Indiana Tribüne, Volume 22, Number 179, Indianapolis, Marion County, 19 March 1899 — Page 7
Arcmenreiz. Von M.'Weyr. ' Wodurch Frauen gefallen, durch welche natürliche Gaben oder Kunstgriffe sie anziehen oder fesseln, um welches R-jzes willen sie geliebt werden, diese Frage heischt so viele Antworten, wie eine sechsziffrige Zahl Combinationen zuläßt. Sie verliert sich einfach :r3 nicht mehr im Kopfe Auszurechnende. Ein Mann kann überhaupt keine andere Lösung finden als: jede Frau besitzt ihren eigenen Reiz, und derjenige ist ihr stärkster, der ihr individuellster ist, den sie mit Keiner oder möglichst wenigen Anderen theilt. Da mit ist aber noch garnichts gesagt. Zine Frau tritt der Frage schon näher. Sie weiß gewöhnlich sehr gut. wodurch sie gefällt, begreift aber nicht, daß sie auch aufhören kann, zu gefallen, und ganz und gar unverständlich wird ihr immer und ewig bleiben, wodurch eine Andere Gefallen erweckt. Sie weiß nur eines sicher; daß, wenn sie aufhört, zu gefallen, nicht im Allgemeinen, sondern einem Bestimmten, daß da die Andere- dahintersteckt, die ihm" eben besser gefällt. Welche Andere? Die Andere" ist wohl meist von Fleisch und Blut, aber sie muß es nicht sein, und ist .nicht die am meisten Gefährliche, wenn sie es ist. Die Andere", um derenwillen man eine Frau verläßt, kann eine Erinnerung oder eine Hoffnung sein, das Ideal, dem der Mann, besondrrs der geistig schaffende, nachjagt, an das er sich mit sehnenden Händen Zlammert, es kann sei Arbeit, seine Pflicht sein. Wenn ich mh so die . verschiedenen 'Arten von Franenreiz in Erinnerung bringe, die ich beobachtete, treten mir merkwürdlIerweise nicht so deutlich die Bilder lebender Flauen vor Augen, wie ein Bild, welches Frauen darstellt, die vielleicht nie gelebt haben, und doch deutliche! p roix äiber den Gegenstand sprechen, als alle jene, die ich gekannt habe. Das Bild hängt in einer kleinen mittel-itälienischen Stadt, wie sie zwischen Rom -und Florenz aus dem uralten 'Etruskerfelsboden herauswachsen. Dort, iiniiner stillen, kleinen Ga lerie eines verträumten, verödeten Palazzo ängt',es dicht neben dem Fenster, spinnnnbenumrankt, auf morscher, im chiger Seidentapete in spärlicher B5leuchtung. Auf dem Bilde schreiten drei Frauen durch eine ideale Herbstlandschaft in anmuthiger Gruppe einen Berghang hinauf. Sie tragen alle reiche, .kostbare, lang nachwallende föe wänder, die einen dunkel, die anderen hell. Uleber ihnen liegt kühler, fahl.blaue?, fröstelnder Himmel, unter ihren Tritten dürres, rothgraues Blattwerk. Die Frauen gehen so still, so müde, so rückwärts schauend, als hätten sie auf bcr Höhe kein Ziel, als den Tag ver.klingen zu sehen. Man möchte sagen, ,sie gihm .in sich. Vom Thal herauf sliegt ischon ein Schatten, ein Abendnebelstreif. .Und aus diesem lösen sich leicht, ganz unscheinbar als Hintergrundsüllung, grau in braun, zu 3estalten, ein Mann und ein Weib, im Werktagskleide der damaligen Bürgerschaft. Die Frauen oben aber sind jede in ährer Art gar sonderbar. Sie sehen aus. als ob sie warteten, immer, ewig warteten, aß die Erde eine Schuld an sie .abzahle, vor deren Einbringung sie nicht in den Himel gelangen könnten. Und roenn -man dann länger und länger hinblickt, 1a ist es, als ob ein Seufzen von ben Lippen der Ersten, der Rerchsten und Hellsten, ertönte, und als ob sie sagte: J&it armen, schönen Frauen, wie sind wrr doch übel daran! Man liebt uns heiß und glühend und rasch vergänglich wie einen Sommertag. Man liebt uns, weil wir schön, und verläßt unö .weil wir eben nur schön sind. Ist das so wenig, ist's nicht Alles, was die Natur verlangt? Hat der Mann wirklich das Recht, noch mehr zu fordern? Er täuscht sich selbst und behauptet, wir hätten ihn betrogen. , Unsere rothen Lippen begehrt der Mann, nichts als diese, und hat er sie geküßt, bann sollen sie auf einmal Allerlei sin'gen und sagen, was man nie verstanden. nie empfunden hat. Er verlangt von uns eine Seele. Uns wird die Schönheit meist zum Fluche. Ihre Macht ist Ohnmacht nur, ein Kind des Augenblicks, aus ihm geboren, mit ihm gestorben. Warum? Sagt mir, Ihr Anderen, warum wir schönen Frauen so arm, so bitter arm werden?" Schlank und voll aufgerichtet steht sie da, üppige, goldfarbige Flechten unter dem Perlennetz auf der hellen, leuchtenden Stirn. , Reben ihr die Ernste mit