Indiana Tribüne, Volume 22, Number 221, Indianapolis, Marion County, 30 April 1899 — Page 2

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Kelundyeit und Schönheit. Von San.Rat Tr. Fürst. Daß es eine Gesundheit ohne Schön fyit giebt, ist wohl nicht zu bezweifeln; begegnen uns dcch nicht so selten Menschen von gesundestem Aussehen, zumal Typen der Landbevölkerung, die ausgesprochen häßlich sind. Aber eine Schönheit ohne Gesundheit ist nicht vder doch nur in sehr bedingtem Maße möglich, .und wenn sie vorhanden ist, so trägt sie immer einen mehr oder weniger pathologischen Charakter an sich. Wir haben oft genug Damen ge-' sehen, die an Blutarmuth, an Phthisis, an Nervenkrankheit litten und doch in gewissem Sinne noch als schön galten, wenn auch der Blick des Sachkenners wohl den Wurm unter der äußerlich noch schönen Hülle wahrnahm. Wir haben oft ätherische, engelsgleiche, halb verklärte Dulderinnen gesehen, die schon theilweise der Erde entrückt schienen und doch, zumal für das Auge des Künstler, noch schön waren. Sicher aber ist diese schon mit physischen Beranderungen des Rückgangs, der Zerstörung vermischte Schönheit, selbs: wenr: sie noch nicht der großen Menge als krankhaft erscheint, ja sogar durch ein künstlich erregtes Feuer die nähere Umgebung täuscht, keine Schönheit im vollen Sinne mehr. Die Schwester der Schönheit ist die Gesundheit, und die erstere hat ohne die letztere keine Ezistenzfähigkeit. Was ist Schönheit? So möchte man fragen. Es ist die vollendete Harmonie der äußeren Erscheinung mit den inneren Eigenschaften der Psyche. Eine lediglich körperliche Schönheit würde, ohne den belebenden Ausdruck des Geistes und Gemüths, kalt erscheinen. Sie ist eben, trotz ihrer FormVollendung, ausdruckslos". Ja, der Geist kann einem weniger schönen Antlitz einen wesentlich höheren Grad von Schönheit verleihen, es beleben und, selbst wenn die Schönheit nicht eine vollkommene ist, es doch so anziehend und interessant machen, daß mancher s schön nennen wird. Es giebt ja überhaupt keine absolute Schönheit, sondern immer nur eine relative. Erst was unserer subjektiven Auffassung, unserem individuellen Empfinden schön erscheint, ist es für uns; jeder hat nach seinem persönlichen Schönheitsbegriff, nach seiner eigenen ästhetisch-kritischen Urtheilsschärfe dafür einen anderen Maßstab, und jede Zeit hat, wie wir aus den Meisterwerken der Malerei und Skulptur früherer Perioden der Kunst sehen, andere Ideale der Schönheit. Was in der romanischen oder gothischen Epoche als der Typus einer schönen Frau galt, erschien der Renaissance nicht mehr schön; das Rokoko hatte andere Begriffe von Schönheit als das Cinquecento, und unsere Vorstellung weiblicher Schönheit deckt sich nicht mehr mit der des Empire oder des Directoire oder aar der BiedermeierZeit. Kurz, das Schönheitsideal ist kein für alle Zeiten, alle Kultur- oder Naturvölker fester Begriff; es schwankt und verändert sich, wie auch Geschmack und Mode wechseln. Die Schönheit ist ein Vorrecht der Frau. Nicht daß dem Manne das Recht, schön zu sein, abzusprechen wäre. Ja. es giebt auch Ideale männlicher Schönheit, die durch Ebenmaß. Kraft, Energie, durch Bewegung und Sprache selbst den strengen Anforderungen eis Künstlers genügen würden. Aber Schönheit ist eine nur untergeordEigenschaft des Maiys, allen:!iie angenehme Zuzabe. Geist, kt?r. Intelligenz, Energie, Thaterlangt man von ihm in erster Ja, die Bezeichnung ein schöann" entbehrt selbst nickt eines fa C. kr. Li ner häß. fchnu. :n, unangenehmen Beigebisweilen sogar einer !omischen Färbung. Man wird dabei an Eitelkeit, an Selbstgefälligkeit erinneri, und oft nennt man einen solchen Mann weibisch." Weibisch- hat aber einen verächtlichen Charakter. Weiblich" ist im Gegensatz hierzu eine vollberechtigte Eigenschaft der Frau und weibliche Schönheit" deshalb eine selbstverständliche Forderung, eine rühmenswerthe Eigenschaft, eine Zier und ein Schmuck des Weibes, mag es sich nun um ein junges Mädchen. eine Jungfrau. Frau oder Matrone handeln. Schönheit ist ein Vorzug des weiblichen Geschlechts, eine Eigenschaft, die der Inhaberin einen besonderen Reiz und Zauber verleiht, ihr Aller Herzen gewinnt, ihr Thür und Thor öffnet und die Kunst veranlaßt, sie in Farben und Formen wiederzugeben. zu verherrlichen. Kein Wunder, daß es von jeher als ein Glück und als ein erstrebenswerthes Ziel galt, schön zu sein. Zunächst ist die Schönheit freilich angeboren und nicht selten ererbt. Aber diese Schönheit des Kindes entwickelt sich nicht gleichmäßig weiter; oft verliert sie sich mit den Jahren, und es giebt manche Frauen, die als Kinde? schön waren, ohne daß sie es noch sind. Immerhin bleibt ein gewisser Fond von Schönheit vielen Menschen eigen, und es handelt sich nun darum, diesen Besitz zu erhalten, zu pflegen, sich zu sichern. Denn darüber darf man sich keiner Täuschung hingeben, daß es unmöglich ist, schön zu werden", wenn es an allen Bedingungen hierzu fehlt. Erleichbar ist, sich seine Schönheit zu erhalten und sie womöglich zu steigern. Wie aber kann die Frau dies thun? Hierzu führen zwei Wege. Erstens: sie bewahre sich ihre Gesundheit von Jugend auf, und zweitens: sie verhüte alles, was sie entstellen könnte. Wer sich gesund erhält, bleibt schön, behält, was ihm von der Natur an Schönheit verliehen wurde, und vermehrt diesen kostbaren Besitz. Alles weist uns darauf hm. daß das einzige Mittel, um dies zu erreichen, eine naturgemäße Lebensweise iß.

