Indiana Tribüne, Volume 22, Number 186, Indianapolis, Marion County, 26 March 1899 — Page 2
Zn der Fasse, Av5 den Erinnerungen eine) Lichtscheuen, von S. P. Es schlug Mitternacht, als ich mcm Brecheisen, einen Bund Dietriche, eine Blendlaterne und eine Schachtel Streichhölzer zu mir steckte. Aus Vorficht ließ ich noch einen Lebensretter in meinen Aermel gleiten und einen kleinen Revolver in meine Hüftentasche, dann trat ich auf die Straße hinaus. Das Ziel meiner Wanderung war eine gewisse Villa im Westen der Hauptstadt, auf die ich schon lange ein Auge geworfen hatte. Da ich kein Geheimniß aus meiner Ausrüstung gemacht habe, brauche ich wohl kaum hinzuzufügen, daß ich zu solcher Stunde nicht in Gesellschaft ging. Allerdings wollte ich einer stol zen Halle" meinen Besuch abstatten, aber nicht auf die gewöhnliche Weise. Alles sollte so ruhig wie möglich vor sich gehen, und je weniger ich die Ruhe der Familie störte, desto lieber war es mir. Seit Monaten hatte ich schon den Wunsch gehegt, das Innere einer bestimmten Wohnung, und ganz besonders ein Zimmer zu ebener Erde, ken uen zu lernen. Durch einen nützlichen Bekannten, der dort die Klingeln ausbesserte, wußte ich, daß sich in dem Gemach eine Menge echten, alten Silbers befand. Wenn es mir gelang, die Gegenstände zu entfernen, sollte es mir einen besonderen Genuß bereiten, sie zu Hause mit Kennerblicken abzutaxiren. Da solch kostbare Sachen sich schlecht bei mir ausgenommen hätten, war es meine Absicht, sie einem alten Trödler einzuhändigen, der sie mir dann in anderer Form und Gestalt wiedergeben konnte. Es gelang mir, mich in genügender Entfernung von zwei Schutzleuten zu halten, mit denen ich nicht in nähere Beziehung zu kommen wünschte, und nach längeren Zickzackwegen erreichte ich endlich mein Ziel. Vorsichtshalber betrat ich die Villa von der Rückseite. Um halb zwei ich hörte gerade die Uhr schlagen stand ich im Garten und verbarg mich hinter einem schlltzenden Springbrunnen. So weit ich sehen konnte, war alles ruhig. Sämmtliche Fenster waren dunkel, und die Bewohner hatten sich jedenfalls schon zu Bett begeben, um mich im ungestörten Besitz des Parterrestocks zu lassen. Ich machte mich sofort an die Arbeit. Mir Eingang zu verschaffen, war für einen Mann von meiner Geschicklichkeit ein Leichtes. Einmal drinnen, tastete ich mich durch das Treppenhaus in die Halle. Den erhaltenen Anweisungen folgend, wandte ich mich nach rechts und befand mich balo darauf in dem Zimmer, das besondere Anziehungskraft auf mich ausübte. Alle Achtung vor meinem Freund, dem Klingelmacher! Das Geschirr War großartig, es übertraf noch meine kühnsten Erwartungen. Seit langer Zeit war ich auf keinen solchen Schatz gestoßen; denn in den meisten Häusern findet man heutzutage nur elendes Neusilber anstatt des echten Metalls. . Nichts ist mir unangenehmer, als bei meiner Arbeit überrascht und vielleicht zu Gewaltmitteln gezwungen zu werden. Ich drehte deshalb, nachdem ich meine Laterne auf den Tisch gestellt hatte, den Schlüssel in der Thüre um. In zehn Minuten hatte ich alles in einen Sack befördert und machte mich zum Fortgehen bereit. Vorsichtig schloß ich wieder auf und lauschte alles blieb still. In diesem Augenblick fiel mir in, daß eine kleine Erfrischung nichts schaden könne. Ich sah mich um und bemerkte auf einem kleinen Tischchen ein Liqueurgestell und Gläser. Auf einer Flasche stand Cognac". Diese ergriff ich, ließ mich behaglich in einen Sessel nieder und that einige lange, kräftige Züge auf das Wohl meiner gastfreundlichen Wirthe. Kaum hatte ich jedoch den ersten Schluck getrunken, als sich etwas höchst Sonderbares ereignete. Meine Lakerne schien auf einmal die seltsamsten Bewegungen zu machen, das Licht ianzte vor meinen Blicken auf und nieder. und der Tisch drehte sich um sich selbst, als säße eine ganze Gesellschaft von Geisterbeschwörern beim Werk. Noch ehe ich wußte, wie mir geschah, sank ich hilflos wie ein Klotz auf meinen Sitz zurück. Ich versuchte aufzustehen und mich zu entfernen es war vergebens selbst um den Preis meines Lebens 'hätte ich mich nicht erheben können. Plötzlich ward es dunkel um mich her, und ich verlor das Bewußtsein. Als ich wieder zu mir kam und die Augen öffnete, schloß ich sie aufs neue, geblendet von der Lichtfülle, die auf mich einströmte. In meinem Kopf drehte sich noch alles, und meine Bewegungen waren sonderbar schwer. Nach einigen Minuten gelang es mir, die Betäubung von mir abzuschütteln und meiner Lage bewußt zu werden. Zuerst bemerkte ich, daß die elektrischen Flammen brannten, dann fühlte ich, daß ich nicht mehr allein sei. Diese zweite Sache war keineswegs angenehm, wenn ich an meine letzte Beschäftigung dachte. Ich rieb mir die Lider und sah mich um. Mein Blick fiel auf einen ruhigen, gütig aussehenden, alteren Herrn, der mir gegenüber in einem Lehnsessel saß. Er trug einen langen, grauen Schlafrock und ebensolche Filzpantoffel; unter seinem schwarzen Hauskäppchen stahlen sich weiße Locken hervor. Sein Gesicht drückte grobe Milde aus, und schweigend und geduldig schien er darauf zu warten, daß ich die Unterhaltung anfinge. Er gefiel mir.' was mir aber nicht gefiel, war -ein nickelplattirter Revolr. n u naMssig in der regten
