Indiana Tribüne, Volume 22, Number 165, Indianapolis, Marion County, 5 March 1899 — Page 2
Wein Bcvokver. Von Willy Scharlau. Bon soir, messieursl" LcüU T.ant von Brenken betrat mit einem überaus fröhlichen Gesicht das Com.mandeurzimmer des Regimentshauses. Es ging ihm ja ach geradezu ausgezeichnet, besser noch wie sonst schon, denn ein von den Anderen stark in Zweifel gezogen Urlaub steckte in der Tasche. Zwar hatte der gestrenge Commandeur 'drei Tage ihm abgeknapst, aber 'as wußte ja der schlaue Mensch im voraus und hatte gleich mehr beantragt. Hätte er die auch noch bekommen - na, er hätte sich doch vor drei Tagen Urlaub nicht geekelt. Tag, 'Brenken, Sie bereiten sich wohl zm'Kriezsacademie vor?" meinte Oberleutnant Degen. Seien Sie nur nicht zu laut; in Ihrer Haut möchte ich im Augenblick nicht gern stecken Nanu? Weshalb denn nicht? Ist heil und ganz sauber." Kornhart sucht Sie wie tine Stecknadele Bei dem geht's heute nicht nach der Melodie Ich grolle nicht"; im Gegentheil!" Was ist denn los? Weshalb grollt d?nn meine alte Liebe?" Wissen Sie, er sucht nach dem, der ihn in die Tägliche Rundschau" und damit in den Mund der Leute gebracht hat." Au verflucht!" Brenken schnitt ein Gesicht, als hätte er auf ein Pfefferkorn gebissen. Seh' Einer, mal an! na wir hatten ja ganz recht, als wir meinten, Sie wären der Zeitungsmensch geweJen. Er hat Einen nach dem Andern sich vorgebunden, um das herauszu kriegen. Ich glaube, Sie haben ihn ' niederträchtig damit geärgert." Aeußerst verbunden für das mir allerseits bewiesene Wohlwollen! Ist am Ende besser, ich drücke mich. .Wo ist er denn jetzt?" Na wo soll er sein? Hier natürlich. Er nimmt eben an, daß Sie den Heiligabend Ihres Urlaubs noch dazu benutzen werden, Ihre Weinrechnung auf den Schwung zu bringen. Wird Sie hier abfangen wollen." Ja eigentlich Aber es ist am Ende auch ganz gut, wenn ich mich mal ausschlafe. Guten Abend zu wünschen!" Bon soir, monsieür!" und daß sich Ihr Bursche nur nicht gar zu sehr erschreckt!" riefen ihm lachend einige der Kameraden nach. Aber Brenken kam nicht weit, denn in dem Augenblick, als er die Thür offnen wollte, that sie sich auf und der. Gefürchtet? stand vor ihm. Jetzt heißt's der Gesahr muthig in's Auge sehen, dachte Brenken, dem nicht ganz wohl wurde. Er sieht ja böswillig grimmig aus, aber er meint es nicht so schlimm. Nur ihn nicht erst zu Worte kommen lassen. Guten Abend, Herr Major. Ich fürchtete, schon, Sie wären gegangen? morgen bei der Abmeldung hätte ich mich wahrscheinlich nur einschreiben können, und ich wollte Ihnen doch gern noch etwas Wichtiges sagen." So so! na dann kommen Sie mal erst wieder mit rein. WaS Sie mir aber sagen wölkn, das hat 'am Ende noch ein bischen Zeit. Ich suche Sie nämlich auch. Sagen Sie mal. Freundchen, kennen Sie den Verfassr von diesem Wisch hier?" Damit zog ti aus der Tasche tln Zeitungsblatt und wies es Brenken hin. Die Angehörigen der eisernen Brigade spitzten die Ohren, denn freundlich war der Ton Kornharts nicht. Ob er ihn sehr schütteln würde? Kanonenfieber von Willy Scharlau. So kann Jeder heißen. Geschrieben muß es aber Einer von denen haben, die damals dabei waren, als ich die Geschichte erzählte. Kennen Sie diesen Herrn Scharlau? Oder sind Sie etwa ?" Ab?: Herr Major, deshalb gerade wollte ich Sie ja sprechen," erwiderte hastig Brenken, dessen Herz denn doch eine, wie er sich nachher gestand, etwas abwärtsige Bewegung machte. Ich .wollte Ihnen sagen, daß ich das geschrieben " .So so Also Sie sind dieser angenehme junge Mann, der einen bis dahin noch unbescholtenen Menschen in 'mt Zeitung bringt! Sehr angenehm in der That sehr." Erlauben Herr Major " .Ach was, nichts erlaube ich. Jetzt hören Sie einmal gefälligst zu, was ich Ihnen zu sagen habe. Das mit dem die Chose mir erzählen wollen, das ist ja bloß Geflunker. Mumpitz! Vor vierzehn Tagen stand es in der Rundschau", oder noch länger ist's her. Da hätten Sie Zeit genug gehabt, inir's zu sagen. Aber daß mir erst mein alter Compagniechef aus dem Feldzuge her einen Condolenzbrief mit dem Fetzen da schicken mußte, das ist ein Scandal. Freilich über den Brief habe ich mich riesig gefreut, na und dem haben Sie's auch zu danken, daß ich nicht deutsch mit Ihnen rede. Sagen Sie selbst mal, meine Herren von dn Brigade, ist's nicht ein Scandal, "dajj dieser Dachs hier mich so in den Mund der Leute bringt?". Na ob", meinte Hauptmann Kraft, die tüchtigste Kraft der Brigade. Er hatte an dem Augenzwinkern des MaZors gemerkt,, daß der Kirn eigentlich schon verraucht war. Fragen mußte er vorher unter allen Umständen." Ja aber, dann hätten Sie mir es doch nie erlaubt, Herr Vajor," warf Brenken mir kläglichem Ton ein. Kornhart achtete aber der Zerkni? schung nicht, sondern sagte' kurz: Bis jetzt immer nur in die Zeitung gekominen wegen Avancement der Orden ; das schändet nicht. Verlobungen, Kindtaufen und so was habe ich ja bis jetzt mit Gottes Hilfe noch ülücklich der. Moden.- -J.