Das Antlitz, fein: Farbe, seine Formen, die Frische und Reinheit seiner seiner Haut, die normale Beschaffen heit der Schleimhäute von Auge, Nase und Mund, die naturgemäße Pflege der Haar?, derZähne, der Ohrmuscheln, des Gehörgangs, der Augenwimpern kurz, aller Theile des Gesichts, steht natürlich obenan. Denn das Gesicht ist stets sichtbar, und in den meisten Fällen nennt man überhaupt diejenige schön, deren Gesicht diesen Anforderun gen entspricht. Aber auch der übrige Körper bedarf der Pflege. Die Knochen müssen schlank, normal qebaut und kräftig, die Muskeln straff und elastisch sein. Die Haut soll weder zu bleich, noch zu roth, jedenfalls aber von mildem Glänze, glatt, von mittlerem Fettreichthum und frei von krankhaften Veränderungen sein. Die Pflege der Hände und Nägel, die Kräftigung der Athmungsorgane. deren tüchtige Funktion ein gesundes Blut bedingt, der normale Blutkreislauf, die Negelung der Verdauung und aller sonst!gen Funktionen, eine gesunde, nicht zu pflanzenarme Kost alles dies con-

servirt" die Schönheit. Der ganze Körper, auch alle Gebiete, die nicht sichtbar sind, bis zu den Füßen herab, alles rnu durch gesunde Lebensweise und peinliche Sauberkeit in bestem Stand erhalten werden. Selbstvcrständlich spielen das frische Wasser und die frische Luft für die Bewahrung der Gesundheit und Schönheit eine wichtige Rolle. Aber auch vor Verunstaltungen, vor Entstellungen muß sich die Frau, die schön bleiben will, behüte. Entwickelt sie z. B. zu lebhafte Gesichtsbewequnqen, zu leidenschaftliche mimische Thätigkeit, so darf sie sich nicht über das Entstehen von Falten und Runzeln wundern; verweichlicht sie die Haut durch warmes Wasser oder Schleier, so muß deren Frische verloren gehen. Gewöhnt sie sich entstellende Veränderungen des Gesichts an. so wird sie schließlich dauernd entstellt. Eckige, unschöne Bewegungen, nachlässige Haltung müssen die Körperschönheit dauernd beeinträchtigen. Zahllose Beispiele könnten hier angefügt werden, in denen der Verlust der Schönheit geradezu verschuldet wird. Nicht schaden ist also auch hier .wie bei der Gesundheitspflege, eine wichtige Mahnung. Die Erhaltung der Schönheit ist nur mit natürlichen Mitteln möglich. Alle Künste und Künsteleien täuschen blos vorübergehend, ruiniren, was noch von natürlicher Schönheit vorhanden war, und entfernen die Frau von dem Ziele, anstatt sie demselben zu nahern. Kunstmittel sind sämmtlich entbehrlich für diejenige, welche die natürlichen Hilfsmittel zu benutzen versteht; hat man sich aber einmal an sie gewöhnt, so werden sie unentbehrlich fur's ganze Leben und von Jahr zu Jahr nothwendiger. Der Kenner aber, dem sie nicht entgehen, merkt die Absicht' und wird verstimmt, während ihn die einfache, natürliche, unbewußte Schönheit und Anmuth des Körpers und aller seiner Handlungen (Bewegungen. Sprache, Lächeln etc.) bezaubert, weil sie auf der Basis der körperlichen, geistigen und seelischen Gesundheit beruht. Glück. Wir waren wie gewöhnlich unserer vier, der Meier, der Müller, der Petersen und ich bei unserem SonnabendWhist und Petersen meldete Grand. Meier spielte aus. Dann kam Petersen. Petersen spielte aber nicht. Na. Petersen, jetzt Du!" Petersen rührte sich nicht. Ich saß ungeduldig und wartete mit meinem Aß. Aber Petersen spielte nicht. Petersen!" Er spielte nicht. Zum Teufel, Petersen, spiele doch!" Petersen rührte keinen Finger, und als wir ihn näher ansahen, war der Kerl todt wie ein Hering und das war Petersen sein Glück; denn nach seinen Karten zu urtheilen, hätte er auch keinen einzigen Stich machen können. DieältesteZeitung. Alle Länder wollen das Verdienst haben, die erste Zeitung begründet zu haben. Es scheint nun, daß dieses Verdienst China gehört, dessen Zeitungen gegenüber die älteste europäische nur ein ganz kleines Siinb ist. Die monatliche Tsing-Tsao- Die Zeitschrift-, die in Peking erscheint, ist z.B. 14 Jahrhunderte und die tägliche KiuPaa" Die Annalen", ist 11 JahrHunderte alt. Erstere hat nur einen engen Kreis von Lesern; letztere über ist sehr derbreitet und erscheint dreimal täglich: Morgens gelb, Mittags weiß, Abends grau. Unbewußte Grobheit. Sie: Ihre freundliche Einladung zu Ihrem Tanzkränzchen muß ich bestens dankend ablehnen ich bin wirklich viel zu alt und häßlich dazu "'Er: Aber das macht doch nichts !" . . Gastfreundschaft. Nehmen Se doch noch a Stück Kuchen. Frau Cohn!" Danke schön, ich hab' schon eins gehabt." Se haben zwar schon zwei gehabt, Se derfen aber doch noch aans nehmen." Die Pflegerin. Achten Sie darauf, daß die gnädige Frau regelmäßig einnimmt; die Medizin ist nämlich außerordentlich bitter."