Hand' hielt. Ich verstehe mich auf solche Sachen, und tch fand dies Aussehen der Waffe ganz und gar nicht im Einklang mit der Erscheinung des Fremden. Unwillkürlich fühlte ich nach meinem Lebensretter er war verschwunden, ich griff in die Tasche sie war leer. Der alte Her? lächelte freundlich, jedenfalls hatte er meine Absicht errathen. Ich spähte nach einem enderen Bertheidigungsmittel umher, denn ich glaubte, das Gespräch besser führen zu können, wenn wir auf glechem Fuße ständen, und gewahrte den Schürhaken vor dem Kamin. Schon wollte ich mich erheben und darauf zustürzen, als mich mein Gegenüber in aller Gemüthlichitii daran verhinderte. Bitte, verhalten Sie sich ruhig, ganz ruhig, sonst " Er sprach den Satz nicht zu Ende, -sondern bewegte nur die rechten Finger. Ich wollte seine Warnung in den Wind schlagen und mich auf alle Fälle des Eisens bemächtigen, doch er mußte meine Absicht errathen haben. Blitzschnell fuhr die Hand mit dem Nevolver empor. Ihrer Mütze wird es wohl nichts schaden, wenn sie etwas Ventilation bekommt." spottete er gutmüthig und zielte. Bum. ging die Waffe los, und die Kugel fuhr durch meine Kappe, dicht an meinem Kopf vorüber. Wie vom Blitz getroffen zuckte ich zusammen. Sk sind doch hoffentlich nicht verwundet?" fragte der Alte sanft. Ich wollte Ihre Haut nicht streifen." Viel hätte nicht gefehlt", brummte Vielleicht verhalten Sie sich jetzt etwas stiller und sind geneigter, mir zuzuhören. Also zu unserem Geschäft", fuhr er lebhaft fort, wenn mich nicht alles täuscht, sind Sie ein Dieb." Ich bekannte mich zu dieser Profession und flocht dabei ein, daß ich es mir bei gewissen Arbeiten, wie zum Beispiel der letzten, stets zur Regel machte, vor Tagesanbruch nach Hause zu gehen." Dies kann ich mir lebhaft denken," erwiderte er, dieses Mal werden Sie sich indessen mit einer Ausnahme begnügen müssen. S sind nicht der Erste Ihrer Profession". mit deutlicher Betonung des letzten Wortes der mich mit einem Besuche beehrt hat.' In den letzten zwölf Monaten hatte ich eine oder zwei ganz ähnliche Unterredungen. Sie haben sich ja selbst überzeugt." dabei deutete er auf das Liqueurgestell, daß die Wirkung eine vortreffliche ist, viel besser als Alarmklingeln oder etwas Aehnliches." Schlafmittel drin?" Ja". Ich betrachtete ihn mit wachsender Unruhe. Wenn ich die Wahrheit gestehen soll, so wurde mir recht unbehaglich zu Muthe. Mehr als einmal hatte ich mich während meiner Diebeslaufbahn in unangenehmen Lagen befunden, aber noch immer war es mir gclungen, glücklich daraus zu entkommen. Heute schienen sich die Dinge aber anders zu verhalten, ich durfte mich nicht bewegen, sonst schoß der alte Kerl auf mich. Also", fuhr er mit seinem leichten, nachlässigen Ton fort, bringen wir Klarheit in die Sache. Wenn ich einen Polizisten herbeirufe und Sie der richterlichen Barmherzigkeit überliefere. werden Sie, alle: Wahrscheinlichkeit nach, ein paar Jahre brummen müssen. Jetzt wählen Sie, was ziehen Sie vor, ein paar Jahre Zuchthaus oder Ihre Freiheit nach Verlauf einer Stunde?" Verständnißlos sah ich ihn an. Um den Preis meines Lebens hätte ich nicht errathen können, was er im
Schilde führte. Sehnlichst wünschte' ter) mich fort von dieser Stelle, ich hätte wahrhaftig lieber mit einem polternden Schutzmann als mit diesem eigenthümlichen, leutseligen, alten Herrn verhandelt. Treiben Sie nicht Scherz mit mir?" fragte ich ihn ungläubig. Nein", gab er zurück und zog seine Uhr aus der Tasche, jetzt fehlen noch zehn Minuten zu vier, um fünf sind Sie frei unter einer Bedingung." Und die ist?" Folgen Sie mir." Mit diesen Worten erhob er sich. Augenscheinlich ohne die geringste Besorgniß wandte er mir den Rücken und schritt auf die Thüre zu. Ich folgte ihm hastig. Jetzt, dachte ich, war meine Zeit gekommen. Wenn ich ihn von hinten überfiel, war es mir ein Leichtes, ihm den Revolver zu entreißen. Ich war fest dazu entschlossen und näherte mich ihm auf den Zehen. Im selben Augenblick schnellte er herum und ertappte mich auf der That. Bum! Meine Hand fuhr nach dem Ohr. das mich entsetzlich schmerzte. Die Kugel hatte mir ein Stück des Ohrläppchens hinweggerissen. Dieses Mal war ich leider genothigt, ein Stückchen näher Heranzugehen", sagte mein Wirth, wenn Sie es so weiter machen, werden Sie sich noch eine ernsthafte Verletzung zuziehen." Ich muß gestehen, daß ich vollstandig eingeschüchtert war und nicht mehr die geringste Lust verspürte, das Ziel meines ehrwürdigen Freundes abzugeben, der trotz seiner friedlichen Erscheinung so ausgezeichnet zu schließen verstand. Bei der Thüre blieb er stehen und ließ mich zuerst hinaus. Dann gebot er mir, ihm die Treppe voranzugehen. Ich that es mit wachsender Besorgniß. Was würde nun kommen? Nach, dem sonderbaren Benehmen des alten Kauzes . zu schließen. mußte es etwas UeberraschendeS lein.
