Indiana Tribüne, Volume 22, Number 207, Indianapolis, Marion County, 16 April 1899 — Page 7
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Iie Mode in Italien. Man spricht so viel von der Pariser Mode, daß wir zur Abwechselung ein.mal auch von der römischen sprechen möchten. Jift es ja jarnich!" würde der Verkiner mit der ihm eigenen Art sagen, sämmtliche Nägel auf den Kopf zu treffen. Und mit der, den Journalisten eigenen Wahrheitsliebe, müssen wir ihm darauf erwidern: Dat stimmt." Und zwar aus einer so unlogischen Logik der Thatsachen heraus, daß es sich wir!lich verlohnt, einmal näher dalauf einzugehen. Wie weibiglich bekannt, giebt es Patirer, Berliner, Wiener und Londoner Moden, Capricen einer einzigen Götiin, die im Paradies der Frauen" herrscht, wie Dumas einmal die franzoslsche Hauptstadt genannt hat. Ueber all' diesen Capricen schwebt die einzige große Pariser Laune und . Berlin, Wien und London modifiziren sie nur nach ihrem Geschmack und ihrer Stimmung, vielleicht auch aus der Laune der Frauen heraus, anderen Launen die ihrige entgegenzusetzen. Aber dies mich nur in beschränktem Maßstabe ausnahmsweise. Denn sonst ! Aber da es f,ch hier um die Kunst zu gefallen handelt und dafür die Frauen aller Länder, Zeiten und Zonen von zeher ein instinktives Verständniß gehabt haben, so waren sie so ziemlich daluber einer Ansicht. Denn die Berlinerinnen und Wienerinnen oder richtiger ausgedrückt die Deutschen und die Oesterreicherinnen streben im großenGanzen danach, für Pariserinnen gehalten zu werden (im Aeußeren wenigstens), was man ihnen um so weniger zum Aorwurs inachen kann, als diese typisch geworden sind für den Ausdruck des Chics, oder smarts, wie die letznnoderne Bezeichnung lautet, für den Inbegriff dessen, was schon wirkt und begehrenswerth scheint, ohne es vielleicht zu sein. Die Eleganz in derEinfachheit, die harmonische Einheit des Ganzen trotz einer anscheinenden Dissonanz im Einzelnen, die Gabe mit einem chiffonirten Band, einer Schleife, einer Blume emenEindruck zu unterstreichen, zu heben oder zu verwischen, das sind angeborene Gaben drr Französin, die die Deutschen oft und mit bestem Erfolg zu imitiren versuchen. Manchmal übertrifft die originelle Kopie das zuweilen schablonenhaft: Original. Das fast möchten wir sagen neutrale Aeußere der Französin, die nicht zu groß und nicht zu klein, nicht zu braun und nicht zu blond ist, prädestinirt sie, die richtige Trägerin der Zode zu sein, die sich dann der konsistenteren deutschen Figur ebenso anpassen läßt wie der hyperschlanken englischen. Das etwas maskuline Genre der Misses, das sich vor undenklichen Zeiten die m'ännlich wirkende englische" Toilette geschaffen, hat in dieser Schöpfung ein Kleidungsstück ins Leben gerufen, das sich in Rußland wie in Frankreich, in Deutschland wie in Oesterreich über all die wechselnden Neigungen der wechselnden Mode hinweg, eine dauernde und durch nichts zu erschütternde Stellung errungen hat. Nur in Italien nicht. Ebensowenig diese Mode wie die anderen. Und der Grund dieser seltsamen Erscheinung? Zu allererst mag er in der persönlichen Erscheinung der Italienerin zu finden sein, die sich nicht parisianiren" läßt wie der österreichische, noch etwa ins Solide übertragen, wie der deutsche Typus. Man denke sich die Italienerin mit ihrem warmen sonnengebräuntem Teint, den funkelnden strahlen Augen und dem rothen Mund, in der Polonaife aus dunkelblauem Sammet der Madame Dubarry, oder in den weißen TuniquenMadame Talliens! Oder auf den vollen Schultern die langen Mäntel mit den drei Krügelchen tragend, wie sie der Niederländer Van derMeulen, den Damen Montespan und La Balliere auf die zierlichen Figürchen gemalt! Kann man sich die stolze RLmerin, die schmachtende Venetianerin oder die lässige Neapolitanerin im englischen Taylor - Kostüme denken, oder mit Straußfedern und Aigretten auf den Sammet - Toques, wie sie zu Marie Antoniettens Zeiten Sitte gewesen, und die eine solch fabelhaste Höhe erreichten, daß die Damen sich bücken mußten, um durch die Thüren des Schlosses zu Versailles hindurchschreiten zu können! Alle diese Moden der Vergangenheit, mit ihren Thorheiten und all ihrem vom Augenblick erzeugten und dem Augenblick geweihten Caprizen, sie stimmen ebenso wenig zu dem Kinde des Südens wie das Tambourin und die Spitzen - Mantilla zu der kalten, keuschenSchönheit der Nordlandstöchter. Das haben die Italienerinnen von jeher verstanden und wie sie ihr