Na, na!" warf Kraft ein, vor zwei fahren gelang 8 Ihnen doch, in die Zeitung zu kommen, ohne Avance, men! und Orden." Der Major drehte sich mit halb a chende, halb grimmigem Gesicht zu der lachenden Corona um. Sie meinen natürlich das verdämmte Käseblatt die Geschichte, als ich mir die Unterofficiere vornahm und ihnen das verfluchte Geschimpfe verbot. Na ja und daß ich ihnen da sagte, sie wären auf einem Exercirplatz und nicht im Reichstag, und hät ten sich dem entsprechend zu benehmen. Herr Gott ja, ich hatte mich ein bischen vergaloppirt, und ich gebe ja zu Natürlich, ich hätte es ja ein bischen leiser sagen können. Aber das entschuldigt diesen jungen Herrn hier doch durchaus nicht." Nein, sicher rnchi, Herr Major," sagte Brenken jetzt in bittendem Tone, und ich sehe vollkommen ein, daß ich vorher erst hätte sragen müssen." Ein bischen spät kommen Sie frei lich zu der Einsicht." Brenken sah den Blick nicht, den der Major den Kameraden zuwarf, sonst Wäre ihm sehr viel wohler geworden. .Uebrigens sagte man mir, daß Zeitungen für solche Sachen sogar bezech len. Haben Sie denn für den Schmarren auch etwas bekommen?" Brenken wurde verlegen, nickte dann aber mit dem Kopf. JUa nun aber schlägt's dreizehn!" rief der Major in heller Entrüstung auZ. Dafür lriegt der Mensch auch noch Mammons für solch'Geschreib sel rvie viel denn, wenn ich fragen darf, sehr verehrter Herr Schriftstell? Die Frage ist wohl sehr in 'discret? Sie werden ja ganz roth; na, dann sagen Sie's mir draußen! Damit schob Kornhart seinen jungen Kameraden zur Thür hinaus und schloß sie hinter sich. Als sie nach wenigen Minuten wieder eintraten, schmunzelte der Major und strich sich den langen Schnurrbart, während Brenkens Gesicht wieder nach Urlaub und gut Wetter aussah. Wollen Sie einen Augenblick herhören! Dieser junge Mann ist zu der löblichen Einsicht gekommen, daß er ein ganz gräßliches altes Ekel sei, sein Ausdruck, nicht meiner und hat mir erklärt, er fände die Sühne, die ich ihm für seinen Frevel auferlegt habe, nicht nur sehr gelinde, sondern wonnig. Na nun rönnen Sie reden, Verurtheilter" Meine Herren!" Jetzt sagt er nicht messieurs!" -rief Degen dazwischen. .Meinethalben auch messieurs ! Ich gebe die zehnte bis zwanzigste Flasche Wiltinger! Wer giebt die erste bis zehnte?" Neunte, meinen Sie," brummte Kornhart. Ich gebe die erste bis dritte." Er näherte sich seinem angestammten Herrsche.rsitz auf dem lederbezogenen Sopha, von welchem der ihn einnehmende Leutnant sofort wie von der Spiralfeder geschnellt in die Höhe fuhr. Das war so selbstverständlich, daß der Major kaum dazu nickte. Drei Hurrahs für den Major!" rief der Hauptmann Kraft lachend? und Hurrah! hurrah! Hurrah!" er tönte es aus den Kehlen der eisernen Brigade. Im Handumdrehen war die vierte bis neunte Flasche gezeichnet. Nun aber keine Müdigkeit vorgeschützt!" meinte Kornhart, der sich eine seiner machtigen Havannas anzündete. Ich habe meine Schuldigkeit gethan, thun Sie die Ihre. Immer noch besser so, als daß Ihnen der Sündenlohn auf Urlaub immer in der Tasche brennt." Als die Gläser aneinander klangen und das erste allgemeine Prosit verklungen war, sagte der Major, indem er Brenken zunickte: Das ist das erste Gute, was Sie unbewußt verbrochen haben, denn obgleich ich kein Agrarier bin, Durst habe ich doch. Das Zweite aber und Bessere, daß ich einmal wieder von meinem alten Compagnie-Chef von dazumal gehört habe; daß er noch lebt, daß es dem alten Herrn gut geht." Wer war denn der?" fragte Einer aus der Runde. ,Bon Euch leimi ihn ja doch Niemand mehr. Herzog hieß er und war in ganz famoser Mann. Das heißt im Kriege. Zu Hause hatte er Angst; nicht als ob er verheirathet gewesen wäre, gwg ihm wie mir, Anschluß verpaßt. Ich meine, er hatte Bammel vor den Vorgesetzten. Allerdings nicht ohne gewisse Berechtigungdenn im Frieden tonnte der alte brave Hanptmarm nicht drei Männ über den Rinnstein führen, ohne daß er , nicht wenigstenseinendado.: drin liegen ließ. Aber ine Seele von Mensch; wollen mal auf sei Wohl austrinken. Kmd, ich kann keine leeren Gläser sehen." meinte er dann zu dem neben -ihm sitzenden Leutnant, der sich lachend beeilte, dem Wunsch des Altern nachzukommen. Und die vollen, Herr Major?" Kann ich auf den Tod nicht ausstehen. Prosit! trinken Sie mal aus!" Da erinnert mich der alte Herzog daran, wie ich theilweife in französische Hände gerieth." Na nun?" Wie denn das?" Sie in französische Hände gefallen?" Ist . ja wohl gar nicht möglich!" So klang es durcheinander, und Zur Feier des Tages müssen Sie uns das erzählen, Herr Major!" rief Brenken. Aha! der Löwe hat Blut geleckt. Was diese Schriftsteller für eine ansteckende Kinderkrankheit ist heutzutage! Natürlich wollen Sie die Geschichte dann wieder schleunigst' zu Papier bringen. Sehen Sie nur, meine Herren, diesen pflaumenweichen Augcnaufschlag an , bitte, der genügt. Sie sind ein ganz greulicher Mensch, Brenken, und wenn Gie