Ich hatte mich auch nicht getauscht. Bis auf den heutigen Tag habe ich die Erfahrungen jener Nacht nicht verwinden können. Selbst jetzt noch zittern meine Nerven, und eine Gänsehaut überläuft mich, wenn ich an die Zeit denke, die ich in dem Hause zuge bracht habe. . Was mit mir geschah, war das Folgende: Im ersten Stock blieb mein Begleiter vor einer Thür stehen und winkte mir einzutreten. Nicht sobald hatte ich es gethan, als ich auch schon bestürzt zurückfuhr, und trotz des feindlichcn Geschosses wäre ich davongcstürzt, wenn nicht sofort mein Gefährte hinter mir den Schlüssel im Schloß umgedreht hätte. Im Kamin brannte ein hellesFeuer, nd die Atmosphäre des Gemaches war unangenehm heiß. Bor der Gluth. eingewickelt in wollene Decken, kauerte das seltsamste Wesen, das ich je gesehen hatte. Es war ein kleines, ausge trocknctes, verschrumpftes, altesMännchen, das nahezu hundert Jahre alt sein mochte. Seine klauenartige Hände hatte t über die Flammen gebreitet. Sie waren so dünn und blutlos, daß ich mir einbildete, durch sie hindurchsehen zu können. Es trug eine Art wollener Zipfelmütze, aber ' sein Schädel war kahl wie eine Billardkugel, und seine Haut erinnerte an vergilbtes Pergament. Als wir näher traten, wandte es den Kopf langsam nach uns um. Großer Gott, welch ein Gesicht! Gelb wie eine Citrone, eine einzige Fläche voll Runzeln und Falten, und wären die Augen nicht gewesen, so hätte man vergebens nach einer Spur von Leben darin gesucht. Niemals vorher noch nachher habe ich solche Züge gesehen, kein einziger Muskel bewegte sich, nicht der geringste Ausdruck zeigte sich darin. Aber die Augen sie haben mich seitdem wie ein Alb verfolgt. Schwarz und rund funkelten sie wie die eines Raben. Das unheimliche Wesen heftete sie auf mich mit einem glühenden, verzehrendenBlick, der mich schaudern machte. Aha", krächzte es, und die Worte schienen aus seinem Halse heraufzukommen, hast Du ihn erwischt?" Ja", erwiderte der Andere, beugte sich über den Kobold und legte den Mund dichkan sein Ohr; ich fand ihn unten schlafend, es kostete einige Mühe, ihn heraufzubringen, ich habe aber seine Scrupel überwunden." Die ganze Zeit starrte mich das verschrumpfte Geschöpf unverwandt mit einem schrecklichen, erwartungsvollen, hungrigen Ausdruck an. Mir wurde heiß und kalt. Ich habe Ihnen Ihre Freiheit unter einer Bedingung versprochen", wandte sich jetzt mein Gefährte zu mir, hören Sie sie: Sie kamen her, um uns zu bestehlen, und wir wollen Jhnen etwas rauben." Rauben? Was denn?" Ein wenig Blut." Ich fuhr zurück. Einige Sekunden starrte ich ihn in dumpfem Schweigen an, ich verstand ihn nicht. Ja", fuhr er ruhig fort, Sie sehen gesund und kräftig aus und können wohl eine oder zwei Tassen voll entbehren. Der dort" er wies auf das Skelett vor dem Kamin ist sehr hochbetagt. In seinen Adern fließt mehr Wasser als Blut, und er kann nur durch Infusion aus den Adern eines Anderen am Dasein erhalten werden. Die Schwierigkeit war, sich eine genügende Menge des lebenspendenden Fluids zu verschaffen. Nun kennen Sie die beiden Bedingungen, wählen Sie rasch." Jetzt faß ich in der Klemme. Aus verschiedenen Gründen war es mir höchst unangenehm, mit der Polizei in Berührung zu kommen aber ruhig stillhalten und mir das Blut abzapfen lassen vielleicht dabei sterben - uff!" Prüfend schaute ich mich um, vergebens, kein Mittel, um zu entschlüpfen. Nachdem ich mir die Sache einige Minuten, überlegt hatte, willigte ich zögernd in den Vorschlag meines ehrenwerthen Freundes ein. Er legte den Revolver in seiner nächsten Nähe nieder und begann mit seinen Vorbereitungen. Machen Sie doch kein so ängstliches Gesicht," sagte er und geleitete mich vorwärts, ich nehme Ihnen nicht viel weg, ich lasse Ihnen noch genug zum eigenen Bedarf übrig." Wie er es eigentlich bewerkstelligte, ist mir unklar, denn ich hielt