Indiana Tribüne, Volume 22, Number 214, Indianapolis, Marion County, 23 April 1899 — Page 7
Mein Kirchhof.
Von Euq. Galli. Äennst du den kleinen Kirchhof? j Er liegt vom Weg seitab, Nicht schmücken Stein noch Kreuzchen Das unsichtbare Grab. Nur blaue Blumen nicken Im Moose für sich hin. Ms läuteten sie leise. Weil ich so traurig bin. . Da draußen fern im Walde, Dort, wo die Buche rauscht. Hab' ich mü meinem Schatze Den letzten Kuß getauscht. . Die Bank, d'rauf wir gesessen, Steht noch so traulich dort; -r Miid' sink' ich an ihr nieder, V Mein Lieb, mein Lieb ist fort. . . Dort legt' ich meine Hoffnung . . Und Glück und Ruh' in's Grab . .'. Das ist mein kleiner Kirchhof, Er liegt vom Weg seitab. . Aer Motograpy. Von B. Rauchenegger. In einem Hochthal des bayerischen Alpenlandes, weitab von den großen Verkehrswegen, steht ein einsames Wirthshaus, dessen Besitzer noch aus eltem, harten Holz geschnitzt ist. Er treibt seine kleine Oekonomie und sein Wirthschaft! dazu und kümmert sich um das, was in der großen weiten Welt vorgeht, verflucht wenig. Zeitungcn liest er selten, weil er sich mit dem Lesen so viel hart thut und läßt sich viel lieber etwas erzählen von den Gästen, die bei ihm verkehren. Vom Herbst bis zum Sommer wird tz nicht arg überlaufen. Außer ein paarJägern oder Holzknechten verirrt sich um diese Zeit selten Jemand in die Bergwirthschaft herauf; was die an Neuigkeiten wissen, geben sie wohl zum Besten aber recht gründlich nehmen sie es dabei nicht, so daß der gute Rauhbichler sich manchmal recht sonderbare Vorstellungen der civilisirten Welt bildet. Im Sommer geht's lebhafter her. Touristen in großer Zahl durchwandein das Hochthal und kaum einer unterläßt es, beim Rauhbichler einzukehn, weil es allerorts bekannt ist, daß inan dort einen guten Schoppen und einen derben, aber feinen Bissen bekommt. Dabei hat der Wirth noch eine Eigenschaft, die ihn sehr interessant macht: Er ist ein Spaßvogel eigener Art und kann so grob sein, daß jeder Naturalist seine Freude daran hat. Das hat ihn zu eiuem Original gestempelt; man kennt ihn in der Stadt, und in den Sammlungen von Volkstypen aus dem Gebirge prangt sogar sein Vildniß. das ein Amateurphotogiaph einmal meuchlings aufgenommen hat. Bei diesem alpinen Herbergsvater hatte sich eines Tages eine fröhliche Schaar von Ausflüglern niedergelassen und der vortreffliche Tiroler Special floß in Strömen, daß die Stimmung bald einen schwindelnden Höhepunkt erreichte. Der Rauhbichler saß mitten unter den Gästen, die sich an seinen naiven Aeußerungen weidlich ergötzten und das Ihrige versuchten, um die mangelhaften Vorstellungen des unerfahrenen Naturmenschen zu Gunsten der allgemeinenHeiterkeit auszuschlachten. Man kam auch auf das Photographiren zu sprechen, und in diesem Fache fehlte es dem Rauhbichler sogar an jeglicher Ahnung. Ein lustiger Kumpan, Namens Schrader, unternahm es, einen förmlichen Vortrag über die Kunst des Photographirens zu halten, wobei der Rauhbichler mit offenem Munde zuhörte. Als der Dozent aber schließlich behauptete, es sei jetzt so weit, daß man aus den unscheinbarsten Dingen einen Apparat zum Photographiren zusammenstellen könne und damit so fix zu arbeiten vermöge, daß man in wenigen Minuten das fertige Bild abzugeben im Stande sei, wurde der Rauhbichler nachdenklich, dann ernst, und zuletzt, wie gewöhnlich, grob. Er meinte, der Herr müsse schon noch viel dümmer sein, als er ihn halte, wenn er glaube, ihm einen solchen Bären aufbinden zu können. Schrader lachte und entgegnete, er wolle den Beweis liefern, wer der Dümmere sei. Der Rauhbichler nahm ihn beim Wort und schlug in merklicher Aufregung eine Wette vor; zehn Liter Kälterer solle der Verlierende zahlen. Zur größten Ueberraschung seiner Genossen nahm Schrader die Wette an und ersuchte den Rauhbichler nur, er möge seine Joppe anziehen, da ein Mensch in Hemdärmeln nicht gut photographiren sei. Der Wirth eilte fort, um diesem Ansinnen zu entsprechen und Schrader ging daran, seine Vorbereitungen zu treffen. Verwundert fragten ihn seine Freunde, wie er sich aus dieser Affaire ziehen werde. Schrader erklärte seinen Plan: Er hatte in der Stadt die Photographie des Rauhbichler, von. welcher derselbe noch nicht wußte, gekauft. Es käme also nur darauf an, den Rauhbichler durch allerlei Vorbereitungen zu täuschen und dann im geeigneten Moment die Photographie zu überreichen. Die kleine Kneipgesellschaft fand den vielversprechenden Plan köstlich 2lrt Schrader machte sich sofort an die Ausführung. Er stellte ein Kistchen auf die Erde, befestigte einStllck Ofenrohr, das er hinter der Scheune gefunden hatte, daran und überdeckte diesen Aufbau mit einem Plaid. Als der Wirth erschien, postirte er ihn an die Wand des Hauses und gab ihm die Pose, welche die größte Aehnlichkeit mit dem fertigen Bilde hatte. Die Zuschauer wollten schier vergehen vor Vergnügen; der Wirth trug nicht nur einen ausgesprochenen Ernst, sondern