nicht sonst ein leidlicher Kerl wären Na ja. ist schon gut, meinetwegen, aber " Aber?" Sollte die Zeitung wirklich die na ich meine Ihr Geschreibsel nehmen und sogar noch honoriren so nennt man ja wohl berappen mit ein'm guten deutschen Wort dann " und der Major zeigte mit dem Finger auf die Flaschen und die feuchtfröhliche Runde. Das versteht sich von selbst." rief Brenken. Die Andern aber gaben durch stürmisches Bravo und auf andere freundliche Weise ihrem Beifall Ausdruck. , Nicht zugießen, mein Freund," brummte Kornhart, als ihm sein Nachbar. mit der Flasche zu nahe kam. Warten Sie, bitte, bis ich ausgetrunken habe. So, bitte, jetzt thun Sie Ihren Gefühlen keinen Zwang an." Dann that er ein paar mächtige Züge aus der Cigarre und begann zu erzählen. Eigentlich standen wir Beide bei derselben Compagnie, der des Hauptmanns Herzogs, mein Freund Thiei und ich. Aber er war als Führer des Patrouillenzuges zum andern Bataillon commandirt und so hatte ich ihn die letzten Tage über kaum zu Gesicht bekommen. Wir, das erste Bataillon nän'lich, waren in Vorpostenreserve, und die zwei angenehmen Tage wurden redlich benutzt und ausgebeutet, die Tage zum
Essen und Trinken, die Nachte zum Schlafen. Alles in Vorrath. Ich glaube, esvar am 14. O'.tober genau weiß ich eö nicht mehr ja, es wird schon stimmen. Wie lange ich bereits geschnarcht hatte, das weiß ich nicht.' Ja, junger Freun), ich schnarchte damals . auch schon. Uebrigens, lachen Sie reicht, trinken Sie lieber mal aus. Sie sollten im Gegentheil floh sein, wenn Sie auch schnarchten. Mir hat daS immer in Quartieren ein Zimmer für 'mich eingebracht. Aus dem Fluchen gequält?r schlafloser Nachbarn habe ich mir mein Lebtag nichts gemacht. Na jedenfalls lag ich im tiefsten Schlummer, als mich Jemand am Arm packte. Du, borge mir mal Deinen Revolver." Ach Unsinn! Revolver borgen. Habe selbst keinen." Natürlich hast Du einen. Na los! Ermuntre Dich, Du schwacher Geist." Aber Junge, ja ja! Ich entsinne mich. Das alte Schießeisen muß. da irgendwo in meinem Koffer sein. Aber ich geb' ihn Dir nicht. UeberHaupt, was willst Du denn damit?" Du kannst ihn mir doch borgen. Ich gehe nachher Patrouille und " Red' doch nicht so was. Das Ding mitnehmen ist der reine Selbstmord. Wenn die Kanone losgehen soll, thut sie's nie, und wenn man sie friedlich an der Seite hat, dann knallts. Wenigstens ohne Patronen. Schmeiß damit, das ist das Sicherste!" Thien. denn er war es, der mich geweckt hatte, lachte und machte Licht. Wo ist er denn?" Suche ihn Dir nur allein. Nachher werde ich womöglich für das Unglück, welches das Ungeheuer anrichtet, verantwortlich gemacht. Fällt mir gar nicht ein! Damals dem Bicespieß in der Eisenbahn, der ihn sich zu neugierig ansah, ging er in derHand los, und daß er Keinen von uns traf, ist ein blaues Wunder gewesen." Hier ist er!" rief Thien, der die im Futteral steckende Waffe gefunden hatte. Wo sind denn die Patronen?" Hab' keine mehr! weggeschmissen! So Gott will, schießt ein Besen. sagen die Russen. Das Ding geht auf Commando doch nicht los. Ich habe wie toll gedrückt, als der Athos von der Chateignerie, Du weißt, der alte Köter, hingerichtet werden sollte. Pustkuchen, nicht für viel Geld." Wahrscheinlich nicht entsichert!" So! nicht entsichert. Weshalb ging denn der Satan gleich nachher los, als ich ihn wieder umgeschnallt hatte und brachte mir außer dem zerlöcherten Rockschooß auch noch beinahe drei Tage vom Major ein?" Na, wenn Du keine Patronen hast, dann Ja, da sind ja noch ein paar." Da hast Du ja Deinen Willen," knurrte ich. Nun laß mich aber in Ruhe und blas das Licht aus. Morgen kannst Du schlafen und ich nicht." t Ungefälliger Mensch! entschuldige nur die Störung. Ich bringe Dir das Ding morgen wieder." Thien blies dasöicht aus und tastete sich zur Thür hinaus. Ich schlief sehr bald