- So. Herr Doktor? Na, dann werde ich schon dafür sorgen, daß sie sie regelmaßig bekommt!" Falsch aufgefaßt. Verkäuferin: Mit dieser Brille werden Sie recht gut lesen können." Bauer: Dann kauf i's; I han no net lesen S'lernt!" D i e K u n st bedeutet für den ttünstler Sammlung, für den Diletjanten Zerstreuung.

Der alte Wilstkant. Von Wilhelm Holzamcr. Den Alten hatte er schon zum Tanz

aufgespielt und jetzt spielte er auch den Jungen, den Enkeln, mit dem rohmuth und fast mit dem Feuer der Jugend. Und wo der alte Jacob Veit spielte, da ging s immer noch am lustlgsten her, da war am besten tanzen. Da war auch der rechte Genuß, der den Alten immer eine liebe Freude, den Jungen eine reine Erinnerung blieb. weil in allem das rechte Maß war. Denn dafür sorgte schon der Veitjacob, und er genoß auch das Ansehen dazu. Er hielt auf Ordnung. Wenn er vom Orchester herunterstieg, sein schwarzbraun Sammetkäppchen auf dem langen, grauen Haar und die großeStahlbrille auf der starken Adlernase, dann machte ihm Jeder Platz, wie's nur dem Pfarrer geschah oder dem alten pensionirten Schullehrer Andreas Kraft, der schon der Eltern Lehrer gewesen war. Jacob Veit ging dann zu den Alten und machte seine Scherze mit ihnen Musikantenspaß nannten sie s und trank ihnen zu. Und er ging zu den Jungen, erzählte eine Schnurre und hing gefällig und unaufdringlich eine Lehre dran, die ihr Verhalten betraf. Dann nahm er auch gern das angebotene Weinglas, wenn er fröhllche Gesichter und helle Augen sah, stieß mit den Burschen an und mit den Mädeln und trank ihnen einen kräftigen Schluck zu. Lustig sein," meinte er immer, das sei das einzig Gute und Rechte einem lustigen Burschen und einem fröhlichen Mädel, denen sei immer zu trauen nur den Heimli chen nicht und den Kopfhängern. Die konnten me abwarten, bis der Tanz zu Ende sei. um sich dann fortzustehlen die aber eine rechte Lust am Tanzen hatten und sich dabei so aus ganzem Herzen freuen könnten.denen käme kein anderer Gedanke und arger Wunsch." Dabei ging sem Kopflem flink wie bei einem Stärlein, und wenn er so ein wenig einhielt und mit den Lippen leise schmatzte, sah er jeder, und jede im Kreise herum an, liebenswürdig scharf, denn einmal meinte er, man müsse mit der Jugend über alles reden . und reden können, das sei das Beste und einzig Richtige und dann meinte er, nur bei einer offenen Rede könne man wirklich m die Herzen sehen. Und er that's allemal. Hiernach ging er beruhigt auf sem Orchester hinauf denn er wußte, wie's bei der Jugend stand, und er kannte ihren Sinn. Er lächelte still vor sich hin, und beim nächsten Tanze sprang sein Bogen nur leichter und munterer über die Saiten. Dann sahen die Alten auf, lachten und lauschten; die Jugend aber ward noch fröhlicher. Veit's Spiel ging dann allen in's Gemüth. Die Alten aber sagten: Hört mal wieder den Veitjacob! Wie der wieder da hört nur mal! Wenn der Veitjacob mal nicht mehr geigen kann, dann stirbt er! Dann stirbt er das Geigen ist sein Leben!" Jacob Veit aber wußte, wie jetzt sein Spiel wirkte er blickte über die Brille weg hinunter und nickte da und dort hin und husch war ihm ein Lauf oder ein Triller oder ein Doppelschlag aus den Fingern gesprungen, keck zwischen die Melodie hinein. Und dabei sprang sein Herz mit. Ja, dies Herz! Das war das ganze Geheimniß von der Wirkung seines Spieles. Fröhlich hatte er sich sein Herz behalten, so recht kindlich und jung. Daß es immer nach dem Heiteren undLeichten verlangen mußte, und immer das Heitere und Leichte auch fand. So hatte er sich's behalten in allen Lebenslagen. Seine schönsten Freuden aber, die drückte er in Tönen aus, in ein paar ganz einfachen Tönen in einem Triller, einem Lauf, einem Doppelschlag, wenn sie ihm wie lustige Lacher in die Stücke hineinsprangen. Und vieles von dem. was er spielte, war ja