auch eine gewisse Unbehaglichkeit zur Schau; die Wette erregte jetzt offenbar seine Bedenken. So jetzt recht ruhig!" commandirte Schrader und kroch mit dem Kopf unter den Plaid hinein; der Wirth rückte unruhig hin und her wie der Pendel einer Uhr; er fing bereits an. seine Sache verloren zu geben und wollte wenigstens ein Mittel versuchen, das Experiment unmöglich zu machen. Fertig!" rief der Kunstler, und erwartungsvoll sahen Alle auf das Ergebniß des Kunstverfahrens. Schrader lief nun schnell in's Haus, um. wie er sagte, die Platte zu fiziren und der Wirth erhob sich mit einem unterdrückten Fluch, um wieder am Tisch Platz zu nehmen. Dort fing man schon an, ihn zu hänseln. Au weh!" hieß es. die zehn Liter sind verloren, aber sie kommen an die rechte Stelle und der Verlierer kann mithalten und seinen Verlust, so viel als möglich verringern!" Der Wirth sagte gar nichts, sondern nahm einen tüchtigen Schluck und biß energisch auf die Pfeife, die er im Munde trug, um solcher Maßen seinen Grimm zu dämpfen. Jetzt erschien Schrader mit dem Bild. Ein beifälliges Ah! ausgezeichnet getroffen!" ging von Mund zu Mund. Nun überreichte man die Photographie dem Rauhbichler. Derselbe sah sie lange an und ein Ausdruck des höchsten Staunens lief über seine Züge. Da sprang er plötzlich wie elektrisirt auf. nahm Schrader beim Kragen und schrie: O Du Haderlump, da schau' her! Wia kimmt denn mei' alte Porz'lanpfeifn auf das Bild die hab' i' ja scho' vorige Wochen z'sammg'schlagen g'habt! So, Herr, jetz' fanga mir mit dö zehn Lita an, zahl'n thuat dös Mal da Photograph, und wer der Dumme is von uns Zwoa, dös brauch' i' nöt z'sagn!"
Neminiöcenzet?. Ich habe geliebt, geküßt und gelacht, Geglüht wie ein Südseekrater. Doch nun ist es aus, nun bin ich erwacht Und hab' einen furchtbaren Kater. Mein Herz ist so leer und thut mir so weh. Ich bin gekränkt und verdrossen, D'rum hab' ich auch heute anstatt Kaffee Sechs Cognacs zum Frühstück genossen. Was ein Häkchen werden will. Ja, schon im kindlichen Spiele kann man erkennen, was später einer werden wird," sagte im Laufe des Gesprächs Herr Streng zu seinem College, dem Kritikus Haarscharf. Wieso?" war die Antwort. Mein Spielkamerad und wir anderen spielten oft Dieb und Richter. Er wollte immer der Dieb sein. Ich war ein gerechter Richter und verurtheilte den armen Schelm wegen eines ZündHolzchendiebstahls zum Feuertode. Das muß man ihm lassen, seine Sache machte er vorzüglich; er bat, bettelte und betheuerte seine Unschuld, daß alle kleinen Geschworenen davon überzeugt wurden und ich mußte ihn freisprechen. Der geriebenste Hochstapler kann nicht besser heucheln, als er schon damals es fertig brachte. Er wurde groß, kam aus der Schule, sein Vater wurde versetzt und lange hörte ich nichts mehr von ihm. Da tauchte er plötzlich wieder in der Residenz auf. Man sah ihn im Verkehr mit verdächtigen Subjekten, er suchte sie sogar auf; aber kein einziger kam zu ihm in's Haus, das wäre zu gefährlich und bei manchem fast unmöglich gewesen." Was ist denn aus ihm geworden?" Na, laß mich doch zuerst ausreden. Kurz, die Polizei und der GerichtsHof mischten sich ein wenig in die Sachen, er bekam einen " großen Proceß, sein Name stand in allen Käse- und Weltblättern und jetzt ist er ein gesuchter Advokat.DaS hölzerne Huhn. Sabazki, der berühmte Tenor, war am Gräflich Skarbeckschen Theater in Lemberg engagirt. Es wurde Johann von Paris" gegeben. In der Tafelscene hatte Sabazki ein gebratenes Huhn zu zerlegen und zu verspeisen und entledigte sich dieser Aufgabe mit der ganzen Verve seines jugendlichen Appetites. Anfangs fügte sich der geizige Graf Skarbeck in das Unvermeidliche, als aber die Oper großen Anklang fand und zahlreiche Wiederholungen in Aussicht standen, kam eines Abends statt des angenehm duftenden Bratens das sonst übliche Huhn aus Pappe auf die Tafel. Sabazki blieb jedoch ' im Charakter seiner Rolle und zerlegte das arme Huhn aus Pappe so geschickt, daß dasselbe nie wieder mitwirken konnte. Der Graf war jedoch erfinderisch und ließ nun ein Huhn aus Holz anfertigen. Das erste Mal scheiterte Sabazki. Es war unmöglich, dem massiven Holzklumpen mit Gabel und Messer beizukommen. Das' nächste Mal hatte sich der listige und lustige Tenorist eine Säge in der Nähe der Tafel bereit gestellt und tranchirte das hölzerne Huhn mit dieser, unter lautem Jubel des Publikums, das den Krieg zwischen Director und Sänger mit heiterer Theilnahme verfolgt hatte. Graf Skarbeck selbst konnte nicht' ernsthaft bleiben-. Lachend erklärte er sich für besiegt, und fortan wurde wieder ein reelles Brathuhn aufgetragen. Sein Erkennungszeichen. Intimus (zu einem wegen seiner Schneidigkeit' bekannten Chirurgen): Hast Du jenen Herrn nicht auch schon einmal operlrt?" Chirurg: Ich glaube nicht, dazu sieht mir der Mann zu ganz aus."