wieder ein. Da riß mich wieder Jemand aus Morpheus' Armen, .merbittlich. So weckte nur mein Bursche, der da wußte, daß kleine Mittel nicht zum Ziele führen. Natürlich war ers, - und ich wurde auch sofort völlig munter, als ich seine keuchende Stimme horte: Aufstehen, H?rr Leutnant! Die Patrouillaziige sollen sofort alle losgehen." Was ist los? wir soflen losgehen? Unsinn, das zweite Bataillon ist ja vorn." Das ist egal, die beiden anderen auch. Herr Oberst hat eben hergeschickt. Herr Leutnant Thien ist in Rueil erschössen." Es war, als ob der Blitz neben mir in die Erde schlüge. Thien erschossen! Natürlich dachte ich nur an dieses -Biest von Revolver, welches ich Unglücksmensch ihm geborgt hatte. Entsetzlich! Vor ein paar Stunden noch frisch und vergnügt hier wie lange war's denn her? höchstens vier ' oder fünf, und nun todt. Wie ich in die Kleider kam, weiß ich gar nicht. Ich stürzte zum Sammelplatz, wo ich schon den Regimentsadjutanten mit dem Befehl vorfand. , .Sosort gegen Rueil vor. Erper
Zug vom rothen Pavillon aus, der zweite, den jetzt Berndahl führt, auf der Hauptstraße, der dritte längs der Seine. Aber keine unnützeKnallerei, läßt der Oberst noch ganz besonders zumSchluß betonen, und keine Verluste." Sie wissen ja. meine Herren, aus der Regimentsgeschichte, wie es kam, daß Thien in Rueil daran glauben mußte. Er war das Opfer unseres Leichtsinns und übertriebenen Selbstbewußtseins. Da die Franzosen bislang weder bei Tag noch bei Nacht standgehalten hatten, glaublea wir. das müsse so sein. - Und als sie eines Nachts nicht mehr auswichen, geschah das Unglück, und ihn traf es. Auf drei Schritt hatte er die tödtlichen Kugeln bekommen. Der arme, liebe Kerl. Aber, wissen Sie, mir fiel doch ein Stein vom Herzen, als ich hörte, daß mein Revolver nicht die Schuld trug. Kornhart that einen Zug aus seinem Riesenrömer, so tief, daß er den Grund fand. Dann fuhr er nach einer Pause fort: Natürlich verlief unsere Expedition, wie sie verlaufen mußte, das heißt, ergebnißlos. Wohin wir auch die Nase steckten, leuchtete es vor uns auf, und das lebhafte Geknatter der Franzosen zeigte nur zu deutlich, daß sie gar nicht daran dachten, den Ort, durch den ich noch vor zwei Nachten einfach durchgebumnielt war, zu
räumen. Erst am Nachmittag kam ich zurück und konnte wenigstens noch melden, daß der Feind die nach Nanterre zu belegene Hälfte des Orts zur dauernden Besetzung einrichte. Wir hatten gesehen, daß einzelne Häuser befestigt und Barrikaden gebaut wurden. Man hat früher immer von der Ritterlichkeit der französischen Ossi., ihrem chevaleres!en Wesen und wie man das sonst nannte, viel Aufhebens gemacht. Nun, was wir bisher davon gesehen und gehört, hatte uns in der That keine groß Hochachtung inzuflößen vermocht. Was sie sich als Gefangene geleistet hatten, hatte uns eher angewidert. Selbstredend spreche ich nicht von ihrem Verhalten im Gefecht. Um so mehr erstaunten wir, als uoch an demselben Abend ein Schreiben des Commandanten der in Rueil besindlichen Truppen übergeben wurde, m welchem derselbe die Auslieferung der Leiche des gefallenen Kameraden anbot. Der Brief schloß mit warmen Worten des Beileids und ehrender Anerkennung für den Todten und auch die Mannschaft seiner Patrouille, . die nichts unversucht gelassen habe, die Leiche nicht in Feindes Hände fallen zu lassen. Doch ich erzähle Ihnen damit ja nichts Neues, denn das steht in der Regimentsgeschichte. Nun, das kann ich als Augenzeuge Ihnen erklären, daß das ganze Verhalten und Auftreten der französischen Officiere, als am nächsten Tage die in kränz und blumengeschmücktem Sarge gebettete Leiche uns übergeben wurde, tadellos war. Besonders zeigte sich der Lieutcnant-Colonel", von dem auch der Brief war, als von wahrhaft ritterlichem Geist beseelt, und wir schieden von den Herren mit der Ueberzeugung. daß es drüben doch auch noch andere Officiere gab, als die, welche wir bisher kennen gelernt hatten. Als später der Sarg geöffnet wurde, um festzustellen, welcher Art die Verwundungen Thiens gewesen seien, sahen wir, daß der Gegner dem Gefallenen sogar den Degen gelassen hatte. Noch dazu den Degen eines französischen Chasseur d'Afrique, den er seit Wörth, wo er ihn erbeutet hatte, trug. Bis dahin hatte ich an das Unglücksthier vonRevolver gar nicht mehr gedacht. In diesem Augenblick aber fiel er mir wieder ein, und willkürlich suchten ihn