den firengen. halb durch den dunklen Mantel verhüllten Zügen, welche dieHand leicht auf die Schulter der Schönen stützt, -giebt ihr als Antwort eine andere, schmerzliche Frage: Arm nennst Du Dich und Deinesgleichen, schönes Weib? Sieh mich an, die Kluge, der die Natur äußeren Reiz versagte, wenn Du wissen willst, was Armuth, tiefste Herzensarmuth heißt. Du wirst nicht mehr geliebt, aber Du wurdest es doch einmal. Welches Geschöpf 'darf mehr von seinem Schöpfer fordern? Um dieses Glück hab' ich gerungen mit aller Kraft der Sehnsucht und Verzweiflung, um sie gebettelt, wie der Hund vor der Schwelle des Herrn. Gearbeitet hab ich und zehnfach mehr aeleistet als so mancher Mann. Umsonst. Dann demüthigte ich mich, verleugnete mein Wissen und Können, trat meinen Stolz und meine Frauenwürde in den Staub, nur um den anderen zu gleichen, den anderen, die man nicht fürchtü, sondern liebt. Ich wäre in den Tod gegangen für d'tydcr mir das Leben erschlossen htte. Umsonst. Man mied mich. Ich war nicht häßlich. Schlimmer als daö. Ich war reizlos. Das empfindet der Mann als persönliche Beleidigung. DcrS verzeih! ti nie Vor Dir und mir, schöne
ffrau. liegt gleicherweise Nacht. Aber
Du hast den Tag gesehen, ich orn immer im Dämmern gewandert. Kluge Frauen achtet man, man liebt sie nicht. Fragst Du wohl noch, wer von uns Beiden ärmer ist?" Da richtet sich sanft die Dritte auf. die. welche den Strauß am Busen trägt, und wie ein verwehtes Blumenblatt flattert der Schleier von ihrem Antlitze zurück. Und betroffen, als hätten sie bis dahin nicht gewußt, wer neben ihnen schreite, sehen die Anderen sie an. Viel schöner als schön ist die blasse Frau. Sie ist hold und lieblich. Ein reifes Weib und schüchtern Kind zugleich, eine von den Frauen, die immc Braut" bleiben, vor der man wie vor einer Mutter knieen möchte, nachdem man sie als Geliebte an's Herz gepreßt, eine Frau, die da tröstet und stärkt, indem sie Trost sucht und Schutz, deren Lächeln und Thränen dem Manne heilig sein sollen? denn es liegt, was sie auch thun und sagen möge, ein reines, volles Menschenherz in ihnen. Und sie sagt: Ihr klagt über Eure Armuth und ahnt nicht einmal, was Reichthum ist. In Dir, schöne Frau, liebte man die Liebe, und Du, die Kluge, suchtest auch nur die Liebe um ihrer und um Deiner willen. Beide habt Ihr nicht selbst geliebt. Aber ich habe es. Und deshalb wurde ich verlassen. Seht mich an. Man sagte mir oft. ich sei schön, ich sei klug und ich sei auch gut. Ich weiß nicht, ob ich es für irgend Jemanden gewesen, außer für den Einen. Aber für den war ich es. Wie ein Strahlenkranz lag's, um meine Stirn, seit ich liebte, wie ein süßer, warmer Hauch ging es von mir aus, seit ich sein geworden. O wie ich ihn liebte! Und klug nannte auch er mich, denn ich lebte in der Welt seiner Gedanken. Seme Arbeit, sein Kampf, sein Ringen und sein Siegen, mein war es noch mehr als sein. Was in seinem Schaffen sich Legte, das verstand und verkörperte ich. bevor er seibst es noch qanz erfaßte. O, wie ich ihn. liebte! Änd auch er liebte mich, lange Zeit, -und dennoch verließ er mich, weil ich 5hn zu sehr geliebt. Und, aber ich, ich mochte selbst diesen Schmerz nicht um alle Freuden der Welt hingeben, denn ach liebe ihn noch immer!" Da neigen auch die beiden Ersten sich Dor der Opfergröße des Weibes. Aber aus dem Hintergründe kommt langsam das schlichte Weib am Arme des Mannes heranqeschritten.und sagt zu den Frauen: Auf Euch Allen ruht der größte 'Fluch eines Weibes, der. über dem Gewöhnlichen zu stehen. Wenn Ihr mich anblickt, seht Ihr in mir Tausende, die glücklich sind, wie ich es bin. Ihr seit ewig einsam, ich werde es niemals sein. Ich bin die Alltäglichkeit! Mich verläßt man höchstens auf kurze Zeit urid kehrt immer reuig wieder zurück. Meine Bande fesseln stärker als die der glühendsten Leidenschaft. Aus ben tausend kleinen, kleinlichen Fäden der häuslichen Bequemlichkeit. des täglichen Brotes und des ivohlgefüllten Schlummerkissens webe ich das Netz, das keiner abstreift, keiner. .Ich bin nicht schön, aber ich bin nothwendig. Ich bin nicht klug, aber ich kenne die Schwächen eines jeden. An diesen, nicht an seinen starken Seiten hält man den Mann. Ich bin die 'Ruhe, und der gesundeSchlaf, das gute Gewissen und der schmackhaft bestellte Tisch, fchaut ihn, den Mann der hier