Vas Chrysanthemum ?eft in Akasaka. Von Kommurasaki (Tokyo). Was bedeuten diese krausen Zeichen?" fragte ich meinen Dolmetsche? Iamamoto, ihm die Einladungskarte zum Kikufest entgegenhaltend. Ein fingerbreiter Kranz aus zierlich verschlungenen Chrysanthemumblüthen und den dreitheiligen, schön geformten Blättern des Kiribaumes (Paulownia Jmperialis) umrahmte das große weiße Blatt, dessen Mitte mit den mir immer noch unverständlichenKatakanaund Hirakanazeichen und schönen chinesischcn Jdeographen bedruckt war. Iamamoto nahm die Karte mit einer tiefen Verbeugung in Empfang und las die von oben nach unten und von rechts nach links geschriebenen Zeilen mit gedämpfter und ehrfurchtsvoller Stimme vor. Sie lauteten: Der Minister des kaiserlichen Hauses hat von Ihrer Majestät der Kaiserin den Befehl empfangen, Herrn zum Gartenfest der ChrysanthemumSchau einzuladen, das in den Gärten des kronprinzlichen Palastes in Akasaka am 16. November um 2 Uhr Nachmittags stattfindet. Anzug: Civil, Gehrock undCylinder. Officiere, Uniform. Damen: Besuchstoilette oder Japanische Hostracht. Diejenigen, die von Amtswegen oder Kr?n!heit halber dem Feste nicht beiwohnen können, werden gebeten, den Herrn Cercmonienmeister des kaiserlichen Hauses davon in Kenntniß zu setzen." Und was bedeutet das hier?" fragte ich weiter, eine zweite, rosenrothe, schwärzbedruckte Karte aus dem mit ein:m großen, weißen Chrysanthemum geschmückten Briefumschlag ziehend. Das ist das Billet." antwortete Jamamoto. Es enthält Folgendes: 1) Eingang durch das Hauptthor d:s kaiserlichen Palastes in Akasaka. 2) Man fülle Namen, Stand und Rang aus und händige das Billet dem diensthabenden Beamten ein. 3) Sollte es am 16. d. regnen, so wird das Fest auf den 17. d. verschoben. Sollte es auch an diesem Tage regnen, so wird das Fest überhaupt nicht stattfinden. 4) Sollte es an beiden Tagen regnen und das Fest infolgedessen überhaupt nicht stattfinden, so steht dem Inhaber des Billets der Eintritt in den kaiserlichen Garten am 18. d. von 9 4 Uhr frei; falls es regnet, am 19. d. Falls es am 18. und 19. regnet, so gilt dasselbe für den 21. d. von 9 4 Uhr, und sollte es auch an diesem Tage regnen. ebenfalls für den 22. d. von 9 4 Uhr." Mit abermaliger tiefer Verbeugung gab mir Iamamoto die rosenfarbene Karte zurück. Ihr Kutscher weiß Bescheid," sagte er liebenswürdig lächelnd, er war früher beim Marquis Saigo, dem Marineminister, imDienst und kennt die Wege zu den kaiserlichen Schlössern." Die Luft war kühl, und das Thermometer mochte nicht mehr als 10 Gr. Reaumur zeigen, aber die Sonne leuchtete und wärmte wie bei uns in den ersten heißen Frühlingstagen, als unser Wagen die breite, zu beiden Seiten von grünen Lorbeerhecken eingefaßte Straße entlang rollte, die durch das Stadtviertel von Akasaka nach dem kronprinzlichen Palaste führt. Viele Wagen, aber auch einzelne von Kulis gezogene Rickshas (Kurumas heißen sie in Japan) begegneten uns. Als wir uns dem weitgeöffneten Thore näherten, sprang der Diener vom Bock und lief dem Wagen voraus. Lakaien in kaiserlicher Livree halfen uns aussteigen und die Mäntel ablegen, die wit im Wagen lassen mußten. Dann schritten wir durch ein zweites hohes, mit schweren Eisenbeschlägen versehenes Holzthor in den eigentlichen Garten. Wir gingen wohl zwanzig Minuten lang durch die schönsten, parkähnlichen Gartenanlagen, die ich je gesehen habe. Das Laub prangte in herrlichem Grün und Goldgelb, dazwischen leuchtete das brennende Herbstroth der Ahornbäume und spiegelte sich gedämpfter in stillen Weihern. Die mit weißen und rothen Blüthen besäten Sträucher der wilden Kamelie bildeten ganzeHecken, zwischen denen man hindurchschritt, und das Terrain stieg bald hügelig an, bald senkte es sich terrassenförmig nieder. In 'Entfernungen von jeweils etwa 50 Schritten standen kaiserliche Diener in geschmackvoller Hof - Livree nach europäischer Art: Kniestrümpfe, rothseidene Weste, schwarzer, goldgestickter Rock. Mit tiefer Verbeugung wiesen sie uns den Weg. Aus der F?rne erklang gedämpfte Musik. Die bekannten Klänge des Einzugsmarsches aus dem TannHäuser haben auch nach dem äußersten Osten den Weg gefunden. Endlich nach einer letzten Biegung lag