meine Augen. Aber vergeblich. Der Revolver war und blieb verschwunden. Wahrscheinlich hatte er sich drüben einen andern Herrn gesucht. Als in La Celle über dem Grabe die Trauersalven krachten, dachte ich mit ja, wie soll ich sagen? mit grimmige.mVergnügen daran, daß nunmehr dort in Rueil dieser Satan von Revolver seinen Unfug weiter treiben würde. Und ich war schlecht genug, ihm den möglichsten Erfolg zu wünschen. Mein Vertrauen besaß er in der Hinsicht in vollem Maße." Kornhart hob den Römer und that einen tiefen Zug, nachdem er mit ernsier Stimme den Trinkspruch gethan: Den Manen des damals Gebtteoe nen." Dann setzte er ihn auf den Tisch und beschäftigte sich eifrig damit, die aus qegangene Cigarre wieder in Brand zu setzen. Na und?" Der jüngste Dachs, der bis dahin artia in einer Ecke gesessen und bescheidentlich zugehört hatte, war'S, der seiner Erwartung mit piepsiger Stimme Ausdruck verlieh. Er hieß Hahn und war erst vor kurzer Zeit aus dem Corps gekommen. Der Major drehte den Kopf langsam dorthin, woher dies .Na und? gekomen war, und saate ernsthaft: Psui. Hähnchen! So jung und schon genußlich. Merken Sie sich. man muß lmmer dann aufhören, wenn es am besten schmeckt." Ich dachte nur Herr Major", stotterte der Kleine in tödtlicher Verlegenheit. Ich dachte! ja, ich dachte. Ich gebe Ihnen denselben Rath, den mir ein alter Onkel ausbrummte, als ich in die Welt trat. Junge!" sagte er denke nicht zu viel. Es giebt zu leicht ein Unglück." Na, ich mein's nicht schlimm, Kleiner! so ist's recht, trinken Sie mal aus." Und der Revolver?" fragte. Kraft. Also &ie auch?", erwiderte Kornhart. 'Na, dann hören Sie auch noch das Ende. Paris hatte capitulirt, wir rückten in Rueil ein, und ich durfte als Mitglied einer Commission das französische Lazareth, in welchem auch o tinigevreußischeVerwundete lagen,
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besuchen. Und wen erblickten .neine Augen? Meinen Revolver? Das Ding war zu unverkennbar, denn alS ich ihn wuthentbrannt nach seinem zweiten Attentat m die Ecke geworfen hatte, war ein Stück vom Kolben abgeplatzt." Wiedersehen macht Freude, dachten wir wahrscheinlich Beide, denn es schien mir bei Gott so, als ob er mich angrinste. Sonst sah das alte Schießeisen allerdings ziemlich ramoonirt aus. Ich trat also an das Spind und wollte eben die Hand nach ihm ausstrecken, als der uns begleitende französische Civilarzt mich am Arm ergriff und ängstlich rief: Donnerwetter, Leutnant, lassen Sie den Dreck liegen!" Das heißt, Hähnchen, genau so sagte er natürlich nicht. Nicht wörtlich, denn er sprach, wie die Franzosen das allgemein zu thun Pflegen, französisch, aber dem Sinne nach. Weshalb denn?" fragte ich und sah ihn begierig an. O, das ist ein Ungeheuer, ein schreckliches Instrument. Zuerst hatte ihn ein Moblot, dem ging er n der Hand los, was ihn einen Finger kostete. Und dann später entlud er sich noch einmal auf ganz unerklärliche Weise, was einen College so alterirte, daß t völlig nervös geworden ist. Seit der Zeit hat ihn Niemand mehr angerührt. Wer ihn in die la niain nimmt, hat sich die Folgen selbst zuzuschreiben." La Main sagte er übrigens wörtlich. Kleiner. Der Satan hatte meinen auf ihn gesetzten Hoffnungen voll entsprochen. Wenn Sie sich das Ding bei Gelegenheit mal ansehen wollen, kommen Sie zu mir. Aber nur besehen, n'cht anfassen. Patronen sind zwar nicht drin, aber das Biest bringt's fertig und geht doch los. Uebrigens ist der Wiltinger recht gut, mein lieber Brenken; weshalb Sie mich also Durstes sterben lassen wolken, ist mir unerfindlich." Wahre Liebe. Skizze von B. Neufeld. Er war ein Künstler und sie eine junge, schöne, moderne Dame aus bester Familie. Er liebte sie heiß, treu, innia- und war unmodern genug, seine Liebe länaere Seit zu . be--wahren, ehe er den Muth fand, ihr diese Liebe zu gestehen. Sie aber batte dieselbe längst bemerkt, lan ge schon, ehe er selbst sich darüber klar war. Es fiel ihr einigermaßen aus tue Nerven, daß er solch eine veraltete, langweilig-spießbürgerliche Art von Liebe hatte. y Sie sagte daher zu seinem Geständniß weder ja noch nein, sondern entwickelte ihm ihre hochmodernen Ansichten über die Stelluna der beiden Geschlechter, was ihr bei dem schon erwachten Mißtrauen ihrerseits nicht zu verdenken war. Er lauschte mit Andacht den Worten, dse dem geliebtem Munde entströmten und sicher wäre ihre