schwarzes Haar unabhängig von den Modelaunen weder zu Stephaniewellen", ncch zu Schöpfen" oder gu den modernen nouveau art - Haarunordnungen arrangirten, sondern es in die weichen losen Wellen fallen ließen die ihren edlen Zügen am besten kleiden, so haben sie es auch in richtiger Erkennt niß des Rahmens ihrer Schönheit derschmäht, der Mode der vier Weltstädte zu folgen und den schmiegsamen Leib wie es jetzt Sitte ist, in Futterale von dunklen Stoffen zu hüllen, die das schwierige Problem lösen, um die Hüften von beängstigender Enge zu sein, und dafür um die Füße eine Profusion von Stoff zu entfalten, die den Vorzug besitzt auch die größten zu verdecken, was für diejenigen schmerzlich ist, die wirklich klein sind. Daß die Italiener auf dem Gebiete der Mode auch wirken können, sofern sich künstlerisches Empfinden mit diesen ephemeren Schöpfungen &minm läßt, beweist außer unzähligen anderen Beispielen auch dieses, welches, da diese Mode' wiederzukehren scheint, an aU tellem Interesse gkwinnt: Venedig
war eö, daS f. Z. die bemalten, perlenbestickten und pailletirten Handschuhe erfand, dieselben, welche 1572 Jeanne d'Albert, der Gattin Anton von Bourbon's geschickt wurden und in ihrem berauschenden Parfüm das Gift enthiel ten, dem sie zum Opfer fiel. Jnteressant ist die Thatsache, daß die damals beliebten Gerüche von Ambra, Jasmin und Frangipan noch heute zu den bevorzugten Zimmer- und persönlichen Parfüms gehören. Die Italienerin wird sich ebensowenig in Zukunft den Pariser Anordnungen fügen, wie sie dies bis nun gethan. Ihrem Farben- und Schönheitssinn entspricht das Zurückgreisen auf frühere Moden oder das Vermengen mehrerer früherer Moden, ebensowenig wie die stumpfen oder gleichgültigen Farbentöne. Und so wird sie sich weiter, unbekümmert um unsere modernen saphir- oder smaragdgeschmücktenSchildkröten und anderes Geziefer, den Hals mit Goldmünzen schmücken, deren Glanz den ihrer Haut am besten hebt und die Granatblüthen hinter's Ohr stecken, während wir auf dem Gipfel des hochfrisirten Haaies, Reiheraigretten und Straußfedern zu einem manchmal geschmacklosen Vorwand für eine Ballcoiffure" vereinen. i Die wahre Löwcnbraut".
Es durfte nicht allgemein bekannt sein, daß sich das berühmte Gedicht Chamissos die Lowenbraut" auf einen Vorfall bezieht, der sich in einer Wiener Menagerie zugetragen hat. Als Ort der Handlung wird die Menagerie im Neugebäu angeführt, die nach dem Tode der Kaiserin Maria Theresia einging und jetzt als Artilleriedepot verwendet wird. Die Thierhaltung im Neugebäu wurde von Kaiser Mazimilian II. begründet und von Rudolf II., der den Bau des Schlosses im Jahre 1387 vollendete, bedeutend erweitert. Kaiser Leopold I wandte dem Neugebäu besondere Fürsorge zu und soll auch einen Löwen zu todten befohlen haben, der die Wärterin zerrissen hatte. Dies mag die wahre Begebenheitsein, die später romantisch ausgesponnen und in die Zeit Rudolf II. zurückverlegt wurde. C. I. Metzger berichtet in Bäuerles Theaterzeitung vom Jahre 1834 von denTugenden und dem rührsamen Ende der Lörcenoraut". Sie hieß Bertha und war des Wärters holdes Töchterlein. An einem Maientage die Romantik beginnt! gab Kaiser Rudolf im Neugebäu ein großes Fest. Die kleine Bertha trat als Schutzgeist Oesterreichs mit einem Blumenfüllhorn zur Prinzessin, deren Geburtstag gefeiert werden sollte und sprach einige Verse. Das aufgeweckte Kind war kaum zu Ende, als der Ort der Lust sich mit einem Schlage in eine Stätte des Schreckens verwandelte. Durch den Kanonendonner gereizt, durchbrach ein majestätischer ungezähmter Löwe aus Asien" die Gitterstäbe und sprang geradewegs auf die arme Prinzessin Ir. Die Cavaliere warfen sich, da die i. .tenPistolenschüsse versagt hatten, mit blinkendem Säbel dem Thiere entgegen. In diesem Augenblicke umschlang die herzige Bertha' mit ihren Aermchen furchtlos den Löwen und bat für den Unartigen: Nichts zu Leide thun mewem guten Löwen! Nichts zu Leide thun!" Der König der Wüste wurde nun auf einmal mild und ließ sich von dem Kinde wie ein sanftes Hündchen in den Zwinger zurückführen. Der Kaiser schenkte Bertha diesen Löwen und sprach dazu die freilich durch das Amtsblatt nicht beglaubigten Worte: Milde vereinigt sich mit Kraft, das Kräftige aber huldigt dem Zarten; führe Du von diesem Tage ab den Namen Löwenbraut, bis das zarte Rankengewächs Deines Herzens sich liebend um einen edleren Stamm windet!" Diese huldvollen Worte beachtete Bertha gar fein. Sie