der Festplatz vor uns. Zwischen großen Chrysanthemum - Beeten bewegte sich die vornehmste Gesellschaft von Tokio. Der Minister des kaiserlichen Hauses, Vicomte Tanaka, begrüßte jeden Gast in verbindlichster Weise. Man fand Bekannte und wanderte die Zelte entlang, in denen die kaiserlichen Chrysanthemen standen, so seltsam und unendlich mannigfaltig in Form und Farbe, wie es sich die Phantasie eines Europäers kaum vorstellen kann: die Zeltwände bestanden aus rother und weißer Seide, den Farben Japans, und die Draperien wurden von tiefvioletten fingerdicken Seidenschnüren gehalten. , An den Zelten vorbei ging es langsam weiter einen Wiesenpfad enllanK zu einem zweiten größeren Platz, an dessen Ende das Kaiserzelt aufgeschlagen war. Auch hier begrüßte man sich, plauderte, lachte, medisirte und kritisirte taut comnie ch nous! Zwischen den meist Hochgewachsenen Damen der Diplomatie trippelten eine ganze Anzahl zierlicher kleiner Japa
nennnen umher; leider trug keine Einzige die doch in der Einladung ausdrücklich gestattete japanische Hoftracht. Plötzlich ertönten die langsamen, tief melancholischen Molltöne der japanischen Nationalhymne. Drei Lakaien schritten gravitätisch den Kiesweg entlang, ihnen folgte der Minister des kaiserlichen Hauses, und in einiger Entfernung kam anmuthigen Ganges eine zarte, schmächtige Gestalt in kostbarer, golddurchwirkter mattrosa Brokatrobe mit wundervollen Spitzen an Hals und Saum und einem rosa Capothütchen mit Reiherfedern. Eine Diamantagraffe strahlte in dem schwarzen vollen Haar. Das war die Kaiserin von Japan! Hinter ihr schritten die Prinzessinnen des kaiserlichen Hauses sowie die Hofdamen, Alle, wie die Kaiserin, europäisch gekleidet, in geschlossenen Toiketten auö den herrlichsten, schwersten Seidenstoffen, in Halbtönen und Farbenzusammenstellungen, wie sie eben nur dieses feinsinnigste aller orientali schen Völker hervorzubringen im Stande ist. Die Gesichter der Prinzessinnen und' Hofdamen erschienen merkwürdig farblos, für den Eingeweihten kein Wunder, da es auch hier Sitte ist, daß die feine Welt wie die Halbwelt die frischen Farben des Antlitzes unter einer dicken Schicht weißen Puders verbirgt. Unter dem Gefolge bemerkte man den Prinzen Arisugawa in kleidsamer Admiralsuniform, mit seiner schönen, schlanken Frau. Er ist der Erste und Angesehenste der kaiserlichen Prinzen und weilte noch zu Lebzeiten Kaiser Wilhelms des Ersten längere Zeit mit seiner Gemahlin am Hose zu Berlin. Der alte Kaiser interessirte sich damals lebhaft für die ganz junge bildschöne Prinzessin aus dem Lande der aufgehenden Sonne. Die Eingeladenen schlössen sich dem Zuge an, und in dem Mittelraum des Kaiserzeltes, der zu beiden Seiten mit einer violetten Seidenschnur abgesperrt war, nahm die Kaiserin stehend die Cour ab. Zu ihrer Linken hielten sich in gerader Reihe die .sechs Prinzessinnen, hinter ihnen die Hofdamen, von denen bald die Eine als englische, bald die Andere als französische Dolmetscherin an die Seite der Kaiserin trat, die nur japanisch spricht. Der Kaiser, der sonst beim Chrysanthemum- und Kirschblüthenfest, die hier die Stelle der Hofbälle vertreten (ein Ball ist etwas so Unjapanisches, daß ihn der Hof unmöglich geben kann) stets zugegen ist, befand sich in Osaka beim Manöver. Die Sicherheit, Grazie und Würde, mit der die japanische Kaiserin Cercle hielt, die bis zu ihrem zwanzigsten Jahre nicht der leiseste Hauch europäischer Cultur berührt hatte, das liebenswürdige Lächeln, mit dem sie Jedem, der ihr vorgestellt wurde, die Hand reichte, die klugen schwarzen Augen, die jedem Neuangekommenen so fragend, so ernst und dabei so gütig entgegenblickten, gaben der ganzen Scene einen besonderen Charme, der kalten höfischen Ceremonien sonst in der Regel nicht innewohnt. Kaiserin O - Haru - ko (O bedeutet erhaben, Haru heißt der Frühling, ko bezeichnet das Geschlecht) ist achtundvierzig Jahre alt, sieht aber viel jünger aus; sie ist kinderlos. Der Kaiser hat von sechs verschiedenen Nebenfrauen, die zugleich Hofdamen der Kaiserin sind, fünfzehn Kinder, die offiziell zu Prinzen und Prinzessinnen erklärt sind. Der Kronprinz, Joshi Hito (Hito, sprich Shto. ist die männliche