und noch wahrscheinlichcr. weil ein eigenes, selbstloses Glücksempfinden. das Mitgluck bei fremdem Glück, doch etwas Höheres und Edleres ist. als der Mitschmerz, beinahe etwas Ueberirdisches; em Gefühl, welches nur in der reinen Luft einer Herzensbildung, die sich über den Staub des Gewöhnlichen emporgehoben, erblühen kann. ttußtag in Hungerford. England ist das Land althergebrachter Sitten und Bräuche, an denen das Volk mit zäher Festigkeit hängt. Am zweiten Dienstage nach Ostern (Hock. Tide") findet in Hungerford der Kußtag statt. Es werden Geschworene und Chormänner" feierlichst gewählt und letzteren das eigenthümliche Amt übertragen, in jedes Haus des Ortes zu gehen, um dort von der männlichen. Bevölkerung je eine Landesmünze einzusammeln. wogegen ihnen das Recht zusieht, jede weibliche Person zu lüssen. Die Chormänner tragen hohe Kopfbedeckungen, welche mit Blumen und blauen Bändern geschmückt und oben hohl sind. Hier werden Apfelsinen hineingelegt; denn jede geküßte Frau, jedes geküßte Mädchen bekommt eine Apfelsine. Außerdem wird die liebe Schuljugend, die natürlich an diesem Toae feiert, mit Apfelsinen beworfen. llebtt den Ursprung dieser Sitte vermeldet die Stadtchronik von Hungerford nichts, dagegen wird seit Jahrhunderten getreulich eingetragen. Wie schön das Fest verlausen ist. m Ganz recht. Mutter: Karlchen, wozu gehört der Hering?Karlchen (nachdenkend): den Pellkartoffeln.-
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