pflegte den vierbeinigen Freund, strich ihm die majestätische Mähne glatt und erwuchs selbst zu einem wurderschönen Mädchen. Da sie eine blühende Jungfrau war, kam auch schon der Hauptmann der kaiserlichen Reiterei." Er war ein stattlicher Krieger, und Bertha schenkte ihm Herz und Hand. Vor der Trauung ging sie, schon im schimmernden Vrautkleide und mit duftigen Myrten, zu ihrem langjährigen Verebrer aus den Tropen, um ihm Ade zu sagen, Ade für immer . . . Sie drückte ihm den letzten warmen Kuß auf die krause Stirn. Da aber begannen die Augen des verabschiedeten Löwen ihres Herzens unheimlich m leuchten, und er tödtete die holdselige Braut vor den Blicken des voll böser Ahnung herbeigeeilten Bräutigams. Dieser stieß dem Ungethüm sein Schwert in die Kehle, so daß es röchelnd neben Berthas Leiche zusammenstürzte. Die tragische Schuld war auf beiden Seiten gesühnt. Die Tragödie der Löwenbraut war aus . . . Der wahre Kern dieser recht anmuthcnden Legende dürfte sein, daß eine dem im Neugebäu gehaltenen Löwen bekannte Person sich ihm eines Tages in ungewohntem Gewände näherte und von dem gereizten Thier angefallen wurde. Es ist eben mit dem edelsten Thiere nicht anders wie mit dem schlechtesten Menschen: Beide sind unzuverlässig. AufdieAdressekommiz e s a n. Tochter: Er sagt, er liebt mich über alles in der Welt; er könne i nicht leben ohne mich." Vater: Das sagen alle jungen Leute." Tochter: Aber nicht zu mir." EinbraverJunge. Ihr Bub' ist in dasCorrektionshaus aekom m?" Ja, leider! Der Bub' war so foav, wenn er was g'stohlen g'habt , hat. hat er's immer heim gebracht." Merkwürdig. Junge' Hausfrau: Merkwürdig.nie schmeckt's meinem Mann und dabei koche ich schon nach dem theuersten Kochbuch." J
Eine schreckliche Nacht. Von C. Hildebrandt. Fräulein Klotilde Rennbach saß an ihrem Schreibtisch und rechnete in ihren Wirtschaftsbüchern, als die Thür schnell aufgerissen wurde und ein schöncs, junges Mädchen mit lachenden Augen ins Zimmer stürmte. Tante, liebste Tante, lies doch! Ich soll ein paar Wochen zu Alice und ihren Eltern nach Lichtenstein kommen." Die Tante nahm den Brief und las bedächtig Lichlenstein - ist das nicht die Besitzung des Irrenarztes Doktor Ebeling?" fragte sie. Gewiß, Tante. Nicht wahr. Tu läßt mich gehen?" Was bleibt mir denn übrig, als ja zu sagen? Tu scheinst ja ganz verliebt in Alice Ebeling!" Elfe erröthcte. Alice ist meine beste Freundin von unserer Pension in der Schweiz her." Hm, hm! Nun, da kannst Du gleich morgen reisen!Schon am nächsten Tage traf Elfe Ncnnbach in Lichtenstein ' ein. Tas Wiedersehen der beiden Freundinnen war ein äußerst herzliches. Sie hatten einander soviel zu erzählen und Alice der Freundin soviel zu zeigen, daß ihnen die Zeit wie im Fluge verging und sie sich wunderten, als das Mädchen kam, sie zu Tisch zu bitten. Während sie die Treppe hinabgingen, fragte Elfe: Bist Tu denn niemals ängstlich, Alice, immer so in der Nähe dieser Irrsinnigen zu sein?" Ach nein."- lachte Alice sorglos. Tie armen Wesen, die wirklich gefähr. lich sind, bewohnen den linken Flügel des Hauses, welcher ganz getrennt von dem rechten liegt, und in der Mitte des Gebäudes find die ruhigen, harmlosen Kranken untergebracht." Siehst Tu sie manchmal?" Gewiß. Wenn Papa glaubt, daß es gut für sie sei, dann läßt er sie mit uns essen, oder Harry und ich spielen Tennis mit ihnen." Tein Bruder Harry?" Ja. ' Tu erinnerst Tich seiner doch von Zürich her, als er mich besuchte. Er hat oft von Tir gesprochen, liebe Else. Schade, daß er noch nicht zurück ist. Er hat eine längere Bergnügungsreise unternommen. Ta er jetzt noch nicht da ist, wird er wohl morgen um diese Zeit kommen!" Als die beiden jungen Tamen das Speisezimmer betraten, fanden sie Frau Tottor Ebeling in einem großen Stuhl am Fenster sitzen, während ihr Gatte, der berühmte Irrenarzt, neben ihr stand. Beide unterhielten sich mit einem hochgewachsenen militärisch aus sehenden Herrn; seine Haltung war stolz und aufrecht, die Kleidung war äußerst elegant, sein Gesicht hatte einen leidenden, düsteren Ausdruck und auf der Stirn zog sich eine lange, tiefe Narbe wie von einem Säbelhieb bis dicht an das linke Auge hin. Else meinte, noch nie so dunkle, kühn blitzende Augen gesehen zu haben. Bei Tisch hatte sie ihren Platz diesem Herrn gegenüber, der ihr als Major Frank vorgestellt worden war. Else hatte den wunderbaren Schilderungen des interessanten Mannes in sprach losem Erstaunen zugehört und