nichtssagend für sich, aber er sagte etwas damit. Das Unbedeutendste ward bedeutend in seinem Empfinden, und für Alles hatte er die gleich innigeHingebung und Liebe. Er liebte die Musik und lebte für sie, und vor jedem ihrer Töne hatte er eine so hoheAchtung. daß er jedem den gleichen Werth gab und die gleiche Sorgfalt anaedeihen ließ. Und so war's gekommen, daß er alt und grau geworden war, aber jedesmal kinderjung wurde, wenn er seine Geige strich. Und das hatte sich ihm auch auf alles im Leben übertragen. Er sah die Welt mit den Augen seiner Jugend an. und nur selten kam sie ihm anders vor. Ebenso selten be rübrte ibn eine Neränderun ilthr. Er sah in allem Leben das Lichte und sielen Schatten in seine Seele, wußte er. wo er eine Zuflucht finden konnte und sein Heil. Dann geigte er eben so lange, bis es wieder hell ward in ihm. Für. alles hatte er einen Trost in der Sprache der Töne, und von manchem guten Wort, das er zu sagen wußte, konnte man beinahe behaupten, dah es sich aus seiner Musik heraus geformt habe. So war er ein rechter Künstler, wie er seine Musik liebte, obgleich er nur ein simpler Musikant war. Die hohe Schulung war ihm ja wohl fremd qeblieben, aber da er den Ausdruck des Elementaren voll erfaßt hatte und sich darin genügen konnte, empfand er nie eme Sehnsucht nach ihr. ; Er war glücklich. Ein altes Kind und ein jugendlicher Greis und sein Lachen war zu allen Zeiten frisch wie Bergwasser und quellhell. Nur dann schlich sich in neuerer Zeit eine leichte Betrübniß in sein Herz ein, wenn neue Noten kamen. Er sagte nichts zu den Anderen, oder nur selten wenigstens zeigte er ihnen, daß er nicht so recht begeistert war. ' Das wollte nicht in seinen Sinn, was da neu kam. Es war ihm gar oft

eine fremde Sprache, weltfremd sozusagen und sein Herz blieb kalt von ihr. Er konnte es nicht lieben es war ihm kein Genuß. D'rum verwarf er's in seinem Sinn. Und war er zu Hause allein, dann erholte" er sich.

kramte einen ganz alten Marsch oder Walzer hervor, spielte sich den und sang und pfiff abwechselnd 'dazu so ganz allein in seinem Stübchen, wohin Niemand durfte, wenn er spielte. Und dann fühlte er den warmen Sonnenschein draußen so wohlig der Duft des Flieders quoll herein zu ihm aus seinem Garten und die Welt war schon und voller Klarheit. Die können ja nichts mehr, diese Jungen," sagte er oft zu sich, ganz heimlich, denn er war immer bescheiden gewesen und hatte wenig geurtheilt. Alles lag bei ihm in der Empfindung. Gott, das ist doch noch Musik, mem alter Walzer da. den ich schon meiner Liese gespielt, da wir noch ganz jung waren und nur heimlich zusammenkommen durften. D'rum spielte ich ihn auch, als uns der Pfarrer ZMsammengethan hatte am Hochzeitstag und ich war im siebenten Himmel. Ja, das ist doch noch Musik!" Und er sah zum Fenster hinaus und zum Himmel auf, und innig bewegt spielte er in's Abendleuchten: Gold'ne Abendsonne, wie bist du so schön. Und es loste sich ihm von der Seele wie ein tieses, frommes Beten, ein seliges Weihegefuhl . Jacob Veit war nun schon sunsunosiebenziq. Aber er spielte noch tapfer die erste Geige in seiner Gesellschaft und war immer dabei, wo sie nur hingerufen wurde. Da dachten aber doch ein paar Freunde, ihm eine Hilfe zu geben und eine jüngere Kraft zu engagiren. Es war ein ganz junger Mensch, kaum zwanzig, aber er wurde viel gelobt. Richard Vormann hieß er, jedoch im ganzen Dorfe wurde er kurz der Rieses" genannt. Unter diesem Namen kannte ihn jedes Kind. Der Rickes" hatte bei einem Theatergeiger in Mainz Stunden genommen, schon seit seinem zwölften oder vierzehnten Jahre, und er spielte großartig. Und wunderbare Sachen. Er werde sicher auch mal in ein Theaterorchester kommen. Der sollte nun den Jacob Veit manchmal ablösen, daß er ruhen könne. Veit sträubte sich zwar anfangs ihm geh's noch leicht von der Hand" aber schließlich gab er sich doch drein. 