die Augen die ganze Zeit krampfhaft geschlossen. Ich konnte den Blick des zusammengeschrumpften Wesens, das neues Leben aus meinen Adern saugen wollte. Nicht ertragen. Alles, was ich weiß, war, daß der Arzt meinen Arm entblößte und ich einen scharfen Schmerz verspürte, als er mit der Lanzette hineinfuhr. Mein Blut fließen zu fühlen, machte mich schaudern, sonst empfand ich zuerst kein großes Unbehagen. Als es vorbei war. seufzte ich erleichtert auf und dachte, ich könne nun gehen. Aber ich hiüe mich geirrt ; noch zwei Mal mußte ich mich der angenehmen kleinen Procedur in dieser schrecklichen Stunde unterwerfen. Nachdem sie ihr Werk beendet hatten, fühlte ich mich so schwach wie ein kleines Kind und hätte mich am liebsten in eine Ecke gesetzt und ausgeweint. Dies genügt," sagte der Operateur, wischte kaltblütig seine Lanzette ab und schenkte mir ein Glas Cognac ein. Fürchten Sie sich nicht", lächelte er, als ich das Getränk mißtrauisch betrachtete, dieses Mal ist es aus einer anderen Flasche." Ich machte eine abwehrende VeweKunz und schlich hinaus. Wie ich nach
Hause kam. ich weiß eS nicht, aber das Erste, was ich that, als ich mich in meinen vier Wänden in Sicherheit wußte, war, daß ich in den Spiegel schaute, ob mein Haar noch braun sei. Seit dieser Zeit habe ich dem Westen nie wieder einen professionellen Besuch gemacht. Man weiß nicht, welche unangenehmen Ueberraschungen einen dort erwarten können. pic Wittwe. Eine. Ok'rfjicfjte in sieben Briefen, ton A. v. W. 1. Sehr geehrter Herr! Meinen innigsten Dank für Jh? freundliches Beileidsschreiben. Ich lebe ganz und für immer nur meiner Trauer. Die Außenwelt hat für mich zu existiren aufgehört, und meine Pflicht zwingt mich ebenso wie mein innerstes Bedürfniß, mich ganz von ihr abzuschließen und mich nur noch der Erinnerung an ihn, der nicht mehr ist, zu weihen. Das Trauerkleid und der Wittwenschleier sollen fortan meine einzige Tracht sein und kein weltlicher Gedanke mich in meinem unermeßlichen Schmerze stören. Trotzdem danke ich Ihnen, daß Sie meiner gedacht haben, und bitte Sie, sich dessen aufrichtig versichert zu halten. Sehr ergebenst Baronin von Raßbach. Berlin, den 5. Mai 1897. 2. Verehrter Herr von Bergen! Ihr rneuter Versuch, bei mir vorgelassen zu werden, ist mir ebenso schmeichelhaft wie rührend. Fragen Sie aber Ihren Verstand und Ihr Herz, und Sie werden die Gründe meiner Zurückgezogenheit verstehen. Ich will mich nicht zum Richter über Andere aufwerfen. Richtet nicht, auf daß Ihr nicht gerichtet werdet!" so spricht das Evangelium aber ich kann nicht ohne innerste Empörung jene leichtfertigen Wittwen mit ansehen, welche nur daran denken, sich zu zerstreuen, statt ihre Stunden in ernster Sammlung zu verbringen. Ich will ihnen nicht ähnlich sein. Hier und da nur verlasse ich mein Haus, um Blumen auf das Grab zu tragen, wo meine Liebe für ewig schläft. Dank trotzdem für Ihre freundlichen Absichten. Ich nehme Ihren Besuch als geschehen an'. Ihre ergebene Baronin E. von Raßbach. Berlin, den 10. Juni 1897. 3. Lieber Herr von Bergen! Sie bestehen durchc.us darauf, daß ich Sie empfange! Ich vermag Ihnen nicht mit Worten zu sagen, wie wohl Ihre Theilnahme meinem Herzen thut. Aber ich flehe Sie an schonen Sie eine Frau, die sich nur nach Ruhe und Einsamkeit sehnt. Die Zeit irdischer Vergnügungen, die' ich genoß so lange er noch war, sie ist mit ihm dahin für immer. Sie würden bei mir nur traurige Eindrücke gewinnen. Freuen Sie sich des Lebenö, so lange es Ihnen lacht, und vergiften Sie sich Ihre schöne Jugend nicht, indem Sie die Gesellschaft einer Untröstlichen suchen, welche die Sonne Ihres Daseins nur verdunkeln könnte. Ich würde es für einen unverzeihlichen Egoismus halten, wollte ich Andere mit in mein Unglück ziehen. Ihre herzlich ergebene Baronin Elisabeth v. Raßbach. Berlin, den 3. Juli 1897.