bedauerte es unendlich, dieselben dann abgebro chen zu sehen. Wie ist's möglich, daß der Major auch " fragte Else, als sie mit Frau Dr. Ebeling allein im Salon war. Ja. liebes Kind!" versetzte die Frau des Hauses, er ist ein sehr interessanter Patient. Er hat bei einem Säbel, duell eine sehr gefährliche Wunde er halten, die das Gehirn verletzte. Seit jener Zeit ist er geistig nicht normal, obgleich er im Allgemeinen ganz der nünftig scheint." Nach einer Weile erschien auch der Major mit dem Hausherrn im Salon. Seine Blicke suchten sofort Else, es lag ein sonderbar suchender Ausdruck in seinen tiefen Augen, als er das junge Mädchen betrachtete. Er nahm neben Frau Doktor Ebeling Platz, während der Irrenarzt sich zu Else setzte und lebhast mit ihr plauderte. Plötzlich hörte sie die Frau des Hauses sagen: Alice, sei so gut und zünde die Kerzen an. Ter Herr Major will uns etwas vorsingen." In demselben Augenblick trat dieser auf Else zu und sagte mit seiner sono ren, wohlklingenden Stimme: Verzeihen Sie, mein gnädiges Fräulein ich verstand vorhin Ihren Namen nicht. Sie erinnern mich leb haft an an eine Dame, die " Mein Name ist Rennbach! ant. wortete Else in nervöser Hast. Rennbach?" Er schüttelte den Kopf. Ter Name ist mir fremd. Aber das Gesicht das kenne ich nur zu gut! Wenn Sie gestatten, 'zeige ich Ihnen morgen das Bild einer Tame, welche Ihnen täuschend ähnlich sieht." Nun, Herr Major?" ertönte Frau Ebelings Stimme. Ter Major ge hoichte sofort, nahm am Piano Platz, und begann zu spielen. Ein träum verlorener Ausdruck legte sich über sein blasses Gesicht, als er die Finger über die Tasten gleiten ließ und seltsame Melodien spielte, wie Else sie nimmer zuvor gehört. Schließlich legte Toktor Ebeling dem Major die Hand aus die Schulter. Sie machen uns die Zeit wie im Fluge vergehen," mahnte er freundlich. Aber jetzt müssen wir ans Schlafen gehen denken." Ter Major hatte betroffen aufgeblickt. Tann zog er die Uhr und sprang auf. .Ach Verzeihung," sagte er hastig. Ich habe mich beim Spiel ganz und gar vergessen. Ich hätte längst gehen müssen. Warum haben Sie mich nicht früher fortgeschickt, Herr Doktor?" Dann wünschte er jedem Gute Nacht". Als er zu Else kam, hielt er ihre Hand etwas länger als nöthig in der seinen und, ihr tief in die Augen blickend.' murmelte er: Wir sehen uns wieder flani gewiß toxx sehen unS
wieder Ich komme zu Ihnen und bald " Dann verließ er, von Doktor Cbeling begleitet, daS Zimmer. Alice führte die Freundin in das für sie bestimmte Zimmer. Sie plauder ten noch eine Weile zusammen. Tann wünschte Alice ihr Gute Nacht" und ging. Als Else sich allein sah, ver schloß sie die Thür, und als sie anter dem Schloß noch einen Riegel entdeckte, schob sie auch diesen vor. Tann blickte sie noch eine Weile in den vom Monde hell beleuchteten großen Garten und zog den Vorhang zu. Als sie an den Tisch, auf welchem ein Leuchter stand, zurückkehrte, be merkte sie neben dem Fenster eine Nische, in welcher sich eine Thür befand. Offenbar führte diese in den mittleren Theil des großen Hauses. Else wünschte plötzlich, Alice gefragt zu haben, wohin die Thür münde und ob der Schlüssel auf der andern Seite im Schloß stecke, da er sich in Elses Zimmer nicht befand. Sie drückte auf die Klinke die Thür war verschlossen. Sicherlich hat Alice den Schlüssel abgezogen," tröstete sie sich. Wie dumm von mir, so ängstlich zu sein!" schalt sie sich dann. Sie entkleidete sich, löschte das Licht aus und legte sich zu Bett. Aber sie schlief unruhig. Selbst im Traum verfolgte sie der Irrsinnige, sie sah ihn mit ihrer Tante Schach spielen und mitten im Spiel sprang er auf und warf der alten Tame mit dem chrwür gen grauen Haar die Figuren an den Kopf. Erschreckt fuhr Else aus dem Schlaf empor mit der Ueberzeugung, im Nebenzimmer oder draußen 'vor dem Hause ein lautes Geräusch vernommen zu haben. Sie horchte auf. Hatte sie geträumt? Sie hörte nichts als das entfernte Bellen eines Hundes. Wie lange mochte sie geschlafen haben? Licht und Streichhölzer hatte sie auf dem Tisch stehen lassen und eine seltsame Furcht verhinderte sie, aufzustehen und beides zu holen. Da was war das? Leise tastende Schritte draußen direkt vor ihrer Thür! Ihr Herz klopfte zum Zersprin gen. Oh Gott, wenn sie doch fort könnte zu Alice! Aber sie durfte sich nicht hinauswagen! Da draußen schlich sicherlich ein Wansinniger herum. Wieder kamen die Schritte vorbei. Mein Gott, mein Gott," flüsterte Else in