Rede äußerst lehrreich für ihn gewesen, wenn er sie verstanden hätte. Das war aber nicht der Fall. An seiner Seite betrat sie sein Atelier. Was war das? Entsetzt prallte sie zurück. Gott sei Dank, daß sie sich noch mcht gebunden hatte! Täuschten sie ihre Augen? Träumte sie? War es Wirklichkeit? Malte man denn in unserem. Zeitalter noch solche Bilder? Und dieser Mensch wollte sie heirathen! Einer, der die Bäume grün, den Himmel blau malte! Und dabei so lächerlich verständlich jeder ungebildete Mensch, ja jedes Kind konnte diese Bilder verstehen! Mein Herr", sprach sie, meine Ahnung hat mich nicht getäuscht: wir' passen nicht zusammen. Ich bin ein durchaus moderner Mensch und Sie" ein mitleidig-verächtlicher Blick streifte seine Bilder, dann verließ sie. thürzuschlagend, das Atelier. Auf der Straße angekommen, warf sie sich zornig auf ihr Rad und jagte davon. Erstarrt stand der Maler und erst 'nach und nach kam ihm das Bewußtsein seiner Lage. Und mit ihm natürlich auch die Anerkennung der Berechtigung ihres Zornes! Ja, sie hatte recht, er war ein ganz unmoderner Mensch! O, seine Bilder! Diese unglückseligen Bilder, die bisher sein Glück und sein Stolz gewesen! Da in seiner maßlosen Verzweiflung kam ihm ein rettender Gedanke. Er raffte sich aus und malte malte bis tief in die Nacht hinein. Heute und morgen und noch mehrere Tage! Noch nie hatte er mit solchem Eifer gearbeitet und als sein Werk vollendet, sandte er es der noch immer Heißgeliebten! Diese hatte natürlich die Episode mit dem lächerlich uumodernen Maler fast vergessen und schlug ahnungslos die Umhüllung auseinander. ; -. Ein Schrei der Ueberraschung! Was war das? So konnte er malen? DaS war ja ihr Bild! So hatte ihn die Liebe malen gelehrt! Ihre sonst blauen Augen schimmerten - hier röthlich, ihre Lippen waren blau und die Wangen matt grünlich! Ihr Haar ringelte sich schlangen- und arabeskenähnlich um ihr Haupt. Ja, er war ein moderner Künstler das Bild hatte sie bezwungen! . Jubelnd warf sie sich auf ihr Rad und jagte seinem Atelier zu. Sein Debüt. Frau (zu dem heimkehrenden jungen Rechtsanwalt, der seinen ersten Clienten zu vertheidigen hatte): Nun, ist der Mörder freigekommen?" Jawohl auf dem Wege zum Gerichtsgebäude ist er nämlich seinem Transporteur entlaufen." Recht hat er. Zwei Herren treffen sich bei Regen- und Thauwetter mif der Straße. Dieser entsetzliche Schmutz!" Bitte, reden wir lieber Nicht von Politik.
Mystische Zahlen. Von CcheNNing'Prerot. Das Wort, wonach ein vollkom mener Widerspruch für Weise und Thoren gleich geheimnißvoll ist", hat sich besonders häufig auf dem Gebiete der Spekulation über die Zahlen, deren mystische und allegorische Bedeutung, beschästigt. Die kabbalistische Weisheit des Judenthums ruht bekanntlich auf der Annahme, daß jeder Zahl ein tie serer, mystischer Sinn innewohne. Aufstellungen über Zahlen-Allegorien haben seit den Tagen des großen Kirchenvaters Origenes, der 254 in Alex andria starb, vornehmlich bei gelehrten und ungelehrten Versuchern zur Auslegung der Apokalypse eine Rolle gespielt.' Noch älter und noch verbreiteter ist die Ansicht, daß gewissen Zahlen eine besondere Bedeutung von Heiligkeit beizulegen sei, weil sie bei denkwürdigen Gelegenheiten regelmäßig wiederkehren sollten. Dabei hat der eigenthümliche Zustand obgewaltet, daß die zur Grundlage des in der ganzen Welt geltenden Tekadensysiems gewordene Zahl zehn (der Anzahl der menschlichen Finger entnommen) bei Aufstellungen solcher Art fast regelmäßig außer Betracht bleibt. Sieht man davon ab, daß wir zehn Gebote haben und daß die Zahl der menschlichen Sinne auf fünf (entsprechend der Anzahl der Finger an einer Hand) angenommen wird, so sind immer nur die Zahlen drei und vier und die beiden aus deren Addition und Multiplikation gewonnenen Zahlen sieben und zwölf, deren außergewöhnliche Bedeutung beigelegt oder nachgewiesen worden ist. Nach uralter Annahme soll die Drei den Himmel, die Vier die Erde bezeich