Geschlechtsbezeichnung), 1879 geboren, ist sehr zarter Constitution, doch hofft man, daß der deutsche Hofarzt, Professor Dr. Baeltz, dem Japan seine ganze neuere medicinische Wissenschaft zu verdanken hat, unter dessen besonderer Obhut der Kronprinz steht und der ihn fast täglich besucht, ihn soweit kräftigen werde, daß er dermaleinst den Thron besteigen kann. Sollte sich diese Voraussicht nicht bestätigen, so würde der oben erwähnte Prinz Arisugawa dem jetzigen Kaiser (Mikado sagt in Japan kein Mensch) in der Regierung nachfolgen. Außer dem Kronprinzen sind nur noch fünf Töchter des Kaisers am Leben, im Alter von einem bis elf Jahren, und zwar alle Kinder derselben Mutter, Madame Sono Foschi-ko, die sich seit dem Jahre 1887, mit nur kurzen Unterbrechungen, ausschließlich der Gunst des Kaisers erfreut. Sie ist zugleich die erste Hofdame der Kaiserin und ein zartes, anmuthiges Geschöpf mit wundervollen schwarzen Auden, deren Schnitt an die alten Egypterinnen erinnert. Als die Cour beendet war, fiel die violette Seidenschnur, welche das Kaiserzelt absperrte, und die Lakaien reichten kalte Speisen der vorzüglichsten Art auf feinstem japanischem Porzellan und schweren Silberschüsseln herum, während der Champagner in geschliffenen Krystall-Schalen schäumte. Die Kaiserin speiste an einer besonderen Tafel. Bald darauf entfernte sich der Hof, und das eigenartige Fest, zu dem der Eintritt nur Wenigen vergönnt ist, war vorüber. Die ChrysanthemumAusstellung war allerdings Nebensache dabei und doch sehr sehenswerth: eine einzige Riesenpflanze, die einen Durchmesser von mehreren Metern hatte, trug 1023 große, kupferfarbene Blüthen. Am nächsten Tage fuhr ich um drei Uhr nach dem kaiserlichen Palaste, um wie üblich den Hofdamen der Kaiserin für das Fest zu danken. Der kaiserliche Palast liegt, von einer hohen, steilen Cyclopenmauer und breiten, tiefeingeschnittenen Wassergräben umgeben, inmitten der Stadt Tokio. Auf den Böschungen dieser Gräben hat sich eine unserem Auge ungewohnte üppige Grasvegetation entwickelt, belebt durch die bizarr gekrümmten Formen der japanischen Kiefer, die den Japanern als heilig und glückbringend gilt. Ihre Zweige hängen oft tie über
den Wässerspiegel herab, der im Herbst von zahllosen kleinen Wildenten belebt wird. Die Festungsthore liegen in besonderen bastionartigen Bauten, Mon" genannt, mit schweren, hochragenden Dachaufsätzen, deren Firste mit einem Fisch verziert sind, der den Schwanz gen Himmel streckt. Die hohen Flügelthore, die aus Holz von gewaltiger Dicke gefertigt und mit unglaublich schweren Eisenbeschlägen versehen sind, erinnern mit den anschließenden Wallmauern, Brücken und Wassergräben deutlich an den kriegerischen Zweck, dem sie zur Zeit der Shogune, vor dem Jahre 1863, dienten. Die kaiserliche Hosburg bildete thatsächlich den Mittelpunkt der ganzen Festung, und durch doppelte, mit weit leuchtenden weißen Wachtthürmen besetzte Umwallungen hält sich der Kaiser noch heute don seinem Volke getrennt. An der engen Längsseite des Haupteinganges befindet sich ein weiter, mit ausgedehnten Rasenflächen und Kiefergcbüschen bewachsener Platz, der nicht bebaut werden darf. Am äußersten Thore mußte ein Holztäfelchen mit einem unverständlichen Zeichen, das mir vom Hausminister Tags vorher zugeschickt worden war, als Legitimation vorgezeigt werden. Dann rollte der Wagen über den breiten Kiesweg, an einem herrlichen Springbrunnen und schattigen Baumgruppen vorbei, und hielt vor dem breiten Portale des Kaiserpalastes. Der Palast ist in der Art aller japanischen Häuser erbaut, allerdings in außergewöhnlichen Dimensionen. Das eigentliche, einstöckige Gebäude, das ganz aus Holz aufgeführt ist, ruht erhöht auf starken viereckigen Holzsäulen, das sehr hoheDach. an dessen First entlang sich zwei schuppige Drachen Winden, springt weit hervor. Das Holz ist weder polirt noch gefirnißt, sondern hat den grauen Schieferton angenommen, den es dem Einfluß von Sonne, Luft und Feuchtigkeit verdankt. Perfische Teppiche bedecken die breiten Holzstufen der überdachten Vorfahrt, und die weite Halle ist mit wunderbaren Holzschnitzereien geschmückt; Spiegelrahmen, Kamine, lederbezogene Sofas und eine Riesenuhr