bei mir steht, mein Eigenthum mit Leib und Seele. Das war auch Einer, der zu Euch emporstrebte, der Muse zu, der schonheitstrunkenen, der gottlichen Leidenschaft. Wo ist er heute? Bei mir. Und er bleibt es auch. Mein Reiz ist es allein, der dauernd fesselt. Das merkt Euch. Ihr reizenden Frauen Das Alles hat mir das Bild des unbekannten alten Meisters in der kleinen Galerie der kleinen italienischen Stadt erzählt. Was Frauenreiz bewirkt, das wissen wir Alle. Worin er. aber eigentlich besteht, das werden wir nie ergründen. Kleine Schwächen der Bühnen großen. Zu den am häufigsten in der Eoulissenwelt sich uns präsentirenden Eharakterschwächen gehört der Aberglaube! So wählte Theodor Döring auf dem Wege zur Probe stets eine andere Straße, wenn ihm aus der schon betretenen ein altes Weib entgegenkam. Gegen das weibliche Geschlecht in vorgerücktem Alter hatte dieser berühmte Charakteristiker eine solche Antipathie, daß sich z. B. ältliche Soufsleusen jugendlich schminken lassen mußten, bevor sie sich in den bewußten Kasten setzen durften, wenn er irgendwo als Gast auftrat. Hermann Hendrichs blieb jedes Mal noch eine Stunde im Bette, wenn er zufällig mit dem linken Fuß zuerst aufgestanden war. Ludwig Devrient trug jahrein jahraus Kastanien bei sich, weil er fest überzeugt war. dadurch gegen Rheumatismus gefeit zu sein. Emil Devrient hatte eine wahre Todesangst vor Mandeln, weil er fürchtete, deren Genuß könne den Klangreiz seiner Stimme beeintr'ächtigen. Bogumil Dawison schlief nie bei unverschlossener Thür, da er dem Einbruch von Dieben vorbeugen zu müssen glaubte, und der französische Tenor Roger soll sogar viele Jahre stets ein geladenes Pistol bei sich getragen haben. da er immer in der Angst lebte, einer seiner Stimmrivalen hätte einen Meucbelmo-.e'c fix ibn gednnyen. Er hat recht. Moses Hirsch Teitelbaum liegt auf dem Sterbebette. Seine betrübte Gatten glaubt schon zu wiederholten Malen seinen letzten Au genblick gekommen und will ihm liebevoll die Augen zudrücken. Als sie dies das sechste Mal versucht, sagt Teitelbäum: .Weißt De.Sarah, sterben werd , ich, aber drängen lass' ich mer nix ' dazu! . -"
Zur Geschichte des Mainzer Karnevals. Von Dr. Heidenheimer. Die bekannte Eigenart des heutigen Mainzer Karnevals: Die Fähigkeit und Lust, sociale und politische Verhältnisse zu geißeln, die satirische Freude daran, der Gegenwart einen Spiegel vorzuhalten, aus dem auch für die Zukunft Wunsch und Begehren schauen, eigneten dem Fastnachtsleben der .goldenen" Stadt nicht immer, wenn ihm auch die Alles verbindende und versöhnende Freude an der Lust selbst nicht gefehlt haben kann. Allerdings wissen wir vom Karnevalstreiben in dem Mainz früherer Jahrhunderte nur außerordentlich wenig; nirgends findet man eine Aufzeichnung, die es uns anschaulich darbietet. Und es scheint, als ob man in der weinfröhlichen Rheinstadt dem Karneval in alter Zeit kein charakteristisches Gepräge gegeben habe, wie denn auch die Localgeschlchte nichts von Fastnachtspielen weiß, die früher in Mainz entstanden oder auch nur aufgeführt worden wären. Gewiß aber mußten viele Inhaber des derbfröhlichen Sinnes unserer rheinfränkischen Borfahren sich das ungeschminkte Scheltwort gefallen lassen, das der oberrheinische Sittenprediger Sebastian Brant gegen das Ende des 15. Jahrhundert ihnen und ihren Sinnesgenossen an derwärts zurief: die narrheyt hat erdacht Das man such freüden zu fasznach So man der selen heyl solt pflegen. Der tüfel hat das spiel erdacht So man solt suchen selen heyl Das man erst dantz am narren seyl. Der kirchen schonent ettlich nitt Sie louffen dryn, vnd durch die mitt Bnd duüt die frowen drynn beschmieren Das halt man für eyn groß Hoffiren. Solche Auswüchse überschäumender Lust sind unserer gesitteten Zeit fremd; fremd ist aber auch überwiegend ihren öffentlichen Aufzügen und Maskenbällen das Zurückgreifen auf die Antike, die in Alt - Mainz ihre wohlbekannten olympischen und mythologischen Gestalten für die Karnevalslust Herleihen mußte. Wir wissen dies, wenigstens für das Jahr 1504, aus einem Gedichte in einer Sammelhandschrift, die von dem damals weithin wirkenden elsässischen Pädagogen Jacob Wimpfeling herrührt und sich jetzt in Upsala befindet. Dietrich Gresemund, ein hochstehender Mainzer Humanist, Theologe und Jurist, verfaßte