'Er hab's am End ja auch verdient." Der junge Geiger kam. Veit stellte ihn zu seiner Linken. Vorerst mög' er mal zweite Geige spielen. Man konnt's dem Rickes" ansehen, es war ihm nicht ganz recht. Aber er wollte sich dem Alten nicht widersetzen. Anfangs achtete Veit nicht auf den Collegen. Oder höchstens, daß er sich mehr zusammen nahm und mit der heimlichen Absicht spielte, so viel wie möglich zu glänzen. Aber da achtete wieder der Jüngere nicht drauf. Nach ein paar Tänzen aber, mitten in einem neuen Walzer, den der alte Veit gar nicht sonderlich liebte, sprang des Jungen zweite Geige frisch und keck in die erste. Und wie klang jetzt der Walzer, der vorher gar nicht recht gewollt hatte"! Im Saale horchte man auf. Jacob Veit ward roth strich anfangs seine Saiten heftiger, ließ aber bald nach, als er merkte, daß er nicht durchdringen könne. Aergerlich und mißmuthig, spielte er fast leise weiter. Faxen! Damit will man einen alten Musikanten kalt stellen! Nichts dahinter kennen wir!" sagte er zu sich selbst. ' Der Jüngere aber, plötzlich merkend, wie sein Spiel wirkte und wie sein grauer Nachbar verstimmt war, ließ die erste Violine fallen und begleitete wieder in der zweiten. Aber nun war es kein Feuer mehr und keine Wirkung. Jacob Veit machte sich 'Vorwürfe. Was brauchte er sich auch so verstimmen zu lassen!" Aber wie er sich auch Mühe gab, er brachte seine Stimme und damit das ganze Stück nicht mehr in die Höhe, und er gab bald das Zeichen zum Schluß. So wiederholte sich's noch ein paar Mal. Und als einmal Veit um Mitternacht ganz aussetzte, da wählte der Jüngere einen Rheinländer" mit einem Violinsolo. Veit saß unten an einem Tische, sah und hörte zu. Die Jugend schien über alle Maßen befeuert. Der Ordner hatte seine schwere Noth, Paare zum Pausiren zu bringen. Die Burschen und die Ma del schienen unermüdlich. Und alle Gesichter glühten. Das machte der Rickes. Brillant!" sagte ein Fremder ganz in Veit's Nahe. Sie, meinen doch den neuen Geiger?" sagte der Wirth, ja der ist ganz ausgezeichnet, ganz ausgezeichnet!" Und als der Wirth sich umdrehte, sah er den alten Veit. 'Veit, den müßt Ihr Euch halten! sagte er zu ihm. Der kann's, hol' mich der Kuckuck, der kann's! Ein Mordskerl das! da guckt nur mal (er wies aus die Tanzenden) Alles außer sich. Da könnt' mer fast in seine alte Tag noch was lerne, he?! scherzte er zu dem alten Musikanten und klopfte ihm aus die Schulter. Ja, ja," nickte der Veit. Aber ihm war's, als liefen ihm Thränen über's Herz. Zum Weinen war's ihm. Er fühlte einen tiefen Schmerz eine Qual und Unruhe. Ganz unglücklich war er. Ganz dumpf war ihm. So armselig, so leer fühlte er sich. Ach. Gott, als habe er nie eine Geige aehabt, me emen Ton hebt. Ja, er mochte jetzt die Musik nicht mehr leiden. Sie war falsch und untreu. Sie hatte

ihn noch verhöhnt dazu. Nein, seine

Geige wollte er rein gar nicht mehr haden und er hatte jetzt das Gefühl, sein Boaen müsse einen schweren Centner wiegen, wenn er ihn wieder in die Hand nähme. Drum war letzt so etwas in seine Seele gekommen, was er nie gekannt etwas Zorniges und Hartes. Fast, als müsse er den neuen Geiger hassen. Er erschrak. Aber es ließ ihm keine Ruhe. Er stieg hinauf auf's Orchester, packte seine Geige ein und ging heim. Er sei mud und abgespannt, und er müßte jetzt Ruhe haben. Und nun habe er ja auch Ersatz." Und er ging heim. Der junge Geiger war ein bischen betroffen. Es that ihm so leid. Denn ihm war, als habe er den Alten vertrieben. Aber die Anderen redeten's ihm aus. Traurig ging Veit heim. Der Jüngere aber spielte immer feuriger und wählte nur die neuesten Sachen. Er spielte sich m alle Herzen em. Daqeqen kann der Veinacob daheim bleiben," hieß es da mal und dort mal. Der gute Veitjacob konnte aber zu Hause keine Ruhe finden. Als er ein paar Stunden schlaflos im Bett gelegen hatte, stand er auf. Es zog ihn zu seiner Geige, zur Musik. Sollte sie ihm wirklich nichts mehr zu sagen haben, ihm Nicht mehr gut sein können? Ihm untreu geworden sein, sich gewandelt haben? Freilich immer lagen ihm dieseKlänge des jungen Geigers im Ohr. Sie waren ja ganz anders. Und er spielte ganz anders. Ganz correct. Sauber und klar und breit die Melodie ohne Triller und Läufe und Doppelschläge, fast grob schien's ihm. Und doch hatten sie so seltsam anders gewirkt. Nein, aber er mochte sie nicht. Er wehrte sich gegen sie. er war ihnen feindlich. Er wollte fo'etwas für's Gemüth haben, so leicht und süß. Und halb mit Zagen griff er zu seiner Geige. Es war noch dunkel, aber er zündete kein Licht an. Aus dem .Gedächtniß spielte er, einen Schottischtheil, einen Walzertheil, einen Mazurkatheil, und er kam an die Kirchenlieder, die lieben Alten, und es war ihm, als werde sein Herz schon leichter, und er kam an die süßen Lieder seiner Jugend, die so herzig waren und so schlicht, und immer froher ward er und immer froher. Und dann spielte er fromm und feierlich: Wie schön leuchtet der Morgenstern! und sein Herz sprang ihm in der Brust, und er spielte seinen geliebten Liese-Walzer" und er sang und pfiff dazu, und er war so glücklich wie an seinem Hochzeitstage, allen Leides und aller Härte frei. Und als das Morgenroth am Himmel strahlte, da bettete. er sanft und zärtlich seine geliebte Geige im Kasten und legte sich selbst zur Ruhe. Jetzt fand er sie leicht, und er schlief bis in den hellen Tag hinein, tief und erquickend. Die Abneigung gegen den Rickes" hatte sich freilich Jacob Veit nicht ganz weggeschlafen. Er zeigte es ihm allerdings nicht weiter. Nur dies eine, er trat in kein näheresVerhältniß zu ihm. Er sprach mit ihm nur das Nothwendigste. In die zweite Geige verwies er ihn natürlich nicht mehr, und so spielten sie in der kleinen Dorfkapelle auch in den Proben zusammen die erste Stimme. Der Jüngere brachte immer mehr und mehr die neueren und neuesten Sachen, die dem Veit doch gar nicht beHagen konnten. Er machte aber noch mit, so weit's halt ging wenn er auch gerade nicht mehr mitlernte, und er ließ den Collegen gewähren, der immer größeren Einfluß in der Capelle gewann. Veit aber zog sich bald, mehr und mehr zurück. in seine stille Stube, zu seinen alten Stücken, die er immer mehr und mehr liebte. Auch bei den Kirchweih-Tänzen war er nicht mehr so dabei. Er fühlte sich entbehrlich. Und nun behielten die Leute recht. Der Veitjacob war nicht mehr so frisch und gesund. Was da an seiner Seele nagte, das machte seinen Körper matt. Und die Jahre dazu! Jacob Veit hatte sich nun fast ein halbes Jahr von den Proben ferngehalten und hatte wohl beinahe seit einem Jahre auf keiner Kirchweih mehr gespielt. Er lag häufig zu Bett, oft den ganzen Morgen lang und nur am Nachmittag konnte er ein paar Stunden auf sein und wohl auch noch einen kleinen Spaziergang machen. Man wird halt alt," meinte er. wenn er gefragt wurde, wie's ihm gehe. Widder Musik mache!" rieth ihm dann auch mal einer, a Widder 's Geigelche unner de Arm un de Fiddelböge genomme, so werd schun alles Widder wern." Ja, ja!" lächelte er dann. So pflegte er sich und lebte seine Tage. Und allmälia kamen ihm Enttäuschung und Aerger ganz anders, viel milder vor. Er hatte das Spiel des Jüngeren wohl noch im Ohre, nicht so forsch und keck, wie's ihm damals geklungen hatte, aesänftlat. eme Erinnerung. Und seltsam dann und wann siel ihm eine Stelle aus einem der neuen Stücke ein und er behielt sie sich gerne und gewann sie sogar lieb. Und hatte sie bald lieber. Und er freute sich, wenn ihm wieder etwas Neues wach wurde. Wenn er dann sann und dachte, und die Jahre all zurückging, die hinter ihm lagen, da war ihm doch, als oaoe er seinen Platz rechtschaffen ausgefüllt und sick und anderen brav genug gethan, und es sei gan in Ordnung

und gerecht, daß ein Anderer auf seinen Platz tret?, ein Jüngerer, mit frischem Wagen und neue'n Können und anderen Tönen, die für die jungen Herzen waren. Und es war ihm auch, als dürfe er mit seinem alten Herzen recht warm an dem Alten hängen und es recht liefop.. Aber darüber schalt er sich, daß er das Junge verachtet und von sich gestoßen hatte. Er verachtete das Junge und Neue nicht mehr. Ja, oft war's ihm wie eine Sehnsucht, es such noch einmal zu können, auch noch einmal zu leben und so recht zu lieben und feurig zu spielen, so frisch aus der Geige heraus, daß er alle Herzen mitreißen müßte und je schwächer er ,?.:roe, desto stärker wurde diese Sepasuclit. Aber er tlate nicht. Es mußte in diesen neuen Melodien liegen, die in seiner Erinnerung so sanft und traumhaft klangen, daß sie ihn trösteten und stärkten, wenn sie