sind ganz im europäischen Stil. Ein Lakai geht mit unseren Karten einen breitenGang voran. Die Wände sind mit einer lichten, großgemusterten, matten, farbigen Tapete aus Seidenstoff bedeckt; die Decke, die Thürpfosten und die Rahmen der niedrigen, sehr breiten Milchglasfenster, die auf der linken Seite in langer Reihe angebracht sind, bestehen aus naturfarbenem, geglättetem Cedernholz. Die mindestens drei Meter hohen und vier Meter breiten Schiebethüren auf der rechten Seite des Ganges sind aus schwarzem Lack gearbeitet und mit Gold, Silber und Perlmuttereinlagen in den wunderbarsten Formen und Farben verziert. Der Boden ist mit Tatami", den japanischen, zehn Centimeter dicken elastischen Reisstrohmatten bedeckt, darüber liegt wahrscheinlich nur an den heutigen Empfangstagen der Hofdamen, die am ersten und dritten Donnerstag jeden Monats stattfinden, ein Smyrnaläufer. Die Lebensweise des Hofes ist noch dieselbe wie vor hundert Jahren. Nur für die Beziehungen mit fremden Mächten sind europäische Gebräuche eingeführt. Wohl sieben Minuten lang gehen wir den durch die matten Scheiben nur gedämpft erhellten Gang entlang, an den geschlossenen geheimnißvollen Prachtthürmen vorbei, bald rechts, bald links umbiegend. Da, neben einer Thüre, steht ein Tisch, der mit einem bis zur Erde reichenden Stück goldgestickten Seidenbrokats bedeckt ist. Darauf ist eine silberne Schale gestellt. Der Lakai wirft die Visitenkarten hinein und schiebt die Thüre zur Seite. Aus dem hohen, etwas düsteren Raum schwebt mir ein anmuthiges Figürchen in hellem, hohem Brokatkleide entgegen und reicht mir lächelnd die schmalen Handchen. Saknjits' arrigato 0zairnas!" (Meinen unterthänigsten Dank für gestern erhabener Weife!") flüstere ich in meinem besten Japanisch. Oh," liow well von talk Japa nese!" erwidert die kleine Brokatdame in tadellosem Englisch. C'est rnerveilleux!" ertönte ein zweites Stimmchen neben mir, in ebenso gutem Französisch, und nun sehe ich erst, daß fünf kleine japanesische Damen, leider alle in europäischer Tracht, um mich versammelt sind. Die Eine bietet mir einen der neben dem Kamin stehenden kirschrothen Seidensessel an, eine zweite bringt ein Lacktischchen, eine dritte in durchsichtig feiner Porzellantasse duftenden Thee, die vierte reicht in silberner Schale Confekt. Hinter dem Theetisch in der Ecke stehen in tadellos korrekter Haltung vier japanische Kammerherrn in Vttad und weißer Linde. Leider, leider! Alles echt Japanische ist in Gegenwart von Europäern mit europäischem Firniß überzogen. : Die Lackthür: schiebt sich abermals geräuschlos zur Seite, und die Baronin Sannomiya, die Gemahlin des Oberceremonienmeisters, rauscht herein. Sie ist englischer Abstammung, und ihre hohe stattliche Figur, ihr blondes Wellenhaar und ihre hellen Augen stechen seltsam ab gegen die zierlichen, schmalen Gestalten, die dunklen, hochfrisirten, glatten Köpfchen, die schwarzen, udelförmigen, etwas schiefgestellici, Augen und hie sichelförmigen Brauen der kleinen Hofdamen. Das Gespräch dreht sich auch hier wie überall um das schöne Wetter, gestern beim Kikufest"., Ich bin ganz entzückt und begeistert von der Anmuth und Grazie Ihrer Majestät der Kaiserin," versicherte ich den japanischen Damen. Beim Klänge dieses Namens machen Alle höchst feierliche Gesichter, und sowohl die Baronin Sannomiya als auch sämmtliche klei
nen Brokatdamen und die Kammerherren verbeugen sich bis zur Erde. Ihre erhabene Majestät die Kaiserin war in der That gestern wie immer äußerst gnädig und huldvoll", erwidert die Baronin förmlich, und abermals verneigen sich Alle bis zur Erde. Das war keine europäische Verbeugung: das war der äußerste Orient, der durch den Schleier angenommener europäischer Sitte hindurchschimmerte. Dieser Schleier ist undurchdringlich für den Europäer; nur Wenigen ist es bis jetzt vergönnt gewesen, ihn ein klein wenig zu lüften. Aber ich hoffe, doch noch eines Tages die Schwelle der geheimnißvollen Lackthüren zu überschreiten, die in das Innere des KaiserPalastes führen, und nicht nur die äußeren Sitten und Gebräuche zu verstehen, sondern auch einen Blick in das kokoro", das tiefinncrste Herz dieses merkwürdigen Volkes, zu thun.