Todesangst, wenn das nicht aushört, habe ich morgen selber den Verstand verloren." Tann kamen fürchterliche Sekunden, die dem armen Mädchen eine Ewigkeit dünkten. Nebenan wurde eine Thür zugeschlagen Fußtritte kamen näher, nicht etwa leise, sondern feste, schwer? Schritte unbekümmert darum, ob im Nebenzimmer jemand weilte gingen da drüben auf und ab. Plötzlich gab es einen Krach ver schieden? Gegenstände schienen hin- und hergeworfen zu werden dann knackte cs wie wenn jemand einen Revolver spanne. Es war furchtbar! Während Elfe athemlos in wahnsinniger Angst aus jedes Geräusch da drüben lauschte, fing der Mann da drüben plötzlich an zu pfeifen laut und deutlich Kameraden mein!" Ihre Ahnung täuschte sie also nicht es war der Major, der Irrsinnige! Und dieser gefährliche Mensch war ihr Nachbar! Vnlleicht steckte da drüben der Schlüssel! Jeden Augenblick, konnte er herüberkommen und sie ermorden erdrosseln! Was sollte sie thun! Unfähig sich zu rühren, lag sie da. Die Tbür nach dem Korridor durfte sie auch nicht öffnen wenn er sie erblickte, würde er sich auf sie stürzen. In unbeschreiblicher Furcht schlüpfte sie aus dem Bett und warf schnell ein leichtes Morgenkleid über. Dann ta stete sie nach Licht und Streichhölzern, aber die Schachtel glitt ihr aus den Fingern und trotz, eifrigen Suchcns konnte sie sie nicht wieder finden. Sollte sie um Hilfe schreien? Nein, nein, damit würde sie ihre Lage nur gefähr licher machen. Trüben war es plötzlich still geworden. Tas Hin- und Hergehen hatte aufgehört, auch das Pfeifen. Ob der Wahnsinnige ringe schlafen war? Ein Hoffnungsstrahl zuckte bei diesem Gedanken in ihrer Brust auf. Sie stahl sich an die Thür zum Korridor. Wenn alles ganz still blieb, wollte sie hinaus und zu Alice flüchten. Im nächsten Augenblick fuhr sie zu Tode erschrocken zusammen. Es donnerte an die Thür in der Nische, wie wenn Jemand mit Fäusten dagegen schlage. Else verlor ihre Fassung. Sie sank in die Kniee und stieß einen markerschütternden Hilfeschrei aus. Das Donnern drüben hatte aufgehört. Eilende Schritte wurden laut, sie kamen näher und hielten vor ihrer Thür an. Dann wurde auf die Klinke gedrückt und eine Stimme nicht die sonore Stimme Major Franks sondern eine jugendliche, kräftige Männerstimme fragte: Was giebt's? Wer ist hier? Kann ich helfen?" Wer Iver ist da?" stammelte Elfe durch das Schlüsselloch. Harry Ebeling! Kann ich Ihnen helfen?" .Gott sei Dank. Gott sei Dank!gölte er sagen. Bringen Sie mich zu Alice schnell schnell" Oeffnen Sie die Thür!" Und Else. unbekümmert um ihr aufgelöstes Haar, ihre leichte Kleidung ihr thrönenüberströmtes Gesicht öffnete behutsam die Thür und stürzte dem draußen stehenden jungen Mann im Reisecostüm in die Arme, sich wie schutzsuchend an seine Brust schmiegend. Großer Gott! Else! Fräulein Rennbach!" ri?f er. sie fest an sich drückend. Was ist geschehen?" Ach, Harry. bringen Sie mich zu Alice!" flehte sie. ihn in ihrer Angst beim Vornamen nennend, schnell, bevor er herauskommt irnb znA um
bringt!
Umbringt? Wer denn?" Der Wahnsinnige Major Frank! Er versuchte die Thür zu meinem Zimmer zu sprengen. Ich ich " Major Frank? Er ist ja gar nicht hier! Er ist ja im anderen Flügel des Hauses! Im Nebenzimmer wohne ich! Ich kam heute Nacht von der Reise zurück und hatte keine Ahnung, daß neben meinem Zimmer Jemand wohnt. Es thut mir unendlich leid, daß ich so laut war! Ich stolperte mit meinem großen Koffer, daß . er gegen Ihre Thür fiel. Ich bin untröstlich. Verzeihen Sie mir, daß ich Sie so erschreckte. Wie Sie zittern. Bleiben Sie hier, ich werde Alice holen." Nein, nein", entgegnete Else, der erst jetzt das Unschickliche ihrer Lage dem jungen Mann gegenüber er hielt nämlich noch immer den Arm um sie geschlungen einfiel. Ich will lieber zu ihr gehen und bei ihr bleiben", sagte sie, sich aus seinen Armen losmachend, wenn Sie mich nur hinbringen wollen." Selbstverständlich!" Er nahm das Licht, welches er auf den Boden gesetzt, und führte Else zu seiner Schwester. Alice, mach auf", rief er, dort angelangt. Fräulein Rennbach will zu Dir." Harry. Du? Mein Gott, was ist geschehen?" rief seine Schwester, die schnell einen Mantel übergeworfen hatte und die Thür öffnete. Um Gotteswillen, Else, liebe Else. was ist Dir? Du siehst aus wie ein Geist!" Harry gab eine hastige Erklärung des Vorgefallenen, während Else sich in einen großen Stuhl kauerte und in Thränen ausbrach. Geh jetzt. Harry," sagte seine Schwester. Wie kam es