dieses kleine, lateinische Gedicht, und er schrieb es am Aschermittwoch. Jetzt sei es genug der Schelmerei, ruft er darin aus; die allzu frechen Nymphen, und Satyrn sollten nun weggehen; die Chariten sollten ihren Schmuck, Cupido solle seine Fackel ablegen; den Pfeilen und dem glatten Bogen solle Ruhe gegeben werden; Venus solle ihr Getändel einstellen oder die Wälder und die Einsamkeiten aufsuchen, Bacchus seine Thyrsusstäbe abthun. Apollo seineu Lorbeer und seine gespannte Leier und Diana ihre Jägernetze. Daß aber der Mainzer Bevölkerung, über die so schwere politische und sociale Schicksale gekommen waren, auch 100 Jahre nach Gresemund's Gedicht der Sinn für ungebundenes Faschingstreiben noch nicht verkümmert war, beweist ein kurfürstlicher Erlaß, den Scheppler in. seinem Codex ecclesiasticus Moguntinus novissimus" auszüglich mitgetheilt hat. Er ist datirt vom 14. Februar 1607, rührt somit aus der lastenden Börepoche des 30jährigen Krieges, aus der Zeit der Türkensteuer und ist an alle Eommlssariate gerichtet. Es heißt darin: Obwol Wir Ans nit versehen wollen, das man sich zu negst vorstehender Fastnacht (bey diesen one das beschwerlichen sterbensläufften.) da man den Almechtigen zu noch mehrer Bestraffung bewegen möchte, der Mummereyen, fchwelgereyen vnd anderer vppichen leichtfertigkeiten zur ongepur geprauchen oder gelüsten laßen solle. So hettet ihr yedoch nichts destoweniger vf den Eanzeln durch die Pfarrherrn insgemein anzagen vnd verkundigen zu lassen, daß man sich dergleichen Mummereyen vnd verputzens bei Bermeidung ongenediger straffen, genzlich vnd zumahl enthalten vnd abmaßen sollte. Gestalt ihr auch vermittelst der Pfarrherrn achtung darauf zu geben, vnd zum fall man diesem vnserem angelegten Gebott vnd Berbott eins vnd anderen Orts, zuwider handle vnd geleben würde, Ans zu gepurender Bestraffung zu verständigen wissen werbet." Wie man aber viele Jahrzehnte nach diesem Verbot und durchaus nicht in sorglosen Zeitläuften, am kurfürstlichen Hofe dem Mummenschanz nicht abhold war, ersieht man aus einem Eintrage, den der Hofmarschall Johann von und zu Hattstein im Jahre 1680 in sein Memoriale machte, das sich im Mainzer Stadtarchiv befindet. Rachmittagß heißt es darin, zum 5. März 1680. haben etliche Dombherren. Hoff- vnndt andere Cavalliers eine Würtschafft angestelt.sich solcher gestalt Ihre Churfürstlichen Gnaden verkleidet benebenst dem Frawenzimmer (den Damen des Hofes) präsentirt, nach mahlen inHerrn vom BubenheimbßBehausung gespeiset vnndt sich biß gegen Tage lustig, vnndt also der Fastnacht ein Ende gemacht." . Die Art und Weise, wi. der Eine das Glück, das ihm in den Schooß gefallen, zu verdienen weiß, wie der Andere sein Leid trägt und zu mildern sucht, wirr stets mit all' ihrem Gewicht erwogen werden bei der Werthung ihrer Persönlichkeit. aber auch die Mittel, mit Untn Bevölkerungsschichten ihrem Lustgefühl Ausdruck zu verleihen und welche Grenzen sie ihm zugeben gewohnt sind, haben ein Recht, als ernste Zeugen bei deren Aburtheilung auszusagen. Und o gewiß er jjoch heute wahr ist, jener
ergreifende Klang eines Karnevalsliedes, den Lorenzo Medici vor mehr als 400 Jahren in die wundervolle Sin-
nenfreudigkeit seines in Lebenssonne getauchten Florenz hinausströmte: Wer fröhlich sein will, sei es! Denn das Morgen ist nicht sicher. . so gewiß bleibt sie zu ewigem Rechte bestehen, die mahnende Aufforderung, die der Weise von Weimar der Bühne zugerufen und für alle auf der Weltbühne Thätigen mit gemeint hat, und sie gilt wahrlich nicht nur für die zwei Tage vor dem Aschermittwoch: Laßt Phantasie mit allen ihren Chö- ' ren, Vernunft, Verstand, Empfindung, Leidenschaft. Doch, merkt euch wohl! nicht ohneRarrheit .hören!" Am Vrcujwcg. Von E. Wilmar. Ich kann und will nicht bleiben! Alles in mir lehnt sich dagegen aus, murmelte Annemarie düster vor sich hin. Am Gartenthor lehnend, schaute sie hinaus auf die friedlichen Fluren, wo sie als Kind unter Blumen gespielt. Run aber hatte der Sonnenschein keinen Glanz, die Blumen keinen Reiz für sie. Sie sah nur, daß die Schatten der sinkenden Sonne näher und immer näher krochen bis dicht zu ihren Füßen hin. Da wandte sie sich und kehrte auf dem schmalen, von Stockrosen und Dahlien eingefaßten Kiespfad zum Hause zurück. Immer dasselbe!