auch seine Sehnsucht weckten. Und er versöhnte sich mit seinem Schicksal und sah in diesem Neuen, das ihn so hart verwundet hatte, die Erfüllung, alles dessen, was er selbst erstrebt und die Krönung seinerArbeit. weil es ihm das schien, was der Zukunft gehören würde. Dem jungen Primgeiger ward er nun von Herzen gut. Da er nun schon Tage lang auf dem Krankenbette lag. so wünschte er ihn zu sich an sein Bett. Wenn er nur einmal kommen würde. Er wollte ihm so gerne noch einmal die Hand drücken und ihn noch einmal spielen hören. Aber er sagte nichts. Im Dorfe hatte sich die Nachricht bald verblutet, daß der alte Veitjacob krank liege. Der erste, der ihn besuchte, war der alte Andreas Kraft, der pensionirte Lehrer, dem der Sturm des Lebens die Brust nicht, hatte schwächen können. Er stand nun an den achtzig. Sie sprachen über dies und das zusammen, auch übe? die anderen Zeiten. Ich will Dir 'was sagen, Veit," sagte Kraft und strich über feinen schlohweißen Bart, wir Alten dürfen zur Ruhe gehen. Die Welt braucht uns nicht mehr. Die Welt braucht die Jugend. Und daß die recht keck und kräftig und muthig sei, das wollen wir ihr wünschen, der Jugend und der Welt. Das ist so das Leben, und das ist so recht eigentlich seine Gesundheit. Jacob Veit reichte ihm die Hand. drückte die seine und preßte die Lippen fest, fast herb zusammen. Doch gleich darnach sagte er: Kraft, ich fühl's auch so wie Du, ich fühl's auch o. Auch die Collegen von der Kapelle kamen, und eines Tages kam auch der Rickes". Er kam ein bischen verlegen und schüchtern. Aber über Veits Züge glitt ein Lächeln und hielt sich fest darin. Er streckte dem Jüngeren die Hand entgegen: Ich dank Dir so, daß Du gekommen bist, Rickes, sagen kann ich Dir das nicht, wie ich Dir danke." Und die beiden saßen lange beisammen. Als der Rickes" fortging, versprach er dem Veit, bald wieder zu kommen. Und am anderen Abend saß er schon wieder am Krankenbett. Er erzählte dem Alten. Von der neuen Musik. Von ein paar neuenTänzen, die er in Mainz gehört habe und die er nun für die Kapelle bestellen wolle. Es sei schade, daß Veit nicht mehr mitspielen könne. Aber wenn er wieder gesund sei, dann. . . Ja, dann. . ." So saß der Jüngere nun jeden Abend am Bett des Alten, zwei Herzensfreunde. Jacob Veit war mit jedem Tag schwächer geworden. Er würde einmal ganz sanft hinüberschlummern, hatte der Arzt der Familie gesagt. Das Alter er würde voraussichtlich einen sanften Tod haben. So war wieder eine Woche herumgegangen, und es war Sonntag geworden. Richard Vormunn war schon am Nachmittag gekommen. Und heute sprach ihm Veit seine Bitte aus. Rickes Du könntest mir mal eins spiele, ich wollt Dir's die ganze Zeit schon sagen. Dort hinten in der Ecke steht meine Geige." Und der Rickes" zauderte nicht. Er spielte mit Feuer. Beseelt von der hohen Achtung für den Alten und in der Freude, daß er sein Spiel hören wollte. Das Beste, was ihm einfiel, spielte er, das Neuejte und Schwerste, ganz unermüdlich. Und Veit lauschte. Entzückt! Ja. jetzt klang alles viel milder, gedämpfter. Vielleicht, weil's seine alte Geige war. die die neuen Melodien sang. Sein Herz war aller Wonnen voll. Er träumt: den Traum seiner Jugend. Der da aber lebte ihn. Ur.d der fühlte seine Zukunft voraus. Und er durfte ihm zulächeln und zuwinken. Jacob Veit lag in den Kissen und schlief. Jacob Vormann setzte den Bogen ab und sah zum Alten. Wie war sein Herz so froh! Und er schlich sich fort. Dann und wann sahen die Verwandten nach. Jacob Veit fchlief sanft. Einmal wachte er auf: Rickes, ich dank Dir! Ich dank Dir! Es war sehr . fchön, es war so schön wie mein Liesewalzer! So schön.." Dann schlief er wieder ein. Und er wachte nicht wieder auf. Als es dunkel wurde, ging seine Seele ans Licht. - - - Sein Körper empfand keinen Schmerz. ' '

Auf seinem Antlitz lag ein Lächeln. Er hate die Augenbrauen hochgezo-