nur, daß Du so spät anlangtest?" Ich traf unterwegs einen alten Studienfreund und blieb auf seine Bitte ein paar Stunden mit ihm in der Stadt. Ich mache mir die bittersten Vorwürfe." Laß nur gut sein, Harry. Und, bitte, wir wollen den Eltern nichts erzählen." Am nächsten Tag war Else, wenn sie auch etwas bleich aussah und sich recht still verhielt, ziemlich frisch und munter. Herr und Frau Ebeling erfuhren kein Sterbenswörtchen. Harry wich nicht von Elses Seite, er wollte das durch ihn verursachte Unheil durchaus wieder gut machen. Und es gelang ihm auch vortrefflich. Denn nach Verlauf von zwei Tagen brachte er Alice triumphirend die Nachricht, Else habe ihm bewiesen, daß sie wieder ganz gut mit ihm wäre, indem sie seine Braut geworden sei. pcrdrchteMelt. Von Ernst Clausen. Fräulein Henriette Leblang hatte einen Kanarienvogel gehabt, einen schönen, stolzen, gelben Hahn mit einer grünen Kopftolle. Sein Käfig stand auf dem Fensterbrett des kleinen Stübchens, wo die Sonne selbst im Winter von 9 Uhr Morgen!", bis 3 Uhr Nachmittags ihm das gelbe Gefieder durchwärmte. Er war ein fleißiger Sänger gewesen, eine lyrische Natur, trotz seines zehnjährigen Junggesellenstandes, und wenn er so recht nach Herzenslust schmetterte, dann füllte er mit seiner kleinen Kehle nicht nur das kleine Wohnstübchen seiner Besitzerin, sondern durch sämmtliche vier Räume des kleinen Häuschens konnte man seine Triller vernehmen. Der nebenan wohnende pensionirte Major behauptete sogar, daß der Vogel mit seinem Schreien den allerdings etwas überhängenden Giebel des in den spitzen Winkel zwischen einem Fußweg und einer Mauer hineingedrückten Häuschens nächstens zum Einstürzen bringen würde. Solche Wohnungen findet man nur noch in kleinen Vergstädtchen, denn hier müssen sich die Menschenbauten der Natur anbequemen, während im Flachland die Natur den Hauswänden Platz machen muß. Keiner wußte, wer dieses Häuschen früher einmal hierher geklemmt hatte; vielleicht ein weltmüder Mensch, der sich und sein Heim in diesen Winkel hineinquetschte. Einerlei, es war gerade Platz genug darin für eine alte Jungfer, einen grauen Kater und einen Kanarienvogel. Was nun den Major, den Nachbar betraf, so war er ein Mann,, den Fräulein Henriette nicht zu ihren Freunden zählte, wenn gleich sie äußerlich höflich und nachbarlich mit ihm verkehrte. Er war ein Original, ohne Zweifel! Erstens war er verheiratet, und seine hübsche blonde Frau schien glücklich zu sein; zweitens besaß er vier Töchter zwischen acht und drei Jahren, wie die Orgelpfeifen, aber hübsch und niedlich, wennaleicb Tante Leblana mit Besorgniß aus diesen Zuwachs zu ver überschießenden Million weiblicher Wesen in Deutschland blickte, und drittens behauptete er, daß ihr Kanarienvogel ein miserabler Schreihals wäre, ohne jede Spur von Rasse oder Gesangs schule. Aber nicht das war das Originelle an ihm. sondern daß er als pensionirter Officier kein vergrämter, übellauNiger Pessimist geworden war, sich vielmehr seine gute Laune und die Lust an allerhand Späßen und Schabernack bewahrt hatte. Außerdem züchtete cr Kanarienvögel, echte Harzer, nur Roller feinster und bester Güte. Fräulein Leblang, Ihr Schreihals kann nicht singen, er piepst wie ein Spatz; man müßte ihm den Hals umdrehen; Sie sollten nur meine Roller dagegen hören," pflegte er zu sagen. Die alte Jungfer hatte nur ein verächtliches Achselzucken gegenüber solchen Beleidigungen ihres Lieblings gehabt. Aber nun war der Schreihals" todt und laa unter der hochstämmigen I Rose begraben, die in dem nur drei Quadratmeter großen(Zarten miteiner
Bank, drei Fuchsien und einer protzigen Sonnenblume den Kampf um's Dasein führen mußte. Der leere Käfig stand noch auf der Fensterbank. Was fehlt denn Ihrem Schreihals? Er piepst ja gar nicht mehr," fragte der Major eines Morgens. Er ist todt!" Henriette wandte dem Frager den Rücken. Gestorben? Nein, er hat sich zu Tode geschrieen, darauf lass' ich mich hängen." meinte er ohne eine Spur von Mitgefühl; na. nun hat die liebeSeele Ruhe. Möge es allen Schreihälfen in der Welt so ergehen!" Einige Tage spater stand er wieder am Zaun und guckte in Fräulein Leblängs Garten hinüber. Er war sehr vergnügt, weil am Morgen die dritte Brüt junger Kanarienvögel aus den Eiern geschlüpft war. Er hatte felsenfestes Vertrauen, daß unter diesen vier Neugeborenen mindestens drei Männchen sein würden, nachdem sich unter den beiden ersten Gelegen kein Hahn befunden hatte. Fräulein