nen. Von jener heißt es, daß sie als Zahl der hemgen Drel-Emiakelt, der Dimensionen und des Schritts der Zeit (Bergangenheit, Gegenwart und Zu kunft) ein für . alle Mal außer Frage stehen soll, zu Gunsten der Vier wird geltend gemacht, daß es vier Welt gegenden, vier Winde, vier Jahreszei ten, vier Temperamente, vier Sing stimmen (Sopran, Alt, Tenor und Baß), vier Fakultäten, vier große Propheten, vier Evangelien, vier apo kalyptische Thiere, vier orientalische Patriarchen, vier mohammedanisch sunnitische Konfessionen gibt. Dem könnte noch hinzufügt werden, daß Schopenhauer vier Wurzeln für den Satz vom zureichenden Grunde an nimmt. Für den Ernst, womit diese Kombi Nationen, oder einzelne davon, in frühe rer Zeit behandelt worden sind, spricht die Thatsache, daß der Kirchenvater Jrenäus, der große Schüler Polykarps, der als Bischof von Lyon und Vienne im Jahre 202 starb, die ZlZothwcndig keit, vier Evangelien als kanonisch anzunehmen, daraus ableitet, daß es vier Weltgegenden gebe. Noch' deutlicher tritt das Gewicht hervor, das den Kombinationen aus den Zahlen drei und vier beigelegt wurde und das zunächst aus dem folgenden Verzeichnis berühmter Zwölfer hervor gehen soll. Es werden aufgezählt: zwölf Himmclszeichen, zwölf Monate, zwölf Tagesstunden, zwölf Götter Griechenlands, zwölf Thaten des Herkules. zwölf Tafeln des römischen Gesetzes, zwölf kleine Propheten, zwölf Söhne Jakobs, zwölf Stämme Israels, zwölf Apostel, zwölf apokalyptische Aelteste und zwölf Paladine Karls des Großen. Ter Rolle, die die aus der Addition von drei und vier gewonnene Zahl Sieben in der heiligen, profanen und mythischen Geschichte gespielt haben soll, ist seinerzeit von einem gelehrten Theologen, dem HoraZ'Uebersetzer Pastor Dr. Strodtmann, eine ausführliche, auf zahllose Exzerpte gegründete AbHandlung gewidmet worden. Der Hauptsache nach ' enthält diese Liste Dinge, die mehr oder minder bekannt, aber immerhin mit seltenem Fleiß zusammengestellt sind. Aus der ältesten, beziehungsweise mythischen Geschichte: Sieben Hügel Roms, sieben Könige Roms, sieben jonische Inseln, sieben Wunder der Welt, sieben Städte, die sich rühmen, Homers Geburtsort zu sein, sieben Thore Thebens, sieben (von den Schriftstellern der alten Welt behauptete) Mündungen des Nil, des Ganges, des Indus und des Padus (Po), sieben (angebliche) Krümmungen des Bosporus, sieben Helden vor Theben, sieben Epigonen, sieben (alte) Weltreiche, sieben Weise Griechenlands endlich die sieben Planeten der antiken Astronomie, auf denen die Vorliebe der Alten für diese Zahl offenbar beruht hat. Aus der jüdischen Geschichte: Sieben Altare und sieben Opfer Abrahams, sieben Dicnstjahre Jakobs, sieben Tagereisen, die Esau dem Jakob entgegen gereist, sieben Aehren und sieben KüZe des Pharaonentraumes, sieben egyptische Plagen, sieben Wochentage, sieben Sabbatjahre, sieben Hall- oder JubelPerioden, siebenmal zehn Jahrwochen, sieben Arme des heiligen Leuchters, siebentägige Dauer der Priesterweihe, sieben labre des Aufentbalts Davids zu Hebron u. s. w. Wir erwähnen nur vorübergehend die Sicbenzahlen der Geschichte des Neuen Testaments isieben Bitten, sieben Krcuzesworte, sieben Diakonen der ersten. Gemeinde, sieben-Himmel, bezm. sieben Höllen) und insbesondere diejenigen der Apokalypse (sieben Gemeinden, sieben Engel, sieben Sterne, sieben Zornesschalen, sieben Siegel, sieben Hörner des Thieres u. A. m.), um einige Siebenzahlen der mittleren und neueren Geschichte hinzuzufügen. In der katholischen Kirche werden: Sieben Werke der Barmherzigkeit, sieben Todsünden, sieben Priesterweihen, sieben Sakramente, sieben freie Künste und (ursprünglich) sieben Kardinäle angenommen. Dementsprechend wurde im deutschen Mittelalter die Zahl der deut schen Kurfürsten auf sieben sestgeset't. Die Rolle, die die gleiche Zahl im deutschen Wärchen. spielt (sieben Q$n?:rtjn
sieben Berge, sieben Zwerge, sieben Äaben) ist zu bekannt, um der Ausführung zu bedürfen. Aus neuester Zeit werden an anderen Orten noch die sieben Generalstaatcn der Niederlande nnd die sieben Kantone des sogenannten Sonder bundcs angeführt. Dieses Verzeichniß ist indeß noch lange nicht erschöpfend. Es könnten ihm u. A. noch hinzugefügt werden: Die'sieben Hügel Moskaus, die sieben Waräger Fürsten des ältesten Rußland, die sieben schwedischen Konige aus dem Hause Wasa, die sieben fran zösischen Könige aus dem Hause Bourbon, die sieben preußischen Könige vom großen Kurfürsten bis zur Wiederaufrichtung des Teutschen Reiches, die sieben angelsächsischen Reiche, aus denen das Königreich England entstanden ist und endlich die sieben von Napoleon I. (oder durch dessen Einfluß) eingesetzten Könige (von Rom, Neapel, Spanien, Holland, Etrurien und Westfalen, zu denen noch die Dynastie des durch Napoleons Empfehlung auf den