- seufzte sie. Sonnenschein für Andere, Schatten für mich." Wo ist die Tafel, Seelchen, wo ist die Tafel," klang eine dünne, zitterige Stimme an Annemaries Ohr, als sie das dämmerige Gemach betreten und beschäftigt war, ein Feuer im Kamin zu entzünden. Wir müssen's ausstreichen, Seelchen, wir müssen's ausstreichen. Heut' ist der einundzwanzigste, und am sechsundzwanzigsten kommt mein Junge heim. Gelobt sei Gott! Mach' Licht, Kind liebes, und bring' mir die Tafel." Zum Kuckuck mit der Tafel!" dachte Annemarie unwirsch, zündete aber doch die Lampe an, schüttelte die Kissen hinter der gebrechlichen Gestalt im Lehnstuhl auf, nahm eine Schiefertafel von der Wand und händigte sie der alten Frau ein, die aus glanzlosen, blinden Augen zu ihr aufschaute. Hier, Schwiegermutter, gedulde Dich ein wenig, während ich dieSuppe aufsetze." Wir müssen's ausstreichen, Annemarie, wie müssen's ausstreichen," beharrte die Alte, als die jungFrau wieder zum Feuer trat. Achselzuckend kehrte diese zurück, gab der Alten einen Schieferstift in die runzelige Hand und führte die zitternden Finger, welche durch zwei Worte am Ende einer langen Zeilenreihe einen Strich machten. Zahl's zusammen. Seelchen, zähl's zusammen," bat die Greisin. Und mit dem Stift der Reihe nach auf die stehengebliebenen Zahlen tippend, zählte die junge Frau laut: Eins, zwei, drei, vier, fünf". Fünf Tage, fünf Tage!" rief die Mutter. Wir müssen uns eilen, Seelchen, und Alles blitzblank machen und die Vorhänge anbringen. Ich glaube, wenn Du mir Alles bereit legst, könnte ich wohl den Pfefferkuchen machen, den er immer so gern aß; eh?" Nein, Schwiegermutter, Du darfst Dich nicht anstrengen und Dich womöglich krank machen," lautete die entschiedene Antwort. Was für uns gut genug ist, ist es auch für ihn." Aber Annemarie, es ist ja mein Sohn, m?in Franz, es ist ja Dein Mann, Annemarie!" Und das runzelige Gesicht unter der weißen Mütze schaute tiefbetrübt darein. Nun, nun, sei nicht böse, Mutter, ich bin heute etwas erregt. Wenn er kommt, wird Alles in Ordnung sein. Ich bin, wie Du wohl weißt, keine von der unordentlichen Sorte." Ja, ja. ich weiß. Und es ist ja auch ganz natürlich, daß eine Frau erregt ist, wenn ihr Mann heimkommen soll! Ich bin selbst jung gewesen. Seelchen, ich weiß, wie das ist." Und zufrieden lehnte die Greisin sich wieder in ihren Stuhl zurück, während Annemaries Züge einen immer Härteren Ausdruck annahmen, als sie das Gemach verließ und die zu ihrer Schlafkammer führende Treppe emporstieg. . Vor vier Jahren hatte Annemarie sich für das glücklichste Weib des Dorfes gehalten. Wie hätte auch eine Frau, die mit einem guten Manne, einem liebenKind, einem hübschen Hause, Gesundheit und angenehmen Aeußern gesegnet war, nicht glücklich sein sollen? Doch noch zwei kurzen Jahren war alles Glück dahin, ihr Gatte ein entehrter Mann, und sie, deren Frohsinn sprichtwörtlich gewesen, hatte sich in ein finsteres, hartes Weib verwandelt. Doch nur sie selbst fühlte und kannte die Wandlung die in ihrem Innern Platz gegriffen; unter den Dorfbewohnern hieß es, Annemarie sei eine gute Frau, welche die Schande von ihres Mannes Einkerkerung bewundernswerth getragen. Sie kannten den Sturm nicht, der die Seele der stolzen Frau durchtobte, als die Schande über ihr Haus gekommen. Sie ahnten nicht, welch bittere Verachtung ihr Herz gegen den Vater ihres Kindes hegte, der im Gefängniß seine Missethat abbüßte. Sie wußten nicht, daß sie die Versieherung ihres Mannes, daß er unschuldig an der gefälschten Quittung sei und das Geld für die Recknung nicht durch ihn eingezogen werden, nicht glaubte. Wenn Du unschuldig bist, so beweife es," dachte sie, aber dieser 3j
danke ward nie in Worte, umgesetzt,