4. Verehrter Freund! Die Gründe, die Sie anführen, sind, ich gestehe es offen, sehr überzeugend, und vor Ihrer hohen geistigen Ueberlegenheit müssen alle meine Einwände weichen. Also gut, es sei! Kommen Sie! Die göttliche Vorsehung will es vielleicht so; aber bedenken Sie, .daß Sie bei mir keine Fröhlichkeit, kein Vergnügen finden werden und nur ernste Gespräche zwischen uns möglich sind. Es ist vielleicht sehr eigennützig von mir, daß ich einwillige, Sie zu empfangen, da aller Gewinn nur auf meiner Seite sein kann und Sie sich in der Gesellschaft einer Frau in Trauerkleidern nothwendig langweilen müssen. Sie haben es gewollt, klagen Sie niemand anders an, als sich selbst. Sie finden mich gegen Abend zu Hause. Freundschaftlichst Elisabeth v. Raßbach. Berlin, den 6. August 1897. e. Mein lieber, theurer Freund! Sie hatten Recht, Ihr Besuch hat mir gut gethan, und natürlich in den Grenzen des Möglichen! lindernden Balsam auf meine Herzenswunden geträufelt. Kommen Sie oft wieder, Sie thun ein Werk der Bermherzigkeit. Ich habe nur solche Angst, daß Ihnen der Verkehr mit einer armen Verlassenen reizlos erscheinen könnte. Wenn dem so ist, so erneuern Sie Ihre Liebenswürdigkeit nicht, ich würde es mir nie verzeihen, wenn ich Ihnen zur Last fiele. Wenn Sie aber in Ihrer Güte so weit gehen, mich nicht zu langweilig und zu ernst zu finden, nun, dann wissen Sie. daß mein, Haus Ihnen offen steht und Sie hier jederzeit willkom men sind. ' Ihre Freundin ' Elisabeth v. R. Berlin, den 1. September 1897. 6. Mein liebster, bester Freund! Wie? Sie machen mir einen regelrechten Heirathsantrag? Sie wollen Ihre jungen siebenundzwanzig Jahre auf immer an , meine Dreißig ketten? Wie ist es möglich, daß so viel Güte, so viel Mitleid in dem Herzen eines Mannes wohnt! Es ist eine schwere Frage, die ich gewissenhaft prüfen muß. Darf ich Ihr Opfer annehmen? Darf ich, die ich schon im wettenden Herbste deZ Le
bens stehe, die leuchtenden Rosen Ihres Lenzes pflücken? Außerdem wissen Sie doch, daß mein Trauerjahr noch nicht abgelaufen ist, wir sind erst im sechsten Monat. Bis dahin werden Sie Ihre jetzigen, so ritterlichen Absichten vielleicht wieder bereuen! Seien Sie versichert, daß ich Ihnen deswegen nicht zürnen würde, daß Sie für immer !n meinem Herzen den zweiten nein, seien wir offen, den ersten Platz einnehmen werden. Ihre Elisabeth. Berlin, den 10. October 1897. 7. Mein süßer, angebeteter Kurt! Noch fünf Monate! Fünf lange Monate nocb und ick bin Dein für die
Ewigkeit! Ach. Liebster, können wir nicht eine einzige Stunde von diesen fünf Monaten abstreichen? Sag, wie würdest Du darüber denken' wenn wir nach England gingen und uns heimliÄ trauen ließen? Es soll dort doch leicht sein, einen willfährigen Pfarrer ZU finden! Ich bin toll, schlecht, ruchlos sogar. Wenn meine arme Mutter mich hörte! Nein, bis zum Ende will ich demüthig und treu die Zeit meiner Wittwenschaft erfüllen. Und dann dann bist Du für immer bei mir. meinGcliebter. mein Alles, und die Pforten des Paradieses stehen uns offen! Tausend Küsse. Deine kleine List. Berlin, den 20. November 1897. Thränen. Wiener Skizze von Lioletta. Wie ungeschickt!" Die hagere Principalin beugt sich mit zorngerötheten Wangen auf die bleiche, zierliche Arbeiterin nieder. Eines sage ich Ihnen," herrscht sie die Kleine bösartig an, noch ein Bersäumniß oder eine Ungeschicklichkeit, und Sie sind entlassen!" Das junge Mädchen kämpft tapfer die Thränen nieder. Die kleinen, schlanken Finger heften mit doppeltem Eifer die Tüllpusfen auf den kecken, grellgelben Filzhut. Kein Wort der Klage kommt über die rothen Lippen, selbst in dem Herzen der kleinen Arbeiterin erwacht weder Trotz, noch Haß. Regina Behr kennt kein besseres Los; ebenso ist es ihr daheim ergangen von Kindheit an unter den Händen der jähzornigen Stiefmutter. Aber ein tiefes Weh beschleicht das junge Mädchen. Von Jduna Müller, ihrer Principalin, entladen zu werden, ist der tägliche Angstgedanke ihres Daseins. Was erwartet sie denn zu Hause ? Seufzend legt die Kleine den fast vollendeten Hut bei Seite. Zaghaft öffnet sie die Thür, die in den Laden führt. Hier sitzt Jduna Müller rechnend am Schreibpulte. Verzeihen Sie, Fräulein, ich will mir auch alle Mühe