schwedischen Thron berufenen Bernadotte kommt.) Endlich noch einige Siebenzahlen aus der Kirchengeschichte: Die katholische Kirche nimmt sieben lateinische KirchenVäter und sieben katholische Briefe an; ebenso wird die Zahl der mittelalterlich sagenhaften großen Mystiker" auf sieben angegeben. Im Aberglauben spielt die Trei maldrei eine hervorragende Rolle. Das Festessen für die Ostertage, die stn stärke", wurde aus neun Kräutern hergestellt. An Mariä Himmelfahrt, dem Krautweihtag, wurden Sträuße aus neunerlei Kräutern (Odinskopf (Inula Heleniurn), Hirschkraut (Eupatoriurn cannabium), Baldrian (Valeriana celtica), Aberraute (Artemisia abrotonum), Beifuß (Artemisia vulgäre), Wermut (Artemisia absinthinum), Labkraut (Galium verum), Bitterfuß (Solanum . dulcamara) und Rainforn (TaDacetum vulgäre) gewunden und geweiht. Prätonus erzählt in seiner Brockenphilof?phie von diesen neunerlei Kräutern: Doch kann ich mich erinnern, daß anno 1G58 ich gleich auf Johannis Tage allhier bei Leipzig mit einem Paar guter Freunden spatziren und herbatim gegangen, von welchen mir einer sagte, wie er ernstlich von einem Quacksalber gehört hätte, daß damalen unlängst eine brocksbergische Hexin sei verbrannt worden, welche be kannt, daß sie allen hätte schaden mögen, nur zween Bauern nicht im Dorf, wel che neunerlei Kräuter in ihren Häusern gehabt, die sie am Sonntag gesammelt hätten, solche aber sollen folgende gewesen sein, wie ich sie mit dem Namen Johannes abgefaßt: jarum (Amm), Origanum (Tosten). Herba benedicta (Segendistel). Allium (Knoblauch). Nigella (Jungfer im Grünen). Nabelkraut (Potentilla). Excrernenta diaboli(Asaf oetida). Succisa(Scobinsa succisa). Aus neun Kräutern bestand auch der Kranz, den die Tanzenden um das fla ckernde Johannisseuer warfen und aus neun Holzarten bauen die ungarischen. Hirten den Holzstoß auf, den sie zur
Sonnwendfeier abbrennen. Ein unfreiwilliger Fußfall. Ein eigenartiger Theaterskandal ereignete sich in Berlin vor 150 Jahren, am 23. Januar 1749. Während die berühmte Varbarini, der Liebling des Berliner Publikums zur Zeit des Alten Fritz", auftrat, die sich bekanntlich auch der besonderen Gunst des Königs erfreute und die für jene Tage unerhört hohe Gage von 12,000 Thalern bezog, kam es im Theater zu einer seltsamen Scene. In einer Prosceniumsloge hatte der junge Legationsrath v. Cocceji, ein Sohn des k. Kanzlers. Verehrer der Barbarini, Platz genommen. Er beobachtete jede Bewegung der schönen Tänzerin, der er mit leidenschastlicher Liebe zugethan war, mit bewunderndem Entzücken. Plötzlich bemerkte der Eifersüchtige in seiner nächsten Nähe einen jungen Mann, der gleich ihm kein Auge von der reizenden Italienerin abwandte. Kurz entschlossen ergriff der Legationsrath, ein Riese von Gestalt, den schmächtigen Jüngling und warf ihn über die Logenbrüstunz hinweg auf die Bühne, gerade vor die Füße der Varbarini. , Die That gab Anlaß zu einem allgemeinem Skandal. Glücklicherweise hatte jedoch der Held des unfreiwilligen Fußfalls keine erheblicheren Verletzungen erlitten. Er erhob sich und verneigte sich vor dem im Theater anwesenden König mit den Worten: Majestät, es ist nicht meine Schuld, daß ich bier bin, der Legationsrath v. Cocceji hat mich hergeschleudert, ehe ich mir's versah." Lautes Gelächter folgte dieser Aufklärung. Der Kanzler Cocceji begab sich am nächsten Tag: zu Friedrich, um sich für seinen Sohn in's Mittel zu legen. Lachend erklärte der König, .der Eifersüchtige müßte auf eineFestung geschickt und da kurirt werden-. Der Legationsrath v. Cocceji wurde dann auch nach der Festung Glogau gesandt, aber nicht als Gefangener, sondern als Geheimer Justizrath. Gegen Ende des JahreS kehrte er nach Berlin zurück und feierte feine Vermahlung mit der Varbarini. . Der schlaue Toni. Sepp: Aber Toni, was ist denn daS für a närrische neue Mod', Bier aus 'm Goldfischglas zu trinken?- Toni? Ja weißt, Sepp. der Arzt hat mir nach meiner Krankheit ein Glas Vier erlaubt und da hab' i a mozlichst grofees Glas ausg'sucht." ' Gefahr tm Verzüge. Schulz' soll bei einer Trauung Zeuge sein und bedient sich einer Droschke, um rechtzeitig an Ort und Stelle zu 'erscheintn. Der 5wtscher gibt sich natür- ' lich die erdenklichste Mühe, möglichst langsam zu fahren. Beeilen Sie sich doch, Mensch!- ' ruft Schulze endlich. JEkin Sie in diesem Trott weiter fahn, kommen wir gerade zu? Schei im:t!'. ' ,