denn Annemarie zahlte zu jenen eigenartigen Charakteren, deren Gedanken schlimmer sind als ihre Handlungen. Die Tage vergingen. Wie endlos schienen sie der Greisin, der die Schande. einen Sträfling zum Sohne zu haben, nichts galt, so lange sie ihn unschuldig wußte. Täglich nahm sich Annemarie vor, 'der Mutter zu sagen, daß sie lieber sterben, als hier bleiben und ihn daheim willkommen heißen wolle, doch Tao um Tag schwand dahin, ohne das daö bedeutsame Wort über ihre Lippen gekommen wäre, und sie haßte sich selbst um dieser Schwäche willen. Das kleine Häuschen war innen und außen blitzblank, der Garten in Ordnung. als der Morgen des sechsundzwanzigsten heraufdämmerte, einer jener wunderbar klaren, durchsichtigen Spätherbstmorgen voll leuchtendem Sonnengold und Myriaden funkelnder Thautropfen. Der Abschiedsbrief war geschrieben und am Nadelkissen festgesteckt. Die mit Stricken umschnürte, adressirte Kiste stand draußen auf dem Handwagen, den Annemarie bis zur nächsten Bahnstation fahren wollte. Die alte Mutter hatte ihr Sonntagskleid und ihre beste Mütze auf, auf dem Herde stand der Kaffee bereit, und immer noch war das Schweigen dieser zwei Jahre nicht gebrochen. Ich möchte eigentlich noch sehen, wie ihm das Gefängniß bekommen ist," dachte Annemarie und sah nach der Uhr, die auf acht zeigte, und plötzlich kam es ihr zum Bewußtsein, daß dieser Gedanke sie während der letzten Stunden unablässig verfolgt hatte. Ich gehe bis zur Wiese hinunter," sagte sie so unvermittelt, daß die Greisin erschreckt aus ihrem Sinnen auffuhr. Das ist recht. Seelchen, geh' ihm entgegen, dem armen Jungen. Wie mag er sich sehnen, Dein liebes Gesicht wiederzusehen. Bald wird er am Kreuzweg sein." Ich gehe ihm nicht entgegen," versetzte Annemarie; sie glaubte, dieWorte laut zu äußern, aber es war nur ein Flüstern, die Mutter vernahm sie nicht. Mit düsterem Antlitz verließ die junge Frau das Haus und eilte auf einem die Felder durchschneidenden FußPfad zu einem niederen, föhrenbewachsenen Hügel, von dem sie unbemerkt die Gegend zu übersehen vermochte. Dort trafen sich zwei Wege die breite, weiße Straße, die von der nahen Stadt, in der sich das Gefängniß befand, zur nächsten Großstadt führte, und der krumme, schmale Landweg, der die Hauptstraße kreuzte und linker Hand zu ihrem Dorfe führte. Annemarie wußte, daß der Gefangene Morgens um sieben Uhr entlassen wurde und auf seinem Heimwege den Kreuzweg Passiren mußte und daß ihr nach einem Blick auf das entehrte Antlitz noch genügend Zeit blieb, heimzueilen und mit ihrer Kiste in entgegengesetzter Richtung zu verschwinden, ehe er das Haus erreichte. An einer Fichte lehnend, starrte sie mit einem dumpfen Wehgefühl im Herzen hinaus in den sonnigen, lachenden Morgen, als plötzlich eine einsame Gestalt auf der Landstraße auftauchte. Der Mann denn es war ein Mann schritt langsam, zögernd dahin und schob wie tastend seinen Stock vor sich her, als sei er blind. Annemarie that einen tiefen Athemzug und beschattete die Augen mit der Hand, um besser sehen zu können. Ja, er war es. Warum aber ging er so .... so gebeugt, so unsicher, statt in seiner stattlichen Höhe und kernigen Art dahinzuschreiten? Gewiß schämte er sich. Das war ihm recht! Näher und näher kam der Wänderer, immer mehr stringte Annemarie ihre Sehkraft an. Ja, es k?ar Franz sie kannte seine Kleidung aber es war nicht sein Gang, seineHaltung, seine Art. Näher und näher kam er, und plötzlich gewahrte sie einen grünen Schirm über seinen Augen. Alle Farbe wich aus ihren Wangen. Unwillkürlich trat sie aus ihrem Versteck hervor, eilte zur äußersten Ecke des kleinen Hügels und schaute angestrengt hinunter. Als der Mann am Kreuzwege angelangt war, blieb er stehen und verharrte wohl fünf Minuten mit gesenktem Antlitz auf demselben Fleck. Warum geht er nicht weiter?" murmelte Annemarie mit bleichen Lippen. Da wandte der Mann drunten sich langsqm und hob das Gesicht zu den Fichtenbäumen empor. , Mein Gott!" rang es sich plötzlich von den Lippen seines Weibes, und aus ihren Augen brach ein Strahl, wie er aus den Augen eine? Mutter bricht, die ihr Kind m Todcsnoth sieht. Es war ein trauriges Bild, das die Sonne dort unten beschien das arme, entstellte Gesicht mit den Blatternarben und verschwollenen Zügen. Auf Andere hätte derAnblick abstoßend gewirkt, doch in die Augen des Weibes auf dem Hügel trat ein Ausdruck tiefen, heiligen Erbarmens, innigen Verlangens . . . Da wandte der Mann sich langsam, wie nach innerem Kampfe, zur Hauptstraße zurück und setzte hier seinen Weg fort. Mein Gott! Er geht fort er kommt nicht heim!" stieß Annemarie hervor. Und ihre Kiste, ihren Groll. ihre Entschlüsse vergessend, stürzte sie den Hügel hinab, der schwankenden Gestatt nach, sie faßte des Mannes Arm und rief: Franz, Franz, Du bist den falschen Weg gegangen. Dort führt der Weg zur Heimath, 'Liebster." Ja, sieh, meine Annemarie," sagte Franz, als er auf seines Weibes starken Arm gelehnt, heimwärts wanderte, der Doktor sagte mir, ich sei traurig anzusehen, und ich dachte, Du weißt