Leblang hatte sich entschlössen, den leeren Käfig zu reinigen und auf den Boden zu stellen. Sie kratzte gerade mit einem alten Küchenmesser die Sitzstäbchen ab und dachte daran, wie vergnügt der Selige zehn Jahre lang auf diesen Stäbchen sein Leben durchhüpft hatte. Wenn Menschen vergnügt sind, werden sie zuweilen großmüthig. Auch dem Major schien es so zu ergehen. Was sagen Sie dazu, Fräulein Leblang,' wenn ich Ihnen einen Vogel schenkte das heißt, einen feinen Roller! Ich hätte beinahe Lust dazu, schon, damit Sie sich nicht wieder einen solchen Schreihals anschaffen." Wollen der Herr Major das wirklich thun?" Ja, ich werde es thun, vorausgesetzt, daß Sie ihn gut halten! Sie haben neulich meiner kleinen Lina eine Puppe geschenkt, also gebe ich Ihnen einen neuen Vogel. . . . Gesellschaft findet er ja." In ihrer Herzensfreude überhörte sie die letzte schlechte Bemerkung. Er ließ sich den Käfiggeben und verschwand damit im Hause, und als er wieder herauskam, hüpfte auf den glatt geschabten Stäbchen ein prachtvoller gelber Kanarienvogel herum. Sie war überglücklich, und nachdem sie fast den ganzen Nachmittag, statt zu stricken, den neuen Hausbewohner beobachtet und bewundert hatte, kam sie zu der herzlosen Ueberzeugung, daß dieser zweite fast schöner sei, als sein Vorgänger. Doch verwarf sie diesen pietätlosen Gedanken vielleicht mit ebenso viel Zartgefühl, wie die junge Wittwe, die zum zweiten Mal heirathet, die sich aufdrängenden Parallelen zwischen dem ersten und zweiten Mann von sich weist. Am anderen Tage fragte der großmüthige Geber: Nun, hat er schon gesungen?' Nein, er piepst nur, aber er ist sehr vergnügt!" Na, nur Geduld. Diese Kanarienvögel sind eigensinnig wie junge Ehemänner. Sie erlernen erst allmälig das Singen, wie es der Frau paßt. Das ist nun einmal so!" Und dabei lachte der Major pfiffig. Dieser Vogel mußte aber besonders eigensinnig sein, denn nach drei Wochen hatte er noch kein einziges Mal gesungen, sondern es nur bis auf eine kurze ziemlich dürftige Strophe gebracht. Er mausert sich!" behauptete sein Züchter, die Besorgniß der Besiderin beschwichtigend. Richtig, sie fand hin und wieder ein Federchen am Käsig hängen! Ihr Seliger hatte freilich nie ausgesetzt mit Singen, selbst in der Mauser nicht. Die Tage vergingen, der Vogel sang nicht. In Fräulein Henriettes Seele tauchten die schwärzesten Gedanken des Mißtrauens auf. . . . Sollte dieser Major man sagte ihm allerhand Streiche nach, besonders aus seiner Lieutenantszeit sollte er ihr ein Weibchen geschenkt haben?! Freilich. Kanarienhähne tragen keine Höschen! Nein, es war ja wohl nicht möglich. . . . So kam der Frühling. Die Maisonne lachte in's Fenster hinein, und Fräulein Leblang beugte den Kopf mit den drei Papilloten auf jeder Seite Über den Vogelkäfig. Das Thierchen saß augenscheinlich trübselig auf dem Sande und blickte fast verlegen zu seiner üerrin auf. Was war zu thun. Sie wollte ven Herrn Major um Rath fragen. Aber als sie mit dem dampfenden Kaffee wieder in's Zimmer trat, hüpfte der Heuchler schon wieder vergnügt und auffallend stolz im Käfig umher. Was hast Du denn, Mätzchen?" Was war das? War Fräulein Leblang zur Bildsäule erstarrt, war der alten Dame etwas zugestoßen? Sie stand unbeweglich, die Augen wie hypnotisirt auf ein wohlgebildetes kleines Vogelei gerichtet, lichtblau mit gelben Tupfen. ... Oh, dieser Schändliche, dieser Major. So viele Wochen lang hatte sie dieses Thier gehegt und gepflegt, und nun war es nur ein Weibchen. Vehalten wollte sie es auf keinen Fall; nie und nimmer. 'Sich dem Gelächter dieses abscheulichen Majors preisgeben, nein, sie würde es verschenken. Da war die Bauersfrau, die ihr immer frische Butter brachte. Sie traf sie beim Futterholen auf der Wiese. Ob sie den Vogel haben wollte? Die Bäuerin hielt den Kopf schief und überlegte mit dem mißtrauischen Gesicht, das die Bauern haben, wenn ihnen ein Gebildeter ein Geschenk anbietet. Kann er denn singen?" Nein, nur ein bischen, er ist ein Weibchen!" Ach, du lieber Gott, Fräulein, Weibchen gibt's genug in der Welt! Was soll man mit so einem unnützen