geben!" kommt es von bittenden Lippen. Die Principalin sieht mit hämischem Lächeln in das blasse, liebliche Kindergesicht.' Aber die weichen, unschuldigen Züge erregen kein Mitleid in dem Herzen des alternden Mädchens. Gleichsam neiderfüllt blickt es auf die hübsche Arbeiterin nieder. Was ich sagte, geschieht! Gehen Sie nur an Ihre Arbeit!" Mit gesenktem Haupt verläßt die Kleine den Laden. Thräne um Thräne rinnt an den bleichen Wangen nieder. So ist's Abend geworden. Als Regina Behr die Ladenthür schließt, tönt ihr die schrille Stimme der Principalin nach. Sie sind entlassen! Zur Abrechnung kommen Sie morgen Mittag!" Dumpfes Entsetzen packt die Arbeitslose, jäher Jammer vor dem kommenden Morgen. Nicht weinen, Kind! Komm', klag' mir Dein Leid!" Gleich Sphärenmusik berühren die Worte Reginas Herz. Willenlos folgt sie dem Sprecher. Gibt es wirklich noch Mitleid auf der Welt? Soll sie es endlich kennen lernen? Sie hat ihm ihr Leid geklagt, ihr trauriges, ödes Leben geschildert. Es soll besser werden," lacht er. Komm nur mit, Kind." Da hat sie in einem großen, heller leuchteten Saal gestanden wirbelnde Paare drehen sich im Takt nach schrillen, ohrenzerreißender Walzermelodie. Schwüle Wein- und Cigarren dufte rauben ihr fast den Athem. Da fühlt sie sich von kräftigem Arm umschlungen. Komm, Liebchen! Daß'wir's machen, wie die Anderen." Schwindelnd schließt sie die Augen, ohnmächtig folgt sie seinem Willen. Und als er die bleiche Tänzerin an einen einsamen Tisch führt, preßt er seine Lippen stürmisch auf ihren rothen, frischen Mund. So vergißt man Herzeleid!' Wie, Kleine?" Er läßt eine Flasche goldglänzenden Wein bringen, leicht zieht er das Mädchen an seine Seite nieder.
Doch bevor sein Glas an dem ihren klingt, hat sie sich erhoben, geisterbleich, mit wankenden Knieen. Führt Mitleid zur Schande?" Gellend hat sie es gerufen, dann stürzt sie planlos hinaus, durch jäh zurückweichende Paare Hörten Sie Nichts?" fragte ein schlanker Bursche athemlos an der Do naubrücke anlangend, wo in wildem Strudel das Wasser zusammenschlägt. Der Schutzmann schüttelt erstaunt das Haupt. Der Wind pfiff über den Fluß!". Bei Jduna, Müller ward die kleine Arbeiterin' nicht wiedergesehen DenBetrügerzu betrügen ist nicht schön doch machts Vergnüaen. .- '
Zigeuners ErdenwaUen.
Von Conrad Alberti. Ohne Heim, ohne Ideal, ohne Vaterland irren sie umher über die ganze Erde, alle Länder durchstreifend und doch in keinem sich völlig behaglich fühlend, höchstens zu vorübergehendem Aufenthalt sich niederlassend. Ziellos und zwecklos ist ihr Dasein, sie wissen nicht, wofür sie leben, die echten, modernen Ahasverussöhne. Andere Völker, die ihre Heimath verloren, sind mit Ruhm und Ehren untergegangen oder haben gelernt, sich inmitten der anderen ein mehr oder weniger ausgedehntes Gastrecht zu sichern, ja sich ihnen völlig anzupassen und gleichzustellen. Nur die Zigeuner sind die Enterbten der menschlichen Rasse geblieben, zu zäh, um einer ruhmvollen Vernichtung anheimzufallen, zu wenig geschmeidig, um in fremde Sitten und Eigenart hineinzuwachsen, im nüchternen und fleißigen Europa, in dem alles durch Uebereinkunft und Ordnung gebunden ist, die Zllgellosigkeit und Bequemlichkeit ihrer verlorenen asiatischen Urheimath bewahrend. In Deutschland, in Spanien, in Ungarn, Serbien, der Türkei habe ich die Zigeuner beobachtet. Unterschiede bestehen fast nur in der Kleidung und m dem Grade des Glücks, mit der ihre Arbeitsscheu sich mit den wirthschaftlichen Bedingungen dieses oder jenes Landes abfindet. Je mehr die Natur der Bewohner des Landes selbst eine gewisse Aehnlichkeit mit der ihren aufweist, desto behaglicher vermögen sie sich zu fühlen, desto fester nisten sie sich dort ein, desto seßhafter werden sie. In dem fleißigen, arbeitsfrohen Deutschland sind sie ewig wandernde, gehetzte Gäste, stets nur auf derDurchfahrt, in beständigem Kampfe mit der Gendarmerie. Aehnlich im heutigen Frankreich. In Südungarn fühlen sie sich wie zu Hause, und in einzelnen Gegenden Andalusiens, des trägsten Landes Europas, treten sie beinahe wie die Herren auf. In Sevilla so gut wie in Südsibirien sind sie unentbehrlich, und doch betrachtet sie der Eingeborene noch immer mit Scheu, ja