vielleicht nicht, wann ich. herauskomme
und wollte so lange weiter gehen, bis mein Haar wieder gewachsen und Augen und Gesicht wieder besser geworden sind. Aber Du warst mir immer ein gutes Weib, meine Annemarie, und I schreckst auch jetzt nicht zurück vor mir. f r r r . . t.r. ? 5j, xitüt, kicoc, wie ico oiqe zwei Jahre überstanden hätte ohne das Bewußtsein, daßDu von meiner Unschuld überzeugt bist, das weiß ich nicht.... Unser Kleines ist also todt? Das thut mir sehr, sehr weh. Und die Mutter ist blind? Wenigstens wird Train Anblick sie nun nicht mehr erschrecken. Annemarie, mein liebes, gutes Weib, ach, wie sehne ich mich nach Hause!" Und sie, die an seiner Unschuld zweifelte, so lange er stark und gesund gewesen, nun er entstellt und hilflos ist, nun glaubt sie daran. Im Nassen! Im Nassen, im Nassen, Im Graben lieg' i. A Stoan auf der Straß'n, Hat vom Rad g'schmissen mi; Dös Radel, dös schaut aus. Daß 's Koaner mehr kennt. Mir wageln die Baner, Und im Mund alle Zähnd. Am Weg steht a Bründerl, Dort wasch' i mir's G'sicht, Trau m'r's Radel net anz'schau'n. Weil m'r z'weh dabei g'schicht; Mir bleibt in mei' Trübsal Nur an Trost auf z'letzt. Daß 's Radel mein' Freund g'h'ört, ,Denn mein's is versetzt. Im Feuer. Studie nach dem Leben von Karl Fischer. Eine Winternacht. . . . Kein Laut durchdringt störend die. Ruhe de: kleinen Stadt, eine feierliche, sonntägliche Stille liegt über ihr. Kein Wagen lärmt über das holprige Pflaster. Nur die fchlürfenden Schritte des Wächters! Da mit einem Mal flammt es auf, eine gewaltige Lohe steigt fast kerzengerade zum Himmel empor, und bald hat sich über der Stadt ein rötblich schimmernder Nachthimmel gespannt. Dann erschallen schauerliche, langgezogene Töne; ächzend und krächzen durch die Stille, durch die Nacht. Tuuh tu uh tuh, thu. tu tu uh! Feuer verkündet' der Wächter. Trommelwirbel und Alarmsignale! Das sind die Soldaten! Feueralarm: Fenster öffnen sich. Auf den verschlafenen Gesichtern der Menschen an den Fenstern nur die eine bange Frage: Wo brennt es? Endlich kommt die Feuerwehr! Ein Wagen, noch einer, die lange Leiter, die Spritze. Doch ohnmächtig stehen die Menschen vor der entfesselten Macht und Wuth! Die Feuerwehr kann sich nur darauf beschränken, das Nachbarhaus zu retten. Und alle die Menschen, welche in dem flammenden Hause sind, müssen verbrennen. Aus der Flammengluthund Wuth erklingt es zuweilen wie ei unterdrücktes wehes Angstgeschrei. v Re ette, re ettet! Aber niemand kann helfen!" Das schneidet-tief ein. ins Herz wie mit scharfen Messern. Hin und wieder reckt sich aus dem Flammenmeer ein menschliches Bein, ein Arm, wie winkend in ursäglicher, namenloser Angst, wie bittend, flehentlich bittend um Hilfe, um Erbarmen! Aber alle, alle müssen sie umkommen!" Das krallt in die Brust wie mit Geierklauen! Dazwischen das knisternde Zischen des Feuers, das Krachen der einstürzenden Mauern und Balken! Da, da seht doch auf dem Dach zwei Menschen!" Wo? Wo denn?" Dort' da auf dem Nachbarhaus!" Jetzt sind sie verschwunden, der dicke Rauchmantel hat sie eingehüllt. Und nun sieht man sie wieder. Da da, seht doch; dort!" brüllt die Menge. Ja. ja, ganz deutlich." Man ruft ihnen zu, man brüllt herauf! Doch sie wandern weiter auf den abschüssigen Dächern! Endlich " haben sie verstanden! Sie halten, eins an's andere geklammert! Man legt eine Leiter an's Haus, ein Feuerwehrmann holt sie herunter. Ein Mädchen von zehn Jahren und ein Knabe von acht Jahren im Hemde! Man umringt sie. Das sinn' ja Schuster Langke'n seine." Ja woll, ja woll, die Liese und der Franz.". Ach mein Jott!" Jemand hat sie in warme Tücher gehüllt und fortgetragen. ' Nur sie hat der gierig leckende.Flammentod verschont, nur sie die Kinder! Die schlaue Hausfrau. Frau A.: Was haben Sie Ihrem Manne zum Geburtstage geschenkt?" Frau B.: Hundert Cigarren." Frau A.: Und was mußten Sie dafür be-' zahlen?" Frau B.: Gar nichts! Zwei Monate lang habe ich ihm täglich ein bis zwei Stück aus seinem Kistchen ! genommen. Er hat's nicht gemerkt und war ganz entzuckt von der feinen Sorte!" Gut p a r i r t. Mama: Der Mann, de? Dich einmal zur Frau begehrt, muß ein recht dummer Mensch sein!" Tochter: Ja, der Dumme hat's Glück!"
Die Damen von Kalkutta.