Thier anfangen?" Die alte Jungfer ging weiter. Vielleicht der alte Maaß! Er hatte eine große Geflügelzucht und würde einHerz haben für das Thier. Er war gerade beschäftigt, einige junge Hähne kunstgerecht zu schlachten. Die armen Dinger! So jung sterben zu müssen," meinte Fräulein Henriette, und sah schaudernd auf die leblosen Opfer, die er an den Füßen hielt, und -von deren kleinen hellrothen Kämmen das dunkelrothe Blut herabtropfte. Ja, Fräulein," lachte der alte Mann, der ein kleiner Philosoph luax, die Hähne müssen dran glauben, wir brauchen nur einen oder zwei aus dem. Hof. Schöne Thiere, was?" Er schwenkte sie triumphirend. Jetzt kosten sie ein schönes Geld. Die Kerle können ja nichts weiter als zanken und krähen, aber sie bringen Geld ein.' Und die Hennen bleiben alle am Leben?" fragte sie zaghaft. Das versteht sich. Da habe ich einige, die legen an die zweihundert. Eier im Jahre, was nämlich die besten sind." Aber so ein Kanarienweibchen: nein, was sollte er damit anfangen! Wenn er noch einen Hahn dazu hätte, ja dann vielleicht! Die alte Jungfer ging weiter. Sie durchschritt eine Wiese, auf welcher wohl zwanzig Stück Hornvieh weideten, alles Kühe. Sie begegnete einem Jägerburschen, der einen im Morgengrauen erlegten' Rehbock in die Stadr schleppte. Was für ein schönes Reh!" sagte sie bewundernd. Es ist nur ein Bock,"' antwortete er, die kurze Pfeife aus dem Mund nehmend, mit einem verächtlichen Blick. Rehe werden nicht geschossen." Schließlich fiel ihr der alte taube Korbflechter ein, dem konnte es doch einerlei sein, ob der Vogel sang oder nicht. , Am Nachmittage hüllte sie den Käsig: in ein Tuch und trug ihn mitsammt dem Vogel zu dem alten Mann, der eifrig an seinen Körben arbeitete. Sie stellte das Bauer mit dem lustigen Gelben vor ihm hin und machte ihm begreiflich, daß cr das Thier behalten dürfe. Am andern Tage erfuhr sie, daß die Katze den Vogel gefressen habe und die alte Frau, die für den Korb--flechter dasEssen kochte, sagte malitios: Es war ja nur ein Weibchen." Das alte Dämchen hatte seit langerZeit nicht so viel nachdenken müssen.. Was für eine Welt war denn das?' Alle Kreatur wurde der Nützlichkeit geopfert, und den Ausschlag darüber gab' nur das Geschlecht! Der Major saß vor dem Hause aufder Bank. Nun, Fräulein Henriette, wie gehiS. dem Vogel?" Oh, ich habe ihn verschenkt, er sancrmir nicht gut genug." So, so, so!" Ein schlechtes Gewissen macht nach--sichtig. Darum fragte sie ganz Harmlos: Wie sieht es denn mit der Kana rienzucht aus, Herr Major?" Es ist zum Verrücktwrden! Wieder vier Weibchen! Ich werde noch der dummen Mutter den Hals umdrehen." Er war so verärgert, daß er ohne Gruß wüthend in's Haus stampfte. Und dann kam ein Tag, wo sie inr Morgengrauen aus demSchlafe geweckt wurde, weil Jemand an den Fensterladen trommelte. Fräulein Leblang, denken Sie sich, es ist ein Junge!" schrie der Major: ganz heiser vor freudiger Aufregung. Ich gratulire, Herr Major!" Danke, danke! Es wäre aber auchzum Teufelholen gewesen, Wenns wieder ein Mädel geworden wäre!" Nun war es eine Weile still. Dcr klopfte es wieder. , Was ist denn?" Fräulein Leblang! Ich habe mich' hm im vorigen Sommer doch geirrt mit dem Vogel; aber nun sollen. Sie einen Hahn haben, einen feinen sag ich Ihnen!" Darauf verklangen eilige Schritte. Die alte Dame kleidete sich rasch an. Sie stieß Fenster und Läden auf, die Sonr.r lachte herein, die Vögel jubiltrten in Bäumen und Büschen, der graue Kater schnurrte vergnügt, und nun kamen vier lustige kleine Mädchen gesprungen vor Tante Leblangs Fenster mit glänzenden Augen und fliegenden Haaren: Tante, Tante, ein Brüderchen ein Junge, hurrah!" Und Tante Henriette schaute in die strahlenden vier Kindergesichter, in den sonnigen Himmel, und wußte gar nichts daß sie vor sich hinmurmelte: Ein Junge ja, so ein reizender kleiner Kerl!" So bekam Fräulein Henriette Leblang einen echten, feinen Harzer Roller, einen Vogel, der sang und keine Eie: legte. Es ist doch eine verdrehte W:lt....
Gefärbte Augen. Das Schminken der Damen ist eine uralte Angewohnheit. Es ist erwiesen, daß sich die alten Egypterinnerr scvon stark geschminkt haben. Sonderbar ist. daß sie s Weiße vom Auge grünlich färbten. Sie verstanden dies mit einer so ausgezeichneten Geschicklichkeit zu machen, daß ihre Augen in einem zarten grünen Schimmer gewissermaßen zu schwimmen schienen. Die Tatarinnen und Araberinnen verstehen übrigens die seltsame Kunst, die Augäpfel zu färben, noch heutigen Tages. Die kleinen urnenförmigen deckellosen Gefäße, welche sich in ziemlich großer Anzahl unter anderem bei d?n Ausgrabungen in Pompeji vorgefunden, sind zweifellos Schmink- oder Schönheitssalbentöpfchen der vornehmen Pompejanerinnen gewesen. Keiue Wahrheit, die nicht einen Irrthum, kein Jrrthsi, der nicht, eine Wahrheit weckte!