mitAbscheu, wenn er sie selbst aus dem eigenen Hause nicht entfernen kann. In Granada, in den Felsen- und Schmutzhöhlen des Albaicin, ist der Zigeuner vor allem Bettler und tanzender Sänger, aber darin unterscheidet er sich nicht vom Einheimischen, denn ganz Granada lebt vom Bettel. In Sevilla betreibt er das einträgliche Gewerbe des Fleischers. Triana, die alte Trajansvorstadt jenseit des Guadalquivir, ist fast ganz von Gitanos bewohnt: niedere, schmutzige, recht unpoetische Hütten. Von blendender Wirkung aber ist ln der großen Cigarrenfabrik von Sevilla der Saal der Gitanas, ein großer, von maurischen Säulengängen durchschnittener Raum, darinnen Hunderte von Zigeunermädchen, die meisten bildhübsch, schwarzhaarig, mit funkelnden Augen, jede eine echte Carmen, jede in grellbunter Jacke, jede eine Rose im Haar und eine Wiege mit einem Kinde neben sich. Da ist ein Geschrei, ein Drängen, wenn der Fremde hereintritt, ein Betteln um ein paar Kupfermünzen für das Kleine!" In Ungarn sind sie die Musiker der Ungar liebt die Kunst der Töne leidenschaftlich, aber er ist selbst gänzlich unmusikalisch. Der echte Magyare verachtet den Zigeuner, aber er kann ohne ihn nicht leben, und wenn dieser ihm seine Lieblingsmelodie in's Ohr geigt, wirft er ihm in der Ekstase die gefüllte Brieftasche zu. In Serbien sind die Zigeuner Dienstboten, sie verMitteln den Verkehr über die Straße, tragen Bestellungen aus, holen vom Markte ein. Welch herrliche- Erscheinungen habe ich unten am Donauufer in der Gegend des. Eisernen Thores beobachtet! Braun und hager, mit brennenden Augen, , mit wahren Cameuiprofilen. in der aufrechten Haltung von Fürstinnen und Königinnen. In Konstantinopel haben sie ihre Niederlassungen in den alten byzantinischenMauern aufgeschlagen, weit draußen, am Thore von Edirne in der größten Entfernung von den Frankenvierteln. Gemeinsam ist ihnen allen der Name mit dem sie sich nennen, Rom".gemein. sam die alte, dem Indischen verwandte Sprache, Gemeinsam Charakter und Sitten. Viel ist über die Zigeuner geschrieben, viel gefabelt worden; sie haben nichts von der edlen Romantik, die ihnen die Dichter geben, sie sind nicht so schlimm, wie das Volk sie zu beurtheilen pflegt. Sie sind unfähig, sich zu verändern, sich zu heben. Man hat auch nie gehört, daß ein Zigeuner etwas Tüchtiges geworden wäre, etwas Besonderes geleistet hätte nicht einmal als Musiker, so viel sich hervorragende Gönner, wie der Erzherzog Josef in Ungarn, such Mühe mit ihrer ErZiehung gaben. Zum systematischen Erlernen einer Kunst oder Wissenschaft sind sie nicht zu bringen. Sie machen Musik nur nach dem Gehör ein Studium der Harmonielehre to'äxt ihnen unmöglich. Sie sind keine Räuber, keine Wegelagerer, aber sie sind die geborenen Spitzbuben. Der Begriff des Eigenthums fehlt ihnen vollkommen. Sich ein müheloses Dasein sichern auf Kosten Anderer ist ihr Hauptwunsch. Sie sind geborene Akrobaten, kein Gitter ist für sie zu spitz, keine Mauer zu hoch. Sie schleichen sich in ein Zimmer und rauben es aus, sie nehmen Uhr und Börse vom Nachttisch, ohne daß der daneben Schlummernde .das Mindeste merkt, sie schleichen wie auf Geistersohlen. und nur ihr zurückbleibxnder, eiaenthümlicher, mäuseartiger Geruch verräth ihre Spur. Durch die kleinste Spalte im Zaun oder Gitter weiß der Zigeuner zu schlüpfen, und ist er einmal im Hause, so bindet er alle Thüren fest zu, um nicht überrascht zu werden. Er stiehlt, oü mit .dem offenen Weffer
im Munde, 'wird er aber überrascht, p vertheidigt er sich nicht, sondern rennt davon. Schmutz und Aberglaube sind seine charakteristischesten Eigenschaften, Hühner, Gänse, Pferde, Juwelen sinddie Hauptgegenstände seiner Begehrlichkeit. Da geht er mit der äußersten Schlauheit zu Werke. Meist stiehlt er