. Eine kürzlich auS Indien zurückge---kehrte vornehme Engländerin entwirft.. von dem Leben, das ihre in Britische Indien ansässigen Landsmänninnerr führen, folgende interessante Schilderung. In keiner anderen größeren Stadt der Welt dürften die Damen der besseren Gesellschaft von einer so zahl reichen Dienerschaft umgeben fein, wie. dieFrauen undTöchter der gutsituirtcn;. in Kalkutta lebenden Engländer. Eine natürliche Folge davon ist es, daß in kaum einer anderen Gegend beider He--misphären das weibliche Geschlecht eineso grenzenlose Faulheit an den Tag. legt, wie die feine Städterin in der Metropole der mächtigsten Provinz. Ostindiens. Diese Trägheit ist durch aus nicht, wie vielleicht angenommen, wird, durch das heiße Klima bedingt das allerdings zu einer bestimmten Ta geszeit den thätigsten Menschen matt.' und erschöpft auf sein Ruhelager sinken, läßt. Im Uebrigen aber ist die Luft während der Morgenstunden von 6 bis11 Uhr und ebenso gegen Abend von 5Uhr ab eine so herrliche, daß man that sächlich in ein Paradies versetzt zu sein glaubt. In der Zwischenzeit ist in den Wohnungen der Reichen für eine imßerst angenehme, kühle Temperatur, gesorgt, die es jeder nicht von Natur trägen Frau sehr gut ermöglicht, sichmit irgend etwas zu beschäftigen. DieMehrzahl , der Kalkutter Damen ver' steht es jedoch ausgezeichnet, den Tag.,in süßem Nichtsthun zu verträumen, und erst nach dem um 8 Uhr eingenommenen Diner erwacht man, um mit! mehr oder weniger regem Interesse an. den diversenVergnügungen theilzunehmen, die sich in Form von Theatervorstellungen, Gesellschaften und Bällen; den blasirten Schönen bieten. Naturlich findet man dann erst kurz vor Morgengrauen den Weg in dasSchlaf zimmer. Das Resultat dieser anor--malen Lebensweise gibt sich in bleichen ausdruckslosen Gesichtern, müden Be wegungen und einem nichts wenigerals liebenswürdigen Temperament zu. erkennen, mit dem dann die armen. Männer und die noch bedauernswerthe-, ren Dienstboten gequält werden. Dfc in einem derartigen, körperlich und seelisch kranken Zustande heimkehrenden? Töchter Albions, die vielleicht nur ein. Jahr draußen" gewesen sind, schreiben: ihre total ruinirte Konstitution aus. schließlich auf Konto des abscheuli--chen" Klimas, das merkwürdigerweiseauf vernünftig lebende Frauen auch? nicht den geringsten schädlichen Einfluß' ausübt. Diese im fernen Bengalen, nur selten anzutreffendeSpezies erhebt. sich nämlich spätestens um 6 Uhr. Morgens, genießt nach flüchtig gemach ter Toilette ihr chota. bazen", ern: leichtes Frühstück, und unternimmt zu Fuß. zu Wagen, zu Pferde oder auch, zu Rad einen Ausflug in die reizvolleUmgegend von Kalkutta. Zurückge--kehrt erfrischt sie sich in einem lauwar men oder kalten Bade und.rscheint in: eleganter Morgentoilette blühend undmunter bei dem Zehnuhrfrühstück. Die. Zeit von 11 bis 12 Uhr, wo da5 tiffin" (Gabelfrühstück) servirt wird, füllt sie damit aus, bei kühlerem Wetter Einkäufe zu besorgen, bei großerHitze dagegen im Hause nach dem Rechten zu sehen, etwas Musik 'zu treiben und eine gute Lektüre oder Handarbeit: vorzunehmen. Nach dem Zweiuhrmahl, schläft man, bis es Zeit ist, den Bier uhrthee einzunehmen. Dann wird' große Toilette gemacht und mit dem. Gatten resp. Eltern oder Perwandteneine Ausfahrt unternommen, bei der man alle' Welt unterwegs trifft. Wer7 sich nun nach einem in angenehmer Ge sellschaft verbrachten Abend gegen 11. Uhr zu Bett begibt, der wird nichtsvon der schädlichen Wirkung des indischen Klimas, merken, das 'jedoch ßf jedes menschliche Wesen, ob Mann oder' Frau, ein sicher tödtendes Gift ist, so--bald der Unverständige den an Wahnsinn streifenden Versuch macht, dasLondoner oder Pariser Leben in jenemLande fortzusetzen, durch das der Gan--ges seine geheiligten Fluthen wälzt. Schlau. Herr von Nemeshazy wollte einmal in die Wiener Oper gehen. Nachdem er gehört hatte, daß es angezeigt wäre sich schon Vormittags um ein Billet zir bekümmern, begab er sich recht frühzeitig zur Oper, wo er suchend auf und ab ging; offenbar wußte er nicht, wo hin er sich zu wenden habe. Ein Vor übergehender bemerkte seine Verlegen heit und fragte ihn, ob er sich vielleicht ein Opernbillet lösen wolle. Als Herr, von Nemeshazy dies eifrigst bejahte., erbot sich der Fremde, ihm für fünf dulden das gewünschte Billet zu besorgen. Herr von Nemeshazy übergabihm die' fünf Gulden und wartete auf das Billet. Nachdem sich der Fremde jedoch nicht: wieder blicken ließ, winkte Herr von. Nemeshazy einem Schutzmanne und er zählte ihm, wie ihm der verdammte gazember (Spitzbube) fünf Gulden, herausgelockt habe. Der Schutzmann konnte ihm nur derr. Rath geben, in Zukunft vorsichtiger zu. 'sein und zeigte ihm den Schalter, wo Herr von Nemeshazy nun eigenhändig ein Billet löste, wofür er sechs Gulden zahlen mußte. Als er wieder auf die Straße hinaustrat, schmunzelte er vergnügt und sprach: Hob' ich derr. gazember doch angeschmiert: Billeti kostet sechs Gulden und hob' rH ihm gegeben nur fünf Gulden!" Auch ein Glück. Nun, rote sind Sie mit Ihrem neuen Hausarzt zufrieden?" Ach, es ist ein wabreS Glück für mich, ihn gefunden zu haben. Früher fühlte ich mich so wohl, wie ein Fisch im Wasser: er erst hat mir c,e zeigt, wie ungeheuer krank ich eigentllH, bin!-