gen, i:no cte uqztn ttanoen g? spannt, als cb er lauschte. Die Rechte hing zum Bette r.eraus Es mochte fast aussehen, als ob sie.nach einem ausgestreckt sei. Vectkioven. Ekizzc von I. E. Vorihkg. Als ich noch ein kleiner Knirps war kam einmal der Vater eines Abends. in der elften Stunde, vom Regen ganz durchnäßt, nach Hause. Er setzte sich nicht hin. um Abendbrot zu essen, soidern blieb stumm und starr an der Fensterbrüstung stehen. Und mehr als. eine Stunde sah er hinab auf die Pfützenreiche, stille Straße . . Er sprach, kein Wort, und die Mutter mochte ihn noch so küssen und streicheln und sich noch so an ihn schmiegen; es war nichts aus ihm herauszubringen; als ob er von Stein wärs. So schroff waren, seine Züge noch nie, so zusammengeschmiedet hatte ich seine Lippen noch nie gesehen. . . Erst sehr spät, als es etwa ein Uhr vorüber war, und meine Mutter sich nicht mehr aufrecht erhalten konnte, da sprach er sich aus, und die Thränen rieselten ihm dabei über Wangen und Rock. Ich habe Beethoven gehört ... das F-dur-Quartett .... opus munundfünfzig . . . Man weiß gar nicht, welch ein Thier man ist, bis man diese Musik gehört hat . . . Du bemühst Dich, alles Menschliche abzustreifen ... Du. wirst in andere Sphären versetzt .... ach, und Du sehnst Dich so nach der höchsten seelischen Reinheit .... Werden wir sie erringen? Nein ... wir nicht . . . wir sind Thiere . . . und wir werden es bleiben ... und diese heiße. Sehnsucht, die das Herz versengt, sie wird nicht enden ... Uns fehlt der göttliche Funke . . . Könnte man doch sterben während dieser Musik I Lieutenant Hüttner saß vor mir und sprach mit seiner Dame vom nächsten Maskenball, und fortwährend schielte er auf ihren Biisen . . . Vergiß es," bat meine Mutter; kleide Dich lieber rasch aus und lege Dich zu Bett, denn Du bist ja bis auf die Poren naß. Weshalb bist Du ohne Schirm so lange im Regen herumgegangen, und warum standest Du dieganze Zeit am Fenster? Glaubst Du ich begreife Dich nicht? Aber gebe nur Gott, daß Du Dich nicht erkältet hast!" Es ist mir ganz einerlei." antwortete der Vater barsch und begann, sich auszukleiden. Und Dein Kind und ich? Ist Dir alles einerlei?" Der Vater blieb die Antwort schulbig; er wickelte sich in die Bettdecke ein und schwieg beharrlich. Dann schlief auch ich ein. Als es Morgen ward, mußte ich eilends einen Arzt herbeirufen, denn der Vater fieberte stark ... Vierzehn Tage lang roch es bei uns nur nach Medikamenten und DesinfektionsMitteln. Die Mutter wachte vierzehn Nächte lang am Bette des Vaters; sie magerte zusehends ab; ihre schönen Augen verloren den herrlichen Glanz; welk wurden ihre Wangen und schlaff ihre Hände. Und beim Vater war beständig die Rede vom F-dur-Quartett. opus neunundfünfzig. Alles Anderre war ihm einerlei. Und am fünfzehnten Tage trugen, wir ihn auf den Kirchhof. Heute weiß ich, warum mich meine Mutter trotz meiner ausgesprochenen Begabung für Musik nicht musikalisch ausbilden ließ, und warum sie den Namen Beethoven nicht hören und nicht lesen kann, ohne zu weinen Wenn sie mich in einem festen Beruf sehen wird, und die Sorgen um mich sie nicht mehr verzehren werden, dann will auch sie das F-dur-Quartet, opus 59 anhören und gern sterben . . . Das hat sie mir oft genug in langen, bangen Nächten gesagt ... Verspeiste Trophäen. Eifrig nach seltenen Dingen suchend hatte ein Botaniker im Innern von Neu - Seeland in dichtem Farrenkraut den Weg verloren und. sah sich genöthigt,,die Nacht im Freien zuzubringen. Der Hunger plagte ihn, denn außer einigen Beern: fand er nichts Genießbares. Gegen Mittag des folgenden Tages stieß er endlich auf einige Hütten, die einem befreundeten Häuptling der Maoris gehörten. Von den Bewohnern war aber Niemand zu Hause und der Gelehrte konnte keine Krume Nahrung finden, ausgenommen eine Schale Milch. Endlich entdeckte er auch in einer Hütte eine auf einer Leine befestigte Reihe getrockneter Schwämme, wenigstens hielt er das vor ihm Hängende dafür, und nahm davon in beträchtlicher Menge. Sie hatten die Größe eines Zwiebacks, er war sehr ausgehungert und schließlich blieb nichts mehr übrig, denn er hatte sich davon, weil sie doch etwas zähe geWesen, mit der Milch, einigen Kräutern und Salz eine Mahlzeit bereitet. Einige Stunden später kehrte der Häuptling mit seinen Leuten vom Streifzuge zurück und begrüßte seinen Gast, der inzwischen geschlummert hatte, mit immer auf's Neue wiederholten Entschuldigungen, die Hütten ohne Proviant gelassen zu haben. Der Botaniker konnte ihn endlich beruhigen und erzählte ihm, daß er' sich aus der Milch und den getrockneten Pilzen ein ganz schmackhaftes Mahl bereitet habe. Da hob der alte Maorihäuptling die-. Hände wehklagend empor und rief: Sie haben meine Trophäen vernichtet, es waren die Ohren meiner Feinde, die Sie gegessen haben."