Pferde, wenn ein paar Tage später in derselben Gegend einPferdemarkt stattfindet. Auf dem hofft dann der Bestohlene sein Eigenthum wiederzusehen und unterläßt die fortige Verfolgung. der Zigeuner aber ist indessen mit der Beute über alle Verge. Jeder Zigeuner besitzt eine Wurfangel, in deren Gebrauch er Meister ist mit ihr holt er durch geöffnete Fenster von außen Decken. Geschirr u. dergl. aus dem Zimmer und schleift es nach. Stechapfelsamen, der vor Verfolgung schützen soll, läßt er am Thatort zurück. Ob die Zigeuner Kinder stehlen? Es ist nicht ganz klar nachgewiesen. Nach ihrem Aberglauben bringen rothhaarige Kinder Glück, es sind Kinder der Sonne." Sie, als eine Art rnas cottes, sich anzueignen, mag der Zigeuner versuchen, im übrigen ist er selbst meist so kinderreich, daß er kaum nach fremden Geschöpfen noch Verlangen tragen wird. Dankbarkeit kennt der Zigeuner nicht. Ein österreichischer Bauer nahm ein elendes Zigeunerweib barmherzig auf, ließ sie in seinem Hause entbinden, pflegte sie, versorgte sie mit Wäsche zum Dank dafür brach ihre Bande, nachdem das Weib geschieden war, bei ihm ein und nahm alles mit. was nicht niet- und nagelfest war. Während ihrer Krankheit hatte das Weib alles ausspionirt und Schlüsselabdrücke gemacht. Der Zigeuner betrachtet sich eben als im Krieg mit der menschlichen Gesellschaft, in dem alle Mittel gelten. Seine religiösen Begriffe sind höchst roh. Er macht kaum einen Untericyied zwischen Gott und Teufel, selbst wenn er christlich getauft ist. Ein Engländer übersetzte das Evangelium in die Zigeunersprache: Die Zigeuner steckten es als Talisman zu sich, wenn sie stehlen gingen. Nur vor den Todten haben sie Angst, bei ihnen schwören sie, und sie sollen selbst nicht mehr lügen, wenn man sie ihre Aussagen bei den Todten" machen läßt. Ihre furchtbarste Waffe aber ist ein geheimes Gift, Dry" genannt, ein braunes Pulver, angeblich aus den Sporen eines Pilzes zubereitet. Es wird in lauwarmer Flüssigkeit gegeben; die Sporen entwickeln sich im menschlichen Körper, erzeugen Fieber, Husten, Tod. In der Leich: stirbt auch der Pilz ab, zerfällt und ist 14 Tage nach dem Tode nicht mehr Nachweisbar. Unter einander leben sie beinahe ohne Gesetz und Recht. Scham, weibliche Ehrbarkeit,Heiligkeit der Ehe sind ihnen nur in Ausnahmefällen vertraut. Unter ihnen kommen wüthende Schläaereien, Kämpfe Intriguen box, und ein Einzelner, der sich gegen die Bande vergeht, wird fürchterlich bestraft, gewöhnlich durch Zerschmettern der Kniescheibe. Allerdings ist auch die Heilkraft ganz unerhört, die ihr Körper besitzt. Beim Zigeuner kann man zusehen, wie seine Verletzungen zuheilen", sagte ein berühmter Chirurg. Für die Welt, für die Behörden haben sie bürgerliche .Namen aber unter ihnen existiren diese nicht, da sind ihre Namen wie die der Indianer von Eigenschaften begleitet: der Kahle", der Lahme", das scharfe Messer" u. s. w., die sie für das Leben behalten. Einige, ganz wenige Versuche sind geglückt, den Zigeuner anzusiedeln und zur Arbeit zu erziehen: In Wittgenstein in Westphalen soll sich eine kleine Kolonie befinden, die sich zur allgemeinen Zufriedenheit hält. Im allgemeinen bilden sie im modernen Leben eine Art Anti - Gesellschaft, die jeder sozialen und persönlichen Entwickelung unfähig ist, deren Grundsatz die Zügellosigkeit ist. Es sind die wahren, die eigentlichen Anarchisten I Der ssrühlingsdichter. Von W. Mader. In mein Poetenstübchen -Da dringt die Sonne nicht, Kein Ofen verbreitet Wärme, Keine Lampe verstreuet Licht. Ich liege bis über die Ohren Im Bett und rege mich nicht; , Die Tinte ist eingefroren, - Sonst schrieb' ich noch manchesGedichi. Das ist ein Glück für Deutschland Und für die ganze Welt Ich bätte ein Bändchen Gedichte Bis zum Frühling sonst fertig gestellt. Doch wenn der Lenz erscheinet Und wenn der Himmel blaut. Mein Stübchen sich durchwärmet Ujid meine Tint' aufthaut, Dann, dann wenn die linden Lüste, Die Blümchen, der Sonnenschein Der Lenz mich und die Tinte Aufthaut hol' ich's wieder ein! Die Frage : S h a k e fpeare oder Bacon? ist nunmehr für immer aus der Welt geschafft. Auf die einfachste Weise von der Welt wurde sie von einem ungarischen Theaterdirector gelöst. In der Biharer Gemeinte Jllye bereitete diese? Theaterdirector. Zöltan Berestyey. ein Sensationö - Ereigniß vor, das durch folgenden Theaterzettel gebührend angekündigt wurde: Jllye? Ungarisches Th--. ter. Nach Gottes heiligem Willen Jahre 1899 nach Chr. Geb. am 22. Januar wird gegeben, zum ersten Llale: Romeo und Julia. Sensaticne' weltberühmte Tragödie in 5 Aus 2 mit Gesang, Tanz , und b-engalisc:? Beleuchtung von Wilhelm Shak:s7:-i2. r Der Autor wird der V urj cz wohnen! '