Das geräuschlose Vstastcr. (Münchener Gerichtsfcene). Der Steinmetzmeister Georg hatte einen Strafbefehl zu 10 M. erhalten, weil er am Sonntag Vormittag geraume Zeit hindurch geräuschvolle Verladungsarbeiten vor seinem Hause auf öffentlicher Straße verrichten ließ. Er hatte Einspruch hiergegen eingelegt und wollte Freisprechung damit erzielen mit der Begründung, daß ein durch ihn verursachtes Geräusch nichts anderes wäre, als das, was sich in der Münchenerstadt Jedermann gestatte. Richter: Geben Sie zu, daß Sie an dem kritischen Tage eine Steinladung auflegen ließen und daß hiedurch die Sonntagsruhe erheblich gestör: worden ist? Angelk.:, Die Stoaner san verladen wor'n, aber von besonderer Ruhestörung is mir nix bekannt. Die Stoaner ham weiter müass'n und da kann i doch meine Arbeiter net dazua anhalsn, daß' a g'sungene Litanei bei der Arbeit beten? Richter: Sie wissen aber, daß ohne besondere Erlaubniß solche Arbeiten nicht verrichtet werden dürfen, außerdem weiß jedes Kind, daß der Sonntag geheiligt ist und jeder Lärm vermieden werden muß. Angekl.: Dös is' richtig, i sollt mir z'erst a Erlaubniß verschafft haben. Wia's aber bei uns in München is', dös kennt doch a jeder Hiesiger. Wo kriag'n denn zum Beispiel die andern Ruhestörer ihre Erlaubniß her. I bin um Sechse no' im Bett, da kemma d' Metzger- und d' Gartnerwagl ang'ruckt, die holpern durch die Straßen, daß oan's Bett wackelt. Nacher kimmt die Elektrische, die rollt wia a Güterzug und g'schellt wird dazua z'wegen jeden Hund, der über d' Straßen läuft. Nacher san d' Radler da nach die Hundert und da hörst nur alleweil: All Heil! Wia viel Kilometer bürsteln mer heut runter? und dergleichen. Dann kemma acht bis zehn Weiber, wo a Jede in an andern Ton schreit: Aeäääpfl! zwoa Pfund fünf a zwanzia Pfenning. Is' a wengl d' Sonn heraus, na' rucken die Ausflügler z' Fuaß an und von amJeden vernimmst, ob er nach Planegg, Greanwald oder Pasing geht. Z'letzt kemma die Bierwagen und wer'n d' Banzen runterg'feuert und einadraht. Dazua wird Neambt a b'sondere Erlaubniß brauchen, weil dös unter die Fäll Nah-rungs-und Genußmittel g'hört. Apriko! was i sagen will:' Sperren Sie da Heromet an die Sonntag zua und lassen .d' Arbeit liegen oder thuans was am heiligenSonntag Vormittag, wo a jeder Mensch in seine Kirch geh'n soll? Natürlich sperren Sie zua, sonst wären Sie ja seioer in der Straf. Richter: Vergnügungen und stille Verrichtungen werden selbstverständlich nicht beanstandet, jedoch schwere Ärbeiten, die mit Lärm verbunden sind, müssen vermieden werden, was Sie doch selbst einsehen müssen. Angekl.: Freilich seh i dös ein. Wenn also Dantx am Sonntag Vormittag a fufzg Kilometer runtertritt und kimmt so naß wie a Pudl und voll Staub und Dreck in d' Stadt eina. der hat sein Sonntag g'heiligt. A And-erer geht zum Frühschoppen und trinkt bis Nachts weiter und singt am Hoamwcg: Wenn die Schwalben wieder kommen, die werden schauend dös is a christlicher Mensch, der klopft auf d' Brust und sagt: Thue nie was und scheue recht. Richter: Wir kommen auf diese Weise nie zu Ende. Wollen Sie ihren Einspruch , zurückziehen? Vorerst sind die Kosten noch unbedeutend, die Verhandlungsgebühren können Sie ersparen, denn verurtheilt werden sie aus alle Fälle. Angekl.: Noch a Wori, HerrStaatsanwalt! Wenn wir zum Beispiel jetzt a geräuschloses Pflaster ham, damit dös Nerviöfe unter die Leut net so überHand nimmt, warum müassen dann net alle Wagenräder ihren ordentlichen Gummiroafn haben? Wenn am heiligen Sonntag koa G'räusch vorkemma därf. warum läßt mer denn in die Wirthshäuser musiziren und singa, raufen, streiten und d' Leut dersiecha. Säh! Frühender in der Münchnerstadt da san die Alten und die jungen Buam gar nie z'sammkemm. heut kannst von an Lehrbuan im Wirthshaus deine Schmirgel kriagn', weil a Jeder sein' Todtschläger und a grifffestes Messer dabei hat, damit er sich helfen kann, wenn's eahm an d' Ohrwatschl hing'langen. Richter: Also bleiben wir bei 6er Sache. Sie wollen nun den Sonntag nicht entheiligt haben und verlange ein Urtheil in dieser Angelegenheit. Angekl.: I verlang a Straf von zwoa drei Markl, indem daß dös genug is', wenn meine Leut mit die erlaubtenLärmmacher mitg'lärmt haben, : die Kosten kann der Staat tragen, weil
der a so fast alle Kosten macht unv wenn dös net a so geht, wia i moan, dann kriagn S' von mir alle Tag itfyx Anzeigen und am Sonntag a Dutzend, weil i in meiner Ruah alle Minuten g'stört werden thua an geräuschlose Pflaster und der Leistreterei von verschiedene Leut. Der Einspruch des Beklagten wurde kostenfällig verworfen. Als der Manu kopfschüttelnd den Saal verließ, schrie der Gerichtsbote im Gange mit Sten--tor - Stimme: Der nächste Fall. Hu--ber. Maier und Müller mit fünfzehn Zeugen. Sind Alle da? Herr ?). hielt sich beide Ohren zu und sagte Wohlwollend zum Gerichtsdiener: Sie mit Eahnern Stimmstock, san's froh, daf net Aepfel verkaufen dürfen auf der Straßen, Sie verdeanaten net so viel Geld, daß d' Hälft' von dene Ruhestörungen zahlen könnten. San vielleickt die Herrschaften von dem andern Fall aus'n Taubstumemninstitut, nacher bitt' Z um Entschuldigung. Ueberhaupts kunnten Sie am jüngsten Tag an Ausrufer machen bei'm Abz'ähl'n. Dös Wissen's ja, daß Heuer d' Welt a so untergeht. Grüaß Gott Herr Nachbar, eigentlich wären Sie gleich der erste Anzeigfall für mich i muaß mir die G'schicht no' a wengl überschlagen.
Eine Ticbcögcmetttdc. Ende des 18. Jahrhunderts existirte in der Nähe von Parma eine Ortschaft Namens Retegno, deren EinwohNer-" schaft durchweg aus Dieben und Hehlern bestand. Der Graf Joseph v. Gorani schilderte vor hundert Jahren diese Spitzbubengemeinde wie folgt: Drei Meilen von Codogno unv sechs Meilen von Piacenza liegt der berüchtigte Flecken Retegno, dessen Bewohner sich auf keine Weise mit ehrlichen Gewerben, sondern ausschließlich mit Spitzbübereien befassen. Ihr Thun und Treiben wird durch den Umstand begünstigt, daß die Ortschaft sowohl zur mailändischen, wie zur parmesanischen Gerichtsbarkeit gehört. Ich hielt mich einige Tage auf einem benachbarten Landgute auf, von wo ich mich mehrmals des Tages nach Retegno begab. Dieser Flecken zählt ungefähr 800 Einwohner, de sich in zwei Klassen theilen. Die größere Hälste beschäftigt sich mit dem Diebeshandwerk, die andere mit der Hehlerei, die in großem Stil betrieben wird. Da giebt es wohleingerichtete Handlungshäuser durch deren Vermittelung die gestohlenen Güter auf auswärtigen Märkten verkauft werden. Bekanntlich pflegen sich Spitzbuben gegenseitig nicht zu fce stehlen, deshalb besuchen die Diebe don? Retegno regelmäßig Mailand, Turin, Venedig, Genua, Neapel, Rom und, andere reiche Städte; was sie dort er--beuten, liefern sie in ihre Hauptniederlagen ab,deren Erträgnisse von Zeit zu Zeit nach bestimmten Regeln gewissenhaft unter sämmtliche Familien ver-. theilt werden. Die Diebesgesellschaft hat sogar in Retegno Schulen errichtet, wo der Diebstahl nach allen Regeln gelehrt wird. Die abgefeimtesten Gauner fungiren als Professoren" und erhalten als solche aus den öffentlichen FondZ ein ansehnliches Gehalt. Sobald die Kinder, Knaben sowohl wie Mädchen, acht Iabre alt sind, läßt man sie an. diesem schändlichen Unterricht theilneh---men, mit zwölf Jahren sind sie so weit: vorgeschritten, daß sie mit den älteren i Genossen Beutezüge unternehmen konnen. Auf Mordthaten und Straßen--räubereien lassen sich die Retegnoser indessen nicht ein. Sie arbeiten nicht mit dem Brecheisen, sondern mit Die--trichen.und wissen sich auf die gewand--teste Art in die wohlverwahrtesten Häuser einzuschleichen. Das Seltsam--ste dabei ist, daß diese Dicbesgcmeindeihr gefährliches Handwerk unbehelligt: und mit den mailändischen und parme--sanischen Hauptstädten sogar in Ver--kehr steht. Sie haben ihre Obrigkeit, ihre Polizei und auch ihren öffentlichen Schatz, welcher dazu dient, den Richtern und Sbirrenhauptleuten von Pio cenza, Codogno und anderen Ort--schaften Geschenke zu machen oder wohl gar ein bestimmtes Gehalt zrc zahlen. In der Hauptsache aber haben sie den Oberrichtern zu Mailand und den Ministern der beiden benachbarten Staaten einen beträchtlichen Tribut, zu entrichten, weil es in der Macht die. ser hohen Beamten liegt, vem WZ umstand von Retegno ein , Ende setzen z können. Einst hatte sich die Diebesbande ire Mailand durch viele Diebstähle besonders ausgezeichnet, es waren so viele Klagen darüber laut geworden, tafc. man wirklich daran dachte, dem Un--fug ein Ende zu machen. Der Polizei lieutenant wurde gezwungen, sein Amti zu verrichten, es wurden viele Diebe eingefangen und verhaftet. Dies gab den bestürzen Retegnosern Veranlas. sung, einen tiefen Griff in ihren öffentlichen Schatz zu thun. Sie nahmen 20.000 Zechinen (ca. 543.000) und vertheilten sie unter die Beamten des Gouvernements und der Polizei zu Mailand. Und was geschah? Die Prozesse wurden niedergeschlagen, und die Verhafteten auf freien Fuß gesetzt. Die Mailänder machten sich darüber lustig in einer Fluth von Spottversen und Schmähschriften; man nannte öffentlich die Bestechungssumme, welchz die höchsten Beamten von den Gaunern empfangen hatten. Auf solche Weise war es also geschehen, daß die Diebesgemeinde zu Re tegno jahrelang ungestört ihr Wesen treiben und straflos einen großen Theil Italiens ausplündern konnte. Die bald darauf eintretenden poNtischen Umwälzungen machten den Retegnosern aber einen gewaltigen Strich durch die Rechnung, und die Folg? war, daß sie ihre Spitzbübereien für immer einstellen mußten.
